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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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24

Als pünktlich um halb zwölf Uhr der alte Fred steif und feierlich Oberst Passmore anmeldete, war sie zwar fix und fertig und sah entzückend aus, ein rettender Einfall war ihr jedoch nicht gekommen.

»Verzeihen Sie, daß mein Onkel Sie derart in Anspruch genommen hat«, sagte sie mit einer Befangenheit, die zu ihrer sonstigen Art nicht recht passen wollte, ihr aber ausgezeichnet stand. »Leider habe ich es nicht verhindern können.«

Um Passmores Mund zeigte sich ein flüchtiges Lächeln, das sie noch verlegener machte.

»Das freut mich. Das Vergnügen, das mir Sir Humphrey durch seine Einladung bereitet hat, wäre dadurch sehr geschmälert worden.«

Sie sah ihn rasch und verstohlen aus den Augenwinkeln an, um zu ergründen, ob er es wirklich so meinte oder ob das nur eine Redensart war, aber sein Gesicht hatte bereits wieder den kühlen, unverbindlichen Ausdruck, mit dem sie nichts anzufangen wußte.

Das war nicht danach angetan, sie freier und sicherer zu machen, und sie atmete erleichtert auf, als der Oberst schon nach wenigen Minuten auf den Zweck dieses seines ersten Besuches zu sprechen kam.

»Wenn es Ihnen recht ist, Miss Norbury . . .« Er begleitete seine Worte mit einem kritischen Blick nach der Uhr und zog die Brauen hoch. »Ich möchte kein allzu schnelles Tempo einschlagen, und Sir Humphrey scheint auf Pünktlichkeit zu halten.«

»Und wie!« bestätigte sie und freute sich, wieder einmal ein herzliches Lachen hören lassen zu können. »Wenn wir uns verspäten, gibt es erstens Fasten und zweitens einige Wochen Stubenarrest.«

Sie flog eilig davon, um Hut und Pelz anzulegen, und schon wenige Minuten später öffnete Passmore die Tür zum Fond seiner Limousine, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein.

»Nein«, lehnte sie entschieden ab, »hier hinein bringen Sie mich nicht. Wenn ich mitfahren soll, müssen Sie mir schon vorn neben sich etwas Platz machen.«

Er kam ihrem Wunsch bereitwilligst nach und ging dann um den Wagen herum.

Hierbei glitt sein Blick gewohnheitsmäßig noch einmal über die Bereifung, und ein winziges Stückchen Draht an einem der Hinterräder störte ihn. Als er es mit zwei Fingern aufnahm, wurde er plötzlich stutzig. Der Wagen schien nicht mehr in der tadellosen Verfassung zu sein, in der er sich vor Antritt der Fahrt befunden hatte. Der Benzinbehälter schloß offenbar nicht richtig, und Passmore bemerkte zu seinem Befremden, daß die Kappe nicht völlig eingeschraubt war.

Er machte sich daran, den Fehler mit einigen raschen Griffen zu beheben, aber sein Verdacht war nun einmal rege, und schon in der nächsten Minute machte er eine Entdeckung, die ihn außerordentlich in Anspruch nahm.

Um die ganz lose sitzende Kappe war ein dünner Faden gewickelt, der unter den Wagen lief, und als er ihn aufnahm, kam hinter dem Benzinbehälter eine raketenförmige Hülse zum Vorschein, die an einem zwischen den beiden Hinterrädern gespannten Draht festhing.

Passmore war sich weder über die Art noch über den Zweck dieser eigenartigen Vorrichtung auch nur einen Augenblick im unklaren, und unwillkürlich fiel ihm Bayfords Besuch bei dem ›Mächtigen‹ ein. Mr. Grubbs Leute pflegten mit derartigen Spielereien zu arbeiten, die sehr zuverlässig funktionierten und keine verfänglichen Spuren hinterließen. Wenn der Wagen wenige Meter gelaufen wäre, hätte der Draht schließlich die Zündvorrichtung der Platzpatrone abgezogen und der explodierende Benzintank alles in Stücke gerissen.

»Was haben Sie denn da für ein seltsames Ding?« fragte Sibyl verwundert und machte Miene, nach der Hülse zu greifen, aber er hielt sie hastig zurück.

Sie sah wortlos zu, wie er den Draht und den feuchten Zündfaden um die Hülse wickelte, und erst, als er fertig war und alles behutsam in dem Werkzeugkasten barg, hatte sie eine weitere Frage.

»Man ist wohl hinter Ihnen her?«

Er wich ihrem forschenden Blick aus und zögerte einen Augenblick.

»Es wäre mir lieb, Miss Norbury«, sagte er ohne weitere Erklärung, »wenn Sie in einem anderen Wagen vorausfahren würden. Gestatten Sie, daß ich telefoniere und –«

»Nein«, unterbrach sie ihn kurz und bestimmt, »ich gestatte nicht, daß Sie telefonieren, denn ich werde in keinem anderen Wagen als in diesem und nicht allein, sondern mit Ihnen fahren.«

Im nächsten Augenblick saß sie auch schon wieder mit großer Nachdrücklichkeit auf ihrem Platz, und als Passmores ernstes Gesicht im Wagenschlag erschien, blitzte sie ihn gespannt und unternehmungslustig an.

»Sie brauchen mir nichts zu erzählen, denn ich kann mir denken, was los ist. So etwas ist mein Fall, und Sie dürfen sich auf mich verlassen. Achten Sie nur auf den Weg, das andere werde ich besorgen. Wenn sich eine Nase zeigt, die mir nicht paßt, putze ich sie weg, bevor sie noch Unheil anrichten kann.« Miss Sibyl schob die Rechte energisch in die Manteltasche und lehnte sich zurück, um nach allen Seiten freie Aussicht zu haben, aber das leise Zucken um den Mund ihres Begleiters irritierte sie. »Mir scheint, Sie machen sich über mich lustig«, meinte sie mißtrauisch und gekränkt, »aber wenn es dazu kommen sollte, werden Sie schon sehen –«

»Das ist mir wirklich nicht eingefallen«, versicherte der Oberst lebhaft. »Ich habe mich augenblicklich nur an jemand erinnert . . .«

Die junge Dame wandte den Kopf rasch zur Seite und schien von dieser Aufklärung nicht befriedigt, denn ihre Erwiderung klang etwas spitz und gereizt.

»So . . . Das ist etwas anderes. – Aber vielleicht wäre es ratsamer, aufzupassen, als sich solchen Erinnerungen hinzugeben. Ich kann ja die Augen nicht überall haben.«

Es wurde eine sehr schweigsame Fahrt, und erst, als sie die Peripherie erreicht hatten und an den letzten Häusern vorüberglitten, sah sich Sibyl wieder zu einer Bemerkung veranlaßt.

»Seit einer Viertelstunde ist ein großer Wolseley dicht hinter uns her. Wenn wir auf die Landstraße kommen, holen Sie aus Ihrem Wagen heraus, was er hergibt, und dann wird sich's ja zeigen.«

Es klang ruhig und sachlich, und der Oberst fand es überflüssig, sich von der Richtigkeit ihrer Beobachtung selbst zu überzeugen. Die Straße, die um diese Jahreszeit sehr wenig befahren war, lag nun schnurgerade vor ihnen, und nach einem leisen Aufsummen des Motors schossen sie im Hundertkilometertempo dahin. Trotzdem glitt Sibyl plötzlich über ihren Sitz in den Fond des Wagens und schaute vorsichtig durchs Rückfenster.

»Mit dem Davonfahren ist es nichts«, stellte die junge Dame fest, indem sie sich zu Passmore vorneigte, der mit verbissenen Zähnen am Steuer saß, »aber zunächst müssen wir wissen, woran wir sind. Deuten Sie den Leuten an, daß Sie sie vorlassen.«

Der Oberst nickte kurz und gab das Zeichen, aber die anderen schienen es nun gar nicht mehr so eilig zu haben, denn sie fielen in einer Entfernung von etwa zwanzig Metern mit einemmal wieder ab und glitten bescheiden hinter dem ersten Wagen her. Sibyl beobachtete das Manöver und wandte sich dann wieder nach vorne.

»Sie wollen also nicht. – Schön, das ist deutlich genug. Außerdem sind es zwei ausgemachte Galgenstricke, die vorne sitzen; den Mann hinten kann ich nicht so genau sehen.« Sie schwieg einen Augenblick und schien zu überlegen, dann brachte sie ihr glühendes Gesichtchen wieder ganz nahe an das Ohr des Fahrers. »Ich glaube, sie warten auf die scharfe Kurve am Hang. Sie kennen sie doch? Wenn wir dort einen kleinen Schubs bekommen, kollern wir mitsamt den schönen Randsteinen den Berg hinunter. Aber ich werde ihnen den Spaß verderben . . .«

Zum erstenmal bemerkte Sibyl Norbury in den herrischen grauen Augen Passmores einen warmen Schimmer, der sie weit verwirrter machte als alles, was um sie vorging.

»Sie sind die kaltblütigste und mutigste junge Dame, der ich je begegnet bin«, hörte sie ihn sagen, aber so sehr sie diese Anerkennung innerlich freute, hatte sie doch nur eine leichte Grimasse dafür.

»Kunststück – bei unseren jungen Damen! – Sagen Sie mir lieber, was wir machen sollen.«

»Das Einfachste. Ich werde anhalten.«

»Und die andern auch«, fiel sie unzufrieden ein. »Und dann können wir uns vielleicht stundenlang mit nüchternem Magen beobachten – So kommen wir nicht weiter. Ich glaube . . .« Miss Sybil war mit ihrem Plan im reinen, aber vorerst mußte sie Passmore noch einige Anweisungen geben.

»Behalten Sie das Tempo bis zum Abhang, aber dann bremsen Sie, denn sonst brechen wir uns auch ohne freundschaftliche Nachhilfe den Hals. Um mich und was hier hinten vorgeht, kümmern Sie sich nicht, aber wenn ich Ihnen ›Gas‹ zurufe, dann legen Sie los.«

Nach kaum fünf Minuten kam die kritische Stelle in Sicht. Es war, als ob die Straße in ihrem schnurgeraden Verlauf plötzlich ein wenig anstiege, und dieses trügerische Bild hatte schon manche Katastrophe verursacht. Zwischen die ebene Strecke, die man unmittelbar vor sich hatte, und ihren Anstieg schob sich nämlich eine unsichtbare Mulde, in die es auf einem steilen Serpentinenweg hinunterging, und dieser Punkt war für alle leichtsinnigen Fahrer eine große Gefahr.

Oberst Passmore ging in ein langsameres Tempo über und fuhr gleich darauf am äußersten Straßenrand die erste Schleife. Er hatte zur Rechten eine steil abfallende Böschung, zur Linken eine Steinwand, und es ging wirklich um Haaresbreite.

Die nächste Kurve war kaum hundert Schritte weiter, aber bevor er sie noch erreichte, hörte er hinter sich ein hastiges »Sie kommen . . .!« und im selben Augenblick auch schon aufgeregte Hupensignale.

Bereits in der nächsten Sekunde mußte die Entscheidung fallen, aber der Mann am Steuer kam nicht dazu, ihre Folgen auszudenken . . .

In der nächsten Sekunde krachten in seinem Rücken knapp hintereinander zwei Schüsse, denen unmittelbar zwei andere scharfe Detonationen folgten, und dann schrie ihm eine erregte Stimme ins Ohr: »Gas!«

Das Auto schoß um die zweite Schleife in die Mulde, nahm dort noch einen Bogen und raste die ansteigende Straße hinauf.

Weder Sibyl Norbury noch Passmore hatten bisher ein Wort gesprochen, aber als sie oben angelangt waren, atmete das Mädchen tief auf und ließ ein etwas gezwungenes Lachen hören.

»Bitte, stoppen Sie einen Augenblick. Ich möchte mir die Bescherung gerne etwas näher ansehen.«

Der Oberst kam ihrem Wunsch sofort nach, und schon der erste Blick sagte ihm, daß von den Verfolgern wirklich nichts mehr zu befürchten war. Der Wolseley stand schräg an der Steinwand der Serpentine, und um ihn herum tummelten sich drei aufgeregt gestikulierende Gestalten.

»Miss Norbury«, sagte Passmore warm und herzlich, indem er ihre Rechte in beide Hände nahm, »Sie haben sich sehr tapfer gehalten, und ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Ohne Sie –«

»Reden Sie keinen Quatsch«, unterbrach sie ihn kurz und wich zunächst wieder dem eigenartigen Blick aus, der ihre Augen suchte. Er verwirrte sie so, daß sie ihre Hand ganz vergaß und in eine krampfhafte Beredsamkeit verfiel.

»Es war ja weiter nichts dabei. Ich habe diesen Straßenrowdys nur eine kleine Lektion erteilt. Sie taten so, als ob sie die Herrschaft über ihren Wagen verloren hätten und hielten gerade auf uns zu. Da habe ich ihnen auf zehn Schritte zwei Löcher in die Vorderreifen geknallt. Erst in den linken, dann in den rechten. Wenn ich es umgekehrt gemacht hätte, könnten die Burschen jetzt dort unten ihre Knochen . . .«

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