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Der dürre Kater

Anatole France: Der dürre Kater - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAnatole France
titleDer dürre Kater
publisherKurt Wolff Verlag
illustratorRudolf Großmann
year1921
translatorIrene von Guttry
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170607
projectid93dca3bc
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Nach dem zweiten Mißerfolg vernachlässigte Herr Godet-Laterrasse, den die öffentlichen Angelegenheiten sehr in Anspruch nahmen, seinen Schüler noch mehr. Remi nahm sich das Fernbleiben seines Mentors nicht zu Herzen, ging zu Labanne und zeichnete bei ihm. Der sonderbare Bildhauer hatte bei den Antiquaren des Quais Malaquais die Gedichte von Colardeau entdeckt und war eitel Bewunderung.

»Colardeau ist der größte französische Dichter«, behauptete er. Als die Hitze drückend über der Stadt auf Stein und Asphalt lag, trug der Moralist Branchut als einziges Gewand einen langhaarigen Überzieher, in dem er nach Ausspruch seiner Freunde einem mit seinem Fell bekleideten Skythen glich. Der Gedanke an das Weib verließ seinen Geist keinen Augenblick, und noch nie war seine Laune so grimmig gewesen. Er hatte nicht mehr den früheren Appetit, mit dem er täglich sein Brötchen gegessen hatte. Aber ein ewig ungestillter Durst verzehrte ihn unter dem dichten Fließ. Eines Tages, als Remi zum hundertsten Mal unter Anleitung von Labanne den Wassertopf abzeichnete, den man im Winter auf den Ofen des Ateliers zu stellen pflegte, bemächtigte sich der Moralist Branchut dieses Gefäßes, um es am Brunnen zu füllen. Als er mit nasser Nase und triefendem Bart wiederkehrte, warf ihm der junge Kreole von der Seite einen Blick zu, der vielverheißend war. Branchut schrie nach dem Blitz und lechzte nach dem Sturm. Aus des Bildhauers schönsten Büchern riß er Seiten aus, um seine dunklen und schrecklichen Gedanken darauf niederzuschreiben. Ein Gewitter belebte die Stadt und entspannte die Nerven des Moralisten.

Die Zeit verrann; sie brachte die Drachen in den bewegten Septemberhimmel, sie brachte die Nebel der herbstlichen Oktoberlandschaft, die Maronibrater an den Türen der Weinhändler, die Orangen auf den Handwagen, die Laterna magica auf dem Rücken des Savoyarden, die weißen Schneedächer und am Weihnachtstag, zu Neujahr und am Dreikönigstag in den warmen Eßzimmern den Duft der gebratenen Gänse. Aber das Herz des Moralisten Branchut blieb von der Zeit unberührt.

Am Dreikönigstag, gegen vier Uhr, als Remi mit dem Dichter Dion den Saint-Sulpice-Platz durchquerte, sah er auf die Eiszapfen, die die vier steinernen Bischöfe zur Hälfte bedeckten, und das gefrorene Wasser in dem Brunnenbecken zu ihren Füßen. Er rieb sich die Hände und sagte mit einem breiten Lachen: »Es wird auf diesem Platz nicht warm sein um Mitternacht.«

Dann sprachen sie – Dion mit raffinierter Befriedigung, Remi mit derber Freude – über einen Brief, den sie soeben einem Dienstmann zur Beförderung übergeben hatten. Sie wurden nicht müde, die Worte dieses Briefes zu wiederholen: »Sie sind braun, ich bin blond; Sie sind stark, ich bin schwach. Ich verstehe Sie, und ich liebe Sie.«

Die beiden mußten wohl eine abscheuliche Mystifikation angezettelt haben, auf die sie stolz waren und die sie so erfreute. An jenem Abend saß Branchut im ›Dürren Kater‹ in Gesellschaft des gealterten Mercier, dessen eingeschrumpftes Gesicht unter der Brille fast verschwand, des Bildhauers Labanne, der sich seit acht Tagen mit einem Buch über die Höflichkeit im 17. Jahrhundert beschäftigte, und der beiden Jünglinge Dion und Saint-Lucie. Virginia brachte ihnen eine kräftig duftende Kohlsuppe. Der Philosoph Branchut stieß den dampfenden Teller zurück, den Labanne ihm reichte. Sollte er sich durch diese schwere Nahrung zugrunde richten? Hatte denn Labanne nicht die geringste Ahnung von dem Ernährungssystem, das einem Elitewesen entsprach? Ein Dienstmann trat ein, fragte nach Herrn Branchut und übergab ihm einen Brief, der einen zarten Duft ausströmte; ein blauer Buchstabe war auf dem zartgrauen Umschlag eingeprägt. Je weiter der Philosoph las, desto wilder wurden die Zuckungen, die seine bewegliche Nase vollführte. Endlich steckte er den Brief in die Tasche seines Rockes (es war ein alter Frack, den er von Labanne erhalten hatte) und sah sich mit einem Blick voller Heimlichkeit um. All sein armseliges und dunkles Blut belebte das dunkelrote Gesicht. Er war verwandelt. Seine Nase schien von einer inneren Flamme erleuchtet. Dion betrachtete den Saum seiner Serviette. Remi machte mit seinem Messer in dem Salzfaß Hügel und Täler und schien ganz versunken in den Anblick der winzigen Polarlandschaften, die er mit der allmächtigen Willkür eines lappländischen Jehova schuf und zerstörte. Das Gespräch, das durch die Ankunft des Dienstmanns unterbrochen war, schleppte sich schwerfällig weiter. Nur Labanne war im Zuge. Ganz erfüllt von der Höflichkeit des siebzehnten Jahrhunderts, wünschte er sich die Zeiten Ludwigs XIV. zurück.

»Der Sonnenkönig war kein Caesare Borgia«, sagte er. »Aber er ist weit besser als die Menschenrechte und die unsterblichen Grundsätze.«

Branchut ließ wiederholt seine Hand in die Tasche seines Rockes gleiten und preßte etwas an sein Herz. In einen tiefen Traum versunken, entschlüpften seinen aufgedunsenen und rissigen Lippen von Zeit zu Zeit liebliche Worte über die Erneuerung des Menschen durch die Liebe. Um elf Uhr brach er auf; mit der Rückseite seines Ärmels bürstete er seine Weste ab – das war bei ihm eine außerordentliche Handlung und ein maßloser Kult seines äußeren Menschen. »Auf Wiedersehen morgen!« sagte Labanne.

Aber der Philosoph murmelte einige geheimnisvolle Worte von einer voraussichtlichen Abwesenheit und schlich so sachte hinaus, als hätte er sich verflüchtigt. Einen Augenblick später verließen Dion und Labanne den ›Dürren Kater‹.

Um Mitternacht kreiste der Moralist in seinem Frack um den Brunnen der vier Bischöfe. Einige verspätete Passanten gingen eiligst über den Platz. Das über den Rand der Schale verströmte Wasser war auf dem Asphalt gefroren, und der Moralist glitt bei jedem Schritt aus. Ein eisiger Wind bewegte die Schöße seines Rockes. Aber wie ein blindes Pferd, das den Mühlstein dreht, kreiste der Moralist um den endlosen Rand der steinernen Schale. Nur eine junge Arbeiterin, die sich bei einem Abenteuer verspätet haben mochte, schritt mit dem lebhaften Gang und dem entschlossenen Schritt der geborenen Pariserin über den vereinsamten Platz dem Wind entgegen. Von dem Turm des Rathauses schlug es eins, – der Moralist ging immer noch im Kreise. Nur die zwei Schutzleute unterbrachen mit ihrem einförmigen Geräusch die Stille der Nacht. Um halb zwei Uhr ging der Philosoph zur nächsten Laterne, um den duftenden Brief noch einmal zu lesen.

»Sie sind braun, ich bin blond. Sie sind stark, ich bin schwach: ich verstehe Sie, und ich liebe Sie. Warten Sie heute um Mitternacht auf der Place Saint-Sulpice, am Bassin.«

Das Rendez-vous war unzweideutig. Der Philosoph nahm seinen Drehposten wieder auf. Der Rauhreif deckte ihn mit seinem diamantenen Staub. Die Schöße seines Frackes, von Feuchtigkeit schwer, hingen herab. Der Platz war vereinsamt. Noch lange drehte er sich im Kreise. Schließlich ließ er sich enttäuscht, verzweifelt, erschöpft auf eine Bank fallen und verharrte regungslos, den Kopf in die Hände vergraben. Als er sich erhob, wähnte er Dion und Sainte-Lucie zu sehen, die laufend im Schatten der Rue Honoré Chevalier verschwanden. In seinem schmerzenden Kopf ging ein Licht auf, und seine Nase erzitterte vor Empörung.

Am nächsten Morgen, in seine Pferdedecke eingehüllt, erklärte er Labanne, daß er Sainte-Lucie töten werde. »Es liegt mir nichts an meinem Leben,« sagte er, »aber noch viel weniger an dem seinen.« Labanne gab sich vergebliche Mühe, ihn zu beruhigen. Währenddessen genoß Remi ruhig und mit gestillter Rachsucht die angenehme Wärme seiner Daunendecke und dachte: »Ich muß doch nächster Tage den General Télémaque aufsuchen.«

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