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Der Enkel der Könige

Franz Treller: Der Enkel der Könige - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/treller/enkel/enkel.xml
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Enkel der Könige
publisherUnion Verlag
printrun76. bis 82. Tausend
editorFritz Heike
year1957
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081118
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Die Entführung

Seit jener Sturmnacht, welche die Westküste Guatemalas verwüstet hatte, waren viele Jahre ins Land gegangen. Im Herrenhaus der Hazienda del Roca erinnerte nur noch die Anwesenheit der beiden von den Schiffstrümmern geretteten Kinder an das ferne Ereignis. Aus diesen Kindern waren inzwischen junge Menschen geworden. Die in den vergangenen Jahren immer wieder angestellten Nachforschungen nach der Herkunft des Mädchens – nach der des Indiojungen war überhaupt nicht gefragt worden – waren auch nach Beendigung des Bürgerkrieges ergebnislos geblieben. Daß das Mädchen Maria spanischer Abkunft war, schien außer Frage; ihr Äußeres und ihre Sprache ließen daran keinen Zweifel. Aber die ganze Westküste des Kontinents von Araukanien herauf bis Kalifornien war von Spaniern bewohnt, und die verheerenden Bürgerkriege hatten die Menschen durcheinandergerüttelt. Es war auch manch einer verlorengegangen in diesen Jahren und niemals wieder aufgetaucht.

Maria selbst wußte nichts über Herkunft und Abstammung zu sagen. Sie redete noch jahrelang von Mama, Papa und Nina; unter Doña Inez' liebevoller Sorge vergaß sie bald auch diese. Don Antonio d'Irala, aus dem Bürgerkrieg glücklich heimgekehrt, nahm das fremde Mädchen an Kindesstatt an, und Doña Inez wurde ihm eine gute und liebevolle Mutter, zumal sie selbst keine Kinder hatte.

Auch durch Pablo war nichts darüber zu ermitteln gewesen, aus welchem Lande Maria stammen könnte. Der Junge wurde Marias wegen im Herrenhaus geduldet. Señior d'Irala hatte lange gezögert, bis er seinem Stolz diese Konzession abzwang. Pablo sprach spanisch, als hätte er nie eine andere Sprache gesprochen; ob er außerdem eines indianischen Dialektes mächtig war, hatte man nicht zu erkennen vermocht. Er sprach nie ein indianisches Wort. Die Sprache der Xinka-Indianer, aus denen, untermischt mit Mestizen und Negern, die Arbeiterbevölkerung der großen Hazienda zusammengesetzt war, sprach er zweifellos nicht. Auch seine Herkunft blieb ungewiß. Niemand vermochte zu erkennen, ob er aus Chile, Peru oder Mexiko stammte, oder aber etwa dem in Mittelamerika damals noch recht zahlreichen Volke der Mayas angehörte, die einmal die Herren dieses Landes gewesen waren.

Der Junge und der heranwachsende junge Mann blieben gleicherweise verschlossen; es war schwer, ihm ein Wort zu entlocken. Nur Maria gegenüber ging er aus seiner offenbar angeborenen Zurückhaltung heraus; mit ihr konnte er plaudern und scherzen wie jeder andere junge Mann seines Alters. Den indianischen Arbeitern gegenüber trug er einen ausgesprochenen Hochmut zur Schau, der von Verachtung nicht weit entfernt war.

Als Maria alt genug schien, ließ Doña Inez beide Kinder durch den jungen Cura, der als Seelsorger auf der Hazienda weilte, unterrichten. Der braune Junge lernte mit einer erstaunlichen Begabung und eisernem Fleiß. Daneben freilich trieb er sich viel in Wald und Feld umher und blieb zu Doña Inez' großer Sorge nicht selten über Nacht aus. »Es hat eben keinen Sinn«, pflegte Don Antonio in solchen Fällen zu sagen, »man kann aus einem Indio keinen Caballero machen, der Bursche ist und bleibt ein halb gezähmter Puma. Die wilde Natur bricht immer wieder durch.«

Außer Maria und dem jungen Padre Bernardo lebte nur noch ein Mensch auf der Hazienda del Roca, zu dem Pablo ein persönliches Verhältnis gewonnen zu haben schien. Es war dies ein älterer Indianer unbekannter Herkunft, der auf del Roca als Jäger diente. Die Xinkas, mit denen er keinerlei Beziehungen unterhielt, die ihm aber scheu aus dem Wege zu gehen pflegten, meinten, er gehöre den Bergmayas an. Zu ihm schien Pablo sich hingezogen zu fühlen, mindestens hatte es den Anschein, jedenfalls sah man die beiden oft beieinandersitzen und in der gemessenen Weise der Ureingeborenen miteinander reden. Lauscher wollten vernommen haben, daß sie sich in der Mayasprache unterhielten, doch wurde dies niemals sicher festgestellt, wie überhaupt dunkel blieb, welcher Art die Beziehungen zwischen dem jungen Pablo und dem alten Tamay waren, mit dem sonst niemand etwas zu schaffen hatte. Sicher war nur, daß Tamay der einzige Indianer war, von dem Pablo überhaupt Notiz nahm.

Der Junge war nun siebzehn Jahre alt, er war schlank und hochgewachsen und für sein Alter außerordentlich kräftig gebaut. Seine Haltung gab der des stolzesten Kastilianers in nichts nach. Sein hartes und stolzes Profil erinnerte mehr an einen Römer denn an einen Indianer. Unter Tamays Anleitung war er ein großer Jäger geworden; er traf mit unfehlbarer Sicherheit den springenden Hirsch.. Don Antonio hatte aus ihm einen vollendeten Reiter gemacht, der das wildeste Tier zu bändigen wußte und in vollendeter Haltung im Sattel saß. Auch den Lasso wußte er zu handhaben wie der geübteste Rinderhirte.

D'Irala hatte ursprünglich beabsichtigt, den anstelligen Burschen in den umfangreichen Betrieb seiner Hazienda einzuweihen, damit er eines Tages als Majordomo die Oberleitung übernehmen könne; dieser Versuch war gescheitert. Pablo zeigte keinerlei Neigung und Sinn für die Landwirtschaft. In diesem Bereich versagte seine schnelle Auffassungsgabe vollkommen.

Dagegen interessierte er sich leidenschaftlich für die Vor- und Urgeschichte des Landes; er konnte gar nicht genug darüber hören. Allein die reiche Hazienda des Konquistadorenenkels bot seinem Forschungseifer insoweit wenig Möglichkeiten. Schließlich entdeckte Pablo in einer kleinen Bibliothek d'Iralas ein Buch, das im vorigen Jahrhundert in Madrid gedruckt worden war und die Geschichte der Eroberung Guatemalas durch die Spanier behandelte. Das Buch war einseitig zum Ruhme der spanischen Glaubensritter geschrieben, doch ging nichtsdestoweniger daraus hervor, mit welchem Heldentum sich die Mayas gegen die eisengepanzerten Ritter, gegen deren Geschütze und Feuerwaffen zur Wehr gesetzt hatten. Der Junge las dieses Buch immer von neuem, er vertiefte sich in die zahllosen Kupferstiche, die federgeschmückte Indianer im Kampf mit spanischen Rittern zeigten. Er bestürmte Pater Bernardo, ihm mehr von Einzelheiten jener alten Kämpfe zu erzählen, aber der gute Padre wußte nur wenig von der Eroberungsgeschichte des Landes, und die Zeit vor der Eroberung war ihm erst recht ein Buch mit sieben Siegeln. Die Xinka-Arbeiter bewahrten nicht die geringste Überlieferung an jene Epoche, außerdem war Pablo weit entfernt davon, mit ihnen über diese Dinge zu reden. Wußte Tamay, der Jäger, mehr von den alten Geschichten? Es mochte wohl sein. Jedenfalls konnte Pablo stundenlang neben ihm sitzen und dem ruhigen und gleichmäßigen Fluß seiner Rede lauschen. Oft wurden die beiden so nebeneinander sitzend beobachtet. Pablos junges Gesicht schien dann bei aller äußeren Beherrschung von innerer Bewegung zu glühen, während in Tamays schier versteinerten Zügen kein Muskel zuckte.

Am frühen Nachmittag eines besonders heißen Tages saßen Don Antonio, die Señora und Doña Maria auf der Veranda beim Tee. D'Irala war nun ein Mann Mitte der Vierzig; sein dunkles Haar begann an den Schläfen schon leicht zu ergrauen. An Doña Inez schienen die Jahre spurlos vorübergegangen. Das kleine Mädchen, das vor vielen Jahren von den Wracktrümmern eines gescheiterten Schiffes geborgen wurde, war nun eine junge Dame geworden. Sie war schlank und zierlich von Gestalt; das feine Oval ihres von dunklen Locken umwallten Gesichts zeigte trotz der leichten Sonnenbräune einen sehr hellen, fast durchsichtigen Teint; ein Zug nervöser Unruhe lag über diesem Antlitz; er schien von den Augen auszugehen, sonderbar hellen Augen, die jedes Gefühl widerspiegelten.

Man saß schon ein Weilchen zusammen, und noch immer stand ein Gedeck ungenützt. Don Antonio saß ein wenig nachlässig in seinen Sessel zurückgelehnt und war mit der Durchsicht einiger Papiere beschäftigt; der Señora schien die Hitze nichts anzuhaben; jede ihrer Bewegungen verriet Gleichmut und Ruhe; um so unruhiger schien Maria, man merkte ihr an, daß nur Erziehung und Sitte sie ruhig auf ihrem Platze hielten.

Eiliger Hufschlag wurde vernehmbar, Maria zuckte zusammen, Don Antonio legte seine Papiere aus der Hand; auf seiner Stirn erschien eine Unmut verkündende Falte. Gleich darauf betrat Pablo im Reitanzug die Veranda, verbeugte sich knapp, aber mit vollendeter Grandezza vor den Damen und nahm seinen Platz ein.

»Don Pablo führt sonderbare Sitten bei uns ein«, bemerkte d'Irala, »die Teestunde ist fast vorüber.«

Pablo verzog keine Miene. »Verzeihung, Señior«, sagte er mit ruhiger Höflichkeit, »ich habe nach den Herden gesehen. Es schien mir heute mittag, Sie wüßten gern, wie es in den Llanos steht; ich habe mich auf dem Rückweg ein wenig verspätet.«

»Du warst bei den Herden? Das ist gut.« Die Falte auf d'Iralas Stirn verschwand, er streifte den jungen Mann mit einem freundlichen Blick. »Wie sieht's draußen aus?«

Pablo setzte die Teetasse hin. »Gut, Señor«, erwiderte er, »der Vaquerochef ist mit dem Viehstand recht zufrieden. Die Weide war gut, es ist ein Zugang von rund achthundert Tieren zu verzeichnen.«

»Ausgezeichnet, mein Junge.« Don Antonio schob seinen Sessel etwas zurück und zündete sich eine Zigarette an. »Wo trafst du die Vaqueros?«

»Dort, wo der Bach in den Rio Salado mündet.«

»Sehr gut. Ich werde morgen selbst hinausreiten; du kannst mich begleiten.«

»Danke, Señor.«

Maria, die Pablo gegenübersaß, legte klirrend den Löffel hin. »Ich bin auch noch da, Pablo«, sagte sie. »Aber ich weiß schon, warum du keinen Blick für mich hast. Wo ist das junge Reh, das du mir mitbringen wolltest?« Es zuckte ein wenig um ihren Mund, die Unruhe aus den Augen war weggewischt. »Sieh ihn dir an, Mama«, sagte sie, »sieht er nicht aus wie das verkörperte schlechte Gewissen?«

Über Pablos kühl verschlossenes Gesicht glitt der Anflug eines Lächelns. »Ich muß mich entschuldigen«, sagte er, »aber es gibt zur Zeit keine jungen Rehe. Wenn du vielleicht mit einem jungen Panther fürliebnehmen würdest?«

»Um Gottes willen! Was nicht gar! Ich will keinen Panther! Untersteh dich nicht! Er ist wahrhaftig imstande und bringt mir eine junge Pantherkatze ins Haus; was sagst du, Papa?«

Der Papa sagte gar nichts, aber der lächelnde Blick, mit dem er den bronzefarbenen jungen Mann streifte, schien von einem leichten Schatten getrübt.

Ein Neger betrat die Veranda und meldete, daß zwei Caballeros auf das Haus zuritten; soweit er zu erkennen vermocht habe, seien es die Señores de Fonseca und Mendez.

»Sie sind willkommen«, sagte d'Irala, »nimm ihnen die Pferde ab.« Die eben noch lächelnden Gesichter der Damen verschlossen sich. Der Neger verschwand, und Pablo erhob sich vom Tisch, verbeugte sich knapp vor der Señora und entfernte sich. Er entsprach damit einer ein für allemal getroffenen Übereinkunft, über die nicht viel geredet wurde: er hatte zu gehen, wenn weiße Caballeros das Haus betraten. Kaum einer dieser vor Hochmut berstenden Konquistadorenabkömmlinge hätte sich ohne äußersten Zwang mit einem Farbigen an einen Tisch gesetzt. Er ging, und sein Antlitz verriet nichts von dem, was er etwa empfand.

Er trat vor das Haus und sah sich den beiden Ankömmlingen gegenüber, benachbarten Hazienderos, eben denen, die der Neger zu erkennen geglaubt hatte. Auch Pablo kannte sie und sie kannten ihn. Als er mit höflichem Gruß an den Männern vorüber wollte, rief der Jüngere der beiden: »Sieh da, der rote Schlingel ist immer noch hier. Komm her, mein Junge, und halte mein Pferd!« Er sagte das, obgleich bereits zwei Peons bereitstanden, den Gästen die Pferde abzunehmen.

Pablo wandte nur flüchtig den Kopf. »Sie irren sich, Señor Mendez«, sagte er kalt, »ich bin kein Diener.«

»Bleib stehen, Bursche!« brüllte der Ankömmling. »Bist du wahnsinnig geworden, einem Caballero einen Dienst zu verweigern! Gehorche, oder du bekommst meine Peitsche zu fühlen!«

»Das würde der Señor bereuen!« Noch immer schien Pablos Gesicht unbewegt, aber sekundenlang flammte in seinen Augen ein Funke auf.

»Schluß jetzt, Don Louis!« sagte der andere Pflanzer, ein älterer Mann, und legte dem Jüngeren die Hand auf den Arm. »Du weißt, daß der Junge zu d'Iralas Familie gehört.« Pablo entfernte sich, ohne die Ankömmlinge weiter eines Blickes zu würdigen.

»Es ist unerhört!« schrie Louis Mendez, vom Pferde springend. »Wie komme ich dazu, mir von einem Indio dergleichen bieten zu lassen? Den Burschen möcht' ich auf meiner Hazienda haben. Der wäre bald klein. Ich begreife d'Irala nicht.«

Sie gingen durch den Patio der Veranda zu, wo Don Antonio sie bereits erwartete. »Nett von Ihnen, einmal bei uns vorzusprechen«, sagte d'Irala und geleitete die Gäste zu den Damen. Die Begrüßung verlief in den zeremoniösen Formen der spanischen Etikette, doch saß man gleich darauf plaudernd beim Tee.

»Doña Maria entwickelt sich langsam zu einer vollendeten Schönheit«, sagte der alte Fonseca schmunzelnd, »es wird nicht lange dauern und sie überstrahlt alle unsere Señoritas.«

»Mach mir die kleine Hexe nicht eitel«, lachte d'Irala. »Sie hat vorerst noch allerlei bei Pater Bernardo zu lernen, und da hapert's ein bißchen.«

»Das ist wahr, ich muß es zugeben«, lächelte Maria, »ich eigne mich nicht sehr für die Gelehrsamkeit. Dafür ist Pablo um so eifriger.«

»Ah, Don Pablo, der Indianerprinz!« Mendez lachte verärgert auf. »Offen gestanden, d'Irala«, sagte er, »ich begreife nicht, wie du einen Indio an deinem Tisch dulden kannst. Und du weißt, daß es niemand begreift. Gewisse Grenzen sollten unter allen Umständen eingehalten werden.«

Don Antonio runzelte die Stirn. »Ich gebe dir das zu, Mendez«, sagte er, »obgleich – –; es ist ein schwieriger Fall. Du kennst die Zusammenhänge. Und außerdem – ich bin in diesem Fall außer Verantwortung. In unseren Häusern bestimmen die Damen die Etikette. Wende dich an Doña Maria.«

In Marias Augen flackerte wieder die heimliche Unruhe. Ihr blasses Gesicht wurde um einen Schein bleicher, aber aus ihrer leisen Stimme klang Festigkeit und Entschlossenheit. »Es wird wenig Sinn haben, darüber zu sprechen«, sagte sie, »ich bin mit Pablo aufgewachsen; er ist mein Bruder. Er ist gut und brav und klüger als mancher Weiße. Für seine Farbe kann er nicht.«

Der alte Fonseca sah das Mädchen mit offenem Lachen an. »Gewiß nicht, Señorita«, sagte er, »aber er ist nun einmal braun, und braune Leute – –«; er brach ab, seine Stimme schlug um, wurde kalt. »Eure Sentiments in Ehren, Señorita«, stieß er heraus, »aber Indios gehören nicht in ein weißes Haus. Das war so und ist so, seit weiße Männer in diesen Ländern leben.«

Marias blasses Antlitz erstarrte zu eisiger Kälte; sie schwieg.

De Fonseca sah es, und der Zwiespalt, der ihn bewegte, malte sich in seinem Gesicht. Er war ein ehrlicher Mann, ein gerader Kerl, der seine Leute gut behandelte und bei dem auch kein Indio zu klagen hatte. Aber er setzte sich auch nicht mit ihnen an einen Tisch. Er tat nicht das schlechthin Unmögliche. Andererseits, man kränkte hierzulande eine Dame nicht; eine Dame hat auch dann recht, wenn sie unrecht hat. Aber – wußte man denn eigentlich, wer diese junge Dame war? Sie war mit diesem Indio zusammen geborgen und nach ihrem kindlichen Benehmen offenbar zusammen erzogen worden; die Sache war ärgerlich. Man hätte erst gar nicht davon anfangen sollen. Nun mußte man wohl oder übel etwas sagen, und man konnte nur das sagen, was jeder Caballero in diesem Falle sagen würde.

»Es ist mir peinlich, d'Irala«, fuhr er fort, »und wie die Dinge liegen, hätten wir besser gar nicht darüber gesprochen. Aber du kannst erwarten, daß ich meine Meinung sage. Ich begreife nicht, wie du den Jungen, der gewiß ein ordentlicher Kerl ist, wie einen Weißen erziehen konntest. Was hat das für einen Sinn? Es bringt weder uns noch ihm Vorteil!«

»Das weiß ich nun nicht ganz«, sagte d'Irala ernst, »ich bin im Grunde deiner Meinung, und die Sache hat mich Überwindung gekostet, das kannst du mir glauben. Indessen, wer weiß? Vielleicht ist es ganz gut, ein paar rote Leute zu haben, die über eine abgeschlossene Bildung verfügen. Es könnte eine Zeit kommen, wo sie uns nützen.«

»Möge uns der Himmel bewahren!« rief de Fonseca empört. »Das fehlte noch, daß wir uns zur Durchsetzung unserer erworbenen Rechte eines Tages roter Hilfe bedienen müßten!«

»Wahrhaftig, das wäre das letzte!« fiel Mendez ein, »das wäre der Anfang vom Ende! Überhaupt«, setzte er hinzu, »nennen wir die Dinge doch beim Namen: Mensch ist Mensch und Vieh ist Vieh!«

Eine Teetasse klirrte, zwei Sessel wurden gleichzeitig zurückgeschoben. Marias blasses Gesicht flammte plötzlich vor Zorn. Sie wandte sich mit brüsker Bewegung ab und verließ die Veranda. Und auch die so gelassene und innerlich sichere Señora schien sich nur noch mit Mühe zu beherrschen. Sie habe noch einige Anordnungen zu treffen, bemerkte sie kalt und folgte dem hocherregten Mädchen.

Die Männer blieben nun doch betroffen zurück; d'Iralas Gesicht war finster verschattet. Er zerbiß seine Zigarette und warf sie in den Aschenbecher. Irgendwie muß das ein Ende haben, dachte er.

Der alte de Fonseca fing die schwelende Unruhe ab. »Peinlich, daß wir deine Damen gekränkt haben, d'Irala«, sagte er, »aber es gibt Grundsätze, über die man nicht hinweg kann. Übrigens führen uns wichtigere Dinge hierher. Aus der Hauptstadt sind sonderbare Nachrichten gekommen. Und sie scheinen diesmal mehr zu sein als Gerüchte. Wenn nicht alles täuscht, hat Pedro Sarmiento in San Christobal die Fahne des Aufruhrs erhoben und ist dabei, mit schnell zusammengewürfelten Truppen auf die Hauptstadt zu marschieren. Was das für Truppen sind, kannst du dir denken. Er hat alle Bandidos, weiße und farbige Halunken, gesammelt, und deren gibt es eine ganze Masse. Das Land wimmelt davon.«

D'Irala war unwillkürlich blaß geworden. »Also wieder Bürgerkrieg!« stieß er heraus. »Woher hast du die Nachricht?«

»Ein Eilbote brachte sie von Chicacao. Bist du deiner Leute sicher?«

»Sicher?« Don Antonio zuckte die Achseln. »Meiner Vaqueros und Peons bin ich sicher. Die Indianer sind indolent, und die Mischlinge – wer wollte da etwas sagen?«

»Die Mischlinge sind die Gefahr. Da sind wir schon wieder bei dem Thema. Man hätte von vornherein selbst mit drakonischen Mitteln auf klare Scheidung sehen müssen. Die Toleranz, die Verwaschenheit der Ansichten rächen sich jetzt. Die Mischlinge sind immer die ersten, wenn es irgendwo einen Aufruhr gibt. Da hat Sarmiento leichtes Spiel. Übrigens, die Bewegung scheint bereits erhebliche Kreise gezogen zu haben. Hast du noch nichts bemerkt?«

»Nein, bisher nicht. Del Roca liegt abseits der großen Straßen.«

De Fonseca stand auf. »Ich wollte dich gewarnt haben«, sagte er. »Es wird gut sein, wenn du dich über die Stimmung unter deinen Leuten orientierst. Greife beim ersten Anzeichen unverzüglich scharf durch. Laß jeden verdächtigen Burschen auf der Stelle ohne langes Federlesen hängen.«

»Und die Regierung?« fragte d'Irala. »Warum läßt sie es überhaupt erst soweit kommen? Und sollte sie wirklich nicht die Macht haben, einen etwaigen Aufstand im Keim zu ersticken?«

De Fonseca hob die Schultern und ließ sie mit müder Bewegung wieder fallen. »Die Regierung«, sagte er gedehnt, »du weißt doch, wie das ist. Der einzige Mann, der Sarmiento vielleicht mit einigem Erfolg entgegentreten könnte, Lerma, der Conde, ist alt. Und es ist nicht einmal nur das Alter; seit er damals seine Tochter verloren hat, ist nichts mehr mit dem Mann anzufangen. Trotzdem wird man ihn wohl jetzt an die Spitze der Armee berufen; es ist ja kein anderer da, der überhaupt in Frage käme. Wie Hakta mir schreibt, besteht die Gefahr für den Staat darin, daß es Sarmiento gelingen könnte, die Mayas im Lande für sich zu gewinnen. Der Kazike der Ketches, Chamulpo, ist ein böser Geselle, und es heißt, er wäre bereits von Sarmiento gewonnen. Trifft das zu, dann wird das Ganze eine böse Sache.«

»Daß in diesem Lande nie Ruhe wird!« sagte d'Irala. »Ein Aufstand löst den anderen ab; wir kennen es schon gar nicht mehr anders.« Er hatte sich auch erhoben und ging mit großen Schritten in der Veranda auf und ab. »Wie ist das«, sagte er nach einer Weile stehenbleibend, zu Mendez gewandt, »ist der Conde Lerma nicht dein Verwandter?«

Mendez verzog sein hochmütiges Gesicht zu einem ironischen Lächeln. »In der Tat, Don Antonio«, sagte er, »er ist mein Großonkel. Aber zu meinem Leidwesen hat er an seinem zärtlichen Großneffen nie besonderen Gefallen gefunden. Ich bin zwar gegenwärtig sein nächster Verwandter und demzufolge auch sein Erbe, aber vielleicht ist es gerade das, was ihm Verdruß bereitet.«

»Daß er sein Eigentum lieber seinen Kindern hinterlassen hätte, darfst du ihm nicht verübeln«, sagte d'Irala spöttisch. »Ich würde dir empfehlen, seine Launen mit Geduld zu ertragen, seine Jahre sind sicher gezählt.«

»Oh, möge der Himmel seine Tage verlängern«, lachte Mendez, »ich strebe nicht nach seinem Eigentum.«

Ein Vaquero betrat die Veranda; der Mann schien gehetzt und machte einen verstörten Eindruck. Aber Don Antonio, mit seinen Gedanken beschäftigt, gewahrte das nicht. »Was willst du?« fragte er kurz.

»Eine merkwürdige Geschichte, Señor«, meldete der Mann. »In den Wäldern nach dem See zu hat sich eine starke Schar bewaffneter Indios gelagert.«

Ein dreifacher Überraschungsruf quittierte die Mitteilung. »Eine Schar bewaffneter Indianer?« rief de Fonseca, »und hier in der Nähe einer Hazienda? Das gibt es doch wohl nicht.«

»Es ist aber so, Señor.« Der Vaquero schlug mit dem Hut leicht gegen seine Stiefel. »Ich habe Pepe und Andrés dort gelassen, die Leute zu beobachten und bin unverzüglich hierher geritten, um Meldung zu machen.«

»Wieviel sind es?« fragte d'Irala.

»Es mögen immerhin ihrer hundert sein.«

»Verdammt!« fuhr Mendez auf. »Haben wir den Feind schon im Land? Das fehlte gerade noch!«

Der Jäger Tamay ging draußen an der Veranda vorüber; d'Irala rief ihn an, und der Mann kam herein. Die lange Büchse in der Hand, stand der sehnige braune Geselle mit undurchdringlichem Gesicht vor den Männern.

»Am See lagern bewaffnete Indianer, Tamay«, sagte d'Irala.

»Ich weiß es, Señor«, antwortete gleichmütig und unbeweglich der Jäger.

»Du weißt es?« Don Antonios Stirn zog sich finster zusammen.

»Ich kam, es Euch zu melden, Señor.«

»Was wollen sie? Weißt du das auch?«

Der Indianer hielt seinem Blick stand; in seinem verwitterten braunen Gesicht war gar nichts zu lesen. »Es sind friedliche Leute«, sagte er. »Sie kommen von einem Jagdzug zurück und wollen im Wald übernachten. Morgen früh ziehen sie weiter.«

»Jagdzug?« Das herausgezischte Wort drückte den stärksten Zweifel aus. Wenn ich hinter deiner Stirn lesen könnte! dachte d'Irala. »Sind es Mayas?« fragte er.

»Nein, Señor, Chiapateken; sie sind auf dem Wege nach ihrer Heimat.«

»Und du bürgst dafür, daß sie friedlich gesonnen sind?«

»Tamay bürgt dafür.«

D'Irala zögerte einen Augenblick. »Gut«, sagte er schließlich. »Trotzdem wollen wir keine Vorsichtsmaßnahme außer acht lassen. Rufe sämtliche Peons und was an Vaqueros da ist, zum Herrenhaus. Auch die Neger sollen kommen.«

Tamay bewegte fast unmerklich den Kopf, wandte sich lautlos und ging. Die Männer beschlich angesichts seines bronzenen Rückens ein sonderbares Gefühl.

»Bist du dieses Mannes sicher, Don Antonio?« fragte de Fonseca. »Chiapateken hier? Das ist mehr als sonderbar.«

D'Irala antwortete nicht gleich. Schließlich zuckte er die Achseln. »Sicher«, sagte er, »sicher! Ich stecke nicht in ihm drin. Er dient mir seit einer Reihe von Jahren und hat sich bis jetzt als zuverlässig und pflichttreu erwiesen. Aber was beweist das schon? Diese Leute haben eine andere Zeitrechnung als wir. Man kann einen Indio zehn Jahre lang kennen, um plötzlich festzustellen, daß man ihn immer noch nicht kennt.«

»Der Kerl hat etwas Tückisches an sich«, sagte de Fonseca. »Ist er ein Xinka?«

»Nicht einmal das kann ich dir sagen. Er spricht ihre Sprache, aber es ist gerade so gut möglich, daß er ein Maya oder ein Zapoteke ist.«

»Klarer, oder vielmehr höchst unklarer Fall!« sagte de Fonseca. »Verbirgt der Mann seine eigene Herkunft, so hat er Gründe dafür. Indianer pflegen mit ihrem Stamm eher zu prahlen. Sei vorsichtig, Don Antonio. Chiapaindianer hier bei uns? Eine höchst unglaubwürdige Geschichte! Sarmiento steht fern von hier im Osten, dessen Räuberbande kann es auch nicht sein. Sei auf der Hut, Don Antonio.«

Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, schnell und unvermittelt, wie es in diesen Landstrichen geschieht. Diener kamen und brachten Windlichter. Die Señores ließen sich nieder, um über die zunächst zu treffenden Vorkehrungsmaßnahmen zu beraten.

Während sie dort saßen und miteinander sprachen, stand der Indio Pablo an die Rückwand des Hauses gelehnt und starrte düster vor sich hin. Die hochfahrenden, verächtlichen Worte des jungen Mendez hatten ihn schwer getroffen, schwerer als er jemals einem Menschen gezeigt hätte. Es ist eben so, dachte er, ich spüre es ja nicht erst seit heute. Genau genommen, habe ich es mein ganzes Leben lang gespürt, und alle Liebe und Freundlichkeit der Frauen vermag nicht darüber hinwegzutäuschen. Ein Indianer ist ein Vieh! brütete er; gut, sollen sie mich für ein Vieh halten! Ich bin Indianer, ich will sein, was ich bin. Meine Vorfahren waren die Herren dieses Landes. Die Weißen sind aus der Fremde gekommen, haben die Meinen erschlagen, ihr Land und ihr Eigentum geraubt und den roten Mann zum Sklaven erniedrigt. – Er knirschte mit den Zähnen, die Haut über seinen Backenknochen straffte sich. Ich hasse sie! dachte er; ich sehne den Tag herbei, da sie zum Lande hinausgejagt werden, hinaus auf das Meer, über das sie einst gekommen sind!

»Was denkst du?« fragte eine leise Stimme. Pablo zuckte zusammen. Es war gut, daß es dunkel war; jetzt wäre es ihm schwer geworden, den Widerstreit der Empfindungen auf seinem Gesicht zu verbergen. »Mariquita«, sagte er leise, »hast du mich gesucht?«

»Ja«, flüsterte das Mädchen, »ich bin es, und ich habe dich gesucht. Ich weiß, daß du dich grämst. Aber du sollst es nicht.«

»Warum sollte ich mich grämen?« Er hatte sich schon gefaßt, und seiner gleichmütigen Stimme war keinerlei Erregung mehr anzumerken. »Sie haben mir die Grenze zwischen Weiß und Rot wieder sichtbar gemacht«, sagte er, »es ist gut so.«

Maria nahm seinen Arm und zwang ihn, mit ihr auf und ab zu gehen. »Nein«, sagte sie, »es ist nicht gut. Es ist keine Grenze da, ich will nicht, daß sie da ist. Du bist mein Bruder. Du bist hier zu Hause, wenn ich hier zu Hause sein soll. Hat Doña Inez, hat Don Antonio dich je gekränkt? Sie sind nicht gut zu dir?«

»Doch«, entgegnete Pablo, »sie sind gut zu mir, denn sie dulden mich deinetwegen in ihrer Nähe.«

»Nein, sie haben dich lieb, ich weiß es gewiß. Sei ehrlich, Pablo. Bist nicht oft du selbst es, der die Grenze aufrichtet? Du bist zuweilen stolzer und unnahbarer als ein kastilianischer Grande.«

»Ich bin, wie ich bin.« Die Stimme des Jungen klang ruhig und gelassen, doch klang ein dunkler Unterton durch, der Maria aufhorchen ließ. Sie kannte den Gefährten ihrer Kindheit genauer als irgendein anderer Mensch. »Mein Stolz ist meine Waffe, meine einzige«, fuhr Pablo fort, »ihn wenigstens soll man mir nicht nehmen. Lasse ich es an Ehrerbietung und Dankbarkeit fehlen? Dann belehre mich, und ich will mich bessern.«

»Nein, nein, das tust du gewiß nicht.«

»Sie aber sehen auf meine Hautfarbe wie auf ein Verbrechermerkmal herab. Ich bin nicht ihresgleichen, und selbstverständlich sind sie die bessere Rasse. Indianer sind Hunde in ihren Augen.«

Maria schwieg, aber sie preßte seinen Arm, als müsse sie ihn beschwichtigen. Was sollte sie sagen?

»Alle denken sie so, auch Don Antonio. Rede mir nichts vor. Er ist gut erzogen, und er liebt dich. Und außerdem ist er ein ehrlicher Mann. Aber er denkt so, ich weiß es. Mendez wollte mit der Peitsche nach mir schlagen, er wollte mich absichtlich demütigen.«

Sie preßte seinen Arm fester. »Mendez ist kein Caballero«, flüsterte sie. »Er wollte dich schlagen? Es ist entsetzlich.«

»Zum zweiten Schlag hätte er keine Zeit mehr gehabt, glaube es mir.«

»Pablo! Um Gottes willen! Bändige dein Blut!«

Der Junge machte sich in sanfter Bewegung los; wäre es heller gewesen, Maria hätte ein Aufleuchten in seinen Augen gesehen. »Ich bin besser, bin mehr wert als alle!« sagte er; es klang, als träfe er eine nüchterne Feststellung. »Und ein Feigling wie Mendez wollte nach mir schlagen!«

»Von mir hat er keinen Blick mehr zu erwarten«, sagte Maria, »deine Feinde sind auch die meinen. Und im übrigen bleibst du der, der du bist.«

Pablo lachte kurz auf. »Ja«, sagte er, »ein Peon mit der Erziehung eines spanischen Caballeros. Von Jahr zu Jahr fühle ich es mehr. Aber ich will das nicht länger ertragen. Was tue ich eigentlich hier? Was habe ich hier zu suchen? – Ich bin mit mir zu Rate gegangen hier draußen im Dunkeln« – er griff nun selbst wieder nach dem Arm des Mädchens. »Höre zu, Mariquita«, fuhr er fort, »mein Entschluß ist gefaßt. Ich bleibe nicht länger hier bei den Weißen. Wo jeder hergelaufene Haderlump mir mit der Peitsche drohen kann. Mein Platz ist bei den Leuten meiner Farbe. Nicht bei dem elenden Sklavengesindel hier, bei den Xinkas, die ihren Stolz und ihren Anspruch für ein Linsengericht verkauften, o nein. Ich bin ein Maya, ich weiß es. In den Wäldern leben freie Leute meines Stammes; zu ihnen will ich.«

»Was sagst du da?« Maria war schon bei der ersten Andeutung seiner Absichten stehen geblieben; sie legte die Hände auf seine Schultern, er fühlte ihr Gesicht nahe dem seinen. »Nein«, stammelte sie, »was sind das für unsinnige Gedanken! Wie kommst du nur darauf? Nein, du meinst es nicht ernst. Du kannst das nicht tun! Du kannst mich nicht allein lassen. Wir gehören doch zusammen, waren immer zusammen. Was soll ich denn hier ohne dich?«

Der Junge schwieg, er strich dem Mädchen sacht über das Haar. »Mariquita«, sagte er nach einer Weile, »kleine Mariquita! Ich weiß wohl, daß wir zusammengehören. Das Schicksal hat uns vereint. Ein Schicksal, von dem wir nichts wissen. Unser Weg kommt aus dem Dunkel, und er führt ins Dunkel. Nein, ich will dich nicht verlassen, Maria, und ich werde dich gewiß nie vergessen, wenn uns das Schicksal dennoch auseinanderreißt.« Er schwieg wieder ein Weilchen und fuhr dann etwas gedämpfter fort: »Es kommt eines Tages, ich weiß es gewiß. Ich kann hier auf die Dauer nicht bleiben, wenn ich nicht zugrunde gehen will. Ich will ja nicht heut und nicht morgen fort, aber eines Tages ist es soweit.«

Sie nahm wieder seinen Arm. »Komm mit zur Señora«, sagte sie, »sie ist gut, und sie liebt dich gewiß. Du wirst sie nicht betrüben wollen.« Er machte sich frei. »Nein, Mariquita«, sagte er, »ich kann jetzt nicht ins Haus gehen, solange die Fremden dort sind. Ich will ein wenig durch die Felder streifen.« Sie zögerte, aber sie redete nicht weiter auf ihn ein; sie kannte ihn und wußte, daß es keinen Sinn hatte. Er ließ ein leises Lachen hören, ein Lachen, das selten an ihm war, und das eigentlich nur sie kannte. »Du brauchst dich nicht zu beunruhigen«, sagte er leise, »ich gehe nicht fort jetzt, ich komme bestimmt zurück.«

»Bald?« – »Ja, bald.«

Sie drückte noch einmal seine Hand und huschte dann um das Haus herum fort. Pablo aber ging mit großen Schritten zu den Agavenfeldern hinüber, in denen er untertauchte.

Er gewahrte nichts davon, daß sich Vaqueros und Peons aus den Ställen im Hause sammelten, daß es in den Arbeiterhäusern lebendig wurde und auch von dorther die Männer zusammenströmten. Er fand sich, in Gedanken versunken, durch die Dunkelheit dahinschreitend, schließlich auf dem weiten Platz wieder, der sich vor der Front des Hauses ausdehnte. Hier lehnte er sich an einen Baum und starrte durch die Dunkelheit zu der hell erleuchteten Veranda hinüber, auf der Don Antonio mit Doña Inez, Doña Maria und den Gästen weilte. Er war ruhiger geworden, aber er fühlte mit einer fast grimmigen Genugtuung, daß er ein Ausgeschlossener war, ein Deklassierter, ein Farbiger. Und nur bei dem Gedanken, daß Maria zu den anderen gehörte, fühlte er einen leichten, stechenden Schmerz.

Plötzlich wurde er aus seinen Betrachtungen gerissen; dicht neben ihm tauchte eine dunkle Gestalt auf. Blitzschnell griff er nach dem langen Messer, das er nach Landessitte auf dem Rücken im Gürtel trug.

Er hörte eine raunende, heisere Stimme: »Fürchte nichts. Ein Freund steht hinter dir.« Die Worte waren in der Maya-Sprache geflüstert, in die Pablo in der Tat durch den alten Tamay eingeweiht worden war, wobei eine dunkle Erinnerung ihm sagte, daß sie einmal in ferner Zeit vor seinen Ohren erklungen war, ehe er spanisch gesprochen hatte.

»Wer bist du?« fragte er leise in der gleichen Sprache zurück, das Messer noch immer zur Abwehr bereit, während seine Augen sich mühten, die Dunkelheit zu durchdringen. Er sah nichts als die schwachen Umrisse einer schlanken Gestalt.

»Sage mir eins«, raunte der Fremde, »bist du der Enkel Nezualpillis, des Königs?«

Was für eine sonderbare Frage, von einem Fremden in dunkler Nacht heimlich gestellt! Pablo fühlte sich von geheimen Schauern angeweht; den Sinn der Frage wußte er nicht zu deuten, geschweige daß er eine Antwort gewußt hätte. »Ich verstehe dich nicht«, stammelte er, »ich weiß nicht, was du willst.«

»Trägst du das Zeichen der Könige auf der Brust?« raunte der andere.

Das Zeichen der Könige?

Das sonderbare Gefühl in Pablo wuchs; auf seiner Brust waren geheimnisvolle Zeichen eingeätzt; wie sollte er wissen, was sie bedeuteten?

»Wie soll ich das wissen?« flüsterte er. »Auf meiner Brust sind Linien eingegraben; ich weiß sie nicht zu deuten.«

»Tamay hat sie dir nicht erklärt?«

»Tamay? Nein. Weiß er davon? Wie kommst du darauf?«

»Kannst du nicht die Königsbinde in den Zeichen erkennen?«

»Ich kann nichts erkennen. Wer bist du? Was willst du von mir?«

Der andere zischte, nahe seinem Ohr: »Rette dich! Dir droht Gefahr! Große Gefahr! Der Tod! Traue Tamay nicht! Der Panther schütze dich!«

Ein Schatten glitt fort. »Warte doch, warte«, flüsterte Pablo und wollte nach dem Schatten greifen, aber er griff in die Luft. Der Junge war wie betäubt. Welch sonderbarer Vorgang! Wer war der Fremde? Was hatte seine Warnung zu bedeuten? Das Zeichen der Könige? Was war das? Warum sollte er Tamay nicht trauen? Er mühte sich, Ordnung in die wirren Bilder zu bringen, die plötzlich seine Seele bestürmten; es wollte ihm nicht gelingen. Irgendwo war da ein Zusammenhang, ein unbekannter, in dumpfen Träumen geahnter; es riß und zerrte an ihm. Er hätte jetzt nicht unter Menschen gehen können, jetzt weniger als vorher.

Plötzlich hörte er flüsternde Stimmen; Schatten huschten durch die Dunkelheit, schienen auf den Hintereingang des Hauses zuzustreben. Und wieder drangen Worte der Maya-Sprache an sein Ohr; er verstand: »Kein Blutvergießen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Aber haben müssen wir ihn, tot oder lebendig! – Folgt Tamay, er wird euch führen, ich decke euch den Rücken!« raunte eine andere Stimme.

Im Augenblick war Pablo hellwach, alle Träume waren versunken. Gefahr, unbekannte Gefahr näherte sich dem Hause, in dem Maria weilte. Er schrie. Er sann gar nicht nach, er überlegte nicht, der Schrei, der gellende Warnungsschrei brach aus ihm heraus: »Achtung! Bandidos!« Er sprang in langen Sätzen auf den Hauseingang zu, den anderen den Weg abzuschneiden. Und brach unter einem wuchtigen Schlag besinnungslos zusammen.

Auf der Veranda hatte man den Hilfeschrei vernommen, Maria hatte Pablos Stimme erkannt.

»Pablo!« rief sie, fast gelähmt vor Entsetzen, »es ist Pablo! Er ruft um Hilfe!«

Draußen blieb alles still, nirgendwo rührte sich ein Laut, niemand näherte sich dem Hause. Don Antonio und de Fonseca liefen hinaus, von dem zögernd nachkommenden Mendez gefolgt. Sie stießen auf die wachenden Vaqueros. Die hatten flüchtig einen Trupp Männer gesehen, der sich eilig nach dem Wald entfernte.

Man rief nach Tamay, dem Jäger. Er kam heran; er hatte nichts gesehen.

Da Don Antonio einen Überfall erwartete, ließ er an verschiedenen Stellen große Feuer anzünden, um die Umgebung zu erhellen. Aber weit und breit blieb alles ruhig, nicht der geringste Anschein deutete auf einen Feind. Nur Pablo war fort. Man durchstreifte die ganze Umgebung, er war und blieb verschwunden. Doña Inez war in großer Sorge, Maria böser Ahnungen voll, der Verzweiflung nahe. Niemand dachte an Schlaf.

Lange nach Mitternacht kam ein Vaquero vom Walde herab und meldete, daß die Indianer trotz der herrschenden Dunkelheit abgezogen seien. Der Mann hatte im übrigen nichts Verdächtiges bemerkt. Die Indios hatten, offenbar einem plötzlichen Entschlusse folgend, aber schweigend und ohne Hast, den Lagerplatz geräumt.

Man hielt trotz dieser Nachricht die einmal getroffenen Vorsichtsmaßregeln bei. Ein unerwarteter Überfall auf eine einsam gelegene Hazienda durch eine streifende Indianerhorde war hier jederzeit möglich. Um so mehr, wenn bereits tatsächlich der Bürgerkrieg wütete und weite Landstrecken von Männern entblößte. Aber die Nacht wurde durch keinerlei Zwischenfall gestört. Der helle Tag kam herauf; es war alles friedlich und still.

Aber Pablo blieb verschwunden.

Tamay, der Jäger, und zwei Vaqueros, die als außerordentlich geschickte Fährtensucher galten, eilten nach der Waldstelle, wo die fremden Indios gelagert hatten. Die Leute hatten eine breite Spur hinterlassen. Sie waren in guter Ordnung nach Norden gezogen. Die Männer folgten der Spur einige Leguas weit, vermochten aber nichts zu entdecken, das auf Pablos Verbleib gedeutet hätte.

Tamay wollte das Zeichen zur Umkehr geben, als einer der Vaqueros plötzlich stehenblieb, sich bückte und einen kleinen Gegenstand aufhob. Es war ein kleines seidenes Halstuch, das Pablo unzweifelhaft getragen hatte. Der Jäger äußerte sich nicht, aber in den beiden Hirten war nun erst die Spürlust entfacht, sie durchsuchten jeden Quadratzentimeter des Bodens, und bald darauf fand der andere Vaquero ein flaches Bleistück an einer zerrissenen Schnur, ohne Zweifel ein indianisches Abzeichen. Auf der einen Seite der kleinen runden Bleiplatte war ein Heiligenbild in primitiver Manier eingeritzt, die andere Seite zeigte verschnörkelte, ineinanderfließende Linien von eigenartiger Führung.

»Es ist genug«, sagte der ältere der Vaqueros, »wir wissen, was wir wissen wollten. Don Pablo ist von den Indios entführt worden.« Er hielt Tamay das Bleistück unter die Nase. »Welches Volk hat solche Zeichen?« fragte er.

Tamay sah gleichgültig auf die kleine Metallplatte; in seinem dunklen, zerrissenen Gesicht regte sich nichts; seine Augen blickten gleichmütig. »Ich weiß es nicht«, sagte er.

»Du weißt das nicht?« Der Vaquero, ein älterer Mann, lächelte ein wenig spöttisch. Aber plötzlich verhärtete sich sein Gesicht; er sah den Jäger aus zusammengekniffenen Augenlidern scharf an. »Das ist aber merkwürdig«, sagte er, »Tamay kennt indianische Zeichen nicht? Dann will ich es ihm sagen. Es waren Mayas, die hier lagerten, die Linien auf diesem Totem bilden das Mayazeichen.«

Tamay zuckte die Achseln. »Dann bist du klüger als ich«, sagte er. Der andere streifte ihn mit einem schrägen Blick. »Das möchte wohl sein«, sagte er dunkel.

Auf del Roca erregte die Meldung des Vaqueros nicht geringe Bestürzung. Die Señores waren äußerst betroffen, und Maria war außer sich. Sie wollte, daß sofort Maßnahmen ergriffen würden, um den Räubern den Gefangenen abzujagen.

Die Männer berieten, was zu tun sei, sie zogen auch Tamay hinzu.

»Und du hieltest die Indianer für Chiapateken?« fragte ihn Don Antonio, nachdem er die Meldung des sehr zuverlässigen Vaqueros gehört hatte.

»Es waren Chiapas«, antwortete Tamay.

Der alte Fonseca fuhr auf. »Torheit!« rief er, »sicherlich hat dein Vaquero recht; es werden Mayas gewesen sein. Wo um alles in der Welt sollen Chiapateken hierher kommen?« Mendez zuckte die Achseln. »Rote sind Rote«, sagte er, »ich weiß nicht, was die Aufregung soll. Sei froh, daß du den Burschen los bist.«

»Schweig still«, antwortete d'Irala kalt. »Ich weiß selbst, was ich zu tun habe. Wir werden den Jungen wiederbekommen«, sagte er. »Haben die Indios ihn fortgeschleppt, ist es ihnen sicherlich nur um das Lösegeld zu tun. Pablo gehört zu meinem Hause, und ich werde nicht sparen.« Das sei selbstverständlich in der Ordnung, bemerkte de Fonseca; er würde nicht anders handeln.

D'Irala wandte sich dem älteren Vaquero zu: »Was meinst du, Pepe«, fragte er, »werden sie den Jungen töten oder schleppen sie ihn nur mit sich fort?«

»Ich glaube das letztere«, antwortete der Mann, »töten konnten sie ihn auch schon hier, wenn sie das wollten.«

»Du meinst also auch, daß sie des Lösegeldes wegen –«

Der Vaquero schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich weiß nicht«, sagte er, »diese Mayas aus den Bergen –«

»Du bleibst also dabei, daß es Mayas waren?«

»Ich bin absolut sicher, Señor. Ich kenne das Zeichen. Und ich bin sicher, Tamay kennt es auch. Es ist mir rätselhaft, wie er dazu kommt –«

Der Jäger sah finster vor sich hin.

»Diese Bergmayas hängen noch an ihrem alten Aberglauben«, fuhr der Vaquero fort. »Wer weiß, was sie mit dem Jungen vorhaben.«

»Jedenfalls hatten sie es auf den braunen Prinzen abgesehen«, sagte de Fonseca. »Hätte die Bande sich sonst noch irgendwo an Leben und Eigentum vergriffen, hätten wir längst davon gehört.«

»Es kommt mir auch so vor«, sagte d'Irala nachdenklich. »Ich frage mich nur, welchen Grund sie haben konnten, ihn zu entführen.«

»Vielleicht wollten sie einen ihres Stammes unter sich haben, der dank deiner Großzügigkeit in der Weisheit und Gelehrsamkeit der alten Christen aufgewachsen ist«, spottete Mendez. »Hören wir doch endlich damit auf«, setzte er, zum Ernst übergehend, hinzu, »beschäftigen wir uns lieber mit dem Aufstand Sarmientos. Hier muß wirklich etwas geschehen. Wird dieser Räuberhauptmann nicht im ersten Anlauf zurückgeworfen, schneiden sie uns allen die Kehle ab. Ich muß machen, daß ich nach Hause komme. Vielleicht haben die Mayas auch mir einen Besuch abgestattet. Sobald ich Neues erfahre, sollst du es wissen.«

Auch de Fonseca erklärte, den Heimweg antreten zu wollen, und Don Antonio, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, verspürte auch wenig Neigung, sie zu halten. Bald ritten die beiden Hazienderos, von ihren Dienern gefolgt, in das Land hinaus.

Als sie fort waren, setzte d'Irala sich noch einmal mit den beiden Vaqueros zusammen. Den Jäger hatte er fortgeschickt. Er hatte diesen Mann schon des öfteren mit geheimem Mißtrauen betrachtet; sein jetziges Verhalten blieb unerklärlich. Der Mann galt unter den Xinkas hier selbst für einen Maya, aber selbst wenn er das nicht war, schien es ausgeschlossen, daß er eine indianische Zeichenschrift nicht zu deuten wußte. »Wir müssen etwas tun, Männer«, sagte er, »ich kann den jungen Mann, der vierzehn Jahre in meinem Hause lebte, nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Hast du einen brauchbaren Vorschlag, Pepe? Einen Anhaltspunkt?«

Der alte Vaquero sann lange nach. »Man macht sich so seine Gedanken, Señor«, sagte er schließlich. »Sie müssen ja nicht stimmen, aber bei diesen Indianern gibt es geheimnisvolle Dinge. Habt Ihr noch nichts vom Nagual gehört?«

»Nagual?« Der Haziendero schüttelte den Kopf. »Da ist eine dunkle Erinnerung«, sagte er, »irgendwo habe ich den Namen gehört, aber ich weiß nicht – –«

»Es ist ein Geheimbund, Señor, der sich über alle Stämme des Maya-Volkes erstreckt. Die Leute erkennen sich an geheimen Zeichen, sie haben geheime Zeremonien. Es soll schrecklich dabei hergehen, wie man hört. Sie hassen alle Christen, sind Todfeinde der Weißen.«

»Pablo ist ja kein Weißer.«

»Man weiß nicht, wie das zusammenhängt; es ist ja auch nur eine Vermutung. Ich glaube, daß Don Pablo ein Maya ist. Er trägt ein sonderbares Zeichen auf der Brust, verschlungene Linien; wer weiß, was es bedeutet! Was es den Mayas bedeutet!«

»Was soll man damit anfangen?« sagte Don Antonio. »Und selbst wenn da irgendein Zusammenhang wäre, den wir nicht ahnen, den vielleicht, nein sicherlich, Pablo selber nicht ahnt, wie sollten die Indios denn erfahren haben, was für ein Zeichen der Junge auf der Brust trägt?«

»Das frage Tamay, Señor.«

»Schon wieder Tamay. Sie haben oft beisammengesessen, der Junge und der Jäger. Dies und das ist gemunkelt worden. Der Junge sprach ja nie, er war verschlossen, man wußte nie, was er dachte. Man weiß auch nie, was Tamay denkt.«

»Beide sind Indios, Señor. Und wahrscheinlich sind beide Mayas.«

»Meinetwegen. Ich weiß es nicht.« Der Haziendero, der nachdenklich auf und ab gegangen war, blieb stehen. »Aber was hilft uns das alles?« sagte er. »Was können wir tun?«

»Wenn Ihr wollt, Señor, reiten wir den Indios nach. Gebt uns ein paar Unzen Gold mit, das tut manchmal Wunder.«

»Die sollt ihr haben. Am Gold soll es nicht fehlen. Macht euch fertig, sucht verläßliche Leute zusammen und reitet los. Bringt mir den Jungen wieder. Meine Damen sind außer sich, und auch ich möchte bei Gott nicht, daß ihm etwas Böses geschieht.«

Die Männer gingen und bereiteten alles vor. Wenig später verließ eine kleine, wohlberittene und bewaffnete Schar erfahrener Vaqueros und Peons, reichlich mit Geldmitteln versehen, die Hazienda. Am Waldrand stand Tamay, der Jäger, und sah ihnen nach. Sein bronzenes Antlitz war unbewegt.

Zwei Tage vergingen in ruhelosem Warten. Der Friede des Hauses war dahin. Maria strich verstört, mit tränennassen Augen, ein Schatten ihrer selbst, durch das Haus. Alle Liebe der Señora, alles gütige Zureden Don Antonios vermochten sie nicht zu erheitern. In ihr war ein dunkles Gefühl, eine dumpfe Angst, die ihr fast das Herz abschnürte; sie aß kaum und gab auf alle Fragen nur einsilbige Antworten. Sie konnte stundenlang starr an einem Platz sitzen oder stehen und mit leeren Blicken vor sich hinsehen. Aber jedes Geräusch, das draußen hörbar wurde, ließ sie zusammenfahren. Für d'Irala war es ein Glück, daß die beunruhigenden Nachrichten über die fortschreitende Entwicklung des Aufstandes ihn so beschäftigten und in Atem hielten, daß er kaum Zeit fand, über das Schicksal des verschwundenen Jungen nachzudenken.

Am dritten Tage nach Pablos Verschwinden traf auf del Roca ein alter Indianer in Begleitung farbiger Diener ein, dessen Kleidung und Haltung ihn in nichts von den kreolischen Hazienderos unterschied. Nur die Hautfarbe des Mannes verriet den reinrassigen Ureinwohner. Der Mann ritt vor das Haus und verlangte Don Antonio d'Irala zu sprechen.

Der Haziendero ließ den Besucher auf die Veranda führen. Der gut gekleidete Fremde, dessen kurzgeschnittenes Haar stark ergraut war und in dessen klugem, gutgeschnittenem Gesicht ein Paar sehr lebendige Augen blitzten, verbeugte sich mit vollendetem Anstand.

»Felipe Arana, General der Republik Mexiko«, stellte er sich vor.

Don Antonio sah erstaunt auf den Mann. »General?« fragte er gedehnt.

»Sehr wohl, Señor«, versetzte der Indianer. »Ich habe als General der Republik unter Morelos und Guerero die Schlachten des großen Freiheitskampfes mitgeschlagen.« Der Mann sprach ein klares, sauberes Spanisch, seine Haltung war würdig und ungezwungen. D'Irala lud ihn zum Sitzen ein, bot Zigarren an und wartete, daß der Fremde ihm den Grund seines Besuches eröffnen möchte.

Nachdem die üblichen Höflichkeitsphrasen getauscht waren, lehnte Arana sich in seinen Sessel zurück, sah den Haziendero aus seinen klugen Augen an und sagte: »Unter Ihrem Schutz, Señor, lebt seit einer geraumen Reihe von Jahren ein junger Mann meines Stammes. Ich würde gern Näheres über ihn erfahren und, wenn möglich, mit ihm sprechen.«

D'Irala sah überrascht auf. »Oh, Sie sprechen von unserem Pablo?« sagte er.

»So nennt man ihn wohl. Ich wüßte gern, wann und unter welchen Umständen er in ihr Haus gekommen ist.«

»Das werde ich Ihnen sagen, Señior«, versetzte der Haziendero, »aber zunächst muß ich Ihnen etwas sehr Bedauerliches mitteilen. Pablo ist nämlich seit drei Tagen verschwunden.«

»Verschwunden?« Arana fuhr auf. »Was heißt das?«

D'Irala berichtete in kurzen Worten über das, was geschehen war. Mit regungslosem Gesicht hörte der Indianer ihm zu. Er äußerte sich zunächst auch nicht, nachdem der Haziendero schwieg. »Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir zunächst die erbetene Auskunft erteilen würden«, sagte er.

Don Antonio erzählte ihm aus der Erinnerung, unter welchen Umständen er seinerzeit den kleinen Indio zusammen mit dem weißen Mädchen gefunden habe. »Wir hatten damals wie heute Bürgerkrieg im Lande«, schloß er seinen Bericht, »alle Nachforschungen, die ich wegen der Herkunft der Kinder anstellen ließ, blieben vergeblich.«

»Wie lange liegt das nun zurück?« fragte der Indianer.

»Rund vierzehn Jahre.«

»Und der Junge war Ihrer Schätzung nach damals vier Jahre alt?«

»Ungefähr. Zwischen drei und vier vielleicht.«

Der Indianer schwieg und sah mit verschlossenem Gesicht vor sich hin. In diesem Augenblick betraten Doña Inez und Doña Maria die Veranda. Don Antonio stellte den braunen Gast vor, ohne freilich den Generalsrang, den jener genannt, zu erwähnen; dagegen wehrte sich alles in ihm. Der Indianer verbeugte sich mit ruhiger Höflichkeit und nahm dann sogleich das unterbrochene Gespräch wieder auf.

»Haben Sie, Señor, oder hat sonst jemand auf der Brust des Jungen eine Tätowierung bemerkt?«

Don Antonio sah ihn aufmerksam an. »Jawohl, Señior«, entgegnete er, »sowohl ich als auch meine Frau und auch andere. Er trägt eine sonderbare Zeichnung ineinandergeschlungener blauer Linien auf der Brust. Wir haben viel darüber gerätselt, aber auch die hier lebenden Indianer wußten die Zeichen nicht zu deuten.«

Der Indianer zog ein Stück fein gegerbter Tierhaut aus der Tasche und entfaltete es. »War es diese Zeichnung?« fragte er. Don Antonio, die Señora und Doña Maria sahen gleichzeitig darauf hin. Doña Inez entfuhr ein Überraschungsruf. »Das ist es«, rief sie aus, »das ist das seltsame Zeichen, über das ich manchmal nachgedacht habe.«

»Trägt der Jüngling dieses Zeichen, fügt ihm kein Maya ein Leid zu«, sagte Arana und steckte das Stückchen Tierhaut wieder fort.

»O mil gracias santissima!« flüsterte Maria. »Wo mag er sein? Wo mag Pablo sein?«

Der alte Indianer ließ einen leisen Seufzer hören; er sah starr vor sich hin. »Gefunden und gleich wieder verloren«, murmelte er. Es war wie eine Anwandlung von Schwäche, aber sie währte nur Sekunden. Dann richtete der Mann sich auf und sah die Anwesenden nacheinander mit ruhiger Aufmerksamkeit an. »Ich bin Ihnen eine Aufklärung schuldig«, sagte er. »Sie werden wissen wollen, was mich zu meinen Nachforschungen veranlaßt. Hören Sie zu. Die Geschichte mag Ihnen seltsam genug klingen. Die Mayas sind als Volk schon vor Jahrhunderten untergegangen; Sie wissen es, und wir brauchen nicht darüber zu reden. Aber sie haben auch noch Jahrhunderte nach ihrem staatlichen Zusammenbruch die überlebenden letzten Glieder ihres alten Königshauses heilig gehalten. Sie waren in all der Zerrissenheit der Mittelpunkt, der ruhende Pol; alle Hoffnungen auf völkische Wiedergeburt verknüpften sich mit den noch lebenden Königssprossen.«

Er schwieg einen Augenblick, als müsse er sich sammeln, und fuhr dann mit gleichmäßig ruhiger Stimme fort: »Das Geschlecht der Könige ist ausgestorben bis auf Hualpa, den Sohn Jungunas, den wir den Stern nannten. Als Junguna starb, wurde sein eben zweijähriger Sohn Hualpa von einem verworfenen Mann unseres Volkes geraubt. Es geschah dies zweifellos aus dem Grunde, den letzten Träger des königlichen Erbes auszulöschen, denn jener Mann behauptete, selbst mit dem Königshause verwandt zu sein. Er hoffte, auf diese Weise Titel und Würde zu erben, um so seinen Einfluß auf die Stämme der Mayas zu mehren. Ich selbst bin damals mit einer Schar verläßlicher Männer den Räubern auf den Fersen gewesen; vergeblich. Wir fanden Hualpa nicht bei dem betreffenden Mann und konnten unsere Behauptung nicht beweisen. Wir hielten das Kind für tot. Da aber nicht einmal sein Tod zu beweisen war, konnten wir an seinen mutmaßlichen Mördern keine Rache nehmen. Jener Mann aber gebot überdies über sehr viele verschworene Anhänger. –«

Arana schwieg abermals; der Haziendero und seine Damen rührten sich nicht. Der Indianer sprach weiter:

»Vor einigen Wochen erst erhielt ich die Nachricht, daß der letzte Enkel der Könige hier in Ihrem Hause unter Ihrem Schutze lebe. Ich machte mich auf, ihn heimzuholen in den Schoß seines Volkes. Die männlichen Mitglieder des alten Herrscherhauses tragen das Zeichen, das ich Ihnen zeigte, auf der Brust. Ich zweifle nicht mehr, daß Hualpa vierzehn Jahre lang in Ihrem Hause gelebt hat. Ich danke Ihnen für die ihm erwiesenen Wohltaten im Namen seines Volkes.«

Maria war totenblaß; ihre Augen flackerten. Das soeben Erfahrene mengte sich in ihrer Phantasie mit dem jüngst Erlebten. Pablo, der Königsenkel – darum haben sie ihn geraubt; es ist klar. Aber so wird ihm auch nichts geschehen, dachte sie. Nur, werde ich ihn wiedersehen? Werde ich ihn jemals wiedersehen? Sie stützte den Kopf in die Hand, um die Tränen zu verbergen, die ihr heiß in die Augen stiegen. Doña Inez strich ihr sacht über das Haar.

»Die Sache ist klar«, fuhr Arana nach einer längeren Pause fort. »Hinter diesem Raub steckt Chamulpo, eben der Mann, der damals das einjährige Kind raubte. Er hat ebenso wie ich erfahren, daß Hualpa lebt und hat ihn entführen lassen. Denn heute müßte dieser Junge, wüßte er um seine Abstammung und erführen die Mayas etwas von seiner Existenz, ihm noch weit gefährlicher werden als vor rund sechzehn Jahren.«

»Aber wie soll dieser Mann das erfahren haben?« sagte d'Irala.

Arana lächelte dünn. »Ich habe es ja auch erfahren«, sagte er. »Es ist da noch manches dunkel«, fuhr er fort, »wir wissen beispielsweise nichts über die Zeit zwischen dem damals erfolgten Kindesraub und dem Zeitpunkt, da das Kind von Ihnen auf den Schiffstrümmern gefunden wurde.«

»So ahnen Sie auch nicht, welcher Familie Doña Maria entstammt?« fragte die Señora, »und ich hoffte schon –«

Der Indianer schüttelte leicht den Kopf. »Nein«, sagte er, »aber aus dem Zustand, in dem die Kinder damals gefunden wurden, dürfen wir schließen, daß Gott das Königskind damals in gute Hände gab, wie er ihm auch hier« – er verbeugte sich leicht vor den Damen – »gute Freunde schenkte.«

»Wollen Sie mir nicht sagen, wie Sie von der Anwesenheit des jungen Mannes in meinem Hause erfuhren?« fragte der Haziendero.

Arana erwiderte seinen Blick. »Warum nicht?« sagte er. »In Ihrer Umgebung muß ein Maya leben. Durch seine Botschaft erfuhr jener Chamulpo von der Anwesenheit Hualpas in diesem Hause. Und durch Chamulpo erfuhr es der Mann, der einst von diesem gedungen war, das Kind zu ermorden; wir nennen ihn Azual. Azual hat seinen Auftrag damals nicht ausgeführt; er hat das Kind, wie er später gestand, einem Panther vorgeworfen. Wohl nicht ohne Absicht, denn nach den Gebräuchen unseres Volkes war der Panther der in Tiergestalt verkörperte Schutzgeist Hualpas. Azual ist schwer erkrankt. Als er jetzt erfuhr, daß das durch ihn dem Panther vorgeworfene Kind lebe, brach er zusammen und sandte mir seinen Sohn, um mich zu unterrichten. Das ist alles.«

»Es klingt ein wenig wirr für meine Ohren« – Don Antonio d'Irala lächelte matt, »was mich aber interessiert, ist folgendes: Sie sagten, hier in meiner Umgebung lebe ein Maya, und der habe jenem Manne, von dem Sie sprachen, die Nachricht gesandt, daß Pablo – ich darf ihn wohl weiter so nennen – hier lebe. Kennen Sie diesen Maya?«

»Ich kenne ihn nicht, oder besser: ich weiß noch nicht, ob ich ihn kenne. Der Sohn Azuals sagte mir, daß es sich um Ihren Jäger handele.«

»Sieh da – Tamay!« Don Antonio pfiff leicht durch die Zähne. »Da erklärt sich manches.« Er wandte sich an Arana. »Wollen Sie den Mann sehen?« fragte er.

»Es wäre mir lieb.«

D'Irala klingelte und forderte den eintretenden Diener auf, den Jäger Tamay unverzüglich zur Stelle zu schaffen. Der Neger eilte davon und wenige Minuten später stand Tamay auf der Veranda. D'Irala beobachtete ihn scharf, und es schien ihm, als ob seine bronzene Haut beim Anblick Aranas einen Grad blasser werde. Doch war das bei einem Indianer schwer zu sagen. Niemand bemerkte, daß gleichzeitig ein junger, schlanker Indianer herangehuscht kam und hinter dem Geländer, durch die dort wachsenden Zierpflanzen verdeckt, stehen blieb.

Der Mann, der sich als General Arana eingeführt hatte, erhob sich; in seinen dunklen Augen flammte es kurz. »Sieh da«, sagte er, »das hätte ich mir denken können, du Hund!«

Der junge, schlanke Indianer hinter der Veranda brachte vorsichtig eine Büchse auf den Jäger Tamay in Anschlag; aber das bemerkte niemand.

»Wo ist der Enkel der Könige?« rief Arana dem Jäger zu; die Frage kam scharf wie ein Beilhieb. Und sie verfehlte auch ihre Wirkung nicht; der immer gelassene, immer unbewegte Tamay zuckte wie unter einem Schlage zusammen, ein scheuer, gehetzter Ausdruck trat in seine Augen, die unsicher umherirrten.

»Antworte!« herrschte Arana und zwang den anderen, durch die Kraft seines Blickes, ihn anzusehen. Es vergingen Sekunden, eine halbe Minute vielleicht, dann kam es störrisch, widerwillig von den Lippen des Jägers:

»Chamulpo hat ihn holen lassen.«

»Wo wurde er hingeführt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du bist verflucht, und du weißt es, Verräter. Deine Seele wird niemals Ruhe finden, wenn dem Enkel der Könige ein Leid geschieht!«

Der Jäger atmete schwer, man sah, wie es ihn würgte. Er war nicht mehr imstande, sein Gesicht zu beherrschen. »Bürge mir, daß ich bei meinen Vätern ruhen werde, und ich werde ihn wieder holen«, sagte er schließlich, Arana mit einem scheuen Blick streifend.

»Nein!« Aranas Stimme klang wie geschliffener Stahl. »Nein«, wiederholte er. »Geh, Lump! Deinem Schicksal entgehst du nicht. Ich will dich nicht mehr sehen.«

Nun entging selbst d'Irala, der von der in der Mayasprache geführten Unterredung nichts verstanden hatte, nicht, daß der Jäger die Farbe wechselte. Er duckte sich wie unter einem Peitschenschlag und verließ die Veranda.

»Er ist ein von seinem Volke ausgestoßener Verräter, zu jedem Verbrechen fähig«, sagte Arana. »Es ist kein Zweifel: er hat Hualpa erkannt und hat ihn an Chamulpo verraten.«

»Er wird die Hazienda noch in dieser Stunde verlassen«, versetzte d'Irala.

Ein leises Zischen wurde von der Veranda vernehmbar; Arana horchte auf. »Das ist der Sohn Azuals, der mir die Nachricht gebracht hat«, sagte er, »darf er eintreten?«

Der Haziendero gestattete es, und Arana winkte dem jungen Indianer, dessen Kopf über der Brüstung der Veranda sichtbar geworden war. Der stand gleich darauf vor ihm; er hielt die Büchse in der Hand. Er schien nur Arana zu sehen. »Soll ich ihn töten, Kazike?« fragte er.

Der General maß ihn mit einem ruhig abwägenden Blick. »Nein«, sagte er. »Wie kamst du hierher?«

»Ich bin mit den Leuten Chamulpos gekommen und dann zurückgeblieben. Ich dachte mir, daß du kommen würdest, Kazike.«

»Weißt du, wohin sie den jungen König gebracht haben?«

»Nein, aber ich werde es wissen.«

»Du kanntest ihn?«

»Ich kannte ihn nicht, habe ihn aber nach der Beschreibung, die wir von ihm hatten, erkannt und mit ihm gesprochen, um ihn zu warnen. Er stand unter einem Baum und sah zu dieser Veranda herüber. Dann muß er unsere Leute bemerkt haben, denn er sprang plötzlich vor und stieß einen gellenden Warnungsschrei aus; da schlug Tamay ihn nieder. Die anderen schleppten ihn fort.«

»Wußten die Männer, wen sie fortführten?«

»Ich habe es vielen heimlich ins Ohr geflüstert.«

»Und du glaubst, du wirst ihn finden?«

»Sie haben ihn in die Berge geführt. Ich werde ihn finden.«

Arana trat einen Schritt auf den jungen Indianer zu, er legte ihm leicht die Hand auf die Schulter. »Rette den Enkel der Könige, und dein Vater wird Ruhe im Grabe finden«, sagte er.

Der Indianer erwiderte seinen Blick. »Mein Vater hat mir im Sterben befohlen, den König zu retten«, sagte er, »ich werde seinen Befehl ausführen.«

»Das Mayavolk wird es dir danken, mein Sohn. Weißt du, wo sich Chamulpo aufhält?«

»Ich weiß es nicht genau, aber es wird nicht schwer zu erfahren sein; er wird bald von sich reden machen. Er will Krieg führen gegen die weißen Häuptlinge in der Stadt. Ich weiß, daß er Botschaft nach Yucatan sandte, um auch die dort lebenden Mayas zum Kampf aufzurufen.«

»Es ist gut, Sohn Azuals«, sagte Arana. »Hier ist etwas Geld, du wirst es brauchen. Mache dich sogleich auf den Weg. Du weißt, wo du mich findest, wenn du mich brauchst.« Er reichte dem jungen Manne die Hand, der sich rasch entfernte.

Arana unterrichtete darauf d'Irala und die Seinen über den Inhalt der Unterredung, die er mit dem Indianer geführt hatte. Don Antonio veranlaßte, daß dem Mann eines seiner besten Pferde gesattelt werde. »Gott gebe, daß er den Jungen findet«, sagte er. In Maria, die den Zusammenhang der Dinge begriffen hatte, lebte wieder Hoffnung auf. Als der General Arana sich bald darauf verabschiedete, reichte sie ihm mit warmem Lächeln die Hand. »Pablo und ich gehören zusammen«, sagte sie, »zum ersten Male sind wir getrennt. Möge er bald wieder bei uns sein.« Der alte Indianer strich ihr sacht über die Hand und sah ihr mit einem gütigen Blick in die Augen. »Gott mag die weiße Blume schützen«, sagte er, »und alle, die gut zum Königsenkel waren.« Sich d'Irala zuwendend, fuhr er fort:

»Ich muß heute noch weit reiten, um bald bei den Meinen zu sein. Wenn Ihnen der alte Arana einen Rat geben darf, Señor: treffen Sie alle möglichen Vorkehrungen. Der Aufstand, den General Sarmiento gegen Ihre Regierung unternommen hat, birgt große Gefahren. Ich weiß, daß Chamulpo, der Kazike der Kekchis, sich auf seine Seite gestellt hat, und daß bereits Sendboten nach Yucatan unterwegs sind, um die dortigen Mayastämme aufzurufen. Meinem Einfluß ist es bisher gelungen, die Leute ruhig zu halten, aber ich kann für die Zukunft nicht bürgen. Hätte ich Hualpa, den jungen König, hier gefunden, wäre es leichter gewesen. Seinem Befehl hätten sich alle Mayas gebeugt, auch die Krieger Chamulpos. Dieser weiß das, und eben deshalb fürchtet er den Jungen und sucht ihn zu vernichten. Rechnen Sie übrigens auf General Arana und seine Hilfe.« Er verbeugte sich noch einmal mit ruhigem Anstand und wandte sich um. Bald darauf verließ er mit seinen Begleitern die Hazienda.

D'Irala und die Seinen sahen sich an. »Das Ganze kommt mir vor wie ein Spuk aus Urvätertagen«, sagte der Haziendero mit einem schwachen Versuch zu lächeln. Aber instinktiv wußte er, daß das mehr als ein Spuk war. Seine Kenntnisse der Urgeschichte des Landes waren gering. Daß die Mayas einmal die Herren dieses Landes gewesen und daß uralte Königsgeschlechter hier jahrhundertelang geherrscht hatten, wußte er indessen immerhin. Die Indianer waren verschlossen; niemand enträtselte die geheimen Hintergründe ihres Lebens. Wer konnte wissen, welche Kräfte da in der Tiefe noch wirksam waren! Die mysteriöse Königswürde des jungen Pablo imponierte dem Konquistadorenenkel nicht eben sehr, aber er gedachte des verschwundenen Hausgenossen mit Wärme und offener Sympathie und wünschte nicht nur Marias wegen, daß er ihn sobald als möglich heil und gesund wiedersehen möchte. Ernster und beachtenswerter erschienen ihm die Gefahren, von denen der indianische General im Zusammenhang mit den Bürgerkriegswirren gesprochen hatte. Er beschloß, alle nur denkbaren Vorkehrungen zu treffen, um die einsam gelegene! Hazienda wenigstens vor räuberischen Überfällen streifender Banden zu schützen.

Zunächst veranlaßte er, daß Tamay, der Jäger, die Hazienda verließ. Er rief einen Großteil der anwesenden Arbeiter zusammen und brandmarkte den Indianer vor deren Augen als Schuft und Verräter. »Wirst du in einer Stunde noch im Umkreis von del Roca gesehen, lasse ich dich peitschen, bis dir das Fleisch von den Knochen fällt!« sagte er. Der Indianer, fahl unter der bronzenen Haut, warf ihm einen Blick verzehrendsten Hasses zu, dann wandte er sich und ging, ohne sich noch einmal umzuwenden.

Vier, fünf Tage vergingen, ohne daß irgendwelche Nachricht die Hazienda erreichte, und mit jedem Tag wuchsen Marias Unruhe und Angst. Am fünften Tag kamen die Vaqueros zurück. Sie hatten nichts erreicht. Die Indianer, die Pablo entführten, hatten sich nach einiger Zeit in zwei Gruppen geteilt, die in verschiedener Richtung davongezogen waren. Die Männer waren auf gut Glück der einen Abteilung gefolgt, bald darauf aber mit einer aus Weißen, Negern und Mischlingen bestehenden Schar Aufständischer zusammengetroffen und nur mit Mühe der Gefahr entgangen, den raubend und sengend das Land durchstreifenden Mordbrennern in die Hände zu fallen. Da eine weitere Verfolgung der Indianer unter diesen Umständen aussichtslos schien, waren sie umgekehrt. Ihren Mitteilungen nach mußte der Aufstand Sarmientos bereits eine große Ausdehnung erfahren haben.

Maria brach, als sie diese Nachrichten erfuhr, in haltloses Schluchzen aus, und auch der übrigen Hausgenossen bemächtigte sich ernste Sorge. Alle fühlten es, daß schwere Tage bevorstanden.

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