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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 12
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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10. Übergang zu den Damen

Und so wären wir denn bei dem Weibe selbst angekommen; fast hätten wir gesagt, bei der Liebe. In der Analyse der Frauen wird man bei Freud das geistige Element nicht erwarten. Wem die Welt nichts als Sexus bedeutet, dem kann der weibliche Teil der Menschheit nur Haß gegen den männlichen bedeuten. Proben aus Freuds Philosophie des Weibes:

»An der körperlichen Eitelkeit des Weibes ist noch die Wirkung des Penisneides mitbeteiligt, da sie ihre Reize als späte Entschädigung für die ursprünglich sexuelle Minderwertigkeit um so höher einschätzen mußte. Auch der Scham der Frau schreiben wir die ursprüngliche Absicht zu, den Defekt des Genitals zu verdecken.«

Hier spricht kein Nervenarzt, kein Gelehrter, kein Analytiker: es spricht nur noch ein Mann, der die Seele der Frau nicht erkannt hat. Das erotische Leben der Frau, das zwischen den Polen der Scham und der Eitelkeit liegt, wird hier von zwei Seiten angefaßt und auf den Penisneid zurückgeführt, von dem wir Laien bisher gar nichts wußten. Was für eine romantische Tollheit war es doch – alle jene Bilder, die die Maler, alle jene Verse, die die Dichter den Frauen widmeten, wenn sie sie nackt darstellten: bald verführerisch, wie Fragonard oder Baudelaire, bald prangend in Schönheit, wie Tizian oder Ovid, bald mit schützenden Händen ihre Scham bedeckend, wie Rembrandt oder Goethe! Für jede Regung der Frau hat der große Entzauberer den Schlüssel gefunden: ihr Leben lang vermissen sie etwas an ihrem schönen Leibe: ach, wenn sie doch das hätten! Sie alle haßten ihre Mütter, weil sie sie falsch gemacht hatten.

Da also, schließt Freud, jedes Mädchen jeden Jungen um seinen Penis beneidet hat, sind die Frauen später im allgemeinen eifersüchtiger. Eine Leserin könnte vielleicht nicht bloß die sexuelle Begründung bestreiten, sondern die ganze These. Das kommt von ihrem anormalen Kinderglauben, den sie sich mitten im Lichte des zwanzigsten Jahrhunderts erhalten hat! Sie ist die Unschuld vom Lande, die nur noch in der alten Oper vorkommt! Sie fährt noch in einem Pferdewagen! Wir andern sind längst weiter: wir wissen jetzt, daß die natürlichen Gefühle ursprünglich im Hasse liegen und nur durch Erziehung künstlich abgebogen werden.

Da aber das Freud so unheimliche Wort Liebe nun doch existiert, so hören wir auch ihn zwei- oder dreimal es aussprechen. Einmal nennt er es »das vieldeutige Wort Liebe«. Ein andermal aber findet er eine Definition, wie sie keinem von all den Sängern, Dichtern und Philosophen gelungen ist, die vorher noch im Unsichern tasten mußten, sie lautet: » Auf der Höhe der Verliebtheit droht die Grenze zwischen Ich und Objekt zu verschwinden.« Man sollte diesen Satz in Lichtschrift auf jeden Vorhang schreiben lassen, kurz vor der großen Liebesszene, denn er ist gar nicht zu überbieten. Nur ein Professor konnte ihn schreiben. Hört man die Verachtung der ganzen Angelegenheit im Wort »Verliebtheit«? Die vornehme Distance zu den inferioren andern im Worte »Objekt«? Aber im Worte »droht« liegt die Furcht, sich selbst zu verlieren, das heißt, am Ende gar zu lieben. Der ganze Freudsche Charakter in vierzehn Worten! Wir werden ihn später in anderen Demaskierungen finden.

Die Freudschen Frauen fühlen sich aber nicht bloß minderwertig wegen Mangel eines Gliedes und sind deshalb eifersüchtiger als die Männer, sie sind auch neidischer und ungerechter. »Daß man dem Weibe wenig Sinn für Gerechtigkeit zuerkennen muß, hängt wohl mit dem Überwiegen des Neides in ihrem Seelenleben zusammen.« Man sieht, daß die Frauen weder als Richter verwendbar sind, noch Gemütsruhe genug haben, um vernünftig mit abzustimmen. Wenn es also in sozialen Berufen mit der Frau nicht geht – könnten wir sie vielleicht in der Ehe verwenden?

Noch gefährlicher, warnt Freud. »Die Ehe ist nicht eher gesichert, als bis es der Frau gelungen ist, ihren Mann auch zu ihrem Kinde zu machen und die Mutter gegen ihn zu agieren.« Der Typus Ehe, in dem der Mann sich wie ein Sohn anschmiegt, ist ebenso schön wie selten, man wünschte ihn häufiger zu sehen; bei Freud stellt er die verächtliche Regel dar. Aber dafür müssen die Frauen mit frühem Altern zahlen, denn Freud findet »immer wieder«, daß ein Mann von Dreißig jugendlich und eher unfertig erscheint, eine Frau von Dreißig dagegen »uns häufig erschreckt durch ihre psychische Starrheit und Unveränderlichkeit …, als hätte die schwierige Entwicklung zur Weiblichkeit die Möglichkeiten der Person erschöpft«. Man braucht nur auf eine dieser Dreißigjährigen zu blicken, wie sie Tizians oder Renoirs Hand verewigt hat.

Geht es nun nicht in der sozialen Welt und nicht in der Ehe, was gibt es da wohl noch für einen Ausweg? Natürlich, die Kunst!

Freud schüttelt den Kopf. Warum haben die Frauen, fragt er, nur eine einzige Technik oder Kunst erfunden, das Flechten und Weben? »Auch dies läßt sich erraten«: weil die Natur das Vorbild durch die Behaarung der Genitalien gegeben hat. »Der Schritt, der dann noch zu tun war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die am Körper in der Haut stecken und nur miteinander verfilzt waren.«

Was für Frauen mag Professor Freud gesehen haben!

Hier wenden wir uns wieder an eine Schülerin Freuds, die doch noch mehr von dem Problem wissen oder ahnen müßte. Mrs. Horney nennt Eifersucht dann neurotisch, wenn die Furcht, eine Liebe zu verlieren, außer Verhältnis zu der Gefahr ist: »Der neurotische Wunsch nach unbedingter Liebe ist weit umfassender als der normale und in seiner extremen Form unmöglich zu erfüllen. Es ist eine Forderung nach Liebe, wörtlich ohne Bedingung und ohne Reserve … mit dem Motto: Du mußt mich ausschließlich lieben!«

Danach sind also offenbar nicht bloß Romeo und Tristan schwere Neurotiker, sondern auch Julia und Isolde; nicht bloß die tausend jungen Liebespaare, die, während jene Dame in New York die erlaubten Grade der Liebe ausmaß, sich ewige Liebe schwuren und daran glaubten. Auch Eros und Aphrodite sind also reif zur Analyse. Und diese Verrücktheit »Du mußt mich ausschließlich lieben!« hat nun seit ein paar tausend Jahren, wie Dichtung und Legende zeigen, die Menschen nicht bloß beherrscht, sie hat sie sogar glücklich gemacht: alles gegen Vernunft und Logik, gegen die Vorschriften der Nervenärzte, gegen die Thesen der Analytiker, aus purer natürlicher Leidenschaft!

Wenn also die Liebe von der Analyse ausgeschlossen wird, gleich dem Glück und andern altmodischen Gefühlen: was bringt sie sonst? Worin besteht die Heilung von den eingeborenen Vorurteilen?

Sie besteht im Sublimieren. Der Patient soll die unbrauchbaren Wünsche seines Unterbewußten auf höhere Ziele lenken, Sexus in Kultur verwandeln; denn libido, das heißt der sexuelle Trieb, »richtet sich entweder auf andere Menschen und Dinge oder auf das Ich«. Zu deutsch, manche Menschen wollen sich andern hingeben, andere verweigern's. Herodot hat die Verschiedenheit der Charaktere, als er über Ägypten schrieb, in den kapitalen Satz gefaßt: »Einigen von den Ägyptern sind die Krokodile heilig, andern nicht.« Im Sprachgebrauch des Freudschen Ordens: »Der Primat der Genitalien« kann manchmal sublimiert werden, manchmal nicht. Oder in der Luxusausgabe: »Die sozialen Gefühle ruhen auf der Umwandlung eines erst feindseligen Gefühls in eine positiv betonte Bindung von der Natur einer Identifizierung.« (So sprechen Analytiker miteinander beim Frühstück.)

Nachdem also der Wunsch nach Befriedigung der Urtriebe in uns allen gewaltsam unterdrückt, »vom Bewußten ins Unbewußte verdrängt« worden ist, erkennen wir in der Analyse, daß wir zwei Sorten Unbewußtes haben: »das latente, doch bewußtseinsfähige, und das verdrängte, an sich und ohne weiteres nicht bewußtseinsfähige«. Jetzt kommt alles darauf an, das Verdrängte ins Bewußtsein zurückzubringen. Denn »die Unverträglichkeit der betreffenden Vorstellung mit dem Ich des Kranken war das Motiv der Verdrängung. Die ethischen und anderen Anforderungen des Individuums waren die verdrängten Kräfte …, die sich solcher Art als eine der Schutzvorrichtungen der seelischen Persönlichkeit erwiesen.«

Wie sich hieraus die gesamte Kultur aufbaut, werden wir später sehen.

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