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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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16

In der nächsten Sekunde lächelte sie allerdings schon nicht mehr.

»Dreißig Tage Stubenarrest!« donnerte ihr der General wutentbrannt entgegen. »Wenn ich Besuch habe, ist für jedermann der Eintritt verboten.«

»Nehmen Sie, bitte, Platz, liebe Mrs. Chilton«, sagte Sibyl mit einem vergnügten Augenzwinkern. »Onkel hat es heute wieder einmal arg im Knie, und das kann den vollendetsten Gentleman unverdaulich machen.«

Sir Humphrey zerkaute irgend etwas im Munde und ließ dann ein unentschlossenes Räuspern hören.

»Was ist los?« knurrte er endlich verdrießlich.

»Oberst Passmore möchte Ihnen seine Aufwartung machen.«

Die junge Dame in Breeches schnellte jäh auf dem Stiefelabsatz herum, und der General richtete mit einem Ruck den Oberkörper stramm auf.

»Oberst Passmore . . . so . . . so . . ., wiederholte er etwas kleinlaut und sah höchst unschlüssig drein.

»Ich werde dich allein lassen«, kam ihm Sibyl mit lebhafter Bereitwilligkeit entgegen und war fast schon an der Tür, als ein gebieterisches »Du bleibst!« sie innehalten ließ.

In diesem kritischen Augenblick hatte Mrs. Chilton die Kühnheit, ihre Meinung zu äußern. »Miss Sibyl tut wirklich am besten, wenn sie geht. In diesem Aufzug . . .«

»Mrs. Chilton hat ganz recht«, sagte Sibyl entschieden. »Ich werde mich umkleiden . . .«

Ihre Stimme und ihr Blick wirkten auf das stürmische Gemüt Sir Humphreys wie Öl auf eine hochgehende See. Er riß nur heftig an seinem Kragen und sah sich etwas rat- und hilflos um.

»Reglementmäßiger Empfang«, knurrte er dann wenig zuversichtlich, begann aber sofort zu strahlen, als das junge Mädchen gleich den richtigen Sessel heranschob und mit dem ersten Griff die vorgeschriebenen Zigarren und Zigaretten fand.

Es war alles tadellos, und Sibyl erhielt einen anerkennenden Klaps, was die Hausdame aufs tiefste empörte.

»Ich will hoffen, Sir Humphrey«, stieß sie entsetzt hervor, »daß Sie sich in Gegenwart des Besuches nicht so gehen lassen . . .«

»Schweigen Sie!« gebot der General erbost. »Wie können Sie reden, ohne gefragt zu sein? – Sie haben jetzt Handschuhe anzuziehen und den Oberst vorschriftsmäßig anzumelden.«

Das war zuviel für Mrs. Chilton. Sie öffnete einige Male den Mund, aber erst nach einer Weile war sie so weit, sprechen zu können.

»Das werde ich nicht tun«, erklärte sie herausfordernd. »Ganz abgesehen davon, daß ich als Hausdame und nicht als Diener engagiert bin, möchte ich Sie vor Oberst Passmore auch nicht gerne lächerlich machen. Er ist ein Gentleman«, bemerkte sie mit Nachdruck, »und wir kennen uns von früher her. Es hat eine Zeit gegeben, da ich durch die Stellung meines Mannes seine Kommandeuse war . . .«

An das Ohr des alten Soldaten schlug ein Wort, mit dem er etwas anzufangen wußte. ›Kommandeuse‹ – ja, diesen Begriff kannte er. Es war ganz ausgeschlossen, daß eine ehemalige Kommandeuse einen ehemaligen Untergebenen anmeldete.

Sir Humphrey war ein gerechter Mann, und wenn er unrecht hatte; so gab er das ohne weiteres zu. Er verbeugte sich ritterlich.

»Entschuldigen Sie, Mrs. Chilton«, sagte er höflich, um sofort weniger höflich hinzuzufügen: »Das hätten Sie aber gleich sagen können . . .«

Der Empfang Passmores vollzog sich diesmal nicht so zeremoniell wie bei seinem ersten Besuch.

»Ich mache mir Vorwürfe, daß ich Sie derart in Ihrer Bequemlichkeit störe«, begann der Oberst zögernd, aber der alte Herr wehrte lebhaft ab.

»Machen Sie sich keine Vorwürfe. Wenn dazu Grund vorhanden wäre, würde ich das schon selbst besorgen. Aber ich habe Sie eigentlich schon gestern erwartet. – Warum sind Sie nicht gekommen? Sie gefallen mir, denn mit Ihnen kann man vernünftig reden. Ich habe zwar einige alte Freunde, die mich zuweilen aufsuchen, mit denen ist jedoch nichts mehr anzufangen. Der eine schläft immer ein, sowie er sich in den Lehnstuhl setzt, und der zweite bringt jedesmal eine neue Krankheit mit. Von solch einer Gesellschaft hat man nichts, wenn man sich selbst noch jung und frisch fühlt.«

Oberst Passmore beschloß, die damit in Fluß geratene Unterhaltung auf gut Glück fortzuführen.

»Ich habe zu meiner großen Freude eben Mrs. Chilton nach langen Jahren in Ihrem Hause wiedergetroffen. Ihr Gatte war vor dem Krieg mein Kommandeur in Indien, und sie ist eine sehr feine Dame . . .«

Sir Humphrey bewegte den Unterkiefer und ließ seine lebhaften Augen etwas befangen hin- und hergehen.

»Allerdings«, gab er reserviert zu, »fein und gebildet, gewiß. – Aber schrecklich undiszipliniert. Wenn ich eine Frau gehabt hätte . . .« Er sprach nicht zu Ende, sondern sprang in einem plötzlichen Entschluß unvermittelt vom Thema ab. »Sie werden mit uns den Tee nehmen, Oberst. Mit mir und . . .« Die weiteren Worte verschluckte er, weil er sich noch nicht darüber klar war, wie er seinen Neffen, der eigentlich ein Mädchen war, einführen sollte.

Er war es auch dann nicht, als Miss Sibyl Norbury, ein Bild strahlender mädchenhafter Frische, mit der Sicherheit einer Dame von Welt auf der Szene erschien.

»Oberst Oliver Passmore«, stellte der General mit Kommandostimme vor, und seine Stimme ging dann in ein unverständliches Murmeln über, worauf er sich mit dem Taschentuch erleichtert die Stirn trocknete.

»Oberst Passmore ist mein Freund«, erklärte Sir Humphrey mit krampfhafter Gesprächigkeit. Die Frauenkleider, in denen sein Neffe steckte, irritierten ihn, und die ganze Situation paßte ihm überhaupt nicht so recht. »Er hat mir vor einigen Tagen Karten gebracht. Sehr wichtige Karten für mein Werk.« Er erinnerte sich plötzlich, blinzelte seinem Gast verschmitzt zu und deutete mit dem Daumen auf Sibyl, die diese Einleitung mit einiger Besorgnis verfolgte. »Das Schreiben scheint übrigens in der Familie zu liegen«, fuhr er mit strahlender Vertraulichkeit fort. »Der Junge hat nämlich auch so etwas vor und wird sich die Geschichte sogar bezahlen lassen . . .«

»Darf man fragen, womit Sie sich beschäftigen?« erkundigte sich Passmore höflich, und das junge Mädchen nickte höchst unbefangen.

»Mit einigen sozialen Fragen. Aber der Onkel macht zuviel Wesen aus der Sache. Ich weiß ja noch nicht, ob etwas daraus wird.«

»Sie sammelt erst Material«, warf Sir Humphrey eifrig ein. »So wie ich . . .«

»Wenn ich Ihnen dabei zur Hand gehen könnte . . .?« erbot sich der Oberst zuvorkommend, aber sie lächelte etwas überlegen und schüttelte den hübschen Kopf.

»Das sind alles Dinge, von denen Sie kaum etwas verstehen dürften«, meinte sie heiter. Säuglingspflege, Mutterschutz, Wöchnerinnenheime . . .«, zählte Sibyl bedächtig an den gepflegten, schlanken Fingern auf. »Frauenarbeit in den Fabriken . . .«

»Mädchenschutz«, erlaubte sich Passmore leichthin einzuflechten, aber Sibyl Norbury sah ihn harmlos an und verneinte entschieden.

»Das ist eine Sache für würdige ältere Damen«, meinte sie und zeigte die wundervollen Zähne unter den frischen Lippen, »denn dazu muß man wohl über einige Erfahrungen verfügen. – Und ich habe eigentlich noch so wenig vom Leben kennengelernt . . .«

»Sie ist nämlich ganz allein in der Stadt«, erklärte der General etwas schuldbewußt, »aber das ist immer noch unterhaltender als hier draußen in unserer Gesellschaft. – Falls es Ihnen paßt, Oberst«, fügte er eifrig hinzu, »könnten Sie hie und da einmal mit ihr bummeln gehen. Wenn ich mobiler wäre, würde ich es selbst tun«, versicherte er, »denn ich habe mein Leben lang immer gerne gebummelt. Das erhält jung.«

»Mit Vergnügen«, beeilte sich Passmore zu bemerken und heftete seine ernsten Augen auf Sibyl, die hastig die Augen niederschlug.

Als Oberst Passmore volle zwei Stunden später ›Falcon Lair‹ verließ, war er noch ernster und nachdenklicher als nach seinem ersten Besuch, und auch Miss Sibyl saß sehr verträumt und wortkarg dem Onkel gegenüber.

Sie blieb noch eine Weile, und bevor sie ging, schlüpfte sie in das Zimmer der Hausdame, um sich von dieser mit ganz besonderer Herzlichkeit zu verabschieden.

Zwischen Tür und Angel fragte sie dann so ganz nebenbei: »Sie kennen Oberst Passmore schon von früher, liebe Mrs. Chilton?«

In dem Gesicht der würdigen Dame zeigte sich wieder das seltsame Lächeln, das sie seit einigen Stunden gefunden hatte.

»Jawohl, Miss Sibyl. Er war damals noch sehr jung, aber trotzdem schon einer der tüchtigsten und beliebtesten unserer Offiziere . . .«

Der Wagen mit Miss Sibyl am Steuer hatte kaum das Parktor passiert, als sich in ›Falcon Lair‹ geradezu unerhörte Dinge abspielten.

Erstens drang Mrs. Chilton neuerlich unangemeldet und sogar ohne auf ihr Klopfen eine Aufforderung abzuwarten in das Zimmer Sir Humphreys, zweitens ließ sie sich dort, ebenfalls unaufgefordert, einfach nieder, und drittens begann sie zu sprechen, bevor der General noch dazu kam, ihr die fürchterlichen Strafen entgegenzudonnern, die auf alle diese schweren Verbrechen standen.

»Sir Humphrey«, sagte sie fest und entschlossen, »es liegt nun an Ihnen, ob ich meine Koffer packe, und zwar diesmal für immer. Ich bin eine Frau und habe als solche ein gewisses Verantwortlichkeitsgefühl und auch offene Augen. Es gibt jetzt für Ihre Nichte eine Chance, wie sie sich nicht besser treffen kann. Wenn Sie diese Chance durch Ihre Halsstarrigkeit zunichte machen, so verdienen Sie, daß man Sie an die Wand stellt. – Miss Sibyl und Passmore wären ein prächtiges Paar, und je rascher die Sache geht, desto früher können Sie in Ihren alten Tagen etwas um sich haben, dem Sie nicht erst Hosen anziehen müssen, um einen Jungen daraus zu machen. Sie verstehen mich? – Überlegen Sie es sich also und kommen Sie zur Vernunft.«

Es war die längste und unverschämteste Rede, die General Norbury in seinem Leben zu hören bekommen hatte.

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