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Der Enkel der Könige

Franz Treller: Der Enkel der Könige - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorFranz Treller
titleDer Enkel der Könige
publisherUnion Verlag
printrun76. bis 82. Tausend
editorFritz Heike
year1957
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der König der Mayas

»Du kennst das Land, führe mich nach Norden«, sagte Pablo zu seinem Freunde Tenanga, nachdem beide die Nacht in einem verfallenen Schuppen verbracht hatten. Der junge Mann bebte immer noch innerlich vor Zorn über die ihm widerfahrene Behandlung; es ging ihm darum, so schnell wie möglich aus diesem Teil des Landes herauszukommen.

Sie suchten mit Sorgfalt einsame Wege, um den Aufständischen, deren Stellungen sie nicht kannten, nicht in den Weg zu kommen.

Während sie auf schlecht geebnetem Pfad durch einen Wald ritten, tauchte unerwartet eine Schar bewaffneter Reiter vor ihnen auf. Sie wandten die Pferde und sahen sich gleich darauf einem Haufen räubermäßig gekleideter Infanterie gegenüber. An Entfliehen war nicht mehr zu denken. Sie hielten deshalb und ließen die Leute herankommen. Es war eine Bande von Negern, Mulatten, Zambos, Mestizen und einigen wenigen Weißen. Ein riesenhafter Neger ging dem Haufen voran. Er sah die beiden Reiter und blieb stehen. »Wen haben wir denn da?« sagte er, »wer seid ihr? Spione, was?«

»Wir sind friedliche Reisende, Señor, und ziehen nach Norden in unsere Heimat.«

»So«, grinste der Neger, »nun, für friedliche Leute seid ihr recht gut bewaffnet. Wir können euch brauchen, Burschen, kommt uns gerade recht. Nehmt ihnen mal Waffen und Pferde ab«, wandte er sich an einige der bewaffneten Fußgänger, »und dann nehmt sie mit; geben wahrscheinlich zwei gute Scharfschützen ab.«

Fünf, sechs Männer näherten sich den beiden, da stieß Tenanga, der geduckt lauernd auf seinem Pferd gesessen hatte, einen gellenden Pfiff aus.

»Hualpa!« rief er gleich darauf aus, »Hualpa ist hier, der Adler der Mayas!«

Da rauschte es in den Büschen ringsum, wilde, braune Gestalten tauchten auf, und fünfzig Büchsen waren drohend auf Reiter und Fußgänger gerichtet.

»Wer die Hand hebt, ist des Todes!« rief eine kräftige Stimme in spanischer Sprache. »Hierher, König, zu deinen Kriegern! Dem Himmel sei Dank, daß du lebst!«

Das war so überraschend gekommen, der Haufen der Motineros durch den überraschenden Überfall einer überlegenen Schar gut bewaffneter Indianer so gänzlich verblüfft und eingeschüchtert, daß die Leute minutenlang stumpf und ratlos in die Gewehrmündungen blickten. Pablo und Tenanga gaben ihren Pferden die Sporen, um am Waldsaum, außerhalb des sie bisher umgebenden Kreises zu halten. Hier erst rissen sie die Büchsen von den Schultern.

»Deine Krieger, Herr«, sagte Tenanga mit funkelnden Augen, »deine Mayas sind da!«

Die Mayas kamen heran. »Ihr kamt zur rechten Zeit«, rief Pablo ihnen zu, »ich danke euch, Freunde!« Er wandte sich an den riesigen Neger. »Wer bist du?« fragte er scharf.

»Wir sind Soldados der Republik, Señor«, antwortete der Neger, »ich bin Oberst San Malo.«

»So. Dann dient ihr wohl der Republik des Señor Sarmiento?«

»Das tun wir allerdings. Und wehe, wenn uns ein Haar gekrümmt wird!« Der Neger stieß das trotzig heraus, man sah ihm aber an, daß ihm angesichts der offenen Gewehrmündungen nicht ganz wohl war. Neben Pablo war ein alter Mayakrieger getreten.

»Sind noch weitere Motinerotrupps in der Nähe?« fragte ihn Pablo.

»Nein, Herr.«

»Entfernt euch«, rief Pablo dem Neger zu, »und hütet euch, mir wieder zu begegnen, ihr Ladrones! Laßt sie durch, Freunde.«

Mit großer Schnelligkeit entfernte sich der Trupp Aufständischer, und Pablo sah sich gleich darauf von etwa sechzig Mayakriegern umgeben. »Du lebst, Herr! Du lebst!« rief es immer wieder von allen Seiten. »Und wir sind unterwegs, dich zu rächen, denn es hieß, sie hätten dich getötet.«

»Seid ihr stark an Zahl?«

»Wir sind zu achttausend Mann ausgezogen, darunter tausend Reiter. General Arana führt uns an.«

Pablo hörte diese Mitteilung mit maßloser Verblüffung. Achttausend Mayas, eine ganze Armee, waren ausgezogen, ihn zu rächen? Ihm wurde wunderlich zumute. Niemals hätte er sich träumen lassen, daß hinter seinem ererbten Königsnamen eine politische Realität stehen könnte. Achttausend Mann, das war ja eine Macht, und wenn achttausend Mann ihm zu folgen gewillt waren, dann war selbst sein Königsname eine Realität. »Wo ist General Arana?« fragte er heiser.

»Er steht weiter zurück bei Antiqua, Herr, wir sind mit einer Schar Lanzenreiter vorgeschoben, um Ausschau nach dem Feind zu halten.«

»Führt mich zum General.«

Sie nahmen ihn und Tenanga in ihre Mitte und bewegten sich im Eilmarsch zurück. Als sie den Wald verließen, trafen sie auf dreißig lanzenbewehrte Mayareiter, die Pablo, als sie ihn erkannten, jubelnd begrüßten; gleich darauf erblickten sie eine große Hazienda. Pablo ließ halten.

Der Majordomo des Hauses kam zitternd heraus, schreckensbleich angesichts der bewaffneten Indianer.

»Wem gehört diese Hazienda?« fragte Pablo.

»Don Sylvio de Rosalva.«

»Ist der Señor hier?«

»Nein. Der Señor ist mit seiner Familie verreist, um den Kriegswirren zu entgehen.«

»Geben Sie Menschen und Pferden Nahrung«, gebot Pablo. »Wir wollen Sie nicht lange belästigen.«

Reiter wurden als Wachen ausgestellt, und Pablo nahm in der Gesellschaft der beiden Mayaführer auf der Veranda Platz, wo ihnen sehr schnell ein Imbiß serviert wurde. Tenanga war vorausgeritten, um den weiteren Weg zu erkunden. Pablo erzählte den beiden Kriegern von dem Mißverständnis, das zu seiner Verhaftung und alsbaldigen Freilassung geführt hatte. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als er hörte, welchen Sturm diese Nachricht unter den Bergmayas ausgelöst hatte. Er sandte einen Reiter zu General Arana, um seine Ankunft zu melden. Da er das dringende Bedürfnis fühlte, sich umzukleiden, ließ er den Majordomo rufen, der sich angesichts des friedlichen Betragens der Indios inzwischen beruhigt hatte. »Sie sehen, wie mitgenommen meine Kleider sind«, sagte er zu dem Mann, »ich möchte bei Ihrem Herrn eine Anleihe machen und werde selbstverständlich bezahlen, was Sie mir geben können.«

»Bitte, Señor, was vorhanden ist, steht zur Verfügung«, erwiderte der Majordomo, »Don Sylvio wird es sich zur Ehre anrechnen, Ihnen einen kleinen Dienst geleistet zu haben. Wird es Señor belieben, mir zu folgen?«

Nur die Macht imponiert ihnen, dachte Pablo finster, während er dem Majordomo in das Ankleidezimmer des Hazienderos folgte. Pablo sah sich einer sehr reichhaltigen Garderobe gegenüber. Er sah eine Reiteruniform hängen und erfuhr, daß Don Sylvio als Offizier einem Lanceroregiment der Miliz angehöre, aber durch Krankheit leider verhindert sei, zur Zeit Dienst zu tun. Er lächelte. Diese Uniform werde ich anziehen, dachte er, sie wird ungefähr passen. Es war ein kindlicher Einfall, hervorgerufen nicht zuletzt durch die Demütigungen, die er unlängst erst von Trägern ähnlicher Uniformen hatte ertragen müssen. Es war auch ein wenig indianische Eitelkeit und das Wissen, daß gerade den einfachen Kriegern der Anblick einer Uniform stets Respekt abzunötigen pflegte.

Er kleidete sich um. Die Uniform war fast neu, und sie war auch nur wenig zu weit; der Haziendero mußte ein schlanker Mann sein. Während des Umkleidens kam ihm der goldene Stern in die Hand, den Arana ihm gegeben hatte und den er auf der Brust trug. Er nahm ihn ab und ließ ihn auf dem Uniformrock befestigen. Er fand den zu der Uniform gehörenden Säbel und schnallte ihn um. So verwandelt, betrat er bald darauf wieder die Veranda. Die alten Mayakrieger klatschten vor Begeisterung in die Hände.

Er gab Befehl zum Aufbruch. Es kam ihm noch ein wenig sonderbar vor, plötzlich befehlen zu dürfen, aber seine Sicherheit wuchs, als er sah, daß alle ihm blindlings und widerspruchslos gehorchten. Er ritt nun mit den Lanceros im Galopp voran, während die Infanteristen langsamer folgten. Sie erreichten ein Pueblo, das von Mayakriegern wimmelte, die sich, kaum daß Pablo erkannt war, mit betäubendem Jubelruf um ihn sammelten und ihn beinahe vom Pferd gerissen hätten. Hier fand er auch Männer von seiner und Aranas Hazienda, die ihn stürmisch begrüßten.

Pablo, ein wenig befangen, richtete ein paar freundliche Worte an die Männer und eilte dann weiter, um so schnell wie möglich zu Arana zu kommen. Schon bald, nachdem er das Dorf hinter sich hatte, stieß er auf den General, der ihm, von einer kleinen Offizierseskorte geleitet, entgegengeritten war. Arana und sämtliche Offiziere trugen die Uniform der staatlichen Miliz, die gleiche Uniform, die er selbst soeben angelegt hatte.

Arana lachte ihm entgegen. »König der Mayas«, rief er, »da bist du selbst! Siehst du, welchen Aufruhr dein angeblicher Tod entfesselt hat? Ich konnte sie nicht halten.« Pablo ritt an ihn heran, und der alte General drückte ihm herzlich die Hand. Er ließ seine Reiter wenden, und von allen gefolgt, ritt er mit Pablo seinem Quartier entgegen.

»Welch Glück, daß du die weiße Señorita retten konntest«, sagte der General, während sie nebeneinander ritten. »Du siehst nun, wie die Mayas dich lieben, du kannst mit ihnen machen, was du willst. Du bist stärker als ich, denn ich wollte sie zurückhalten, aber es ist mir nicht gelungen.«

Sie erreichten die Hazienda, in der Arana sich einquartiert hatte. Pablo bat den General, ihn zunächst zu entschuldigen, er sei sehr erschöpft, und ließ sich sogleich auf das für ihn vorbereitete Zimmer führen. Auf die Bemerkung Aranas, es ständen nun einmal achttausend Mayas unter Waffen, sie bildeten eine erhebliche Macht, und auf irgendeine Weise müsse diese Macht zum Wohle des Landes in die Waagschale geworfen werden, erwiderte er zunächst nichts.

Während des ganzen Tages zogen in fast ununterbrochener Folge Scharen von Mayakriegern, zu Fuß und beritten, an der Hazienda vorbei. Arana kannte genau die Stellung beider feindlicher Armeen, er wußte, daß Chamulpo sich zu Sarmiento geschlagen hatte und hatte infolgedessen für seine eigenen Truppen eine Stellung ausgewählt, die für Lerma und Sarmiento in gleicher Weise bedrohlich war. Die Mayas hatten viele tüchtige und kriegserfahrene Führer, alte Offiziere darunter, die in Mexiko gefochten hatten und von denen einige sogar in Europa ausgebildet waren. Arana war während des ganzen Tages unterwegs, um die Aufstellung seiner Armee zu überwachen. Am Abend war die vorbereitende Operation durchgeführt, und Arana ritt, von Pablo und seinen Stabsoffizieren begleitet, nach einer vorher ausgewählten Hazienda, die inmitten des Mayaheeres lag, und bezog dort Quartier.

»Morgen kannst du deine Truppen besichtigen, Pablo«, sagte er, »dann magst du auch den Oberbefehl übernehmen.«

»Ich?« fragte Pablo erstaunt und die Brauen runzelnd.

»Ja«, erwiderte der General ruhig. »Da du da bist, geht es nicht anders, mir würden sie jetzt nicht mehr gehorchen. Du, der Enkel Nezualpillis, kannst von ihnen alles verlangen.«

»Aber ich verstehe nichts von der Kriegführung.«

»Wir werden ja erst sehen, ob wir Krieg führen müssen«, versetzte Arana vorsichtig, »und für diesen Fall bin ich ja auch noch da.«

Pablo lächelte. »Gut, Padrino«, sagte er, »dann ernenne ich dich hiermit zu meinem Chefgeneral.«

Sie besprachen dann sehr ernst die politische Lage. Pablo äußerte sich zurückhaltend, aber der kluge General merkte aus verschiedenen hingeworfenen Äußerungen sehr bald, daß man den jungen Mann im Hauptquartier der Regierungstruppen sehr schlecht behandelt haben mußte. Er vermied es indessen gleichfalls, näher auf dieses Thema einzugehen. Daß die Mayas sich, je nachdem, was Pablo befahl, sowohl auf den Conde als auf Sarmiento stürzen würden, war ihm nicht zweifelhaft.

Abends brannten in weiter Runde die Wachfeuer. In Pablo, da er dieses lagernde Heer sah, wuchs ein unbändiger Stolz.

Chamulpo war stutzig geworden. Es beunruhigte ihn, daß die nördlichen Mayas, obgleich sie in starker Zahl nach Süden gerückt waren und Stellung bezogen hatten, keine Fühlung mit ihm suchten. Noch unruhiger war Sarmiento selbst, der in der Konzentration so außerordentlich starker Kräfte eine heimliche Bedrohung erblickte.

Es war keinem der einzelnen Anführer zweifelhaft, daß der Heerhaufe der Mayas das Zünglein an der Waage bildete. Genau genommen, brauchten sie nicht einmal in den Kampf einzugreifen. Schon ihre Neutralität mußte die Entscheidung, und zwar zugunsten Sarmientos, bringen, da Lerma dessen und Chamulpos Macht nicht gewachsen war.

Pablo schlief sehr unruhig in dieser Nacht; er wußte genau, was in seine Hand gegeben war. In die Bitterkeit, die er angesichts der ihm persönlich widerfahrenen Behandlung empfand, mischte sich das Gefühl einer hohen Verantwortung gegenüber dem Lande. Es komme, wie es wolle, dachte er, in jedem Fall will ich diese Machtposition, die mir das Schicksal verlieh, dazu benützen, den Eingeborenen die ihnen gebührende Stellung zu erkämpfen. Die dummstolzen Hidalgos sollen sich wundern!

Am folgenden Morgen waren sämtliche Mayatruppen in einer Art Paradeaufstellung angetreten. Pablo stieg zu Pferde und ritt, von Arana und einer Anzahl von Offizieren gefolgt, zu den in zwei großen Heerhaufen aufgestellten Kriegern. Die Leute sahen wild genug aus; sie waren gekleidet wie im gewöhnlichen Leben. Aber sie waren gut bewaffnet und größtenteils bereits kampferprobt. Als Pablo sich näherte und sie den Königsstern auf seiner Brust erblickten, brachen Jubelrufe los. Pablo ritt die zwei Fronten ab; sein glühender Blick überflog die wilden, vor Freude und Kriegslust glänzenden Gesichter; es erdrückte ihn fast. Er brachte kein Wort heraus.

Er war mit dem General und den Offizieren kaum wieder auf der Veranda der Hazienda angelangt, als die Meldung von den Vorposten einlief, zwei Offiziere des Generals de Lerma wünschten den General zu sprechen.

»Du mußt sie empfangen, Pablo«, sagte Arana.

Der atmete schwer, Schatten überflogen sein Gesicht. »Gut«, sagte er schließlich, »ich will mit ihnen reden.«

»Und was willst du ihnen sagen?« fragte sehr ernst der General, als die Ordonnanz gegangen war. »Du wirst dir darüber klar sein, daß du jedes Wort abwägen mußt.«

»Padrino«, stieß Pablo heraus, und ein böser Ausdruck trat in seine Augen, »sie haben mich dort behandelt wie einen Sklaven, wie einen Hund, schlimmer als einen Pferdeknecht. Und das nur, weil ich ein Indianer bin. Sie sollen – sie sollen wenigstens fühlen, daß ich ihr Schicksal in der Hand halte.«

Arana wiegte nachdenklich den Kopf. »Ich verstehe deinen Zorn«, sagte er, »und ob ich ihn verstehe! Meinst du, mir wäre dergleichen erspart geblieben? Jetzt aber geht es nicht um persönliche Dinge. Jetzt geht es um Größeres. Was willst du ihnen sagen?«

Pablo schwieg finster. »Sie werden uns ja nach unseren Absichten fragen«, sagte er schließlich, »wahrscheinlich werden sie uns ein Bündnis anbieten. Ich möchte ihnen sagen, daß ich – mir die Entscheidung noch vorbehalten müsse.«

»Gut.« Arana nickte. »Das ist gut. Und vergiß nicht. Auch Sarmiento wird Boten schicken; sie werden nicht lange auf sich warten lassen. Sage ihnen das gleiche.« Ein hartes Lächeln trat auf sein Gesicht, er ließ alle anwesenden Offiziere in die Sala bitten und begab sich mit Pablo in deren Mitte.

Die Offiziere Lermas wurden hereingeführt. Pablo sah: Es waren der persönliche Adjutant des Conde, der ihn im Hauptquartier empfangen, und der Capitano, der ihm auf die Schulter geklopft und ihn einen zimtfarbenen Caballero genannt hatte. Die beiden sahen, offensichtlich nicht wenig erstaunt und befremdet, die große Zahl gut uniformierter Offiziere. Arana trat ihnen ein paar Schritte entgegen und fragte: »Gilt Ihre Botschaft, Señores, dem General Arana persönlich oder dem Oberbefehlshaber der hier versammelten Truppen?«

Der Lermasche Adjutant stutzte. »Sie gilt wohl in erster Linie dem Oberbefehlshaber der Truppen«, sagte er dann, »aber ist das nicht dasselbe?«

»Nein«, lächelte Arana. »Den Oberbefehlshaber dieser Truppen sehen Sie hier in dem Señor Pablo Reynador vor sich, dem wir alle, als dem einzigen Nachkommen der alten Mayakönige, bedingungslos gehorchen.«

Pablo, der mit einigen Offizieren geplaudert hatte, wandte sich in diesem Augenblick um, und sein drohendes Auge begegnete denen der aus aller Fassung gerissenen Offiziere. Er trat einen Schritt vor; er verleugnete keinen Augenblick die im Hause d'Irala genossene Erziehung, nur sein Antlitz schien völlig vereist. »Was läßt Seine Excellenza mir sagen?« fragte er kalt.

Der Adjutant hatte sich verfärbt; offenbar hatte er alle Beherrschung nötig, um mit dieser Situation fertig zu werden. Sein Gesicht zuckte vor innerer Erregung. »Excellenza«, sagte er, »Excellenza de Lerma, der oberste Befehlshaber aller legitimen Truppen dieses Staates, hat uns beauftragt, den Kommandanten dieser Streitmacht zu begrüßen und willkommen zu heißen. Excellenza zweifelt nicht einen Augenblick, daß die kriegerische Bevölkerung des Nordens, deren Unabhängigkeit niemals angetastet wurde, ausgezogen ist, um dem Staat in seiner Bedrängnis beizustehen.«

Pablo lächelte; seine Stimme wurde möglicherweise noch einen Grad kälter, ohne die Form altspanischer Höflichkeit im geringsten zu verletzen. Er erwiderte:

»Ich lasse Excellenza meinen verbindlichsten Dank aussprechen für die mir und meinen Mayakriegern erwiesene Aufmerksamkeit. Wir sind in der Tat ins Feld gerückt, um die eigensten Interessen des Landes zu wahren und dem verheerenden Bürgerkrieg ein Ende zu bereiten. Die Entscheidung über die von mir zunächst zu unternehmenden Schritte muß ich mir indessen noch vorbehalten. Dies bitte ich Seiner Excellenza mit meinen gehorsamsten Empfehlungen zu übermitteln.«

Er neigte verabschiedend das Haupt, und den aufs äußerste verblüfften Offizieren, die den edelsten Geschlechtern des Landes angehörten, blieb nichts anderes übrig, als sich gleichfalls zu verneigen und zu gehen.

»Großartig, mein Junge«, sagte Arana hinterher, »an diesen Empfang werden die vornehmen Hidalgos noch lange denken.«

»Sie waren es« – Pablos Züge lösten sich, und der Grimm funkelte in seinen Augen – »eben diese beiden waren es, die mich verhöhnten.«

»Um so besser. Du hast dich wie ein Caballero benommen.«

»Oh, ich wäre am liebsten ganz anders mit ihnen umgesprungen, das kannst du mir glauben, Padrino.« Der bedächtige General erwiderte nichts.

*

Im Hauptquartier der Regierungstruppen erregte die Nachricht von dem Empfang, der den beiden Offizieren zuteil geworden war, und die Antwort, die Pablo ihnen gegeben hatte, große Bestürzung. Der »zimtfarbene Caballero« hatte sich als ein Mann erwiesen, der achttausend Soldaten hinter sich hatte. Und dieser kleine Indio hatte sie, die ihn wie einen Troßknecht behandelten, mit einer abgemessenen Würde empfangen, die selbst den zeremoniösen Spaniern imponierte.

Lerma fragte nach Don Antonio, aber der war noch nicht zurück. Der alte General, ein Spanier immerhin, war erbittert, doch sagte er sich, da er seine Herren kannte, daß die letzte Ursache zu Pablos Verhalten ihren Ursprung in deren Benehmen zu suchen sein dürfte. Nun, Don Antonio würde das einrenken müssen, er kannte den Burschen ja, hatte ihn selbst erzogen.

Im Hauptquartier der Mayatruppen erschien noch am gleichen Tage ein phantasievoll gekleideter Mulatte, Oberst Limona. Er sei glücklich, den General Arana und seine Krieger im Namen des Generals Sarmiento begrüßen zu dürfen, versicherte er. Denn zweifellos seien die unüberwindlichen Mayas doch ins Feld gerückt, um sich der Befreiungsarmee anzuschließen, nachdem ja schon der Mayakazike Chamulpo diesen Weg gegangen sei. Er begrüßte die Mayas als Brüder im Kampf gegen die spanische Tyrannei.

Er danke verbindlichst für die freundliche Begrüßung, bedaure indessen, sich die endgültige Entscheidung über sein künftiges Vorgehen einstweilen noch vorbehalten zu müssen, erwiderte Pablo dem Abgesandten.

Nicht lange danach erschien mit großem Gefolge der General Chamulpo persönlich an der Lagergrenze der Mayas, um seinen teuren Freund Arana und die Brüder aus dem Norden willkommen zu heißen. Ihm wurde bedeutet, der Señor Reynador, Erbe des Mayakönigtums und Oberbefehlshaber der hier lagernden Truppen, verzichte auf seinen Besuch, und der Chefgeneral Arana schließe sich dem an. Sehr nachdenklich gestimmt und innerlich kochend vor Wut, mußte der Kazike mit seinen Begleitern wieder abziehen. Die Blicke, die ihm folgten, verhießen nicht viel Gutes. Die Mayas wußten durch Tenanga, in welcher Weise Chamulpo Pablo nach dem Leben getrachtet hatte.

Pablo ging, in tiefes Nachdenken versunken, ruhelos umher. Eine Aufforderung des Generals de Lerma, mit ihm zusammenzutreffen, lehnte er ab. »Ich will mich nicht von diesen Spaniern verhöhnen lassen«, erwiderte er Arana auf dessen Frage. »Sie brauchen uns jetzt. Wir sind gut genug, ihnen als Werkzeug zu dienen und ihnen den Sieg zu verschaffen. Nachher werden wir wieder beiseite geworfen.«

»Und was denkst du nun, was wir tun sollen? Wenn wir nicht bald eingreifen, wird Sarmiento zum Endkampf antreten, und dann ist der Krieg entschieden. Willst du es so?«

»Warum sollen die Mayas ihr Blut vergießen?« rief Pablo. »Warum? Für wen? Für was? Laß sie doch ihre Sache hier ausfechten; wir gehen nach dem Norden zurück und werden in Zukunft immer stark genug sein, unsere Unabhängigkeit zu behaupten.«

Arana schwieg; er sah ein, daß es jetzt keinen Sinn hatte, auf Pablo einzudringen. Er wußte, daß dies nicht das letzte Wort sein durfte. Sarmiento durfte nicht siegen. Das ewige Chaos, die permanente Willkür wären die Folge gewesen. Er zweifelte nicht daran, daß Pablo das schließlich begreifen würde. Nur war nicht mehr viel Zeit, denn Sarmiento würde die Stunde nützen.

Am anderen Morgen trat Tenanga in Pablos Zimmer. »Doña Maria will dich sprechen, Herr«, sagte er.

Pablo zuckte zusammen, sprang auf und stürmte zur Tür. Da stand sie, im dunklen Reitkleid, immer noch blaß und mit Schatten unter den Augen; um ihre Lippen spielte ein schmerzliches Lächeln. »Pablo«, sagte sie leise.

»Mariquita – du kommst zu mir? Komm, setz dich. Du hast Vater und Mutter wieder? Die Señora ist doch zurück? Ich hörte, daß Don Antonio ihr entgegengeritten sei. Was machst du denn für ein Gesicht? Was hast du?«

Sie hatte den Kopf gesenkt; jetzt hob sie ihn; er sah, daß Tränen in ihren Augen glitzerten. »Mariquita – Schwester – was ist?« rief er bestürzt.

»Du sollst hart und böse geworden sein, seit du ein großer General wurdest«, sagte sie; es zuckte um ihre Lippen. »Ich will das nicht glauben. Ich habe ihnen gesagt, daß du nicht böse bist.«

»Böse?« Ein harter Glanz trat in Pablos Augen. »Nein, Maria, ich bin nicht böse. Ich habe in den Augen der Leute nur den Fehler, ein Indianer zu sein, eine braune Haut zu haben.«

»Es ist schlimm, wie töricht die Menschen sind«, sagte sie, »ich habe das nicht gewußt. Ich habe so darüber hinweggelebt. Ich habe nicht nachgedacht. Aber nun habe ich ja einige Erfahrungen sammeln können. Du bist braun und ich bin weiß; was soll das? Du bist mein Bruder, und bleibst es.«

»Ja, du« – Pablo lächelte bitter – »du bist wohl anders. Und zu dir bin ich auch anders, Maria. Aber ich will mich nicht länger beschimpfen, nicht länger wie einen Hund behandeln lassen.«

»Ich bitte dich, jetzt mit mir zu meinem Großvater zu kommen«, sagte Maria fest, »hörst du, ich bitte dich darum. Er will dich sprechen.«

Pablo stand auf. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, den Maria nie an ihm gesehen hatte. »Haben sie dich abgeschickt?« fragte er. »Ein großartiges Mittel! Ein ihrer würdiges Mittel!«

Maria hielt seinem Blick stand, sah ihn unverwandt an. »Ja«, sagte sie, »sie haben mich abgeschickt. Weil ich deine Schwester bin. Du mußt zu meinem Großvater kommen, Pablo. Du mußt es, weil du ihn ganz verkennst. Er ist ganz anders, als du denkst. Er war furchtbar zornig, als er erfuhr, wie sie dich behandelt haben. Er konnte nicht gleich kommen, er war im Kriegsrat. Aber er wollte dir persönlich danken – da warst du fort.«

»Gott weiß, warum ich fort war.«

»Der Großvater weiß es auch. Er hat es gleich gesagt, weil er seine Offiziere und ihren Hochmut kennt. Er ist ganz anders. Du mußt mit ihm sprechen. Er wolle dich in keiner Weise binden, sagte er, aber er müsse dir die Lage des Landes vor Augen führen. Du könntest dich dann immer noch entscheiden, wie du wolltest. Nun ist der alte Mann dir mehr als die Hälfte des Weges entgegengekommen und wartet bei den Palmen auf dich, wo du als ein junger Mann doch hättest zu ihm gehen müssen. Ich verstehe gar nichts von Politik, und ich kann dir nichts sagen. Aber ich weiß, daß der Großvater ein guter alter Mann ist und daß die Sorge um das Land ihm Nacht für Nacht den Schlaf raubt. Und ich weiß, daß du mein Bruder bist. Ich bin mit allem Vertrauen zu dir gekommen, und wenn du mich weinen sehen willst, dann sage jetzt nur: nein, ich gehe nicht.«

»Weine nicht, Maria«, sagte Pablo heiser, »ich gehe mit dir.«

Sie sah ihn aus tränenfeuchten Augen an. »Wie du aussiehst!« sagte sie, »schöner als alle unsere Caballeros.« Er lachte, und auch dieses Lachen war nicht frei von Bitterkeit. »Bist du etwa gar allein gekommen?« fragte er.

»Nein, Don Antonio und ein paar Offiziere sind bei mir.«

Vor der Türe stand Don Antonio d'Irala im Gespräch mit Arana. D'Irala ergriff ihn mit beiden Armen an den Schultern. »Mein Junge«, sagte er, ihm fest in die Augen sehend, »du hast mir mein Mädchen wiedergebracht. Wahrhaftig, das vergesse ich dir in Ewigkeit nicht.« Pablo wußte nichts zu sagen, ihm war schwer zumute, sehr schwer. Sie wollen mich überrumpeln, ich darf mich nicht überrumpeln lassen, dachte er.

Unten standen die Pferde gesattelt. Arana hatte dreißig Offizieren befohlen, Pablo zu begleiten; fünfzig Lanceros waren als Eskorte aufgesessen. Pablo führte Maria hinunter und hob sie schweigend aufs Pferd.

Wie er sich umblickte, sah er plötzlich den alten Tanub vor sich. Er trug ein seltsames Kriegerkostüm und begrüßte ihn mit einer grotesken Verbeugung.

»O Tanub, Alter, wie kommst du hierher?« rief Pablo verblüfft, auf den Greis zugehend.

»Hualpa, König, ich bin ein alter Mayakrieger«, lispelte Tanub. »Verwehre mir nicht, im Kampfe zu sterben. Tanub will zur Sonne!«

Pablo drückte dem Greis die Hand und stieg in den Sattel. In scharfer Gangart ritten sie dem Ort der Begegnung zu. Sie bogen um ein Gehölz und erblickten unmittelbar vor sich eine Reiterschar, an deren Spitze der Kazike Chamulpo ritt. Dicht voreinander parierten Pablo und Chamulpo die Pferde. Mit einem Erstaunen, das nicht weit vom Entsetzen war, starrte der Kazike auf den Jüngling.

»Aus dem Weg!« knirschte Pablo, »aus dem Weg, Maultiertreiber, wenn der Sohn Jungunas kommt.«

Wilder Haß loderte im Auge des Kaziken.

»Es ist das zweite Mal, daß ich dir begegne, Chamulpo«, schrie Pablo, »hüte dich vor dem dritten Mal.« Er winkte gebieterisch mit der Hand, und automatisch öffnete sich ihm und seinen Begleitern eine Gasse. Er sah den furchtbaren Blick nicht mehr, den der Kazike ihm nachsandte.

Arana aber rief den ältesten seiner Offiziere und flüsterte ihm zu: »Reite zurück und laß alles unter Waffen treten, als ob ein Angriff von Seiten der Motineros zu befürchten wäre. Die Reiter stelle dort drüben hinter den Algaroben auf. Chamulpo hat jetzt nichts mehr zu verlieren; wir müssen auf alles gefaßt sein.« Der Offizier ritt gestreckten Galopps zum Lager zurück. Zu Don Antonio sagte Arana: »Senden Sie sofort einen Offizier in Ihr Hauptquartier und lassen Sie Ihr ganzes Heer zur Schlacht ordnen. Chamulpo hat gesehen, daß wir zum Conde reiten. Es ist möglich, daß ihr sehr plötzlich von ihm angegriffen werdet, bevor wir noch eingreifen können.« Und auch dieser Kurier raste bald darauf in entgegengesetzter Richtung davon.

Bald darauf erreichten sie die Palmengruppe, in deren Nähe der General de Lerma lagerte. Als sie näher kamen, stieg dort alles zu Pferde. In langsamem Schritt ritt Pablo mit seinen Offizieren auf die Gruppe zu. Als General de Lerma einige Schritte vorritt und den Hut abnahm, gab Pablo seinem Tier die Sporen, sprengte zu dem Conde, parierte vor ihm das Pferd, zog den Hut und verbeugte sich tief vor dem Greis. Der reichte ihm die Hand.

»Ich freue mich, Señor Reynador«, sagte Lerma, »in Ihnen den Sprossen der einstigen Herrscher dieses Landes vor mir zu haben. Ich begrüße Sie und nehme zugleich die Gelegenheit wahr, Ihnen meinen tiefgefühlten Dank zu sagen für den ritterlichen Beistand, den Sie meiner Enkelin geleistet haben.«

Pablo verbeugte sich schweigend.

»General Arana?« Lermas Augen blickten suchend umher. Der General kam herangeritten.

»Ich bin glücklich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, General«, sagte der Conde, »ich habe insbesondere durch meinen Freund Callego manches über Sie gehört.« Die alten Männer reichten einander die Hände und drückten sie.

Mit Staunen sahen die spanischen Offiziere auf den Indio mit dem hochmütig verschlossenen Gesicht in der Uniform der Miliz. Sie faßten noch nicht ganz, aber sie begannen zu begreifen, daß sie vor einer entscheidenden Wandlung standen.

»Señor Reynador«, wandte de Lerma sich nunmehr an Pablo, »es ist ein Augenblick von schlechthin entscheidender Bedeutung für die Geschicke unseres gemeinsamen Vaterlandes, der uns hier zusammengeführt hat. Ich habe in meinen alten Tagen noch einmal zu den Waffen gegriffen, um meine Pflicht dem Lande gegenüber zu erfüllen; ich habe schwer gekämpft und bin nunmehr, dies sage ich Ihnen offen, nachdem der Kazike Chamulpo sich zu den Rebellen geschlagen hat, nahe daran, zu unterliegen.«

Pablo schwieg, sah den alten Mann aber unverwandt an.

»Wollen Sie, Señor Reynador, daß die Aufständischen, die dieses arme Land ohnehin schon in furchtbares Unglück gestürzt haben, daß der Auswurf der Hafenstädte, die Verworfensten der Nation, Verbrecher und Räuber großenteils, endgültig siegen, dann brauchen Sie die stattliche Kriegsmacht, über die Sie gebieten, nur zurückzuziehen, und ich kann mich gegen die Übermacht nicht länger behaupten. Guatemalas Schicksal wäre damit besiegelt. Sie sehen, ich bin vollkommen offen und mache keine Winkelzüge. Caballero spricht mit Caballero.«

»Excellenza«, erwiderte Pablo, »die Mayas, die von ihren Bergen heruntergekommen sind, sind ins Feld gezogen aus Anhänglichkeit an meine, ihrem ehemaligen Königsgeschlecht entsprungene Person. Ich kann über ihr Blut nicht ohne weiteres verfügen, und ich sage Ihnen mit gleicher Offenheit, daß ich es auch unter keinen Umständen tun werde, wenn nicht die Lage der indianischen Bevölkerung dieses Landes entscheidend gebessert wird.«

»Äußern Sie sich näher«, sagte der Conde.

»Sie mögen sich denken, was ich sagen will«, versetzte Pablo. »Die Verfassung stellt zwar den Indianer in allen Rechten dem Weißen gleich, aber Sie wissen, daß diese Gleichheit nur auf dem Papier existiert. Alle Macht ist bei den Weißen, der Indianer ist ein verachteter Sklave. Ich selbst habe in den letzten Wochen einigen Anschauungsunterricht in dieser Beziehung genossen. Das darf nicht so bleiben. Bin ich, wenn auch nur einer Fiktion nach, der König der Mayas, sollen sie mir folgen im Kampf für die Regierung und ihr Blut für diese Regierung verspritzen, dann muß ich meinerseits von der Regierung die Mittel verlangen, die den Indianer auch in tatsächlicher Beziehung dem Weißen gleichstellt. Ich verlange ausgiebige Pflege der Schule, geeignete Vertretung des indianischen Elementes in der Verwaltung und in der Armee. Die Abkömmlinge der Konquistadoren werden sich daran gewöhnen müssen, mit dem indianischen Offizier als Gleichberechtigtem zu dienen und kameradschaftlich zu verkehren.«

»Señor Reynador«, entgegnete de Lerma, »ich besitze angesichts der Lage des Landes die Generalvollmacht, und ich sichere Ihnen das, was Sie verlangen, im Namen der Regierung und auf Manneswort ohne weiteres zu. Es entspricht alles das außerdem meinen eigenen Anschauungen, und, wie ich weiß, auch denen des Herrn Staatspräsidenten.«

»Gut, Excellenza.« Pablo richtete sich etwas auf. »Ich kann nicht diktatorisch über meine Stammesgenossen gebieten, aber ich werde sofort nach meiner Rückkehr die Caudillos der Mayas zusammenrufen und deren Beschluß Euer Excellenza alsbald mitteilen. Ich zweifle nicht, daß er in unserem Sinne ausfallen wird.«

»Sie retten Ihr Vaterland, Señor«, sagte der General.

»So gestatten Excellenza, daß ich mich verabschiede. Die Stunde drängt.«

Lerma schüttelte dem jungen Maya mit Herzlichkeit die Hand. »Auf baldiges Wiedersehen!« sagte er warm. Pablo grüßte ehrerbietig den General, gemessener die hinter diesem haltenden Offiziere, deren Häupter sich automatisch entblößten; auch die indianischen Offiziere zogen die Hüte, und Pablo sprengte mit seiner Begleitung davon. Er hatte sich einen Augenblick nach Maria umgesehen, aber die war längst mit ihrem Peon zu Doña Inez geritten, die sich in einem unweit gelegenen Pueblo für kurze Zeit niedergelassen hatte.

»Pablo«, sagte Arana, als sie in einiger Entfernung von den Palmen allein den anderen voranritten, »ich freue mich. Wahrhaftig, du hast wie ein Mann gesprochen. Ich hätte bessere Worte nicht finden können.«

Leicht dahersprengend, waren sie eben in die Nähe des Wäldchens gekommen, wo sie vorher Chamulpo begegneten, als Tenanga, der Pablo nie verließ, einen gellenden Warnungsschrei ausstieß. Im gleichen Augenblick erhob sich eine lange Reihe von Lanzenreitern, wie aus der Erde gestiegen, und stürmte alsbald mit wildem Geschrei auf sie ein.

»Linksum, zu den Algaroben dort!« kommandierte Arana mit Donnerstimme, und gehorsam wandten alle ihre Pferde dorthin. Noch nicht hundert Schritt weit waren sie gekommen, als zu beiden Seiten der Bäume starke Reiterscharen auftauchten, zum Angriff in zwei Gliedern geordnet. Die Reiter, vor deren Front Chamulpo ritt, stutzten und hielten ein.

»Her zu mir, Mayas!« rief Pablo, den Säbel ziehend. Schon galoppierten die Geschwader heran. Über ihren Reihen flatterte das uralte Feldzeichen der Mayas: ein grünes Tuch in einem goldenen Netz an langer Lanze. Und davor jagte Pablo, ihm nach die Reitergeschwader, von ihren Offizieren geführt, in guter Ordnung. Schon kamen ihnen die Reiter Chamulpos entgegen, der Kazike voran. Pablo spornte seinen Braunen, ein gewaltiger Satz des Tieres, und des Jünglings blinkender Säbel begrub sich im Haupte dessen, der ihm so haßerfüllt nach dem Leben getrachtet. Wie ein Klotz sank der Kazike vom Pferd. »Ich hab's dir gesagt, Mörder«, murmelte Pablo, »hüte dich vor der dritten Begegnung!«

Ihm nach stürmten seine wilden Gesellen, in denen alle alten kriegerischen Instinkte losgelassen waren – schon wandte der Feind sich zur Flucht, Tote und Verwundete zurücklassend.

Da geboten die Hörner der Mayas Halt. Die Reiter hielten und sammelten sich. Aus der Bodensenkung stiegen jetzt dichte Scharen von Büchsenschützen und Lanzenträgern empor. Von der Armee des Conde dröhnte Kanonendonner herüber. Aber schon nahten im Laufschritt die Tiradores der Mayas, gleich darauf in wütendem Feuergefecht mit den Anhängern Chamulpos begriffen.

»Sammle die Reiter und führe sie dorthin, Pablo«, sagte Arana und wies mit dem Säbel die Stellung. »Ich muß die Gesamtführung übernehmen. Es ist gekommen, wie ich fürchtete.« Er deutete auf einen Hügel. »Dort fällt die Entscheidung«, sagte er, »hoffentlich findet Sarmiento die Regierungstruppen vorbereitet.« Er sprengte, von seinem Adjutanten gefolgt, davon.

Pablo führte seine Reiter auf den angewiesenen Platz, die Offiziere ordneten die Reihen. Sämtliche Mayabataillone rückten jetzt in geschlossener Ordnung an.

Der Kanonendonner wurde lauter, und das Gewehrfeuer schwoll an. Chamulpos Truppen hatten sich zurückgezogen. Arana ließ sie schwach verfolgen und richtete seine ganze Macht nach dem Hügel, den er Pablo bezeichnet hatte.

Da erschienen auf eben diesem Hügel starke Infanteriemassen und eine Batterie von sechs Geschützen. Sarmiento wußte, daß dieser Hügel die rechtzeitige Vereinigung der Mayas mit dem Conde hinderte und hoffte wohl, die Regierungstruppen entscheidend zu werfen, bevor Arana herankommen könne. Sehr unangenehm überrascht war er von dem schlagartigen Eingreifen der Mayatruppen, auch davon, daß er die Regierungsarmee schon in Schlachtordnung antraf. Dennoch hoffte er, die Mayas durch Besetzung jenes Hügels lange genug hinhalten zu können, um seine ganze Macht gegen Lerma zu wenden.

Pablo hielt mit seinen Reitern im Grund. Durch Arana auf die Bedeutung des Hügels aufmerksam gemacht und blitzschnell die Gefahr erkennend, die entstand, wenn dem Feind die Besetzung gelang, sehend und hörend, wie heiß um das Lager gekämpft wurde, das Sarmiento mit gut geleiteten wuchtigen Angriffen bestürmte, beschloß er, da seine Tiradores noch weit waren, den Hügel mit seinen Reitern zu nehmen. Er selbst war ein ausgezeichneter Reiter, seine Mayas waren im Sattel groß geworden, und das Pferd Guatemalas ist das beste der Welt.

»Mayas«, rief er den hinter ihm haltenden Reitern zu, »den Hügel dort müssen wir nehmen.«

Ein dumpfes Getön antwortete ihm; fast ohne Kommando ordneten sich die braunen Reiter zum Angriff und breiteten sich aus.

Zu spät erkannte man auf dem Hügel die verwegene Absicht der Mayareiterei. Die Geschütze dort waren gegen den erwarteten Infanterieangriff aufgefahren; jetzt mühte man sich, sie eilig in andere Stellung zu bringen.

Schon setzten sich Pablos Schwadronen in Bewegung. Die Geschütze gerieten mit ihrer Bespannung in Verwirrung, als sie die Stellung wechseln wollten. Eilig liefen die Büchsenschützen nach der Seite, wo der Reiterangriff drohte. Lanzenträger strömten zusammen und ordneten sich.

Aber die Geschwader der Mayas, das alte Feldzeichen über ihren Häuptern, jagten unter dem schlechtgezielten Feuer der Abwehr bergan; sie waren nicht zu halten.

»Ala! Ala!« gellte ihr Schlachtruf. Und dann waren sie oben, in drei Geschwadern brachen sie auf die Masse der Verteidiger ein, alles niederreitend, was sich ihnen in den Weg stellte.

»Ala! Ala!« Die Kanoniere sprangen auf die Zugpferde und jagten auf der anderen Seite des Hügels hinab, in wilder, regelloser Flucht stürmte das Fußvolk davon. Hinter ihnen, unaufhaltsam wie eine Walze, die braunen Reiter mit ihrem betäubenden Siegesgeschrei.

Infanterie, die den Hügel zur Verstärkung der Weichenden besteigen wollte, geriet durch die Flüchtenden in Verwirrung, wurde fortgeschwemmt, und schon nahten die furchtbaren Reiter.

Zur Seite der fliehenden Infanterie erschienen die wohlgeordneten Mayabataillone und nahmen sie unter gezieltes Feuer. Da gab es kein Halten mehr, in wilder Flucht brach das geschlagene Heer auseinander.

Der Conde hatte den verwegenen Reiterangriff beobachtet; er erfaßte den Augenblick und ging mit seiner ganzen Streitmacht zum Angriff über. Immer näher kam das heftige Feuer der Mayatruppen, schon sammelten sich Pablos Reiter zu neuem Angriff. Da erkannte Sarmiento, daß alles verloren sei und wandte sich mit dem Rest seines Heeres zum fluchtartigen Rückzug. Die Lanceros des Conde nahmen die Verfolgung auf.

Der gefährliche Aufstand war beendet in einer einzigen entscheidenden Schlacht. Das Eingreifen der Mayas aus den Bergen hatte die Wendung und zugleich die Entscheidung gebracht.

Pablo, vom Schlachtfeld reitend, sah am Wegrand eine Gruppe seiner Krieger um einen Gefallenen stehend. Er ritt heran und erkannte in dem Sterbenden Tanub, der, den Bogen in der Hand, in seinem seltsamen Kostüm mit dem Kopf auf den Knien eines Kriegers lag. Er stieg vom Pferde und ging zu ihm hin.

Ein Blick traf ihn, der aus einer anderen Welt zu kommen schien.

»Hualpa, König!« flüsterte der Alte, »Tanub geht zur Sonne!«

Pablo nahm den Hut ab. Die Augen des alten Indianers brachen. Pablo drückte sie zu.

Am Abend dieses bedeutsamen Tages trafen Arana und Pablo mit dem Conde, Callego und seinem Stabe zusammen. Lerma nahm den jungen Indianer mit väterlicher Gebärde an die Brust, in seinen Augen glitzerte es feucht. »Der Enkel der Könige ist der Sieger dieses Tages«, sagte er, »es soll in Guatemala nicht vergessen werden.«

»Wer hat den wundervollen Reiterangriff auf den Hügel kommandiert?« fragte Callego.

»Der Mayakönig führte seine Reiter selbst«, sagte Arana.

»Das war der Sieg, Señor Reynador«; die Augen des alten Soldaten leuchteten warm. »Wir waren hier in arger Bedrängnis.«

Der Adjutant de Lermas und der Capitano, der Pablo einen zimtfarbenen Caballero genannt hatte, kamen mit abgezogenen Hüten heran. »Werden Sie uns verzeihen, Señor?« fragte der Adjutant. »Es sagt sich nicht leicht, aber es muß gesagt sein, und es ist die Wahrheit: Wir schämen uns.«

Pablo lächelte; alles Schwere war weg, er reichte den Offizieren die Hand. »Wir sind ab heute Waffenbrüder, Señores«, sagte er, »wir haben gemeinsam für die Sache des Vaterlandes gekämpft, ich denke, der Bund wird halten.«

»Ich habe sie abgekanzelt, aber sie haben es selbst eingesehen«, lächelte der Conde.

Während die Reiterei noch die fliehenden Feinde verfolgte, ritten General Arana, Pablo und einige indianische Offiziere nach Lermas Hauptquartier. Man versammelte sich zu einem Festmahl.

Als Don Antonio kam, der nach Maria gesehen und ihr von Pablos Taten erzählt hatte, schloß auch er den Pflegesohn in die Arme.

»Mein lieber Junge«, sagte er, »nun gehörst du uns erst ganz.« Der Sohn Jungunas wurde an diesem Abend hoch gefeiert und mußte sich manch schmeichelhaftes Wort sagen lassen; er wurde darüber immer stiller. Am anderen Tage sah er Doña Inez und Maria und wurde auch hier wie ein Sohn und Bruder empfangen.

Nach kurzer Beratung mit dem General Arana beschloß Pablo, die Krieger, die zu seiner Befreiung ausgezogen waren, in die Heimat zu führen. Sie waren vom Pfluge, von den Herden, aus den Wäldern zusammengeströmt und mußten zu ihren alltäglichen Beschäftigungen zurückkehren. General de Lerma, der jetzt mit den noch überall verstreuten Motineros leicht fertig werden konnte, war damit einverstanden. Die Mayas hatten ihre Toten begraben und rüsteten sich zum Abzuge.

Schwer wurde Pablo der Abschied von Maria, dem einzigen Wesen, das ihm von frühester Kindheit an in unwandelbarer Liebe zugetan war. »Du bist nun ein König und wirst mich vergessen«, sagte sie mit einem quälerischen Versuch zu scherzen.

»Ich werde dich niemals vergessen«, sagte Pablo, ihre Hand haltend. »Ich bleibe dein Bruder, und du bleibst meine Schwester. Ich werde immer für dich da sein.«

Inmitten seiner siegestrunkenen Mayakrieger trat Pablo Reynador den Weg zur alten Heimat an. Die nach Art der Eingeborenen einbalsamierten sterblichen Überreste des alten Tanub nahmen sie mit. Er, der so treu die Gräber der Könige bewacht hatte, sollte sie auch noch im Tode bewachen. Inmitten des Königspalastes wurde der wunderliche alte Krieger zur Erde gebettet.

In Gedanken versunken stand der Enkel der alten Mayakönige dann auf der Terrasse des alten Palastes seiner Väter. Ich will ihnen ihre Treue zu lohnen suchen, dachte er, ich will versuchen, sie aus dem Staube zu reißen, daß sie dereinst die Köpfe wieder hoch tragen können wie die stolzen Enkel der Konquistadoren.

Die Regierung hielt das Versprechen, das General de Lerma in ihrem Namen gegeben hatte. Pablo Reynador wurde zum lebenslänglichen Mitglied der Ersten Kammer und zum Oberbefehlshaber der Milizen der nördlichen Departements, die nur von Mayas bewohnt waren, ernannt. Sein Leben widmete er der Erziehung und der sittlichen Hebung seines Volkes. In dessen Gedenken lebt sein Name fort.

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