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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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20

Für Bayford war sein Teilhaber zu dieser Stunde ein völlig erledigter Mann.

So vorsichtig der verschmitzte Antiquitätenhändler seine Antworten auch gehalten hatte, so stand unbedingt fest, daß Ferguson bereits im Besitz der langgesuchten wichtigen Karte war und daß er ihn darüber zu täuschen versucht hatte.

Noch vierundzwanzig Stunden früher hätte Bayford diese Niedertracht unter vier Augen geregelt, aber heute paßte ihm dieser kurze und einfache Weg nicht mehr. Er war nun aller Rücksichten gegen den langjährigen Genossen entbunden und konnte ohne Bedenken alles so ordnen, wie er es brauchte. Es ging nun nicht mehr um die Karte allein, sondern auch darum, daß Ferguson für seine Zukunft ein unerwünschter Ballast war, der irgendwie über Bord mußte.

Wegen dieses ›irgendwie‹ fuhr Bayford eben jetzt von Stratford geradeswegs hinüber nach Highbury.

Auch diesen Besuch bei Mr. Grubb hatte er in seiner systematischen Gründlichkeit bereits längst vorgesehen, aber nun, da es soweit war, empfand er vor der kommenden Stunde doch einiges Unbehagen. Er war gewiß ein kaltblütiger, abgebrühter Bursche, den niemand und nichts so leicht aus der Fassung zu bringen vermochte, eine Unterredung mit dem ›Mächtigen‹, wie der Mann in Highbury scheu und bewundernd genannt wurde, war jedoch eine ganz besondere Sache.

Grubb, ein entgleister Anwalt, hatte unbestreitbaren Anspruch auf diesen Beinamen, denn er beherrschte das Verbrechertum Londons. Nicht die kleinen Diebe und die armseligen Missetäter, sondern die Größen der Zunft und die schweren Jungen, denen nichts unmöglich war und die vor nichts zurückschreckten. Diese alle waren dem ›Mächtigen‹ untertänig und bis zum letzten Blutstropfen ergeben, weil er sie nach Belieben schützen oder vernichten konnte, und wenn Mr. Grubb die Hand hob, so konnte er damit die schlimmsten Kräfte der Riesenstadt entfesseln.

Als Mr. Grubb selbst die Tür des äußerst vornehmen kleinen Hauses öffnete, war Bayford so betroffen, daß er unwillkürlich zögerte, einzutreten, weil er befürchtete, fehlgegangen zu sein.

Der Mann vor ihm war entschieden kein Diener, entsprach aber auch nicht annähernd dem Bilde, das er sich von dem ›Mächtigen‹ gemacht hatte. Er sah sich einem kaum vierzigjährigen, geschmeidigen Herrn gegenüber, an dem lediglich die von einem dunklen Haarkranz umsäumte, gepflegte Glatze und die tiefliegenden dunklen Augen einigermaßen auffallend wirkten. Er trug einen tadellosen Abendanzug, und Bayford dünkte es unmöglich, daß dies der Mann sein sollte, der so viele schreckliche Verbrechen auf dem Gewissen hatte.

Grubb schien zu ahnen, was in seinem Besucher vorging, denn seine blutleeren Lippen verzogen sich zu einem eigentümlichen Lächeln, und er kam Bayford zu Hilfe.

»Ich pflege meinen Diener und das übrige Hauspersonal nach dem Dinner wegzuschicken«, erklärte er dabei bescheiden, »und muß mich dann immer selbst behelfen. Andererseits hat es aber auch sein Gutes, allein in seinen vier Wänden zu sein. – Darf ich fragen, wer mich Ihnen empfohlen hat?« wollte er wissen.

»Eigentlich niemand«, gestand Bayford und nestelte an seinem Kragen. »Aber ich habe schon sehr viel von Ihnen gehört, und da ich augenblicklich in zwei wichtigen und dringenden Angelegenheiten eines tatkräftigen Beistandes bedarf . . .«

Er wußte schon wieder nicht mehr weiter und empfand es sehr dankbar, daß der andere einladend auf die zwischen ihnen stehenden Zigarren und Zigaretten wies und ihm in seiner gewandten Art zu Hilfe kam.

»Es handelt sich um eine ernste Differenz mit meinem Teilhaber Allan Ferguson«, begann er hastig und bemühte sich, den unangenehmen Augen auszuweichen, die starr auf ihm hafteten. »Wir sind seit vielen Jahren assoziiert, und unser Geschäft . . .«

»Wollen Sie sich bitte bei Nebensächlichkeiten nicht aufhalten. Ich bin einigermaßen unterrichtet: Börsen-Transaktionen, hauptsächlich aber ein sehr einträglicher Überseehandel. – Bezieht sich die Differenz, von der Sie sprechen, darauf?«

»Nein«, erklärte der etwas unangenehm berührte Bayford eifrig. »Es geht dabei um eine Sache, die wir zusammen vor vielen Jahren eingeleitet haben und an der ich unbedingt den Hauptanteil hatte. Wir konnten sie jedoch bisher nicht zu Ende führen, da uns hierzu eine sehr wichtige Unterlage fehlte . . . Nun ist aber, wie ich weiß, Ferguson in den Besitz dieses Papieres gelangt und will mich offenbar bei dem Unternehmen gänzlich ausschalten.«

»Haben Sie mit Mr. Ferguson darüber gesprochen?«

»Das hätte keinen Zweck«, gab Bayford entschieden zurück. »Nach diesem schnöden Vertrauensbruch bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Anspruch auf das Papier in rücksichtslosester Weise durchzuzusetzen.«

Der ›Mächtige‹ zeigte wieder einmal seine Zähne und legte bedächtig die Fingerspitzen aneinander.

»Damit wären wir also, wenn ich Sie recht verstehe, bei unserem Geschäft angelangt. Sie wollen den Spieß umdrehen und nun Ihrerseits die Sache allein machen?«

»Er hat es nicht anders verdient«, warf der entrüstete Bayford ein, und sein Gegenüber stimmte ihm höflich zu.

»Gewiß. Aber zunächst muß ich Sie um die Beantwortung einiger Fragen bitten. – Um was für ein Papier handelt es sich?«

»Um eine einfache Landkarte«, bemerkte der Herr mit dem Monokel leichthin, aber der kahle Kopf seines Gegenübers hob sich mit einem Ruck.

»Eine einfache Landkarte . . .? So – aus dem Kriege?«

»Ja«, gab er unbefangen zu, um sofort eine halbwegs glaubwürdige Erläuterung daranzuknüpfen. »Die Karte bildet die Unterlage für ein großes Grundstücksgeschäft – ausgedehnte Wälder und wertvolle Steinbrüche . . .«

»Wieviel ist Ihnen die Karte wert?« bekam Bayford endlich zu hören. »Es wäre völlig zwecklos, wenn Sie mich darüber ungenau informieren würden«, flocht der ›Mächtige‹ leichthin ein, »denn früher oder später würde ich es doch erfahren, und ich liebe solche für beide Teile gleich unangenehmen nachträglichen Auseinandersetzungen nicht. – Nach dem Betrag würde sich dann auch meine Provision richten, über die wir uns natürlich vor allem einig werden müssen. Fünf Prozent sind sofort als Vorschuß zahlbar, der Rest nach Erledigung des Auftrags.«

Bayford war darauf vorbereitet, daß er bei der Sache gehörig würde bluten müssen, und stellte eine eilige Berechnung an.

»Es geht um hundertfünfzigtausend Pfund«, sagte er.

In dem gelben Gesicht erschien nur ein Lächeln. »Wenn Sie von hundertfünfzigtausend sprechen, so sind es gewiß dreihunderttausend. Bei einem solchen Wert begnüge ich mich mit dreißig Prozent, so daß also auf mich Neunzigtausend entfallen würden. Davon wären viertausendfünfhundert Pfund sofort fällig.«

Bayford machten diese Summen wirr im Kopf. Selbst wenn er alle seine Quellen ausschöpfte, vermochte er diese Anzahlung nicht aufzubringen, und woher er die restlichen fünfundachtzigtausend Pfund nehmen sollte, bevor er den Schatz auf dem Kontinent gehoben hatte, war ihm vollends ein Rätsel. Das alles war jedoch erst eine Frage zweiter Ordnung, und Mr. Grubb würde vielleicht darüber mit sich reden lassen. Vor allem handelte es sich darum, Ferguson die kostbare Karte zu entreißen und alles womöglich so einzufädeln, daß . . . Er wußte nicht, wie er auf diesen wichtigen Punkt zu sprechen kommen sollte, aber es war der ahnungsvolle Mr. Grubb selbst, der ihm später auch dabei wieder zu Hilfe kam.

Vorläufig wartete der ›Mächtige‹ mit höflicher Gelassenheit auf die Entscheidung seines Besuchers, und erst, als dieser bemerkt hatte: »Ich werde mir erlauben, Ihnen im Laufe der nächsten Tage viertausendfünfhundert Pfund zu überweisen«, nahm er wieder das Wort.

»Damit wären wir also über die Bedingungen im klaren. Von meiner Seite wird alles geschehen, die Sache so schnell wie möglich zu erledigen. – Haben Sie irgendeine Vermutung, wo die Karte aufbewahrt sein könnte?«

Nun, da er mit Grubb soweit im reinen war, fühlte sich Bayford mit einemmal sehr erleichtert und zuversichtlich.

»Sie kann sich in Fergusons Schreibtisch im Kontor befinden, über dessen etwas umständlichen Mechanismus ich Sie aber vorher unterrichten muß, oder in dem Tresor, oder Ferguson trägt sie bei sich, was ich sogar für sehr wahrscheinlich halte.«

»Also zwei ganz verschiedene Möglichkeiten«, meinte der andere, ernsthaft überlegend, »die ein ganz unterschiedliches Vorgehen erfordern. – Aber beides müßte wohl gleichzeitig geschehen, wenn wir sichergehen wollen. Über die Einzelheiten wollen wir uns ein andermal unterhalten. Ich pflege mir meine Fälle immer erst im großen zurechtzulegen. – Wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie nach Erhalt des Geldes mit meinem Wagen zu einer Spazierfahrt ab. Ich chauffiere selbst, und Sie können mir dann ungestört alles sagen, was Sie für notwendig halten. – Nur« – Grubb begann plötzlich die Worte nachdenklich zu dehnen, und seine dunklen Augen leuchteten wie Ebenholzkugeln in den tiefen Höhlen – »über eines möchte ich gerne noch Klarheit haben: Wenn nun dabei etwas geschieht . . .?«

»Wie meinen Sie das?« fragte Bayford mit trockenen Lippen, aber der ›Mächtige‹ hob etwas ungeduldig die Schultern.

»Sie sagten doch selbst, daß Mr. Ferguson vielleicht die Karte bei sich trägt. – Nun, meine Leute sind zwar sehr geschickt und diszipliniert, aber man kann nie wissen, wie so etwas ausfällt. – Ein zu hartnäckiger Widerstand, eine ungeschickte Bewegung . . .«

Der große Schurke brauchte nicht weiterzusprechen, denn der kleinere hatte ihn mit einemmal verstanden, und Mr. Bayfords Fuchsgesicht war ein einziges kaltes Grinsen.

»Um so besser«, stieß er unüberlegt hervor, und dieser Eifer sollte ihn mit weiteren zehntausend Pfund belasten.

»Gut, daß ich danach gefragt habe«, meinte Mr. Grubb mit mildem Vorwurf. »Warum sollen Sie nicht ganze Arbeit haben, wenn es in einem geht? – Allerdings muß ich unter diesen Umständen meinen Anteil auf hunderttausend Pfund abrunden. Aber diese Kleinigkeit mehr kann Ihnen nichts ausmachen. Dafür haben Sie dann gründlich und für immer Ruhe. – Und was ist es nun mit der zweiten Sache, von der Sie sprachen?«

Bayford kam alles vor wie ein Traum, und seine Bewunderung für den Mann, der so heikle Dinge so spielend und mit so viel Anstand zu erledigen wußte, kannte keine Grenzen.

»Diese Sache hängt mit der ersten eigentlich unmittelbar zusammen«, erklärte er nun bereits völlig rückhaltlos. »Es existiert nämlich noch ein dritter Mann, der um die bewußte Karte und das Geschäft, das damit zusammenhängt, weiß, und dieser belästigt mich.«

»Sie wünschen also, daß er vom Schauplatz verschwindet«, erläuterte der ›Mächtige‹ mit seinem ausgeprägten Sinn für Deutlichkeit. »Ein kitzliger, aber nicht sehr komplizierter Fall. Wer ist der Mann?«

»Ein Oberst Oliver Passmore«, sagte Bayford und sah gleichgültig dem Rauch seiner Zigarette nach. Aber schließlich währte ihm das Schweigen des anderen zu lange, und er wandte ihm befremdet den Blick zu.

Mr. Grubb lag tief in seinem Stuhl und schien innerhalb weniger Minuten ein anderer geworden zu sein. Seine geschmeidige Gestalt war zusammengesunken, seine Augen starrten glanzlos ins Leere, und der kahle Kopf mit dem gelben Gesicht hatte plötzlich etwas von einem Totenschädel. Dann bewegte er die bläulichen Lippen, aber erst nach Sekunden kamen einige Worte.

»Oberst Passmore . . . Jawohl – ich habe verstanden . . .«

»Kennen Sie ihn?« forschte Bayford mißtrauisch.

Grubb hatte den Blick zur Decke gehoben, und seine nüchterne Sachlichkeit schien plötzlich einer nachdenklichen Verträumtheit gewichen zu sein.

»Nein«, gab er zerstreut zurück, »ich kenne ihn nicht – aber . . .« Er ließ seinen gespannten Besucher darüber im unklaren, was dieses ›aber‹ besagen sollte, und zum erstenmal während der ganzen Unterhaltung geschah es, daß seine Augen denen des andern auswichen. Plötzlich richtete er sich jedoch mit einem Ruck auf und war wieder ganz der alte. Nur seine Stimme klang weit weniger kalt und sicher als vordem.

»Es ist mir unangenehm, Ihnen diesen Bescheid geben zu müssen aber ich möchte mir Ihren Fall doch erst nochmals überlegen, bevor ich mich durch eine Zusage binde. Es ist dabei etwas . . .« Er brach mitten in dem Satz, von dem der bestürzte Bayford endlich eine Erklärung erhoffte, kurz ab und ließ eine peinliche Pause verstreichen, bevor er, diesmal knapp und bestimmt, fortfuhr: »Ich will Ihnen völlig reinen Wein einschenken: Ich mache dieses Geschäft nur, wenn es wirklich etwas ganz Großes ist. Hunderttausend Pfund sind ja ein schöner Betrag, aber in diesem Fall zu wenig. Ich weiß warum. Es müßte mindestens das Doppelte sein – und ich müßte ganz klar sehen, worum es geht, das heißt, ob der Gewinn wirklich greifbar ist und die Mühe und das Risiko lohnt. Wenn Sie mich darüber aufklären und mir dann bis morgen zehn Uhr Bedenkzeit geben, kommen wir vielleicht noch zusammen.«

Er hatte die seltsame Anwandlung von vorhin bereits so weit überwunden, daß er wieder sein überlegenes Lächeln fand. »Sie riskieren dabei gar nichts, denn Verschwiegenheit und Ehrlichkeit sind das einzig Gute an meinem Ruf. – Um Sie nicht unnütz aufzuhalten«, schloß er mit einem Blick nach der Uhr sehr verbindlich, »will ich fünf Minuten warten, damit Sie sich schlüssig werden können.«

Bayford fühlte sich aus allen Himmeln gerissen. Er hatte alles auf dem besten Wege gewähnt und vermochte sich nicht zu erklären, was die plötzliche Sinnesänderung des ›Mächtigen‹ herbeigeführt haben konnte. Es schien irgendwie mit dem geheimnisvollen Dritten zusammenzuhängen, und Bayford verspürte wieder einmal ein höchst unangenehmes Gefühl im Rücken, das ihm keinen Preis zu hoch erscheinen ließ, wenn er dafür die Beihilfe und den Schutz Mr. Grubbs erlangen konnte. Nicht erst fünf, sondern bereits drei Minuten später legte er daher dem mit verkniffenen Augen lauschenden Gentleman im Smoking mit vorsichtig gedämpfter Stimme eine umfassende Beichte ab und hatte für jede interessierte Zwischenfrage des andern eine klare und überzeugende Erläuterung. Er verschwieg nicht das geringste, was zum vollen Verständnis der Sache gehörte, nur über einige bedeutungslose Einzelheiten, ging er hinweg. Davon, wer in der bewußten Nacht den Schuß abgegeben hatte, sowie von dem Tritt in die Rippen sprach er nicht, und auch den Unfug mit dem Drudenfuß und die unangenehme Prophezeiung von der Falltür hielt er nicht für erwähnenswert.

Aber sonst wußte Mr. Grubb nach einer halben Stunde wirklich alles, und er brauchte lange, um damit fertig zu werden.

»Also, rund vierhunderttausend Pfund . . .«, murmelte er endlich gedankenvoll.

»Gering gerechnet«, bemerkte der ehrliche Bayford eifrig. »Es war nicht nur eine Unmenge Gold in den Truhen, sondern auch Papiergeld von hohen Werten.«

»Das wären also bei Halbpart zweihunderttausend Pfund«, berechnete der andere und nagte überlegend an den Lippen. »Und Sie sind überzeugt, daß alles noch unberührt ist?«

»Ja«, gab Bayford entschieden zurück. »Es war ein geradezu ideales Versteck, auf das kein Zufall führen kann.«

Er grinste befriedigt und sah Grubb erwartungsvoll an, aber dieser spann seine eigenen Gedanken weiter.

»Also Oberst Passmore – glauben Sie nicht, daß er uns zuvorkommen könnte?«

»Nein«, erklärte Bayford ebenso bestimmt wie vorher. »Er hat die Karte nicht, und ohne diese ist nichts anzufangen. Die Gegend war ihm gewiß ebenso fremd wie uns, und außerdem glaube ich nicht, daß er weiß, worum es in Wirklichkeit geht. Er ist ja damals erst aufgetaucht, nachdem alles bereits vorüber war. Er hat wohl nur das Pentagramm in der Hand Fergusons gesehen und versucht nun, aus dieser Wissenschaft irgendwie Kapital zu schlagen.«

». . . irgendwie Kapital zu schlagen«, wiederholte der andere leise und in einem eigenartigen Tonfall. »Aber immerhin – zweihunderttausend Pfund . . .«

Er erhob sich plötzlich mit einem höflichen Lächeln und reichte dem etwas enttäuschten Bayford die Hand.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie so lange in Anspruch genommen habe, aber es war notwendig. Morgen Schlag zehn werde ich Sie anrufen und Ihnen ›ja‹ oder ›nein‹ sagen.«

»Hoffentlich ›ja‹«, flüsterte Bayford mit krampfhafter Grimasse.

Mr. Grubb lächelte dünn. »Vielleicht«, sagte er ausweichend, und das war für Bayford ein so schwacher Trost, daß er das Haus in Highbury in noch gedrückterer Stimmung verließ, als er es betreten hatte; und die dicken Kreidestriche eines Drudenfußes, die ihm nach einigen Schritten vom Gehsteig entgegenstrahlten, machten ihn so bestürzt, daß er diesmal sogar das Fluchen vergaß.

Unmittelbar hinter dem Herrn mit dem Monokel kam ein Zeitungsjunge des Weges getrabt, und als er das seltsame Zeichen sah, betrachtete er es aus den Augenwinkeln mit Wohlgefallen. Die Sache hatte ihm anfangs einige Schwierigkeiten bereitet, aber nun hatte er sie bereits so weg, daß er die Striche mit geschlossenen Augen zeichnen konnte.

Während Bayford mit seinen unerfreulichen Gedanken nach Süden fuhr, schlüpfte der Zeitungsjunge in eine Fernsprechzelle und sprach einige Worte in den Apparat, die noch schneller liefen als der Wagen des Herrn mit dem Monokel, denn sie waren bereits in der nächsten Sekunde in einem unscheinbaren Hause nächst dem Home Office, wo sie ein schweigsamer Mann empfing und auf einen der pedantisch zurechtgelegten Zettel übertrug.

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