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Der Enkel der Könige

Franz Treller: Der Enkel der Könige - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/treller/enkel/enkel.xml
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Enkel der Könige
publisherUnion Verlag
printrun76. bis 82. Tausend
editorFritz Heike
year1957
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081118
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Die Flucht

Pablo wurde von dem Einäugigen eine Treppe hinab und einen wenig erhellten Gang entlanggeführt. Vor einer schweren Holztür blieb der Indianer stehen und stierte Pablo mit seinem einen Auge an; der hielt dem Blick stand und regte sich nicht.

Der Indianer nickte stumm vor sich hin, als habe sein forschender Blick eben das gefunden, was er suchte; er sagte gedämpften Tones: »Rufe zu den Unsichtbaren; ich kann nichts für dich tun.«

Darauf öffnete er die Tür, ließ Pablo eintreten und verschloß sie sorgfältig hinter dem Jüngling. Der suchte sich umzublicken, aber es war zunächst, als stehe er vor einer schwarzen, undurchdringlichen Wand. Sein Auge hatte Mühe, sich an die Finsternis zu gewöhnen. Er verlor jetzt etwas von der unter Menschenaugen sorgfältig bewahrten Fassung; er wußte nicht, welch dunklem Schicksal er da überliefert war, aber er fühlte, daß ein naher, schrecklicher Tod auf ihn lauerte. Und so war es natürlich, daß die Bilder der Vergangenheit seines kurzen Lebens vor ihm auftauchten: del Roca, Doña Inez und das helle, freundliche Bild Marias, der weißen Schwester, deren Leben Gott in frühester Kindheit auf rätselhafte Weise mit dem seinen verbunden.

Warum will dieser finstere Mann mit der lächerlichen Uniformjacke mich töten? fragte er sich. Ich muß ihm hinderlich sein, mein bloßes Dasein muß ihm Gefahr bedeuten. Warum? Er wußte von den alten Mythen des Mayavolkes nur, was er in Büchern gelesen und was Tamay, der Jäger, ihm erzählt hatte. Er war durch Padre Bernardo im christlichen Glauben erzogen worden; die abergläubischen Vorstellungen seiner Stammesgenossen, die er ohnehin nur vom Hörensagen kannte, waren ihm keine Realität. Waren sie mehr als Sage und Mythos? Barg sich hinter ihnen greifbare Wirklichkeit?

›Bist du der Enkel Nezualpillis, des Königs?‹ hatte der junge Indianer ihn damals gefragt, ›trägst du das Zeichen der Könige auf deiner Brust?‹ Und wenn es so wäre, dachte er; es muß wohl so sein, ja, ich fühle es, daß es so ist. Aber wo ist der Sinn eines solchen versunkenen Königtums? Oder soll ich nur irgendeinem finsteren Aberglauben geopfert werden? Er hatte den Mann im Generalsrock beobachtet; es war unwahrscheinlich. Was also dann? Warum bedeutete das alte Königszeichen auf der Brust für seinen Träger den Tod? Er konnte zu keiner Klarheit kommen; der Stoizismus des Indianers ergriff Besitz von ihm. Er konnte sein Schicksal nun nicht mehr ändern; er mußte es abrollen lassen.

Er unterschied nun bereits, daß er sich in einem ummauerten Raum befand, der sich nach oben hin wölbte und an den Wänden mehrere nischenartige Vertiefungen zeigte. Eine Bank war da, und einige viereckig behauene Steine lagen an den Wänden.

Die Tür, durch die er gekommen war, bildete die einzige Öffnung in dem kellerartigen, zum Teil tief unter der Erde liegenden Raum. Pablos Hände waren gebunden, aber auf dem Rücken trug er unter dem Rock noch das landesübliche Messer im Gürtel; die Narren hatten es nicht gefunden. Aber was konnte es ihm nützen? Seine Bande begannen zu schmerzen; er sah sich um. Sein Blick fiel auf einen der am Boden herumliegenden Steine. Er kniete sich nieder; der Stein hatte messerscharfe Kanten. »Das ist gut«, murmelte er, »so werde ich doch nicht kampflos sterben.« Er begann den Strick, der seine Handgelenke zusammenhielt, an der Kante des Steines hin und her zu scheuern; es währte kaum eine Minute, da zerriß die Fessel, und seine Gelenke waren frei. Er rieb die erstarrten Hände und griff nach dem Messer. »Nun mögen sie kommen«, murmelte er, »sie werden mich nicht wie eine Katze abwürgen.«

Er ließ sich auf dem Stein nieder, das Messer in der Hand, und starrte vor sich hin. Minuten vergingen, reihten sich aneinander, vielleicht zu Stunden, er wußte es nicht. Er war auf das letzte gefaßt.

Ein leises Zischen ließ ihn zusammenzucken; er hob lauschend den Kopf. Das Zischen wiederholte sich. Er gab auf die gleiche Weise Antwort. Worte kamen irgendwoher, dunkel, raunend, wirr, er verstand sie nicht. Er wußte nicht einmal, woher sie kamen. Von der Tür gewiß nicht. Er ging, die Wände entlangtastend, aufmerksam horchend, umher. Da kam es wieder, Worte der Mayasprache, sie drangen von oben durch die gewölbte Decke zu ihm herab: »Hörst du mich nicht?«

»Ja«, raunte er, verhaltend lauschend, »ich höre dich. Wer bist du?«

»Der, der dich schon einmal gewarnt hat, Enkel der Könige. Hast du die Hände frei?«

»Ja.«

»Gut. Ich lasse dir jetzt ein Lasso herab. Warte.«

Sekunden später senkte sich die Schlinge eines geflochtenen Lassos von oben herab. Pablo griff danach und begann daran emporzuklettern. Er erreichte die Decke und sah nun erst, daß hier eine Öffnung war, groß genug, seinen schlanken Körper durchzulassen. Er kletterte weiter. Die Öffnung nahm ihn auf; sie erwies sich als eine schornsteinartige Röhre; schwacher Dämmerschein wurde von oben her spürbar. Die Röhre schlug einen Winkel, dann noch einen; jetzt wurde es heller. Er stemmte die Füße gegen die gemauerten Wände und kletterte an dem geflochtenen Seil empor. Sein Kopf tauchte ans Licht; er sah über sich ein Gesicht. Ein junger Indianer kauerte zwischen dichten Ceibaschößlingen und hielt das Lasso. Über ihm entfalteten sich die Zweige eines riesigen Baumes.

Pablo sprang auf die Erde; der junge Indianer erhob sich und begrüßte ihn lächelnd. Als Pablo sprechen wollte, legte er warnend den Finger an die Lippen. Dann wälzte er einen Stein über die Öffnung, der Pablo entstiegen war, ohne sie allerdings ganz zu verschließen.

»Sei mir gegrüßt, Sohn Jungunas«, sagte der Retter, »ich bin Tenanga, der Sohn Azuals, und bin ausgesandt, dich deinen Feinden zu entreißen.« Er sprach im Flüsterton; es war mehr ein Zischen.

Pablo überflog die schlanke Gestalt des Jünglings, der nur wenige Jahre älter sein mochte als er selbst. Der stand da, in grünem Jagdhemd und hohen Ledergamaschen; seine Hand hielt eine lange Büchse. Sein Gesicht war jung, glatt und Zutrauen erweckend, die Augen ruhten mit einem beinahe ehrfürchtigen Blick auf dem Jungen, den er dem finsteren Verließ entrissen hatte.

»Frage jetzt nicht viel«, flüsterte Tenanga, »du wirst alles erfahren; ich war dir auf der Spur, und ich dachte mir, daß Chamulpo dich hierher bringen würde. Ich kannte das Verließ von meinem Vater.«

»Wer ist Chamulpo, und wer ist dein Vater?« fragte Pablo.

Der andere wehrte ab. »Später, später!« sagte er. – »Still«, unterbrach er sich gleich darauf und legte das Ohr an die schmale Öffnung der Röhre, die der von ihm darübergewälzte Stein gelassen hatte. Pablo kauerte sich neben ihm nieder und lauschte ebenfalls. Er hörte von unten Worte in spanischer Sprache heraufdringen: »Du hast ihn entfliehen lassen, Rothaut; der Kazike wird dir die Haut in Fetzen reißen lassen.« Pablo erkannte die Stimme: das war der Neger. »Wo ist er?« jammerte er, »schaffe Rat, Chimal, es geht um unser Leben.«

»Sie haben Licht«, flüsterte Pablo; er sah es daran, daß schwache Strahlen sich an den Wänden der winkeligen Röhre brachen.

»Es wird ihnen nichts nützen«, flüsterte Tenanga zurück.

Sie hörten Schritte von unten heraufdringen; gleich darauf eine Stimme, die Pablo als die des einäugigen Indianers erkannte. »Hier liegt der Strick«, klang es herauf, »wo ist der Bursche?«

Eine Weile war Schweigen, dann drang die Stimme des Negers herauf: »Komm, Chimal, wir wollen die Bluthunde loslassen, die fürchten sich nicht vor Geistern.« Pablo sah fragend seinen Retter an.

»Es ist nichts«, sagte der, »sie mögen es tun. Ich habe ihnen Pfeffer vor die Nase gestreut; sie sind mindestens einen Tag lang ohne Witterung, und wir sind hier von Dornen wie von einer undurchdringlichen Mauer umgeben.«

Eine ganze Weile verging; sie hörten unten die schwere Tür schlagen, dann war lange Zeit Stille. Schließlich wurde es aber oben lebendig; ein Hund heulte, scheltende Stimmen drangen zu ihnen.

»Die Bestien sind toll, Chimal, sieh nur, wie sie umherrasen und die Nasen am Boden scheuern.«

»Sperre sie ein, es hat keinen Sinn. Die Unsichtbaren haben ihm geholfen.«

»Oh, es ist furchtbar, es kostet mich das Leben!« stöhnte der Neger, »geh, Don Chimal, hole Huntoh, den Zapoteken, er ist gestern zurückgekommen, er ist der einzige, der helfen kann.«

Tenangas Augen funkelten, als der Name Huntoh an sein Ohr drang. Pablo betrachtete ihn aufmerksam. »Du kennst Huntoh?« fragte er.

»Ja, ich kenne ihn.«

»Ist er gefährlich?«

»Er ist ein großer Jäger, ein bedeutender Rastreador und ein vortrefflicher Schütze. Gefahr von ihm droht uns nur, bis ich ihn vor meiner Büchse habe; der Sohn Azuals kann auch schießen.«

Die Stimmen des Negers und des Einäugigen verklangen; es wurde still. »Was werden wir beginnen?« fragte Pablo.

»Wir müssen in die Berge, doch vorher mußt du andere Kleider und eine Büchse haben. Kannst du schießen?«

Pablo lächelte: »Ich glaube schon. Ein Wild habe ich bisher nur selten gefehlt; auf Menschen habe ich noch nicht schießen müssen.«

»Es ist gut. Vielleicht wirst du es müssen. Ich bin der Jäger Chamulpos, des Kaziken, der dich verfolgt; mein Vater war es vor mir, er ist tot. Chamulpo wird dir Kleider und Waffen leihen müssen. Hör zu, Sohn Jungunas; wir müssen hier warten, bis es dunkel ist, solange sind wir hier sicher. Das Geheimnis dieses Mauerwerkes kennt nur Chamulpo selbst. Außer ihm kannte es nur mein Vater, und von ihm kenne ich es. Aber das weiß Chamulpo nicht.«

Zuweilen drangen Geräusche herüber, Reiter kamen und andere ritten fort, die Stimmen des Negers und des Einäugigen mischten sich mit anderen Stimmen, dann wurde es wieder still. Stunden verrannen.

Die Nacht sank herab, am Himmel funkelten die ersten Sterne auf. Fledermäuse und Leuchtkäfer schwirrten durch die Luft, der Wind zerrte an den Wipfeln der Bäume. Irgendwo schienen Reiter in der Nähe zu lagern; sie hörten Lachen und Schwatzen herüberdringen.

»Wir wollen uns bereit machen«, sagte Tenanga; »es gilt vor allem, unsere Spuren unkenntlich zu machen; die deine erkennt man unter Tausenden.« Er schnitt eine große Anzahl von Schlinggewächsen, die die Dornen durchwucherten, heraus und umwand mit ihnen Pablos Reitstiefel. Das gleiche tat er dann bei sich selbst.

Sie waren von einer undurchdringlichen Dornenhecke eingeschlossen. Tenanga kauerte sich am Boden nieder, griff vorsichtig in die Dornen hinein und zog gleich darauf ein künstlich eingefügtes Bund Dornsträucher heraus. »Äußerste Vorsicht«, flüsterte er Pablo zu, »die Dornen reißen arge Wunden.« Mit größter Behutsamkeit kroch Pablo durch die schmale Öffnung. Er kam ungefährdet hindurch, seinen Kleidern freilich bekam der Weg schlecht. Erschöpft ließ er sich jenseits der Hecke in das Farnkraut fallen. Bald war Tenanga bei ihm.

Zwischen hoch aufgeschossenen Farn- und Lorbeerbüschen bewegten die beiden sich vorwärts; Tenanga ging voran, dem nahen, hochstämmigen Walde zu. Durch dichte Stämme gedeckt, lugten sie zurück und gewahrten eine Schar sorglos um lodernde Feuer gelagerter Reiter, deren Pferde in der Nähe weideten. Tenanga gab das Zeichen zum Weitergehen. Sie gingen nicht lange, dann hielt der Führer vor einem Dickicht an. Er reichte dem dicht hinter ihm gehenden Pablo die Hand und zog ihn in das Gebüsch. Sie standen vor einem niedrigen Felsen.

»Hier müssen wir in die Erde«, flüsterte Tenanga, die Hand des anderen haltend, »sei vorsichtig, es führen Stufen hinab.« Sie betraten eine dunkle Öffnung und schritten alsdann wohl an die fünfzig Stufen eines gewundenen Weges hinab, dann hielt Tenanga inne. Schweigen und undurchdringliche Finsternis herrschten ringsum. Kein Laut drang von oben herab.

Tenanga entzündete einen Kienspan, dessen düsteres Licht gleich darauf die nächste Umgebung erleuchtete. Pablo sah sich in einer von der Natur gebildeten Felsenhöhle, die Menschenkunst bis zu dieser Tiefe zugänglich gemacht hatte. Zu seinen Füßen war ein Wassertümpel, neben dem einige Tongefäße standen. Eine dunkle Öffnung deutete auf weitere unterirdische Räume.

»Wo sind wir?« fragte Pablo.

»Am Quell der Tiefe«, flüsterte Tenanga; seine Stimme hallte von den Felswänden wider. »Hier holten schon vor Jahrhunderten die Leute unseres Volkes Wasser, sieh, da stehen noch ihre Krüge. Niemand hat sie seit jener Zeit berührt.«

Pablo fühlte sich von sonderbaren Schauern angeweht; ihn fröstelte. »Seit Jahrhunderten – unberührt?« stammelte er.

»Seit Menschenaltern wagt niemand mehr, hierher zu kommen«, sagte Tenanga. »Böse Geister sollen hier hausen. Außer vom Kaziken ist die Höhle allein von meinem Vater und mir betreten worden. Wenige nur kennen den Eingang, und die fürchten und fliehen ihn.«

»Und was suchte der Kazike hier?«

Tenanga betrat, mit dem Kienspan leuchtend, eine Nachbarhöhle. »Komm, Sohn Jungunas«, sagte er, »Chamulpo hat hier ein geheimes Versteck. Nur mein Vater und ich kennen es außer ihm.«

Mit Erstaunen nahm Pablo wahr, daß die Nachbarhöhle wohnlich eingerichtet war. Schränke, Koffer, ein Ruhebett waren da. An den Wänden hingen Kleider, Sättel, Zaumzeug und Lassos. Überall lehnten Waffen: Büchsen, Lanzen und Säbel.

»Du siehst«, sagte Tenanga, »der Kazike hat sich hier eine Wohnung geschaffen. Du wirst dir einen Jagdanzug und eine Büchse von ihm leihen, er hat treffliche Waffen von den Americanos bekommen.«

Pablo nahm eine Doppelbüchse in die Hand, betrachtete sie und ließ die Hähne spielen. Er hielt sie an die Wange; sie war schön gearbeitet und lag ihm gut im Arm. »Dort drüben findest du Kugeln, Pulver, Zündhütchen«, sagte Tenanga und deutete auf eine Kiste. Er nahm ein Jagdhemd herab, suchte leichte Lederschuhe und hohe Gamaschen aus weichem Rindleder hervor. »Kleide dich um und lege dich schlafen«, sagte er, »du wirst morgen deine Kräfte brauchen.«

»Bleiben wir die Nacht hier?«

»Bis zur Morgendämmerung. Wir müssen den Tag abwarten, um durch die Wälder gehen zu können.«

Pablo legte das ganz neue, schön nach indianischer Weise verzierte Jagdhemd an. Tenanga befreite ihn von seinen Stiefeln, steckte ihm die Füße in die leichten Schnürschuhe und hüllte seine Beine in die langen Gamaschen. Ein Gürtel, eine Mütze und eine Jagdtasche vervollständigten schnell die Ausrüstung.

»Nun schlafe, Sohn Jungunas, Tenanga wacht über dich«, sagte der Retter. Pablo fühlte nun erst seine Müdigkeit. Er streckte sich auf das Lager und war schon nach Sekunden eingeschlafen. Tenanga saß stumm und starr wie ein Götzenbild zu seinen Häupten, die Büchse in der Hand.

Er schlief tief und fest. Als er Tenangas Hand auf seiner Schulter fühlte, sprang er auf. »Es ist Zeit«, flüsterte der junge Indianer, »die Sterne erbleichen.« Pablo erhob sich frisch und gestärkt. Tenanga reichte ihm eine Tafel Schokolade und ein Stück Maisbrot; mit Wasser löschten sie ihren Durst. Sie füllten Pulverhorn und Kugelbeutel und machten sich marschfertig. Alles, was auf die Anwesenheit Fremder in der Höhle hätte schließen lassen, hatte Tenanga schon während der Nacht entfernt. Sie gingen die Stufen hinauf; oben löschte Tenanga den Kienspan, mit dem er geleuchtet hatte.

Es war fast noch Nacht; in den riesigen Zeder-, Chicazamote- und Mahagonibäumen rauschte es dumpf. Die Morgenluft war wie ein laues Bad. Tenanga, der seine eigene Fußkleidung mit Mokassins vertauscht hatte, die er in der Höhle gefunden, schritt voran durch Buschwerk, das nur schwer zu durchdringen war. Sie verzichteten gleichwohl auf Anwendung der scharfen Machete; es galt, jegliche Spur zu vermeiden.

Der Tag kam herauf, und die Natur erwachte zu neuem Leben. Die Papageien ließen ihre scharfen Schreie hören, langgeschwänzte Affen sprangen von Ast zu Ast; überall zwitscherten Vögel. Die Wipfel der Waldriesen leuchteten im warmen Gold der Morgensonne, aber zu ihren Füßen blieb eine Dämmerung, die auch der heraufkommende Mittag nicht zu verscheuchen vermochte. Fernab aller Menschenwege führte ihr Weg bergauf. Die Hitze wurde drückend, sie suchten Ruhe an einer Quelle. Aber nicht lange; Tenanga drängte vorwärts. Er ließ keinen Zweifel daran, daß er den Zapoteken Huntoh fürchtete.

*

Der Kazike Chamulpo – er war der Mann mit dem Generalsrock über dem Baumwollhemd – traf wider Erwarten seiner Diener schon nach kurzer Zeit wieder im Tale ein, begleitet von einer Schar seiner ihm auf Tod und Leben ergebenen Reiter.

Als er das Haus betrat, trat ihm der Neger Abrahan entgegen; er machte ein Gesicht wie ein geprügelter Hund und zitterte am ganzen Leibe.

»Wie siehst du denn aus?« herrschte Chamulpo ihn an. »Ich hoffe, dein Schützling – – – schläft?«

Der Neger zitterte stärker. »Herr, Herr«, stammelte er, »die bösen Geister sind am Wege, wir waren machtlos gegen sie.«

Das dunkle Gesicht des Kaziken erstarrte zu einer drohenden Maske. »Was heißt das?« flüsterte er heiser. »Wo ist der, den ich dir anvertraute?«

Die Stimme schwoll an; sie schleuderte durch die bloße Wucht der Worte ein heulendes schwarzes Bündel zur Erde. »Wir haben nichts versäumt, nichts, Herr«, ächzte der Neger, »die bösen Geister müssen ihn entführt haben.«

»Er ist fort?« Das kam wie ein Hieb.

»Fort, fort, wir wissen es nicht!« heulte Abrahan.

Der schwere Säbel des Kaziken fuhr aus der Scheide; der Neger brüllte wie ein Vieh, das abgeschlachtet wird. Der Einäugige kam heran; in seinem Gesicht war nichts zu lesen, doch erschien es auf eine gespenstige Weise fahl. Sein Blick traf den Kaziken; der erstarrte in der Bewegung. »Berichte, Chimal«, sagte er leise und ließ den Säbel sinken.

»Ich weiß nichts, Herr«, sagte der Indianer, »wir wissen alle nichts. Die Unsichtbaren haben ihn entführt.« Und er berichtete mit anscheinend stoischer Ruhe, was geschehen war. Mit gleicher Ruhe hörte der Kazike zu, aber seine Schultern zuckten unter dem bunten Rock. Er hörte die Worte des Indianers, er verstand ihren Sinn; er kannte seine Leute, hatte keinen Grund, an der Richtigkeit ihrer Worte zu zweifeln. Was also war geschehen? Chamulpo war ein Indianer, er war nicht frei von Aberglauben, aber er hatte zu viel und zu lange mit Weißen verkehrt, um einem Wahn zu erliegen.

»Der Bursche war gebunden, Chimal?«

»Als ich ihn einschloß, waren seine Hände gefesselt, aber er hat die Fessel an der Kante eines Steins durchgescheuert; wir fanden den Strick.«

Das war gut; es war ein natürliches, erklärliches Geschehen. Was aber geschah dann? Niemand kannte die Anlage des geheimen Verließes, kein Lebender außer ihm. Aber selbst wenn der Gefangene sie gekannt hätte, was hätte es ihm ohne Hilfe von außen genützt? Wer aber konnte geholfen haben, da niemand das Geheimnis der Dornenhecke kannte? Einen Augenblick zuckte der Name Tenanga durch seinen Kopf. Es mochte immerhin sein, daß der junge Indianer durch seinen Vater davon erfahren hatte. Woher aber sollte er wissen, daß der Gefangene da unten weilte, und was für einen Grund sollte er haben, ihn zu befreien? Er verwarf den Gedanken. »Kommt mit herab«, befahl er kurz, »Licht, Abrahan.«

Gleich darauf standen die drei Männer beim Schein einer großen Laterne in dem nach Art der Mayabauten gewölbten Raum. Chamulpo hatte Tür und Schloß untersucht und beide fest und unversehrt gefunden. Er ließ seine Augen durch den Raum schweifen; die Öffnung im Deckengewölbe war nicht einmal im Schein der Laterne wahrzunehmen. An dem Stein lag noch der durchgescheuerte Strick. Er durchsuchte das Gewölbe mit peinlichster Sorgfalt und wußte schon während des Suchens, daß es unnütz war. Er fand nichts.

Hinaufgehend fragte er: »Was habt ihr weiter unternommen, um hinter das Geheimnis dieser Flucht zu kommen?«

»Ich habe zu Huntoh, dem Zapoteken, gesandt«, sagte Chimal; »er ist der größte Spurfinder des Landes.«

»Es ist gut. Schicke ihn zu mir, wenn er kommt.«

Chamulpo winkte den beiden zu gehen und umschritt, in Gedanken versunken, das durch die undurchdringliche Dornenhecke gut verwahrte Gebüsch, das den Ausgang der Röhre verbarg. Er gewahrte nichts Verdächtiges. Huntoh! dachte er, Huntoh ist gut, aber ich werde mich hüten, ihm dieses Versteck zu zeigen; wer weiß, ob ich es nicht eines Tages brauche.

Während er noch überlegte, wie er sich die Kunst des Spurenlesers dienstbar machen könnte, ohne sein Geheimnis preiszugeben, kam ein Indianer in Jägertracht auf ihn zu. Der Mann war breitschultrig und von kräftigem Gliederbau, seine Hautfarbe war einen Ton dunkler als die anderer Indianer. Er hatte ein kluges Gesicht, das aber durch einen tückischen Zug um die Augen entstellt wurde.

»Du wünschtest mich zu sprechen, Kazike«, sagte der Mann; er bediente sich der spanischen Sprache.

Chamulpo sah ihn finster an. »Ja, Huntoh«, antwortete er, »ich habe eine lohnende Beschäftigung für dich. Der Dummkopf Abrahan hat einen Gefangenen, einen äußerst gefährlichen Burschen, entfliehen lassen; du solltest ihn mir fangen, lebend oder tot.«

»Gib mir den Anfang der Spur, Kazike, und ich werde ihn finden«, versetzte der Zapoteke.

»Komm mit, ich will dir deine Aufgabe erklären.«

Chamulpo, von Huntoh gefolgt, schritt dem Hause zu. Drinnen sprachen sie lange miteinander. Schließlich erschien der Zapoteke wieder und ging gemessenen Schrittes in den Wald. Kurze Zeit später sprengte eine stattliche Anzahl Reiter nach verschiedenen Seiten davon.

*

»Wohin führst du mich, Tenanga?« fragte Pablo; sie waren schon lange unterwegs.

»Zunächst muß ich dich aus Chamulpos Machtbereich herausbringen«, entgegnete Tenanga, »die Täler hier sind vom Stamm der Kekchis besiedelt; Chamulpo ist ihr Kazike, und sie hängen ihm an, um so mehr, als sie glauben, daß er dem Haus der Könige verwandt ist.«

»Gut. Und weiter? Wohin sollen wir dann gehen?«

»Ich will dich zum General Arana bringen. Arana ist ein Maya, und mein Vater kannte ihn gut. Er ist General der mexikanischen Republik, obgleich er die Mexikaner an der Spitze der Mayas zweimal in blutigen Schlachten geschlagen hat, um unserem Volk in Yucatan die Unabhängigkeit zu bewahren.«

»Weiß Arana, wer – – ich bin?«

»Er war deinem Vater befreundet, Hualpa. Er hat von dir gehört und hat dich bereits in del Roca gesucht; leider kam er zu spät.« Und Tenanga berichtete dem aufhorchenden Jungen von dem Besuch Aranas auf der Hazienda und von seiner Unterredung mit d'Irala und den Doñas.

Pablo hörte aufmerksam zu und schwieg eine Weile in sich hinein. Schließlich sah er den anderen mit offenem Blick an. »Wenn ich der Enkel der Könige bin«, sagte er, »und wenn den Mayas ihr altes Königshaus heute noch heilig ist, warum verfolgt mich Chamulpo? Warum will er meinen Tod?«

»Ich weiß nicht, ob der Kazike seine Verwandtschaft mit einer Seitenlinie des Königshauses beweisen kann«, versetzte Tenanga, »wahrscheinlich kann er es nicht; deine Abkunft vom geraden Stamm aber ist unzweifelhaft, wenn du das Zeichen trägst. Würde im Mayavolk bekannt, daß du lebst, wäre es in jedem Fall mit Chamulpos Herrschaft vorbei. Chamulpo aber ist machtgierig, er will seine Stellung im Mayavolk unter allen Umständen behaupten, zumal er nicht viele persönliche Freunde hat.«

»So ähnlich habe ich es mir selbst gedacht«, sagte Pablo; »aber ich bin unter Weißen groß geworden und erzogen worden, es ist nicht so leicht für mich, die Zusammenhänge zu begreifen. Sage mir aber noch eines: du bist doch Chamulpos Mann, dein Vater war Jäger in seinem Dienst, wie du sagtest. Warum verrätst du ihn, indem du mir hilfst?«

Tenanga antwortete nicht gleich, er sah eine Weile düster vor sich hin. »Ich will es dir sagen, Hualpa, König«, begann er schließlich, »aber wirf keinen Stein auf das Andenken meines Vaters; er hat Schuld auf sich geladen. Ja, er war Jäger des Kaziken und ihm blind ergeben. Als Junguna, dein Vater, gestorben war, raubte dich mein Vater auf Chamulpos Befehl. Er sollte dich töten, aber er scheute sich, Königsblut zu vergießen und warf dich dem Panther vor. Du weißt wohl, unter den Blancos groß geworden, gar nicht, daß jeder Maya bei der Geburt einem Schutzgeist in Tiergestalt anvertraut wird. Dein Schutzgeist war der Panther. Die Raubkatze, der du vorgeworfen wurdest, hat dich nicht getötet, aber das haben weder Chamulpo noch mein Vater Azual erfahren; sie hielten dich für tot, und mein Vater litt schwer unter der Erinnerung an seine Tat. Viele Jahre später – mein Vater war schwer erkrankt und bereitete sich darauf vor, diese Welt zu verlassen –, da sandte Tamay, der Ausgestoßene, Botschaft an Chamulpo, daß das Kind mit dem Königszeichen auf der Brust auf der Hazienda del Roca lebe. Mein Vater erfuhr es und erschrak in tiefster Seele. Ich mußte ihm heimlich schwören, alles zu tun, und den Königsenkel vor dem Verderben zu schützen. Ich habe es geschworen, und so stehe ich an deiner Seite.«

Pablo sah dem Jüngling tief in die Augen und drückte ihm stumm die Hand. »Ich bin deinem Vater nicht gram, Tenanga«, sagte er nach einer Weile, »er mag seinen Frieden haben.« Tenangas Augen leuchteten auf.

»Aber sage mir noch eines«, fuhr Pablo fort, »was ist es mit Tamay, dem Alten, der als Jäger auf del Roca lebte? Den ›Ausgestoßenen‹ nanntest du hin vorhin. Warum hat er mich verraten? Ich habe oft und lange mit ihm gesprochen, er hat mich die Sprache meiner Vorfahren gelehrt, und ich begreife sein Handeln nicht.«

»Tamay ist ein Verräter«, sagte Tenanga. »Als die Mayas gegen Mexiko kämpften, ist er des Goldes wegen zu den Mexikanern gegangen. Er ist ausgestoßen, jeder Maya kann ihn totschlagen wie einen räudigen Hund.«

Pablo schauerte unwillkürlich zusammen; verworrene Vorstellungen stritten in ihm. »Ich verstehe das nicht«, flüsterte er, »er war immer verschlossen und finster, aber ich habe ihm niemals ein Leid getan; er mußte doch wissen, welchem Schicksal er mich auslieferte, wenn er mich an Chamulpo verriet?«

»Er hat es gewußt«, sagte Tenanga finster, »er kennt ja Chamulpo.« Und wieder sah sich Pablo von heimlichem Grauen geschüttelt. Er sah sich als Abkömmling einer Welt, die er nicht mehr begriff. Alles war zwiegesichtig geworden. Die Bilder und Vorstellungen, die aus jener Welt auf ihn eindrangen, zogen ihn auf eine magische Weise an, um ihn gleich darauf abzustoßen. Er schwieg lange, und das Rätsel, dem er nachspürte, stand in seinen Augen.

»Wie ist es mit den Zapoteken?« fragte er nach einer Weile. »Sind sie den Mayas nicht feindlich gesinnt? Tamay äußerte sich so. Am Meer, da, wo ich aufgewachsen bin, lebten keine Zapoteken, sondern nur Xinkas. Die Xinkas sind Knechts- und Sklavenseelen«, setzte er hinzu. »Man kann sie peitschen, und sie winseln.«

»Du hast recht«, antwortete Tenanga, »die Zapoteken sind Todfeinde der Mayas. In Chiapa und Oajaca sind sie stark; hier in Guatemala haben sie sich zwischen unsere Stämme gedrängt; wir haben wiederholt mit ihnen kämpfen müssen.«

»Und doch steht der Zapoteke, den du fürchtest, in Chamulpos Dienst?«

»Ja. Ich kann es dir nicht erklären, bei Chamulpo gibt es manches Geheimnis. Er ist ein verschwiegener Mann, aus dem niemand klug wird. Seit der Krieg wieder im Lande wütet, ist er noch schweigsamer geworden.«

»Krieg? Ist denn Krieg im Land?«

»Weißt du das nicht?«

»Ich habe noch nichts davon erfahren.«

»Sarmiento, ein Zambo, hat einen Aufstand gegen die Regierung entfesselt, er hat eine große Armee um sich gesammelt und soll schon auf die Hauptstadt marschieren.«

Pablo horchte auf. Er wußte aus eigener Anschauung nichts vom Bürgerkrieg, aber Antonio d'Irala hatte oft von früheren Aufständen erzählt, er hatte selbst auf Regierungsseite gegen Aufständische im Kampf gestanden. »Und Chamulpo?« fragte er, »schließt er sich dem Aufstand an?«

»Das weiß man nicht. Man weiß nur, daß er dabei ist, die Mayas zu sammeln und für den Krieg vorzubereiten. Er hat es sogar fertig bekommen, sich mit den Zapoteken zu verbünden, die wahrscheinlich gemeinsam mit ihm handeln werden. Huntoh bekäme er auch so, ohne mit den Zapoteken verbündet zu sein. Der Mann ist für Geld zu allem zu haben, er würde auch sein eigenes Volk verkaufen.«

Krieg! Bürgerkrieg! dachte Pablo, und seine Gedanken eilten nach del Roca. Das Bild des Mädchens Maria tauchte vor ihm auf; es versetzte ihm einen Stich. Wenn sie in Gefahr käme, ohne daß er an ihrer Seite sein könnte! Aber was konnte er, ein unsteter Flüchtling, beginnen? Er fühlte schmerzlich seine Ohnmacht und begann wieder in sich hinein zu schweigen.

Tenanga unterbrach schließlich sein Sinnen. »Wir müssen bei der bedrohlichen Lage des Landes um so vorsichtiger sein«, sagte er, »endgültig in Sicherheit bist du erst an der Grenze Yucatans. Es war ein großes Glück, daß Chamulpo abwesend war, als ich dich aus dem unterirdischen Kerker herausholte. Der Neger und der Einäugige werden an Geisterspuk glauben.«

»Wie ist es dir nur gelungen, meiner Spur zu folgen?« fragte Pablo.

»Ich bin dir nicht gefolgt. Aber ich hörte von den Vaqueros der Hazienda, daß die Mayas, die dich entführten, sich in drei Gruppen geteilt hätten, und da vermutete ich, daß man dich durch die Barrancas führen würde, um dich dort in einen Abgrund stürzen zu lassen. Chamulpo hätte dann schlimmstenfalls immer sagen können, er habe dich heimholen wollen, doch unglücklicherweise seiest du abgestürzt. Vorsichtshalber hatte ich allen Männern zugeflüstert, daß du der Enkel der Könige seiest. Immerhin, es waren Leute dabei, die auch nicht davor zurückgeschreckt wären, Königsblut zu vergießen. Entgingst du dem dir sicherlich zugedachten Tod, dann konntest du eigentlich nur in dem kleinen Hause Chamulpos sein, in das er sich zurückgezogen hat, um von dort aus dem Kampf in den Tälern zuzuschauen. Das Geheimnis des unterirdischen Verließes kannte ich, wie du weißt. Also nahm ich Don Antonios bestes Pferd und eilte dir auf den kürzesten Wegen nach. Die Unsichtbaren haben es gefügt, daß ich noch rechtzeitig kam.«

In Pablos Seele tobte der Aufruhr. Zuviel war es, was da plötzlich auf ihn einstürmte. Vor Tagen noch war er ein junger unbeachteter Indio auf der Besitzung eines Weißen, geduldet, aber insgeheim über die Achsel angesehen. Über Nacht war er zum Abkömmling eines uralten Königsgeschlechtes geworden und, wenn man die Bemühungen des Kaziken Chamulpo bedachte, ihn aus dem Wege zu räumen, möglicherweise nicht ohne Einfluß auf die nächsten Geschicke des Landes. Er faßte das noch nicht, es wurde ihm in der einschneidenden Bedeutung noch nicht klar, aber er ahnte, phantasiebegabt und nicht ohne angeborenen Ehrgeiz, schon etwas von traumhaften Möglichkeiten. Sein Stolz jedenfalls, den er bisher schon gegenüber der dem Indio entgegengebrachten Verachtung als wirksame Waffe erprobt hatte, wuchs beträchtlich.

Er warf den Kopf mit einer ihm eigenen Bewegung in den Nacken. »Führe mich zu dem General Arana, Tenanga«, sagte er, »es scheint, daß viel auf dem Spiel steht, und ich bin gewiß, daß die Unsichtbaren auch weiter mit mir sein werden!« Er sagte: die Unsichtbaren, und wieder drangen geheimnisvolle Schauer durch seine Seele. Er war in der christlichen Religion erzogen worden, aber nun drang es von allen Seiten auf ihn ein, aus dem Dunkel strömte es auf ihn zu, das uralte Geheimnis seines Volkes schien aufgebrochen in ihm, ein geheimes Sendungsbewußtsein begann ihn zu erfüllen. Sie nahmen ihre Büchsen und brachen auf. Der Aufstieg durch die Wälder war schwierig, das Unterholz war dicht, und immer wieder mußte der voranschreitende Tenanga mit seiner Machete erst die Bahn brechen. Gegen Abend erreichten sie nackte Felsengebilde und beschlossen, in der Nähe eines Quells in einer kleinen Höhle zu übernachten; von trockenem Gras bereiteten sie sich ihre Lagerstätten. Tenangas Jagdtasche barg noch Maisbrot und einige Schokoladetafeln, so daß sie imstande waren, eine kärgliche Abendmahlzeit zu halten.

Pablo schlief lange und tief. Als die Stimmen der Vögel den Morgen ankündigten, erwachte er. Tenanga war nicht da. Er trat aus der Höhle heraus in den schon warmen Sonnenschein und ward abermals von der Schönheit, Lieblichkeit und Phantastik der Landschaft überwältigt, die sich seinen Blicken bot. Über Berg und Tal, über Felsgipfel, Wälder und blumengeschmückte Barrancas flog sein Blick zu den Cerros hinauf, deren wild zerrissene Spitzen im rötlichen Morgenlicht glühten. Aus den Tälern stiegen weißliche Nebel, sie umflatterten die Häupter der Bergriesen wie wogende Schleier.

Dem Jungen war es, als blicke er in eine Traumlandschaft hinein; er hatte nicht gewußt, daß dieses Land, sein Land, so schön war! Über dieses Land hatten einst seine Väter geherrscht. Fremde waren gekommen und hatten es geraubt, hatten die Seinen erschlagen und zu Sklaven erniedrigt. Heute prunkten diese gleichen Fremden mit ihrer Herkunft, in Stolz und Dünkel sahen sie auf den Maya hinab; Pablo verkrampfte unwillkürlich die Fäuste, etwas wie kalter Haß kroch in ihm hoch. Er sah die Erde, die Welt, sich selbst in einem neuen Licht und fühlte in sich eine Verpflichtung wachsen, die, das wußte er nun schon, bereits mit ihm geboren war.

Ein leichter Schritt schräg hinter ihm ließ ihn zusammenfahren, er fuhr herum. Tenanga stand hinter ihm und lächelte ihn an. »Was sinnst du, Sohn Jungunas?« fragte er.

»Es ist schön hier«, sagte Pablo, immer noch abwesend mit seinen Gedanken.

Tenanga sah sich um, und ein Zug von Verwunderung erschien auf seinem verschlossenen Indianergesicht. »Ja«, sagte er, »du sagst es, und es ist wohl so. – Aber es war immer so«, setzte er nach einem Weilchen hinzu. Und dann war er schon wieder ganz in der Gegenwart. »Wir müssen weiter, Herr«, raunte er, »es sind Pueblos in der Nähe, ich habe uns etwas zu essen besorgt, aber wir müssen eilen, unser Weg ist noch weit.« Sie hielten eine schnelle Mahlzeit und brachen dann auf. Auf den Spuren Tenangas folgte Pablo in die Felsenwelt. Kandelaberkakteen von dreißig bis vierzig Fuß Höhe erhoben sich auf den steinigen Wänden und streckten ihre massigen, sieben bis acht Fuß langen Ausläufer weit über die Ränder hinaus. Sie zogen durch tiefe Täler, die in dunklerem und hellerem Grün leuchteten, von vielfarbigen Blumen wie kostbare Teppiche durchwirkt. Nach langem Marsch erreichten sie, niedersteigend, wieder dichten tropischen Wald.

Bevor sie in das Dunkel hineintraten, zuckte Tenanga, der die Augen unentwegt am Boden hatte, zusammen. »Komm«, flüsterte er, Pablo winkend, der dem mit unendlicher Vorsicht Voranschreitenden in das dichte Buschwerk folgte. Hinter einem massigen Ceibabaum blieb Tenanga lauernd stehen. Pablo, der nichts bemerkt hatte, fragte ihn flüsternd, was es denn gäbe.

»Der Zapoteke ist hier«, flüsterte Tenanga zurück.

»Woher weißt du das denn?« fragte Pablo verblüfft.

»Dort ist seine Spur.« Er wies mit der Hand auf eine bestimmte Stelle. Pablo sah nichts, er gab seinem Zweifel Ausdruck.

»Eine Spur, die ich einmal gesehen habe, kenne ich immer wieder«, sagte Tenanga, »ich bin von klein auf zum Rastreador erzogen worden, die Erde mit ihren Zeichen ist das einzige Buch, in dem ich lese.«

»Kann der Zufall nicht den Mann hierhergeführt haben?«

»Nein. Ich bin überzeugt: er ist uns nachgesandt. Die bösen Geister sind am Wege. Kauere dich dort zwischen die Farne, mach dich schußfertig und halte Augen und Ohren offen. Es gibt kein Tier dieser Wildnis, das schlauer und listiger wäre als dieser Zapoteke. Ich will die Spur untersuchen.«

Während Pablo, unsicher und ein wenig erregt, der Weisung des erfahrenen Indianers folgte und sich mit gespannten Büchsenhähnen zwischen den Farnen niederließ, kroch Tenanga mit der Vorsicht eines anschleichenden Raubtieres davon. Pablo hörte und sah nichts; traumhafte Stille herrschte ringsum. Es währte lange, bis Tenanga zurückkam. Er kauerte plötzlich neben ihm; Pablo hatte ihn gar nicht kommen gehört, geschweige gesehen. »Du mußt vorsichtiger sein, Sohn Jungunas«, zischte Tenanga, »man könnte dich umbringen, ohne daß du es merkst.« Pablo lachte ein wenig verlegen.

»Der Zapoteke ist da«, fuhr Tenanga fort, »er hat fünf oder sechs Männer bei sich. Sie sind im Wald verstreut, um unsere Spuren zu suchen; sie glauben, uns vor sich zu haben.«

»Aber wie sollte das möglich sein? Wir haben keine Vorsicht außer acht gelassen.«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es so ist.«

»Was beginnen wir?«

»Wir müssen das Wasser suchen; es hinterläßt keine Spur.«

»Ist ein Fluß in der Nähe?«

»Nein, der See von Tepaneca.«

»Du weißt den Weg dahin?«

»Ja. Folge mir, vermeide jedes Geräusch und schweige. Zische ich wie eine Schlange, dann sinke augenblicklich zu Boden. Begegnen wir einem von den Ladrones, darf nur die Machete gebraucht werden, ein Schuß würde uns die anderen auf den Hals hetzen. Verlierst du mich aus den Augen, gehe auf Mittag zu und du triffst auf den See, dort will ich dich schon wiederfinden.«

»Ich folge dir«, sagte Pablo. »Ich fühle, daß ich hilflos bin ohne dich.«

Tenanga lauschte einen Augenblick angespannt mit verhaltenem Atem, dann erhob er sich mit äußerster Vorsicht; ohne zu schwanken wandte er sich halbrechts und drang in das Buschwerk ein. Pablo ging dicht hinter ihm, die scharfe Machete in der Hand. Geräuschlos bewegten sie sich vorwärts. Pablo hörte den hämmernden Schlag seines Herzens. Das Gefühl, in schier undurchdringlichem Dickicht, im Gewirr von Schlingpflanzen und Lianen dahinzuschleichen, jederzeit gewärtig, einen Feind vor sich auftauchen zu sehen, hatte etwas unheimlich Beängstigendes.

Ganz plötzlich, ein leises Zischen ausstoßend, sank Tenanga zur Erde; zwei Sekunden später hockte Pablo neben ihm. Tenanga hob vorsichtig sichernd den Kopf und wies mit der Hand nach vorn. Pablo sah: nur wenige hundert Meter vor ihnen ging ein Indianer, die Büchse in der Hand, durch das Gesträuch; er kam direkt auf sie zu.

»Ein Zapoteke«, flüsterte Pablos Gefährte. »Du siehst, er kommt auf uns zu. Hält er die Richtung bei, hat er in wenigen Minuten unsere Spur. Warte«, zischte er, Büchse und Jagdtasche ablegend, und war gleich darauf im undurchdringlichen Dickicht verschwunden. Wie ein Schatten, lautlos, gespenstisch, kam der fremde Indianer näher; seine Augen hafteten unverwandt am Boden. Pablo, die Büchse schußbereit in der Hand, hielt ihn im Blick. Der Zapoteke zuckte plötzlich zusammen, stand, hob lauschend den Kopf. Im gleichen Augenblick tauchte ein zweiter Schatten hinter ihm auf, eine Machete blitzte auf, und der Mann sank zusammen. Pablo schlug die Hände vor das Gesicht, ein Schauder ging durch seinen Leib. Warum? dachte er, warum verfolgen sie mich? Warum muß Haß und Mord zwischen uns sein? Was tat ich ihnen denn?

Er kam nicht zum Nachdenken; Tenanga tauchte neben ihm aus dem Gebüsch. »Er wird unsere Spur nicht mehr kreuzen«, sagte er; ein finsterer Ernst überschattete sein junges Gesicht. »Komm«, – er nahm Büchse und Jagdtasche auf – »wir müssen eilen. Wenn die anderen unsere Spur noch nicht haben, werden sie sie jedenfalls bald finden. Dieser Huntoh ist mit den Bösen im Bunde.«

Er schlug, das Buschwerk zerteilend, wieder die bisherige Richtung ein. Pablo folgte ihm wortlos. Nach einer Stunde angestrengten Marsches standen sie am Ufer eines schilfumsäumten Baches.

»Der See ist nahe«, sagte Tenanga. »Weiß Huntoh, daß ich dein Führer bin, und ich fürchte, er weiß es, dann sagt er sich, daß ich den Wasserweg wählen werde. Ist er schon am Ufer, kann nur äußerste Vorsicht uns retten. Hoffentlich finden wir ein Canoa. Kannst du rudern?«

Pablo bejahte. »Rudern und segeln. Ich bin am Meer großgeworden.«

Tenanga nickte befriedigt. »Das ist gut«, sagte er. »Warte hier ein wenig, ich will ein Canoa suchen. Die Fischer aus den Pueblos verstecken ihre Fahrzeuge oft hier im Schilf. Sei auf der Hut.«

Der Bach war ziemlich breit, aber seicht. Pablo sah seinen Retter im Uferschilf untertauchen; er stand selbst, fremden Augen unsichtbar, zwischen hohen Schilf- und Bambusstauden. Eine Zeitlang vernahm er nichts als das eintönige Rauschen des Schilfrohres; er lauschte mit allen Sinnen. Und mit einem Male glaubte er, fremde Geräusche zu vernehmen. Das war hinter ihm; er wandte vorsichtig den Kopf und witterte wie ein Tier. Auch er war ja ein Sohn der Wildnis; der Instinkt für die Gefahr war ihm angeboren.

Er unterschied bald darauf das leise Plätschern eines Ruders. Sich bückend und die Büchse fester fassend, sah er angestrengt in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Und erkannte gleich darauf im Wasser des Baches ein Boot; zwei Männer saßen darin.

Hatten sie ihn etwa bemerkt? Der eine ließ das Ruder sinken, sie griffen die Büchsen fester; ihre Blicke waren genau auf die Stelle gerichtet, wo er stand. Er vernahm einen gedämpften Ruf, die Männer hoben die Gewehre; sicher hatten sie ihn gesehen. Sollte er zurückspringen? Er duckte sich noch etwas tiefer, da krachten auch schon zwei Schüsse; zischend gingen die Kugeln über seinem Kopf durch das Rohr. Im gleichen Augenblick schoß er schon; er hatte gar nicht überlegt, wohl aber gezielt. Zwei Schüsse krachten, und die beiden Männer im Boot stürzten nieder. Der eine sank auf den Boden des Bootes, der andere fiel kopfüber in das Wasser. Mit schnellen, in langer Übung erlernten Griffen lud Pablo die Doppelbüchse; er lauschte, aber alles blieb still.

Entschlossen trat er aus dem Schilf heraus in das seichte Wasser. Das Canoa kam ihm entgegengetrieben. Die schußfertige Büchse in der Hand, ließ er es herankommen und hielt es an.

Im Boot lag ein Indianer auf dem Gesicht; der Mann atmete schwer. Pablo wandte den schweren Körper um. Der Indianer stöhnte. Der Junge sah: er war durch die Brust geschossen, lebte aber noch. Auch mußte die Wunde bei der Richtung des Schußkanals nicht unbedingt tödlich sein. Die dunklen Augen des Mannes sahen Pablo mit schwer zu deutendem Ausdruck an; er erwartete wohl den tödlichen Schuß.

Pablo hielt dem Blick stand. »Steig aus, wenn du kannst«, sagte er leise auf spanisch, »ich will dein Leben nicht. Geh.«

Der Mann erhob sich mühsam; er schwankte, die Hand auf die Wunde nahe der Schulter pressend. Pablo half ihm über den Bootsrand; er torkelte wie ein Betrunkener, drohte mehrmals zu fallen, hielt sich aber aufrecht, schwankte durch das seichte Wasser und tauchte im Uferschilf unter. Pablo blickte stromauf; von dem zweiten Indianer war nichts zu gewahren. Er trat in das Canoa, ergriff ein Ruder und trieb das leichte Gefährt mit schnellen Schlägen den Bach hinab.

Er war erst einige hundert Meter gerudert, als Tenanga aus dem Uferschilf heraustrat. »O Hualpa, du hast kämpfen müssen«, sagte er aufgeregt; er war blaß unter der dunklen Haut.

»Komm ins Boot, sie sind hinter uns«, antwortete Pablo. Tenanga schwang sich in das Gefährt und griff sogleich nach dem Ruder. Pfeilschnell schoß das Canoa durch das Wasser.

»Du hast zweimal geschossen«, sagte Tenanga.

Pablo nickte finster und berichtete in kurzen Worten. »Den Verwundeten habe ich laufen lassen«, sagte er.

Tenanga sah ihn erschrocken an. »O Hualpa, das hättest du nicht tun dürfen«, stammelte er, »die Giftschlange muß man töten.«

»Ich töte keinen Verwundeten«, sagte Pablo; der andere sah ihn mit großen Augen an, er schwieg. Zwischen dichtem Schilf und hohen Bambusstauden glitten sie schweigend dahin; sie näherten sich bereits der Mündung des Baches.

»Ob wir bei der Einfahrt einen Angriff zu erwarten haben?« fragte Pablo.

Tenanga schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Der Boden ist dort am Ufer sumpfig, und Huntohs Leute sind weit verstreut. Gefahr haben wir nur von einem schnellen Canoa zu erwarten, aber wir haben unsere Büchsen, und du kannst schießen, Herr.«

Durch einen Schilfsaum hindurch, der sich quer über die Mündung zog, trafen sie auf eine im Sonnenlicht glänzende Wasserfläche, die von dunklen Wäldern umgeben war. Verlassen und still lag der See, einsam und unberührt, als hätte nie eines Menschen Fuß seine Ufer betreten. Außer einigen schwimmenden Wasservögeln war weit und breit kein Lebewesen zu erblicken.

»Wir wollen bis auf Büchsenschußweite hineinfahren«, sagte Tenanga, »dann müssen wir nach Westen umbiegen, dort ist der Ausfluß des Sees.«

Sie waren beide geübte Ruderer; pfeilschnell glitt das leichte, aus Baumrinde gefertigte Fahrzeug über die spiegelnde Fläche. Nichts Verdächtiges war an den Ufern zu gewahren. Sie nahmen schließlich den Kurs nach Westen und mäßigten nun das Tempo ein wenig. Pablos Gedanken schweiften durch Zeit und Raum. Er hatte töten müssen, zum ersten Mal in seinem Leben. Es war zur Verteidigung des eigenen Lebens geschehen, freilich, aber es drückte ihn doch. Die majestätische Schönheit des einsamen Waldsees glitt an seinem Auge vorüber, er nahm sie nicht wahr, aber zuweilen war es ihm, als tauche Marias lächelndes Antlitz mit den warmen, klaren Augen vor ihm auf, und ein dumpfer Druck senkte sich auf seine Seele.

Tenanga durchspähte ruhig und gleichmütig, aber mit wacher Aufmerksamkeit das bewaldete Ufer. »Können wir nicht quer über den See fahren?« fragte Pablo, der seine Blicke gewahrte. Tenanga verneinte. »Wir würden dann auf Pueblos stoßen, deren Einwohner Chamulpo unbedingt ergeben sind. Sie würden uns fangen und dem Kaziken ausliefern. Nein, wir müssen den Fluß erreichen, er trägt uns schnell und spurlos hinab. Später, wenn unsere Spur endgültig verwischt ist, werden wir dann durch die Wälder gehen. Findet der Zapoteke kein Canoa, muß er weit um den See herumlaufen, um den Fluß zu erreichen.«

Gemächlich trieben sie das Boot durch das kaum bewegte Wasser. Der eine der daraus vertriebenen Zapoteken hatte seine Büchse darin zurückgelassen, ein Gewehr mit Steinschloß. Ein großer, weiter Poncho lag im Vorderteil des Gefährtes. Tenanga lud die abgeschossene Büchse und legte sie neben die eigene. Der Wind frischte etwas auf, das Wasser begann sich zu kräuseln.

Plötzlich, mit einer ruckhaften Bewegung, zog Tenanga das Ruder ein. »Da sind sie«, stieß er heraus. Pablo folgte seinem Blick. Hinter einem Ufervorsprung erschien eine Barca, die, von sechs Männern gerudert, ihnen eilig entgegenkam. Zwei Männer saßen, die Büchse in der Hand, im Vorderteil, einer steuerte im Stern des Gefährtes.

»Schnell! Jetzt gilt es das Leben!« zischte Tenanga.

»Nein!« Pablo warf mit einer herrischen Bewegung den Kopf zurück. »Es wäre sinnlos«, sagte er, »sie hätten uns in einer knappen halben Stunde. Dann wären wir erschöpft und würden unsicher schießen. Wir haben unsere Gewehre; laß sie herankommen.«

Der andere streifte ihn mit einem bewundernden Blick; er legte die Ruder aus der Hand und griff nach der Büchse. »Du hast recht, Sohn Jungunas«, sagte er leise.

Sie waren ohne Zweifel gesehen worden. Die ruhige Entschlossenheit, mit der sie hielten und den Gegner erwarteten, mochte in der Barca nicht ohne Eindruck geblieben sein; das Fahrzeug hielt außer Schußweite. Der Wind begann stärker zu wehen; das leichte Canoa tänzelte auf den bewegten Wellen.

»Wir können hier nicht bleiben«, sagte Tenanga, »bei diesem Wellenschlag haben wir das Boot in wenigen Minuten voll Wasser. Außerdem können wir aus dem schaukelnden Fahrzeug heraus nicht sicher schießen. Und entfliehen können wir auch nicht; sie hätten uns in wenigen Minuten.«

Freilich, auch die Barca wurde hin und her geworfen, doch lange nicht so stark wie das kleine Fahrzeug der Flüchtlinge.

»Reich mir den Poncho herüber, der da vorn liegt«, sagte Pablo.

»Was hast du vor?«

»Wir wollen segeln.«

Tenanga stieß einen Überraschungsruf aus; ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Pablo befestigte die eine Ecke des großen viereckigen Überwurfes an der Spitze seines Ruders und klemmte dessen anderes Ende in einer breiten Spalte der primitiv gefertigten Sitzbank fest. Er knüpfte mit Hilfe seines Gefährten zwei andere Enden des Ponchos an dem primitiven Mast und an der Bank fest und hatte auf diese Weise eine Art Behelfssegel hergestellt, das sich sogleich unter dem Anprall des in ihrer Fahrtrichtung wehenden Windes blähte. Die Segelfläche war nur klein, gleichwohl war die Hilfe, die es leistete, beträchtlich; in großen Sprüngen schoß das leichte Canoa über das Wasser.

Denen in der Barca war nicht entgangen, was da geschah. Das schwerere Fahrzeug setzte sich in Bewegung und näherte sich stetig. Tenanga hatte in einem der im Bug sitzenden Zapoteken Huntoh erkannt; als er in Schußnähe zu sein glaubte, hob er die Büchse, zielte und schoß. Aber das Canoa schwankte zu sehr; der Schuß traf den am Steuer sitzenden Mann, der mit hochgeworfenen Armen kopfüber ins Wasser stürzte. Das brachte die Barca zum Halten.

Das Canoa aber flog nun mit wachsender Schnelligkeit über das Wasser; bald war es klar, daß die viel schwerere Barca nicht würde folgen können. Sie blieb weit hinter dem kleinen Segler zurück.

Doch noch gab die Barca nicht nach. Mit aller Ruderkraft, deren sie fähig war, jagte sie hinter dem Schiffchen her. Die Flüchtlinge hatten bereits einen sehr erheblichen Vorsprung gewonnen, als plötzlich der Wind nachließ, um bald darauf ganz einzuschlafen. Und noch trennte sie eine weite Entfernung von dem Ausfluß des Sees, den sie erreichen mußten. Sie griffen zu den Rudern und trieben das Canoa mit schnellen, kräftigen Schlägen vorwärts. Die Männer in der Barca aber nahmen ihren Vorteil wahr; sie folgten mit schäumendem Bug. Und jetzt waren sie im Vorteil.

Näher und näher kamen die Verfolgten dem Ufer, aber auch die Barca holte ständig auf.

»Nun geht es wirklich ums Leben, Sohn Jungunas«, flüsterte Tenanga. Pablo antwortete nicht. Hinter ihnen krachte ein Schuß; eine Kugel verzischte im Wasser. Der Schuß war noch zu kurz gegangen, aber immerhin, die Verfolger waren in Schußnähe. Wieder krachten zwei Schüsse; sie waren bei dem rasenden Lauf der Barca unsicher gezielt; die Kugeln verfehlten um einige Meter ihr Ziel.

Aber nun trennten sie auch nur noch einige hundert Meter von dem Ausfluß des Sees.

»Da ist das Schilf!«

»Schnell! Geradeaus!«

Und schon rauschten die Halme neben ihnen. Der Schilfgürtel war nun dünn; gleich darauf waren sie schon in freiem, sanft dahinströmendem Wasser.

»Nach rechts!« raunte Tenanga.

Ruckhaft gehorchte das Canoa der lenkenden Hand. Im letzten Augenblick, da, wo sie noch eben gefahren waren, schlugen zwei Kugeln ins Wasser.

»Vorwärts!« Tenanga keuchte. »Ich kenne den Fluß.« Sie bogen in einen sich rechter Hand öffnenden Seitenarm ein und ließen den Hauptstrom liegen.

Jetzt brach die Barca durch das Schilf, nahm den Weg auf den Fluß.

Aber Huntoh, der Zapoteke, ist schlau. Auch er kennt diese Abzweigung des Tepaneca und trifft danach seine Maßnahmen. Als er das Canoa nicht sieht, weiß er, daß es rechts eingebogen ist. Gelandet können die Flüchtlinge hier nicht sein; das Ufer ist sumpfig. Er wendet und biegt gleichfalls in den Seitenarm ein. Er kann jubeln: sie können ihm nicht mehr entrinnen, denn es ist ein toter Wasserarm, in den sie eingebogen sind.

»Vorwärts«, keucht Tenanga, »oder, bei den Unsichtbaren, sie haben uns.« Sie geben her, was an Kraft in ihnen ist.

»Durch das Schilf! Schnell!« Sie brechen in die auseinandergleitende Schilfwand ein und – sitzen fest, haben niedrigen, festen Boden vor sich.

»Heraus!« keucht Tenanga.

Sie springen in das Schilf, ziehen das leichte Gefährt mit vereinten Kräften aufs Land, tragen es keuchend vorwärts – zwanzig, dreißig Schritte – schon leuchtet durch die dünnen Schilfhalme das Wasser des Flusses; sie hetzen heran, bringen das Canoa ins Wasser, springen hinein, ergreifen die Ruder und jagen schon wieder über die glitzernde Fläche, gefördert von der Strömung, die mit ihnen fließt.

Als sie um einen waldigen Vorsprung herumbiegen, nimmt Tenanga sein Ruder aus dem Wasser. »Nun laß uns ruhen, Sohn Jungunas«, sagt er, »der Zapoteke braucht viel Zeit, um uns nachzukommen; er muß einen großen Umweg machen. Die Barca können sie nicht über das Land bringen, sie ist viel zu schwer.« Er lächelt. »Ich kenne den Jalaté doch besser als er«, sagt er stolz.

Pablo zog gleichfalls das Ruder ein. Er sah ein, sie hatten beide Ruhe nötig, die Anstrengung war zu groß gewesen. »Was aber wird nun weiter?« fragte er schließlich.

»Wir gehen den Fluß hinab bis zu den Felsen«, entgegnete Tenanga, »dort können wir dann an Land gehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Dann suchen wir den Rio Negro auf und fahren ihn hinab bis an die Grenze Yucatans. Dort treffen wir den General Arana.«

Sie verschnauften noch ein Weilchen und griffen dann wieder zu den Rudern. Rechts und links an den Ufern erhoben sich dunkle Wälder. Sie lagen in vollkommener Einsamkeit, nirgends war etwas zu erblicken, was auf die Anwesenheit oder die Nähe von Menschen deuten konnte.

»Wird der Zapoteke uns weiter verfolgen?« fragte Pablo nach einer Weile.

»Er wird alles versuchen, was ihm klug und nützlich erscheint. Wir müssen die Felsen erreichen, darauf kommt alles an. Dort ist auch Chamulpos Einfluß nicht mehr so groß.«

Der Fluß machte eine Biegung, Tenanga stieß einen unterdrückten Schrei aus. »Schatten der Finsternis!« rief er, »da kommt die Barca.«

Ja, sie kam, Pablo sah es; in rasender Geschwindigkeit kam sie heran.

»Was nun?« fragte der Junge, »gehn wir an Land?«

Tenanga schüttelte finster den Kopf. »Da wären wir rettungslos verloren. Es sind ihrer zu viele.«

Sie jagten dahin und gaben das letzte ihrer Kräfte her, aber die Barca kam näher; es war sinnlos, ihr auf die Dauer entgehen zu wollen.

»Wir müssen den Turm der Mayas aufsuchen«, flüsterte Tenanga, »dort müssen wir uns wehren. Die Unsichtbaren mögen mir verzeihen, ich war zu sorglos.«

Eine neue Biegung zeigte ihnen inmitten des Stromes ein düsteres, von wildem Buschwerk überwuchertes Mauerwerk. Ein dunkles Rauschen ward vernehmbar, das schnell anschwoll.

»Was ist das, Tenanga?«

»Die Stromschnellen. Wir können sie nicht hinabfahren, nicht umgehen, nicht das Land aufsuchen. Unsere einzige Rettung ist der Turm dort.«

Immer näher kam die Barca. Doch schon lag das verwitterte Mauerwerk unmittelbar vor ihnen.

»Nimm die Büchse«, keuchte Tenanga, »wir müssen rasch Deckung suchen; es führt eine Treppe nach oben.« Er lenkte das Boot nach einer künstlich angelegten, noch gut erhaltenen Landungsstelle.

»Hinaus!« zischte Tenanga.

Sie ließen die Ruder fallen, ergriffen die Büchsen und sprangen gleichzeitig an Land, auf die Treppen zueilend. Fast hatten sie sie erreicht, da krachte ein Schuß. Pablo warf die Arme hoch und stürzte lautlos zusammen.

Tenanga stieß einen Entsetzensschrei aus; wie ein Tiger fuhr er herum. Er sah Huntoh, den Zapoteken, im Bug der treibenden Barca, die noch rauchende Büchse in der Hand.

»Hund!« schrie der Jüngling, die Büchse hochreißend. »Du hast den letzten König der Mayas getötet.« Der Schuß krachte, das Mündungsfeuer blitzte auf, und der Zapoteke im Boot brach zusammen. Tenanga griff nach der Pablo entfallenen Büchse, riß sie hoch, zielte und schoß. Ein zweiter Insasse der Barca stürzte; die Barca ergriff eilig die Flucht und strebte dem Ufer zu.

Mit versteinertem Gesicht ließ Tenanga sich neben dem zusammengesunkenen Körper des jungen Königsnachkommen auf die Knie gleiten. Seine Schultern zuckten wie im Krampf, und ein dunkles Stöhnen brach über seine Lippen.

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