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Der eiserne Ring

Olga Wohlbrück: Der eiserne Ring - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorOlga Wohlbrück
booktitleDes Ratsherrn Leinius Tochter
titleDer eiserne Ring
publisherVerlag der Wiking-Bücher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070915
projectid2f8a4d39
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Er besuchte sie.

Das erstemal mit dem Zylinder in der Hand, im schwarzen Gehrock, hellen Handschuhen, ängstlich bedacht, die für eine erste Visite angemessene Zeit nicht zu überschreiten.

Sie wollte seine Feierlichkeit nicht gelten lassen. Lud ihn ein, zu kommen »so oft es ihn freute«, und zankte ihn bald aus, wenn er einen Tag verstreichen ließ, ohne sie aufzusuchen.

»Das Vernünftigste wäre, Sie zögen in meine Pension,« sagte sie eines Tages.

Er sah sie an, beinahe erschreckt. Wußte sie, was sie sagte. War es berechnete Koketterie oder unglaubhafte Harmlosigkeit?

Aber sie blickte ihm unbefangen in die Augen mit jenem Lächeln, das Menschen eigen ist, die keine Hindernisse kennen. Und er fand keine Antwort, fühlte sie nur stärker, die Fesseln, die ihm seine Erziehung geschmiedet hatte.

Aber gleichzeitig wurde ihm bewußt, wie sein Gefühl für dieses fremdartige, eigenwillige Geschöpf sich vertiefte, ihm selbst nur einen Weg freiließ ... – – Sie sprach von ihrer Malerei. Sie machte Fortschritte. Der Professor hatte ihr geraten, eine Aktstudie zur Ausstellung zu schicken. Es war beinahe eine reife Arbeit. Was sie spielerisch begonnen hatte – allmählich wandelte es sich ihr zu ernstem Schaffen.

Sie sprach davon, ein Atelier zu mieten, mit einer kleinen, anschließenden Wohnung.

»Aber Sie können doch nicht so allein wohnen ...« Thomas Delfert sah sie beinahe entsetzt an.

»Warum nicht?«

Jede Erklärung konnte sie als Beleidigung empfinden. Sie verstand ihn auch gar nicht.

»Ich fürchte mich doch nicht! Wer soll mir etwas tun?«

Zwei Wochen später lud sie Thomas Delfert zur Einweihung des Ateliers ein. Sie hatte ein paar Kollegen aus der Malschule dazu gebeten, darunter auch ihren blonden Landsmann.

Delfert fühlte sich höchst ungemütlich in dem ihm fremden Kreise. Sie sah es ihm an, lächelte leise.

»Oh, was sind Sie für ein schrecklicher Philister!«

»Ja, bin ich das, wirklich?«

Sie mochte recht haben. Er konnte nicht heraus aus seiner Haut. Wenn er zu Hause über seinen Akten saß, sah er sie im Geist in ihrem Atelier, die Palette in der Hand, eine Zigarette im Mundwinkel, sah sie, wie sie dem Modell den Arm zurechtlegte oder einem weiblichen Modell mit kühl prüfenden Blicken die Glieder in die gewünschte Pose brachte.

Es war ihm peinlich.

Im Gerichtssaale – während seine Blicke über die Anklagebank hinwegflogen – sah er sie, umgeben von ihren »Kollegen«, lachen und scherzen, sah sie vor dem und jenem Bilde stehen und mit jungen Männern über die Rückenlinie des Modells sprechen, die Farbentöne der Brust detaillieren.

Und es war ihm noch peinlicher.

Eines Tages sagte er es ihr, weil ein dumpfer Groll in ihm anwuchs, ein Gefühl des Hasses gegen die Umgebung, die sie von ihm trennte, wie eine andere Welt.

Er sah sie zum erstenmal rot werden.

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie kurz und hart.

Und weil es ihr leid tun mochte, daß sie ihm so schroff begegnet, fügte sie hinzu:

»Alles ist so im Leben, wie man es betrachtet. Man kann ja auch sagen, daß ich Ihnen nachgelaufen bin, weil ich damals eine Stunde auf Sie gewartet habe, bis Sie aus dem Gerichte kamen. Gewiß war es sehr unpassend. Aber ich habe es nicht so empfunden. Ich habe nur den Wunsch gehabt, Ihnen zu danken, weil Sie mir aus der gräßlichen Lage geholfen haben, und weil Sie mir sympathisch waren ...«

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