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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
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23

»Mrs. Smith ist heute nacht gestorben«, berichtete Steve Flack am folgenden Vormittag.

Oberst Passmore saß mit unbeweglichem Gesicht und verkrampften Händen in seinen Stuhl zurückgelehnt.

»Was hat es gegeben?« fragte er.

Der Rotbart ließ eine dicke Rauchsäule in seinem Schlund verschwinden und hob die kantigen Achseln.

»Man hat sie tot in ihrem Bett aufgefunden. Eben vor einer knappen Stunde. Als ich zufällig vorüberkam, war die ganze Gasse auf, denn Mrs. Smith war jemand.«

Dann kam Passmore auf die Angelegenheit zu sprechen, wegen der er den Steuermann bestellt hatte und die ihm nun doppelt dringlich schien. Vielleicht wäre vierundzwanzig Stunden später Mrs. Smith auch zu retten gewesen.

»Passen Sie auf, Flack«, sagte er nachdrücklich, »denn es geht nun wieder einmal los. Und wir haben es diesmal mit besonders gefährlichen Burschen zu tun. Ich müßte mich sehr irren, wenn wir nicht auf den ›Mächtigen‹ stoßen sollten, aber vielleicht ist der nicht einmal der Ärgste. – Zunächst werden Sie wohl noch heute nacht oder spätestens morgen die Bekanntschaft eines dicken, kleinen Mannes mit einem Säufergesicht machen . . .«

»Wird mich sehr freuen«, versicherte Steve, und obwohl sie sich nicht auf einem Schiff, sondern in einem soliden Londoner Wohnhaus befanden, gluckste und gurgelte es irgendwo in dem Raum. »Ich werde –«

»Sie werden«, unterbrach Passmore den zweifellos sehr gewalttätigen Plan des Steuermannes, »nichts anderes tun, als dem Burschen ordentlich auf die Finger sehen. Wahrscheinlich wird er sich mit Ihrem Glas zu schaffen machen . . .«

Flack hörte intensiv zu, aber so diszipliniert er war, bei diesem Gedanken vermochte er schon wieder nicht an sich zu halten.

»An meinem Glas, Sir?« knurrte er empört. »Das möchte ich ihm nicht geraten haben . . .«

»Es wird aber doch geschehen. Und Sie werden nichts dagegen tun.«

»Ich soll also daraus weitertrinken?« Steves Mißbehagen stieg aufs höchste.

»Wenigstens müssen Sie so tun. Die paar Tropfen Wasser werden Ihnen auch kaum schaden.«

»Die paar Tropfen Wasser . . .!« widersprach Flack bockbeinig und ärgerlich. »Wo in dem Zeug, das man vorgesetzt bekommt, ohnehin schon zuviel davon drin ist . . .«

»Alles das gilt aber erst von heute Mitternacht an«, fuhr der Oberst eindringlich fort. »Wenn Sie, wider Erwarten, bereits früher so etwas bemerken sollten, so hüten Sie sich, auch nur an dem Glas zu nippen. Der Mann mit dem Messer hat Sie in der Bar aufgestöbert und ist auf Sie sehr schlecht zu sprechen.«

Plötzlich schrillte das Telefon, und Passmore hatte auch schon die Muschel am Ohr.

»Jawohl«, sagte er hastig und gespannt und hörte dann mit höflichem Interesse ohne weiteren Einwurf zu. Ein solcher wäre auch unmöglich gewesen, denn General Norbury übermittelte ihm aus ›Falcon Lair‹ etwas, das eine Einladung sein sollte, aber in die gewohnte kurze und bestimmte Befehlsform gekleidet war.

»Sie werden heute mit mir den Lunch einnehmen, Oberst. Das heißt, mit uns. Da der Teufelsjunge seinen Wagen kaputtgefahren hat, bringen Sie ihn bitte mit. Park Lane achtundsiebzig. Es wird pünktlich um halb zwei aufgetragen. Danke, Oberst.«

 

Passmores militärisches »Sehr wohl, General«, hallte bereits in eine unterbrochene Leitung, denn Sir Humphrey hatte keine Zeit, so selbstverständliche Dinge abzuwarten. Er war seit vierundzwanzig Stunden derart beschäftigt, daß er nicht einmal dazu kam, seine große Arbeit fortzusetzen. Aber diese lief ihm schließlich nicht davon, während das andere . . .

Die Andeutung von einer gewissen Chance, die Mrs. Chilton in undisziplinierter Weise vorgebracht hatte, hatte den General bereits zwei schlaflose Nächte gekostet, denn etwas war ja daran – vielleicht sogar sehr viel . . . Er war heute fünfundsechzig und wollte mindestens fünfundachtzig werden, und in diesen zwanzig Jahren mußte er doch unbedingt etwas zu tun haben. Seine Kriegsgeschichte konnte ihn noch zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen, und das war gerade der richtige Zeitpunkt, um mit der nächsten großen Aufgabe zu beginnen.

Sir Humphrey stellte mit seinem riesigen Bleistift sehr umständliche Berechnungen an und kam immer wieder zu einem Ergebnis, das ihm die verlockendsten Aussichten eröffnete.

Nun saß er seit acht Uhr morgens am Schreibtisch, um die notwendigen Dispositionen nochmals durchzugehen und dann sofort die entsprechenden Befehle zu erlassen.

Um halb zehn Uhr war es so weit, und Tim mußte zunächst die Verbindung mit Sibyl herstellen.

Miss Sibyl schlafe noch, hieß es, aber man werde sie sofort wecken, und Sir Humphrey grinste verständnisvoll. Wenn er als junger Offizier auf Urlaub gewesen war, hatte er auch immer bis in den hellichten Tag hinein geschlafen.

Er strahlte noch mehr, als er das frische »Guten Morgen, Onkel!« vernahm und die neugierige Frage: »Was ist los, daß du mich um Mitternacht anrufst?«

»Racker«, schimpfte er liebevoll. »Wohl ein bißchen die Nacht um die Ohren gehauen? Aber recht hast du. Man muß die Zeit ausnützen. Wenn du erst einmal verheiratet bist, hast du andere Dinge zu tun . . .«

»Was soll das heißen?« kam es überrascht und mißtrauisch zurück. »Was ist das für ein komischer Einfall? Wer denkt ans Heiraten?«

Die Frage klang so schrecklich eindringlich, daß General Norbury die Verantwortung für diese Idee lieber ablehnte.

»Mrs. Chilton«, stieß er hastig hervor. »Aber jedenfalls kommst du heute zum Lunch«, setzte er hinzu.

»Wer wird dabei sein?« forschte Sibyl, und der General schnitt ein höchst hilfloses Gesicht.

»Wer dabei sein wird?« brüllte er dann unbefangen zurück. »Natürlich ich. Und du. – Und vielleicht Oberst Passmore . . .«

»Nun, dann hast du ja Gesellschaft, und ich wünsche euch guten Appetit. Ich kann leider nicht hinauskommen, denn ein Stück von meinem Wagen ist gestern an einer Hausecke hängengeblieben.«

»Großartig«, rief er vergnügt. »An einer Hausecke hängengeblieben! – Aber das macht nichts. Kauf dir rasch einen anderen Wagen. Oder Passmore soll dich mit herausbringen. Das ist noch einfacher, und ich werde es ihm sofort sagen . . .«

Der General fühlte sich zwar nichts weniger als sicher, aber er tat so, denn es stand zuviel auf dem Spiel. Der Erziehungsplan des Großneffen, den er bereits in allen Einzelheiten festgelegt hatte, konnte doch nicht wegen eines kaputten Autos in Frage gestellt werden.

»Also, schau, daß du aus dem Bett kommst und mach dich fertig«, schloß er hastig und bestimmt.

Und unmittelbar nach dieser ersten strategischen Disposition hatte Sir Humphrey die zweite bezüglich Passmores getroffen, und nun kam die dritte an die Reihe. Sie war nicht weniger wichtig als die beiden anderen, und es war deshalb sogar – ein seit einem Jahrzehnt in ›Falcon Lair‹ unerhörter Fall – der Rapport um volle zwei Stunden verschoben worden.

»Mrs. Chilton«, begann der General die Befehlsausgabe und blickte dabei starr zur Seite, um nicht sehen zu müssen, in welch ungehöriger Haltung die Hausdame wieder einmal vor ihm stand, »um halb zwei großes Essen. Gedeck, Speisenfolge und Getränke nach Verpflegungsvorschrift Punkt sechs.«

Mrs. Chilton horchte überrascht auf. Das waren die Bestimmungen für besondere Festlichkeiten, und wenn auch ihre Vorratskammern wohl versehen waren, machte ihr die Sache doch einige Sorgen.

»Wieviel Gedecke?« fragte sie vorsichtig.

»Oberst Passmore, mein Neffe und ich.«

Mrs. Chilton atmete erleichtert auf, denn diese Gäste bedeuteten für sie als Hausfrau keine Gefahr, aber in ihre Augen kam ein seltsam fragender Blick, und der General merkte ihn und wurde in seiner Verlegenheit sofort wieder grob.

»Was gibt es da zu gaffen? Sehen Sie lieber zu, daß alles klappt! – Bleiben Sie!«

Sir Humphrey hatte den Reitstock in der Hand, fuchtelte damit herum und blickte starr auf einen mit riesigen Hieroglyphen bedeckten Zettel.

»Wenn jemand jetzt heiratet«, begann er mit krampfhafter Unbefangenheit, »sagen wir in acht oder vierzehn Tagen – wann kommt dann ein Kind?«

Die Hausdame starrte den General sekundenlang betroffen an.

»Gewöhnlich rechnet man mindestens neun Monate«, erklärte sie mit einem scheuen Blick, und Sir Humphrey schien diesmal einigermaßen zufriedengestellt, denn er brüllte nicht sofort zurück, sondern nahm mit dem Bleistift umständliche Berechnungen vor.

»Das wäre also im August oder September«, erklärte er. »Ganz schöne Monate . . .«

»Wie meinen Sie das?« fragte die Hausdame vorsichtig, um sich über seinen Zustand klarzuwerden, und er wollte ihr in seiner kurzen Art schon wieder zu verstehen geben, daß sie das nicht zu kümmern habe, als er sich anders besann. Schließlich mußte sie ja für verschiedene Dinge sorgen, von denen er keine Ahnung hatte, und die er daher auch Sibyl nicht hatte beibringen können, die aber wohl notwendig waren.

»Ich meine das so«, setzte er wichtig auseinander, »daß es im August oder September nicht zu heiß und nicht zu kalt ist und daß man sich daher ganz wohl fühlen kann, wenn man um diese Zeit auf die Welt kommt. Und wenn im Frühjahr der Oberstock hergerichtet wird, kann er bis dahin gehörig austrocknen.« Mrs. Chilton hörte mit großen Augen zu, und ihre Besorgnis wich einer strahlenden Überraschung.

»Ist es bereits so weit?« flüsterte sie erregt.

»Nichts ist so weit«, schrie der General ungeduldig. »Wie sollte es so weit sein, wenn sich bisher niemand darum gekümmert hat? – Aber heute werde ich die Sache in die Hand nehmen, und dann wird es sofort so weit sein.«

»So . . .«, hauchte Mrs. Chilton entgeistert. »Also Sie wollen die Sache in die Hand nehmen . . .?« stieß sie scharf hervor. »Darum das große Essen! – Gut, daß ich noch rechtzeitig dahintergekommen bin. Sie wären imstande, sich und die arme Sibyl unsterblich zu blamieren und die Geschichte gründlich zu verfahren. – So etwas will ganz anders angepackt sein, und ich kann nicht zugeben, daß Sie mit Ihrer Kasernendiplomatie sich in eine so zarte Angelegenheit mischen. Deshalb werde ich heute zum erstenmal von meinem Recht Gebrauch machen und mir ein Gedeck auflegen lassen. Und wenn Sie während des Lunchs auch nur eine taktlose Bemerkung fallenlassen sollten, Sir Humphrey, werden Sie etwas zu hören bekommen. Sie dürfen nicht glauben, daß Sie mir allzusehr imponieren. Ich habe schon mit dem Prinzen von Wales an einer Tafel gespeist . . .«

Sibyl war auf dem besten Wege, auf Passmore eine ordentliche Wut zu bekommen. Ihr Plan war eines Morgens geboren worden, und schon am Abend hatte sie ihn ausgeführt. Sie war einerseits erfahren und überlegt genug, um sich über den Ernst dieses Wagnisses nicht zu täuschen, andererseits aber von zu kindlicher Harmlosigkeit, um sich über alle Folgen völlig klar zu sein. Sie sah ein aufregendes, waghalsiges Unternehmen vor sich, das sie reizte, und die Frage, ob es sich für Miss Sibyl Norbury auch schicke, war ihr erst in den letzten Tagen gekommen.

Aber nun war es zu spät. Sie steckte bereits mitten drin, und ganz abgesehen davon, daß ein Zurück die Sache nicht mehr ungeschehen machen konnte, hätte sich ihr Selbstbewußtsein auch nie dazu verstanden. Was immer auch geschehen mochte, sie mußte durchhalten und die Komödie zu Ende spielen. Oberst Passmore machte ihr ja die Sache ziemlich leicht, aber trotzdem konnte sie sich in seiner Nähe eines Gefühls der Unsicherheit und des Unbehagens nicht erwehren, und die dringliche Einladung nach ›Falcon Lair‹ hatte daher für sie nichts Verlockendes.

Noch weniger gefiel es ihr, daß sie nun sogar auch den Weg hin und zurück mit dem Oberst machen sollte, weil ihr eine so alberne Ausrede eingefallen war, und während sie mit großer Hast und besonderer Sorgfalt Toilette machte, grübelte sie angestrengt darüber nach, wie sie sich vielleicht doch noch geschickt aus der Schlinge ziehen könne.

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