Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Weinert-Wilton >

Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
Schließen

Navigation:

28

»Alles in Ordnung, Flack«, sagte in derselben Minute Oberst Passmore auf dem silbergrauen Boot, indem er den Kopfhörer abnahm, »Sie können sich jetzt auf den Weg machen. Beeilen Sie sich, damit Sie noch vor dem besagten Mann dort eintreffen. – Und nochmals: Sie haben nicht mit der Wimper zu zucken.«

In der Bar ›Tausendundeine Nacht‹ war alles, wie es immer gewesen war, und doch lag über dem lauten, bunten Treiben eine beklemmende Stimmung. Sie sprach aus den Mienen der Gäste, den Flüsterworten, die hier und dort heimlich getauscht wurden, und vor allem aus den scheuen Blicken, die sich immer wieder nach der verhangenen Loge richteten, in der sonst Mrs. Smith gethront hatte.

Die Bar besaß so etwas wie einen Geschäftsführer, dem bisher nur eine untergeordnete Stellung zugefallen war, der aber nun seine Zeit für gekommen erachtete. Er hatte sich am Nachmittag bei Mr. Smith melden lassen, um diesem sein Beileid auszusprechen und ihn dann zu fragen, wie es mit dem Geschäft zu halten sei.

Sehr ergriffen war Miss Harper, denn als angehende Künstlerin hielt sie etwas auf Gefühl und gab diesem mit einem schmerzlichen Augenaufschlag Ausdruck.

»Oh«, seufzte sie tonlos, »wie entsetzlich! In so jungen Jahren . . . Und hier ist alles so, als ob nichts geschehen wäre . . .«

Sie griff hastig nach der Puderdose, um die Spuren der Rührung aus ihrem Puppengesicht zu wischen, und Mr. Tyler beeilte sich, sie zu trösten.

»Ja, so ist das Leben«, sagte er mit philosophischer Ergebenheit. Er fand, daß dies sehr gut klang und als Schlußpunkt der unerquicklichen Unterhaltung gelten konnte. Es gab mit den Damen viel wichtigere Dinge zu besprechen als den Tod von Mrs. Smith, und je näher der entscheidende Tag kam, desto nervöser wurde er. Dabei bereiteten ihm der sehnige ›Reiter‹ und der Mann mit dem klassischen Künstlerkopf heute noch mehr Sorge als am Abend vorher. Er hatte eben nur mit vieler Mühe Miss Harper endlich für eine Weile in Sicherheit bringen können, aber die Rote tanzte noch immer mit ihrem zudringlichen neuen Kavalier, und der ›verliebte Lord‹ verfolgte das Paar mit argwöhnischen Blicken. Das unaufhörliche Geflüster des Gentleman wollte ihm nicht gefallen und ebensowenig der herausfordernde Ausdruck in dem Gesicht des Mädchens.

Sein Mißtrauen war nur zu begründet, denn der unternehmende ›Reiter‹ ging eben zum entscheidenden Angriff über, und seine Partnerin entwickelte keinen sonderlichen Widerstand.

»Sie haben mir einen Autoausflug zugesagt«, erinnerte er nachdrücklich. »Für wann darf ich also meine Vorkehrungen treffen?«

»Für Sonntag«, gab das Mädchen ohne weitere Überlegung mit verheißungsvoll blitzenden Augen zurück. »Da habe ich frei, und auch zu Hause gibt's nichts zu tun.«

»Um welche Stunde und wo kann ich Sie abholen?« drängte er beglückt.

»Sagen wir um elf Uhr bei Saint Mary an der Battersea-Square-Pier. Aber kommen Sie nicht mit so einem klapprigen alten Taxi, sondern mit einem Wagen, der etwas vorstellt und in dem man sich sehen lassen kann. Wenn schon, denn schon.«

»Natürlich«, stimmte der Gentleman zu, war aber von diesem etwas anspruchsvollen Wunsch nicht gerade begeistert. »Sie sind sehr lieb, und ich hoffe, daß wir bei dieser Gelegenheit gute Freunde werden. – So gute Freunde, daß Sie mir Ihre Zukunft anvertrauen . . .«

Er sah ihr mit einem heißen Blick in die schillernden Augen, und sie ließ ein belustigtes Kichern hören.

»Die vertraue ich Ihnen ohne weiteres an. – Wenn Sie mein Geld gewollt hätten, hätte ich es mir vielleicht überlegt.«

Der ›Reiter‹ hatte für diese Bemerkung nur ein etwas krampfhaftes Schmunzeln, aber bei diesem prächtigen Mädchen durfte man nicht jedes Wort auf die Waagschale legen. Schließlich hatte er sie nun dort, wo er sie haben wollte, und das Weitere war für einen Mann von seinen Künsten und Erfahrungen nur eine Kleinigkeit.

Steve Flack war vor etwa zwanzig Minuten in seiner ganzen Länge aufgetaucht und hatte anfangs einige Schwierigkeiten gehabt, einen passenden Platz zu ergattern. Mitten in der aufgeputzten Gesellschaft wollte er als bescheidener Mann nicht sitzen, und in den gemütlichen Nischen war nichts frei.

Aber nach einer Weile führte ein Herr seine Dame zum Tanz, und der Steuermann benützte die Gelegenheit, sich sofort häuslich niederzulassen. Er säuberte eigenhändig den Tisch, indem er die Gläser einfach nebenan abstellte und belegte dann den einen Stuhl mit seinem Hinterteil und den anderen mit seinen ansehnlichen Füßen.

»Whisky ohne!« kommandierte Flack kurz und in seinem tiefsten Baß, und als das Glas kam, beschnüffelte er es zunächst eine Weile höchst mißtrauisch. Nun, da die arme Mrs. Smith nicht mehr war, konnte man nicht wissen . . .

Aber der Whisky war gut . . .

Steve saß nun bereits beim vierten Glas, und da ließ sich wohl schon ein Urteil abgeben. Es war überhaupt alles in schönster Ordnung. Sein Schützling war da wie immer, und der bewußte Bursche, der es auf seinen Trunk abgesehen haben sollte, ließ sich nicht blicken.

Ein kleiner, dicker Mann strich an ihm vorüber, wischte sich mit einem unsauberen Taschentuch die Stirn und sah krampfhaft nach der anderen Seite. Dann kam er wieder zurück, und nach einer Weile nahm er zum drittenmal den Weg . . .

Steve Flack kehrte mit einem Ruck seinem Glas den Rücken und blinzelte in das Parkett, wo ihn irgend etwas ganz besonders zu interessieren schien. Das hinderte ihn aber nicht, genau zu beobachten, wie der kleine Dicke plötzlich dicht an der Wand entlangkam, bis er knapp am Tischchen stand und dann plötzlich mit der Hand eine hastige, weit ausholende Bewegung machte.

Alles das geschah in wenigen Sekunden, und schon im nächsten Augenblick schien der Mann vom Boden verschlungen zu sein. Der Steuermann steckte sich zunächst sehr umständlich eine frische Zigarre an und schielte dann nach seinem Whisky. Er war goldgelb und klar wie früher, aber der Teufel mochte wissen, wie er nun schmeckte . . .

Steves Hand tastete etwas zaghaft nach dem Glas, aber dann tat sie einen entschlossenen Griff und beförderte den Becher zu dem breiten Spalt oberhalb des gesträubten Bartes.

Flack schüttete das verdächtige Zeug hinunter, ohne eine Schluckbewegung zu machen, und aus zwei verschiedenen Winkeln des Saales verfolgten zwei Augenpaare jede seiner Bewegungen und Grimassen mit fieberhafter Spannung.

Erst nachdem er eine gehörige Portion Rauch in den Schlund nachgejagt hatte, wagte der Steuermann vorsichtig mit der Zunge zu prüfen und konnte zu seiner Beruhigung feststellen, daß dem Whisky nichts Schreckliches geschehen war. Immerhin empfahl es sich aber, rasch ein frisches Glas nachzutrinken, und er reckte seinen langen Arm wie einen Signalmast hoch in die Luft, um die Bedienung herbeizuwinken

Aber plötzlich gewahrte er etwas, was ihn den Mast rasch wieder einziehen und zunächst an seine Pflicht denken ließ, die ihm sogar über den Whisky ging.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.