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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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29

Das Mädchen in Rot war in diesem Augenblick zu einem Entschluß gekommen.

Den ganzen Abend über hatte sie sich die Sache gründlich durch den Kopf gehen lassen, und nun nestelte ihre Hand an dem Turban, um dort einen der glitzernden Pfeile anzustecken. Kaum war dies geschehen, stand der Logendiener neben dem Tischchen. »Der Herr läßt bitten«, flüsterte er, um bereits wieder weiterzueilen, und einige Minuten später verließ auch das Mädchen unbefangen und unauffällig seinen Platz.

Die zweite Begegnung ging fast in der gleichen Weise vor sich wie die erste.

»Sie wünschten mich dringend zu sprechen«, empfing sie der große Mann mit korrekter Höflichkeit, und diesmal versuchte die Rote nicht wieder, die Flucht zu ergreifen. Sie ließ sich vielmehr sofort nieder und legte in ihrer breitesten Mundart los.

»Jawohl, sehr dringend. Wenn ich jedoch gewußt hätte, daß Sie mich so lange warten lassen würden, hätte ich mir's überlegt. Die Sache mit dem Pfeil ist faul. Aber das kann mir schließlich schnuppe sein, denn ein zweites Mal werde ich ihn nicht mehr brauchen. In ein paar Tagen haue ich ab, und ich wollte Ihnen nur vorher noch einiges sagen, worauf Sie so neugierig waren. Schließlich haben Sie mich ja dafür ganz anständig bezahlt, und ich bin keine solche, die etwas umsonst haben will.«

Sie schöpfte nach dieser etwas langatmigen Einleitung eine Sekunde Luft und erwartete irgendeine hastige Frage, aber diese kam nicht, sondern ihr Gegenüber hüllte sich in ein gelassenes Schweigen, das sie etwas aus dem Konzept brachte.

»Also, wie gesagt, Sonnabend geht es los«, begann sie neuerlich mit einem energischen Anlauf. »Ich werde Tänzerin und gehe auf eine Tour. Wenn schon aus der Heirat nach drüben nichts geworden ist, so komme ich doch wenigstens so hinüber, und das ist vielleicht noch gescheiter. Wer weiß, was in mir steckt und wozu ich es noch bringen kann. Vielleicht komme ich einmal sogar zum Film und fahre in meinem eigenen Auto.«

»Und das alles ist bereits abgemacht?« ließ sich endlich die ruhige Stimme des großen Mannes vernehmen.

»Mit Handschlag«, bekräftigte sie ernsthaft, »und da bleibt es dabei. Die blonde Puppe, die an meinem Tisch sitzt, geht übrigens auch mit, und unser Freund hat uns versprochen, daß es sehr lustig werden wird. – Haben Sie ihn schon gesehen? Er ist zwar nicht ganz nach meinem Geschmack«, bemerkte sie so nebenbei, »aber alles kann man nicht verlangen. Der andere, der elegante Braune, würde mir besser gefallen, bei dem schaut jedoch nicht viel heraus. Er hat mich nur zu einer Autopartie eingeladen und möchte, daß ich ihm meine Zukunft anvertraue. Das ist ein bißchen schäbig, und deshalb wird er Sonntag warten, bis er schwarz wird.«

Sie hatte mit so großer Lebhaftigkeit und sehr freimütig darauflosgeplaudert und traf nun Anstalten, wieder zu gehen.

»Das ist alles, was ich Ihnen erzählen kann«, bemerkte sie, indem sie sich erhob, »und ich glaube nicht, daß es für das schöne Geld reicht, das Sie es sich haben kosten lassen.«

»Im Gegenteil«, wehrte der Mann im Schatten ab, »ich stehe noch in Ihrer Schuld. Ihre Auskünfte sind für mich sehr wertvoll, und es ist an mir, mein Versprechen zu halten.«

»Was für ein Versprechen?« platzte sie überrascht und etwas mißtrauisch heraus.

»Das hier!«

Er reichte ihr ein kleines Etui, aber sie zögerte einen Augenblick, bevor sie danach griff. Dafür sprudelte sie von naivem Entzücken und wortreicher Dankbarkeit über, als sie einen Blick hineingeworfen und die kostbare Nadel mit kritischen Augen geprüft hatte.

»Donnerwetter, das ist eine feine Sache! Sie müssen es sehr dick haben, wenn Sie solche Geschenke machen können. Und noch dazu für nichts und wieder nichts. Dafür werde ich auch immer an Sie denken, wenn ich das Ding anstecke«, versicherte sie gönnerhaft. »Meine Kolleginnen werden vor Neid zerspringen.«

»Wir werden uns also nicht mehr sehen?« fragte der große Mann leichthin.

»Nein«, erwiderte sie hastig und bestimmt, »das glaube ich kaum. Selbst wenn ich an den letzten Abenden noch hierherkommen sollte, weiß ich nicht, ob ich mich freimachen kann, und außerdem hätte es auch keinen Zweck, da wir ja mit unserem Geschäft zu Ende sind.«

Er machte keinen Einwand, sondern bot ihr höflich die Hand.

»Dann wünsche ich Ihnen das Allerbeste.«

»Danke«, stieß die Rote kurz hervor, schlug flüchtig ein und schlüpfte davon.

Steve Flack war auf dem Posten wie immer, und das Mädchen hatte noch nicht den Ausgang erreicht, als er auch schon breitbeinig hinterherstelzte.

Diesmal starrte ihm aus dem Saal nur ein Augenpaar nach, in dem ungläubige Verwunderung und ratloses Entsetzen lagen.

Für fünf der flüchtigen Schritte, die die Rote im Schatten der Häuser tat, benötigte der Steuermann bloß einen, und er konnte sich daher Zeit lassen.

Als er um die nächste Ecke bog, war seine Schutzbefohlene gerade bei ihrem Wagen, und wenige Augenblicke später verschwand das Schlußlicht bereits in der Ferne.

Damit war Steves Arbeit für diese Nacht zu Ende, und während er seine lange, hagere Gestalt dicht an den Mauern hinschob, überlegte er, in welchem gemütlichen Lokal er noch etwas Vergnügen suchen könnte.

Die Gassen, durch die er kam, waren nur spärlich beleuchtet und wie ausgestorben, aber nach kaum hundert Schritten wußte Steve Flack, daß jemand hinter ihm her war. Er hatte dafür ein sicheres Gefühl und vermochte sogar die Entfernung abzuschätzen, in der sich der unsichtbare Verfolger hielt.

Flack wich dem Schein der trübseligen Laterne, der eben auf seinen Weg fiel, vorsichtig aus, und seine Rechte umklammerte liebevoll den Gummiknüppel, der in der Tasche seiner Joppe steckte.

Als seine lange, hagere Silhouette den Rand des Lichtkegels streifte glitt hinter ihm ein Schatten blitzschnell vorwärts, hielt an und streckte den Arm vor . . .

In der nächsten Sekunde gab es fast gleichzeitig einen harten Schlag, einen gedämpften Knall, und eine scharfe Stimme sagte: »Bemühen Sie sich nicht, ›Padischah‹!«

Steve fuhr jäh herum, und einen Augenblick wußte er sich nicht zu erklären, was los war. Aber dann gewahrte er die verschwommenen Umrisse einer Gestalt, die mit mächtigen Sätzen einer Seitengasse zuflog, und schon schnellte er weit ausgreifend hinterdrein.

Eben als er in den richtigen Schwung kam, faßte eine Hand so kräftig nach ihm, daß er sich wie ein Kreisel drehte.

»Lassen Sie ihn!« gebot die scharfe Stimme von vorhin, »es ist noch nicht an der Zeit. Halten Sie aber die Augen und Ohren offen, denn er meint es verdammt ernst, und ich kann nicht immer hinter Ihnen drein sein . . .«

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