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Der dürre Kater

Anatole France: Der dürre Kater - Kapitel 4
Quellenangabe
authorAnatole France
titleDer dürre Kater
publisherKurt Wolff Verlag
illustratorRudolf Großmann
year1921
translatorIrene von Guttry
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170607
projectid93dca3bc
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Remi wurde selbstverständlich auch das zweite Mal von den Herren Examinatoren zurückgewiesen. Das Baccalaureat wurde für ihn zu einem immer mehr verschwommenen, vagen Begriff. Seine in keiner Hinsicht verwunderlichen Niederlagen nahmen, wenn Herr Godet-Laterrasse sie kommentierte, eine verdächtige, unklare Wendung.

»Nicht Sie sind zurückgewiesen worden,« sagte der Mentor, »sondern ich. Seien Sie versichert: Sie wurden zwar getroffen, aber es war auf mich gezielt. Oh! Die Herren Professoren der Sorbonne werden meinen letzten Artikel nie vergessen!«

Diese Redensarten verwirrten Remi vollständig; bald wußte er nicht mehr, ob das Baccalaureat ein wissenschaftliches Examen oder eine geheime Gesellschaft war. Den ganzen Winter lebte er in einem wohligen Dämmerzustand. Er erwachte erst, als die schüchterne Aprilsonne schon die Wände erhellte. Auf den Dächern kreischten die Spatzen. Der pensionierte Hauptmann säte Samen in die grüngestrichenen Kästen. Die so lange geschlossenen Fenster, deren Scheiben unlängst noch angelaufen waren, öffneten sich den schwachen Strahlen der Sonne und den ersten milden Frühlingslüften. Remi, der seit dem Sommer seine beiden Freundinnen vom vierten Stock ganz aus dem Auge und dem Gedächtnis verloren hatte, freute sich, als er den Vogelkäfig und den Messinggriff des Klaviers wiedersah.

Als er jetzt Mutter und Tochter zum ersten Mal in dem vergoldeten Salon erblickte, hatte er die größte Lust, sie mit einem freundschaftlichen Winken zu begrüßen. Ein kleiner alter Herr, der auf dem Sofa saß und Hut und Regenschirm zwischen seinen Beinen hielt, schien freundschaftlich mit ihnen zu plaudern. Er hob den Arm, und Remi glaubte die Worte zu hören: »Wie groß Sie geworden sind, Maria (oder Johanna, oder Louise). Sie sind ja jetzt eine junge Dame!«

Remi verdroß es, einen Fremden so behaglich auf dem Sofa seiner Freundinnen sitzen zu sehen. Nicht daß der kleine alte Herr ihm mißfallen hätte. Ganz im Gegenteil! Der alte Herr schien ein rechtschaffener Mann zu sein. Aber Remi kannte ihn nicht, und er erkannte, daß die beiden Damen Geheimnisse vor ihm hatten, woran er vorher noch nie gedacht hatte. Man kann eben nicht an alles denken. Er schloß sein Fenster und schmollte den ganzen Tag. Am nächsten Morgen öffnete er es wieder, nur um zu sehen, ob der Vogelkäfig an seinem Platze stand. Er sah das junge Mädchen, einen runden Hut auf, an dem Griff ihres Sonnenschirms nagen und wie ein Füllen ungeduldig aufstampfen – eine Angewohnheit von ihr, wenn sie zum Ausgehen fertig, auf ihre Mutter wartete, die ihr viel zu lange vor dem Spiegel an ihren Hutbändern nestelte. Aber man muß gerecht sein, eine fünfundvierzigjährige Frau kann nicht wie ein junges Mädchen mit zwei, drei flatterhaften Bewegungen fertig sein.

Auch heute prüfte die Mutter wie gewöhnlich aufs genaueste die Kleidung ihrer Tochter. Aber diesmal mußte ein schlimmer Defekt an dem grauen Kleid vorhanden sein, denn die Mutter äußerte einige Worte, die mit allerlei ungeduldigen und schmollenden Bewegungen, mit verzweifeltem Zappeln und Strampeln ausgenommen wurden. Schließlich knöpfte das Mädchen ihr Kleid auf, und das Fenster wurde zugestoßen. Nach einigen Sekunden ging es von selbst auf und Remi sah, wie die Mutter das graue Kleid in der Hand hielt und stehend etwas daran ausbesserte, während die Tochter im Mieder und kurzen weißen Unterrock wartete. Das Mädchen wandte den Kopf und sah den Studenten, der sie anschaute. Mit der entzückenden Geste eines fröstelnden Kindes, das gebadet wird, bedeckte sie mit beiden Armen ihre Brust, und die Lippen sagten ganz schnell irgend etwas, das wohl heißen mochte: »Mama! Mama!« Die Mutter zuckte gleichmütig die Achseln und schien zu sagen: »Du lieber Gott, das macht doch nichts.« Und gleichgültig stieß sie das Fenster wieder zu. Ohne sich der Ursache bewußt zu sein, beobachtete Remi seit jenem Tage nicht mehr so eindringlich seine beiden Nachbarinnen. Aber es fiel ihm ein, daß sie fortgehen könnten und er sie niemals wiedersehen würde. Das betrübte ihn. Seine Gedanken nahmen eine ernste, besonnene Richtung. Er sagte sich, daß das Baccalaureat, wie Herr Godet-Laterrasse es auffaßte, keine ernsthafte Angelegenheit war, und entschloß sich, Maler zu werden. Malen! Das schien einfach und schön. Dann durchkreuzte der Gedanke an Télémaque sein Gehirn. »Ich muß ihn doch einmal aufsuchen«, dachte er.

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