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Der eiserne Ring

Olga Wohlbrück: Der eiserne Ring - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorOlga Wohlbrück
booktitleDes Ratsherrn Leinius Tochter
titleDer eiserne Ring
publisherVerlag der Wiking-Bücher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070915
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Sehr vornehm, mädchenhaft keusch in ihrem myrtenübersäten Brautschleier schritt Dora Delfert an der Seite des Kriegsgerichtsrats Delfert zum Altar.

Thomas führte Ulrike hinter der Mama, die stolz und feierlich am Arme des Konsistorialrats einherschritt.

Ulrike war sehr bleich und blickte nicht auf während der Traurede. Ihr Atem ging schwer, und ihr Gesangbuch mit dem glatten Elfenbeindeckel zitterte in ihrer weißbehandschuhten Hand.

Dennoch saß sie seltsam steif und gerade in ihrem silbergrauen Seidenkleid, das sie älter erscheinen ließ als sie war und um zehn Jahre älter als die bräutliche Schwester.

Es war, als hätten die letzten Wochen jede Spur von Ähnlichkeit in den früher so gleichen Gesichtern verwischt. Als hätte sich der Delfertsche Typus bis zur Unkenntlichkeit verweichlicht in Doras blassen und wie verfeinerten Zügen.

»Sei gut zu ihr, Hermann;« sagte Thomas zu seinem neuen Schwager, indem er ihm die Hand schüttelte.

Der Kriegsgerichtsrat blinzelte verständnislos mit den Augen.

»Was heißt das gut ... wie meinst du das, Thomas?«

Er war ein bißchen ärgerlich. Das war doch kein Glückwunsch. Im Hotelsaal, bevor man zum Essen schritt, faßte er die Geheimrätin unter den Arm.

»Du, hör' mal, Agnes« – er verbesserte sich rasch – »hör mal, Mama ... was meint Thomas eigentlich damit: ich soll gut zu Dorchen sein? Habe ich was versäumt?«

Die Geheimrätin klappte heftig ihren Fächer zusammen.

»Ich bitte dich, lieber Hermann, das sind so Thomassche große Worte. Das soll immer so was sein.«

Und sie rauschte an den Sohn heran, mit mißbilligenden Blicken:

»Du hast es wahrlich nicht nötig, unsern guten Hermann kopfscheu zu machen. Du hättest lieber deiner Schwester sagen sollen, daß sie gut zu Hermann ist. Ich habe noch nicht gefunden, daß Dora sich ihrer Verpflichtung bewußt geworden ist. Erst, verliebt wie ein Backfisch und in letzter Zeit unliebenswürdig und launisch.«

»Du warst ja sonst so entzückt von Dora,« sagte Thomas bitter.

Die Geheimrätin schüttelte langsam den Kopf und blickte dem Sohne fest in die Augen.

»Mein liebes Kind... ich mußte entzückt scheinen, mußte Dora ins beste Licht setzen, damit Hermann sie nahm, damit wir nicht alle zu zittern brauchten! Wer weiß, wohin ihr Temperament sie führen konnte! Ulrike hat sich geopfert – ich habe gelogen. Habe Hermann bewußt angelogen. Glaubst du, das wurde mir leicht? Oder glaubst du, Ulrike wurde das Opfer leicht?«

»Vielleicht wäre es besser gewesen, ihr hättet Dora einen Beruf gegeben, nicht einen Mann!«

Er wollte noch hinzufügen: es wäre besser gewesen, ihr hättet ihr ein eignes Leben gegeben, nicht ihr das Leben abgeschnitten – aber das hätte die Geheimrätin Delfert nicht verstanden. Sie fand auch jetzt nur ein etwas hochmütig abweisendes Lächeln, als sie sagte:

»In unserer Familie werden die Mädchen für die Ehe erzogen – nicht für einen Beruf.«

Vom Klavier her ertönte der Mendelssohnsche Hochzeitsmarsch. Der Konsistorialrat Delfert bot seiner Schwägerin den Arm, und mit hoch erhobenem Haupte schritt die Geheimrätin hinter der weit ausfallenden Brautschleppe ihrer Tochter der Hochzeitstafel zu. Die brausenden Akkorde erschienen ihr wie ein jubelnder Hymnus auf ihre kluge, weitblickende Mütterlichkeit.

In Thomas aber erweckten die Klänge eine heiße Sehnsucht nach dem Mädchen, das sich so mutig herauszuretten versuchte aus den Trümmern ihrer zerstörten Existenz.

Eine ihm sonst ungewohnte, fast übermütige Freudigkeit erfüllte ihn, als hätte er schon jetzt alle Fesseln von sich geworfen, die ihn seit seiner Kindheit liebevoll und eng an die Delferts schmiedeten.

Und er lachte zu den Witzen und er klatschte zu den langen, pathetischen Reden, und er zog mit den Backfischen ausgelassen an den goldenen und roten Knallbonbons, küßte der Frau Professor galant die Hand, als sie ihm einen Apfel schälte und stieß mit dem Konsistorialrat an, um die Familie »hochleben« zu lassen. Denn das alles lag plötzlich weit hinter ihm, war eine Erinnerung ... ein ulkiger Spaß ... war etwas, woran er keinen Teil mehr hatte ... mit keiner Fiber seines Körpers, mit keiner Regung seiner Seele ...

Im Hotelvestibül traf Thomas mit dem »jungen Paare« zusammen.

Dora war schon im Reisekleide.

Sie fiel dem Bruder um den Hals.

»Der Zug geht erst in einer Stunde. Aber ich konnte es nicht mehr aushalten. Komm mit Zur Bahn . .. nicht wahr, Hermann, er kann mitkommen?«

»Natürlich, Thomas, selbstverständlich ...«

Der Kriegsgerichtsrat schob ihn selbst in das Auto.

»Wie die Förschten fahren wir ab, was, Dorchen?«

Die Glückseligkeit leuchtete ihm aus den Augen.

»Ganze sechs Wochen bleiben wir weg, was sagst du, Thomas, he? Wir müssen Mama doch Zeit geben, alles einzurichten. Und Dorchen soll mir wieder ihre hübschen Farben kriegen, was, Dorchen?«

Er küßte ihre Hand, er streichelte ihr graues Reisejackett.

»Sitzt du bequem, Dorchen? Ja?«

Er trocknete seinen Kopf mit dem Taschentuch.

»An den Genfer See wollen wir. Als Student war ich mal dort. Ganz bescheiden damals. Zimmer für eins fünfzig, und gegessen wurde, wo es am billigsten war. Jetzt ... Pension zehn Francs bitte pro Person. Zimmer mit Balkon, direkt auf den See hinaus. Ouchy heißt das Nest. Gleich bei Lausanne. Wenn Dorchen nicht brav ist, stecke ich sie dort gleich in ein Mädchenpensionat. Da kann sie wieder brav sein und französisch lernen. Parlez-vous français, Mademoiselle?«

Es war albern und rührend.

Dorchen hielt die Hände des Bruders in den ihren.«

»Ja ... du bist wirklich krank, du mußt dich gleich hinlegen, hörst du? Und dann schreib mir, wie es dir geht und überhaupt alles ...«

Sie sagte es mit Betonung und einem wehmütigen Lächeln.

Er nickte.

»Ja, Dorchen. Und ich werde grüßen.«

Sie schloß die Augen, Das Herz schlug ihr, als sie daran dachte, wie großem Glück der Bruder entgegenging.

Dann wollte sie, daß er gleich nach Hause führe. Aber er bestand darauf, zu warten, bis der Zug. abging. Und dann sah er sie im Scheine der weißen Bogenlampen am offenen Kupeefenster stehen. Sehr schlank, sehr blond, mit zuckenden Lippen.

Der Kriegsgerichtsrat kam dazu.

»Ich habe dem Schaffner einen Taler gegeben – er wird niemand mehr zu uns hereinlassen.«

Es war wirklich alles förschtlich. Er küßte Dora in den Nacken, ganz schnell und heimlich, und dann rief er noch mit spitzbübischem Blinkern:

»Dreihundert Mark mehr habe ich mitgenommen, als ich der Mama gesagt habe. Sie braucht gar nicht zu wissen, was für Verschwender wir sein werden. Was, Dorchen?«

Und es war nur gut, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte und den gequälten Ausdruck in ihren hübschen, blassen Zügen.

Aber Thomas sah es.

Und es verfolgte ihn, bis er nach Hause kam.

Er wollte gleich noch Lyda ein paar Zeilen schreiben. Aber das Fieber rüttelte ihn, daß er die Feder nicht halten konnte.

Morgen, dachte er ... morgen.

Dann torkelte er ins schmale Nebenzimmer, bis zu seinem Bett.

Am nächsten Morgen ließ Thomas Delfert den Arzt kommen. Nicht den Professor. Einen fremden jungen Arzt, der zu den Pensionären der Turmstraße kam.

Lungenentzündung, diagnostizierte der Doktor.

Ob man seine Familie benachrichtigen sollte? Er fand noch die Kraft, den Kopf zu schütteln. Nein, nicht die Familie. Niemand brauchte was zu wissen. Er diktierte eine Depesche an die Mutter, er müsse auf acht bis zehn Tage verreisen in dringlicher Angelegenheit. Im übrigen sollte man ihn ins Krankenhaus bringen. Nur Fräulein Bogatoff ...

Aber da verwirrten sich seine Gedanken. Und da Delirium einsetzte und aus seinen Fieberphantasien die Angst hervorging, die Familie könnte kommen, so hielt es der Arzt im Interesse seines Patienten für geboten, seinen Willen zu respektieren. Nur Professor Moth wurde benachrichtigt.

Er kam selbst ins Krankenhaus.

»Versteht sich, Kollege, selbstverständlich, ich halte das Frauenzimmervolk meinem Neffen schon fern. Übrigens ist die Geschichte nicht schlimm. Die Krankheit kriegen wir bald!«

Und er kam täglich dreimal und stimmte mit ernster Miene ein in das Familienkonzert der Empörung gegen Thomas.

Die Geheimrätin hatte erwartet, daß Thomas, wie sich das doch schickte, gleich am nächsten Morgen fragen würde, wie ihr das Fest bekommen und so weiter. Das war üblich bei den Delferts. Nach großen Familienversammlungen hingen alle Delferts, mit Ausnahme des Professor-Sanitätsrats, an der Drahtstrippe.

Das kurze Telegramm, das seine Abreise kündete, war der Gipfel der Rücksichtslosigkeit. Man sagte doch, daß man eine Reise vorhatte. Man nahm doch zum mindesten Abschied!...

Zum Glück gab es viel zu tun. Die neue Wohnung mußte eingerichtet, die alten Möbel aufpoliert, die Sessel aufgepolstert werden. Die Geheimrätin wollte, daß alles recht hübsch wurde. Aber Ulrike mußte doch mit den peinlich bescheidenen Mitteln rechnen. Denn so wohlhabend, wie man erst angenommen hatte, war der gute Hermann gar nicht. Es hatte sich herausgestellt, daß er von jeher über alle Kräfte der Familie geholfen hatte. Sowohl der Geheimrätin selbst, um ihr eine Fortführung ihrer immerhin behaglichen Lebensweise zu ermöglichen, wie besonders der zahlreichen Familie des Konsistorialrats. So hatte er seinem Patenkinde, dem Gymnasiasten, nicht nur das Gymnasium bezahlt, sondern auch versprochen, ihn während seiner Studentenzeit kräftig zu unterstützen.

Es gab daher verschiedentliche, nicht ganz erquickliche Erörterungen zwischen der Geheimrätin und Konsistorialrats. Die gute Emma mußte begreifen, daß Hermann jetzt Verpflichtungen eingegangen war, die ihm das Einhalten seiner anderweitigen Versprechungen wesentlich erschwerten. Dora würde gewiß Kinder bekommen. An die mußte Hermann vor allem denken. Hätte er Ulrike geheiratet, dann wäre natürlich die Sache ganz anders. Man hätte nie angenommen, daß Ulrike Kinder bekommen könnte.

Die Familie fing an, die Heirat des Kriegsgerichtsrat mit nicht sehr freundlichen Augen zu betrachten. Ein Familienrat jagte den andern. Aber die Stimmung wurde immer ungemütlicher. Man fand die Geheimrätin allgemein zu anspruchsvoll. Sie brauchte doch kein Zimmer für sich zu haben. Konnte doch ganz gut mit Ulrike ein Zimmer teilen. Das hätte die Wohnungsmiete um mindestens dreihundertfünfzig Mark jährlich verbilligt. Und warum Dora ein Ankleidezimmer bekommen sollte, war auch nicht recht erfindlich. Das bedingte doch wieder den Ankauf verschiedener neuer Möbel. Man sollte ein Schrankzimmer daraus machen – das war viel vorteilhaftes und wenn Dorchen wirklich solche Faxen machte, so tat es ein hübscher, dreiteiliger Wandschirm um die Waschtoilette auch. Und kostete nur fünfundvierzig Mark ...

Dora ging unterdes in weißen Batistkleidern am Ufer des Genfer Sees spazieren.

»Bist du froh?« fragte sie der Kriegsgerichtsrat zehnmal am Tage.

Und sie war wirklich froh die ersten Tage. Wie ein kleines Mädchen war sie, das zum ersten Wale die Wunder der weiten, sonnigen Welt in sich aufnahm. Mit feuchtschimmernden Augen stand sie des Morgens auf ihrem Balkon und blickte über den See hinaus auf die schneeigen, rosigen Berge; mit glänzenden Augen saß sie in dem hübschen Speisesaal unter den geputzten fröhlichen Menschen und stieß mit ihrem Mann an auf »unser Glück«, auf »unsere Liebe«, auf »unsere Ehe«.

Sie fiel auf in ihrer schlanken, blonden, noch immer mädchenhaften Schönheit. Beim Nachmittagstee, auf der Terrasse, suchten elegante Herren und Damen Bekanntschaft mit ihr anzuknüpfen. Man verabredete Partien. Man erbot sich, sie in die Geheimnisse des Tennis einzuweihen, man forderte sie auf zu kleinen Bootfahrten.

Der Kriegsgerichtsrat fürchtete den Zugwind auf dem Tennisplatz und die Feuchtigkeit auf dem Wasser. Aber er hielt sie nie zurück:

»Geh nur, mein Liebling ... geh ... ich schreibe unterdes Briefe.«

Und sie küßte ihn flüchtig auf die Wange und eilte davon, ohne sich auch nur nach ihm umzusehen, aber doch innerlich dankbar, daß er so gut zu ihr war, daß er sie an den Freuden des Lebens naschen ließ ...

Sie kam dann zu ihm zurück mit geröteten Wangen, glänzenden Augen und wirbelnden Worten, die ihr wie in einem glücklichen Rausche von den Lippen sprudelten. Und dann lagen Briefe da von Hause, Briefe von der Familie!

»Wir verbrauchen doch viel mehr als ich dachte,« sagte der Kriegsgerichtsrat.

Er hatte eine Sorgenfalte in der Stirn. Und er schrieb noch lange in die Nacht hinein und sprach dann noch lange von dem, wie man es sich einteilen müßte, damit niemand in der Familie unter seiner Heirat zu leiden brauchte.

Und dann kamen Briefe an Dora selbst. Auf ihr Ankleidezimmee müßte sie verzichten. Es war ein Unsinn. Und, sie dürfte den guten Hermann nicht zu Ausgaben verleiten. Sie sollte immer daran denken, daß sie ein armes Mädchen war, ohne Mitgift, und eine Mutter und eine Schwester mit in die Ehe brächte. Wenn die Mama starb, dann fiel auch die Witwenpension fort, und vom Vermögen war ja so gut wie nichts mehr da. Es gab auch andere Delferts, die Unterstützung brauchten. In der Familie müßte einer für den andern einstehen.

Dora zerriß diese Briefe in hundert kleine Stücke und warf sie in den See, daß sie eine Weile wie kleine Schneeflocken auf der blauen Spiegelfläche tanzten ...

Eines Tages kam der Kriegsgerichtsrat, hochrot im Gesicht, in den Hotelgarten herunter.

»Dorchen, Dorchen! ...«

Sie legte eine Zeitschrift aus der Hand, in der sie blätterte, während sie auf die Tennisgesellschaft wartete, die sie abholen sollte.

»Ja ... Hermann?«

»Komm, Dorchen ... ich muß dir etwas mitteilen.«

Er war sehr erregt, sein blonder Schnurrbart hing zerzaust um seine Lippen.

Er gab ihr keine Zeit, sich bei der Gesellschaft zu entschuldigen, die lachend und plaudernd auf sie zusteuerte. Er faßte sie unter den Arm und sprach heftig auf sie ein.

»Wir müssen nach Hause, Dorchen ... es geht so nicht ... denke ...«

Und er gab ihr den Inhalt zweier Briefe wieder, die er erhalten hatte.

Thomas war erkrankt ... sie sollte nicht erschrecken. Er war wieder wohlauf ... um den brauchte sie sich keine Sorge zu machen. Er machte sich auch keine Sorge um die Familie. Es war einfach unerhört. Er hatte alle betrogen, telegraphiert, daß er fortreisen müsse und war statt dessen »gemütlich ins Krankenhaus« spaziert. Der Professor hatte sich auch gar nicht nett benommen, hatte sich mit an dem Betruge beteiligt. Ganz zufällig wäre es herausgekommen. Tante Roth hatte einen telephonischen Anruf aus dem Krankenhaus entgegengenommen. So hatte man es erfahren.

»Unerhört, Dorchen! Und nun stelle dir vor: die gute Mama und Ulrike rasen ins Krankenhaus. Wer sitzt am Krankenbett? Eine wildfremde Person! Und geht nicht 'raus, Dorchen, denke dir ... geht nicht 'raus – wo doch Mutter und Schwester hereinkommen. Mehr noch, Dorchen, sie bittet bis Damen, Thomas nicht aufzuregen, sondern hinauszugehen, setzt sich auf Thomas' Bett und hält seine Hand fest! Da kannst du dir Mamas Zustand denken. Am nächsten Tage kommt ein Brief von Thomas. Er hat sich mit der Dame verlobt ... Also, was sagst du?«

»Ich freue mich,« sagte Dora einfach und mit leisem Beben in der Stimme.

»Du freust dich? ... Wieso ... wie kannst du dich denn freuen ... was soll denn das heißen?«

Dora hörte den strengen Ton des Vormundes, wie sie ihn noch aus der Kinderzeit in Erinnerung hatte, wenn die Mama sich bei ihm Unterstützung geholt hatte, um ihren Befehlen Nachdruck zu geben.

Sie erblaßte leicht und schlug mit dem Rakett, das sie in der Hand hielt, gegen ihr Kleid.

»Ich freue mich, daß er den Mut gefunden hat, den Ring zu durchbrechen,« sagte sie hart.

»Welchen Ring ... Was redest du für dummes Zeug?«

»Den eisernen Ring, welchen unsere teure Familie bildet!«

Sie schritt so rasch aus, daß er ihr kaum nachkam, daß er sie ärgerlich an den Falten ihres weißen Kleides zurückhielt.

»So bleib doch stehen ... geh doch nicht weiter, wenn ich mit dir spreche.«

Ganz rauh und beinahe keifend war jetzt seine Stimme. Sie blieb stehen, nagte mit den Zähnen nervös an der Unterlippe.

»Also was willst du denn von mir?«

»Ich will dir sagen, daß das noch nicht alles ist. Das Schlimmste kommt noch: er gibt seine Karriere auf. Er sattelt um. Mit dreißig Jahren sattelt er um! Ist das nicht lächerlich, ist das nicht haarsträubend?«

»Nein ... warum? Es gibt Frauen, die sich scheiden lassen ... warum soll es nicht Männer geben, die einen andern Beruf ergreifen?«

Der Kriegsgerichtsrat sah seine blonde, schlanke Frau an, als stände plötzlich ein Ungeheuer vor ihm. Er riß seine blauen, etwas abgeblaßten Augen auf und rang nach Atem.

»Was ist denn das ... du ... was ist denn das?«

Es klang nicht mehr wütend und nicht mehr herrisch. Wie erschlagen war er, wie zermalmt von einem fürchterlichen Gewichte, das auf ihn herabgefallen war.

»Jetzt kann ich wohl Tennis spielen, nicht wahr? ... Man wartet auf mich.«

Und ohne auf seine Antwort zu hören, ging sie von ihm, ließ ihn stehen in seiner fassungslosen Verwirrung.

Aber obwohl sie nicht zum Tennisplatze ging, kam sie erst wieder, als die Dinerglocke zum dritten Male läutete.

»Willst du nicht meinen Brief an Mama und den Konsistorialrat lesen?« fragte der Kriegsgerichtsrat.

Er fragte es ganz sanft und suchte ihren Blick. Sie zeigte auf einen Briefumschlag, der neben ihrem Teller lag.

»Erlaube erst ...«

Sie kannte die Schrift nicht. Erriet aber, von wem er sein mochte, und eine warme Welle stieg ihr in die Wangen, als sie die große, energische Unterschrift las: Lyda Bogatoff.

»Iß doch,« mahnte der Kriegsgerichtsrat.

»Ja ... Laß nur ... Laß mich, bitte.«

Und ihr tränenschwerer Blick bohrte sich förmlich in die Schriftzüge:

Liebe Frau Dora!
Damit es nicht gleich Mißverständnisse gibt und im Einverständnis mit Ihrem Bruder teile ich Ihnen mit, daß wir uns verlobt haben, Thomas und ich. Ich denke, in acht bis zehn Tagen wird er so weit hergestellt sein, daß wir verreisen können. Wir wollen nach München. Dort werden wir heiraten. Dort wird Thomas Philologie studieren, wie er immer wollte. Es tut mir sehr leid, daß ich nicht so reich bin, wie ich es hätte sein können, wenn meine Familie in Rußland anständig gewesen wäre. Aber ein kleiner Landsmann von mir hat mir einen Kavalierdienst geleistet und hat mir das bare Geld, das ich auf der Bank hatte, persönlich und unauffällig geholt. Er hätte mich wohl lieber geheiratet – aber wir haben ja auch anständige Menschen in Rußland. Und mein kleiner Landsmann ist so ein anständiger Mensch. Thomas kennt ihn. Er hat mir also alles gebracht, worüber ich gleich verfügen kann. Es sind keine großen Schätze, aber wir brauchen nicht zu hungern und können arbeiten. Mehr wollen wir nicht. Vielleicht gelingt es mir, auch mein Gut frei zu machen – dann sind wir wohlhabende Leute.
Aber Thomas liegt gar nichts daran. Er ist ein Idealist. Und das gefällt mir an ihm. Darum paßt er auch nicht zum Staatsanwalt. Das habe ich gleich gesehen, als er mich verurteilen mußte, weil ich – aber die Geschichte kennen Sie wohl nicht; die werde ich Ihnen mal erzählen, wenn Sie uns besuchen. Ihre Mama und Ihre Schwester sind gewiß sehr böse. Das tut mir leid. Aber ich kann es nicht ändern. Die Familie darf uns nicht »auffressen«. Jeder muß ein eignes Leben leben. Thomas läßt Sie vielmals grüßen und hofft, daß Sie sich nicht unterkriegen lassen von den Verhältnissen. Er sagt, Ihr Mann ist ein guter Mensch und hat Sie lieb.
Ich schreibe noch ein bißchen unbeholfen Deutsch, aber wenn ich erst eine richtige freie Münchnerin werde, lerne ich's besser.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Lyda Bogatoff.

»Nun?« fragte der Kriegsgerichtsrat.

»Nichts ... ein Brief von einer Schulfreundin.«

Und Dora steckte den Brief in die weiße Ledertasche, die an ihrem Stuhle hing. Dann versuchte sie zu essen.

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