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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
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40

Mr. Maurice Rosary war an diesem frischen Januartag seit fünf Uhr morgens unterwegs, weil er noch eine wichtige Sache zu besorgen hatte, bevor er nach Folkestone fuhr.

Diese wichtige Sache war ein Blumenstrauß von der Größe eines kleinen Wagenrades, denn der brave Mann aus Stratford wußte, was sich gehörte, und außerdem – was war schon so ein Blumenstrauß, wenn er Bilanz zog?

Seit vielen Tagen wirbelte ihm der Kopf von den Dingen und Zahlen, die auf ihn einstürmten, und er konnte damit nicht zurechtkommen. Auch jetzt rechnete er ununterbrochen: Vierundzwanzig Pfund in den Umschlägen, die er von dem großen Herrn auf dem Schiff bekommen hatte, dann fünfzig Pfund vor einigen Tagen mit einer wundervoll riechenden Karte, auf der geschrieben stand: ›Dem Freund und Retter, Mr. Rosary – seine Nachbarin‹, und noch einmal fünfzig Pfund mit einer Karte, die nicht roch, aber auch sehr schön war, weil darauf zu lesen stand: ›Dem braven, zuverlässigen Mr. Rosary – O. P.‹ Und endlich, vorgestern, ein großer Brief mit einer langen Aufschrift und einem so vornehmen Siegel, daß er sich gar nicht getraut hatte, es aufzumachen. Aber dann hatte er es doch ehrfurchtsvoll aufgebrochen und hatte gelesen und wieder gelesen: ›Mr. Maurice Rosary als Anteil für die Wiederbeschaffung staatlichen Gutes / ein Prozent / £ 5872.–.–‹ Mit solchen Ziffern zu rechnen, war keine Kleinigkeit, und als der schmächtige Mann auf der Pier in Folkestone ankam, stimmte seine letzte Aufstellung mit der von einer halben Stunde vorher schon wieder um zwanzig Pfund nicht. Aber zwanzig Pfund waren schließlich eine Bagatelle, und Mr. Rosary wollte sich damit nicht den großen, feierlichen Augenblick verderben, da er der jungen Lady, die seine Nachbarin gewesen war und die eigentlich eine feine Dame war, seine Glückwünsche darbringen wollte.

Er war bei ihr eingeladen gewesen in ›Falcon Lair‹ und hatte dort fast so guten Tee und Zwieback bekommen wie bei ihr in Stratford, und sie war genauso freundlich zu ihm gewesen wie in ihrem kleinen Zimmer, und ein General hatte ihm auf die Schulter geklopft.

Der gute Mr. Rosary hatte so viel zu rechnen und zu denken, daß die Stunden, die er warten mußte, im Fluge verstrichen, aber als die Lady an der Pier auftauchte, bemerkte er sie doch sofort. Sie trug einen kostbaren Mantel und einen wunderschönen Hut, und sie lachte, daß man alle ihre herrlichen Zähne sah.

Mr. Rosary schwang in der einen Hand seine neue Melone, in der anderen den Blumenstrauß, und als die schöne junge Frau, der alle Blicke bewundernd folgten, vor ihm stand, ließ er seinen wohleingelernten Spruch los:

»Gott segne Sie, Mylady, und Ihren hohen Herrn Gemahl« – dabei schielte er neugierig nach dem großen, vornehmen Mann an ihrer Seite, den er noch nie gesehen hatte – »und Ihre Kinder und Kindeskinder . . .«

Sie nahm den großen Blumenstrauß und schüttelte Mr. Rosary lang und herzlich die Hand, und auch der große Herr tat das, und dann gingen sie aufs Schiff, und Mr. Rosary schwenkte ununterbrochen und mit großer Lebhaftigkeit seinen Hut.

Der eine der überwachenden Kriminalbeamten an der Landungsbrücke richtete sich stramm auf und stieß seinen Kollegen an.

»Hast du ihn gesehen?« raunte er ihm hastig zu. »Was habe ich dir damals gesagt? – Der Sturmvogel! – Kaum war er zurück, hat er diesmal den Mädchenhändlern in der ganzen Welt einen großen Coup verpatzt. ›Ein vernichtender Schlag gegen den internationalen Mädchenhandel‹, haben die Zeitungen geschrieben. Allein in Old Bailey gab es drei Todeskandidaten und zusammen rund hundertfünfzig Jahre Zuchthaus. – Und jetzt hat er wohl etwas Neues vor, weil er wieder hinübergeht«, schloß der Mann erwartungsvoll.

»Aber nicht das, was Sie glauben«, mischte sich der erfahrene Inspektor ein, der hinter ihnen stand. »Diesmal geht er mit seiner jungen Frau.«

Die Schrauben begannen bereits zu arbeiten, als ein Mann im Laufschritt über die Brücke gestürmt kam. In der einen Hand schwang er einen riesigen Brief, und seine Augen flogen suchend über das Deck.

»Tim«, rief Sibyl mit besorgter Überraschung, und Passmore ging ihm eilig entgegen, um ihm das Schreiben abzunehmen. Er riß es hastig auf, überflog es und kam dann mit einem eigentümlichen Zucken um den Mund zurück.

»Was gibt es?« fragte die junge Frau ernst.

Er reichte ihr wortlos das Blatt, das von der Hand des Generals mit großen Buchstaben bemalt war und legte seinen Arm wieder in den ihren.

Sibyl Passmore las:

›Oberst Passmore. – Bei Berechnung Irrtum unterlaufen. Da Juli nicht dreißig, sondern einunddreißig Tage, erwarte bewußte Meldung bereits 14. Oktober. – General Norbury.‹

»Das verstehe ich nicht«, sagte sie ratlos. »Was soll das heißen?«

Er lächelte verschmitzt und beugte sich dann zu ihrem Ohr.

Im nächsten Augenblick bekam er eine leichte Ohrfeige, und die junge Frau blickte schmollend zur Seite.

»Daß der Onkel einfach unmöglich ist, wußte ich schon lange«, sagte sie empört, »aber daß du dich auf solche Verpflichtungen einläßt . . .«

Fünfzig Schritte von dem Kanaldampfer entfernt lag ein festlich bewimpeltes silbergraues Boot, und Steve Flack und der schweigsame Patrick standen frisch gewaschen und in ihren besten Anzügen an der Reling. Der Steuermann strich seinen stichelhaarigen, kantigen Bart kräftig gegen die Nase und stieß dabei den Rauch der drei Zigarren aus, die er an diesem Vormittag bereits geschmaucht hatte.

Aber nun war es wohl an der Zeit, dem Sohn seiner seligen Schwester das zu sagen, was er ihm als ehrlicher Schotte sagen mußte.

»Patrick«, begann er feierlich und nachdrücklich, »wenn das Schiff mit dem Herrn und der jungen Lady vorbeikommt, so hast du so laut ›Hipp, hipp, hurra!‹ zu schreien, als ob du zehn Pfund, hundert Zigarren und drei Flaschen Whisky bekommen hättest. Das ist allerhand, und dafür kann man schon das Maul gehörig aufreißen. – Und wenn ich die Sachen an mich genommen habe«, schloß er etwas nebenbei, »so war das nur deshalb, weil ich nicht zugeben kann, daß der Sohn meiner seligen Schwester ein Lump wird. Übrigens erbst du ja ohnehin einmal alles, was ich hinterlasse.«

 

Ende

 

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