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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
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30

»Daß du dich auch wieder einmal um mich kümmerst«, sagte Ferguson ein wenig gekränkt, als sich Bayford um die Mittagsstunde ohne Anmeldung im Kontor einstellte. »Brauchst du etwa Geld?«

»Danke«, erwiderte er unbefangen, »ich bin wirklich nur gekommen, um nach dir zu sehen und zu fragen, ob es etwas Neues gibt. Ich werde dich nicht lange aufhalten, denn du hast wohl alle Hände voll zu tun.«

»Allerdings«, bestätigte der vierschrötige Mann mit wichtigtuendem Augenzwinkern, »heute und morgen sind die entscheidenden Tage. Wenn nichts dazwischenkommt, dürfte in vierundzwanzig Stunden alles zur Einschiffung bereit sein.«

»Und dann?« fragte Bayford leichthin.

»Dann schicke ich die Depeschen ab, durch die unsere Agenten erst erfahren, wo sie die Ware abzuliefern haben. Das ist eine Sache von wenigen Stunden, und sobald die ›dicke Zigarre‹ von ihren Leuten die telegrafische Bestätigung der Übernahme erhält, ist für uns das Geschäft perfekt. Ab Schiff geht alles auf ihre Gefahr.«

Bayford nickte zerstreut. »Eigentlich könnte ich wieder einmal in Kensington vorsprechen. Es ist um diese Jahreszeit furchtbar schwer, den Tag totzuschlagen.«

Ferguson nahm diesen Einfall mit großem Eifer auf. »Tue das. Ich müßte sonst telefonieren, und dabei kann man nicht so deutlich sein. Du kannst ihr auch sagen, daß sie die Schecks bereithalten soll, denn wir brauchen dringend Geld. Das Geschäft hat alle unsere Barmittel in Anspruch genommen. Aber vielleicht schon übermorgen . . .« Er rieb sich die großen, fleischigen Hände und grinste Bayford vielsagend an. »Und du wirst auch zufrieden sein. Wenn ich die Sache vom Halse habe, will ich es mich etwas kosten lassen.«

»Schön, ich werde dich daran erinnern. – Früher bist du wohl nicht für einen Abend zu haben?«

»Nein, heute und morgen nicht. Es kann doch noch die eine oder andere wichtige Nachricht kommen, und außerdem . . .« Er brach unvermittelt ab und blickte seinen Teilhaber mit unruhigen Augen an. »Du hast mir noch gar nichts von Mrs. Smith gesagt. Ich habe davon in den Zeitungen gelesen . . .«

»Da ist nicht viel zu sagen.« Bayford hob gefühlvoll die Schultern. »Ein sehr trauriger Fall. Wahrscheinlich war sie leidend und dazu die anstrengende Lebensweise . . .«

»Und unser Geschäft?« fragte er endlich.

»Das geht natürlich weiter. Ich glaube, wir werden schon in der nächsten Woche den ersten Gewinn einstreichen können. Darüber will ich eben auch mit der ›dicken Zigarre‹ sprechen.«

Er sah sich, schon halb im Gehen, ganz mechanisch noch einmal in dem Raum um, aber der andere drängte ihn ungeduldig zur Tür.

»Hier sieht es etwas unordentlich aus, ich weiß«, meinte er übellaunig. »Gestern ist die Aufwartefrau plötzlich krank geworden und hat einen Ersatz gestellt, der alles Oberste zuunterst kehrt. Aber ich habe andere Dinge zu tun, als mich mit dieser Gesellschaft herumzuschlagen.«

 

Mit einer ähnlichen Entschuldigung wurde Bayford eine Stunde später in Kensington empfangen.

»Sie treffen mich mitten in meinen Reisevorbereitungen«, erklärte Mrs. Melendez, indem sie auf eine Reihe von Koffern und Berge von verschiedenen Dingen wies, die ringsherum zum Einpacken bereitlagen. »Ich besorge das immer selbst, denn auf das Dienstpersonal kann man sich nicht verlassen. Ich hoffe, daß Sie mir gute Nachrichten bringen. Wenn Sie nicht selbst gekommen wären, hätte ich Ferguson angerufen, um ihm meine Meinung zu sagen. Seinetwegen werde ich mir hier nicht den Tod holen. Das englische Klima um diese Jahreszeit vertrage ich nicht, und wenn Ihr Teilhaber sich etwas mehr beeilt hätte, wäre ich schon längst wieder drüben. – Wie steht es also?«

»Er glaubt, die Sache nun binnen zwei Tagen zu Ende zu bringen«, erklärte er, und die fette Frau griff erleichtert nach der Zigarre, um einige tiefe Züge zu tun.

»Gott sei Dank! Vor Abschluß dieses Geschäftes wäre ich nicht gerne abgereist, denn wenn ich unterwegs bin, will ich alles in Ordnung wissen. Und Montag nacht muß ich unterwegs sein . . .«

Mrs. Melendez machte eine Pause und klopfte umständlich die Asche ab. Dies schien Bayford der geeignete Augenblick, um auf den Scheck zu sprechen zu kommen.

»Sagen Sie Ferguson, daß er ein lausiger Krämer ist«, stieß sie gereizt und verächtlich hervor. »Bin ich ihm schon etwas schuldig geblieben? Aber das sieht ihm ähnlich. Die Ware ist noch nicht geliefert, und er drängt bereits wegen des Geldes. Das ist unsolid, und solche Leute liebe ich nicht. Überhaupt« – sie richtete ihre verschleierten Augen forschend auf ihr Gegenüber –, »warum machen Sie sich nicht selbständig? Überlegen Sie sich das einmal. Auf mich können Sie dabei rechnen. Sie sind ein Mann von Welt und nicht so ungehobelt wie Ihr Teilhaber.«

Sie lehnte sich sekundenlang mit geschlossenen Augen zurück, und ihr großes Gesicht mit den Hängebacken schien noch gelber als sonst. Dann neigte sie sich plötzlich dicht zu ihrem Besucher und dämpfte ihre tiefe Stimme zu einem kaum hörbaren Flüstern. »Haben Sie von Mrs. Lee irgend etwas erfahren?«

»Nein«, gab Bayford etwas befremdet zurück, weil ihn ihr Benehmen überraschte, die Antwort schien sie jedoch trotz ihrer Entschiedenheit nicht zu befriedigen.

»Wissen Sie, warum ich es so eilig habe wegzukommen?« murmelte sie erregt. »Weil mir die Dinge hier plötzlich nicht gefallen wollen. Es ist zwar nichts geschehen, aber ich habe seit Tagen ein eigenartiges Gefühl, und ich gebe etwas auf Ahnungen.«

Sie befeuchtete die aufgeworfenen Lippen, und das breite Perlenband um den kurzen, dicken Hals schien ihr zu eng zu werden, denn sie fingerte nervös daran herum.

»Sie werden sehen, daß sich etwas zusammenbraut«, fuhr sie dann in ängstlicher Hast fort. »Schon die Geschichte mit dem ›Schlepper‹ hat mich besorgt gemacht, denn man weiß nie, was aus solchen Dingen entsteht. Und jetzt wieder die Sache mit Mrs. Smith . . . Es wird so Verschiedenes gemunkelt, und ich fange an, mich zu fürchten. – Sie müssen nämlich wissen, daß man unlängst vor meinem Haus ein Zeichen entdeckt hat, das von schlimmer Bedeutung ist. Gerade an dem Tag, an dem Sie zum letztenmal hier waren. Es sah aus wie ein Stern und soll mit bösen Geistern zusammenhängen . . .«

Mrs. Melendez zog zitternd die üppigen Schultern zusammen. Sie war zwar eine nüchterne und tatkräftige Frau ohne jede Sentimentalität, aber dafür besaß sie andere Schwächen. Und auch Mr. Bayford, der zwar weder von Ahnungen noch von Träumen und Geistern etwas hielt, fühlte sich plötzlich nicht wohl, als er an den Drudenfuß erinnert wurde. Trotzdem bewahrte er seine Gelassenheit und versuchte die besorgte Frau zu beruhigen.

»Ich glaube, Sie messen diesen Dingen zuviel Bedeutung bei. Sie hängen sicher in keiner Weise zusammen und . . .«

»Das lasse ich mir nicht nehmen«, widersprach ihm Mrs. Melendez hartnäckig, indem sie mit ihrem beringten Zeigefinger entschieden in die Luft stach. »Ich bin sonst nicht gerade schreckhaft, aber wenn es mich einmal packt, so hat dies einen Grund. Glauben Sie mir, es ist besser, man bereitet sich auf alle Möglichkeiten vor. – Seit gestern liegt meine Jacht unten bei Greenhithe unter Dampf, und ich werde vielleicht schon morgen nacht an Bord gehen. Dort fühle ich mich sicherer als hier, und wenn es Unannehmlichkeiten geben sollte, bin ich in wenigen Stunden außer Landes. Geschieht nichts, um so besser. Dann nehme ich Montag nacht die Gesellschaft aus dem Heim mit. Wir fahren unter amerikanischer Flagge, und die Papiere sind in Ordnung.«

Der Herr mit dem Monokel hatte für diese vertraulichen Mitteilungen das lebhafteste Interesse, und plötzlich sah er hier eine Gelegenheit, die auch ihm unter Umständen sehr dienlich sein konnte.

»Sie haben wirklich für alles vorgesorgt«, meinte er mit einem neidvollen Seufzer. »Uns anderen würde es nicht so leichtfallen, wenn . . .«

Er sprach nicht zu Ende, und die Frau des Hauses hüllte sich in eine dicke Rauchwolke.

»Sie nehme ich mit, wenn es notwendig sein sollte«, erklärte sie dann unvermittelt. »Aber nur Sie, verstanden?«

»Sie sind sehr gütig«, sagte er. »Aber unter dieser Bedingung muß ich leider verzichten.«

»Was soll das heißen? – An wen denken Sie?«

»An meine Frau«, gab Bayford leichthin zurück. »Mrs. Lee . . .«

Die ›dicke Zigarre‹ verharrte einige Augenblicke starr wie eine Statue, dann aber gerieten ihre Hängebacken und ihr mächtiges Kinn in gewaltige Bewegung.

»Bayford«, stieß sie keuchend hervor, »Sie sind der tüchtigste Halunke, der mir in zwei Weltteilen untergekommen ist . . . Das ist natürlich etwas anderes . . .« Ihre ausbrechende Heiterkeit drohte sie zu ersticken. »Mrs. Lee . . .! Großartig . . .«

Sie patschte mit beiden Händen auf die gewaltigen Knie, und ihr kurzatmiges Lachen klang so ansteckend, daß auch Mr. Bayford in ein belustigtes Meckern ausbrach.

Seine gute Laune hielt allerdings nicht lange an, und als er das stille Haus verließ, lag sein hageres Gesicht in sehr bedenklichen Falten. Die plötzliche Ängstlichkeit von Mrs. Melendez war nicht ganz ohne Eindruck auf ihn geblieben und hatte auch seine Sorgen und Befürchtungen wieder lebendig werden lassen. Bei der Sache mit Ferguson und auch bei jener mit Passmore konnte sehr leicht ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen, und er wollte sich nicht darauf verlassen, daß der ›Mächtige‹ ihn dann unbedingt decken würde.

Mrs. Melendez' Anerbieten hätte ihm nicht gelegener kommen können. Hier blieb ihm für den schlimmsten Fall ein gefahrloser und bequemer Weg, um spurlos vom Schauplatz zu verschwinden, und es galt nur noch, auch Mrs. Lee durch eine möglichst harmlose Erklärung für diese Fahrt zu gewinnen.

Das war kein Kunststück, denn die verliebte Witwe hörte kaum zu, sondern nickte nur begeistert. Sie hätte mit diesem herrlichen Mann die Hochzeitsreise auch auf einem schmierigen Frachtdampfer gemacht, und nur für die Besitzerin der Jacht zeigte sie aus gewissen Gründen einiges Interesse.

»Woher kennst du die Dame?« forschte sie. »Ist sie hübsch?«

»Mrs. Melendez ist eine entfernte Verwandte von mir«, erklärte ihr Bayford bereitwilligst. »Eine Kusine zweiten Grades mütterlicherseits, und wir kennen uns schon von Jugend auf.«

Mrs. Lee war beruhigt.

»Wenn du eine Viertelstunde früher gekommen wärest, hättest du meinen Anwalt hier angetroffen«, vertraute sie ihm mit wichtiger Miene an. »Der Mann war nicht wegzubekommen und wollte unbedingt wissen, was los ist, aber ich habe unser Geheimnis nicht mit einem Wort verraten. Er soll ebenso überrascht werden wie die andern.«

»Sehr gut«, lobte Bayford hastig und erleichtert, und Mrs. Lee war ungemein stolz, daß sie seinen Beifall fand.

»Du siehst, ich richte mich ganz nach deinen Wünschen, und meine Angelegenheiten sind nun völlig in Ordnung.« Sie brachte geschäftig einen dicken Briefumschlag herbei, den sie ihm aushändigte. »Hier sind alle notwendigen Dokumente und Vollmachten, aber ich muß dich bitten, sie an dich zu nehmen, denn in diesen Dingen bin ich unbeholfen wie ein Kind.«

»Und wie wird das mit dem Komitee werden?« erkundigte er sich, um rasch von etwas anderem zu sprechen.

»Oh«, gestand Mrs. Lee, »dafür habe ich jetzt wirklich keinen Kopf. Als mir heute die Redaktion mitteilte, daß ihr die bewußten Enthüllungen für die nächste Woche angekündigt worden seien, wußte ich im ersten Augenblick nicht einmal, worum es sich handelte. – Das kommt davon . . .«

Mr. Bayford benützte die Gelegenheit, die Papiere an sich zu nehmen.

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