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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 14
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
projectidb7cd4c0e
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12. Methoden

»Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode«, stabilierte Prinz Hamlet. Laßt uns untersuchen!

Breuer, der Entdecker der Psychoanalyse, hatte, wie auch die gleichzeitigen und früheren Forscher in Paris und anderwärts, die Hypnose angewandt. Damals, vor fünfzig Jahren, sprach eine Frau zum Arzte sich frei nur in der Hypnose aus, so wie sie sich nackt nur ihrem Geliebten zeigte. Heute, wo hundert nackte Menschen sich zusammen am Strande mit dem Anflug einer Badehose neutralisieren, würde man jede Frau auslachen, die sich genierte, ihre sexuelle Technik ausführlich einem fremden Arzte zu berichten. Wofür ist er denn ein Arzt? Wofür haben wir »Fortschritt«?

Wer heute Freud mit einem Hypnotiseur vergliche, würde gesteinigt – und doch schrieb er selbst: »Die Wichtigkeit der Hypnose für die Entwickelungsgeschichte der Psychoanalyse kann gar nicht überschätzt werden. In Theorie und Therapie ist die Psychoanalyse Verwalterin des Gebietes, das sie vom Hypnotismus übernommen.«

In Paris hatte der junge Freud die Hypnose akzeptiert gesehen, die man in Wien verachtete. Und doch gab er sie frühzeitig auf, weil sie nicht auf alle Patienten und weil sie nicht dauernd wirkte. Doch behielt er anfangs das Auflegen der Hand auf die Stirn bei und dauernd die horizontale Lage. Da er sich dabei unsichtbar machte, was noch heute die meisten Analytiker nachmachen, da gedämpftes Licht, Stille und Suggestion mitwirken, ist der theatralische Effekt übriggeblieben, der den meisten Patienten interessant vorkommt und nur die selbständigen abstößt.

Als ein Schüler Freud fragte, warum er die Kranken nicht anblickte, gab Freud die von seinem Biographen überlieferte Antwort: »Ich kann mich doch nicht acht Stunden lang anstarren lassen!« Darin liegt nur die halbe Wahrheit, wie in jener Stellung die halbe Kur liegt. Er weiß, daß eine Frau selbst noch in unserer so herrlich illuminierten Epoche die Wahrheit über ihre Sexualität einem Mann eher erzählt, der sie dabei nicht ansieht; auch die Unwahrheit, die in der Analyse der Frauen nach Freuds Erfahrung eine so große Rolle spielt.

Als erster Vergleich drängt sich der mit dem Untersuchungsrichter auf: der Arzt wird zu einer Art agent provocateur. Denn wenn auch das, was er suggeriert, kein Verbrechen ist, so ist es doch ein Geheimnis, das heraus muß. Und wie der Zeuge in der Pause manchmal gern zu verschwinden versucht, so sind nach Freuds Berichten viele Leute plötzlich ausgeblieben, weil sie sein Drängen nach sexuellen Details verletzte, als wäre er ein Diktator. Denn was Freud eine »tätige Erkenntnis zu zweien« nennt, wird ganz von dem Überlegenen bestimmt.

Dagegen wäre ein Vergleich des Nervenarztes mit einem Beichtvater ungerecht gegen diesen. Er hält nur aus seiner Zelle sein Ohr hin, kennt weder Namen noch Antlitz des Beichtenden und bleibt nachher ganz aus dem Spiel. Der Arzt dagegen wird von Nervösen nach seinem Wesen, Ruf und Äußeren ausgesucht, worauf er selbst sich alle Namen erfragt: er wird Berater, Liebhaber, Gott, » bis er plötzlich so gehaßt wird, wie er vorher geliebt wurde«; das Spiel fängt mit persönlichem Vertrauen an und endet mit einer Rechnung. Daß der Geistliche als ein Hirte hilft, der Arzt aber bezahlt wird, ist ein so bedeutsamer Punkt, daß ein berühmter Schüler Freuds erklärt hat: Wenn die Zahlung aufhört, dann hört auch der Kontakt auf.

Äußerlich aber ist die Analyse einem religiösen Akte zu vergleichen. Da gibt es, wie der geistvolle Egon Friedell ausgeführt hat, »Riten und Zeremonien, Reinigungssitzungen und Formeln, Orakel und Ahnungen, Symbole und Dogmen, Geheimlehren und Volksausgaben davon, Proselyten und Renegaten: eine Religion, die sich als Wissenschaft darstellt«. So ähnlich war es in den Mysterien der Alten, wenn der Kranke im Tempel des Äskulap niedergelegt wurde und ihm ein Sänger die Dunkelheit der Unterwelt suggerierte.

In der Methode des Hinlegens und Ausfragens liegt eine der größten Schwächen der Psychoanalyse. Denn nur der kann den Charakter, die Gefühle, somit auch das Unbewußte in einem Menschen erkennen, der ihn als einen Bewußten und einen Unbewußten beobachtet. Das Ausfragen ist nötig, stellt aber nur einen Teil der Ergründung dar; der andere Teil liegt in der Beobachtung, die schweigend, mit den Augen, mit den Ohren, mit der Nase, also sinnlich und ohne Wissen des Beobachteten vor sich geht. Wenn Freud gelegentlich aus einer Handbewegung Schlüsse auf das Seelenleben seines Patienten zieht, so sind sie erstens einseitig sexuell, zugleich aber auch primitiv: er glaubt schon viel zu wissen, wenn er eine Verstellung konstatiert, und sieht gar nicht, daß er beständig von Verstellung, zumindest von Befangenheit und Unnatur, umgeben ist. Aus dem Zusammenwirken eines Beraters, der seinem Objekte gewisse Deutungen suggeriert, und eines Objekts, das sich seiner delikaten Lage beständig bewußt ist und während dieser Stunde alles sagt, nur nicht die natürliche Wahrheit, soll sich am Schluß eine Erkenntnis und eine Selbsterkenntnis ergeben, denen nahezu alle Elemente der Seelenforschung fehlen.

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