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Der entfesselte Zeitgenosse

Carl Sternheim: Der entfesselte Zeitgenosse - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer entfesselte Zeitgenosse
authorCarl Sternheim
year1920
publisherKurt Wolff Verlag
addressMünchen
titleDer entfesselte Zeitgenosse
pages89
created20120204
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der zweite Aufzug

Erste Szene

Parklichtung mit Ruheplätzen am Rand eines Sees. (Kleinere Bühnen spielen diesen Aufzug in Dekorationen des ersten, in welchem Fall der Salon nach hinten auf eine breite Veranda geöffnet ist, über die eine Marquise (Sonnensegel) herabgelassen ist, von der eine Treppe zum nicht sichtbaren See führt.)

Mayer Als ich morgens dem Aufräumenden nachsah, war das Bild wie sonst am Platz. Unmöglich, jemand kam vor den Dienern ins Zimmer.

Gräfin Ebenso sicher aber, daß es gestern fehlte.

Mayer Vom Kavalierhaus muß man am Pförtner vorbei ins Haus. Er wird bestätigen, niemand kam heute noch herüber.

Gräfin Und die Leiter?

Mayer Durchs offene Fenster?

Gräfin Wäre das möglich?

Mayer Hat er Sprossen aufgesetzt, reicht es, dort einzusteigen.

Gräfin Das ist die Lösung! 38

Mayer Aber warum, hatte er's sich angeeignet, am gleichen Abend zurück?

Gräfin Mit warum und darum als Antwort, an die wir uns letzthin gewöhnten, kommen wir bei diesem Neuling nicht aus. Warum steigt der Studierte zum Volk hinab, da ihm das tägliche Brot nicht fehlt?

Mayer Er soll von wohlhabenden Eltern sein und ihre Mittel nicht annähernd ausnützen.

Gräfin Warum bringt er das geheimnisstrotzende Tagebuch wieder und nimmt das Bild, das er zurückträgt?

Mayer Der Mensch weiß noch nicht, was er hier will.

Gräfin Er experimentiert. Wie wohltuend neben fünfen, die es zu gut wissen.

Mayer Wird er nach alldem bleiben dürfen?

Gräfin Alles ist wieder all right! Ihm nichts bewiesen. Und ist er, der er scheint, hängt er von keinem Verbot und Erlaubnis ab.

Mayer Neugierig bin ich auf ihn.

Gräfin So sah ich Sie nie.

Mayer Ich mich auch nicht unter Menschen, deren 39 Uhrwerk abschnurrt. Aber seit gestern halte ich vor Offenbarungen, und in der Luft hängt, was selbst die Erzväter verblüfft hätte. Weiß ich auch nicht, wozu er bestimmt ist, habe ich von ihm doch mächtige Witterung.

Gräfin Der ich unbedingt vertraue. Sie sehen ihn im Bild?

Mayer Mitten.

Gräfin Allein oder mit anderen verbündet?

Mayer So selbständig, daß er eine ganz fremde Welt vertritt. Er kommt hoch aus Wolken.

Gräfin Planmäßig?

Mayer Naiv. Mir scheint, der verabredete Geist, in den der Unberührte bei uns fiel, brachte Elementares in ihm zur Entzündung, davon der Bilderraub nur erste Rakete war. Als schwebten statt eines einzigen Gottes plötzlich tausend Elohim wieder.

Gräfin Wäre er des Zimmermanns Parteikamerad?

Mayer Nichts Politisches, aber menschliches Blitzlicht, das Abenteuer und Bewegung bringt.

Gräfin Sie machen mir Angst.

Mayer Keine Angst. Hoffnung auf entwölkendes Gewitter. Spüren Sie es nicht so? 40

Gräfin Ich habe an Ihnen gemessen zu kurzen, mystischen Atem in Vergangenheit und Zukunft. Müssen wir Vorkehrungen treffen?

Mayer Nicht für unsern Schützling. Doch mit offenen Sinnen dabei sein.

Gräfin Wir selbst?

Mayer Für uns habe ich Meinung und wittere Morgenrot.

 

Zweite Szene

Klara (tritt auf)

Gräfin Dein Bild fand Mayer morgens am gewohnten Platz. Das ist erledigt!

Klara Ich sah's schon. War vorher beruhigt, weil ich köstlich schlief und rund in mir wie nie erwachte. (Zu Mayer) Was sagen Sie voraus?

Gräfin Er ist ganz Ahnung, Prophet und fast schon hohes Lied. Sprudelt Psalter und Harfe.

Mayer (strahlt) So ist's!

Klara Gut. Lassen Sie in einer Stunde spätestens die große Segeljacht hier anlegen. Zu großen Entscheidungen fliege ich hinaus.

Mayer (exit) 41

Klara Erlöst bin ich! Das macht in der Faust Gewißheit, ich treffe in die Kerbe meines Lebens, heut fällt der Streich in den Zapfen.

Gräfin Ich liebe dich, Kleines; kann dir's dabei nützen? (Küßt sie).

Klara Es gehört ohne weiteres dazu.

Gräfin Und schön wie nie bist du! Dir kann's, weiß Gott, nicht mißlingen.

Klara Es müßte, Urschel, mit dem Teufel zugehen. (Springt mit Kußhänden in den Garten fort.)

 

Dritte Szene

Professor (tritt auf) Wie steht's mit der Patientin?

Gräfin Schon beim Golf. Himmlisch trotz eines Zwischenfalls, der vorbeiflog.

Professor Für ihre Zukunft bin ich besten Muts.

Gräfin Wirklich krank?

Professor Doch mit stählernem Willen, gesund zu sein.

Gräfin Sitz des Übels?

Professor Nichts Sexuelles, aber eine letzte zu fällende begriffliche Hemmung. 42

Gräfin Kann nicht dieser halbe Zustand –?

Professor Zu historisch gedacht, Gräfin. Unsere jungen Menschen sind einseitig geistig orientiert. Wollen mit eigener Idee sich ins Leben durchsetzen. Ob Mädchen oder Mann, wissend bedeuten, nicht unbewußt genommen sein.

Gräfin Gott erlöse mich von meinen anderen Voraussetzungen!

Professor Uns alle! Damit wir Gegenwart, Unkompromittiertes leben.

Gräfin Nach welchem Rezept, zu welchem Ziel?

Professor Unbefangen des Werdens stets höhere Vernünftigkeit.

Gräfin Das sagt mir wenig.

Professor Mit wenig müssen wir im Zeitalter vielfachen Mangels zu allem auskommen.

Gräfin Es scheint leider so.

Professor Ich denke mir ökonomische Besessenheit herrlicher als jede andere Gewesene. Ist's zum Golfplatz weit?

Gräfin Ein paar Schritt nach links. Ich zeige.

Beide (exeunt) 43

 

Vierte Szene

Klette und von Schmettow (treten auf)

Schmettow Nicht erstaunlich, daß Sie nicht schliefen. Mir ging's ebenso. (Setzt sich und reckt sich gähnend.)

Klette Wände spien Wasser die ganze Nacht. Plafonds dröhnten von Gestampf. Zischen, Sprudeln, Knallen von überall.

Schmettow Hausputz vor Parade. Großreinmachen. Fünf Starter bügelten sich zum Endspurt.

Klette Mein Zimmernachbar links tobte wie ein Walroß.

Schmettow Der Admiral – Exzellenz!

Klette Wozu das Ganze?

Schmettow In historische Handlung platzten Sie jählings, Jüngling. Hochzeit steht vor der Tür.

Klette Wessen?

Schmettow Der Schloßherrin.

Klette Wen?

Schmettow Wer das wüßte! Bestimmt einen der fünf sich heut nacht Ankurbelnden, mich inbegriffen. Lustig, nicht wahr? Keiner von uns erfüllt ganz ihr Ideal, obwohl natürlich – 44

Klette Welches?

Schmettow Mysterium! Ein gletscherhaft steiles, bilderbuchhaftes jedenfalls. Nur Sie aus dem Tagebuch hatten Chance, es zu wissen, und zu verraten.

Klette Ich bin darauf nicht neugierig.

Schmettow Nicht auf solches einmal im Jahrhundert auftretenden Weibs-Geheimnisse? Was sind Sie denn, mon cher?

Klette Bloß Zeitkind.

Schmettow Das sind wir alle.

Klette Kaum in meinem Sinn.

Schmettow Der ist? Horazisch? Carpe diem? Dann haben Sie mich. Einen Festtag mit Marmorbadewanne und einem Reispudding, auf den ich Sie stoße, schlürfe ich hier nach den anderen und denke so wenig als möglich an den nächsten.

Klette Das ist römisch. Kurz vor Christus vielmehr.

Schmettow Sind Sie sentimental?

Klette Keine Spur.

Schmettow Trocken wie Kompaß und Einmaleins?

Klette Das überwand ich mit meiner Jugend und 45 Wilhelms II. Zeitalter, als ich Bürgerliches Gesetzbuch, Kritik der reinen Vernunft und sich gleichbleibende Weise studierte, meine Bewußtseinsinhalte voraus zu wissen. Als Leben täglich wie Eisenbahn ankam, und ich plötzlich vor dem Wahnsinn stand.

Schmettow Ah!

Klette Als ich wußte, was zu allem Geschehen nicht nur zu denken und tun, sondern fühlend zu erleben war und wie geölter Blitz die Bahn ablief.

Schmettow Das tun zu möglichst spätem Tod wir alle.

Klette Ich aber muß innerhalb so banalen Zwangs einmal wenigstens der vernünftigen Vorsehung ein riesiges Schnippchen selbständig von mir aus schlagen. Hast du nicht gesehen!

Schmettow Und darum Zeitkind, darum Tischler gar?

Klette Darum ein anderes als Beamter, Gelehrter oder Mann von Welt mit Monokel!

Schmettow Ihre Auffassung wird Fräulein Cassati interessieren.

Klette Mich kaum die ihre und schaffte mir auch keine Offenbarungen.

Schmettow Sie ist unmenschlich reich.

Klette Was kaufe ich mir dafür? 46

Schmettow Ist blendend schön und so weiter.

Klette So schien's beim ersten Blick. Nicht schön genug, daß Besonderes für mich folgte.

Schmettow Sie sind ein Original!

Klette Das eben ist mir noch nicht ganz bewiesen.

 

Fünfte Szene

Admiral, Weinstein und Pfeffer (treten mit Golfschlägern auf)

Schmettow Herr Klette ist komplettes Unikum; wohltemperierte Anpassung, unsere etwa, paßt ihm nicht; er glaubt, vorzüglich Zeitgenosse zu sein, weil er auf Vorposten eine Extrawurst für sich will.

Pfeffer Was heißt das?

Klette Nicht Zeit genosse, Zeit kind sagte ich zweimal, weil dem Kind mögliche Zukunft, nicht ausgemachte Gegenwart gehört.

Schmettow Ah – jetzt verstehe ich!

Admiral Ich nichts.

Weinstein Nicht Sozialist – eher Bolschewik oder das Genre? 47

Admiral Ich danke! Und sowas schlief neben mir.

Schmettow Das Bedauern war eher auf Herrn Klettes Seite. Gerade erzählte er, vor Katarakten, Wasserfällen, heut nacht aus Hähnen entfesselt, Euer Exzellenz geräuschvoller Transsubstantion hat er kein Auge geschlossen.

Admiral Lächerlich!

Klette Ich bin hier stiller Gast und bitte die Herren, mir nicht länger Aufmerksamkeit zu schenken.

Weinstein Die Bescheidenheit ist allmählich verdächtig, erklärt sie sich nicht schnell.

Pfeffer . Hat was vom Zusehen des Kiebitz beim Kartenspiel.

Admiral (brüsk zu Klette) Was wollen Sie endlich hier, Herr? Antwort!

Schmettow Überraschung will er.

Pfeffer Auf unsere Kosten?

Admiral Wie der Doktor Pflasterkasten? Spionage auf anderem Weg vielleicht?

Schmettow Auf wessen Kosten gilt ihm gleich.

Admiral Herr, wie kommen Sie dazu? 48

Pfeffer Das ist Anmaßung und üble Kinderstube.

Weinstein Wie stellen Sie sich das vor? Machen Sie keine Klassenunterschiede zwischen uns, wir sind über den Parteien. Ohne Umschweif heraus mit Ihrem Programm etc.

Klette Herr von Schmettow hetzt uns zu seinem Vergnügen aneinander, während ich außerhalb hiesiger Zusammenhänge stehe.

Schmettow Sie bilden den eigenmächtigen Kontrapunkt zu ihnen, behaupten Sie; dem Sinn gegenüber, den alles von uns hier Veranstaltete nur haben kann, erwarten Sie klotzigen Blödsinn.

Klette Ich sagte, gerade hier bezweifle ich seine Möglichkeit.

Weinstein Aber drücken Sie das zeitgenössisch politisch aus. Lüpfen Sie Parteifarbe. Aus verschiedensten Lagern leben wir hier vorurteilslos beieinander.

Pfeffer Hier herrscht Freiheit sans gêne bis zum Exzeß.

Schmettow Überzeugungsfreiheit, nicht Freiheit der Manieren, meint Herr Pfeffer.

Pfeffer Gott sei Dank!

Admiral Was ist das für Kauderwelsch! (Zu Klette) Antworten Sie rund einem Soldaten! 49

Klette Ich denke nicht daran, Exzellenz.

Pfeffer Was?

Admiral Das ist Beleidigung, Herr!

Klette Das ist Nötigung, Exzellenz!

Admiral Sie schweigen zu viel verdächtiges Zeug zusammen.

Weinstein Auch vor dem radikalsten Bekenntnis soll man sich heut nicht mehr drücken, im Zeitalter der Götzendämmerungen etc. p. p.

Pfeffer Heraus damit!

Admiral Ich will Sie, ehe Sie sich unter Vorwänden hier einfilzen, zu Ihrem Katechismus zwingen! Sonst rufe ich Polizei und mache kurzen Prozeß.

Schmettow Aber meine Herren!

 

Sechste Szene

Klara, Gräfin, Kothe (treten auf)

Klara Aufruhr? Terror? Verschwörung?

(Die Herren fahren auseinander.)

Schmettow (zeigt auf Klette) Da steht der Schuldige! 50

Gräfin (zu Klara) Schon wieder.

Klara Wessen?

Schmettow Perverser Weltanschauung.

Weinstein Politischer Intrigue aus dem Ff!

Klara Welcher?

Admiral (zu Klette) Verteidigen Sie sich vor unserem höchsten Richter! (Küßt Klara die Hand.)

Weinstein Dekuvrieren Sie endlich den Bombenschmeißer oder Schlappschwanz. Hier weht Höhenluft etc.

Klette Ich kenne die Anklage nicht.

Klara (zu Schmettow) Sie heißt?

Schmettow In diesem eisernen Zeitalter –

Kothe (kichert) Eisern?

Schmettow Im Zeitalter ökonomischer Vernunft. (Zu allen) Präzis genug?

Alle (außer Ursula und Klette) Ja!

Schmettow Proklamiert Herr Klette als oberste Forderung ans Leben – 51

Klara Was?

Schmettow Die unursächliche Erscheinung; Zusammenhang- und Voraussetzungsloses, dessen Manifestation ihn auch hier nur blenden würde.

Pfeffer Unerhört im endlich erreichten Zeitalter der Vernunft!

Kothe (kichert)

Klara (mit Blick zum Professor zu Klette) Erklären Sie das, bitte!

Klette Ich lehnte den Herren die Beantwortung ab. Auf Ihre Bitte stehe ich Rede.

Klara (setzt sich; die übrigen so im Kreis, daß der Professor bei Klara, Klette ihr diametral entgegensitzt)

Klette Vorausgesetzt, alle heutige Allgemeinheit, was sich mit Stolz und Bewußtsein Zeitgenosse nennt –

Gräfin Juste milieu!

Professor (mit Blick auf Klara) Aha!

Klette Betet als Lebens Inbegriff Vernünftigkeit an. Jedermann nach des einzelnen Begabung ist lauer oder fanatischer Gläubiger, anonymer oder politisch hervorragender Zeitgenosse, aber niemand kennt andere Götter neben ihr.

Gräfin Wer sollte das nach Ihrer Meinung sein? 52

Klara Güte zum Beispiel?

Klette Was nicht Vernunft ist – nennen Sie's Güte –, kann nur, was Vernunft ausschließt, Unvernunft sein.

Klara Ja. Auch Güte ist schließlich unvernünftig!

Professor Richtig!

Pfeffer Hört, hört!

Kothe Fabelhaft fesselnd! (Kichert.)

Klette Ich sagte zu Herrn von Schmettow nichts als, da meine Natur mit stereotypem Genuß, vernünftig zu sein, nicht auskommt, da ich buchstäblich damit krepieren müßte, ich sei kein echter Zeitgenosse, Zeitkind höchstens, gehöre schon späterer Generation, die andere Ansprüche haben wird, an.

Weinstein Radikalere auf gleicher Bahn! Sehen Sie Sowjetrußland, Lunacharski. Gehen Sie nach Moskau, Knabe, wie ich!

Professor Welch Widerspruch! Sie geben diesen ausschließlichen Trieb aller Natur zu und schließen Ihre ohne logisches Bedenken aus?

Admiral Gehört sie nicht dazu? 53

Klette Natur als Ganzes fasse ich nicht wie meine, von der das Behauptete stimmt.

Weinstein Welch Unsinn! Schade um den Mann. Ich dachte politischer Ultra etc.

Klara Und was verlangt Ihre mehr?

Klette Den Unsinn, den der Herr so freundlich war, einzuwerfen.

Kothe (kichert)

Schmettow Glatt, was ich sagte.

Klara Und Sie wehren sich nicht stürmisch gegen diesen rudimentären Trieb in Ihnen?

Professor Empfinden ihn nicht als entwicklungsgeschichtlich tot und überwunden?

Klara Machten nicht alle Mittel der Erziehung und besseren Wissens gegen ihn mobil?

Klette (heftig) Mit allem, was ich bin, empöre ich mich nur gegen erstarrte Vernunft und ihre Fallen auf Schritt und Tritt. Will nichts, als ihr ein einziges Mal entschlüpfen.

Kothe (kichert) Kolossal!

Pfeffer Deutlich Dementia! 54

Klara (ist aufgestanden)

Professor (leise zu ihr) Nehmen Sie's sich doch nicht zu Herzen! (Zu Klette) Sie verloren Richtung, Kontrolle, Herr!

Klette Befinde mich wohl dabei!

Gräfin (zu Klara) Was hast du? Faß dich, Klara!

Klara (tritt brüsk von der Gräfin fort, vor Klette hin) In einem Zeitmoment, der kein Atom verschwendeter Energie zu wagen hat, da alle Einzelheit zu einem Ziel gezählt ist, vergeuden Sie sündhaft Kräfte vom gemeinsamen Wirken fort.

Klette Meine Sache, ob ich mit mir geize oder verschwenderisch bin.

Schmettow Der entfesselte Zeitgenosse mit einem Wort!

Klara Kein Recht am Mitmenschen haben wir als seine Sparsamkeit. Ich mache die Herren zu Richtern über uns. Wer steht zu Herrn Klette?

Professor In solcher Form ist das von ihm Ausgesprochene nicht diskutierbar.

Weinstein Politisch nichts damit anzufangen. Es ist Gewäsch und gefährlich dazu etc.

Gräfin Er meint, was auch ich als meines Lebens anderes 55 Bedürfnis empfinde. (Zu Klara) Du kennst es seit langem.

Admiral (hitzig) Ich aber sage, er lästert! Macht sich wichtig. Das ist die verfluchte Insubordination, das Ausderfrontweglaufen. Geist des Aufruhrs, der wie Wurm an allem Erreichten frißt und Entwicklungen durchlöchert. Das große Minus!

Pfeffer In jeder Weltanschauung, die Respekt will, heißt's, einer für alle und alle für einen! Basta!

Kothe Bravissimo!

Weinstein Bolschewismus sogar, mein Lieber, Anarchismus hängt von strengster Diktatur ab. Das lassen Sie sich von einem, der die Faust am Puls der Weltgeschichte hat, gesagt sein!

Pfeffer So spricht ein radikaler Volkstribun.

Kothe Kunst sogar, die himmlische, schwebt nur zwischen Regeln und Gesetzen frei.

Professor Sie spielen Blindekuh – das sagt mit Überzeugung Wissenschaft.

Schmettow Er markiert Romantik mit einem Wort.

Klette Ich brauche von niemand Urteil. Verlange aber, an meinem Ernst nicht zu zweifeln, wie ich den Ihren akzeptiere. 56

Klara Niemand zweifelt an ihm. Um so schrecklicher wirkt er. Jeder sieht aber auch Ihre krasse Jugend. Und die ist's, die mich Sie bekehren, treibt.

Klette Ich mag nicht in Sicherheiten und Stillstand gerettet sein!

Admiral (zu Pfeffer) Frechheit!

Pfeffer (zum Admiral) Prolet!

Klara (hilflos zum Professor) Professor!

Professor (zu ihr) Reagieren Sie nicht!

Gräfin . Sei stark!

Klara Wie soll ich?

Professor (zu Klette) Fort von Eitelkeit, originell mit etwas, das alt wie Methusalem ist, sein zu wollen, endlich an höhere Erkenntnis heran!

Klette Das ist Bekenntnis-, nicht Erkenntnissache!

Admiral Aber nicht jeder, Donnerwetter, darf privaten Blödsinn bekennen. Wir leben nicht im Irrenhaus!

Weinstein Das wäre noch schöner.

Pfeffer Solidarität in Ewigkeit! 57

Klara (zu Klette) Reden Sie nicht länger; bekennen Sie durch Tat.

Professor Hic Rhodus, hic salta!

Klette Hinge die von mir und bestimmter Stunde ab, wäre sie wie Ihr fataler Rest auch ausgerechnet. Ich warte und bleibe bereit.

Klara Für welche Notwendigkeit?

Klette (langsam und fest, indem er sie mit Blicken mißt) Für alles Mögliche.

Schmettow Ich schlage den Herrschaften vor –

Gräfin Wolltest du nicht aufs Wasser fort?

Admiral (zu Schmettow) Der Lümmel verdirbt uns den Tag. Jagen wir den Hund davon.

Schmettow Das Schiff! Irene, die Jacht. Jetzt aber hinaus!

( Admiral, Schmettow, Pfeffer, Kothe und die Gräfin eilen zum Schiff. Klette folgt langsam. Sie sind mit dem Schiff, das mit Braun bemannt ist, beschäftigt.)

Professor Sein Hochmut ist Impuls aus Büchern. Aus Hilflosigkeit verweigert er mitmenschlich Positives.

Klara Wir aber stellen ihn jetzt für seine unmenschliche 58 Herausforderung, reißen ihm das Kainszeichen frecher Vereinzelung von der Stirn.

Professor Statuieren Sie auch für die anderen das Exempel. Richten Sie aus seiner Niederlage Ihren endgültigen Sieg auf.

Klara Ich will! Und spüre, der Bursche war mir dazu wahrhaftig noch notwendig.

Professor Sie brennen!

(Ein Windstoß fegt über die Szene.)

Klara Entscheidung bläst mit Wind in meine Nüstern. Ich merke – endlich kann ich's. Auf Wasser hinaus!

Pfeffer (ihr entgegen) Landwind macht auf. Warten wir besser?

Klara Endlich mag mit uns Natur ein Äußerstes tun. Fort mit mir, wer Kräfte fühlt. (Sie springt ins Schiff.)

Admiral, Schmettow, Weinstein, Pfeffer, Kothe (folgen)

Klara (aus dem Schiff) Nicht mit von der Partie, Herr Klette?

Klette Gern. (Springt hinein.)

Kothe (singt malerisch an den Mast gelehnt aus dem Fliegenden Holländer) »Über sturmhohe Flut, durch Meer und Wind« usw. 59

 

Siebente Szene

Professor Und Sie allein, Gräfin, verwerfen nicht des Heißsporns Manifest?

Gräfin Unbedingt als fixe Idee, wie er es herausschreit. Zu so viel entfesseltem Schicksalswillen wünschte ich ihm dem Unentrinnbaren gegenüber ein Teil Demut, wie ich unserer Patientin eine Dosis seiner Visionslust in blinden Unterwerfungstrieb herabflehe. Beide vereint erst könnten vollkommen funktionieren.

Professor Mit solcher Harmonie, die ein Böswilliger Apathie nennen könnte, wären sie keine Exponenten eines Fortschritts mehr, doch zeitlos anonymer Niederschlag.

Gräfin Und wäre das nicht menschlich?

Professor Banal und uneuropäisch. Ohne Konstruktion und Gotik des Abendlands.

Gräfin Ah!

Mayer (tritt auf) Schneller, als man denkt, ist das Wetter da. Soll man die Herrschaften nicht zurückrufen? Noch ist es Zeit.

Gräfin Braun ist im Schiff. Kennt Wind und Wetter am besten und ist vorsichtig.

(Ein Windstoß.) 60

Professor Es weht beträchtlich.

Gräfin Sie ahnten Sturm und blieben zurück?

Professor Ich bin Nichtschwimmer, und mir bekommt das Geschaukel nicht.

Gräfin Herr Mayer und ich auch, scheuen den tückischen See wie die Pest.

Mayer (vom See her) Herr Klette auch. Aus Befangenheit hat er sich geopfert. (Plötzlich) Braun will zurück, dreht. Nein, er muß weiter hinaus. Sie rufen!

Gräfin (läuft mit Professor zum See) Braun ruft.

Mayer Braun schreit!

Professor Fräulein Cassati ist aufrecht am Mast. Kommandiert!

Gräfin Hören Sie, was?

(Windstoß, der dem Professor den Hut fortweht. Man hört Klaras Schrei.)

Mayer (Hände an Ohren) Mir nach! ruft sie Wer wohin ihr nach?

Gräfin (stößt einen Schrei aus)

Professor (läuft zu ihr zurück)

Gräfin (schreit lauter zum zweitenmal)

Professor Sie springt! 61

Mayer Springt, Gott Israels ins Wasser verschwunden!

Professor Da! Schmettow hinterher

Gräfin Nein, Kothe nein

Professor Klette Klette ihr nach!

Mayer Er schwimmt nicht!

Gräfin Braun hinein!

Mayer (hat seinen Rock abgeworfen)

Professor (schreit) Aber Sie schwimmen auch nicht (Hält ihn.)

Gräfin Herr im Himmel!

Professor Braun da!

Gräfin Mit ihr!

Professor Wie er stützt, drängt, vorwärts schiebt! Ha! Gleich sind sie an Land. Da!

Mayer Da endlich!

Gräfin Gerettet! (Schüttelt stürmisch Mayers Hände.)

Professor Braun ins Wasser zurück!

Mayer Nach Klette. 62

Gräfin Wasche, Wärme, Alkohol! (Eilt davon.)

Professor Was tun die anderen? Der Admiral?

Mayer Händeringend, schreiend sämtlich trocken in Hemdsärmeln an Bord. (Riesige Windstöße.) Schmach und Schande!

Professor Da Braun! Ich laufe! (Exit.)

Mayer Und Klette Klette Klette !

(Jetzt tobt Sturm, Donner und Blitz.)

Mayer (im Gebet) Daß ihn die Flut nicht überschwemme,
Der Abgrund ihn nicht schlinge,
Die Gruft nicht über ihn sich schließe!
Erhöre mich, Gott. Denn Deine Güte ist tröstlich!«
(Schreit) Braun da! Mit Klette! Rudert, hält ihn hebt ihn ans Land Gerettet! (Läuft davon.)

Vorhang. 63

 

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