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Der entfesselte Zeitgenosse

Carl Sternheim: Der entfesselte Zeitgenosse - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer entfesselte Zeitgenosse
authorCarl Sternheim
year1920
publisherKurt Wolff Verlag
addressMünchen
titleDer entfesselte Zeitgenosse
pages89
created20120204
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der dritte Aufzug

Erste Szene

Anderer Teil des Parks. Die Fassade deckt einen Teil des Hintergrunds. Links springt in der ersten Etage ein breiter Balkon so vor, daß er, von seiner Schmalseite dem Zuschauer sichtbar, des Hauses Seitenfront andeutet. Links vorn ein Stück des Parkgitters mit Tor.

Schmettow (taucht vor dem geschlossenen Tor im Autodreß und Brille auf) Sind Sie allein?

Mayer Wer ist das?

Schmettow (lüpft die Brille und setzt sie sofort wieder auf)

Mayer Herr von Schmettow wieder!

Schmettow Noch einmal im Flug vorbeibrausend. Streng inkognito. Mein Schatten gleichsam.

Mayer Wie es hier schließlich ablief, wollen Sie wissen?

Schmettow Aus höherer Schickung peinlich für mich und die andern. Das steht leider fest.

Mayer Aber

Schmettow Was verschlägt's? Das ist Vergangenheit. Aber 64 Zukunft bleibt, die trotzdem gelebt sein will. Die Gräfin bei leider überstürztem Abschied

Mayer Die Herren waren wirklich Hals über Kopf verschwunden!

Schmettow Nur zu begreiflich aus Umständen. In die Versenkung. Flucht in der Tat. Die Gräfin gab trotzdem auf ferneren Lebensweg mir einige Rezepte mit.

Mayer Wie?

Schmettow Darunter das für die unvergeßliche, geradezu königliche Reispunschtorte. Leider sehen Sie hier blieb mir ein Hauptingredienz völlig unverständlich. Hören Sie (er liest): Man kocht Reis mit Schlagrahm und Zucker dick und weich, mischt ihn mit einem Eßlöffel Punsch und streicht das Ganze in kleine Formen Butterteig, gibt auf diese ein wenig Marillensalse

Mayer Marillensalse?

Schmettow Marillen sind Aprikosen, gelang mir festzustellen. Aber Salse was ist Salse? Und ich bin überzeugt, von dieser Salse hängt des Ganzen Gelingen ab.

Mayer Das ist mir auch vollständig fremd.

Schmettow Kurz, ich will von Ihnen nichts, als Sie kundschaften unbedingt, und ohne daß ich als Frager genannt werde, von der Gräfin aus, was Salse bedeutet, und 65 geben mir, am besten telegraphisch, Bescheid. Hier Adresse und Kostenvorschuß.

Mayer Danke, Herr von Schmettow. Wird besorgt. Und keine Bestellung sonst der Herrschaft?

Schmettow Um Gottes willen. Hin ist hin. Es kostete mich Überwindung genug, hier im Flug noch einmal aufzutauchen. Aber

Mayer Marillensalse! Wird besorgt.

Schmettow Zu Gegendiensten stets bereit, und damit hollah! (Verschwindet.)

Mayer (durchs Tor ihm nach)

 

Zweite Szene

Es treten auf Klara, die Gräfin, Professor

Professor Nach Ausflug in unmittelbare Todesnähe, so mühsamer Genesung müßte er Wochen wenigstens in neue Kräfte hinein erst ausruhen.

Gräfin Mit keinen Gründen ist er mehr zu halten, will heut noch fort. Schon locken ihn neue größere Horizonte.

Professor Was will er arbeitsunfähig draußen?

Gräfin Wieder erlebensfähig muß er hinaus. 66

Professor Dann soll er! Uns aber trifft bei einer Katastrophe kein Vorwurf. Was stört ihn hier im Eldorado?

Klara Meine nicht verheimlichte Dankbarkeit vielleicht.

Professor Die sich doch wirklich aufdringlicher Manifestation enthielt. Mein Gott, der Mann mit voller Gewißheit, ersaufen zu müssen, springt im Impuls für Sie ins Wasser. Jede andere wäre ihm dafür erschüttert und gleich um den Hals gefallen, hätte aus Gefühlsfülle ihn nicht wieder losgelassen. Sie mit günstigen Voraussetzungen in Ihnen nahmen auch dies menschliche Wunder verhältnismäßig gefaßt auf, sodaß ich als Arzt stolz auf Ihre zeitgenössische Enthaltsamkeit bin, und jetzt soll trotzdem?

Gräfin Kleinste Sorgfalt, die er nötig hat, ist ihm Greuel.

Klara . Ein paar Worte kühlen Danks, die ich ihm gestern endlich sagte, brachten ihn aus Rand und Band. Unhöflich ich sage besser die Wahrheit unverschämt lehnte er ab.

Professor Sie selbst dürfen sich nicht sehr beklagen. Ihnen kommt er zu eigenen Wünschen zu Hilfe, sich Ihrem in dem Fall ausnahmsweise berechtigten Drang erwiderter Nächstenliebe dennoch zu entziehen. Nachdem er Sie von fünf über Ermessen schmählichen Freiern schon befreit hat. 67

Gräfin Von vier brillanten Schwimmern, die im gegebenen Augenblick restlos versagten und einem Admiral, der, Nonsens, überhaupt nicht schwimmen konnte.

Professor Das war der Gipfel! Welch schimpfliche Bande, die noch dazu Europas Auslese schon in die Flucht geschlagen hatte.

Gräfin Ihr jähes Verschwinden zur gleichen Stunde war das Peinlichste in meinem mit Peinlichkeiten gesegneten Leben und wird nur von Briefen Weinsteins und Pfeffers übertroffen, die heute ankamen, und die ich vorlese. (Liest) Pfeffers! »Sie, als einzig korrekt erzogene Frau von Stand in diesem fadenscheinigen Haus, begreifen ohne weiteres meine plötzliche indignierte Flucht aus Exzessen, die mir für keine Qualität der betreffenden Dame das Wort in Anführungsstrichen!

Klara (lacht) Ich Dame in Anführungsstrichen!

Gräfin (liest) Mehr Gewähr boten.«

Klara Reizend! Und Weinstein?

Gräfin (liest) »Ich halte es für selbstverständlich, entschlösse Fräulein Cassati sich, mich für in ihrem Haus zwecks Erziehung zu Zeitidealen nutzlos vergeudete Zeit und Arbeit, über die ich der Epoche 68 und den von mir Geführten Abrechnung schulde, angemessen zu entschädigen, wobei ich annehme, daß in Anbetracht der Höhe des von mir mit meinem Leben angestrebten Ziels die Summe nicht zu niedrig gesetzt wird.«

Professor Bravo!

Klara Das ist stark.

Gräfin Während Kothe nur blöde kicherte, würdigte mich Schmettow, der bei weitem Wertvollste, mündlichen Abschieds und nahm nur unseres Reispunschpuddings Rezept auf fernere Reisen mit. Schnalzte vor Wollust mit der Zunge.

Professor Sie sollten, liebe Freundin, Europa für ein Weilchen verlassen und jenseits der Meere neue Ausschau halten.

Klara Ich finde, ich selbst blieb nicht bei der Stange, und (zum Professor) auch Sie sind letzthin nicht mehr konsequent mit mir. Was hätte ich nach unserer Theorie Besseres als meiner sämtlichen Verehrer glattes Versagen wünschen können, das mir Sicherheit und Freiheit des Gefühls ließ, die ich glühend verlangte? Sondern schon vor meiner Tat war im Plan selbst aus Klettes Worten im letzten Augenblick ein Bruch, der sich in mir noch nicht wieder gefügt hat.

Professor Aber gerade nach den Ereignissen Ihre Haltung 69 bis zu diesem Augenblick beweist, daß selbst überraschendstes Phänomen Sie nicht irr machte, Sie sogar Elementarem gegenüber fest im Entschluß blieben. Ekelte Sie neben des Jünglings Ekstase der Liebhaber Erbärmlichkeit, ist das naives Ressentiment, das Sie für Zukunft nur sicherer macht. Nach dem Ereignis sehe ich in dem von Ihnen früher gefürchteten Sinn überhaupt keine Gefahr mehr für Sie.

Gräfin Keinen Moment gingst du ihm gegenüber aus Grenzen überlegten Danks.

Professor Der berechtigt ist und zum Teil der Genugtuung über seine eigene Rettung entspringt.

Gräfin Denn seine Opferung für dich war ganz. Theoretisch sein Leben hin.

Professor Von einem Allüberschauenden könnte ich mir, was wir an Sensationen erlebten, nicht besser angelegt und gelöst denken. Als ich kam, war Ihre Angst und Hoffnung Theorie, kaum Aussicht, sie in kurzer Frist zu verwirklichen. Heute haben Sie aus Tatsachen für Künftiges eigenes Maß, sind sicher wie ein Feldherr nach gewonnener Schlacht und entlassen wirklich besser schon jetzt seinem Wunsch gemäß den Helden eines gewesenen und begriffenen Stücks, dem wir Beifall klatschen.

Gräfin Herzensbeifall, da, was er wollte, er sich aus Zusammenhang mit dir auch noch erfüllte. 70

Professor Wofür er Ihnen nicht kleineren Dank schuldet als Sie ihm.

Gräfin Womit eure Beziehungen ausgeglichen sein könnten.

Professor Ich sagte, ein Allüberschauender hätte es nicht besser vollendet. Und wenn ich eins bedauere, ist's, daß der Arzt so wenig wirken konnte.

Klara Ich vergesse nicht, was Sie für mich taten.

Professor Leider nichts. Sie mehr für mich, und Sie werden sehen, wie Sie in meinem Werk über zeitgenössische Gebrechen anonym, doch im Strahlenkranz wirklich neuzeitlich überwundener Krankheit auftreten werden. Sehr bereichert gehe ich von Ihnen.

Klara Im falschesten Moment gingen Sie jetzt. Denn der Fall Cassati ist nicht abgeschlossen.

Gräfin Er scheint doch mit Voraussetzung und Beweis.

Professor Aus nur allgemeiner Meinung lehnten Sie ursprünglich gefühlvolles Verhältnis zu Mann und Welt ab. Heute dürfen Sie es aus persönlicher Erfahrung.

Klara Nein. Zu meiner Voraussetzung gehörte: Tat wie Klettes war nur in Bilderbüchern oder Chroniken ehrwürdigen Alters; zeitgenössisches Wissen aber leugne sie wie mein eigenes erlebtes radikal. Und 71 so war meine Angst vor Exzessen jenseits der Grenzen der Epoche korrekt, mein stärkeres Liebäugeln mit ihnen wirklich die von mir erkannte Zeitkrankheit. Im Augenblick, da Klettes Aufstand auch zur Wirklichkeit gehört

Professor Ausnahme!

Gräfin Nur zu seiner vielleicht.

Klara Das gibt's nicht. Wie wir an der Mitmenschen massenhaftem Elend teilhaben, so natürlich an ihrem selteneren Mut und Glück. Und das spüre ich über noch Ungeklärtes deutlicher von Minute zu Minute. Auch mich hat Tat dieses Manns bereichert! Und ich dulde nicht, sie schwindet aus meinem Gedächtnis. Denn wie unwahrscheinlich ihre Nachahmung, wie ausgeschlossen ein zweites Wunder nach diesem auf Erden ist, ihm allein gegenüber ist mein bisheriger Standpunkt jetzt falsch. Auch ungehemmtestes Gutsein zu ihm bliebe mir ungefährlich, da ohne Ursache er schon viel gütiger zu mir war. Sicherer als mit Selbstzwang wäre ich, wie ursprünglich geboren, bei ihm, und billige ich noch nicht im Prinzip seine menschliche Verschwendung, in meinem besonderen Fall, fühle ich, bin ich in sie vernarrt.

Gräfin O weh!

Professor Das ist nicht wahr! Ist nur Ansteckung von ihm her, von der ich Sie leicht und unter allen 72 Umständen heile. Erst jetzt fängt also meine ärztliche Aufgabe an.

Klara Ist nicht mehr wie nur Gedachtes in mir umzudenken. Weil über Skepsis und eindringlicher Warnung Gewißheit einer Wirklichkeit steht, der ich mich nur zu gern beuge.

Professor Wollen Sie dicht am Ziel erhaben angelegtes Krankheitsbild zu banaler, verzeihen Sie den Ausdruck kitschiger Lösung bringen?

Gräfin Verleugnest du für neue Wirklichkeit hunderttausend gewesene, muß dir die einzige wertvoller als alle anderen sein.

Klara So scheint es.

Professor Aber ich beschwöre Sie! Sie verpatzen ein glänzendes Paradigma, drohen aus logischer Folge ins Chaos fortzubrechen.

Klara Ich fühle mich urtümlich auf sicherer Spur.

Professor Und ich beweise Ihnen schriftlich Ihre Irrtümer. Meine minutiöse Beschreibung des Falls ist bis zum letzten Schluß gediehen, ein Nichts fehlt in unvergleichlicher Darstellung. Lassen Sie mir ein paar Stunden, bis morgen früh noch Zeit; und ich erleuchte Sie bis in Ihres Wesens Kern. 73

Gräfin Tu's!

Klara Aber mein letzter Punkt scheint gesetzt.

Professor Aus Ahnung und Instinkt unmöglich! Formeln, Absolutes bringe ich, geben Sie der Wissenschaft Zeit bis morgen früh. Sie müssen's auf Grund unserer Abreden. Ich bestehe darauf!

Klara Gut. Ist's nicht zu spät, höre ich morgen früh noch ihre besseren Gründe.

Professor Tausend Dank! (Wischt sich die Stirn.) Ich muß fort, stürze zur Arbeit. Jetzt packten Sie auch mich am Kern. Eigene Notwendigkeit mit der meiner wissenschaftlichen Behauptung muß ich, koste es, was es wolle, beweisen. Aber ich schaff's noch. (Exit.)

 

Dritte Szene

Klara Er begreift mich nicht, hilft mir nicht mehr.

Gräfin Warum?

Klara Er urteilt, nicht über mich allein, über Welt summarisch. Schließlich ist aber letztes Begreifen kein Einmaleins, kein Logarithmus, den man vom Blatt liest, doch Gleichung mit Unbekannten. Daß wir einst wissen können, ist kein Grund zu tun, als wüßten wir immer schon. 74

Gräfin Du tust ihm Unrecht. Denn diese deine andere Einstellung ist neu bei dir und hat Gründe, die er nicht kennt.

Klara Welche?

Gräfin Ist das unter uns Frauen nach dem Auftritt eben nicht klar? Früher, als alles glatt und geradezu war, wehrte das Weib sich nicht gegen Gefühle, die durch weniger freche Welt allerdings weniger bloßgestellt waren. Was du von Kindheit an in deinen Kreisen an Liebe und ihrer mesquinen gesellschaftlichen Aufmachung sahst, mußte dich mißtrauisch machen.

Klara Ursula!

Gräfin (legt beide Hände auf Klaras Schultern und sieht sie bedeutend an) Ich wette, Klärchen, du bist ganz einfach in Klette verliebt. (Küßt sie.) Und das ist mir, die ich nicht logisch lebe, ganz natürlich. Wem, der so wenig an es glaubte, geschah drastischeres Wunder vom Mann? Endlich ist durch sein Heldentum in dir ursprüngliches Weib berührt, das für ekstatische Möglichkeiten Ursache und Quelle wurde, und die sie unter allen Umständen bleiben will.

Klara Aber

Gräfin Du bist stolz. Ich weiß, wie sehr und aus geistigen Vorwänden weit vom Geständnis entfernt. Aber 75 diesmal wird dir auch überlegtestes Geflunker nichts nützen, weil Blutanschluß geschah, du weiter nach ihm verlangst, und wieder eine andere Widerspenstige zahm wird.

Klara Du sagst es.

Gräfin Du fühlst es vor! Warum willst du weinen? Umweg! Freu dich geradeheraus. Ich freue mich auch, und Mayer, der zuerst und erhabener ahnte, wird vollends selig sein.

Klara Wie kann ich?

Gräfin Wenig bleibt dir zu tun, da alles Schicksal weiter in seinen Händen liegt. Vielleicht kann ich helfen, obwohl, wie sicher ich dir deine Wahrheit auf den Kopf zusagte, ich nicht weiß, was von ihm zu erwarten ist. Auch das könnte höchstens wieder Mayer prophezeien! Da kommt er, wie gerufen.

 

Vierte Szene

Mayer (tritt auf)

Gräfin Sie holen uns zum Nachttee. Wir danken und wollen von Ihnen wissen, was unser steinerner Gast vorhat, und was aus ihm wird?

Mayer Er geht in der Minute. Stellte gerade in der Halle sein Bündel zurecht und nahm den Hut; wird gleich zum Abschiednehmen hier sein. 76

Klara Und?

Mayer Strudelnder Teig. Wieder geladen und bald von neuem entfesselt. Nicht daran rühren! Ruhe des Bewußtseins seiner Großtat scheint nachzulassen. Er verliert Überlegenheit, und Folgen zeigen sich von weitem an.

Klara Aber welche?

Mayer Wer das wüßte! Doch ist mit ihm jetzt nicht zu spaßen.

Gräfin Wir kommen gleich.

Mayer (exit nach links im Augenblick, da Klette auftritt im Rucksack, Hut in der Hand von rechts)

 

Fünfte Szene

Klette (der sich verneigt)

Gräfin Der Professor wird über Ihre plötzliche Flucht empört sein.

Klette All die Zeit über ich empörter über mein endloses Ihnenzurlastfallen.

Gräfin Man ließ es Sie nicht merken?

Klette Für aufopferndste Pflege habe ich zu danken und weiß nicht, wie ich lohnen soll. 77

Klara Lassen wir das. Gilt Ihnen der Versuch meiner Rettung schon nichts, vermeiden Sie, sich als Beschenkten hinzustellen. Immerhin wagten Sie Ihr einmaliges bißchen Leben für mich. Stellen wir das ruhig an unseren Abschied und sehen Wahrheit wahrhaftig.

Klette Ich wagte mein Leben nicht für Sie. Es zu wagen, hätte ich Umstände, Aussichten wägen und entscheiden müssen. Aber ich war im Gegenteil gar nicht im Bild, hatte keine Absicht mit Ihnen; sondern es geschah nur, daß in dieser Situation, an die ich allein nicht angeschlossen war, auch ich auf meine Weise lebte.

Gräfin Eine reizende Weise!

Klara (sieht ihm fest ins Auge) Sie wahren mächtig Distanz zu mir.

Klette Ich vermeide, Beziehungen zu kombinieren.

Gräfin (ist in den Hintergrund verschwunden)

Klara Was führte Sie ursprünglich zu mir?

Klette Ein verlorenes, rotseidenes Taschenbuch mit Bändern.

Klara Lasen Sie es?

Klette Es interessierte mich von einer Fremden nicht. 78

Klara Nahmen Sie am gleichen Abend mein Bild (sie zeigt) oben vom Schreibtisch?

Klette Ja!

Klara Stahlen es?

Klette Ja!

Klara Brachten es gleiche Nacht über eine Leiter (sie zeigt auf die, die neben dem Balkon am Haus lehnt) die da! zurück?

Klette Ja!

Klara Warum geschah das?

Klette Das Bild fand ich schön.

Klara Ich bin achtzehn Jahr darauf.

Klette Das Bild sollte mich trösten. Das Mädchen hätte mich hingerissen. Als ich den Unterschied zur Wirklichkeit besehen hatte, brachte ich's zurück,

Klara Das ist nicht schmeichelhaft.

Klette Nein. Es ist Wahrheit.

Klara Lieben Sie sie?

Klette Sehr. Und bekenne sie, wo ich kann. 79

Klara Was nennen Sie so?

Klette Was ohne Rücksicht auf uns, vor Urteil in allen Dingen ist.

Klara Eigentümlich manifestiert?

Klette Und immer anders! Dem ich mich gläubig unterwerfe.

Klara Etwa?

Klette Kein Europa. Nicht Ziffer, Rechnung und Kapital. Aber Zufälliges, bunt Mannigfaltiges. Imponderabilien überall.

Klara Das heißt auf Sie bezogen?

Klette Imponderabilien.

Klara Auf mich?

Klette Ebenso. Während Ihr Gold, Vermögen und wäre es krösushaft Nummer und Marke ist, an der man Ihr Leben abliest.

Klara Keine Überraschung möglich, kein Wunder, Rest Freiheit in mir?

Klette Nichts, soweit ich sehe. Aber bis zu Ihrem jüngsten Tag Addition, Subtraktion aus Banknoten, Scheckverkehr, Spekulation auch mit Menschen; das 80 Langweiligste, das es gibt. An dem, auch nur einen Augenblick teilzunehmen, mich vernichten würde.

Klara Schade um mich.

Klette Warum in Ihrer Welt? Ohne mein Erscheinen hätten Sie es nie erfahren und werden es schnell wieder vergessen.

Klara Hoffen wir's. Wohin gehen Sie von hier?

Klette Überall außer in Europa ist Platz für mich. Millionen Quadratkilometer blieben in Australien, Asien unbewohnt. In Afrika, Südamerika starrt belebende Einöde. Es ist zu tausend Aufbrüchen hohe Zeit! Man muß nicht an elektrischen Ofen, an Straßenbahnen angeschlossen sein.

Klara Glauben Sie?

Klette Ich verabscheue Hauswirte, Huren, Polizei und Heimatscheine. Auch Diktatur des Proletariats ist mir zu bewußter Ausdruck und Kommando.

Klara Auch das hat Reize.

Klette Ich reagiere nicht.

Klara Aber die Achtzehnjährige hätte Ihnen gefallen?

Klette O die (Geste) Vollkommen!

Klara Warum? Überraschungsmöglichkeiten? 81

Klette Imponderabilien.

(Pause.)

Klara Sonst haben Sie mir beim Abschied nichts zu sagen?

Klette Nichts, was daneben gälte.

Klara Nichts?

Klette Garnichts!

Klara Leben Sie wohl! (In den Hintergrund.) Leben Sie wohl (sie winkt). Zeitkind! (Verschwindet schnell.)

Klette Uff! (Setzt seinen Hut auf.) Erledigt! Fort!

 

Sechste Szene

Gräfin (erscheint wieder) Ist sie fort? Der Abschied ging flink. Hatten Sie sich nichts Wichtiges zu sagen?

Klette Nichts. Abgründe von Mensch zu Mensch.

Gräfin Von Ihnen zu ihr. Ich wüßte nicht, was Ihnen an ihr gefallen sollte, da äußere Vorzüge an Ihnen versagen. Dagegen glaube ich, Sie paßten ihr besser.

Klette Kaum. 82

6 Sternheim, Der entfesselte Zeitgenosse

Gräfin Das sehen Sie falsch. Kurz, doch nachdrücklich traten Sie als Held auf. Wie wenig Sie es wahrhaben wollen, von außen schien die Sache schneidig und auch für die blasierteste Mädchenerwartung prachtvoll.

Klette Wirklich? Ich glaube, Sie irren.

Gräfin Das nicht. Klara Cassati kenne ich besonders gut und glaube versichern zu können, Sie wirkten auf Sie. Wie Sie, die Wahrheit zu sagen, auch mir gefielen.

Klette Ohne Absicht.

Gräfin Das war das Vortreffliche, sonst wäre es nicht geglückt. Das gerade bedeutete Ihre selbständige Freiheit in aller Tat, aber auch unsere Unterwerfung unter sie. Es gibt eben auch da Beziehungen von Mensch zu Mensch, die Resultate des Anlasses sind.

Klette Schon wieder logische Folge?

Gräfin Nicht logische. Elementare.

Klette Elementares Tun ja! Doch ebensolche Folge?

Gräfin Was ist da wunderbar? Auch im Empfinden sind wir Mitmenschen.

Klette Gut, nehmen wir an, mein Tun gefiel Ihnen. Ich 83 will keinen Dank oder tausche meinen großen gegen Ihren. Wir sind quitt!

Gräfin Es scheint, sie profitierte von Ihrer Bekanntschaft über heutigen Abschied hinaus und bleibt für lange die Beschenkte.

Klette (heftig) Ich will nicht weiteren Zusammenhang. Keinen, von keiner Seite!

Gräfin Das ist, Ihrem Willen entzogen, über Ihre Macht.

Klette Sie behaupten, was Sie nicht wissen!

Gräfin Aber wüßte ich doch?

Klette (schroff) Wollte ich trotzdem nicht, was mich mit nichts als Zeitlichem bände!

Gräfin Sie haben zu dürftigen Begriff von ihr. Ich, die sie von Kindheit auf kenne

Klette Hätten Sie sie besser erzogen und bewacht!

Gräfin Gegen heutige Welt stand ich allein. Ich beschwöre Sie aber, vergewissern Sie sich! Da ist für meine Worte der Zeuge.

 

Siebente Szene

Mayer (tritt auf)

Klette Der wertvollste Mensch im Umkreis. 84

Gräfin Er soll bestätigen, was ich behaupte. (Zu Mayer) Wer ist Klara Cassati?

Mayer Mag er sie immer noch nicht? Mangelnder Kontakt? (Zu Klette) Gehen Sie nicht ohne Gerechtigkeit. Oder verbietet Ihr Entfesseltsein Gerechtigkeit?

Klette Ich urteile nichts, als von ihr zu mir ist wie von ihr zu aller Welt alles bis in Ewigkeit vernünftig ausgerechnet.

Mayer Oho!

Klette Wieso?

Mayer Nicht, daß ich das gleich erklärte, doch setzt Ihre Sicherheit einen alten Mann in Erstaunen, der sich den Erscheinungen noch stets mit Bedacht näherte. Sie sprachen sie wieviel Stunden im ganzen?

Klette Nicht bei durchschnittlichen Anlässen.

Mayer In denen Sie sich oder die andere sich offenbarte?

Klette Aber sie ist Klischee heutiger Gültigkeiten, die ich kenne!

Mayer Freund, dann fehlt Ihnen doch ein Sinn. Ich selbst, seit der Geburt um sie, habe sie nicht entziffert, und mir fehlt es weder an Spekulation noch Ahnungsvermögen. Noch mehr: auf der ganzen Welt 85 interessiert mich Sie eingeschlossen auch heute kein Mensch wie die junge Dame, der ich diene. Auch Gräfin Wrochot, kein Durchschnitt, wie Sie bemerkten, ist durch freiwillige Zuneigung unlöslich und geheimnisvoll an sie gefesselt. (Da Klette ungeduldig wird) Bleiben Sie noch einen Augenblick. Wir erledigen ein Herzensbedürfnis, sagen wir Ihnen ein für allemal über unsere Herrin Bescheid. Wie war das mit dem Bild? Kommen Sie hierher! (Er zieht ihn bis zur Leiter, die er seitwärts an den Balkon setzt und auf die er einen Fuß stellt.) He? Hätten Sie das unter Schwierigkeiten auf sich genommen, wäre kein Eindruck auf Sie erfolgt? Ihnen gefiel das Mädchen doch außerordentlich, sonst hätten Sie seinetwegen nicht soviel gewagt.

Gräfin Sehr wahr!

Mayer Und dann durch Ihre allerdings bildschöne Tat wurden Sie größenwahnsinnig und meinten, was Sie vollbracht, sei keinem anderen sonst mehr möglich.

Gräfin Erhöhten sich über Gebühr von aller Wirklichkeit fort.

Mayer Vor allem aber: sind Sie sicher, die andere könnte das nicht? Jede Erwartung von Ihnen weit übertreffen?

Klette Ich wüßte nicht einmal, was ich ihr zutrauen sollte.

Mayer Was aber trauen Sie dem Mädchen nicht zu? 86

Gräfin Leise! Sie geht zu Bett. (Man sieht sich das Fenster neben dem Balkon im ersten Stock erleuchten.)

Klette (flüsternd) Ich gehe. Es ist spät.

Gräfin (die Klette in den Vordergrund der Szene vor eine Buschgruppe gezogen) Sagen Sie das eine noch: was Sie dem Mädchen nicht zutrauen?

Klette Schon nicht sein Mädchentum! (Man sieht, wie oben die Türen des Balkons aufspringen, ahnt Klaras Schatten und sieht Licht im Zimmer erlöschen.)

Mayer Sie öffnet das Fenster. Und nun Schläft.

(Pause. Stille.)

Klette (flüsternd) He? Habe ich nicht recht?

Gräfin Das ist . . . ist . . .!

Klette Nicht zu erwarten, zu verlangen. Aus tausend Situationen ihr nicht zuzutrauen. Aber wer fordert denn außer Ihnen von ihr das ganz Unwahrscheinliche?

Gräfin Ihre exponierte Stellung seit Jahren in der Welt! Immer von allen Seiten angegriffen

Klette Natürlich! Plausibel! Wer sagt das Gegenteil? 87

Mayer Oho!

Klette Wieso?

Mayer Wäre es nicht der Erwartung so völlig ausgeschlossen, könnte es nicht das allenfallsige Wunder sein. Wer hielt das Ihre Sekunden, bevor es geschah, für möglich? Aber ich glaubte daran.

Gräfin Und es muß auch nicht ihre einzige Überraschungsmöglichkeit sein.

Klette Aus dieser die Einzige!

Gräfin Warum? Nein!

Klette Die Einzige!

Gräfin Pfui! Sie sind ein Teufel! (Exit.)

 

Achte Szene

Klette Hörten Sie? Ein Teufel bin ich, weil ich versuchte Täuschung kurz abschnitt. Gute Nacht.

Mayer Wohin?

Klette Asien vielleicht.

Mayer Dort das Wunder beim Weib zu suchen? Da ist auch nichts los. 88

Klette Alles vielleicht.

Mayer Unsinn! Wir Juden kommen von da. Ich setze noch immer Europa. Setze (zeigt auf Klaras Fenster) da! Aus Instinkt und weil

Klette Aber selbst die Gräfin!

Mayer Frauenkleinmut. Wo bleibt ihr Heldentum? Denn das wäre doch etwas? Höhere Frage an Ihre Glaubenskraft.

Klette Das Das wäre das Unbegreiflichste!

Mayer Aha!

Klette Das wie wird mir? Ich will muß!

Mayer Aha!

Klette Ihr Blick, Mayer, Ihre Ahnung was vermuten Sie?! Sagen Sie's! (Er gibt ihm die Hand. Eine Sekunde verweilen die Männer Auge in Auge.)

Mayer (flüstert) Dazu liebt Sie sie. Sucht Sie mit der Seele in jedem Augenblick überall. Man braucht keinen einzigen Ahnen, das zu erkennen.

Klette (springt plötzlich an die Leiter) Pst!

Mayer Was wollen Sie? Tun Sie? 89

Klette (mit höchstem Entschluß) Pst!! (Ist die Leiter halb hinan und macht in die Welt eine blendende Geste.) Lassen Sie mich! Sie wissen doch, was für mich auf dem Spiel steht. Himmelsleiter vielleicht!

Mayer (der an den Fuß der Leiter gelaufen ist) Aber ich aber Sie sind nicht so schnell!

Klette (mit einem Satz über das Balkongitter zum Zimmer hinein)

Mayer (Hände über den Kopf zusammenschlagend) Gott der Gerechte! Der Entfesselte! Und ich bin mitschuldig! Was tu ich tut er jetzt, was sie? Wird er wird er nicht was ereignet sich?

Pause.

Kein Laut, kein Ton – noch immer nichts? Was ahne ich? Was muß ich glauben? Er kommt nicht wieder? Immer noch nicht? Wie klopft mein Herz rauscht Natur. (Durch die Nacht wehen die Akkorde einer Äolsharfe.)

(Er jubelt) Harfen, Posaunen und Zymbeln. Es ist!! Überlaufen der Liebesfülle! Mystischen Reichtums volle Bejahung!

Lobt Gott in seinen Wundertaten
Nach seiner großen Herrlichkeit!

 

Vorhang .

 

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