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Der entfesselte Zeitgenosse

Carl Sternheim: Der entfesselte Zeitgenosse - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorCarl Sternheim
titleDer entfesselte Zeitgenosse
booktitleLustspiele
publisherAufbau-Verlag GmbH
year1948
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Der Dritte Aufzug

Anderer Teil des Parks. Die Fassade deckt einen Teil des Hintergrunds. Links springt in der ersten Etage ein breiter Balkon so vor, daß er, von seiner Schmalseite dem Zuschauer sichtbar, des Hauses Seitenfront andeutet. Links vorn ein Stück des Parkgitters mit Tor

Erste Szene

Schmettow (taucht vor dem geschlossenen Tor im Autodreß und Brille auf): Sind Sie allein?

Mayer: Wer ist das?

Schmettow (lüpft die Brille und setzt sie sofort wieder auf)

Mayer: Herr von Schmettow wieder!

Schmettow: Noch einmal im Flug vorbeibrausend. Streng inkognito. Mein Schatten gleichsam.

Mayer: Wie es hier schließlich ablief, wollen Sie wissen?

Schmettow: Aus höherer Schickung peinlich für mich und die andern. Das steht leider fest.

Mayer: Aber – –

Schmettow: Was verschlägt's? Das ist Vergangenheit. Aber Zukunft bleibt, die trotzdem gelebt sein will. Die Gräfin bei leider überstürztem Abschied –

Mayer: Die Herren waren wirklich Hals über Kopf verschwunden!

Schmettow: Nur zu begreiflich aus Umständen. In die Versenkung. Flucht in der Tat. Die Gräfin gab trotzdem auf ferneren Lebensweg mir einige Rezepte mit.

Mayer: Wie?

Schmettow: Darunter das für die unvergeßliche, geradezu königliche Reispunschtorte. Leider – sehen Sie hier – blieb mir ein Hauptingredienz völlig unverständlich. Hören Sie (er liest) Man kocht Reis mit Schlagrahm und Zucker dick und weich, mischt ihn mit einem Eßlöffel Punsch und streicht das Ganze in kleine Formen Butterteig, gibt auf diese ein wenig Marillensalse –

Mayer: Marillensalse?

Schmettow: Marillen sind Aprikosen, gelang mir festzustellen. Aber Salse – was ist Salse? Und ich bin überzeugt, von dieser Salse hängt des Ganzen Gelingen ab.

Mayer: Das ist mir auch vollständig fremd.

Schmettow: Kurz, ich will von Ihnen nichts, als Sie kundschaften unbedingt, und ohne daß ich als Frager genannt werde, von der Gräfin aus, was Salse bedeutet, und geben mir, am besten telegrafisch, Bescheid. Hier Adresse und Kostenvorschuß.

Mayer: Danke, Herr von Schmettow. Wird besorgt. Und keine Bestellung sonst der Herrschaft?

Schmettow: Um Gottes willen. Hin ist hin. Es kostete mich Überwindung genug, hier im Flug noch einmal aufzutauchen. Aber – –

Mayer: Marillensalse! Wird besorgt

Schmettow: Zu Gegendiensten stets bereit, und damit – holla! (verschwindet)

Mayer durchs Tor ihm nach

 

Zweite Szene

Es treten auf Klara, die Gräfin, Professor

Professor: Nach Ausflug in unmittelbare Todesnähe, so mühsamer Genesung müßte er Wochen wenigstens in neue Kräfte hinein erst ausruhen.

Gräfin: Mit keinen Gründen ist er mehr zu halten, will heut noch fort. Schon locken ihn neue größere Horizonte.

Professor: Was will er arbeitsunfähig draußen?

Gräfin: Wieder erlebensfähig muß er hinaus.

Professor: Dann soll er! Uns aber trifft bei einer Katastrophe kein Vorwurf. Was stört ihn hier im Eldorado?

Klara: Meine nicht verheimlichte Dankbarkeit vielleicht.

Professor: Die sich doch wirklich aufdringlicher Manifestation enthielt. Mein Gott, der Mann mit voller Gewißheit, ersaufen zu müssen, springt im Impuls für Sie ins Wasser. Jede andere wäre ihm dafür erschüttert und gleich um den Hals gefallen, hätte aus Gefühlsfülle ihn nicht wieder losgelassen. Sie mit günstigen Voraussetzungen in Ihnen nahmen auch dies menschliche Wunder verhältnismäßig gefaßt auf, so daß ich als Arzt stolz auf Ihre zeitgenössische Enthaltsamkeit bin, und jetzt soll trotzdem –?

Gräfin: Kleinste Sorgfalt, die er nötig hat, ist ihm Greuel.

Klara: Ein paar Worte kühlen Danks, die ich ihm gestern endlich sagte, brachten ihn aus Rand und Band. Unhöflich – ich sage besser die Wahrheit – unverschämt lehnte er ab.

Professor: Sie selbst dürfen sich nicht sehr beklagen. Ihnen kommt er zu eigenen Wünschen zu Hilfe, sich Ihrem in dem Fall ausnahmsweise berechtigten Drang erwiderter Nächstenliebe dennoch zu entziehen. Nachdem er Sie von fünf über Ermessen schmählichen Freiern schon befreit hat.

Gräfin: Von vier brillanten Schwimmern, die im gegebenen Augenblick restlos versagten und einem Admiral, der, Nonsens, überhaupt nicht schwimmen konnte.

Professor: Das war der Gipfel! Welch schimpfliche Bande, die noch dazu Europas Auslese schon in die Flucht geschlagen hatte.

Gräfin: Ihr jähes Verschwinden zur gleichen Stunde war das Peinlichste in meinem mit Peinlichkeiten gesegneten Leben und wird nur von Briefen Weinsteins und Pfeffers übertroffen, die heute ankamen, und die ich vorlese. (liest) Pfeffers! »Sie, als einzig korrekt erzogene Frau von Stand in diesem fadenscheinigen Haus, begreifen ohne weiteres meine plötzliche indignierte Flucht aus Exzessen, die mir für keine Qualität der betreffenden ›Dame‹ – das Wort in Anführungsstrichen –!

Klara (lacht): Ich – Dame in Anführungsstrichen!

Gräfin (liest): Mehr Gewähr boten.«

Klara: Reizend! Und Weinstein?

Gräfin (liest): »Ich halte es für selbstverständlich, entschlösse Fräulein Cassati sich, mich für in ihrem Haus zwecks Erziehung zu Zeitidealen nutzlos vergeudete Zeit und Arbeit, über die ich der Epoche und den von mir Geführten Abrechnung schulde, angemessen zu entschädigen, wobei ich annehme, daß in Anbetracht der Höhe des von mir mit meinem Leben angestrebten Zieles, die Summe nicht zu niedrig gesetzt wird.«

Professor: Bravo!

Klara: Das ist stark.

Gräfin: Während Kothe nur blöde kicherte, würdigte mich Schmettow, der bei weitem Wertvollste, mündlichen Abschieds und nahm nur unseres Reispunschpuddings Rezept auf fernere Reisen mit. Schnalzte vor Wollust mit der Zunge.

Professor: Sie sollten, liebe Freundin, Europa für ein Weilchen verlassen und jenseits der Meere neue Ausschau halten.

Klara: Ich finde, ich selbst blieb nicht bei der Stange, und (zum Professor) auch Sie sind letzthin nicht mehr konsequent mit mir. Was hätte ich nach unserer Theorie Besseres als meiner sämtlichen Verehrer glattes Versagen wünschen können, das mir Sicherheit und Freiheit des Gefühls ließ, die ich glühend verlangte? Sondern schon vor meiner Tat war im Plan selbst aus Klettes Worten im letzten Augenblick ein Bruch, der sich in mir noch nicht wieder gefügt hat.

Professor: Aber gerade nach den Ereignissen Ihre Haltung bis zu diesem Augenblick beweist, daß selbst überraschendstes Phänomen Sie nicht irre machte, Sie sogar Elementarem gegenüber fest im Entschluß blieben. Ekelte Sie neben des Jünglings Ekstase der Liebhaber Erbärmlichkeit, ist das naives Ressentiment, das Sie für Zukunft nur sicherer macht Nach dem Ereignis sehe ich in dem von Ihnen früher gefürchteten Sinn überhaupt keine Gefahr mehr für Sie.

Gräfin: Keinen Moment gingst du ihm gegenüber aus Grenzen überlegten Danks.

Professor: Der berechtigt ist und zum Teil der Genugtuung über seine eigene Rettung entspringt

Gräfin: Denn seine Opferung für dich war ganz. Theoretisch sein Leben hin.

Professor: Von einem Allüberschauenden könnte ich mir, was wir an Sensationen erlebten, nicht besser angelegt und gelöst denken. Als ich kam, war Ihre Angst und Hoffnung Theorie, kaum Aussicht sie in kurzer Zeit zu verwirklichen. Heute haben Sie aus Tatsachen für Künftiges eigenes Maß, sind sicher wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht und entlassen wirklich besser schon jetzt seinem Wunsch gemäß den Helden eines gewesenen und begriffenen Stücks, dem wir Beifall klatschen.

Gräfin: Herzensbeifall, da, was er wollte, er sich aus Zusammenhang mit dir auch noch erfüllte.

Professor: Wofür er Ihnen nicht kleineren Dank schuldet als Sie ihm.

Gräfin: Womit eure Beziehungen ausgeglichen sein könnten.

Professor: Ich sagte, ein Allüberschauender hätte es nicht besser vollendet. Und wenn ich eins bedauere, ist's, daß der Arzt so wenig wirken konnte.

Klara: Ich vergesse nicht was Sie für mich taten.

Professor: Leider nichts. Sie mehr für mich, und Sie werden sehen, wie Sie in meinem Werk über zeitgenössische Gebrechen anonym, doch im Strahlenkranz wirklich neuzeitlich überwundener Krankheit auftreten werden. Sehr bereichert gehe ich von Ihnen.

Klara: Im falschesten Moment gingen Sie jetzt. Denn der Fall Cassati ist nicht abgeschlossen.

Gräfin: Er scheint doch – mit Voraussetzung und Beweis.

Professor: Aus nur allgemeiner Meinung lehnten Sie ursprünglich gefühlvolles Verhältnis zu Mann und Welt ab. Heute dürfen Sie es aus persönlicher Erfahrung.

Klara: Nein. Zu meiner Voraussetzung gehörte: Tat wie Klettes war nur in Bilderbüchern oder Chroniken ehrwürdigen Alters; zeitgenössisches Wissen aber leugne sie wie mein eigenes erlebtes radikal. Und so war meine Angst vor Exzessen jenseits der Grenzen der Epoche korrekt, mein stärkeres Liebäugeln mit ihnen wirklich die von mir erkannte Zeitkrankheit. Im Augenblick, da Klettes Aufstand auch zur Wirklichkeit gehört –

Professor: Ausnahme!

Gräfin: Nur zu seiner vielleicht.

Klara: Das gibt's nicht. Wie wir an der Mitmenschen massenhaftem Elend teilhaben, so natürlich an ihrem selteneren Mut und Glück. Und das spüre ich über noch Ungeklärtes deutlicher von Minute zu Minute. Auch mich hat die Tat dieses Mannes bereichert! Und ich dulde nicht, sie schwindet aus meinem Gedächtnis. Denn wie unwahrscheinlich ihre Nachahmung, wie ausgeschlossen ein zweites Wunder nach diesem auf Erden ist, ihm allein gegenüber ist mein bisheriger Standpunkt jetzt falsch. Auch ungehemmtestes Gutsein zu ihm bliebe mir ungefährlich, da ohne Ursache er schon viel gütiger zu mir war. Sicherer als mit Selbstzwang wäre ich, wie ursprünglich geboren, bei ihm, und billige ich noch nicht im Prinzip seine menschliche Verschwendung, in meinem besonderen Fall, fühle ich, bin ich in sie vernarrt.

Gräfin: O weh!

Professor: Das ist nicht wahr! Ist nur Ansteckung von ihm her, von der ich Sie leicht und unter allen Umständen heile. Erst jetzt fängt also meine ärztliche Aufgabe an.

Klara: Ist nicht mehr wie nur Gedachtes in mir umzudenken. Weil über Skepsis und eindringlicher Warnung Gewißheit einer Wirklichkeit steht der ich mich nur zu gern beuge.

Professor: Wollen Sie dicht am Ziel erhaben angelegtes Krankheitsbild zu banaler, verzeihen Sie den Ausdruck – kitschiger Lösung bringen?

Gräfin: Verleugnest du für neue Wirklichkeit hunderttausend gewesene, muß dir die einzige wertvoller als alle anderen sein.

Klara: So scheint es.

Professor: Aber ich beschwöre Sie! Sie verpatzen ein glänzendes Paradigma, drohen aus logischer Folge ins Chaos fortzubrechen.

Klara: Ich fühle mich urtümlich auf sicherer Spur.

Professor: Und ich beweise Ihnen schriftlich Ihre Irrtümer. Meine minutiöse Beschreibung des Falls ist bis zum letzten Schluß gediehen, ein Nichts fehlt in unvergleichlicher Darstellung. Lassen Sie mir ein paar Stunden, bis morgen früh noch Zeit; und ich erleuchte Sie bis in Ihres Wesens Kern.

Gräfin: Tu's!

Klara: Aber mein letzter Punkt scheint gesetzt.

Professor: Aus Ahnung und Instinkt unmöglich! Formeln, Absolutes bringe ich, geben Sie der Wissenschaft Zeit bis morgen früh. Sie müssen's auf Grund unserer Abreden. Ich bestehe darauf!

Klara: Gut. Ist's nicht zu spät, höre ich morgen früh noch ihre besseren Gründe.

Professor: Tausend Dank! (wischt sich die Stirn) Ich muß fort, stürze zur Arbeit Jetzt packten Sie auch mich am Kern. Eigene Notwendigkeit mit der meiner wissenschaftlichen Behauptung muß ich, koste es, was es wolle, beweisen. Aber ich schaff's noch. (exit)

 

Dritte Szene

Klara: Er begreift mich nicht, hilft mir nicht mehr.

Gräfin: Warum?

Klara: Er urteilt, nicht über mich allein, über Welt summarisch. Schließlich ist aber letztes Begreifen kein Einmaleins, kein Logarithmus, den man vom Blatt liest, doch Gleichung mit Unbekannten. Daß wir einst wissen können, ist kein Grund zu tun, als wüßten wir immer schon.

Gräfin: Du tust ihm Unrecht. Denn diese deine andere Einstellung ist neu bei dir und hat Gründe, die er nicht kennt.

Klara: Welche?

Gräfin: Ist das unter uns Frauen nach dem Auftritt eben nicht klar? Früher, als alles glatt und geradezu war, wehrte das Weib sich nicht gegen Gefühle, die durch weniger freche Welt allerdings weniger bloßgestellt waren. Was du von Kindheit an in deinen Kreisen an Liebe und ihrer mesquinen gesellschaftlichen Aufmachung sahst, mußte dich mißtrauisch machen.

Klara: Ursula!

Gräfin (legt beide Hände auf Klaras Schultern und sieht sie bedeutend an): Ich wette, Klärchen, du bist ganz einfach in Klette verliebt. (küßt sie) Und das ist mir, die ich nicht logisch lebe, ganz natürlich. Wem, der so wenig an es glaubte, geschah drastischeres Wunder vom Mann? Endlich ist durch sein Heldentum in dir ursprüngliches Weib berührt, das für ekstatische Möglichkeiten Ursache und Quelle wurde, und die sie unter allen Umständen bleiben will.

Klara: Aber –

Gräfin: Du bist stolz. Ich weiß, wie sehr und aus geistigen Vorwänden weit vom Geständnis entfernt. Aber diesmal wird dir auch Überlegtestes Geflunker nichts nützen, weil Blutanschluß geschah, du weiter nach ihm verlangst, und wieder eine andere Widerspenstige zahm wird.

Klara: Du sagst es.

Gräfin: Du fühlst es vor! Warum willst du weinen? Umweg! Freu dich geradeheraus. Ich freue mich auch, und Mayer, der zuerst und erhabener ahnte, wird vollends selig sein.

Klara: Wie kann ich?

Gräfin: Wenig bleibt dir zu tun, da alles Schicksal weiter in seinen Händen liegt. Vielleicht kann ich helfen, obwohl, wie sicher ich dir deine Wahrheit auf den Kopf zusagte, ich nicht weiß, was von ihm zu erwarten ist Auch das könnte höchstens wieder Mayer prophezeien! Da kommt er, wie gerufen.

 

Vierte Szene

Mayer tritt auf

Gräfin: Sie holen uns zum Nachttee. Wir danken und wollen von Ihnen wissen, was unser steinerner Gast vorhat und was aus ihm wird?

Mayer: Er geht in der Minute. Stellte gerade in der Halle sein Bündel zurecht und nahm den Hut; wird gleich zum Abschiednehmen hier sein.

Klara: Und?

Mayer: Strudelnder Teig. Wieder geladen und bald von neuem entfesselt. Nicht daran rühren! Ruhe des Bewußtseins seiner Großtat scheint nachzulassen. Er verliert Überlegenheit und Folgen zeigen sich von weitem an.

Klara: Aber welche?

Mayer: Wer das wüßte! Doch ist mit ihm jetzt nicht zu spaßen.

Gräfin: Wir kommen gleich.

Mayer exit nach links im Augenblick, da Klette auftritt im Rucksack, Hut in der Hand von rechts

 

Fünfte Szene

Klette, der sich verneigt

Gräfin: Der Professor wird über Ihre plötzliche Flucht empört sein.

Klette: All die Zeit über ich empörter über mein endloses Ihnen-zur-Last-Fallen.

Gräfin: Man ließ es Sie nicht merken?

Klette: Für aufopferndste Pflege habe ich zu danken und weiß nicht, wie ich lohnen soll.

Klara: Lassen wir das. Gilt Ihnen der Versuch meiner Rettung schon nichts, vermeiden Sie, sich als Beschenkten hinzustellen. Immerhin wagten Sie Ihr einmaliges bißchen Leben für mich. Stellen wir das ruhig an unseren Abschied und sehen Wahrheit wahrhaftig.

Klette: Ich wagte mein Leben nicht für Sie. Es zu wagen, hätte ich Umstände, Aussichten wägen und entscheiden müssen. Aber ich war im Gegenteil gar nicht im Bild, hatte keine Absicht mit Ihnen; sondern es geschah nur, daß in dieser Situation, an die ich allein nicht angeschlossen war, auch ich auf meine Weise lebte.

Gräfin: Eine reizende Weise!

Klara (sieht ihm fest ins Auge): Sie wahren mächtig Distanz zu mir.

Klette: Ich vermeide, Beziehungen zu kombinieren.

Gräfin ist in den Hintergrund, verschwunden

Klara: Was führte Sie ursprünglich zu mir?

Klette: Ein verlorenes, rotseidenes Taschenbuch mit Bändern.

Klara: Lasen Sie es?

Klette: Es interessierte mich von einer Fremden nicht.

Klara: Nahmen Sie am gleichen Abend mein Bild (sie zeigt) oben vom Schreibtisch?

Klette: – Ja!

Klara: Stahlen es?

Klette: Ja!

Klara: Brachten es gleiche Nacht über eine Leiter (sie zeigt auf die, die neben dem Balkon am Haus lehnt) die da! zurück?

Klette: Ja!

Klara: Warum geschah das?

Klette: Das Bild fand ich schön.

Klara: Ich bin achtzehn Jahre darauf.

Klette: Das Bild sollte mich trösten. Das Mädchen hätte mich hingerissen. Als ich den Unterschied zur Wirklichkeit besehen hatte, brachte ich's zurück.

Klara: Das ist nicht schmeichelhaft.

Klette: Nein. Es ist Wahrheit.

Klara: Lieben Sie sie?

Klette: Sehr. Und bekenne sie, wo ich kann.

Klara: Was nennen Sie so?

Klette: Was ohne Rücksicht auf uns, vor Urteil in allen Dingen ist.

Klara: Eigentümlich manifestiert?

Klette: Und immer anders! Dem ich mich gläubig unterwerfe.

Klara: Etwa?

Klette: Kein Europa. Nicht Ziffer, Rechnung und Kapital. Aber Zufälliges, bunt Mannigfaltiges. Imponderabilien überall.

Klara: Das heißt auf Sie bezogen?

Klette: Imponderabilien.

Klara: Auf mich?

Klette: Ebenso. Während Ihr Gold, Vermögen – und wäre es krösushaft – Nummer und Marke ist, an der man Ihr Leben abliest.

Klara: Keine Überraschung möglich, kein Wunder, Rest Freiheit in mir?

Klette: Nichts, soweit ich sehe. Aber bis zu Ihrem Jüngsten Tag Addition, Subtraktion aus Banknoten, Scheckverkehr, Spekulation auch mit Menschen; das Langweiligste, das es gibt. An dem, auch nur einen Augenblick teilzunehmen, mich vernichten würde.

Klara: Schade um mich.

Klette: Warum in Ihrer Welt? Ohne mein Erscheinen hätten Sie es nie erfahren und werden es schnell wieder vergessen.

Klara: Hoffen wir's. Wohin gehen Sie von hier?

Klette: Überall, außer in Europa, ist Platz für mich. Millionen Quadratkilometer blieben in Australien, Asien unbewohnt. In Afrika, Südamerika starrt belebende Einöde. Es ist zu tausend Aufbrüchen hohe Zeit! Man muß nicht an elektrischen Ofen, an Straßenbahnen angeschlossen sein.

Klara: Glauben Sie?

Klette: Ich verabscheue Hauswirte, Huren, Polizei und Heimatscheine. Auch Diktatur des Proletariats ist mir zu bewußter Ausdruck und Kommando.

Klara: Auch das hat Reize.

Klette: Ich reagiere nicht.

Klara: Aber die Achtzehnjährige hätte Ihnen gefallen?

Klette: O die – (Geste) Vollkommen!

Klara: Warum? Überraschungsmöglichkeiten?

Klette: Imponderabilien.

Pause

Klara: Sonst haben Sie mir beim Abschied nichts zu sagen?

Klette: Nichts, was daneben gälte.

Klara: Nichts?

Klette: Gar nichts!

Klara: Leben Sie wohl! (in den Hintergrund) Leben Sie wohl – (sie winkt) Zeitkind! (verschwindet schnell)

Klette: Uff! (setzt seinen Hut auf) Erledigt! Fort!

 

Sechste Szene

Gräfin (erscheint wieder) Ist sie fort? Der Abschied ging flink. Hatten Sie sich nichts Wichtiges zu sagen?

Klette: Nichts. Abgründe von Mensch zu Mensch.

Gräfin: Von Ihnen zu ihr. Ich wüßte nicht, was Ihnen an ihr gefallen sollte, da äußere Vorzüge an Ihnen versagen. Dagegen glaube ich, Sie paßten ihr besser.

Klette: Kaum.

Gräfin: Das sehen Sie falsch. Kurz, doch nachdrücklich traten Sie als Held auf. Wie wenig Sie es wahrhaben wollen, von außen schien die Sache schneidig und auch für die blasierteste Mädchenerwartung prachtvoll.

Klette: Wirklich? Ich glaube, Sie irren.

Gräfin: Das nicht. Klara Cassati kenne ich besonders gut und glaube versichern zu können, Sie wirkten auf sie. Wie Sie, die Wahrheit zu sagen, auch mir gefielen.

Klette: Ohne Absicht.

Gräfin: Das war das Vortreffliche, sonst wäre es nicht geglückt. Das gerade bedeutete Ihre selbständige Freiheit in aller Tat, aber auch unsere Unterwerfung unter sie. Es gibt eben auch da Beziehungen von Mensch zu Mensch, die Resultate des Anlasses sind.

Klette: Schon wieder logische Folge.

Gräfin: Nicht logische. Elementare.

Klette: Elementares Tun – ja! Doch ebensolche Folge?

Gräfin: Was ist da wunderbar? Auch im Empfinden sind wir Mitmenschen.

Klette: Gut, nehmen wir an, mein Tun gefiel Ihnen. Ich will keinen Dank oder tausche meinen großen gegen Ihren. Wir sind quitt!

Gräfin: Es scheint, sie profitierte von Ihrer Bekanntschaft über heutigen Abschied hinaus und bleibt für lange die Beschenkte.

Klette: Ich will nicht weiteren Zusammenhang. Keinen, von keiner Seite!

Gräfin: Das ist, Ihrem Willen entzogen, über Ihre Macht.

Klette: Sie behaupten, was Sie nicht wissen!

Gräfin: Aber wüßte ich doch?

Klette (schroff): Wollte ich trotzdem nicht, was mich mit nichts als Zeitlichem bände!

Gräfin: Sie haben zu dürftigen Begriff von ihr. Ich, die sie von Kindheit auf kenne –

Klette: Hätten Sie sie besser erzogen und bewacht!

Gräfin: Gegen heutige Welt stand ich allein. Ich beschwöre Sie aber, vergewissern Sie sich! Da – ist für meine Worte der Zeuge.

 

Siebente Szene

Mayer tritt auf

Klette: Der wertvollste Mensch im Umkreis.

Gräfin: Er soll bestätigen, was ich behaupte, (zu Mayer) Wer ist Klara Cassati?

Mayer: Mag er sie immer noch nicht? Mangelnder Kontakt? (zu Klette) Gehen Sie nicht ohne Gerechtigkeit. Oder verbietet Ihr Entfesseltsein Gerechtigkeit?

Klette: Ich urteile nichts, als von ihr zu mir ist wie von ihr zu aller Welt alles bis in Ewigkeit vernünftig ausgerechnet.

Mayer: Oho!

Klette: Wieso?

Mayer: Nicht, daß ich das gleich erklärte, doch setzt Ihre Sicherheit einen alten Mann in Erstaunen, der sich den Erscheinungen noch stets mit Bedacht näherte. Sie sprachen sie – wieviel Stunden im ganzen?

Klette: Nicht bei durchschnittlichen Anlässen.

Mayer: In denen Sie sich oder die andere sich offenbarte?

Klette: Aber sie ist Klischee heutiger Gültigkeiten, die ich kenne!

Mayer: Freund, dann fehlt Ihnen doch ein Sinn. Ich selbst, seit der Geburt um sie, habe sie nicht entziffert und mir fehlt es weder an Spekulation noch Ahnungsvermögen. Noch mehr: auf der ganzen Welt interessiert mich – Sie eingeschlossen – auch heute kein Mensch, wie die junge Dame, der ich diene. Auch Gräfin Wrocho, kein Durchschnitt wie Sie bemerkten, ist durch freiwillige Zuneigung unlöslich und geheimnisvoll an sie gefesselt. (da Klette ungeduldig wird) Bleiben Sie noch einen Augenblick. Wir erledigen ein Herzensbedürfnis, sagen wir Ihnen ein für allemal über unsere Herrin Bescheid. Wie war das mit dem Bild? Kommen Sie hierher! (er zieht ihn bis zur Leiter, die er seitwärts an den Balkon setzt und auf die er einen Fuß stellt) He? Hätten Sie das unter Schwierigkeiten auf sich genommen, wäre kein Eindruck auf Sie erfolgt? Ihnen gefiel das Mädchen doch außerordentlich, sonst hätten Sie seinetwegen nicht soviel gewagt.

Gräfin: Sehr wahr!

Mayer: Und dann durch Ihre allerdings bildschöne Tat wurden Sie größenwahnsinnig und meinten, was Sie vollbracht, sei keinem anderen sonst mehr möglich.

Gräfin: Erhöhten sich über Gebühr von aller Wirklichkeit fort.

Mayer: Vor allem aber: sind Sie sicher, die andere könnte das nicht? Jede Erwartung von Ihnen weit übertreffen?

Klette: Ich wüßte nicht einmal, was ich ihr zutrauen sollte.

Mayer: Was aber trauen Sie dem Mädchen nicht zu?

Gräfin: Leise! Sie geht zu Bett.

Man sieht sich das Fenster neben dem Balkon im ersten Stock erleuchten

Klette (flüsternd): Ich gehe. Es ist spät.

Gräfin (die Klette in den Vordergrund der Szene vor eine Buschgruppe gezogen): Sagen Sie das eine noch: was Sie dem Mädchen nicht zutrauen?

Klette: Schon nicht sein Mädchentum!

Man sieht, wie oben die Türen des Balkons aufspringen, ahnt Klaras Schatten und sieht Licht im Zimmer erlöschen

Mayer: Sie öffnet das Fenster. Und nun – Schläft.

Pause. Stille

Klette (flüsternd): He? Habe ich nicht recht?

Gräfin: Das ist ... ist ...!

Klette: Nicht zu erwarten, zu verlangen. Aus tausend Situationen ihr nicht zuzutrauen. Aber wer fordert denn außer Ihnen von ihr das ganz Unwahrscheinliche?

Gräfin: Ihre exponierte Stellung seit Jahren in der Welt! Immer von allen Seiten angegriffen –

Klette: Natürlich! Plausibel! Wer sagt das Gegenteil?

Mayer: Oho!

Klette: Wieso?

Mayer: Wäre es nicht der Erwartung so völlig ausgeschlossen, könnte es nicht das allenfalsige Wunder sein. Wer hielt das Ihre Sekunden, bevor es geschah, für möglich? Aber ich glaubte daran.

Gräfin: Und es muß auch nicht ihre einzige Überraschungsmöglichkeit sein.

Klette: Aus dieser – die einzige!

Gräfin: Warum? Nein!

Klette: Die einzige!

Gräfin: Pfui! Sie sind ein Teufel!

Exit

 

Achte Szene

Klette: Hörten Sie? Ein Teufel bin ich, weil ich versuchte Täuschung kurz abschnitt. Gute Nacht.

Mayer: Wohin?

Klette: Asien vielleicht.

Mayer: Dort das Wunder beim Weib zu suchen? Da ist auch nichts los.

Klette: Alles vielleicht.

Mayer: Unsinn! Wir Juden kommen von da. Ich setze noch immer Europa. Setze (zeigt auf Klaras Fenster) da! Aus Instinkt und weil –

Klette: Aber selbst die Gräfin!

Mayer: Frauenkleinmut. Wo bleibt Ihr Heldentum. Denn das wäre doch etwas? Höhere Frage an Ihre Glaubenskraft.

Klette: Das – das wäre – das Unbegreiflichste!

Mayer: Aha!

Klette: Das – wie wird mir? Ich will – muß!

Mayer: Aha!

Klette: Ihr Blick, Mayer, Ihre Ahnung – was vermuten Sie?! Sagen Sie's!

Er gibt ihm die Hand. Eine Sekunde verweilen die Männer Auge in Auge

Mayer (flüstert): Dazu liebt sie Sie. Sucht Sie mit der Seele in jedem Augenblick überall. Man braucht keinen einzigen Ahnen, das zu erkennen.

Klette (springt plötzlich an die Leiter): Pst!

Mayer: Was wollen Sie? Tun Sie?

Klette (mit höchstem Entschluß): Pst!! (ist die Leiter halb hinan und macht in die Welt eine blendende Geste) Lassen Sie mich! Sie wissen doch, was für mich auf dem Spiel steht. Himmelsleiter vielleicht!

Mayer (der an den Fuß der Leiter gelaufen ist): Aber ich – aber Sie sind – nicht so schnell!

Klette (mit einem Satz über das Balkongitter zum Zimmer, hinein)

Mayer (Hände über den Kopf zusammenschlagend) Gott der Gerechte! Der Entfesselte! Und ich bin mitschuldig! Was tu ich – tut er jetzt, was sie? Wird er – wird er nicht – was ereignet sich?

Pause

Kein Laut, kein Ton – noch immer nichts? Was ahne ich? Was muß ich glauben? Er kommt nicht wieder? Immer noch nicht? Wie klopft mein Herz – rauscht Natur.

Durch die Nacht wehen die Akkorde einer Aeolsharfe

(er jubelt) Harfen, Posaunen und Zimbeln. Es ist!! Überlaufen der Liebesfülle! Mystischen Reichtums volle Bejahung!

Lobt Gott in seinen Wundertaten
Nach seiner großen Herrlichkeit!

Vorhang

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