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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 21
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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19. Warum Amerika?

In New York lebte in den zwanziger Jahren ein Textilkönig, der so reich war, daß er vor Nervenleiden weder aus noch ein wußte. Er berief hintereinander die berühmtesten Psychoanalytiker aus Europa, dazu Schreibsachverständige, Hygieniker und Astrologen, aber keiner konnte ihn heilen. Plötzlich brach ein Krach auf dem Textilmarkt aus, und das Riesenvermögen des Mannes war in Gefahr. Von heut auf morgen stürzte er sich in den Kampf um seine erschütterte Existenz. Über Nacht war er von seinen Nervenleiden vollkommen genesen.

So geht es Europa. Die Psychoanalyse, in die sich die enttäuschten Europäer mit Einkommen von tausend Pfund aufwärts nach dem ersten Weltkriege stürzten, wird nach dem zweiten plötzlich zu Ende gehen. Der Krieg, der so viele Menschen in Wahnsinn und Selbstmord getrieben hat, wird viele tausend Überlebende geheilt haben, die sich zuvor als »malades imaginaires« zu den Analytikern begaben, dort zuweilen Trost und Hilfe, mindestens aber eine interessante Krankheit fanden.

Denn daß die Analyse nur für bürgerliche Kreise mit gutem Einkommen taugt, zeigen schon die Milieus an, in denen fast sämtliche Berichte spielen. In den Quartieren der Arbeiter wird man den Chirurgen wohnen finden, den Augenarzt, den Geburtshelfer; die Herren Analytiker leben in den eleganten Vierteln, wo man sich solche Krankheiten leisten kann. Freud hat ausdrücklich seine Wissenschaft auf wohlhabende Leute beschränkt, denn er rät, alle Kranken abzuweisen, die nicht einen gewissen Bildungsgrad hätten, auch alle Mittellosen, »weil ihre schwere Lage sie nicht lockt, gesund zu werden und zu sublimieren«.

Daß jeder Schüler Freuds einen Fall umsonst behandeln mußte, – welch eine Selbstkritik! Reiche Damen, denen das äußere Glück lächelte, hören von ihren Freundinnen, wie aufregend der Schwarzmagier sei, auf dessen Sofa man den Fragen eines unsichtbaren Arztes intim erwidern darf, wie die ehelichen Szenen verlaufen. Ja, es ist hygienische Pflicht geworden, über so pikante Dinge mit tödlichem Ernst zu sprechen, während der dafür bezahlte Arzt seine gepflegte Hand auf die Stirne der Märtyrerin legt. In einem Bericht ist von einer von Platzangst geheilten Frau die Rede, die durchaus aus der Ferne wiederkommen wollte, obwohl es ihr der Arzt widerriet. Sie kam dennoch, »um wieder krank zu werden und über mich zu triumphieren«.

In den Vereinigten Staaten sind allein so viele Analytiker tätig wie in ganz Europa, wo sie ihre Studien gemacht haben. Warum in Amerika?

Ich sehe sechs Gründe:

Die Franzosen haben die Analyse skeptisch aufgenommen, weil sie am meisten von der Liebe verstehen; die Amerikaner fühlten sich davon angezogen.

Viele Männer dieses Landes, die nach Aktivität und Erfolg streben, auf Kosten von Harmonie und Schönheit, erfuhren durch die Analysen zum erstenmal, was es alles gibt in der Liebe, und nahmen wie eine frohe Botschaft das auf, was uns alten Europäern als Tradition zugefallen war.

Der zweite Grund liegt darin, daß man dort eine zweifache Moral besitzt, eine für drei Dollars und eine für zehn Cents. Zwischen zwei Buchdeckeln darf der Autor alles sagen; läßt er aber denselben Roman als Serie in einem »anständigen« Magazin abdrucken, so werden alle sexuellen Stellen gestrichen. Dasselbe Land, das als Reklamebilder jedem Auge, auch dem des Kindes, nackte Frauen in aufreizenden Stellungen vorführt, verbietet jeden Film, in dem Liebesleute ohne Ehering mehr tun, als sich zu küssen.

Was für ein Ereignis, als in dieses Land eine Wissenschaft kam, die alles schreiben durfte, so daß der Amerikaner plötzlich alles lesen durfte! Lesen? Weit mehr! Während man früher nicht einmal unter New Yorker Psychiatern frei über Sexualia der Patienten zu sprechen pflegte, erlaubt seit Freud das wissenschaftliche Etikett jeder Frau, mit jedem Manne sexuelle Einzelheiten zu besprechen, während dieses Gespräches mit steinernen Gesichtern einander aufzuregen und sich dadurch überdies noch als gelehrt und fortschrittlich zu erweisen.

Den dritten Grund für den Triumph der Analyse in Amerika sehe ich im verspäteten Import der Psychologie. Die populäre Literatur zeigte in diesem Lande bis zum ersten Kriege, daß die Problematik der Seele, die die Kunst Europas beherrschte, hier wenig bekannt, daß man vielmehr auf ihre Vereinfachung stolz war. Hier, wo Vertrauen zunächst gegeben und die europäische Skepsis verpönt war, lehnte man lange Zeit alle Finessen ab. Plötzlich wurde Psychologie, die in unserer Jugend eine seltene Kostbarkeit bedeutete, in Massenproduktion eingeführt. Das, was eine Kunst und Wissenschaft in Europa war, wurde hier ein Erwerbszweig; ein Mädchen nennt sich hier schon »Psychologe«, wenn sie ein paar Zahlenreihen nach einem Schema zusammenstellt. So kam die Psychologie – auf dem Wege der »klinischen« – in weite Kreise von Amerika zuerst in der so leicht faßlichen und zugleich pikanten Variante der Psychoanalyse.

Der vierte Grund liegt in der Leidenschaft der Amerikaner, alles Mysteriöse zu enthüllen, jedes Geheimnis in Statistik zu verwandeln, das Unwägbare abzuwiegen, die Schönheit eines Nasenflügels oder eines Busens nach Viertel-Inches zu messen, bis zuletzt alle Dinge der Welt in »Polls, Percentages, Condensations« aufgeklärt und definierbar geworden sind. Dieser nationale Wille zur Jupiterlampe, der die Amerikaner mit den Sowjets verbindet und in gewissen Feldern des Lebens Vorteile bietet, triumphiert über die Dämmerung des alten Europa, sobald er in die verschwiegensten Provinzen des inneren Lebens sein Scheinwerferlicht wirft. Hier, wo man glaubt, jede Kunst sei erlernbar, sah man nun auch die zweite mystische Größe, die Liebe, demaskiert. Das Land ohne Geheimnis war glücklich, einen der letzten romantischen Reste loszuwerden.

Während ein Teil der Amerikaner, besonders der Frauen, sich von ihren Analytikern für schweres Geld Finessen der Liebe verraten ließ, die sie ausprobieren sollten, erklärte ein anderer Teil, besonders der Männer, das alles wäre Schwindel, und die ererbte Technik führe zu den gewünschten Genüssen und Kindern. Plötzlich sprachen alle vom Sexus. Das sexuelle Problem, das in keinem andern Lande so gehütet war, lag plötzlich auf dem Schreibtische dicht neben dem Telephon und dem Scheckbuch.

Den fünften Grund sehe ich in der amerikanischen Leidenschaft für die Gesundheit: hier ist der Rückschlag. Ein Volk, das sich durch alle Stände und Klassen ständig damit beschäftigt, wie es am schnellsten gesund werden, durch irgendein Mittel gesund bleiben könne, das bei Tisch nach Kalorien fragt und nicht nach dem Geschmack, war glücklich, in der Analyse einmal vom Recht zu einem Leiden zu hören.

Ein solches Spiel der Décadence pflegen die Völker grade dann zu beginnen, wenn sie sich so stark fühlen wie die Amerikaner von heute. Ähnlich ging es im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts, dem das Amerika des zwanzigsten in manchem vergleichbar ist. Die Amerikaner sind heute noch so frei von Giften, wie es die Römer nach dem Falle Griechenlands waren. Die Psychoanalyse ist das erste dieser importierten Gifte.

Der letzte Grund liegt in der Folge der Analyse, jeden Fehlschlag zu entschuldigen. Das Volk, das einen Mann ohne Erfolg nötigt, sich zu verstecken, haschte mit Begierde nach einer wissenschaftlichen Rechtfertigung des Mißerfolges. Der »Minderwertigkeitskomplex« – nicht von Freud geschaffen, aber ein Hauptmotiv der Analyse – wurde durch ganz Amerika berühmt wie ein Held aus dem Witzblatt und viel populärer als in Europa. Seinen ersten Erfolg hatte dieser Komplex vor zwanzig Jahren durch Charlie Chaplin in Amerika errungen, der bald auch in Europa triumphierte; jetzt wurde dieser geniale Künstlereinfall mit dem Ballast einer trockenen Wissenschaft in legitimen Ehren aus Europa zurückgebracht. Was auch mißlang, es war notwendig, der Träger des Komplexes war unschuldig, ja er war eine Art passiver Held geworden. Die fremden Worte trugen vollends dazu bei, den Erfolglosen interessant zu machen.

Einige Autoren haben die Gefahr erkannt.

Wilson Dodd stellt zwei Amerikaner dar, die man analysieren könnte, so wie sie eine Frau der andern schildern würde: Der junge Bill ist überspannt und gehetzt wie seine Mutter, weil sie ihn vor der Geburt nicht gewollt hat, denn sie liebte ihren Mann nicht. Da sie den Jungen unterdrückt, macht er alles hintenherum, ist nicht krank, aber leidend. Ferner ist da eine Frau, die sich unterdrückt fühlt, ein Mann sein möchte, tagelang Krämpfe hat. » In jeder amerikanischen Familie gibt es diese beiden Typen«, schreibt Dodd und zitiert psychiatrische Freunde, »daß wir besonders befähigt sind, eine große Ernte Neurastheniker jährlich hervorzubringen«. Der amerikanische Autor nennt das »eine nationale Schwäche von Riesenausmaßen«.

Die Gefahr wächst in den Händen der Analytiker. Denn von der einen Seite wird durch sie jede Schwäche entschuldigt, alle Lebensfülle untergraben. Von der anderen Seite wird jeder, der nicht mitrennt und nicht alle Spielregeln des rationalen Seelenlebens erfüllt, ernsthaft für »neurotisch«, also krank erklärt und so erst recht angetrieben, mitzurennen.

Gesund empfindende Menschen werden aufgeregt und neugierig gemacht. Die Mutter geht wegen ihres Klimakteriums zum Analytiker, und da ihr die pikanten Fragen des Doktors so gut gefallen, schickt sie ihre sechzehnjährige Tochter zu ihm. Was für Gespräche! Warum wird das Kind unterrichtet? Damit sie in den »Schmerzen ihrer Entwicklungsjahre gestützt« werde, anstatt daß man sie diesem natürlichen Prozeß ebenso überläßt, wie es ihre Mütter taten, die daran nicht erkrankten, sondern reiften. Überall wird der Wille zur eignen Entscheidung geschwächt, die Verantwortung gebrochen, die Natur erst gehemmt und dann zerlegt, und all dies mit Hilfe eines fremden, bezahlten Arztes, der, nach Freuds Vorschlag, in Zukunft sogar amtlich eingreifen und gesunde Kinder mit der Analyse »impfen« soll.

Die Gefahr wächst durch die sexuelle Übertreibung. Zugleich muß das Gefühl der Inferiorität dadurch beständig zunehmen, daß sie beständig in allen Blättern und Vorträgen verhandelt wird. Wenn die Worte die Krankheit nicht gradezu erzeugen, so verbreiten sie sie gewiß.

Als im Mittelalter fanatische Mönche durch Europa zogen und den Menschen ihre Sündhaftigkeit in die Ohren schrieen, fielen sie auf die Knie und zerrauften Haare und Kleider. »Übertreibung liegt im Wesen der Dinge«, sagte Emerson. Die Menge ist geneigt, sich schrecken zu lassen, und fühlt sich für Augenblicke erhöht, sinkt dann in jahrelange Schwermut zurück oder verzweifelt. Ein Arzt, der allen Gesunden zuruft, sie seien neurotisch, schafft eine neue Atmosphäre für Nervenleidende; wenn er einzelne heilt, so stürzt er Tausende in Zweifel und Millionen in Selbstanalysen, die sie des unbefangenen Glückes berauben.

Es ist eine Fälschung, den Menschen zu sagen, sie hätten alle einmal Inzesttriebe für die Mutter, Mordwünsche gegen den Vater gehegt. Wir erheben uns gegen diese Fälschung eines Sexomanen. Die Wahrheit ist, daß tausend Menschen ihre Eltern lieben, daß tausend Kinder von Kastration und Penisneid nichts wissen, trotzdem keine Verdrängungen erleiden und nie neurotisch werden, daß aber einer später pervers oder verwirrt erscheint. Die Wahrheit ist, daß die Analytiker den einen sehen und die tausend Gesunden nicht. Dies stellen wir Freidenker fest, obwohl Priester oder Moralisten dasselbe aufgeregt predigen, weil sie den Bau von Staat und Kirche nicht erschüttern wollen. Wir stellen es fest als natürliche Erfahrung, nicht als moralische Forderung.

Durch seine Übertreibung und Verallgemeinerung hat ein einzelner Unglücklicher, der seinen Nihilismus an der Welt »kompensieren« wollte, eine Epidemie erzeugt, die das Glück der Menschheit herabsetzt.

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