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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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8

»Miss Sibyl«, empfing sie die Hausdame mit freundlichem Vorwurf, »Sie haben uns diesmal drei Tage ohne jede Nachricht gelassen. Sir Humphrey ist bereits sehr ungeduldig und besorgt gewesen.«

»Ungeduldig, das glaube ich, aber besorgt wohl kaum«, meinte das junge Mädchen mit einem verschmitzten Lächeln und zog Mrs. Chilton etwas ungestüm mit in ihr Zimmer. Sie mußte schleunigst wissen, was der Mann, dem sie eben begegnet war, in ›Falcon Lair‹ gewollt hatte und ob etwas Besonderes in der Luft lag.

»Übrigens hat der Onkel gerade Besuch gehabt. – Wer war das?«

Die Frage klang so ganz nebensächlich, aber Miss Sibyl mußte sich eine Erkältung zugezogen haben, da ihre Stimme sehr belegt war, und die mütterliche Hausdame bekam es mit der Angst zu tun.

»Ich weiß es nicht. Der Pförtner hat den Herrn angemeldet, und Tim ließ ihn ein«, beeilte sie sich zu erklären.

»Ich habe heute Ihretwegen mit Sir Humphrey wieder eine Auseinandersetzung gehabt«, sagte sie. »Sie wissen ja, wie ich über diese Maskerade denke . . .«

»Weiß ich«, bestätigte Sibyl etwas zerstreut. »Und wahrscheinlich hat er Sie deshalb wieder einmal zum Tode verurteilt . . .«

Trotz ihrer Sorgen war ihr der Gedanke so komisch, daß sie zu lachen begann. »Arme Mrs. Chilton«, prustete sie. »Sie haben es gewiß nicht leicht. – Aber«, fuhr sie plötzlich ernster werdend fort, »Sie sollten für diese Schwäche Onkel Humphreys etwas mehr Verständnis aufbringen. Mein armer Pa hat ihn mit der Nichte arg enttäuscht, und ich muß das nach Kräften gutmachen. Das werden Sie doch verstehen.«

Mrs. Chilton verstand das nicht. »Sie werden bald vierundzwanzig Jahre alt, Miss Sibyl«, erinnerte sie mit Nachdruck, und die junge Dame schnitt eine bedenkliche Grimasse.

»Also fast schon eine alte Schachtel«, meinte sie mit einem tiefen Seufzer. »Wie rasch doch die Zeit vergeht.«

»Sie sollten das nicht so leicht nehmen«, fuhr die Hausdame hartnäckig fort. »Ich habe Sir Humphrey erklärt, daß die Art und Weise, wie er seine Verpflichtungen Ihnen gegenüber auffaßt, unverantwortlich ist. Man überläßt ein junges Mädchen nicht sich selbst, weil man die verrückte Idee hat, daß dieses Mädchen eigentlich ein Junge hätte sein sollen. Wenn ich mir vorstelle, daß Sie in dem großen Stadthaus so ganz allein und unbeaufsichtigt leben . . .«

»Stellen Sie sich das nicht ärger vor, als es ist, liebe Mrs. Chilton«, antwortete Sibyl. »Erstens bin ich kein Baby mehr, wie Sie ja selbst eben angedeutet haben, zweitens bin ich nicht allein und drittens bin ich nicht unbeaufsichtigt. Fred paßt auf, daß keine Einbrecher ins Haus kommen, und chauffiert, und Phenny kocht und wacht darüber, daß ich mich ordentlich aufführe. Sie hat mir den Hausschlüssel versteckt, und ich mußte mir heimlich einen nachmachen lassen, weil es doch etwas zu unbequem ist, immer über die Mauer zu klettern.«

»Entsetzlich!« murmelte die Hausdame. »Ganz so, wie ich es mir gedacht habe. – Ich möchte wissen, was Sie so viel zu tun haben.«

»Sagen Sie das nicht«, verwahrte sich Miss Sibyl und trommelte auf ihren Stiefelschäften. »Ich bin Mitglied von ungefähr zwanzig wohltätigen Vereinen, und vom Säugling bis zum Greis am Stabe wird alles von mir betreut, was sich nur betreuen läßt. Das heißt, ich zahle meinen Beitrag und gehe in die Sitzungen. Die Sitzungen sind das Netteste dabei, denn da hört man so komische Sachen. – Und zu alledem habe ich augenblicklich auch noch etwas ganz Besonderes vor. Etwas Sensationelles. Wenn Sie davon hören werden, werden Sie Augen und Ohren aufreißen, liebe Mrs. Chilton.«

Mrs. Chilton riß schon jetzt Augen und Ohren auf und verlangte nichts mehr zu hören. Selbst wenn Sir Humphrey sie wirklich an die Wand stellte und die Pistole aus seiner Schreibtischlade auf sie abfeuerte, wie er schon oft gedroht hatte, mußte die Sache ein Ende haben . . .

Vorläufig war General Norbury für die nächsten Stunden bei glänzendster Laune und nichts weniger als blutdürstig.

»Junge«, hatte er gesagt, als Sibyl stramm und vorschriftsmäßig in sein Zimmer marschiert war, »du machst dich ein bißchen rar, aber ich kann das verstehen. Es ist nichts los hier draußen, und wenn das verwünschte Bein nicht wäre und meine wichtige Arbeit, säße ich schon längst bei dir.«

Diese Aussicht hatte für die junge Dame in Breeches und Reitstiefeln nichts Verlockendes, und sie beeilte sich daher, für alle Fälle vorzubeugen.

»Das wäre nichts für dich, Onkel. Zum Arbeiten braucht man Ruhe. Ich weiß das von mir, denn« – das Mädchengesicht wurde so ernst und feierlich, daß Sir Humphrey interessiert aufhorchte – »ich arbeite auch.«

»Etwas Militärisches?« fragte der General lebhaft.

»Nein«, gab Miss Sibyl geheimnisvoll zurück. »Aber die Leute werden kopfstehen, wenn sie es lesen werden.«

Die junge Dame erhielt einen freundschaftlichen Schlag aufs Knie, daß es nur so klatschte, denn Sir Humphrey war vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen.

»Natürlich! – Ganz so, wie bei mir. Bist ein Prachtjunge. – Bist du schon weit?« fügte er dann etwas kleinlaut hinzu.

Sibyl blies den Rauch der Zigarette gedankenvoll zur Decke und schüttelte den Kopf.

»Ich sammle erst Material. Und das ist nicht so einfach.«

»Natürlich nicht«, bestätigte der General eifrig. »Ich kenne das. Es wird vielleicht drei Jahre dauern, bis ich mit meinem Material fertig bin.«

»Nun, drei Jahre zwar nicht«, meinte das junge Mädchen etwas zurückhaltend, »denn die Sache ist höchst aktuell, aber immerhin . . . Dafür werde ich mir von der betreffenden Zeitung auch mindestens fünf Pfund für jeden Artikel zahlen lassen. – Oder vielleicht sogar zehn Pfund.«

»Zehn Pfund«, rief der General bewundernd, und diesmal mußte das eigene gesunde Knie an seine strahlende Laune glauben. »Zehn Pfund! – Für etwas Geschriebenes.« Aber plötzlich kam ihm ein Verdacht, und er fragte hilfsbereit: »Brauchst du Geld?«

Sie machte eine gleichgültige Handbewegung, und Sir Humphrey war etwas enttäuscht.

»Komisch«, sagte er. »Als ich so alt war wie du, habe ich immer Geld gebraucht und jeden Verwandten angepumpt, der mir in den Weg kam.«

Miss Sibyl überhörte die deutliche Aufforderung, die in diesen Worten lag und fand es an der Zeit, endlich das zu erfahren, was ihr keine Ruhe ließ. Vorläufig schien zwar der Besuch des Fremden noch kein Unheil angerichtet zu haben, aber sie mußte unbedingt wissen, wer er war und was ihn nach ›Falcon Lair‹ geführt hatte.

»Oberst Passmore hat mir Karten gebracht«, erklärte der General bereitwillig und unbefangen. »Und dann haben wir über den Krieg geplaudert. – Ein strammer Soldat«, fügte er begeistert hinzu, »und ein vollendeter Gentleman. Ich habe ihn auch eingeladen, mich öfter zu besuchen.«

Die junge Dame hatte die Hände in den Hosentaschen und sah höchst gleichgültig drein, die Sache gefiel ihr jedoch nicht.

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