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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
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15

Bayford beschäftigte sich an diesem Tag sehr viel mit seinem Teilhaber.

Er traute grundsätzlich niemand, am allerwenigsten aber Ferguson. Und die Sache mit jener Terrainkarte war überhaupt zu wichtig, als daß er sie ihm hätte allein überlassen wollen. Besonders jetzt, wo es nach seinem sicheren Gefühl um die letzte Entscheidung ging. Das Auftauchen des Dritten, der um den Drudenfuß wußte, gebot Eile, und das Verhalten Fergusons ließ ihm besondere Vorsicht geraten erscheinen. Vor allem wollten Bayford das Telefongespräch, das er mit angehört hatte, und der späte Besuch, der diesem gefolgt war, nicht gefallen, und er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Bevor er das Haus verließ, setzte er sich noch mit Mrs. Lee in Verbindung, um ihr einen guten Morgen zu wünschen und nach ihrem Befinden zu fragen.

Die Präsidentin des Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels war von dieser Aufmerksamkeit so entzückt, daß sie eine volle Viertelstunde süß und neckisch in den Apparat gurrte.

Bayford schnitt ein wütendes Gesicht, aber plötzlich wurde er sehr aufmerksam.

»Seit gestern werde ich ununterbrochen von der Presse überlaufen«, sagte Mrs. Lee, und sogar durch den Draht war zu hören, wie wichtig sie sich dadurch vorkam. »Die Herren wollen alles mögliche wissen, und es ist oft schwer, eine Antwort zu finden. Dabei habe ich aber etwas äußerst Interessantes erfahren: Einem großen Blatt sind sensationelle Enthüllungen über das Treiben der Mädchenhändler in London angeboten worden. – Was sagen Sie dazu? Das wäre natürlich Wasser auf unsere Mühle.«

»Von wem?« fragte Bayford nach einem kurzen Räuspern, aber Mrs. Lee konnte seine lebhafte Wißbegierde nicht ganz befriedigen.

»Das weiß man nicht. Der Betreffende hat vorerst unter einer Deckadresse angefragt, welches Honorar man ihm zahlen wolle. Er könnte den ersten Artikel bereits in einigen Tagen liefern. Natürlich hat das Blatt in Anbetracht der Wichtigkeit der Sache eine sehr nette Summe geboten, und man hat mir versprochen, mich in den Bericht noch vor der Veröffentlichung Einsicht nehmen zu lassen. – Aber darüber können wir nachmittag plaudern, wenn Sie mir das Vergnügen machen wollen. Wir werden ganz allein sein«, deutete die Witwe schamhaft und vielverheißend an, und Bayford warf mit einem leisen Fluch den Hörer in die Gabel.

Ein Alarm in der Presse war eine sehr gefährliche Sache und konnte aus einem Sandkorn eine verheerende Lawine machen.

Mr. Bayford speiste etwas sorgenvoll und mit wenig Appetit in einem eleganten kleinen Lokal nächst dem Grosvenor Square und war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er seiner Umgebung nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenkte.

Erst als er bei der Zigarette angelangt war, ließ er den Blick mechanisch und gelangweilt durch den Raum gehen, aber schon nach wenigen Sekunden hielt er mit überraschten, starr geweiteten Augen inne . . .

An einem Tische schräg gegenüber saß der geheimnisvolle Fremde vom Bahnsteig in Folkestone, schien aber weder die Überraschung noch das Interesse des andern zu teilen. Er widmete seine ganze Aufmerksamkeit lediglich dem Lunch, und selbst als er das aufgeregte, herausfordernde Benehmen des Herrn mit dem Monokel nicht mehr übersehen konnte, hatte er dafür nur einen verständnislosen, befremdeten Blick.

Bayford war ein Mann von raschen Entschlüssen und kaltblütigem Wagemut. Seit Tagen hatte er diese Begegnung herbeigesehnt, und wenn sie ihm auch unter anderen Verhältnissen erwünschter gewesen wäre, wollte er sie doch nicht ungenützt vorübergehen lassen. Vielleicht war gerade dieser Ort, der beiden Teilen größte Zurückhaltung auferlegte, für die erste Auseinandersetzung am günstigsten, und Mr. Bayford zögerte nicht lange, sie herbeizuführen.

»Es kommt mir vor«, sagte er wenige Minuten später unverfroren, indem er sich ohne weitere Umstände an dem Tisch niederließ, »als ob wir uns über irgend etwas auszusprechen hätten. – Ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

Im Gesicht Oberst Passmores zuckten nur die scharfen Linien um die Mundwinkel, und Bayford verfolgte dieses Spiel mit einiger Besorgnis. Er hatte zum erstenmal Gelegenheit, sich den Mann, der ihn mit dem verwünschten Drudenfuß verfolgte, näher anzusehen, und der Eindruck, den er empfing, war nicht gerade ermutigend. Er konnte nicht feststellen, ob dieses energische Gesicht jenem Dritten gehörte, der ihm und Ferguson vor vierzehn Jahren so ungelegen in die Quere gekommen war, aber er fühlte, daß er vor diesem Gegner auf der Hut sein mußte.

Das veranlaßte ihn, zunächst einmal den Ton zu ändern. »Es ist sonst nicht meine Art, auf diese Weise Bekanntschaften zu schließen«, meinte er etwas von oben herab, da der andere sein unangenehmes Schweigen nicht aufgeben wollte, »aber Sie haben mich ja dazu herausgefordert.«

»Wodurch?« fragte Passmore rasch und scharf, und Bayford hatte sofort das Empfinden, daß dies eine etwas heikle Frage war.

»Wollen wir doch das Versteckenspielen sein lassen«, wich er vorsichtig aus. »Sie wissen sehr gut, was ich meine, aber ich zerbreche mir vergeblich den Kopf, was Sie zu Ihrer seltsamen Kinderei veranlaßt und welchen Zweck Sie damit verfolgen. Und deshalb möchte ich diese günstige Gelegenheit benützen, um von Ihnen Aufklärung zu fordern.«

Er nahm eine sehr gebieterische Pose an, und seine kleinen Augen blitzten herausfordernd, vermochten aber dem Blick, dem sie begegneten, nicht standzuhalten.

»Und wenn ich es ablehne, mich mit Ihnen darüber zu unterhalten?« forschte der Oberst gelassen.

»Dann werde ich Sie dazu zu zwingen wissen«, stieß Bayford hitzig hervor. »Und ich werde auch Mittel und Wege finden, Ihrem Treiben ein Ende zu machen. Wenn ich Sie einmal dabei fasse . . .«

Passmore schüttelte leicht den Kopf, und die Linien um seinen Mund begannen geradezu aufreizend zu spielen.

»Sie werden mich nicht fassen«, versicherte er überzeugt. »Es würde meine Pläne sehr stören, wenn Ihnen etwas zustoßen sollte, denn ich benötige Sie für eine etwas peinlichere Prozedur. Ebenso Ihren Freund Ferguson, der ja nun endlich die wichtige Karte in Händen hat . . .«

Der Herr mit dem Monokel hörte von allem nur die letzte Bemerkung, die seinen längst gehegten Verdacht zu bestätigen schien und ihn so außer Fassung brachte, daß er sich eine bedenkliche Blöße gab.

»Woher wissen Sie das?« entfuhr es ihm, aber noch mit demselben Atemzug fügte er grinsend hinzu: »Vielleicht gelingt es mir, auf diese Weise herauszubekommen, welcher verrückten Idee ich Ihre zudringliche Aufmerksamkeit zu danken habe.«

Oberst Passmore lächelte unangenehm und spielte angelegentlich mit seiner Zigarette.

»Meines Erachtens wäre es aussichtsreicher und weniger umständlich«, meinte er leichthin, »wenn Sie Ferguson ersuchten, Ihrem Gedächtnis etwas nachzuhelfen. Er hat ja seinerzeit dabei einen kleinen Denkzettel abbekommen, und da er außerdem jetzt endlich so weit ist, den Nutzen aus dieser alten Geschichte ziehen zu können, dürfte er . . .«

Diese neuerliche Anspielung auf die Niedertracht seines Teilhabers ließ Bayford den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung verlieren.

»Zum Teufel, reden Sie klar und deutlich«, fuhr er dem andern heftig ins Wort. »Was soll das für eine alte Geschichte sein und was soll ich damit zu tun haben? Ich bin nicht gesonnen, mich auf Schritt und Tritt belästigen zu lassen, weil es in Ihrem Kopf nicht ganz richtig zu sein scheint.« Er lehnte sich plötzlich zurück und sah den Oberst mit einem höhnischen Lächeln lauernd an. »Im übrigen – warum nehmen Sie nicht die Hilfe der Polizei in Anspruch, wenn es sich um eine bedenkliche Sache handelt und Sie soviel davon wissen?«

»Das wäre das Letzte, was ich tun möchte«, gab Passmore zu, und diese Antwort ließ den Herrn mit dem Monokel erleichtert aufatmen.

Daß der Mann ihm gegenüber ähnlich dachte, war ihm sehr angenehm zu hören und gab ihm seine Überlegenheit wieder. Wenn jener bloß irgendwelche erpresserischen Absichten verfolgte, sollte er üble Erfahrungen machen, und Bayford fand es angezeigt, ihn dies wissen zu lassen.

»Ich hoffe, daß Sie mich verstanden haben«, sagte er ernst und eindringlich, indem er Anstalten traf, sich zu erheben. »Sie sind an den Unrechten gekommen. Wir haben nichts miteinander zu schaffen, und ich verbitte mir jede weitere Belästigung. Beschmieren Sie meinetwegen alle Ihre Wände mit Ihrem albernen Pentagramm, aber nicht meine Wege. – Es ist dies ein sehr freundschaftlicher Rat, und Sie sollten ihn befolgen.«

Er nickte kurz von oben herab, und Oberst Passmore tat das gleiche von unten hinauf, hob aber dabei leicht die Hand, so daß Mr. Bayford unwillkürlich noch einen Augenblick verharrte.

»Ein Rat ist des andern wert«, bekam er zu hören, »und der meine ist genauso ernst und ehrlich gemeint wie der Ihre: Nennen Sie die Pentagramme nicht albern, denn an dem Tage, an dem es mir paßt, werden Sie in diesem Drudenfuß mit dem Kopf hängen bleiben. Und spinnen Sie mit den bewußten Millionen keine zu hochfliegenden Zukunftspläne, denn Sie werden wenig davon haben.«

»Ausgezeichnet«, sagte Bayford spöttisch, »aber lassen Sie das gefälligst meine Sorge sein. Mit Geld ist immer etwas anzufangen.«

»Wenn man innerhalb der nächsten drei Monate auf eine gewisse Falltür gestellt wird, sehr wenig«, widersprach der Herr vom Bahnsteig in Folkestone nachdrücklich, und der bestürzte Mr. Bayford empfand den Blick, der auf ihm ruhte, womöglich noch peinlicher als die unangenehme Voraussage.

Als Oberst Passmore eine halbe Stunde später in seine Wohnung zurückkehrte, fand er auf dem ersten Treppenabsatz den Steuermann vor, der mit seiner kurzen Pfeife das ganze Haus vollräucherte.

»Sie ist knapp nach eins ausgefahren, Sir«, meldete dieser. »Ich habe mich an den Pförtner herangemacht, und der hat gesagt, sie wäre nach ›Falcon Lair‹.«

Passmore warf einen raschen Blick nach der Uhr. Die Nachricht bot ihm eine Gelegenheit, die er unbedingt ausnützen wollte. Die junge Dame hatte zwar einen Vorsprung von ungefähr einer Stunde, aber es war kaum anzunehmen, daß sich ihr Aufenthalt draußen auf eine so kurze Zeit beschränken würde.

Glücklicherweise stand sein Wagen vor dem Haus, da er noch einige Wege hatte machen wollen, und während er rasch entschlossen wieder hinabstieg, erteilte er Flack in seiner kurzen abgehackten Art einige Weisungen.

»Wir fahren um zehn Uhr abends wieder nach Lambeth hinauf. Im Laufe des Nachmittags wird ein Mann ein Kästchen hierherbringen, das Ihnen mein Diener aushändigen wird. Patrick soll für eine möglichst lange Bambusstange sorgen. – Sie selbst gehen wiederum in die Bar, und wenn das Mädchen einen der Pfeile anstecken sollte, so benachrichtigen Sie mich sofort. Die Hauptsache aber ist, daß sie unbehindert zu ihrem Auto gelangt. Dafür müssen Sie sorgen. – Es wird in den nächsten Tagen voraussichtlich zu sehr ernsten Dingen kommen, aber ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann.«

Passmore schlug in den Vororten und auf der Landstraße ein förmliches Renntempo ein, aber erst, als er gegenüber dem Pförtnerhause von ›Falcon Lair‹ den kleinen Chrysler erblickte, erhielt er die Gewißheit, daß er nicht zu spät gekommen war.

Es fragte sich nun nur noch, wie er aufgenommen werden würde und ob er die junge Dame, die ihm bei seinem ersten Besuch so überraschend in den Weg gelaufen war, zu Gesicht bekommen sollte. Er erschien ohne jede Anmeldung und sogar ohne jeden plausiblen Grund, aber dafür konnte schließlich das Steckenpferd des Generals herhalten, dem er mit einigen besonderen Kriegsepisoden aufwarten wollte.

Im übrigen kamen ihm diesmal ganz besondere Umstände zu Hilfe. Da der Pförtner trotz seines sehr beträchtlichen noch abzusitzenden Zimmerarrests zur Hochzeit eines Verwandten beurlaubt war und der Diener gemächlich in London herumflanierte, um für seinen Herrn die vorschriftsmäßige Tabakmischung zu besorgen, wurde Passmore in der Halle von einem Stubenmädchen empfangen, das seine Karte sehr zaghaft und mit sichtlicher Bestürzung entgegennahm. Die junge Person war bereits so weit militärisch gedrillt, daß sie ahnte, daß dies eine gefährliche Sache war, aber noch zu wenig, als daß sie wußte, wie sie sich reglementmäßig zu verhalten hatte.

Sie lief daher vorsichtshalber zunächst zu Mrs. Chilton, die kaum einen Blick auf die Karte geworfen hatte, als sie auch schon äußerst lebendig wurde.

»Führen Sie den Herrn in den kleinen Salon«, ordnete sie etwas aufgeregt an. »Ich komme sofort.«

»Das ist ein überraschendes Zusammentreffen, und ich freue mich wirklich sehr«, sagte Passmore überaus herzlich, und Mrs. Chilton hatte feuchte Augen, weil verschiedene Erinnerungen in ihr aufstiegen.

»So ändern sich die Zeiten«, meinte sie mit einem ergebenen Seufzer. »Als wir zusammen in Indien waren, hätte ich mir das nie träumen lassen. Aber uns Offizierswitwen bleibt ja meistens nichts anderes übrig, als irgendwo Unterschlupf zu suchen.«

»Ich habe von dem Tode Ihres Gatten mit aufrichtiger Trauer gehört, Mrs. Chilton. Er war mir ein sehr wohlwollender Vorgesetzter, für den ich die herzlichste Verehrung empfand, und es beruhigt mich, Sie im Hause Sir Humphreys zu wissen.«

Passmore sprach mit warmem Mitgefühl, und um den Mund der Hausdame begann es bedenklich zu zucken; bei seinen letzten Worten aber flog ein herbes Lächeln über ihr noch immer hübsches Gesicht.

»Man soll nicht undankbar sein«, meinte sie, »aber Ihnen kann ich es ja offen sagen: Ich hätte es besser treffen können.« Sie spielte nervös mit den Fingern, denn die Gelegenheit, einem alten Freund ihr Herz ausschütten zu können, war zu verlockend, und sie erlag ihr schließlich auch. »Es gehört nämlich eine ungeheure Geduld dazu, mit dem General auszukommen«, platzte sie erbittert heraus. »Launen und Schrullen sind ja bei alten Leuten verständlich und verzeihlich, aber alles hat seine Grenzen; und schließlich ist es doch gewiß nicht zuviel verlangt, wenn ich als Frau behandelt werden will und nicht als Rekrut. Sir Humphrey kennt da jedoch keinen Unterschied. Nicht einmal bei Miss Sibyl . . .«

Der Oberst hatte für die bitteren Klagen von Mrs. Chilton innigste Anteilnahme, war aber dabei doch etwas zerstreut, weil er befürchten mußte, die Begegnung, wegen der er gekommen war, zu versäumen. Nun war jedoch plötzlich ein Name gefallen, der seine Aufmerksamkeit erregte.

»Eine Verwandte?« fragte er unbefangen.

»Ja, seine Nichte«, erklärte die Hausdame. »Die Tochter seines verstorbenen Bruders. Aber wenn Sie es mit ihm nicht für immer verderben wollen«, fuhr sie mit einem ärgerlichen Lachen fort, »müssen Sie glauben, daß sie sein Neffe ist. Davon geht er nun einmal nicht ab.« Mrs. Chiltons Züge wurden immer schärfer, und der lang angesammelte Groll in ihr kam zu einem unhemmbaren Ausbruch. »Darüber gräme ich mich noch weit mehr als über alles andere, denn er ist im Begriff, das Leben eines schönen und wirklich herzensguten Mädchens gründlich zu verpfuschen – wenn es nicht schon geschehen ist . . .«

»Oh«, warf Passmore aufs höchste betroffen ein.

Mrs. Chilton nickte entschieden. »Jawohl. Es klingt zwar wie ein Frevel – aber der General ist zu früh aus dem Kriege heimgekommen. Das Kind war damals eben erst zehn Jahre alt, und anstatt es im Pensionat zu lassen, hat er selbst die Erziehung in die Hand genommen; nämlich was er unter Erziehung versteht. Sogar für einen wirklichen Jungen wäre das wohl etwas zuviel des Guten gewesen.«

Mrs. Chilton hatte das Gefühl, daß sie doch etwas zu weit gegangen war und brach unvermittelt ab, aber der Oberst schien nicht darauf zu achten, sondern schreckte erst nach einer Weile aus seiner ernsten Nachdenklichkeit auf.

»Die junge Dame lebt also hier?«

»Was fällt Ihnen ein!« spottete die empörte Frau. »In dieser Beziehung ist der General sehr rücksichtsvoll. ›Falcon Lair‹ ist zu langweilig für einen Jungen!‹ – ›Jugend muß sich austoben‹ – und was dergleichen Redensarten mehr sind. – Ich bitte Sie, bei einem Mädchen von dreiundzwanzig Jahren!« Mrs. Chilton faltete die Hände und seufzte bekümmert. »Sie kommt meist nur über Tag für einige Stunden. – Eben sitzt sie wieder beim Onkel, raucht Zigaretten und tut wirklich so, als ob sie ein Junge wäre.«

»Da dürfte Sir Humphrey wohl für mich kaum Zeit haben«, forschte Passmore, und die Hausdame bestätigte zuerst seine Befürchtung.

»Jedenfalls werde ich Sie anmelden«, meinte sie aber dann entschlossen.

Mrs. Chilton ließ ihren Blick noch einige Sekunden sehr nachdenklich auf dem großen Mann ruhen und ging dann mit einem höchst seltsamen Lächeln ab, das sogar noch auf ihrem Gesicht lag, als sie nach kurzem Klopfen das Arbeitszimmer des ›Oberkommandierenden‹ betrat.

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