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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
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36

Allan Ferguson war Tag und Nacht mit seinen Plänen und Vorbereitungen beschäftigt, und das nahm ihn so in Anspruch, daß er sich wirklich bald am Ende seiner Kräfte fühlte. Er wurde immer fahriger, schreckhafter und gereizter, und jede Kleinigkeit konnte ihn aus dem Häuschen bringen.

An diesem Abend ärgerten ihn die schweren Schritte, die plötzlich über ihm herumtappten und dumpf durch die lautlose Stille seines Arbeitszimmers klangen. Zuerst hob er unwillig den Kopf, dann sprang er wütend auf, und als er unter dem Lüster einige winzige Mörtelstücke auf dem Teppich bemerkte, klingelte er dem Hausmeister, der seit einigen Tagen aushilfsweise Dienst tat.

»Was haben Sie da oben für eine Elefantenherde?« brüllte er ihn an. »Die Kerle werden mir noch den Plafond auf den Kopf trampeln.« Er wies empört auf die Kalkspuren, und der andere betrachtete sich, sichtlich betroffen, die Bescherung.

»Es sind sonst sehr ordentliche Leute, Sir«, versicherte er hastig, »und ich werde das natürlich sofort abstellen.«

Er stieg wirklich in großer Eile die Treppe hinauf und klingelte, worauf ein bärtiges Männergesicht mit einer Brille in der Tür erschien. Der Hausmeister nahm höflich seine Mütze ab und schob sich in den Vorraum, wo er im Flüsterton erregt losbrach.

»Zum Teufel, was treibt ihr denn hier: Ferguson beklagt sich über euren Lärm, und sein Teppich ist voll Mörtel. Wenn er Lunte riecht, können wir eiligst einpacken.« Er trat, ohne eine Antwort abzuwarten, in das erste Zimmer, das wie ein dürftig eingerichtetes Kontor aussah, und öffnete dann die Tür zu dem Nebenraum, den er mit einem raschen, forschenden Blick überflog. Es stand hier nur ein langer Tisch mit Telefonapparaten, verschiedenen Schachteln und einem Kästchen, das an einen Steckkontakt angeschlossen war und wie ein Uhrwerk tickte. Ein zweiter Draht lief zu einem niedrigen schwarzen Blechzylinder, der in der Mitte des Zimmers in den Fußboden eingelassen war.

Einer der beiden Leute, die hier in dem Raum weilten, trug Kopfhörer, der zweite lag auf dem Boden und sah aufmerksam in einen verstellbaren Spiegel, der den Zylinder schräg abschloß. »Wir mußten leider die Trommel auswechseln, da sie nicht mehr glatt lief«, erklärte mittlerweile der Mann mit der Brille entschuldigend. »Dabei hat er sich seit Mittag immer nur für wenige Minuten aus dem Zimmer entfernt, und wir müssen froh sein, daß es so abgelaufen ist.«

Der ›Hausmeister‹ schloß leise wieder die Tür und ließ sich auf einen der Stühle im ersten Raum nieder.

»Nun, da er einmal aufmerksam geworden ist, heißt es doppelt vorsichtig sein«, schärfte er dem anderen ein, »aber lange wird es wohl nicht mehr dauern.« Er dämpfte seine Stimme noch mehr, und sein Gesicht bekam einen sehr ernsten Ausdruck. »Vielleicht geht schon heute nacht etwas Besonderes vor, denn um das Haus lungern einige Gestalten herum, die mir nicht gefallen wollen. Also, halten Sie sich bereit, und sowie sich eine Gelegenheit gibt, machen Sie sich über den Schreibtisch. Den Zimmerschlüssel haben Sie ja, und mit der Schublade wissen Sie auch umzugehen. – Zuerst die Depeschen, dann die Listen und Bücher. Es müssen aber haarscharfe Aufnahmen sein.« Er nickte kurz und stieg ziemlich geräuschvoll wieder nach unten, und Ferguson hatte den ganzen weiteren Abend keine Veranlassung mehr, sich über irgendwelche Störung zu beklagen. Er konnte in aller Ruhe seine Papiere ordnen und sich dann aus dem Kursbuch und den letzten Schiffslisten verschiedene Notizen machen. Dabei füllte sich das Zimmer mit immer dichteren Rauchwolken, und sein feistes Gesicht begann von dem schweren Whisky, den er Glas um Glas hinunterstürzte, immer feuriger zu glühen.

Endlich schien er mit seinen Reiseplänen im reinen zu sein, denn er schob mit einem breiten Schmunzeln die Fahrpläne zur Seite, steckte die Notizen zu sich und lehnte sich mit schläfrigen Augen zurück. Dann fiel ihm noch etwas ein, und er machte sich an dem Geheimfach zu schaffen. Als die Lade heraussprang, holte er aus der unteren Abteilung die Spezialkarte hervor und barg sie in seiner Brusttasche, hierauf legte er die Depeschen bereit und betrachtete mit sichtlicher Befriedigung noch einmal die bunten Fähnchen in der Lade.

Es war nun alles soweit, und er konnte sich mit den letzten Weisungen an seine Agenten auf den Weg machen.

Der nächtliche Spaziergang zum Telegrafenamt hatte für den trägen Mann nichts sonderlich Verlockendes, und er schob ihn noch eine geraume Weile hinaus. Aber schließlich raffte er sich doch auf und begann zunächst seine mächtigen Glieder zu strecken und mit schweren, etwas unsicheren Schritten auf- und abzumarschieren. Dann blickte er nach der Uhr, die einige Minuten nach elf zeigte, und wandte sich nach dem Nebenzimmer, um Überrock und Hut zu holen . . .

Der Vorhang, der die tiefe Türnische völlig verdeckte, fiel hinter ihm zu, aber der Stoff war noch nicht ganz zur Ruhe gekommen, als er auch schon wieder in lebhafte Bewegung geriet. Ein kurzer, dumpfer Laut, wie ein verzweifeltes Aufstöhnen, drang sekundenlang hinter dem wallenden, dicken Samt hervor, dann glitt der massige Körper Fergusons, von unsichtbaren Händen gestützt, in das Zimmer zurück. Aus dem aufgetriebenen, blauroten Gesicht starrte ein Paar gebrochener Augen und durch die Glieder ging ein letztes Zucken . . .

Minutenlang herrschte Totenstille, und nur von irgendwoher klang ein leises Surren und Knacken.

Auf einmal aber teilte sich der Vorhang neuerlich, um drei lautlose Schatten durchzulassen. Zwei machten sich mit Ferguson zu schaffen, der dritte glitt zum Schreibtisch, der noch immer offenstand. Sie arbeiteten mit Gummihandschuhen, und jeder ihrer Handgriffe geschah rasch und mit ruhiger Sicherheit. Plötzlich hielt der eine von ihnen inne, warf einen raschen Blick auf das zusammengefaltete Blatt, das er aus der Tasche des Leblosen gezogen hatte, und wandte sich hastig nach dem Nebenraum.

»Ich glaube, ich habe sie«, tuschelte er aufgeregt.

»Licht aus!« kam es befehlend zurück, und gleich darauf knackte auch schon der Schalter.

Ein kleiner kreisrunder Schein tauchte aus der Portiere, und eine Hand streckte sich nach der Karte aus . . .

In diesem Augenblick flammte an der Decke ein stechender Schein auf, der das ganze Zimmer sekundenlang in blendendes weißes Licht tauchte.

»Zum Teufel«, zischte eine entsetzte Stimme – dann lag alles wieder in tiefstem Dunkel, und lautlos, wie er gekommen war, zerstob der Spuk.

Der bärtige Mann mit der Brille, der im Obergeschoß aufgeregt ins Telefon sprach, hatte eine feuchte Stirn, und die Hand, die den Hörer hielt, zitterte.

»Sie haben ihn erwürgt«, stieß er hervor. »Er hat die Schnur noch um den Hals. Dann mußte ich Vakuumblitz verwenden.«

»Glauben Sie, daß alles gelungen ist?«

»Ich hoffe es«, gab der Bärtige zurück. »Aber da wir jetzt ruhig abmontieren dürfen, kann ich es Ihnen in einer Viertelstunde ganz genau sagen.«

»Gut«, kam es gelassen zurück. »Und dann machen Sie unten die Aufnahmen. Sie haben ja nun die ganze Nacht vor sich.«

 

Gegen elf Uhr nachts hielt ein Taxi, an dem der Schmutz einer weiten Fahrt über Land klebte, vor einem kleinen Haus nächst der Vauxhall-Brücke. Der Fahrer schloß einen angebauten Schuppen auf, brachte den Wagen hinein und verschwand dann mit seiner Aktentasche über einen verwahrlosten Hof im Flur. Nach einer knappen Viertelstunde erschien er wieder, ging zu dem kaum dreißig Schritte entfernten Flußufer hinunter und band ein Boot los. Er stieß ab, tat einige kräftige Ruderschläge und ließ sich dann von der Strömung langsam treiben. Über dem Wasser lag ein undurchdringlicher Dunstschleier, aber der Mann brauchte keine Sicht, denn er hatte den Weg bereits ungezählte Male gemacht und hatte ihn im Gefühl.

Nach etwa zwanzig Minuten steuerte er wieder gegen das Ufer, und gleich darauf lief der Kahn mit einem leisen Knirschen auf. Der Mann legte an einem rostigen Haken in dem Mauerwerk an und tastete mit dem Fuß vorsichtig nach den aufwärtsführenden Stufen. Die erste und zweite nahm er mit der Sicherheit langer Gewöhnung, auf der dritten glitt er auf einer schlüpfrigen Masse aus und plumpste wie ein Sack ins Wasser. Einige Sekunden später tauchte ein Stück weiter sein Kopf wieder auf, und seine Arme paddelten mit flinken Bewegungen der Ufermauer zu. Er hatte sie fast schon erreicht, als plötzlich eine Riesenhand nach seinem Kragen griff.

Der arme Mann pustete geräuschvoll und schnappte nach Luft, und Steve Flack sah ihm mit lebhafter Neugierde in das triefende Gesicht.

»Bei meiner Seele, er ist's!« sagte er zu Patrick, der an den Rudern saß, und diese Feststellung beschäftigte ihn so, daß er den Arm, der das strampelnde Bündel hielt, aus Zerstreutheit wieder ins Wasser tauchte. Er dachte an seine erste Begegnung mit dem Mann mit dem Messer, an den Schweinehund, der sich an seinem Whisky zu schaffen gemacht hatte und an die vorletzte Nacht, da ihm sein Freund um ein Haar das Lebenslicht ausgeblasen hätte.

Das waren höchst unangenehme Gedanken, die den Bart des Steuermanns in grimmiger Bewegung hielten, aber schließlich erinnerte sich Steve doch an das Rettungswerk und hob seinen Arm wieder etwas hoch.

 

Inspektor Miles von Scotland Yard steckte seit länger als einer Stunde mit acht handfesten Leuten in dem verfallenen Haus in Lambeth, und noch peinigender als die Spannung war sein Bangen vor einer ganz bestimmten Möglichkeit. Wenn die Sache fehlschlug, war er morgen ein erledigter Mann.

Endlich kamen schwere Schritte durch den Flur und die Treppe herauf, und hinter der rissigen Tür zeigte sich ein schwacher, flackernder Lichtschein.

Fred Slater schlich eine Weile mit zittrigen Knien umher, und seine verquollenen Äuglein suchten unstet und ängstlich jeden Winkel ab. Seine gestrige Courage war ihm in einem lichten Augenblick völlig abhanden gekommen, und er war so bange geworden, daß er sogar den Suff vergessen hatte. Der ›Padischah‹ war ein hinterlistiger Hund, bei dem man sich vorsehen mußte. Dazu kam noch die Sache mit dem Fläschchen, die er sich nicht erklären konnte, bei der aber irgend etwas nicht geheuer war.

Der kleine, dicke Mann schwitzte vor Angst, und erst als sich nach und nach die anderen einstellten, die er mit großer Beflissenheit zusammengetrommelt hatte, begann er sich etwas sicherer zu fühlen. Und da der Alte seine verdammten Augen und Ohren überall hatte, konnte er sich vielleicht bei ihm wieder in gutes Licht setzen, wenn er den Leuten zunächst einmal selbst gründlich die Meinung sagte.

Er zählte die eleganten Gentlemen, die verdrießlich und schweigsam den Raum füllten, etwas umständlich mit dem Finger ab, und als er bis neun gekommen war, nickte er befriedigt. »Stimmt«, sagte er. »Ich hätte es auch keinem geraten, sich zu drücken. Wenn ich etwas befehle, gibt es so etwas nicht. Und der Chef –«

Dem sehnigen ›Reiter‹ ging die Geduld aus.

»Halt den Mund, du alter Säufer!« schrie er wütend. »Glaubst du, ich bin in dieses stinkende Rattenloch gekommen, um deine Wichtigtuereien anzuhören? Sieh lieber zu, daß dieses Affentheater nicht zu lange dauert. Ich habe meine Zeit nicht gestohlen, und wenn dein Chef nicht auf die Minute pünktlich ist . . .«

Diesmal wurde dem unhöflichen ›Reiter‹ selbst das Wort abgeschnitten, da das Schnarren des Telefons sich hören ließ.

Die meisten der ›Schlepper‹ hatten bereits die eine oder andere Zusammenkunft mitgemacht und wußten, was nun kommen würde. Zumeist pflegte sie der ›Padischah‹ gehörig abzukanzeln und dann immer in ihrem Lohn zu drücken, bevor er davon sprach, worum es sich eigentlich handelte. Und obwohl sie alle wußten, daß es dabei mit ganz natürlichen Dingen zuging, verfehlte die Stimme des unsichtbaren Chefs nie ihre Wirkung.

Slater schoß eilig zum Apparat, und sein Ton war ehrerbietig und diensteifrig, wie schon lange nicht, als er sich meldete und die Parole abgab. Aus alter Gewohnheit hielt er den Hörer krampfhaft ans Ohr gepreßt, aber es währte einige Sekunden, bis eine Antwort kam.

»Haben Sie die ganze Gesellschaft beisammen?« schallte es endlich blechern und hohl durch den Raum, und unwillkürlich flogen aller Augen scheu über die kahlen Wände und zur Decke, um das Rätsel vielleicht doch zu ergründen.

»Jawohl, Sir«, beeilte sich mittlerweile der kleine Dicke zu versichern. »Es sind alle hier. Schon seit einer Viertelstunde.« Wieder trat eine kurze Pause ein, bevor der Lautsprecher fortsetzte.

»Gut, dann passen Sie also auf! Inspektor Miles, schreiten Sie ein!«

Die letzten Worte hallten durch das ganze Haus und schienen es in seinen Grundmauern zu erschüttern. Die morsche Tür polterte krachend ins Zimmer, und der elegante Herr, der sich lässig dagegen gelehnt hatte, flog dem versteinerten Slater vor die Füße. Dann brach ein schwarzer Haufen herein, und zehn baumlange Männer fegten die Leute des ›Padischah‹ in eine Ecke, bevor diese überhaupt begriffen, was vorging.

Der Inspektor stand in der Mitte und strahlte über das ganze Gesicht. Die Geschichte war gegangen wie am Schnürchen, und nun sollte ihm noch einer sagen, daß er sein Handwerk nicht verstand. Der Erfolg machte ihn ungemein liebenswürdig.

»Entschuldigen Sie, Gentlemen, daß wir so hereingeplatzt sind«, kicherte er launig. »Fein gemacht, was? Nun halten Sie nur noch hübsch die Hände hoch, damit es nicht ein böses Mißverständnis gibt.«

Die Gesellschaft gehorchte mit großer Eilfertigkeit, denn Gewalt gehörte nicht zu ihren Aufgaben und war auch völlig aussichtslos. Da mußte man sich schon wieder einmal darauf verlassen, daß die Gesetze Maschen hatten, durch die ein geschickter Mensch ganz gut hindurchschlüpfen konnte.

Miles sah einem nach dem anderen mit hämischem Grinsen ins Gesicht, und als er zu Fred Slater kam, wurde er besonders freundlich.

»Sieh da, mein Dicker«, sagte er, indem er den Hut abnahm und sich lebhaft die Glatze rieb, »gerade gestern habe ich mir gedacht, wann wir wohl wieder einmal zusammenkommen werden. – Als ich Sie in dem Restaurant gesehen habe, wo Sie so komische Dinge trieben . . .«

Er blinzelte vielsagend, aber Fred Slater wurde blaugrau und mußte an der Wand Halt suchen, weil ihm die Knie den Dienst versagten.

Eine Viertelstunde später verließ ein dicht besetztes Polizeiauto die kleine Gasse in Lambeth, und fast um dieselbe Minute beförderte unten am Fluß Steve Flack ein tropfendes und zappelndes Bündel mit einem kräftigen Schwung auf eine sandige Stelle.

»So, mein Bursche«, rief er ihm nach, »mehr kann ich heute nicht für dich tun. Sieh zu, daß du rasch irgendwo ins Bett kommst, sonst verkühlst du dich noch zu Tode, bevor man dich henken wird.«

Er war mit seinem freundschaftlichen Rat noch nicht zu Ende, als der Mann auch schon aufschnellte und mit Riesensätzen in der Dunkelheit verschwand.

Noch in derselben Nacht lenkte der Mann mit der Aktentasche seinen kotbespritzten Wagen wieder aus dem Schuppen nächst der Vauxhall-Brücke, fuhr über den Fluß und dann am linken Ufer nach Osten. Erst unten vor West Thurrock hielt er an und verschwand für eine Weile in der Dunkelheit. Als er zurückkehrte, bog er mit dem Auto von der Landstraße ab und nahm einen ausgefahrenen Weg zur Themse. Hier stoppte er neuerlich, ordnete einige Gegenstände, die im Wagen lagen, stieg dann aus, ließ den Motor wieder anspringen und schaltete plötzlich die höchste Geschwindigkeit ein.

Eine dunkle Masse schoß surrend und ratternd in die undurchdringliche Nebelwand – dann vernahm das aufmerksam lauschende Ohr des Mannes ein Krachen und Klirren und schließlich einen gewaltigen Schlag ins Wasser.

Nach einer weiteren halben Stunde tauchte der Mann mit seiner Aktentasche an einem der kleinen Themsearme auf, wo ein Boot mit einem blauen Licht an dem kurzen Mast dicht am Ufer lag. Die beiden verschlafenen Matrosen, die, in ihr Ölzeug gehüllt, auf den Bänken hockten, fuhren mißtrauisch hoch, aber der Fremde raunte ihnen einige Worte zu, und als er noch einen Händedruck folgen ließ, hängten sie eilig die Ruder ein. Es ging mit der rauschenden Ebbe etwa zwei Meilen stromab und dann in das ruhigere Wasser einer Bucht, wo sich vor ihnen plötzlich die Umrisse eines Schiffsrumpfes schattenhaft aus dem Nebel schoben.

Der Mann mit der Aktentasche kletterte gewandt an Bord, aber Mrs. Melendez erfuhr erst beim Frühstück von der Ankunft des Gastes. Sie hatte endlich wieder einmal eine Nacht ohne beunruhigende Träume verbracht, und das Gefühl der Sicherheit versetzte sie in eine äußerst behagliche Stimmung, die auch die Nachricht von dem unerwarteten Besuch nicht zu beeinträchtigen vermochte. Entweder hatte sich Bayford bereits eingestellt, oder es war irgendeiner von ihren Leuten, der in einer belanglosen Sache kam.

Immerhin war Mrs. Melendez einigermaßen neugierig und tat einige lebhafte Züge aus ihrer Zigarre, während sie erwartungsvoll zur Tür blickte.

Das gedämpfte Licht in der geräumigen Kajüte ließ sie zunächst nur eine undeutliche Silhouette erkennen, aber plötzlich ging es wie ein elektrischer Schlag durch ihren wuchtigen Körper, und sie stieß mit weitaufgerissenen Augen den Kopf vor.

»Du . . .?« kam es heiser aus ihrem dicken Hals, und in ihrem unruhigen Blick lag ein Gemisch von Bestürzung, Wut und Furcht.

Aber der Mann war von dieser Begegnung nach sechs Jahren weit weniger berührt.

»Ja, ich«, sagte er mit einem unverfrorenen Lächeln, indem er sich ohne sonderliche Umstände am Frühstückstisch niederließ. »Entschuldige, daß ich mich nicht angemeldet habe, aber . . .«

Mrs. Melendez begann die lähmende Überraschung zu überwinden.

»Du Schuft! Du Dieb!« zischte sie wütend. »Was suchst du hier?«

»Dich«, gab er liebenswürdig zurück. »Das heißt, ich will mich dir keineswegs aufdrängen«, fuhr er bescheidener fort, als er in das verzerrte Gesicht der Frau sah, »sondern möchte dich nur bitten, mich eine Strecke Wegs mitzunehmen.«

»Den Teufel werde ich!« fauchte sie, indem sie ihn lauernd beobachtete. »Wahrscheinlich ist man hinter dir her. Aber auf mich darfst du nicht zählen. Der Tag, an dem sie dich henken, wird der schönste meines Lebens sein.«

Sie fletschte bösartig die Zähne, und zum erstenmal verriet der Mann einiges Unbehagen. Er zuckte nervös mit dem Kopf und schien noch um einen Ton blasser, aber dann begann er zu blinzeln, und um seinen Mund erschien ein drohendes Lächeln.

»Das wohl kaum«, meinte er gedehnt. »Schließlich gehören wir zusammen, und wenn mir etwas Derartiges widerfahren sollte, würdest du jedenfalls deine Witwenjahre in einer etwas weniger angenehmen Umgebung vertrauern müssen, als du sie gewohnt bist.«

Mrs. Melendez verstand die versteckte Drohung sehr wohl und wußte, daß er auch der Mann war, sie auszuführen. Sie erinnerte sich an ihre schlimmen Träume und wurde etwas kleinlauter. Aber von einer Sache, die sie nicht verwinden konnte, mußte sie doch noch sprechen.

»Was hast du mit meinem Geld gemacht, du Lump?« stieß sie keuchend hervor. »Es waren über dreißigtausend Goldpesos. Und der Schmuck war fast ebensoviel wert.«

»Darüber wollen wir lieber nicht sprechen«, schlug er vor. »Wie ich weiß, hast du das Geld leicht verschmerzt, und mir hat es leider nicht viel genützt. Wie gewonnen, so zerronnen. Da es dich freuen dürfte, will ich dir sagen, daß es mir eine Zeitlang hundeelend gegangen ist und daß ich gehörig arbeiten mußte.«

Die dicke Frau ließ ein gereiztes, heiseres Lachen hören.

»Arbeiten! – Du und arbeiten!« krächzte sie giftig. »Seit ich dich kenne, warst du nie etwas anderes als ein nichtsnutziger geldgieriger Zuhälter.«

»War ich«, unterstrich er mit Würde, ohne über ihre Liebenswürdigkeiten sonderlich gekränkt zu sein, »aber ich habe von dir einiges gelernt und mich schließlich ganz gut in das Geschäft gefunden.«

Sie sah ihn überrascht an und begann dann an ihrer erloschenen Zigarre zu kauen.

»Wo?« fragte sie plötzlich halblaut, und als er mit einer kurzen Kopfbewegung nach dem Kajütenfenster deutete, sagte sie mit großer Bestimmtheit: »Also – der ›Padischah‹ . . .«

Er bestritt dies weder, noch gab er es zu, sondern kam auf Dinge zu sprechen, die ihm augenblicklich wichtiger waren.

»Ich hoffe, daß ich das Logis, das man mir heute nacht angewiesen hat, behalten kann. Es genügt für meine Ansprüche vollkommen, und ich möchte weder Umstände bereiten, noch Aufsehen erregen.

Mrs. Melendez wußte, was es mit dieser Bescheidenheit ihres so plötzlich wieder aufgetauchten Gatten für eine Bewandtnis hatte, und all die bangen Ahnungen und Besorgnisse, vor denen sie auf die Jacht geflüchtet war, erwachten in ihr nun von neuem. Wenn die Polizei seine Spur fand, konnte sie durch diesen rücksichtslosen Schurken trotz aller ihrer umsichtigen Vorkehrungen noch in allerletzter Stunde in des Teufels Küche geraten. »Ich wünschte, du hättest dir das Genick gebrochen, als du hierher kamst«, sprudelte sie ihrem Gegenüber haßerfüllt in das fahle Gesicht, und der Mann verstand sie.

»Das habe ich auch getan«, feixte er, aber die ›dicke Zigarre‹ war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, um sich über den Sinn dieser albernen Bemerkung den Kopf zu zerbrechen. Sie dachte nur daran, daß sie so rasch wie möglich fort mußte, und wenn augenblicklich die Nacht und nicht ein sonniger Wintermorgen über dem Strom gelegen hätte, hätte sie noch in dieser Minute das Signal nach der Kapitänskajüte gegeben.

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