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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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18

»Ich fürchtete schon, daß Sie überhaupt nicht kämen«, stieß Mrs. Lee mit einem schmachtenden Vorwurf in den farblosen Augen erleichtert hervor, und Mr. Bayford war über seine Unpünktlichkeit selbst ganz verzweifelt.

»Ich war bereits unterwegs«, erklärte er eifrig, »als ich durch einen Geschäftsfreund in Anspruch genommen wurde; und da es sich wirklich um eine dringende Angelegenheit handelte, mußte ich ihm zuhören, obwohl . . .«

»Das kenne ich. Mein Anwalt sucht sich meist auch immer die ungünstigste Zeit aus, um mich mit derartigen Dingen in Anspruch zu nehmen. Gestern erst mußte ich mit ihm zwischen Tür und Angel über die Anlage von dreißigtausend Pfund verhandeln. Dabei verstehe ich eigentlich gar nichts von Geldsachen . . .«

Der Herr mit dem Monokel wurde wachsam. »Für eine so rasche Entscheidung ein recht ansehnlicher Betrag«, meinte er bedenklich, aber sie hatte für den Einwand nur eine leichte Handbewegung und eine höchst gleichgültige Miene.

»Oh, zuweilen geht es sogar um noch größere Summen, und es ist heute gar nicht so leicht, Gelder unterzubringen.«

Der Herr mit dem Monokel empfand ein leichtes Schwindelgefühl, und während er mit der einen Hand über seine Stirn strich, suchte seine andere ganz unwillkürlich an der weichgepolsterten Rechten von Mrs. Lee eine Stütze.

Die Witwe legte der Sicherheit halber rasch auch noch ihre Linke darauf, und so saßen sie eine Weile wortlos in ihre Gedanken versunken.

»Ich verstehe«, begann Bayford endlich mitfühlend, »daß ein solcher Besitz manche Sorge bereitet . . .«

»Besonders einer Frau, die völlig allein steht«, deutete Mrs. Lee nachdrücklich an, und in ihrer zitternden Stimme und ihrem zuckenden Gesicht lag so viel schmerzliche Klage, daß es dem empfindsamen Mann zu Herzen ging.

»Sie Ärmste«, sagte er ergriffen und begnügte sich in seinem warmen Mitgefühl nicht nur mit Worten, sondern legte auch noch seine freie Linke zärtlich unter das Doppelkinn der bedauernswerten Dame.

Mrs. Lee glaubte dabei eine ganz leise, schüchterne Aufforderung zu verspüren, und Mr. Bayford hatte gerade noch Zeit, dicht neben sie zu rücken, um ihren Kopf an seine Schulter zu betten. Dabei warf er einen verstohlenen Blick nach der Uhr und stellte zu seiner Erleichterung fest, daß ihm erfreulicherweise nur noch eine halbe Stunde Zeit blieb.

Die Frau in seinen Armen wußte jedoch diese halbe Stunde gründlich auszunützen.

»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin . . .« Mr. Bayford bekam einen schallenden Kuß. »Oh, so glücklich . . .« Mr. Bayford bekam noch einen Kuß. »Aber ich ahnte, daß es so kommen würde«, gestand sie schamhaft. »Vom ersten Augenblick an. Obwohl du immer so korrekt und zimperlich warst. – Liebst du mich wirklich? Sage es mir und küsse mich . . .«

Der Herr mit dem Monokel sagte es und küßte sie, obwohl er nicht ganz bei der Sache war.

»Wenn es dir recht ist«, schlug die strahlende Joanna wiederum zwischen zwei ausgiebigen Küssen vor, »können wir unseren näheren Bekannten sofort Mitteilung machen. – Es wird eine Sensation geben . . .«

Mr. Bayford vermutete dies auch, und eben deshalb erhob er in seiner vornehmen, bescheidenen Art dagegen Einspruch.

»Ich bin nicht dafür, Liebste. – Wenn es nach mir ginge«, fuhr er warm und gefühlvoll fort, »würden wir die Leute mit der vollendeten Tatsache überraschen.«

»Aber möglichst bald!« drängte die schmachtende Witwe verschämt, und der Mann ihres Herzens nickte mit einem vielsagenden Lächeln.

»Sagen wir in zwei bis drei Wochen. So lange brauche ich, um meine Vorbereitungen zu treffen, denn ich möchte, daß wir direkt nach der Trauung für einige Monate irgendwohin in die Welt fahren. – Man wird dann durch keinerlei Verpflichtungen gestört und hat mehr voneinander . . .«

Die Witwe schmiegte sich mit dankbarer Inbrunst an den rücksichtsvollen Mann, und es dauerte einige Minuten, bis Mr. Bayford wieder loskam.

Da war es glücklicherweise bereits Zeit zum Aufbruch, aber es blieb noch die Sache zu besprechen, wegen der er eigentlich gekommen war.

»Ich finde diese Zeitungsartikel, von denen du mir telefonisch Mitteilung gemacht hast, nicht gerade zweckdienlich«, meinte er leichthin nach einer Weile. »Wenn es hier wirklich so etwas wie Mädchenhandel gibt, würden die betreffenden Kreise dadurch nur gewarnt werden und rechtzeitig ihre Vorkehrungen treffen können. Das wäre nicht im Interesse der Sache, und das Komitee sollte daher eine derartige Veröffentlichung eigentlich zu verhindern trachten. – Du erhältst sie doch auf alle Fälle vorher zur Einsichtnahme?«

»Gewiß«, versicherte Joanna zerstreut, da sie jetzt ganz andere Dinge im Kopf hatte. »Man hat es mir wenigstens bestimmt versprochen. – Natürlich verständige ich dich dann sofort, und wir können uns zusammen damit beschäftigen.«

Sie hängte ihre hundertachtzig Pfund hingebend an seinen Hals und fügte stammelnd hinzu: »Ich wünschte, es wäre schon heute . . .«

Mr. Bayford wünschte das nicht, denn er hatte in den nächsten Stunden noch weit dringendere Dinge zu erledigen, um seine Vergangenheit abzuschließen und seine Zukunft für alle Fälle sicherzustellen.

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