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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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6

Etwa eine halbe Stunde später sah Mr. Bayford plötzlich auf die Uhr und zog die Brauen hoch.

»Bereits einige Minuten nach eins«, stellte er überrascht fest. »Wir haben Sie ganz ungebührlich lange in Anspruch genommen, Mrs. Smith.«

Mrs. Polly, deren Augen seltsam glänzten und die von einer quecksilbrigen Lebhaftigkeit war, schien nicht dieser Meinung zu sein.

»Sie werden doch nicht schon gehen wollen?« fragte sie enttäuscht, indem sie den Mund zu einem leichten Schmollen verzog und den Herrn mit dem Monokel mit einem heißen Blick streifte.

»Ich habe mit Ferguson leider noch einige sehr dringende geschäftliche Dinge zu ordnen«, sagte er bedauernd, »aber wenn Sie gestatten . . .«

»Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein«, versicherte Mrs. Polly lebhaft und verbindlich und wußte es dann so einzurichten, daß sie dem Herrn mit dem Monokel noch einige bedeutsame Worte zuflüstern konnte.

»Sie müssen nun täglich kommen«, schloß sie, »ich bin immer allein und brauche Ihren Rat und Beistand . . .« Mrs. Smith schlug mit einem glücklichen, verträumten Lächeln den Vorhang zurück.

Daher war diesmal sie die erste, die den leuchtenden weißen Drudenfuß auf dem roten Läufer vor der Loge zu sehen bekam, und sie hob mit einem unwilligen Kopfschütteln die bloßen Schultern.

»Man sollte nicht glauben, daß erwachsene Leute an solch kindischem Unfug Gefallen finden«, meinte sie, und Bayford stimmte ihr mit einem etwas verzerrten Lächeln bei.

Ferguson aber starrte wieder völlig verstört nach dem Pentagramm, das er an diesem Abend zum zweitenmal auf seinem Weg fand, und sein Teilhaber mußte ihn mit einem harten Griff unter dem Arm fassen, um ihn wieder zu sich zu bringen.

»Du bist die erbärmlichste Memme geworden, mit der ich es je zu tun hatte«, zischte Bayford, als sie aus dem Portal auf die breite Straße traten. »Ein paar Kreidestriche genügen, um dich ins nächste Mauseloch zu jagen.«

»Hol's der Teufel«, knurrte der große, starke Mann heiser, indem er scheu nach allen Seiten Umschau hielt, »da muß einer ja verrückt werden. Sich vorzustellen, daß der Kerl ununterbrochen hinter uns her ist und daß man auf Schritt und Tritt über dieses verdammte Zeichen stolpern soll. Das kann doch nicht so weitergehen . . .«

Er wischte sich schwer atmend den Schweiß von der Stirn, aber der andere hatte nur ein leichtes Achselzucken.

»Warum nicht, wenn es ihm Spaß macht? Je länger er sich mit diesen Mätzchen begnügt, desto besser für uns. Einmal werden wir ihn dabei vielleicht doch zu fassen bekommen . . .« Er machte eine kleine Pause und wurde sehr nachdenklich. »Das eben jetzt«, fuhr er dann mit verkniffenen Lippen fort, »war allerdings ein freches Stückchen, und . . .« Er blieb stehen und tippte Ferguson mit dem Finger auf die breite Brust. »Die Sache mit Mrs. Smith ist so gut wie gemacht. Man muß ihr nur bei der Einführung etwas an die Hand gehen, und das werde ich übernehmen. Dafür partizipiere ich aber an diesem Geschäft ausnahmsweise mit sechzig Prozent. Und in die übrigen vierzig mußt du dich mit Mrs. Smith teilen . . .«

»Mich laß dabei überhaupt ganz aus dem Spiel«, knurrte Ferguson hitzig und bissig. »Du wirst mit dieser gefährlichen Sache keine Ruhe geben, bis wir die Spürhunde auf den Fersen haben. Gerade jetzt, wo wir so etwas weniger denn je brauchen können. – Ich habe wahrhaftig schon an der Geschichte mit dem verdammten Drudenfuß genug.«

»Gut, daß du mich erinnerst«, sagte Bayford leichthin, »darüber haben wir eigentlich auch noch zu sprechen. – Sieh zu, daß wir die Karte in die Hand bekommen, bevor der andere sie uns wegschnappt. Aber« – er sah seinen Teilhaber von der Seite an, und seine Stimme bekam einen unangenehmen Klang – »ehrliches Spiel, mein Lieber, sonst –«

»Was soll das heißen?« brauste Ferguson auf, aber der andere klopfte ihm gelassen auf die Schulter.

»Genau das, was du dir denkst – also, beschleunige die Sache. Ich werde dich gegen Abend anrufen.«

Sie waren bei dem Taxistand an der Ecke des großen Häuserblocks angelangt, und Ferguson stieg in eines der Taxis.

»Kann ich dich ein Stück mitnehmen?« fragte er höflich, aber Bayford lehnte ab.

»Danke, ich habe eine andere Richtung und möchte mich noch ein bißchen auslaufen. – Du solltest dir übrigens auch etwas mehr Bewegung machen – dein Blut wird zu dick.«

Ferguson zog mit einem unverständlichen Gemurmel den Schlag krachend zu, und der Herr mit dem Monokel blickte dem Wagen eine Weile gedankenvoll nach.

Der Nebel hatte etwas nachgelassen, und der dünne gelbe Dunstschleier, der noch immer zwischen den Häusern flimmerte, gewährte immerhin einige Sicht.

Mr. Bayford griff unauffällig nach der Hüfte, um die Rechte dann rasch in seiner Manteltasche zu bergen und langsam den Weg wieder zurückzuschlendern, den er mit seinem Teilhaber gekommen war.

Er nahm die Sache mit dem Drudenfuß keineswegs so leicht, wie er sich den Anschein gab, aber er wollte den ohnehin bereits völlig eingeschüchterten Ferguson durch seine Besorgnisse nicht noch kopfloser machen. Wenigstens einer von ihnen mußte kühle Überlegung und eiserne Nerven bewahren, denn der geheimnisvolle Fremde, der so plötzlich aufgetaucht war, bedeutete zweifellos eine ernste Gefahr. Das bewies die Zähigkeit, mit der er sofort ihre Spur aufgenommen und die heimtückische Art, wie er sich innerhalb weniger Stunden auf allen ihren Wegen in Erinnerung gebracht hatte.

Das Gefühl, unter ständiger Überwachung zu stehen, war für Bayford eigentlich das unangenehmste an der Geschichte, denn bei seinen augenblicklichen großen Plänen, die sich so vielversprechend anließen, paßte es ihm absolut nicht, daß ihm jemand derart auf die Finger sah.

Deshalb war er jetzt zurückgeblieben, um vielleicht die eine oder die andere wichtige Beobachtung zu machen. Er war überzeugt, daß irgendwo in der Nähe ein Paar scharfe Augen auf ihm hafteten, und er wandte alle möglichen Schliche an, um diesen Schatten aus seinem Hinterhalt zu locken und zu überrumpeln.

Bayford war ein Mann von Mut und raschen Entschlüssen, und er hatte eben aus Belgien ein sehr nettes, zierliches Ding mitgebracht, das fast lautlos, aber mit überraschender Wirkung funktionierte. Wenn der Herr vom Bahnsteig in Folkestone eine kleine Unvorsichtigkeit begehen sollte . . .

Aber sooft Mr. Bayford auch mit einem Ruck stehenblieb oder sich blitzschnell umwandte und eilig die Richtung wechselte – außer harmlosen Passanten, die unbeirrt ihr Ziel verfolgten, kam ihm niemand zu Gesicht, obwohl er den Häuserblock zweimal umkreiste und sich dann noch eine Weile gegenüber dem Portal der Bar im Dunkeln herumdrückte.

 

Der Mann mit der dunklen Gesichtsfarbe und dem glänzenden schwarzen Scheitel, den die Rote erwartete, hatte es sehr eilig, zurückzukommen, weil er von seinen Geschäften etwas länger in Anspruch genommen worden war.

Er war äußerst schlechter Laune, denn man hatte ihn eben wieder einmal übers Ohr gehauen und um wenigstens die Hälfte seines wohlverdienten Anteils geprellt. Der Chef, für den er arbeitete und zumindest ein halbes Leben im Zuchthaus riskierte, war ein ausgemachter Schurke, aber er konnte nicht an ihn heran, um die Rechnung einmal gründlich auszugleichen. Der Mann verstand es, sich in einem geheimnisvollen Dunkel zu halten und seine Werkzeuge dadurch doppelt gefügig zu machen. Bloß ein einziges Mal hatte der ›Schlepper‹ durch einen eigenartigen Zufall den Schatten des rätselhaften ›Padischah‹ zu sehen bekommen, aber so deutlich er sich in jenem Augenblick auch einige auffallende Einzelheiten seiner Erscheinung eingeprägt hatte, dieses Wissen war ihm bisher von keinerlei Nutzen gewesen.

Er bog eben mit verbissenen Zähnen um eine Ecke und war kaum mehr als dreihundert Schritte vom ›Tausendundeine Nacht‹ entfernt, als eine Gestalt, quer über die Gasse kommend, seinen Weg kreuzte und dann knapp vor ihm dieselbe Richtung nahm.

Er achtete auf den eilig Voranschreitenden anfangs nicht, aber plötzlich fiel ihm dessen eigenartiger Gang auf und eine wiederholte, ganz seltsame Kopfbewegung. Einen Augenblick machte er betroffen halt und nahm noch einmal das Bild des Ahnungslosen auf, dann spannte sich sein geschmeidiger Körper, und mit wenigen lautlosen Sprüngen war er dicht hinter dem anderen.

Eine Überrumpelung konnte ihm vielleicht volle Gewißheit bringen.

»Aga«, stieß er kurz und scharf hervor, und das Losungswort des Tages tat seine Wirkung: Der Mann vor ihm warf blitzschnell den Kopf herum, um im nächsten Augenblick auch schon zu einer wilden Flucht anzusetzen.

Aber sein Verfolger war schneller und drückte ihn bereits beim vierten Sprung an die Wand.

»Einen Augenblick, Sir«, sagte er mit schneidender Höflichkeit. »Ich habe bereits so lange den lebhaften Wunsch, Sie näher kennenzulernen, daß ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen möchte . . .«

Er bemühte sich, dem von ihm Gestellten ins Gesicht zu sehen, aber dieser hatte mit einem raschen Griff den Hut tief in die Stirn gedrückt und den Nacken gebeugt.

»Lassen Sie mich ungeschoren, oder ich rufe die Polizei«, stieß er ängstlich und heiser hervor, aber der ›Schlepper‹ dachte nicht daran.

»Wenn Sie die Polizei bemühen wollen, bitte sehr«, meinte er ironisch. »Auch das ist ein Weg, Ihre Personalien festzustellen, für die ich mich nun einmal interessiere, aber unter alten Bekannten ist diese Vermittlung eines Dritten eigentlich überflüssig, und ich werde mir daher gestatten . . .«

Ehe der andere noch dazu kam, die überraschende Bewegung abzuwehren, riß er ihm den Hut vom Kopf und starrte gespannt in das blasse, wutverzerrte Gesicht, das er plötzlich vor sich hatte . . .

In seinen Mienen malte sich ungläubiges Staunen, und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück, um sich zu überzeugen, daß seine Augen ihn nicht täuschten.

»Oh, Mr. . . .«, murmelte er fassungslos, aber dieses Mister war das letzte Wort, das über die etwas wulstigen Lippen des Herrn mit dem glänzenden schwarzen Scheitel kam.

Der Mann an der Wand fuhr mit der Rechten blitzschnell von unten nach oben, und der ›Schlepper‹ warf die Arme mit einem dumpfen Röcheln in die Luft und fiel zu Boden . . .

Erst nach langen Minuten tauchte dicht neben dem leblosen Bündel ein riesenhafter, hagerer Schatten aus dem Grau der Nacht, und ein Kopf mit einem kantigen, vorstrebenden Bart beugte sich prüfend über das fahle Gesicht mit den starren Augen.

Dann verschwand diese Gestalt geisterhaft, wie sie gekommen war, und wiederum verstrich eine geraume Weile, bis der gellende Alarmruf eines entsetzten Passanten durch die menschenleere, stille Gasse hallte . . .

Etwa um dieselbe Zeit fuhr Mrs. Smith von der Bar zu ihren Wohnräumen hinauf. Der Abend war für sie so ereignisreich gewesen, daß sie das Bedürfnis nach Ruhe hatte, um mit ihren Gefühlen und Plänen ins reine zu kommen.

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