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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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39

Wenn Sir Humphrey nicht das tückische Knie plagte, schlief er wie ein Murmeltier, und von der etwas lärmenden Geschäftigkeit, die in der verflossenen Nacht über eine Stunde in ›Falcon Lair‹ geherrscht hatte, war daher nicht ein Laut an sein Ohr gedrungen.

Erst nach dem Frühstück erfuhr er einiges darüber, als Mrs. Chilton wieder einmal unangemeldet in sein Zimmer trat.

»Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Sir Humphrey. – Sibyl ist hier . . .«

Etwas in ihrem Ton machte den General ein bißchen unsicher.

»Fein«, meinte er. »Soll herunterkommen.«

»Das wird kaum gehen. – Sie hat eine riesige Beule am Kopf. So groß.« Die Hausdame zeigte ihre geballte Hand. »Und ganz blutunterlaufen . . .«

Sir Humphrey hörte mit gespitzten Ohren zu und rückte unruhig in seinem Stuhl hin und her. Etwas in dem blassen Gesicht der Frau, in ihren Augen und in ihrer Stimme gefiel ihm immer weniger. Wegen einer Beule brauchte sie ihn nicht so eigen anzusehen, und er sagte ihr dies auch.

»Das nächste Mal wird es ein Loch im Kopf sein«, fuhr Mrs. Chilton hartnäckig fort. »Und dann werden Sie alter Narr mit Ihrer verrückten Erziehung daran schuld sein. Das wollte ich Ihnen nur gesagt haben.«

Mrs. Chilton schlug die Tür hinter sich zu, und Sir Humphrey riß nervös an seinem Kragen.

Oben drückte die Hausdame vorsichtig eine Klinke nieder und steckte behutsam den Kopf durch die Tür.

»Um Gottes willen, Sibyl«, sagte sie erschreckt und vorwurfsvoll, »was treiben Sie denn? Der Arzt hat doch angeordnet, daß Sie zwei Tage zu Bett zu bleiben habe, weil Sie unbedingt Ruhe brauchen.«

»Was weiß so ein alter Doktor, was ich brauche«, wehrte die junge Dame respektlos ab und ließ die Feder weiter über das Papier gleiten.

»Was schreiben Sie denn da so Dringendes?« fragte Mrs. Chilton wirklich neugierig und kam näher.

Sibyl hob das Gesicht, das auch mit der unschönen Bandage, die fast über die ganze eine Hälfte reichte, noch immer entzückend aussah, und blinzelte mit dem einen freien Auge.

»Etwas sehr Interessantes. Aber Sie bekommen es erst zu lesen, wenn es gedruckt ist.«

Die Hausdame seufzte bekümmert und strich ihr mit mütterlicher Zärtlichkeit über das Haar.

»Wann werden Sie diese Streiche endlich sein lassen, Sibyl?« fragte sie ernst.

Das eine Auge wich ihrem Blick scheu aus, aber dann polterte plötzlich ein Stuhl, und an Mrs. Chiltons Hals hing ein bitterlich schluchzendes Geschöpf.

»Bald, liebste Mrs. Chilton. – Beten Sie, daß es recht bald ist . . . Ach, ich bin ja so . . .«

Die gute Mrs. Chilton tröstete und lächelte. »Sie sind erregt, Kindchen, und brauchen wirklich Ruhe. Also, hübsch wieder zu Bett, und am Nachmittag werden wir uns dann aussprechen.«

Sibyl nickte lebhaft, aber sie folgte dem Rat nicht.

Kaum war Mrs. Chilton verschwunden, zog sie aus ihrem Kleid andächtig ein in Form einer Binde zusammengelegtes Taschentuch hervor und preßte es an die Lippen, genau an der Stelle, wo die Buchstaben O. P. eingestickt waren.

 

Von der eine Meile entfernten Abtei begann gerade die Mittagsglocke zu bimmeln, als sich Tim an der Tür stramm aufbaute.

»Herr General, melde gehorsamst, Herr Oberst Passmore.«

»Reglementsmäßiger Empfang!« schnarrte Sir Humphrey zurück, und Tim zeigte wieder einmal, was er konnte, und schon drei Minuten später stand alles bereit.

»Ich komme mich nach dem Befinden von Miss Norbury erkundigen«, erklärte der Oberst unbefangen. »Ich habe von Sir Guy gehört . . .«

Der General schüttelte ihm sehr lange und kräftig die Hand.

»So? Sie haben gehört?« stieß er etwas zerstreut und abgehackt hervor. »Ich habe auch davon gehört. Eine Beule, jawohl . . . Ich habe den Racker zwar noch nicht gesehen, aber . . .«

In diesem Augenblick fuhr durch das Strategengehirn Sir Humphreys blitzgleich ein Gedanke – so gewaltig und genial, daß er fast selbst davor erschrak. Er klingelte Tim.

»Wo ist Mrs. Chilton?« fragte er vorsichtig.

»Sie schläft und will erst um ein Uhr geweckt werden.«

Sir Humphreys rotes Gesicht war ein einziges satanisches Grinsen, als er am Arm Passmores und des Dieners den schwierigen Weg nach dem Oberstock einschlug. Er fluchte dabei heute nicht und polterte nicht einmal, und alles ging so lautlos wie möglich. Vor einer der Türen machte der General ein lebhaftes Zeichen, und der Oberst klopfte gehorsam an. Auf das leise »Herein« öffnete er und wollte Sir Humphrey den Vortritt lassen, aber plötzlich fühlte er sich ins Zimmer gestoßen, und im Schloß drehte sich energisch der Schlüssel . . .

Miss Sibyl Norbury blinzelte eine Weile, dann wischte sie sich das eine strahlende Auge, und als das alles nichts nützte, wollte sie eine kleine Grimasse schneiden. Aber es gelang ihr nur mit der einen Gesichtshälfte, weil die andere furchtbar spannte; und da sie nun wirklich nicht mehr wußte, wie sie sich in diesem schrecklichen Augenblick verhalten sollte, kreuzte sie rasch die Arme auf den Tisch und barg das Gesicht darin.

»Ich schäme mich so«, flüsterte sie verzweifelt. »Gerade im Gesicht . . . Nun kann ich einen Monat wie ein geschecktes Kalb herumlaufen . . .«

Er hob zärtlich ihren feinen Kopf, sah lächelnd in das strahlende eine Auge und küßte sie dann glückselig auf den Mund.

»Du bist so schön und süß, Sibyl«, flüsterte er, »daß dir auch das nicht schaden kann.«

Erst nach einer sehr, sehr langen Weile kamen sie dazu, auch über gewöhnliche Dinge zu sprechen und sich mit den Blättern zu befassen, die auf dem Tisch lagen. Sie lasen sie Wange an Wange und mit einigen längeren Unterbrechungen durch, aber als sie endlich doch fertig waren, griff Passmore die Papiere auf und steckte sie zu sich.

»Die interessante Geschichte hast du wohl für mich geschrieben?« meinte er dankbar.

»Nein, für die Zeitung«, widersprach sie entschieden. »Ich bekomme dafür zehn Pfund.«

»Nicht zehn Pence, Liebling«, gab er schadenfroh zurück. »Ich habe den heutigen Abendblättern bereits einen viel fetteren Bissen in den Rachen geworfen.«

»Schäbiger Konkurrent«, sagte sie enttäuscht und verstimmt. »Aber ich habe mir gleich am ersten Tag so etwas gedacht.«

»Und ich habe mir damals auch etwas gedacht«, deutete er geheimnisvoll an.

»Was?« forschte sie mißtrauisch.

»Daß du das herrlichste Geschöpf der Welt bist und daß du mein werden mußt . . .«

Das tröstete sie einigermaßen über den Verlust der zehn Pfund.

Noch einmal schoß Mrs. Chilton in diesen Stunden in das Arbeitszimmer Sir Humphreys, und zwar diesmal nicht nur unangemeldet, sondern sogar ohne überhaupt anzuklopfen.

»Ich habe gehört, daß Oberst Passmore gekommen ist«, stieß sie hervor. »Wo ist er?«

Der General verzog den Mund von einem Ohr zum anderen, fletschte die Zähne und wies mit seinem langen Bleistift grinsend nach der Decke.

»Wo?« rief die Hausdame erregt.

»Oben«, brüllte Sir Humphrey zurück. »Oben«, wiederholte er nochmals, und sein Feixen wurde immer triumphierender. »Bei Sibyl – eingesperrt . . . Und den Schlüssel habe ich hier.« Er klopfte herausfordernd auf seine Tasche, aber plötzlich wurde er kleinlauter. Mrs. Chilton stand hoch aufgerichtet wie eine Statue vor ihm, und ihr Gesicht schien aus Stein.

»Sir Humphrey, geben Sie den Schlüssel heraus oder . . .«

Der General fuhr mit einem hastigen Griff nach dem Fach und warf den Schlüssel maulend auf den Tisch. Ein Frauenzimmer mit solchen Augen konnte alles mögliche anstellen.

Mrs. Chilton steckte oben den Schlüssel geräuschlos ins Schloß und klopfte. Als sie keine Antwort erhielt, trat sie ein, war aber schon in der nächsten Sekunde wieder unten und schoß in aufgeregter Geschäftigkeit durch das Haus.

An diesem Tag gab es in ›Falcon Lair‹ eine allgemeine Amnestie, zweitens ein Frühstück nach Punkt sechs der von General Norbury erlassenen Verpflegungsvorschriften und drittens ein Galadiner, wie es eigentlich sonst nur für den Besuch hoher und höchster Herrschaften vorgesehen war.

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