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Der Enkel der Könige

Franz Treller: Der Enkel der Könige - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/treller/enkel/enkel.xml
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Enkel der Könige
publisherUnion Verlag
printrun76. bis 82. Tausend
editorFritz Heike
year1957
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Enkelin des Conde

Auf del Roca war das Leben verändert; der Krieg, eben erst in das Bewußtsein der Menschen getreten, hatte sein Recht angemeldet. Antonio d'Irala hatte sich mit allen waffenfähigen Leuten der Hazienda dem General de Lerma zur Verfügung gestellt; im Hause selbst waren die Damen, von farbigen Dienern betreut, zurückgeblieben. Doña Inez trug das Unabänderliche mit der stolzen Gelassenheit der Spanierin, aber sie war still geworden, und ihr immer ein wenig blasses Gesicht drückte die Sorge aus, die sie innerlich zerquälte. Still war auch die immer fröhliche, dem Heiteren zugewandte Maria geworden; sie bangte nicht nur um den Pflegevater, der ihr ja so gut wie ein leiblicher war; die Angst um den Gefährten ihrer Kindheit, den braunen Jungen, der ihr trotz seiner Farbe stets als ein Bruder erschienen war, hielt sie in ständiger Unruhe. Denn kein Laut über das Schicksal des jungen Mannes hatte bisher die Hazienda erreicht, alle Nachforschungen waren im Sande verlaufen.

Es war ein stiller, heiterer Vormittag. Auf der Hazienda war es ruhig. Doña Inez und Doña Maria kamen aus der kleinen Kapelle, in der sie nach dem alten Brauch des Hauses für die Abwesenden gebetet hatten. Sie betraten die Veranda und ließen sich auf den Korbsesseln nieder. Das blasse Antlitz der Señora zeigte eine bewundernswerte Ruhe, in Marias leicht gerötetem Antlitz aber zuckte es von verhaltener Nervosität. Ihre Finger zerrten an den Spitzen eines Taschentuches. »Warum ist Krieg?« fragte sie. »Ich verstehe das nicht. Ich hasse den Krieg! Warum sind die Menschen böse?«

»Nicht alle Menschen sind böse, Mariquita«; die Señora streifte das Mädchen mit einem beinahe tadelnden Blick, »wir aber müssen uns fügen. In das Unvermeidliche muß man sich immer fügen.«

»Oh, daß ich ein Mädchen bin!« Maria zerrte an dem Taschentuch, »daß ich hier sitzen muß. Nichts tun kann, um Pablo –«

»Pablo beschäftigt dich?« Die Frage kam in einer Mischung von Trauer und leichtem Spott.

»Ja, er beschäftigt mich. Wundert dich das? Er ist mein Bruder, und ich liebe ihn. Ich bange um ihn.«

»Er ist nicht dein Bruder, Maria. Er ist ein Indio. Es ist natürlich, daß du ihn liebst, aber auch deine Liebe kann aus ihm keinen Weißen machen.«

Maria wollte Einwendungen erheben, aber die Señora schnitt ihr das Wort ab. »Nein, laß mich einmal reden«, sagte sie, »auch ich bange um Pablo and hoffe und wünsche, daß ihm nichts Böses widerfahren sei. Ich glaube auch nicht, daß ich es ihm gegenüber einmal an Liebe und Sorgfalt fehlen ließ, schon deinetwegen nicht. Aber vielleicht sollten wir in dieser jähen Trennung dennoch Gottes Fügung erkennen. Hör zu, Maria, Pablo gehört einem anderen Volk an, er hat eine andere Farbe, von ihm zu dir führt auf die Dauer kein Weg. Du wirst das einsehen und begreifen lernen.«

»Ich werde das gewiß niemals begreifen«, brach es aus Maria heraus; ihre Augen flammten. »Hat Gott nicht alle Geschöpfe, weiße, braune und sogar schwarze, geschaffen? Pablo stammt, wie wir nun hörten, von den Großen seines Volkes ab; wer weiß, wozu er berufen ist! Aber ich kenne sein Herz, besser als ihr alle, die ihr nur seine Hautfarbe seht, ihn für stolz und hochfahrend haltet, weil er sich immer dagegen wehren mußte, erniedrigt zu werden; ich weiß, daß er mir zugewandt bleibt, was auch immer geschehen mag. Und auch ich werde ihm zugewandt bleiben. Ich möchte wissen – wissen –«; die Unruhe riß sie aus dem Sessel auf, staunend nahm die Señora des Mädchens leidenschaftliche Erregung wahr – »oh, warum kann ich nichts tun?« schluchzte Maria, die den Tränen nun nicht länger mehr zu wehren vermochte.

Doña Inez begriff die Erregung des Mädchens, aber sie begriff nicht, wie man seine Gefühle so offen enthüllen und sein Äußeres so wenig beherrschen konnte. Sie hatte bereits Worte des Befremdens auf der Zunge, als einer der indianischen Diener die Veranda betrat.

»Was gibt's, Pepe?«

Der Diener meldete den Señor de Mendez. Er bitte um die Erlaubnis, den Damen seine Aufwartung machen zu dürfen.

Nein. Ich will ihn nicht sehen! wollte Maria schreien, aber sie schwieg, nur in ihrem Gesicht war zu lesen, was sie empfand. Auch Doña Inez war einigermaßen befremdet, aber sie war weit entfernt davon, das zu zeigen. Außerdem konnte man einen Nachbarn in diesen Tagen der Unruhe nicht fortschicken. »Wir bitten«, sagte sie kurz. Der Diener verschwand.

»Bitte, Mama, laß mich gehen«, sagte Maria, Die Señora maß sie mit einem ruhigen Blick. »Aber nein«, sagte sie, »welche Unhöflichkeit! Du bleibst natürlich.«

Gleich darauf stand Louis de Mendez in der Veranda. Er machte wie immer einen gepflegten Eindruck und verbeugte sich mit vollendeter Artigkeit, den Damen die Hand küssend, die ihm von Maria freilich entzogen wurde, kaum daß er sich darüber geneigt. Das Mädchen sah die Unruhe in dem blassen Gesicht, die unsteten, flackernden Augen; ihr Widerwille wuchs.

»Ich bin ein wenig erstaunt, Señor«, sagte Doña Inez, »Sie sind nicht im Felde?« Die Ironie in ihren Worten war kaum verborgen, aber durch ein entwaffnendes Lächeln getarnt.

»Sie haben gut spotten, Señora«; Mendez zeigte seine tadellosen Zähne, »tatsächlich wage ich kaum noch, mich unter Menschen blicken zu lassen, indessen es ist wahrhaftig nicht meine Schuld, wenn ich zivil hier herumlaufe. Mein teurer Herr Großoheim, dem ich mich sofort zur Verfügung stellte, glaubte auf meine Hilfe verzichten zu müssen.«

»Wie sonderbar von dem General, der doch jeden Arm braucht!« Maria hatte das gesagt; ihre dunklen Augen blitzten vor Spott. Die Señora indessen fragte ablenkend: »Ich hoffe, Sie bringen uns trotzdem Nachrichten vom Kriegsschauplatz.«

»Im Gegenteil«, bedauerte Mendez, »ich bin eigentlich hier vorbeigekommen, um vielleicht etwas zu erfahren. Ich war im Norden, wo noch alles ruhig ist und bin erst gestern zurückgekehrt. Dies ist sozusagen mein erster Besuch in der Nachbarschaft.«

Die Señora, die inzwischen zum Sitzen aufgefordert und auch selbst wieder Platz genommen hatte, zeigte unentwegt ein kühl beherrschtes Gesicht. »Ich habe nur spärliche Nachricht von Don Antonio«, sagte sie, »es ist aber jedenfalls kaum zu bezweifeln, daß der Aufstand an Ausdehnung gewinnt. Die Stadt Guatemala soll, den letzten Nachrichten zufolge, von den Regierungstruppen geräumt sein.«

In Mendez' kalten Augen blitzte es für Sekunden auf. »Oh«, sagte er gedehnt, »hat mein Herr Großoheim etwa eine Schlappe erlitten?«

»Die strategischen Gründe, die General Lerma veranlaßten, die Stadt einstweilen aufzugeben, sind mir nicht bekannt«, versetzte die Señora kühl. »Es ist ja wohl allgemein bekannt, daß Sarmiento mit großer Übermacht auftritt.«

»Die Hauptstadt aufgeben, heißt beinahe den Krieg verlieren«, sagte Mendez und wiegte wie in schwerer Sorge den Kopf, »daß es soweit kommen mußte!«

»Mein Mann ist nicht so pessimistisch«, bemerkte Doña Inez, »er hofft im Gegenteil, daß der Fall der Hauptstadt die schläfrigen Herzen aufwecken und auch die Gleichgültigen zu den Fahnen rufen werde. Steht das Land wirklich auf, werden die Motineros nimmermehr siegen.«

»Was mir Sorge macht, ist die Haltung des Indiohäuptlings Chamulpo«, sagte Mendez wie in Nachdenken versunken. »Wenn ich nicht irre, spielt dieser halbwilde Kazike der Bergmayas eine beachtliche Rolle in dem Bruderkampf. Es sieht fast so aus, als hätte er seine schwankende Haltung inzwischen aufgegeben und sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen.«

»Davon weiß ich nichts«, versetzte Doña Inez.

Die Señora ließ Tee und Gebäck servieren, sie gab sich höflich und ungezwungen, Marias Gesicht dagegen erschien versteinert. Sie würdigte den über seine Angelegenheiten plaudernden Gast keines Blickes. Das plötzliche, unangemeldete Auftauchen eines alten Vaquero machte der nur noch müde dahinfließenden Konversation ein Ende. Der Mann sah erhitzt und ein wenig verstört aus.

»Was gibt es, Benito?« fragte die Señora, die aufgestanden war und ihre innere Unruhe nur schwer zu verbergen vermochte.

»In den Bergen ist eine Schlacht im Gange«, berichtete der Vaquero, »wir hörten schon am frühen Morgen den Kanonendonner. Ich habe mich auf den Weg gemacht. Es ist vielleicht gut, wenn Vorsorge getroffen wird.«

Auch Maria und Mendez waren aufgefahren; im blassen Gesicht des jungen Mannes zuckte es unruhig. »Habt ihr etwas von Don Antonio gehört?« fragte die Señorita.

»Leider nichts. Ich war bei den Herden. Das Gefecht war ziemlich weit weg.« Er zögerte einen Augenblick und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. »Wenn ich die Señora und die Señorita in die Berge führen soll«, stieß er schließlich heraus, »es ist vielleicht besser, ich wollte mir jedenfalls erlauben –«

»Nein! Nein!« Doña Inez schüttelte den Kopf. Ihre dunklen Augen brannten in dem bleichen Gesicht. »Ich will genauere Nachrichten abwarten«, sagte sie leise.

Mendez, dessen innere Unruhe von Minute zu Minute gestiegen war, räusperte sich. »Es tut mir herzlich leid«, sagte er, »aber das sind Nachrichten von solcher Bedeutung, daß ich schleunigst meine Hazienda aufsuchen möchte.« Maria sah durch ihn hindurch, als sei er gar nicht vorhanden; die Señora lächelte kaum merklich. »Wir finden es sehr begreiflich, daß Sie nach Hause wollen, Señor«, sagte sie, »wir wünschen eine glückliche Reise.« Sie neigte verabschiedend flüchtig den Kopf, und Mendez verschwand schneller, als er gekommen war. Der Vaquero Benito stand noch immer da. »Was soll ich nun tun, Señora?« fragte er. »Soll ich hier zu Ihrer Verfügung bleiben? Oder soll ich in die Berge reiten und versuchen, etwas zu erfahren?«

»Ja, ja, reite, Benito, wenn du nicht zu erschöpft bist.« Doña Inez ließ nun, nachdem Mendez gegangen war, ihrer inneren Unruhe freien Lauf. »Vielleicht erfährst du etwas von Don Antonio. Du weißt, in welcher Sorge wir sind.«

»Erschöpft?« Der Vaquero lachte kurz auf. »Ich bleibe achtundvierzig Stunden im Sattel«, sagte er. »Ich will nur ein bißchen essen, dann reite ich.«

»Tu das, Benito. Laß dir Essen geben, und dann nimm Pferde, Leute, Geld, was du brauchst. Und komm zurück, sobald du nur kannst.«

Von draußen ließ sich schneller Hufschlag vernehmen; vor der Veranda sprang ein Lancero-Offizier aus dem Sattel. Maria schrie auf, und die Señora mußte nach einer Sessellehne greifen, um sich zu halten. Da stand Don Antonio bereits in der Veranda und hielt Frau und Tochter in den Armen.

»Ja«, sagte er, sich freimachend, »ich bin es wirklich. Habe ich euch sehr erschreckt?«

»Wie könntest du uns erschrecken?« Doña Inez lächelte schon wieder, »nun, wir haben hier ziemlich schlechte Nachrichten erhalten. Seid ihr auf der Flucht?«

»Nein, obgleich es wahrhaftig nicht gut aussieht. Aber für diesmal haben wir die Motineros geworfen.« Don Antonio nahm das Käppi ab; er gewahrte erst jetzt den noch immer an der Tür stehenden Vaquero. »Wo kommst du denn her, Benito?« fragte er erstaunt.

»Er kam, mir zu sagen, daß in den Bergen gekämpft würde. Er wollte uns holen, um uns für den äußersten Fall in Sicherheit zu bringen«, sagte Doña Inez anstelle des Mannes. Der Haziendero, der nur zerstreut zugehört hatte, nahm den Alten beim Arm und führte ihn ein Paar Schritte seitwärts. »Kennst du die Wege durch die Berge, Benito?« fragte er.

»Gewiß, Señor.«

»Du wirst sofort einige Männer zusammenrufen und führen müssen, damit man uns nicht in den Rücken fällt. Kannte Tamay die Pfade nicht auch?«

»Sicher kannte er sie.«

»Mach dich fertig, Alter. Wieviel Mann brauchst du?«

»Fünfzig Mann halten die Pässe gegen eine ganze Armee, wenn sie schießen können.«

»Gut. Wir müssen sie zusammenbekommen. Halte dich bereit, wir müssen warten, bis der General kommt.« Er wandte sich, während der Vaquero abging, seiner Frau zu. »Hinter mir reitet der Conde«, sagte er, »es ist vorerst gar keine Gefahr. Er ist von einer Anzahl Offizieren und der Stabswache begleitet und wird zunächst bei uns Quartier nehmen. Bereite sogleich alles vor.«

»Oh, warum sagtest du das nicht sofort?« Doña Inez, glücklich, den Gatten bei sich zu haben und die Gefahr fürs erste beseitigt zu sehen, ging eilig ins Haus, um ihre Anordnungen zu treffen. Don Antonio sah ihr mit einem etwas verlorenen Lächeln nach und wandte sich dann um. Maria stand am Tisch und sah ihn an; zwischen ihren Wimpern schimmerten Tränen. »Mariquita!« Er trat auf sie zu und faßte sie bei den Schultern. »Du freust dich?« fragte er.

»Wie kannst du fragen? Wenigstens bist du wieder da.« Sie senkte ein wenig den Kopf. »Wenn doch Pablo auch – –«, sagte sie leise.

»Pablo? Ihr habt nichts von ihm gehört?«

»Nichts.«

»Ich hatte einige Mayas in der Eskadron. Einem von ihnen, einem klugen und tapferen Burschen, habe ich gesagt, für wen man unseren Pablo hält. Ich habe ihn ausgesandt, um nach ihm zu forschen, aber er hat nichts erfahren. Wir werden abwarten müssen. Der Krieg macht alles so schwierig, aber ich bin sicher, daß ihm nichts geschehen ist.«

Er unterbrach sich selbst und wies zur Veranda hinaus: »Da kommt der General.« Eine Lancero-Eskadron kam herangesprengt, an ihrer Spitze eine Gruppe von Stabsoffizieren. Während Don Antonio hinauseilte, um den Conde zu begrüßen, schlüpfte Maria ins Haus.

Louis de Mendez war auf dem Wege zu seiner Hazienda. Die Straße führte durch dichten, hochstämmigen Wald. Der junge Mann war in nachdenkliche Betrachtungen versunken. »Sie haben den großen Feldherrn also bis hierher zurückgeworfen«, murmelte er vor sich hin; »das ist interessant. Man wird sich für diesen Herrn Sarmiento interessieren müssen, wenn man aus dem Zusammenbruch noch etwas retten will.« »Und wenn du dich dann doch täuschst«, höhnte eine andere Stimme in ihm, »der alte Lerma hat schließlich schon hoffnungslosere Situationen gemeistert, das Blatt könnte sich auch diesmal noch wenden.« – Ein selbstgefälliges Lächeln spielte um seine Lippen. Man wird eben klug wie die Schlange sein müssen, dachte er, nur nicht vorprellen, sondern hübsch alle Wege offenhalten.

Ein Schatten tauchte auf, Mendez riß das Pferd zurück. Aus dichtem Buschwerk heraus trat ein Mulatte. Der Kerl hatte eine abschreckende Visage. Er grinste über das ganze Gesicht.

Mendez stieß einen Pfiff aus. »So«, sagte er mit gerunzelter Stirn, »da bist du ja endlich. Caramba, ihr laßt mich warten!«

»Ging wahrhaftig nicht früher, Señor«, sagte der Mulatte.

»Na und? Wie steht's? Was habt ihr erreicht?«

Der Mulatte grinste. »Wenig, Señor. Schwere Sache. Nicht heranzukommen. Ist zu gut bewacht, der alte Bursche. Hat eine verdammt gefährliche Leibwache.«

»Wo sind die anderen?«

»Hinter mir. Werden bald da sein.«

Das Gesicht des jungen Hazienderos sah plötzlich grausam verwandelt aus, es war, als sei ihm eine Maske abgenommen; mit einer Mischung aus Haß, Hohn und Verachtung sah er auf den Mulatten. »Wenn man sich mit euresgleichen einläßt«, knirschte er, »zahnlose Hunde!«

In den Augen des Beschimpften blitzte es gefährlich, er zeigte die Zähne: »Werden schon noch beißen!«

Mendez' Züge hatten sich schon wieder geglättet. »Was hat es in den Bergen gegeben?« fragte er, »da war doch ein Gefecht.«

»Lerma wurde auf dem Rückzug angegriffen, hat die Motineros geworfen und die Pässe besetzt.«

»Wird ihm nicht mehr viel helfen«, knurrte der Señor. »Kommt ihm Sarmiento jetzt in den Rücken, ist er verloren.«

Der Mulatte grinste schlau: »Ja, Señor, aber Sarmiento kennt die Felspfade nicht.«

»Gibt es niemand, der sie ihm zeigen könnte?«

»Es könnte immerhin jemand geben«, sagte der Mulatte, unentwegt grinsend und dem Caballero zu Pferd mit unverschämter Vertraulichkeit ins Gesicht starrend.

Ein breitschultriger Neger und ein Indianer traten aus dem Buschwerk auf die Straße. Mendez sah sie finster an. »Wenn ihr so weitermacht, ist es besser, ich verzichte auf eure Hilfe«, sagte er. Der Neger zog die Schultern hoch; auch er grinste. »Habe gar keine Lust, meinen Kopf daranzusetzen«, sagte er.

»Wär' auch schade darum«, höhnte Mendez.

Der Neger verkniff die Augen. »Wir werden uns unser Geld schon verdienen«, zischte er, »die Sache macht sich jetzt einfacher. Der General ist auf dem Wege nach del Roca.«

»Was sagst du da?« Mendez war unwillkürlich zusammengefahren. »Der Teufel, das wäre eine Sache!« rief er; sein hübsches Stutzergesicht war zu einer Grimasse verzerrt. »Also gut, Burschen, ich verlasse mich auf euch.« Sein Blick fiel auf den Indianer, der einzige, dessen Züge nichts als stoische Ruhe und Gelassenheit verrieten. »Nun, Tamay«, sagte er, »schweigsam wie immer. Was meinst du denn zur Lage?«

Der ehemalige Jäger der Hazienda del Roca wandte dem Reiter ruhig seine Augen zu. »Conde großer Krieger«, sagte er, »Motineros Narren!«

»Höchstwahrscheinlich, aber lassen wir das jetzt. Du kennst die Gebirgspässe?«

»Ja.«

»Sarmiento wird seinen Angriff zweifellos wiederholen, denn er muß Lerma verhindern, mit dem Rest seiner Truppen nach San Salvador zu entkommen.«

»Es ist wahrscheinlich.«

»Also gut, höre zu. Ich werde dir ein paar Zeilen für Sarmiento geben. Du wirst zu ihm gehen und wirst dich erbieten, einen Teil seiner Truppen durch die Berge zu führen. Er wird dich belohnen und ich auch.«

Der Indianer nickte gleichmütig. »Gut. Und der Conde?« setzte er lauernd hinzu.

»Braucht dich jetzt nicht mehr zu interessieren. Wird Tito mit dem Neger besorgen.« Er wandte sich an den Mulatten und den Schwarzen. »Ihr macht euch auf den Weg nach del Roca«, sagte er. Er langte in die Tasche, holte einige Gold- und Silberstücke heraus und warf sie unter die drei, wie man Hunden Brocken zuwirft. Und wie Hunde lagen der Mulatte und der Neger gleich darauf an der Erde und rauften sich. Tamay sah diesem Treiben verächtlich zu; er regte sich nicht.

»Vorwärts, Tamay, du bleibst hinter mir«, rief der Caballero und gab seinem Pferd die Sporen. Der Indianer nahm den Weg durch den Wald.

*

Einen Abend und eine Nacht weilte General de Lerma auf del Roca. Die Nacht verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Die ausgestellten Posten wußten am Morgen nichts Neues zu melden. Offiziere und Soldaten schliefen noch, als der General zur Veranda hinaustrat. »Lassen Sie sie schlafen«, sagte er zu dem diensttuenden Adjutanten, »sie werden ihre Kräfte nötig haben.«

Er trat in den Garten hinaus; der Morgen war klar und hell, die Luft von Blütenduft erfüllt. Lerma liebte diese friedlichen Morgenstunden im Freien; er ging, die Hände auf dem Rücken verschränkt und in ernste Gedanken versunken, zwischen den blühenden Bosketts auf und ab. Kommt Salvero jetzt von San Salvador heran und steht der Süden zu uns, treffen vor allem die amerikanischen Waffenlieferungen rechtzeitig ein, dann kann alles noch gut werden, dachte er. Wenn nur Sarmiento nicht im letzten Augenblick noch diesen tückischen Mayakaziken auf seine Seite bringt. Der Punkt machte ihm Sorge. Antonio d'Irala hatte ihm am vergangenen Abend von einem jungen Indianer erzählt, der in seinem Hause groß geworden sei und von dem nun behauptet werde, daß er von dem alten Königsgeschlecht der Maya abstamme. Er hatte viel darüber nachdenken müssen. Der Junge war fast gleichzeitig mit dem offenen Aufflammen des Bürgerkrieges auf rätselhafte Weise verschwunden; eine sonderbare Geschichte.

Lerma teilte durchaus das eingewurzelte Vorurteil seiner Landsleute gegen alle Menschen anderer Farbe. Aber er war ein nüchterner Soldat, der die Verhältnisse und die besonderen Umstände seines Landes studiert und gelernt hatte, auch mit dem Unwägbaren zu rechnen. Dieser Chamulpo bezog seine Macht aus dem Einfluß, den er auf seine Stammesgenossen ausübte. Und dieser Einfluß basierte auf der Annahme, daß Chamulpo mit dem ehemaligen Königsgeschlecht verwandt sei. Wie gut wäre es gewesen, diesen indianischen Jungen, vorausgesetzt, daß d'Iralas Behauptungen zutrafen, gegen den Kaziken auszuspielen. Es hätte von schlechthin entscheidender Bedeutung sein können. Kaum ein Zweifel, daß Chamulpo sich des Burschen bemächtigt hatte; wahrscheinlich lebte er in diesem Augenblick schon nicht mehr.

Der Conde näherte sich einer aus Myrten und Rosaceen gebildeten Laube; durch das schattige Grün schimmerte es weiß. Vermutlich eine der Damen des Hauses, die ebenso wie ich die Morgenstunde liebt, dachte er und war im Begriff, umzukehren; in eben diesem Augenblick trat Maria, die Unruhe und Sorge so früh vom Lager getrieben hatten, in den Eingang der Laube.

Der General blieb stehen, er fühlte plötzlich, daß er zitterte, er glaubte sich im strahlenden Licht der jungen Morgensonne von einem Spuk genarrt. Das war doch nicht möglich. Das gab es doch nicht. Seine Augen weiteten sich, er starrte auf das Mädchen wie auf eine Erscheinung. »Mercedes«, stammelte er.

Maria sah den alten Soldaten aus weit geöffneten Augen an. Was hatte er denn? War ihm nicht gut? Fast eine Minute standen sie sich gegenüber, dann überwand Maria ihre Scheu und tat einige Schritte auf Lerma zu. »Ich bin Maria, Don Antonios Tochter«, sagte sie leise, ein bißchen eingeschüchtert durch das sonderbare Verhalten des Mannes.

Es gab dem alten Mann einen Ruck, er fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen, als müsse er einen Schleier wegziehen. »Verzeihen Sie, Señorita«, sagte er, »ich glaubte wahrhaftig, eine Erscheinung zu sehen; diese Ähnlichkeit ist erstaunlich.«

Wem gleiche ich denn, wollte Maria fragen, deren Befangenheit unter den Worten des Generals zu schwinden begann, in eben diesem Augenblick aber trat Doña Inez hinter einem Boskett hervor; Lermas Gestalt straffte sich, er küßte der Señora die Hand. »Es tut mir leid, den Morgenspaziergang der Damen gestört zu haben«, sagte er.

»Nicht doch, Exzellenza«, Doña Inez lächelte, »es waren die Aufregungen des gestrigen Tages, die meine Tochter und auch mich nicht schlafen ließen. Wir sind sonst niemals so zeitig im Garten. Lassen Sie sich durch uns ja nicht stören.«

Maria war zu der Mutter getreten. »Denke dir, Mama«, sagte sie, »ich habe Exzellenz unwissentlich erschreckt. Ich gleiche offenbar einem Menschen seiner Bekanntschaft.«

Lerma sah sie mit einem großen Blick an, und wieder stand das nackte Erstaunen in seinen Augen. »Es ist das in der Tat eine seltsame Sache«, wandte er sich an Doña Inez, »die Señorita erinnert mich in geradezu verblüffender Weise an meine Tochter Mercedes, die mir schon vor vielen Jahren entrissen wurde.«

»Mercedes?« Die Señora sah dem alten Mann mit einem langen, nachdenklichen Blick in die Augen, »die Mutter Marias hieß Mercedes«, sagte sie, »sie ist ja nicht unser Kind, das Meer hat sie uns zugeführt.«

»Mercedes? – Das Meer?« Die Augen des Generals sahen aus, als wollten sie aus den Höhlen heraus. »Wann?« schrie er plötzlich und starrte die Damen wie ein Irrsinniger an. »Das Meer, sagen Sie? Wann ist das geschehen?«

Maria begann zu zittern. Da stand ein Mann vor ihr, er trug Uniform, er war alt, und sein zerfurchtes, pergamentfarbenes Gesicht war verzerrt, als würde es von Entsetzen und Hoffnung gleicherweise bewegt. »Wann?« fragte er noch einmal und stand, etwas vorgebeugt, wie eine Statue, Maria anstarrend, als wäre sie ein Geist.

Doña Inez fühlte, wie ein Schauer sie überlief. »Vierzehn Jahre«, stammelte sie, »vierzehn Jahre ist das jetzt her, da scheiterte ein Schiff an unserer Küste. Ein Wrackteil wurde angetrieben, mein Mann holte ein kleines Mädchen – unsere Maria – und einen indianischen Knaben herunter; sie waren die einzigen Überlebenden des Schiffes.«

Dem General wurde es dunkel vor den Augen, er griff um sich, als müsse er sich stützen, Maria unterdrückte einen Schrei. Aber der Mann hatte sich schon wieder gefaßt, er war sehr blaß jetzt, seine Haut schien von innen durchleuchtet, und in seinen Augen war die Bewegung seines Herzens zu lesen. »Hören Sie, Señora«, sagte er und wunderte sich über den blechernen Klang der eigenen Stimme, »meine Tochter Mercedes mit ihrem Mann Don Diego Pinnol, ihre kleine Tochter und ein indianischer Junge, den sie auf der Flucht gefunden und mitgenommen hatten, verließen vor vierzehn Jahren im Juni Acapulco, um nach San José zu segeln; man hat nie wieder von ihnen gehört, das Schiff, mit dem sie fuhren, ist zweifellos gesunken. Gleich darauf brach der Krieg aus. Er verhinderte alle direkten Nachforschungen. Ich habe dann außerdem von mir aus nichts unternommen, weil ich bis vor kurzem annehmen mußte, das Unglück sei auf dem Atlantischen Ozean geschehen. Ich sehe die Señorita vor mir, und ich meine, meine Tochter zu sehen. Es ist kein Zweifel. – Es ist kein Zweifel, kein Zweifel!« wiederholte er einige Male, den starren Blick immer noch auf das Mädchen gerichtet.

Maria hatte sich an den Arm der Señora gehängt, auch ihre Augen waren weit aufgerissen, sie zitterte nun am ganzen Leibe. Doña Inez strich ihr sacht über das Haar, aber auch sie hatte Mühe, ihre Erregung zu verbergen. Nein, es ist wohl kein Zweifel, dachte auch sie, aber was nun? Was nun? Er wird sie mir entführen – sie ist doch meine Tochter – ich habe sie doch erzogen – sie war immer da – ich kann doch nicht; sie zwang sich zur Ruhe, sie sah dem General mit einem ernsten Blick in die Augen. »Es wäre wunderbar«, sagte sie leise, »eine wunderbare Fügung – wir werden alles prüfen, überlegen, werden Feststellungen treffen.« Immer noch strich ihre Hand über den Scheitel des Mädchens, sie zwang sich zur Sachlichkeit, zum Nachdenken. »Marias Wäsche war mit einem P gezeichnet«, sagte sie. »Die Kleine kannte ihren Familiennamen nicht, aber sie sprach von ihren Eltern als von Don Diego und Doña Mercedes. Ich habe das Hemdchen, das Kleidchen noch.«

Lerma hatte ihre Worte in sich hineingesogen, er machte eine fahrige Geste. »Unter dem P muß ein winziges M stehen«, sagte er, »meine Tochter pflegte ihre Wäsche selber zu zeichnen, ich habe das einige Male gesehen.«

»Ja«, sagte die Señora, schwer atmend, »ja, es ist so.«

»So hätte ich – nach so viel Jahren – meine Enkelin wiedergefunden«, stammelte der Conde, »ich fasse es noch nicht. Fasse es noch nicht.«

Maria sah die Hilflosigkeit des alten Mannes, es versetzte ihrem Herzen einen Ruck. Sie löste sich aus dem Arm der Señora und trat auf den General zu. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm mit einem warmen Lächeln in die Augen; er riß das Mädchen an seine Brust und strich ihr immer wieder über den dunklen Scheitel. »Mercedes«, stammelte er, »meine kleine Mercedes.«

Schnelle Schritte näherten sich, Don Antonio trat heran und blickte leicht befremdet auf die Gruppe. Mit wenigen Worten war er aufgeklärt; er war zunächst fassungslos. »Welche Fügung«, murmelte er mehrmals, »welche Fügung!«

Man begab sich zum Hause zurück. Der General hatte sich völlig gefaßt, er schien verwandelt, sein Gang war elastischer, sein Gesicht leuchtete, er schien um Jahre verjüngt. Der Señor und die Señora möchten nicht etwa besorgt sein und törichte Befürchtungen hegen, sagte er. Er drückte d'Iralas Arm. »Ihr habt Elternrechte an dem Kind erworben«, sagte er, »ich werde sie gewiß nicht beschneiden. Aber dulden müßt ihr mich nun schon in eurem Kreis.« Maria hing nun an seinem Arm; ihr war wunderlich zumute. Mein Großvater! dachte sie, Mutters Vater! Und ich gleiche meiner Mutter! Wie wunderbar das alles ist! Wahrhaftig, wie ein Wunder!

Der Freude des Wiederfindens war keine lange Spanne beschert; der Ernst der Stunde forderte sein Recht. Meldungen liefen ein, und der General und seine Offiziere saßen bald angestrengt über ihren Generalstabskarten. Die Hilfstruppen von San Salvador wurden gemeldet; ein Versuch, die Stellungen Lermas auf heimischen Felspfaden zu umgehen, war bisher nicht gemacht worden, wohl aber hatte man den seit Pablos Entführung verschwundenen indianischen Jäger Tamay unter verdächtigen Umständen festgenommen. Die Gesamtlage sah sich nicht ungünstig an.

Im Laufe des Vormittags erschien der Señor Louis de Mendez auf der Hazienda und begehrte den General zu sprechen. Lerma empfing ihn im Beisein der Familie d'Irala.

»Ich habe soeben erst von Ihrer Anwesenheit erfahren, verehrter Großoheim«, sagte der junge Mann geschmeidig, »und ich freue mich, daß Ihnen die Strapazen des Feldzuges nicht anzumerken sind.« Er setzte ein bescheidenes Lächeln auf. »Hoffentlich komme ich heute zu gelegener Stunde«, setzte er hinzu, »wahrhaftig, Sie haben mich unlängst schändlich behandelt.«

Lerma sah ihn mit kalter Aufmerksamkeit an, auch sein Gesicht verzog sich jetzt zu einem Lächeln. »Ich bin in der Tat guter Laune«, sagte er leichthin, »und wahrhaftig, ich habe Grund dazu. Was mir heute begegnet ist, begegnet einem nicht alle Tage. Wie gut, daß du da bist, mein Sohn, du hast auf diese Weise Gelegenheit, eine alte Bekannte als Verwandte zu begrüßen. Darf ich dir vorstellen« – er wies auf Maria, deren Antlitz sich eisig verschlossen hatte, kaum daß Mendez das Zimmer betrat – »du kennst die Señorita bereits und du kennst sie doch nicht« – es blitzte in seinen Augen vor heimlichem Spott – »Doña Maria de Pinnol, meine leibliche Enkelin.«

Mendez sah ihn an, als habe der Alte den Verstand verloren; seine Lippen zuckten, er sah zu Maria hinüber, aber für die war er offenbar eine Art Glaswand, er sah wieder Lerma an; der schlug die Beine übereinander und entzündete sich eine Zigarette. »Eine wunderbare Fügung«, sagte er, »ich habe selber daran zu schlucken gehabt, bis ich es begriff. An das Glück glaubt es sich noch schwerer als an das Unglück, aber es ist wahrhaftig so, jeder Zweifel ist bereits ausgeschlossen. Freust du dich nicht?« Der Hohn in der Stimme des Generals war nun unverkennbar.

Mendez stammelte irgend etwas, sinnlose Worte. Ich muß mich beherrschen, dachte er, ich muß mein Gesicht beherrschen. Der Alte ist übergeschnappt, man sollte ihn einsperren. Selbstverständlich war diese ganze romantische Geschichte erlogen, ein Grund, ihn beiseite zu schieben, ihn um sein Erbe zu bringen. Er bezwang sich, er würgte hinunter, was ihm in dicken Brocken in der Kehle saß, er zauberte sogar wieder ein Lächeln auf seine Wangen.

»Ich bin ein wenig überrascht«, sagte er, »und ich verstehe vielleicht auch nicht ganz. Ich vermute, Sie wollen die junge Dame an Kindes Statt annehmen?«

»Aber warum denn?« Lerma wurde nun richtig gemütlich, ein jovialer alter Herr, er strich sich den Bart, sah sich mit blitzenden Augen im Raum um und lachte seinen Großneffen an. »Warum denn?« wiederholte er, »das hat ja Señor d'Irala schon vor vierzehn Jahren getan. Sie ist ja meines Kindes leibhaftiges Kind, und ich bin auf meine alten Tage doch noch einmal Großpapa geworden.«

»Fassen Sie sich nur«, schaltete Don Antonio sich ein, »mich hat's auch erst gepackt, und am liebsten hätt' ich's bestritten, aus Eifersucht nämlich, daß unsere Maria nicht mehr ausschließlich uns gehören soll, aber es ist gar kein Zweifel möglich. Diese junge Dame hier ist Maria de Pinnol, die leibliche Tochter des verstorbenen Señor Diego de Pinnol und seiner gleichfalls verstorbenen Gattin Mercedes de Lerma.«

Das war denn doch wohl zu viel. Es ist ungeheuerlich, dachte Mendez, es ist ein abgekartetes Spiel, aber sie sollen es beweisen. Der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn. »Hoffentlich läßt sich der Beweis der Abstammung noch führen«, preßte er zwischen den Zähnen heraus und ärgerte sich gleich darauf über seine eigene Dummheit.

»Oh, dieserhalb machen Sie sich ja keine Sorge«, versetzte phlegmatisch der General, »wir haben Beweise in Händen, die vor jedem Gerichtshof des Landes bestehen. Übrigens werde ich die ganze Geschichte noch heute juristisch in Ordnung bringen. Schließlich herrscht Krieg, und sogar ein alter Haudegen ist sterblich.«

Das walte der Teufel! dachte Mendez.

»Du scheinst dich gar nicht zu freuen?«

»Ich bin noch so erstaunt – –«; Mendez biß die Zähne zusammen. Weg! dachte er, jetzt nur hier weg, das ist ja nicht auszuhalten! Er faßte sich, seine Stimme hatte einen schnarrenden Ton. Er sagte: »Aber ich werde das schon noch begreifen. Und ich werde auch noch Gelegenheit haben, meine Freude zu bezeigen und Doña Maria als – Cousine zu begrüßen. Jetzt möchte ich nicht länger hier stören. Sie erlauben – –«

Er verbeugte sich kurz und verließ den Raum; kein Abschiedswort folgte ihm.

In sich versunken, betäubt fast von dem unerwarteten Schlag, saß er im Sattel. Er zweifelte innerlich nicht mehr, daß sich die Dinge so verhielten, wie er gehört hatte. Was aber dann? Was dann? Der Verlust der Erbschaft bedeutete seinen völligen Ruin, da sein gesamtes Vermögen nur noch aus Schulden bestand. Man mußte überlegen, es mußte etwas geschehen, sofort mußte etwas geschehen. Aber was? Was?

Er ritt durch den Wald, sah nicht rechts noch links. Er sah erst auf, als am Zügel seines Pferdes gerissen wurde. Der Mulatte stand vor ihm; hinter diesem, dicht am Waldrand, zeigte der Neger seine Zähne. »Ah«, sagte er, »ihr seid da. Das ist gut, gut. Hört zu!« Er beugte sich aus dem Sattel und legte dem Mulatten die Hand auf die Schulter. »Es ist anders geworden, alles anders. Laßt den Alten in Ruhe. Vorerst. Keine Hand wird gerührt. Habt ihr verstanden?«

»Verstanden schon, aber –«. Der Mulatte grinste.

»Heut nacht bei der Grotte. Dort erhaltet ihr weitere Befehle!« sagte Mendez; er war plötzlich wach. Er gab seinem Pferd die Zügel frei und sprengte davon. Die Ladrones sahen ihm nach.

Auf del Roca wurde dem General ein Brief überreicht, der dem Jäger Tamay abgenommen worden war. Er las ihn aufmerksam durch und steckte ihn in die Tasche. Noch am Nachmittag verließ er die Hazienda. Der Feind hatte seinen Angriff nicht wiederholt, außerdem kommandierte hier der erfahrene und zuverlässige Callego. General de Lerma aber ritt, von der Lancero-Eskadron gefolgt, den von San Salvador heranrückenden Verbündeten entgegen.

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