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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 19
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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17. Kritiker

Die beste Kritik Freuds hat der Wiener Satiriker Karl Kraus in den lapidaren Satz gefaßt: »Psychoanalyse ist die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt.«

Die wissenschaftliche Kritik begann mit Freuds unmittelbaren Vorgängern. Pierre Janet, der die Entdeckungen Freuds im wesentlichen vorwegnahm, soweit sie nicht von Breuer sind, hat ein Recht darauf, mit seiner Kritik auch seine Priorität zu verlangen. Er hatte in Paris, ein Jahr vor Freuds erster Schrift, die dieser mit Breuer zusammen herausgab, und mehrere Jahre vor Freuds erstem eigenen Buche, ähnliche Gedanken und Therapien publiziert. »Was ich psychologisches System nannte«, schrieb Janet später, »nennt Freud Komplex. (Der Begriff stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert.) Was ich als Beschränkung des Bewußtseins erklärte, nennt er Verdrängung … Er überträgt klinische Beobachtung und therapeutische Behandlung, die auf bestimmte Fälle beschränkt sind, in ein enormes System medizinischer Philosophie: Pansexualität.«

Freuds originale Leistung beginnt genau dort, wo unsere Anklage beginnt: Janet, der Nervenarzt, blieb bei den Kranken, Freud machte den Sprung zu den Gesunden, Normalen, später zu Religion und Kultur. Der französische Forscher ist durch Freud um ein Stück seines Ruhmes gebracht worden. Seine Noblesse zeigt sich in seiner ersten Ankündigung, 1894:

»Ich habe mit Freude erfahren, daß Breuer und Freud neuerdings die Darstellungen bestätigt haben, die ich einige Zeit vorher über die fixen Ideen der Hysteriker gegeben habe.« Und etwas später: »Freud scheint als Ausgangspunkt für die Gründe des Unbewußten meine ersten Untersuchungen über diese Phänomene bei Hysterie genommen zu haben. Ich bedaure, daß er es tat, denn diese Studien brauchten erst noch Bestätigung und Kritik.« Wie bei den meisten Entdeckungen waren gleichzeitig viele Köpfe tätig; da aber für solche Fälle kein Patent zu erhalten ist, bleibt die Geschichte auf den Vergleich ähnlicher Schriften beschränkt und auf ihre Folge. Charcot war mit verwandten Ideen vorangegangen, besonders in seinem berühmten Buche »La Foi qui guérit«; Paulham war ihm 1899 gefolgt. Janet war 1892 mit dem als klassisch anerkannten Werk »L'Etat Mental des Hystériques« hervorgetreten.

Freud, von ihren Schriften angezogen, hatte in Paris bei Charcot und Janet studiert. Die Abhängigkeit war deutlich; Janet hatte auch schon von Erinnerungen aus der Kindheit geschrieben, »denen unterbewußte fixe Ideen zugrunde lagen, oder solche, die eine hysterische Form annehmen«. Er nannte dies, vor Freuds erstem Buche, »Unterbewußtsein als Folge psychischer Zerrüttung«. Noch ein Jahr vorher, 1891, hatte Morton Prince in seinen Studien über »Association Neurosis« dargestellt, »daß die Neurose oft von einer unglücklichen Verschmelzung mit psychischen Assoziationen käme«.

Auch die Methode übernahm Freud von den Franzosen. Janet, der vor ihm die seelische Spaltung dargestellt hatte, schrieb: »Unzählige Beobachter, mich eingeschlossen, haben Stunden, Nächte und Tage in der Beobachtung verbracht, in allen Punkten die Untersuchung immer erneuert.« Er versuchte, seine Patienten gelegentlich im Selbstgespräch zu belauschen, weil er ihren Antworten auf direkte Fragen mißtraute: genau das, was Freud später versäumte oder verwarf. Dagegen sprach Janet sich gegen Freuds spezielle Methode aus: »Das ist eine Kriminaluntersuchung, die den Schuldigen in der Vergangenheit sucht und endlich findet. Der Arzt wird ein Detektiv. Das ist allerdings ganz neu. Die systematische Verallgemeinerung der unbewußten traumatischen Erinnerungen gibt dieser Lehre eine unbestreitbare Originalität.« Schärfer und weniger ironisch sprach sich Charcot aus, der Freuds » Übertreibung des Sexus für die Theorie der Neurose absurd« nannte. Und doch ist Freuds Dogma und sein Ruhm gänzlich auf diese Übertreibung gegründet.

Hierfür fügen wir ein Beispiel ein. Die Angstneurose mit ihren Symptomen, Herzklopfen, Muskelkrampf, trockenem Mund, seit Jahrhunderten bekannt, wird von Freud als »gleichbedeutend mit unvollkommenem Geschlechtsgenuß« bezeichnet, weil sich ähnliche Symptome beim Coitus interruptus einstellen. Folglich müssen alle Fälle von Neurose danach behandelt werden, daß der Sexualakt normal wird (was er meistens vorher war). Als die Franzosen Angstneurosen aus ganz anderen Gründen herleiteten und daher anders behandelten, schrieb Freud heftig gegen jedes Mißtrauen in seine Therapie.

Daß die französischen Forscher in der Metropole der Ars Amandi Freuds pansexuelle Welt abgelehnt haben, und zwar grade die Forscher, die sich mit diesem Probleme befassen, führt tief in nationale Untergründe zurück. Aus ihrem ironischen Staunen über diese Lehre suchten sie einen Ausweg: Ladame hatte die komische Vermutung, »vielleicht herrschten in Wien besondere Freiheiten, eine Art lokaler Dämon, der von der Bevölkerung Besitz ergreift, so daß dann die Beobachter die Sexualia überschätzten«.

Was für ein Schnitzer! Haben diese Pariser Gelehrten nie einen Wiener Walzer gehört und gesehen? Wissen sie nicht, daß Wien wie Paris eine Finesse in der Liebe entwickelt hat, in allen Kreisen, allen Handlungen entscheidend, wie in Berlin das Militär? Die ganze Wiener Literatur und Dichtung ist erotisch und nicht sexuell. Der Walzer ist erotisch, aber er hat nichts von den sexuellen Stößen der Jazztänze. Das Theater in Wien, die Malerei, die Kleider, die Promenade sind erotisch, aber nichts ist so roh und grob, animalisch und mit Lust barbarisch wie die Freudschen Triebe. Deshalb blieb Freud auch immer ein Fremder in Wien.

Unter Deutschen zitieren wir den Psychiater Kretschmer: »Das Unbewußte bei Freud ist eine Art Orcus, in dem alle Reste von wissenschaftlichen Phantasien ungestraft leben können, wenn sie nur Lethe getrunken haben.« Gontard spricht in einem brillanten Gleichnis von Freuds »Zweistockwerk-Theorie«: unten das Unbewußte, darüber das Bewußte, »so daß die Träume in eine Mittelklassenwohnung verwandelt sind. Zwei Räume durch eine Wendeltreppe verbunden, mit einer Art verblichener Familienporträts an den Wänden, ein staubiger Palmenbaum in der Ecke, mehrere Vasen auf Seitenbrettern … In solchen Zimmern gibt es keine Rätsel, nur Symbole. Die Gottheit ist daraus vertrieben. Mysterien von Ebbe und Flut sind unbekannt.«

Egon Friedell: »Die Psychoanalyse ist ein Begriff von Parasiten, ein Vampirismus von bleichen, unterirdischen Blutsaugern, ein glänzender Versuch, eine allgemeine Epidemie zu erzeugen, ein böser Racheakt von Seiten derer, die zu kurz gekommen sind und nicht Erfolge haben. Sie verkündet die Zukunft des Reiches des Teufels … Auch die Anhänger der Schwarzen Messe verehren den Phallus hinter allen Heiligtümern.« Nach Abschluß dieses in Amerika geschriebenen Buches lernte ich in der Schweiz eine ganz hervorragende Analyse und Kritik Freuds kennen, die schon 1925 erschienen ist, von Edgar Michaelis: »Die Menschheits-Problematik der Freudschen Psychoanalyse.«

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