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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 25
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23. Lionardo da Vinci

Dürfte ich mir zwei Gestalten aussuchen, die ich vor der Analyse retten sollte, ich würde Lionardo und Goethe wählen. Das kunstfeindliche Wesen der Analyse kann mit mancherlei Gestalten spielen, ohne sie ernstlich zu verletzen. Diese beiden großen Raubvögel aber entfliegen ihr und können nur in einer Art posthumer Narkose schlafend überrascht und betrachtet werden. Die Bilder, die der Analytiker von dem Schlummernden aufnimmt und dann vorzeigt, vermögen jedoch, eben weil sie Zerrbilder sind, für eine Weile vor die Originale zu treten. Wer sich ein Leben lang mit diesen beiden Geistern beschäftigt hat, ist in Gefahr, den Humor zu verlieren, wenn er sie plötzlich durch die sexomane Brille betrachtet sieht.

Mit der Kälte seines Herzens und mit der Unkenntnis der Dokumente, die Freuds historische Analysen auszeichnen, ist er zur Betrachtung Lionardos geschritten und hat unter allen seinen Phantasien die häßlichste um die Gestalt gesponnen, die der schönsten wert gewesen wäre. Der Meister, an dem alles erotisch ist und nichts sexuell, ist von einem Doktor analysiert worden, an dem alles sexuell ist und nichts erotisch.

Mit Leichtsinn geht er an sein Objekt heran, indem er nicht etwa ein gründliches Leben Lionardos zugrunde legt, sondern als einzige Quelle einen historischen Roman nennt, das Buch von Mereschkowsky: etwa wie wenn ich gegen Freud Auszüge aus einem Boulevard-Blatte zitierte, statt ihn selbst aus seinen Schriften zu zitieren. So bleibt ihm der eine Teil der echten Quellen unbekannt, der andere unzugänglich, weil er weder die Zeit noch das Land noch die Bilder genügend studiert hat und sich nicht einmal von einem Kenner einen altitalienischen Satz aus Lionardo übersetzen ließ. Diese Mängel ersetzt er durch freie sexuelle Phantasien, die der Kadenz in einem Klavierkonzert gleichen und von jedem anderen Pianisten durch eine andere ersetzt werden können.

Während wir Laien in der Betrachtung Lionardos von den Bildern ausgingen, dann die Codices studierten, nach der Lombardei, nach Vinci, nach dem Schloß Amboise an der Loire fuhren, um »seines Geistes einen Hauch zu verspüren«, lernte Freud den Meister durch einen Traum kennen, der sich sexuell auslegen ließ; dann durch die illegitime Abstammung Lionardos, die zu einer sexuellen Träumerei einlud. Die Bilder kommen in der Analyse kaum vor. Aus der Erzählung eines Traumes, die bei Lionardo vier Zeilen einnimmt, und aus jener Abstammung, von der wir keine Einzelheiten wissen, hat Freud ein ganzes Buch gemacht, um der Welt zu beweisen, daß das Geheimnis von Lionardos Leben und daß das Lächeln seiner Gestalten auf sexuelle Verletzung des Kindes durch seine Mutter zurückgeht.

Wie, wenn es wahr wäre? Wie, wenn wir statt Phantasien Beweise bekämen? Wäre dann Lionardos Werk klarer, die Forschung reicher, wäre die innere Wahrheit erforscht? Es wäre, wie wenn wir einen Brief vom Schöpfer der Venus von Milo auffänden, in dem er erklärte, er habe diesen vollkommenen Busen aus der Erinnerung an seine säugende Mutter gemeißelt.

Aber das Ganze ist nichts als eine impotente Erfindung.

Es war um 1450, daß ein junger Student aus Florenz eine offenbar noch jüngere Bauerntochter in Vinci zu besuchen pflegte, das in einem romantischen Tale nicht weit von der Stadt liegt. Den Knaben, den er mit Caterina erzeugte, nannten sie Lionardo. Als aber alles vorüber war und der wohlplacierte Advokat eine Bürgerin heiratete, nahm er seinen natürlichen Sohn der Mutter fort, gab ihm seinen Namen und erzog ihn mit seinen ehelichen Kindern. Wir wissen noch, daß die echte Mutter im Alter ihren Sohn besuchte, als er Vierzig war und sehr berühmt; offenbar war er der Stern ihres Lebens geworden. Dann wissen wir noch, daß Lionardo mit Vater und Stiefmutter bis zu deren Tode freundschaftlich verbunden blieb. Hier enden die familiären Dokumente.

Daraus kann man einen Roman aufbauen oder doch den Anfang eines Romans, der die Phantasie der Leser für die Betrachtung von Lionardos Bildern vorbereitet. Freuds Ehrgeiz ist weit höher: ein neuer Moses, vermag er an den kalten Felsen zu schlagen, und plötzlich entspringt ihm eine Quelle. Dort, wo nichts ist, erzeugt der Geist des Magiers eine »Zwangsneurose«.

Freud besitzt nicht mehr, sondern viel weniger Quellen als andere Forscher. Er erklärt von dem Romancier, dieser sei »der einzige, der uns sagen kann, wer diese Caterina war«; dann fügt er souverän hinzu: »Die Quellen sind mir gegenwärtig nicht bekannt.« Wenn er so mit einem berühmten Patienten umgeht, wie mag er es erst mit den Lebenden machen! Wenn also aus Lionardos Kindheit nichts vorliegt, so muß es geschaffen werden; etwa so, wie es bei der Konstruktion eines imaginären Vaters für Napoleon hieß: »Es muß da jemand Französisches gegeben haben.«

Freud verordnet: die arme Caterina blieb allein mit dem Kinde, während sie ebensogut noch Jahre mit dessen Vater verkehrt haben kann. Dekret: Die Mutter » entbehrte einen Mann und kompensierte sich mit dem Kinde, es leidenschaftlich liebkosend. Sie beraubte ihn eines Teiles seiner männlichen Kraft, indem sie sein erotisches Leben zu früh zur Entwicklung brachte … Der Wunschtraum des Knaben, der in seine Mutter verliebt war, ist (in seinen Bildern) im Doppelgeschlechte dargestellt.«

Die Quelle für diese Phantasie findet Freud in Lionardos Traum, der in einem Tagebuche steht und lautet: »Es scheint vorbestimmt, daß ich mich besonders mit dem Fluge der Geier beschäftigen sollte. Denn jetzt kommt mir eine sehr frühe Erinnerung zurück: daß, als ich noch in der Wiege lag, ein Geier zu mir kam, der meinen Mund mit seinem Schwanz öffnete und mehrere Male mit seinem Schwanz gegen meine Lippen schlug.«

Freuds Deutung: Dies ist eine Fellatio, ein sexueller Akt. »Sonderbarerweise hat diese Phantasie einen passiven Charakter. Sie erinnert an gewisse Phantasien von Frauen und passiven Homosexuellen.« Im übrigen war der Traum ein späterer Traum, genährt durch Kenntnisse, die er bei Studien der Vögel empfing. Später hat er ihn in seine Kindheit zurückversetzt. Während Lionardo »in einem Kirchenvater über Naturwissenschaften las, daß alle Geier weiblich sind« und daß sie sich ohne Befruchtung durch Männchen, nur vom Winde im Fluge befruchtet, fortpflanzen, ist die Erinnerung in ihm vorgebrochen und hat sich in diese Phantasie verwandelt, »indem er sich sagte, daß auch er einer solchen Jungfrau Kind sei, da er keinen Vater hatte. Nur dadurch konnte er sich mit einem Geierkinde vergleichen.«

»Wir können also Lionardos Phantasie folgenderweise übersetzen: Zu der Zeit, als ich meine zärtliche Neugier auf die Mutter richtete, glaubte ich noch, daß sie ein Glied für sich selber hätte. Dies ist ein weiterer Beweis für Lionardos frühzeitigen sexuellen Wissensdurst, der nach unserer Auffassung für sein ganzes Leben bestimmend war … Die vereinsamte Mutter hat ihn in zärtlicher Verführung erhalten … Nachdem sie ihn zu sexueller Frühreife wachgeküßt, muß er sicher in einen Zustand von kindlicher sexueller Betätigung getreten sein … Als Folge davon wurde der größte Teil seiner sexuellen Bedürfnisse in einem allgemeinen Wissensdurst sublimiert und konnte so die Unterdrückung vermeiden.«

Gegen diese Kette von Erfindungen durch den Naturforscher Freud wirkt der maßvolle Roman des russischen Dichters wie ein historisches Dokument. Weil der nie gesättigte Durst eines düsteren Mannes nach Perversitäten zufällig einen Traum fand, in dem ein Geier seinen Schwanz bewegt, muß die ganze Hölle dieser nächtlichen Welt auf einen der reichsten Künstler losgelassen werden. Ein rätselvoll erotischer Maler, » muß er sicher« die Taufe seiner Sinne als Kind im Bette seiner Mutter empfangen haben, die eine junge Bauernmagd war. Der Geier, der im Traum auf die Lippen des Kindes schlägt, mußte sicher einen Geschlechtsakt im Munde des Kindes vollführt haben. Der Träumer, der den Vogeltraum mit nichts zusammenbringt als mit seinen Flugprojekten, mußte sicher sich als Geierkind gefühlt haben, weil er ein natürlicher Sohn war und sich deshalb als Jungfraukind fühlte, obwohl er in seines Vaters Hause als legitimer Sohn aufwuchs. Aus den Tollheiten des Professors Freud wird ein Lionardo wiedergeboren, dessen sexueller Wissensdurst schon das Kind plagte und dessen Ödipus-Komplex natürlich in Haß gegen Mutter und Vater endete. Hier sind auch gleich die Beweise:

Nach der bekannten Plus-Minus-Theorie der Analyse wird das Fehlen einer Reaktion grade als Beweis dort eingesetzt, wo die Erscheinung ausbleibt. Denn da Lionardo, verführt von seiner Mutter, »seinen kindlichen Wissensdurst auf sexuelle Dinge gerichtet hatte, war er imstande, den größten Teil seiner Libido in den Impuls des Forschungswillens zu kristallisieren«. Dies war aber nur möglich bei voller Kälte gegen die einst geliebte Mutter.

Als sie nämlich, als ältere Frau, während ihres Besuches bei dem Sohn im Hospitale starb, hat er sie zwar feierlich begraben, aber ins Tagebuch nichts geschrieben als 108 Florins für die Kosten: Die Exaktheit beweist, daß er kein Gefühl hatte, »ein normaler Mensch hätte das nicht machen können … Nur wenn wir eine Zwangsneurose annehmen, können wir Lionardos Abrechnung über die Beerdigungskosten für seine Mutter verstehen.«

Wenn Freud irgend etwas an Lionardo studiert hätte, bevor er wagte, ihm diese Scheußlichkeiten einzugeben, so wäre ihm die Kälte jener Tagebücher (Codices) in allen intimen Lebenslagen, zum Beispiel in den Berichten von Lionardos Liebschaften mit seinen Schülern geläufig.

Wenn Freud Lionardo in den Dokumenten studiert hätte, statt einen Roman über Lionardo zu lesen, so würde er auch verstehen, daß er den Tod seines Vaters ebenso stoisch notiert. Aber da ist etwas Unersetzbares passiert, und Freud hat es schonungslos aufgedeckt: »Heute um sieben Uhr starb mein Vater«, aber durch ein Versehen wiederholt Lionardo die Worte »um sieben Uhr«. Was bedeutet diese Zerstreutheit? Daß Lionardo sich eigentlich freute, daß der Vater gestorben sei, sonst hätte er es nicht zweimal betont!

Freud stellt alles auf den Kopf, denn, » wer als Kind seine Mutter begehrt, kann nicht umhin, sich an die Stelle seines Vaters zu setzen, sich mit ihm zu identifizieren und sich später zur Lebensaufgabe zu machen, über ihn zu triumphieren«. Deshalb, schließt Freud, lebte Lionardo so elegant, mit schöngekleideten Dienern und Lieblingen, um es dem Vater zu zeigen. Genau so war sein Verhältnis zu seinen Bildern: weil der Vater sich nicht um Lionardo in der Jugend kümmerte, verließ der Sohn seine Kinder, das heißt seine Bilder.

Und so hätten wir, nach der Lehre vom Versprechen und Vergessen aus »zweimal sieben Uhr« die ganze Psychologie Lionardos abgeleitet. Zwar ist keinerlei Streit Lionardos mit seinem Vater, kein Wort und keine Zeile der Verachtung bekannt, kein Hauch einer Verliebtheit in die Mutter, kein Wunsch, den Vater auszustechen. All dies ist, wenn schon erfunden, dann verkehrt erfunden. Lionardos großweltliches Auftreten hatte Gründe in seiner Knabenliebe, in seiner Schönheitsliebe, in dem Wunsche, den großen Herren zu imponieren, von deren Aufträgen er als ein Ingenieur lebte. Daß er seine Bilder verließ, ist tief begründet in seiner Philosophie, die ein beständiges Versuchen, ein Sich-Erproben darstellt, nicht aber den Wunsch, eine Reihe von Meisterwerken zu hinterlassen, wie Tizian oder Beethoven.

Von alledem hat Freud nie gehört, weil er stumpf vor Lionardos Werk steht, das die Geheimnisse immer nur halb enthüllt. Dafür aber hat er »zweimal sieben Uhr« entdeckt und von dort Haß und Kälte in das Leben des Meisters rückwärts und vorwärts strömen lassen. Da ist alles Bitterkeit gegen die ihm versagte Mutter, ganz wie bei Napoleon. Der Dramatiker Freud läßt seinen negativen Helden es selbst aussprechen: » Also hat Lionardo sagen wollen: Durch die erotische Beziehung zu meiner Mutter wurde ich ein Homosexueller!« Ein vernichtender Vorwurf, doppelt komisch, weil es klingt, als fühlte Lionardo sich dadurch entehrt oder geschädigt, während er sich ein Leben lang mit seinen Lieblingen amüsiert hat.

An anderer Stelle läßt Freud, der Dichter wider Willen, seinen Helden zwar nicht rezitieren, er übersetzt ihn nur falsch. Lionardo in seinem Tagebuch: »Nessuna cosa si puo amare ne odiare se prima non si a cognizion di quella«, was Freud übersetzt: »Niemand hat ein Recht zu lieben oder zu hassen«, womit der Sinn zerstört wird.

Freud fabuliert: »Lionardo wurde von den psychischen Studien des Menschen abgehalten und nur auf die äußere Welt getrieben.« Und da haben wir nun vierhundert Jahre lang geglaubt, das Dutzend erhaltener Bilder stellte nichts anderes dar als psychische Studien, und zwar die zartesten, die je ein Pinsel malte! Oder Freud erklärt, weil er es für seine Theorie braucht, Lionardos Leben als einen »Mißerfolg«, während es in Wahrheit einen der größten Erfolge der Renaissance darstellt. Oder er erklärt Lionardos Liebe zum Geld aus seiner Homosexualität, während Lionardo eben deshalb ein Verschwender war und als armer Gast eines Königs starb. Oder er erklärt seine Linkshändigkeit aus einer Mischung männlicher und weiblicher Anlagen, was, wenn wir es in Amerika verallgemeinerten, mehrere Millionen in diesem Lande homosexuell machen würde.

Was Freud aber am meisten freut, das ist seine Deutung der »Heiligen Anna Selbdritt«, des schönsten aller Bilder Lionardos.

Dort sitzt, wie man sich erinnert, Maria auf dem Schoße der Anna und das Jesuskind auf dem Schoße der Maria. Diese Konzeption ist nicht neu, man hatte schon vor Lionardo solch einen Aufbau gemalt, wenn auch viel gröber. Auch kennt jeder, der ihn studiert hat, die von ihm wiederholte Konstruktion der Pyramide, zum Beispiel in der »Auferstehung«; man spricht sogar deshalb von einem Lionardesken Dreieck. Freud, der von alledem nichts weiß, gibt eine neue Interpretation:

Das Bild stellt so etwas wie eine Frau mit zwei Köpfen dar, da ja die mittleren Körper beider Frauen in ihren dunklen Gewändern verschwimmen: »Dieses Bild enthält die Synthese der Kindheitsgeschichte von Lionardo. Alle Details sind die intimsten Ausdrücke seines Lebens.« Denn die Erklärung des Bildes liegt in den beiden Müttern, die der Maler verbindet: seine zweite Mutter stellt er als heilige Anna dar, etwas weiter weg von dem Kinde. Daß sie aber dabei selig lächelt, wird dadurch erklärt, daß sie »ihren Neid auf die andere Mutter unterdrückt, die ihr den Liebhaber und dann den Sohn genommen hat«.

Freud schließt: »Es scheint, daß nur ein Mensch mit Lionardos Kindheitserinnerungen die Mona Lisa und die heilige Anna malen konnte, und nur ein solcher Mann konnte seine Werke ihrem Schicksal überlassen und einen so großen Ruhm als Naturforscher erreichen. So mußten wir feststellen, daß der Zufall seiner illegitimen Geburt und die Verwöhnung durch die Mutter den entschiedensten Einfluß auf die Formung seines Charakters hatten.«

Mußten wir? Warum? Warum drängte sich der Nervenarzt in das Seelenleben Lionardos ein, ließ die geschriebenen Quellen beiseite, las einen Roman, erfand einen zweiten und niemand erhebt sich, ein Palladium der Menschheit vor solchem Schmutze zu schützen.

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