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Der entfesselte Zeitgenosse

Carl Sternheim: Der entfesselte Zeitgenosse - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorCarl Sternheim
titleDer entfesselte Zeitgenosse
booktitleLustspiele
publisherAufbau-Verlag GmbH
year1948
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Der Zweite Aufzug

Parklichtung mit Ruheplätzen am Rand eines Sees (Kleinere Bühnen spielen diesen Aufzug in Dekorationen des ersten, in welchem Fall der Salon nach hinten auf eine breite Veranda geöffnet ist, über die eine Markise herabgelassen ist, von der eine Treppe zum nicht sichtbaren See führt.)

Erste Szene

Mayer: Als ich morgens dem Aufräumenden nachsah, war das Bild wie sonst am Platz. Unmöglich, jemand kam vor den Dienern ins Zimmer.

Gräfin: Ebenso sicher aber, daß es gestern fehlte.

Mayer: Vom Kavalierhaus muß man am Pförtner vorbei ins Haus. Er wird bestätigen, niemand kam heute noch herüber.

Gräfin: Und die Leiter?

Mayer: Durchs offene Fenster?

Gräfin: Wäre das möglich?

Mayer: Hat er Sprossen aufgesetzt, reicht es, dort einzusteigen.

Gräfin: Das ist die Lösung!

Mayer: Aber warum, hatte er's sich angeeignet, am gleichen Abend zurück?

Gräfin: Mit warum und darum als Antwort, an die wir uns letzthin gewöhnten, kommen wir bei diesem Neuling nicht aus. Warum steigt der Studierte zum Volk hinab, da ihm das tägliche Brot nicht fehlt?

Mayer: Er soll von wohlhabenden Eltern sein und ihre Mittel nicht annähernd ausnützen.

Gräfin: Warum bringt er das geheimnisstrotzende Tagebuch wieder und nimmt das Bild, das er zurückträgt?

Mayer: Der Mensch weiß noch nicht, was er hier will.

Gräfin: Er experimentiert. Wie wohltuend neben fünfen, die es zu gut wissen.

Mayer: Wird er nach alldem bleiben dürfen?

Gräfin: Alles ist wieder all right! Ihm nichts bewiesen. Und ist er, der er scheint, hängt er von keinem Verbot und Erlaubnis ab.

Mayer: Neugierig bin ich auf ihn.

Gräfin: So sah ich Sie nie.

Mayer: Ich mich auch nicht unter Menschen, deren Uhrwerk abschnurrt. Aber seit gestern halte ich vor Offenbarungen, und in der Luft hängt, was selbst die Erzväter verblüfft hätte. Weiß ich auch nicht, wozu er bestimmt ist, habe ich von ihm doch mächtige Witterung.

Gräfin: Der ich unbedingt vertraue. Sie sehen ihn im Bild?

Mayer: Mitten.

Gräfin: Allein oder mit anderen verbündet?

Mayer: So selbständig, daß er eine ganz fremde Welt vertritt. Er kommt hoch aus Wolken.

Gräfin: Planmäßig?

Mayer: Naiv. Mir scheint, der verabredete Geist, in den der Unberührte bei uns fiel, brachte Elementares in ihm zur Entzündung, davon der Bilderraub nur erste Rakete war. Als schwebten statt eines einzigen Gottes plötzlich tausend Elohim wieder.

Gräfin: Wäre er des Zimmermanns Parteikamerad?

Mayer: Nichts Politisches, aber menschliches Blitzlicht, das Abenteuer und Bewegung bringt.

Gräfin: Sie machen mir Angst.

Mayer: Keine Angst. Hoffnung auf entwölkendes Gewitter. Spüren Sie es nicht so?

Gräfin: Ich habe an Ihnen gemessen zu kurzen, mystischen Atem in Vergangenheit und Zukunft. Müssen wir Vorkehrungen treffen?

Mayer: Nicht für unsern Schützling. Doch mit offenen Sinnen dabei sein.

Gräfin: Wir selbst?

Mayer: Für uns habe ich Meinung und wittere Morgenrot.

 

Zweite Szene

Klara tritt auf

Gräfin: Dein Bild fand Mayer morgens am gewohnten Platz. Das ist erledigt!

Klara: Ich sah's schon. War vorher beruhigt, weil ich köstlich schlief und rund in mir wie nie erwachte, (zu Mayer) Was sagen Sie voraus?

Gräfin: Er ist ganz Ahnung, Prophet und fast schon Hoheslied. Sprudelt Psalter und Harfe.

Mayer (strahlt): So ist's!

Klara: Gut Lassen Sie in einer Stunde spätestens die große Segeljacht hier anlegen. Zu großen Entscheidungen fliege ich hinaus.

Mayer exit

Klara: Erlöst bin ich! Das macht in der Faust Gewißheit, ich treffe in die Kerbe meines Lebens, heut fällt der Streich in den Zapfen.

Gräfin: Ich liebe dich, Kleines; kann dir's dabei nützen? (küßt sie)

Klara: Es gehört ohne weiteres dazu.

Gräfin: Und schön wie nie bist du! Dir kann's, weiß Gott nicht mißlingen.

Klara: Es müßte, Urschel, mit dem Teufel zugehen. (springt mit Kußhänden in den Garten fort)

 

Dritte Szene

Professor tritt auf

Professor: Wie steht's mit der Patientin?

Gräfin: Schon beim Golf. Himmlisch trotz eines Zwischenfalls, der vorbeiflog.

Professor: Für ihre Zukunft bin ich besten Muts.

Gräfin: Wirklich krank?

Professor: Doch mit stählernem Willen, gesund zu sein.

Gräfin: Sitz des Übels?

Professor: Nichts Sexuelles, aber eine letzte zu fällende begriffliche Hemmung.

Gräfin: Kann nicht dieser halbe Zustand –?

Professor: Zu historisch gedacht, Gräfin. Unsere jungen Menschen sind einseitig geistig orientiert. Wollen mit eigener Idee sich im Leben durchsetzen. Ob Mädchen oder Mann, wissend bedeuten, nicht unbewußt genommen sein.

Gräfin: Gott erlöse mich von meinen anderen Voraussetzungen!

Professor: Uns alle! Damit wir Gegenwart, Unkompromittiertes leben.

Gräfin: Nach welchem Rezept, zu welchem Ziel?

Professor: Unbefangen des Werdens stets höhere Vernünftigkeit.

Gräfin: Das sagt mir wenig.

Professor: Mit wenig müssen wir im Zeitalter vielfachen Mangels zu allem auskommen.

Gräfin: Es scheint leider so.

Professor: Ich denke mir ökonomische Besessenheit herrlicher als jede andere gewesene. Ist's zum Golfplatz weit?

Gräfin: Ein paar Schritte nach links. Ich zeige.

Beide exeunt

 

Vierte Szene

Klette und von Schmettow treten auf

Schmettow: Nicht erstaunlich, daß Sie nicht schliefen. Mir ging's ebenso, (setzt sich und reckt sich gähnend)

Klette: Wände spien Wasser die ganze Nacht. Plafonds dröhnten von Gestampf. Zischen, Sprudeln, Knallen von überall.

Schmettow: Hausputz vor Parade. Großreinemachen. Fünf Starter bügelten sich zum Endspurt

Klette: Mein Zimmernachbar links tobte wie ein Walroß.

Schmettow: Der Admiral – Exzellenz!

Klette: Wozu das ganze?

Schmettow: In historische Handlung platzten Sie jählings, Jüngling. Hochzeit steht vor der Tür.

Klette: Wessen?

Schmettow: Der Schloßherrin.

Klette: Wen?

Schmettow: Wer das wüßte! Bestimmt einen der fünf sich heut nacht Ankurbelnden, mich inbegriffen. Lustig, nicht wahr? Keiner von uns erfüllt ganz ihr Ideal, obwohl natürlich –

Klette: Welches?

Schmettow: Mysterium! Ein gletscherhaft steiles, bilderbuchhaftes jedenfalls. Nur Sie aus dem Tagebuch hatten Chance, es zu wissen und zu verraten.

Klette: Ich bin darauf nicht neugierig.

Schmettow: Nicht auf solches einmal im Jahrhundert auftretenden Weibes Geheimnisse? Was sind Sie denn, mon cher?

Klette: Bloß Zeitkind.

Schmettow: Das sind wir alle.

Klette: Kaum in meinem Sinn.

Schmettow: Der ist? Horazisch? Carpe diem? Dann haben Sie mich. Einen Festtag mit Marmorbadewanne und einem Reispudding, auf den ich Sie stoße, schlürfe ich hier nach dem anderen und denke so wenig als möglich an den nächsten.

Klette: Das ist römisch. Kurz vor Christus vielmehr.

Schmettow: Sind Sie sentimental?

Klette: Keine Spur.

Schmettow: Trocken wie Kompaß und Einmaleins?

Klette: Das überwand ich mit meiner Jugend und Wilhelms II. Zeitalter, als ich Bürgerliches Gesetzbuch, Kritik der reinen Vernunft und sich gleichbleibende Weise studierte, meine Bewußtseinsinhalte voraus zu wissen. Als Leben täglich wie Eisenbahn ankam, und ich plötzlich vor dem Wahnsinn stand.

Schmettow: Ah!

Klette: Als ich wußte, was zu allem Geschehen nicht nur zu denken und tun, sondern fühlend zu erleben war und wie geölter Blitz die Bahn ablief.

Schmettow: Das tun zu möglichst spätem Tod wir alle.

Klette: Ich aber muß innerhalb so banalen Zwangs einmal wenigstens der vernünftigen Vorsehung ein riesiges Schnippchen selbständig von mir aus schlagen. Hast du nicht gesehen!

Schmettow: Und darum Zeitkind, darum Tischler gar?

Klette: Darum ein anderes als Beamter, Gelehrter oder Mann von Welt mit Monokel!

Schmettow: Ihre Auffassung wird Fräulein Cassati interessieren.

Klette: Mich kaum die ihre und schaffte mir auch keine Offenbarungen.

Schmettow: Sie ist unmenschlich reich.

Klette: Was kaufe ich mir dafür?

Schmettow: Ist blendend schön und so weiter.

Klette: So schien's beim ersten Blick. Nicht schön genug, daß Besonderes für mich folgte.

Schmettow: Sie sind ein Original!

Klette: Das eben ist mir noch nicht ganz bewiesen.

 

Fünfte Szene

Admiral, Weinstein und Pfeffer treten mit Golfschlägern auf

Schmettow: Herr Klette ist komplettes Unikum; wohltemperierte Anpassung, unsere etwa, paßt ihm nicht; er glaubt, vorzüglich Zeitgenosse zu sein, weil er auf Vorposten eine Extrawurst für sich will.

Pfeffer: Was heißt das?

Klette: Nicht Zeit genosse, Zeit kind sagte ich zweimal, weil dem Kind mögliche Zukunft, nicht ausgemachte Gegenwart gehört.

Schmettow: Ah – jetzt verstehe ich!

Admiral: Ich nichts.

Weinstein: Nicht Sozialist – eher Bolschewik oder das Genre?

Admiral: Ich danke! Und so was schlief neben mir.

Schmettow: Das Bedauern war eher auf Herrn Klettes Seite. Gerade erzählte er, vor Katarakten, Wasserfällen, heut nacht aus Hähnen entfesselt, Euer Exzellenz geräuschvoller Transsubstantiation hat er kein Auge geschlossen.

Admiral: Lächerlich!

Klette: Ich bin hier stiller Gast und bitte die Herren, mir nicht länger Aufmerksamkeit zu schenken.

Weinstein: Die Bescheidenheit ist allmählich verdächtig, erklärt sie sich nicht schnell.

Pfeffer: Hat was vom Zusehen des Kiebitz beim Kartenspiel.

Admiral (brüsk zu Klette): Was wollen Sie endlich hier, Herr? Antwort!

Schmettow: Überraschung will er.

Pfeffer: Auf unsere Kosten?

Admiral: Wie der Doktor Pflasterkasten. Spionage auf anderem Weg vielleicht?

Schmettow: Auf wessen Kosten gilt ihm gleich.

Admiral: Herr, wie kommen Sie dazu?

Pfeffer: Das ist Anmaßung und üble Kinderstube.

Weinstein: Wie stellen Sie sich das vor? Machen Sie keine Klassenunterschiede zwischen uns, wir sind über den Parteien. Ohne Umschweif heraus mit Ihrem Programm usw.

Klette: Herr von Schmettow hetzt uns zu seinem Vergnügen aneinander, während ich außerhalb hiesiger Zusammenhänge stehe.

Schmettow: Sie bilden den eigenmächtigen Kontrapunkt zu ihnen, behaupten Sie; dem Sinn gegenüber, den alles von uns hier Veranstaltete nur haben kann, erwarten Sie klotzigen Blödsinn.

Klette: Ich sagte, gerade hier bezweifle ich seine Möglichkeit.

Weinstein: Aber drücken Sie das zeitgenössisch politisch aus. Lüpfen Sie Parteifarbe. Aus verschiedensten Lagern leben wir hier vorurteilslos beieinander.

Pfeffer: Hier herrscht Freiheit sans gêne bis zum Exzeß.

Schmettow: Überzeugungsfreiheit, nicht Freiheit der Manieren, meint Herr Pfeffer.

Pfeffer: Gott sei Dank!

Admiral: Was ist das für Kauderwelsch! (zu Klette) Antworten Sie rund einem Soldaten!

Klette: Ich denke nicht daran, Exzellenz.

Pfeffer: Was?

Admiral: Das ist Beleidigung, Herr!

Klette: Das ist Nötigung, Exzellenz!

Admiral: Sie schweigen zuviel verdächtiges Zeug zusammen.

Weinstein: Auch vor dem radikalsten Bekenntnis soll man sich heut nicht mehr drücken, im Zeitalter der Götzendämmerungen usw. usw.

Pfeffer: Heraus damit!

Admiral: Ich will Sie, ehe Sie sich unter Vorwänden hier einfilzen, zu Ihrem Katechismus zwingen! Sonst rufe ich Polizei und mache kurzen Prozeß.

Schmettow: Aber meine Herren!

 

Sechste Szene

Klara, Gräfin, Kothe treten auf

Klara: Aufruhr? Terror? Verschwörung?

Die Herren fahren auseinander

Schmettow (zeigt auf Klette): Da steht der Schuldige!

Gräfin (zu Klara): Schon wieder.

Klara: Wessen?

Schmettow: Perverser Weltanschauung.

Weinstein: Politischer Intrige aus dem Effeff!

Klara: Welcher?

Admiral (zu Klette): Verteidigen Sie sich vor unserem höchsten Richter! (küßt Klara die Hand)

Weinstein: Dekuvrieren Sie endlich den Bombenschmeißer oder Schlappschwanz. Hier weht Höhenluft usw.

Klette: Ich kenne die Anklage nicht.

Klara (zu Schmettow): Sie heißt?

Schmettow: In diesem eisernen Zeitalter –

Kothe (kichert): Eisern?

Schmettow: Im Zeitalter ökonomischer Vernunft, (zu allen) Präzis genug?

Alle (außer Ursula und Klette): Ja!

Schmettow: Proklamiert Herr Klette als oberste Forderung ans Leben –

Klara: Was?

Schmettow: Die unursächliche Erscheinung: Zusammenhang- und Voraussetzungsloses, dessen Manifestation ihn auch hier nur blenden würde.

Pfeffer: Unerhört im endlich erreichten Zeitalter der Vernunft!

Kothe (kichert)

Klara (mit Blick zum Professor zu Klette): Erklären Sie das, bitte!

Klette: Ich lehnte den Herren die Beantwortung ab. Auf Ihre Bitte stehe ich Rede.

Klara (setzt sich; die übrigen so im Kreis, daß der Professor bei Klara, Klette ihr diametral entgegensitzt)

Klette: Vorausgesetzt, alle heutige Allgemeinheit, was sich mit Stolz und Bewußtsein Zeitgenosse nennt –

Gräfin: Juste milieu!

Professor (mit Blick auf Klara): Aha!

Klette: Betet als Lebens Inbegriff Vernünftigkeit an. Jedermann nach des einzelnen Begabung ist lauer oder fanatischer Gläubiger, anonymer oder politisch hervorragender Zeitgenosse, aber niemand kennt andere Götter neben ihr.

Gräfin: Wer sollte das nach Ihrer Meinung sein?

Klara: Güte zum Beispiel?

Klette: Was nicht Vernunft ist – nennen Sie's Güte –, kann nur, was Vernunft ausschließt, Unvernunft sein.

Klara: Ja. Auch Güte ist schließlich unvernünftig!

Professor: Richtig!

Pfeffer: Hört, hört!

Kothe: Fabelhaft fesselnd! (kichert)

Klette: Ich sagte zu Herrn von Schmettow nichts als, da meine Natur mit stereotypem Genuß, vernünftig zu sein, nicht auskommt, da ich buchstäblich damit krepieren müßte, ich sei kein echter Zeitgenosse, Zeitkind höchstens, gehöre schon späterer Generation, die andere Ansprüche haben wird, an.

Weinstein: Radikalere auf gleicher Bahn! Sehen Sie Sowjetrußland, Lunacharski. Gehen Sie nach Moskau, Knabe, wie ich!

Professor: Welch Widerspruch! Sie geben diesen ausschließlichen Trieb aller Natur zu und schließen Ihre ohne logisches Bedenken aus?

Admiral: Gehört sie nicht dazu?

Klette: Natur als Ganzes fasse ich nicht wie meine, von der das Behauptete stimmt.

Weinstein: Welch Unsinn! Schade um den Mann. Ich dachte politischer Ultra usw.

Klara: Und was verlangt Ihre mehr?

Klette: Den Unsinn, den der Herr so freundlich war, einzuwerfen.

Kothe (kichert)

Schmettow: Glatt, was ich sagte.

Klara: Und Sie wehren sich nicht stürmisch gegen diesen rudimentären Trieb in Ihnen?

Professor: Empfinden ihn nicht als entwicklungsgeschichtlich tot und überwunden?

Klara: Machten nicht alle Mittel der Erziehung und besseren Wissens gegen ihn mobil?

Klette (heftig): Mit allem, was ich bin, empöre ich mich nur gegen erstarrte Vernunft und ihre Fallen auf Schritt und Tritt. Will nichts, als ihr ein einziges Mal entschlüpfen.

Kothe (kichert): Kolossal!

Pfeffer: Deutlich Dementia!

Klara (ist aufgestanden)

Professor (leise zu ihr): Nehmen Sie's sich doch nicht zu Herzen! (zu Klette) Sie verloren Richtung, Kontrolle, Herr!

Klette: Befinde mich wohl dabei!

Gräfin (zu Klara): Was hast du? Fass' dich, Klara!

Klara (tritt brüsk von der Gräfin fort, vor Klette hin): In einem Zeitmoment, der kein Atom verschwendeter Energie zu wagen hat, da alle Einzelheit zu einem Ziel gezählt ist, vergeuden Sie sündhaft Kräfte vom gemeinsamen Wirken fort.

Klette: Meine Sache, ob ich mit mir geize oder verschwenderisch bin.

Schmettow: Der entfesselte Zeitgenosse mit einem Wort!

Klara: Kein Recht am Mitmenschen haben wir als seine Sparsamkeit. Ich mache die Herren zu Richtern über uns. Wer steht zu Herrn Klette?

Professor: In solcher Form ist das von ihm Ausgesprochene nicht diskutierbar.

Weinstein: Politisch nichts damit anzufangen. Es ist Gewäsch und gefährlich dazu usw.

Gräfin: Er meint, was auch ich als meines Lebens anderes Bedürfnis empfinde, (zu Klara) Du kennst es seit langem.

Admiral (hitzig): Ich aber sage, er lästert! Macht sich wichtig. Das ist die verfluchte Insubordination, das Aus-der-Front-Weglaufen. Geist des Aufruhrs, der wie Wurm an allem Erreichten frißt und Entwicklungen durchlöchert. Das große Minus!

Pfeffer: In jeder Weltanschauung, die Respekt will, heißt's einer für alle und alle für einen! Basta!

Kothe: Bravissimo!

Weinstein: Bolschewismus sogar, mein Lieber, Anarchismus hängt von strengster Diktatur ab. Das lassen Sie sich von einem, der die Faust am Puls der Weltgeschichte hat, gesagt sein!

Pfeffer: So spricht ein radikaler Volkstribun.

Kothe: Kunst sogar, die himmlische, schwebt nur zwischen Regeln und Gesetzen frei.

Professor: Sie spielen Blindekuh – das sagt mit Überzeugung Wissenschaft.

Schmettow: Er markiert Romantik mit einem Wort.

Klette: Ich brauche von niemand Urteil. Verlange aber, an meinem Ernst nicht zu zweifeln, wie ich den Ihren akzeptiere.

Klara: Niemand zweifelt an ihm. Um so schrecklicher wirkt er. Jeder sieht aber auch Ihre krasse Jugend. Und die ist's, die mich Sie bekehren, treibt.

Klette: Ich mag nicht in Sicherheiten und Stillstand gerettet sein!

Admiral (zu Pfeffer): Frechheit!

Pfeffer (zum Admiral): Prolet!

Klara (hilflos zum Professor): Professor!

Professor (zu ihr): Reagieren Sie nicht!

Gräfin: Sei stark!

Klara: Wie soll ich?

Professor (zu Klette): Fort von Eitelkeit, originell mit etwas, das alt wie Methusalem ist, sein zu wollen, endlich an höhere Erkenntnis heran!

Klette: Das ist Bekenntnis-, nicht Erkenntnissache!

Admiral: Aber nicht jeder, Donnerwetter, darf privaten Blödsinn bekennen. Wir leben nicht im Irrenhaus!

Weinstein: Das wäre noch schöner.

Pfeffer: Solidarität in Ewigkeit!

Klara (zu Klette): Reden Sie nicht länger; bekennen Sie durch Tat.

Professor: Hic Rhodus, hic salta!

Klette: Hinge die von mir und bestimmter Stunde ab, wäre sie wie Ihr fataler Rest auch ausgerechnet. Ich warte und bleibe bereit.

Klara: Für welche Notwendigkeit?

Klette (langsam und fest, indem er sie mit Blicken mißt): Für alles Mögliche.

Schmettow: Ich schlage den Herrschaften vor –

Gräfin: Wolltest du nicht aufs Wasser fort?

Admiral (zu Schmettow): Der Lümmel verdirbt uns den Tag. Jagen wir den Hund davon.

Schmettow: Das Schiff! Irene, die Jacht. Jetzt aber hinaus!

Admiral, Schmettow, Pfeffer, Kothe und die Gräfin eilen zum Schiff. Klette folgt langsam. Sie sind mit dem Schiff, das mit Braun bemannt ist, beschäftigt

Professor: Sein Hochmut ist Impuls aus Büchern. Aus Hilflosigkeit verweigert er mitmenschlich Positives.

Klara: Wir aber stellen ihn jetzt für seine unmenschliche Herausforderung, reißen ihm das Kainszeichen frecher Vereinzelung von der Stirn.

Professor: Statuieren Sie auch für die anderen das Exempel. Richten Sie aus seiner Niederlage Ihren endgültigen Sieg auf.

Klara: Ich will! Und spüre, der Bursche war mir dazu wahrhaftig noch notwendig.

Professor: Sie brennen!

Ein Windstoß fegt über die Szene

Klara: Entscheidung bläst mit Wind in meine Nüstern. Ich merke – endlich kann ich's. Auf Wasser hinaus!

Pfeffer (ihr entgegen): Landwind macht auf. Warten wir besser?

Klara: Endlich mag mit uns Natur ein Äußerstes tun. Fort mit mir, wer Kräfte fühlt (sie springt ins Schiff)

Admiral Schmettow, Weinstein, Pfeffer, Kothe folgen

Klara (aus dem Schiff): Nicht mit von der Partie, Herr Klette?

Klette: Gern. (springt hinein)

Kothe (singt malerisch an den Mast gelehnt aus dem fliegenden Holländer«): »Über sturmhohe Flut durch Meer und Wind« usw.

 

Siebente Szene

Professor: Und Sie allein, Gräfin, verwerfen nicht des Heißsporns Manifest?

Gräfin: Unbedingt als fixe Idee, wie er es herausschreit Zu soviel entfesseltem Schicksalswillen wünschte ich ihm dem Unentrinnbaren gegenüber ein Teil Demut wie ich unserer Patientin eine Dosis seiner Visionslust in blinden Unterwerfungstrieb herabflehe. Beide vereint erst könnten vollkommen funktionieren.

Professor: Mit solcher Harmonie, die ein Böswilliger Apathie nennen könnte, wären sie keine Exponenten eines Fortschritts mehr, doch zeitlos anonymer Niederschlag.

Gräfin: Und wäre das nicht menschlich?

Professor: Banal und uneuropäisch. Ohne Konstruktion und Gotik des Abendlands.

Gräfin: Ah!

Mayer (tritt auf): Schneller als man denkt, ist das Wetter da. Soll man die Herrschaften nicht zurückrufen? Noch ist es Zeit.

Gräfin: Braun ist im Schiff. Kennt Wind und Wetter am besten und ist vorsichtig.

Ein Windstoß

Professor: Es weht beträchtlich.

Gräfin: Sie ahnten Sturm und blieben zurück?

Professor: Ich bin Nichtschwimmer, und mir bekommt das Geschaukel nicht.

Gräfin: Herr Mayer und ich auch, scheuen den tückischen See wie die Pest.

Mayer (vom See her): Herr Klette auch. Aus Befangenheit hat er sich geopfert. (plötzlich) Braun will zurück, dreht. Nein, er muß weiter hinaus. Sie rufen!

Gräfin (läuft mit Professor zum See): Braun ruft.

Mayer: Braun schreit!

Professor: Fräulein Cassati ist aufrecht am Mast. Kommandiert!

Gräfin: Hören Sie, was?

Windstoß, der dem Professor den Hut fortweht. Man hört Klaras Schrei

Mayer (Hände an den Ohren): Mir nach! ruft sie. – Wer – wohin ihr nach?

Gräfin (stößt einen Schrei aus)

Professor (läuft zu ihr zurück)

Gräfin (schreit lauter zum zweitenmal)

Professor: Sie springt!

Mayer: Springt, Gott Israels – ins Wasser – verschwunden!

Professor: Da! Schmettow hinterher –

Gräfin: Nein, Kothe – nein.

Professor: Klette – Klette ihr nach!

Mayer: Er schwimmt nicht!

Gräfin: Braun hinein!

Mayer (hat seinen Rock abgeworfen)

Professor (schreit): Aber Sie schwimmen auch nicht. (hält ihn)

Gräfin: Herr im Himmel!

Professor: Braun da!

Gräfin: Mit ihr!

Professor: Wie er stützt, drängt, vorwärts schiebt! Ha! Gleich sind sie an Land. Da!

Mayer: Da endlich!

Gräfin: Gerettet! (schüttelt stürmisch Mayers Hände)

Professor: Braun ins Wasser zurück!

Mayer: Nach Klette.

Gräfin: Wäsche, Wärme, Alkohol! (eilt davon)

Professor: Was tun die anderen? Der Admiral?

Mayer: Händeringend, schreiend – sämtlich trocken in Hemdsärmeln an Bord. (riesige Windstöße) Schmach und Schande!

Professor: Da Braun! Ich laufe! (exit)

Mayer: Und Klette – Klette – Klette –!

Jetzt tobt Sturm, Donner und Blitz

Mayer (im Gebet):

»Daß ihn die Flut nicht überschwemme,
Der Abgrund ihn nicht schlinge,
Die Gruft nicht über ihn sich schließe!
Erhöre mich, Gott! Denn Deine Güte ist tröstlich!«

(schreit) Braun da! Mit Klette! Rudert, hält ihn – hebt ihn ans Land. – Gerettet! (läuft davon)

Vorhang

 

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