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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 28
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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26. Homer

Wenn es in einer allbelebten bunten Welt wie der Homers überhaupt einen schönsten Gesang gäbe, so würde Odysseus bei den Phäaken vielleicht den Preis verdienen; jedenfalls gibt es unter den homerischen Frauen keine, die reizender wäre als Nausikaa. Die volle naive Frische, die aus diesem Mädchen hervorbricht wie aus den Marmorköpfen des sechsten Jahrhunderts, die Homer noch nahestanden, hat alle Interpretation überlebt.

Aus schwerem Schiffbruch, in dem Poseidon ihn töten wollte, wurde Odysseus an eine fremde Küste verschlagen, schwamm schließlich durch die Klippen an den Strand, brach erschöpft zusammen und wurde später durch die Stimmen von Mädchen geweckt, die am Strande Ball spielten.

Die erste und schönste war Nausikaa, die jungfräuliche Königstochter. Bevor sie zum Strande fuhr, war ihr im Traum eine Mahnung gerufen worden, sie sollte ihre schönen Kleider und ihre Wäsche vorbereiten, denn jetzt sei es bald Zeit zu heiraten. Aus diesem alten Mädchentraum erwacht, war sie mit ihren Freundinnen zum Meere gefahren, um dort zu spielen und zu waschen.

Nackt, wie er war, denn Felsen und Sturm hatten ihm alles abgerissen, lugte Odysseus halb aus dem Gebüsch hervor und bat durch Zeichen um Kleider und Nahrung. Nausikaa, von dem interessanten Kopfe fasziniert, half ihm, fing dann an, ihn auszufragen, brachte ihn mit schlauer Vorsicht in den Palast des Vaters, und nun begann ein Liebesspiel zwischen beiden, die etwa Fünfzehn und Fünfundfünfzig gewesen sein mögen; doch wird es nur angedeutet. Nach Tag und Jahr mußte sie ihn wiedergeben, denn nun war das Schicksal erfüllt, und Odysseus kehrte auf seine eigene Insel heim.

Wie alle antike Kunst, ist das Gedicht Homers das, als was es erscheint: die strahlend helle, naive Erzählung von Taten und Leiden menschlicher Gestalten, die von den Göttern geleitet oder gekränkt werden; aber zugleich ist es der tieferen Bedeutung voll. Der Weise, der die Wasserzeichen in den Blättern der Geschichte entdeckt, fühlt sich durch die symbolische Kraft der Dichtung ebenso belohnt wie der junge Mann, der sich und seine Geliebte darin sucht und in anderen Kostümen dieselben Gefühle entdeckt, die ihn so glücklich machen und so düster. Deshalb haben die Deutungen des Homer, die schon mit den Vor-Sokratikern beginnen, einen tiefen Sinn, wenn sie aus den gegebenen Charakteren entwickelt werden.

Aber der graue Zug der Analytiker nähert sich den Frauen Homers, als ob es dekadente Damen wären, und seinen Helden wie Neurasthenikern, denen durch die Deutung ihrer Kindersünden geholfen werden soll. »Die Psychoanalyse hat uns gelehrt«, heißt es einleitend in einem Aufsatz über Nausikaa, »in den Gesetzen der dichterischen Phantasiebildung die nämlichen Kräfte wirksam zu sehen, die in unseren nächtlichen Träumen, in der Neurose und in den Tagesphantasien der Gesunden und Kranken tätig sind, besonders der letztgenannten.«

Wenn Odysseus und Nausikaa als Neurotiker erklärt werden müssen, wie sie die Analytiker behandelt haben, wenn die Anregung zur Deutung einer Dichtung in der Sprechstunde entstand, dann adieu antike Helle, Sonne des Mittelmeeres, Heiterkeit des Olymp! Aufs neue werden wir von den nordischen Professoren in die Nebel und Höhlen von Nivelheim versetzt, in die Dämmerwelt der Wagnerischen Nibelungen. Hier sind die amtlichen Deutungen für Homers unsterbliche Szene:

»Der Schiffbruch des Odysseus ist die Darstellung der Geburt des Odysseus. Die Aussetzung eines Helden stellt überall die Geburt dar, das Wasser das Fruchtwasser, das Kästchen ist immer der Mutterleib. Nausikaa ist die Mutter des Odysseus. Die Verjüngung der Mutter, die Umwandlung in eine Jungfrau, dient zur Verdeckung des Inzestes.« Und Freud fügt hinzu: »Das Retten kann seine Bedeutung variieren, je nachdem es von einer Frau oder von einem Manne phantasiert wird. Es kann ebenso bedeuten: ein Kind machen und zur Geburt bringen (für den Mann), wie: selbst ein Kind gebären (für die Frau). Wenn ein Mann eine Frau aus dem Wasser rettet, so heißt das: er macht sie zur Mutter, was nach den vorstehenden Erörterungen gleichsinnig ist dem Inhalt: er macht sie zu seiner Mutter. Wenn eine Frau ein Kind aus dem Wasser rettet, so bekennt sie sich damit, wie die Königstochter in der Moses-Sage, als seine Mutter, die ihn geboren hat.«

Hier erinnern wir uns der geflügelten Worte Freuds: »Wenn Sie das nicht glauben, bin ich natürlich wehrlos.«

Wer ist also die fünfzehnjährige Jungfrau Nausikaa, die mit ihren Freundinnen Ball spielt? Nichts einfacher! » Eine durch Abspaltung der anmutigen, begehrenswerten und der Liebe des Sohnes zugänglichen Seite der Mutter geschaffene selbständige Gestalt.«

Nach dieser eleganten Definition einer abgespaltenen Schönheit möchte man, neugierig, nun auch wissen, wer Odysseus ist! Wenn schon Nausikaa nicht Nausikaa ist, sondern in Wirklichkeit die Mutter des Odysseus – vielleicht ist er selber gar nicht Odysseus?

Schreckliche Lage für einen berühmten Helden, dessen Taten aus dem Trojanischen Kriege damals die ganze kleine Welt erfüllten – und nun steht er als Schiffbrüchiger an fremdem Strande, um vielleicht als Räuber und Betrüger behandelt zu werden! Das Schlimmste für ihn aber ist, daß Odysseus, ein großer Herr und Don Juan, der eben noch einer Halbgöttin mit seiner glänzenden Rüstung zu imponieren wußte, jetzt vor dem hübschen Mädchen splitternackt dasteht und um ein paar Stücke Leinen bitten muß, bevor er sich aus dem Gebüsch hervorwagt.

Dies etwa waren die Gedanken jedes Lesers, Kommentators, Malers der berühmten Szene – und sie sind vielleicht auch die des Lesers. Aber da haben wir es wieder: wir sind eben Laien! Was wissen wir von der tiefen Symbolik unterbewußter Gefühle! Was können wir ausrichten gegen gut vorgebildete Nervenärzte, die in der Tiefenpsychologie den Doppelsinn der Neurotiker studiert haben und nun auf zwei gesunde Helden des Homer übertragen! Man höre:

Odysseus befriedigt zuerst seinen Nacktheitswunsch; die später einsetzende Verdrängung drückt sich in den an die Mädchen gerichteten Worten aus: »Doch bade ich nicht in eurer Gesellschaft, denn ich schäme mich nackt vor den zierlich gescheitelten Mädchen.« In dem nun folgenden Bade der Nausikaa » wird der Entblößungswunsch teilweise befriedigt … Ist also die Empfindung der Nacktheit und das Gefühl der Scham dem Odysseus zugeschrieben, so verstehen wir die Sensation der Hemmung bei der von seinem Anblick festgebannten Nausikaa als Ergänzung jenes Details zur Brautnachtsphantasie, das sich in ihrem Traum nicht in Form der eigentlich ersehnten Entblößung durchzusetzen vermochte. Sie träumt also nicht direkt vom Nacktheitswunsch, der ihr erst mit der Erscheinung des Odysseus bewußt wird, sondern infolge der intensiven Verdrängung zur Scham von seinem Gegensatz, von einer Menge prächtiger und kostbarer Kleider, die zur möglichst weitgehenden Verhüllung der Nacktheit dienen.«

Wir haben also bisher das Fruchtwasser, den Mutterleib, den Entblößungswunsch sowohl des alten Herrn wie des jungen Mädchens. Ist das sexuelle Arsenal schon erschöpft, fragt sich der Analytiker? Gibt es da nicht doch noch irgendeine kleine Unanständigkeit, die wir als Symbol verwissenschaftlichen können? Halt! Fast hätte er das Beste vergessen! Nausikaa wirft doch bei Homer den Ball, verfehlt aber die Spielgefährten, so daß sie alle lachen – und davon erwacht Odysseus. Wir halten das für eine realistische Szene, die wir alle einmal erlebt haben, wenn wir beim Spiele kreischten. Wir halten den Ball – ja, wir halten ihn für einen Ball? Hier die Deutung der Tiefenpsychologie:

»Der Fehlwurf des Balles geht auf eine Astral-Legende zurück. Der Hinabsturz des Balles wird dem Untergang der Himmelslichter verglichen.« Aber » wir werden uns mit der Erklärung, daß der Ball bloß die Sonne darstellt, nicht beruhigen, sondern eine tiefer schürfende psychologische Betrachtung einräumen müssen, daß der Sonnenball hier ein Symbol des männlichen Phallus (unter Umständen auch des weiblichen Genitales) ist. Die sexuelle Beziehung des Balles erhellt aus nachfolgendem Beispiel: In gewissen Gegenden Norddeutschlands ziehen die Burschen zwei Sonntage vor Ostern vor die Häuser der Mädchen und spielen dort Ball. Dann folgen Märchen und Gedichte. »Die Gleichung lautet: Auge gleich Sonne gleich Genitalien … Das dem Ballspiel folgende Auftauchen des Odysseus, das wir oben als Geburt gedeutet haben, läßt ohnehin im Sturz des Balles neben der oberflächlichen Astral-Bedeutung ein Symbol des sexuellen Aktes vermuten.«

Wir werden uns aber nicht damit beruhigen, daß ein Ballspiel für Laien erst den Ball und dann die Sonne bedeutet, für Tiefenpsychologen aber »unter Umständen« auch die weiblichen Genitalien, mit denen das hübsche Mädchen dauernd beschäftigt ist. Wir werden in der Entdeckung der Seele einen entscheidenden Schritt über Homer hinaus machen, mit einer genialen Deutung. Das geht nämlich so:

Beim Diskuswerfen im Schlosse von Nausikaas Vater schlägt Odysseus den jungen Phäaken, so daß alle erschrecken und glauben, ein Gott stecke in ihm. Sein Gegner ist der schöne Jüngling Euryalos, der ihn gern vor den Augen des Mädchens besiegt hätte. Ist er vielleicht durch irgendein Symbol perverser Art zu vertiefen? Keineswegs, etwas viel Einfacheres, Natürlicheres, ja das gradezu Selbstverständliche wird gedeutet: er wird zum Sohne des Odysseus ernannt.

Zwar wissen alle Hörer und Leser des Homer, daß Telemach, Odysseus' Sohn, die entscheidende Rolle vor und nach der Rückkehr spielen, den dramatischen Knoten schürzen wird, denn er ist der zweite Held der Dichtung. Wo aber bliebe bei so banaler Erklärung der Ödipus? Dekret: »Der Kampf zwischen Vater und Sohn im Agon, zwischen Odysseus und Euryalos, hat bereits ein fortgeschrittenes Stadium der Verdrängung erreicht.«

Indes, auch das ist noch nicht genug. So einen berühmten Patienten wie den Homer hat man nicht alle Tage: der Mann muß noch andere Seelenleiden haben. Der Ödipus ist hier um so angebrachter, als ja der echte Ödipus, die Erstausgabe, ungefähr zur Zeit des Homer gelebt, also damals noch als lebendiges Beispiel herumgegeistert haben muß; ja man kann von Homer als von dem einzigen »conödipalen« Dichter reden. Hier ist der zweite Fall: so wie der gegen Odysseus kämpfende Jüngling eigentlich sein Sohn ist, so ist Nausikaa eigentlich seine Mutter. Es ist also eine Art Ödipus-Epidemie in der Familie des Odysseus ausgebrochen.

Warum hat aber Odysseus seine alte Mutter abgesetzt und dafür das kleine Mädchen genommen? Hier ist die Deutung: »Weil der Sohn den Kontrast zwischen seiner zunehmenden Geschlechtstüchtigkeit und den abnehmenden Reizen und Geschlechtsfähigkeiten der Mutter peinlich empfindet und diese Disharmonie in der Phantasie einerseits durch Annäherung seiner Reife an die des Vaters, andrerseits aber lieber durch Verjüngung der Mutter, durch Festhalten an den Reizen, mit denen sie seinerzeit dem Kinde geschmückt erschien, auszugleichen sucht.«

Diese erstaunliche Entdeckung haben wir dem Doktor Rank, einem hervorragenden Schüler Freuds, zu verdanken.

Homer gibt noch ein anderes Beispiel dafür. Man erinnert sich der berühmten Szene, in der Hephästus seine Frau, die Aphrodite, im Bette mit ihrem Liebhaber Ares überrascht, sie mit kunstvollen Netzen fängt und dann die Götter herbeiruft, damit sich die stark genierten Liebenden in ihrer pikanten Stellung zeigen müssen. Da brechen die Götter in ein homerisches Gelächter aus, und erst als Poseidon dem gehörnten Gatten Vergeltung versprochen hat, läßt dieser die Liebenden frei. Eine der großen Szenen der Weltliteratur, hundertfach nachgedichtet und gemalt. Muß es durchaus gedeutet werden, so könnte man sagen, der Künstler wird von seiner schönen Frau noch heut wie damals betrogen, aber er vermag ihre Amouren festzuhalten und der lachenden Mitwelt zu zeigen. So ist es den Künstlern bis zu Voltaire gegangen und weiter.

Aber »so leicht sollen wir es nicht haben«! Hinab in die Tiefe mit deiner Taucherglocke und lote die unerschlossenen Grotten des Abgrundes aus! Da haben durch die Jahrtausende, von Aristophanes bis zu Offenbach, Menschen und Götter über das im Bett erwischte Liebespaar gelacht. Der Analytiker in seiner präödipalen Entrüstung ist der erste, zu erklären, »daß die Heiterkeit der Götter uns befremdet«, das heißt, ihn. Denn was bedeutet die ganze Szene?

»Die peinliche Empfindung des Gehemmtseins, die die offenbar in ihrer Nacktheit zur Schau gestellten Liebenden befällt … indem sie in der Vereinigung des Ares mit der Aphrodite den entstellten Ausdruck des Inzestes zwischen Sohn und Mutter erblicken.« Warum? Weil das Natürliche, das Begehren reifer Menschen und Götter, der Trieb, die Neigung, die Liebe: alles, was Dichter und Hörer erfüllt, doch viel zu einfach wäre. Nur aus Verdrängung wird in der Freudschen Welt geliebt. Wie? Waren nicht Ares und Aphrodite Sinnbilder des Kriegers und der in seine Kraft verliebten Schönen? Nur bewußt! Unbewußt werden sie Mutter und Sohn: so gebietet es die Genealogie der Freudschen Unterwelt; ja er diagnostiziert: Für den » inzestiösen Charakter der Szene spricht der Betrug des hinkenden Hephästus: Hinken als symbolischer Ersatz für Schwächung und Kastration.«

Nun ist aber Hephästus weder geschwächt noch kastriert worden: er hinkt, weil ihn sein Vater Zeus im Zorne am Fuß gepackt und aus dem Himmel geschleudert hat. Wenn dieser Gott des Feuers heut in die Sprechstunde käme, würde der Doktor ihm Mannesschwäche und Furcht vor Kastration so lange suggerieren, bis er sie hätte.

Ganz so gehen diese Herren mit ihren sterblichen Patienten um.

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