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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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13

Die enge Gasse in Lambeth verlief dicht an der Themse, und von einigen der schmutzigen Hinterhöfe führten ausgetretene, glitschige Stufen bis an den Fluß. Es war kurz nach Mitternacht, als an dem einen Ende der Gasse ein winziger Lichtpunkt auftauchte und längs der winkligen Häuserfront herunterkam. Etwa in der Mitte machte er halt und verschwand nach wenigen Sekunden in dem Dunkel eines Tores, das sich lautlos aufgetan hatte. Der große Mann, der seit fast einer Stunde regungslos in einer der Mauernischen schräg gegenüber gelehnt hatte, hob den Kopf, und sein Blick flog spähend über die wenigen Fenster der Baracke. Es waren zur ebenen Erde zwei, in dem niedrigen Stockwerk vier, aber davor lagen morsche, rissige Holzladen.

Plötzlich zeichnete sich oben auf dem letzten schmalen Rechteck ein fadendünner, trüber Schein ab, und der Mann wechselte eilig auf die andere Gassenseite. Er wußte, daß die Querlatten an der Tür säuberlich durchgesägt waren und daß man mit ihnen sogar den sorgfältig geölten Riegel in Bewegung setzen konnte, denn er hatte sich bereits eine Weile in dem Hause umgetan. Nur die alte, knarrende Holzstiege war seinem Vorhaben nicht günstig, und als er sie erreicht hatte, hielt Oberst Passmore einen Augenblick lauschend inne. Eine einzige ungeschickte Bewegung oder ein dummer Zufall konnten alles verderben, und deshalb hatte er diese Arbeit nicht einmal dem tüchtigen Steve überlassen wollen. Und er wünschte vor allem einmal selbst zu sehen, was es mit dem Hause, zu dem Flack dem Argentinier in der gestrigen Nacht gefolgt war, für eine Bewandtnis hatte.

Was er bisher in einer knappen halben Stunde gesehen hatte, enttäuschte ihn einigermaßen, denn es bot nicht den geringsten Anhaltspunkt. Die niedrigen, mit dicker Staubschicht überzogenen Stuben waren völlig kahl und leer, und nur ein Raum im Oberstock wies Anzeichen gelegentlicher Benutzung auf. Hier stand auch ein Sessel, und auf einem Kamin befand sich sogar ein Telefonapparat ältesten Systems, der anscheinend in der Eile eines Umzuges hier vergessen worden war. Aber Passmore hatte sich überzeugt, daß er mit einer Leitung in Verbindung stand, die hinter dem Kamin verlief, und wenn auch kein Anschluß zu erreichen war, so blieb die Sache immerhin auffällig.

Eng an die Mauer gedrückt, begann der Oberst Stufe für Stufe zu nehmen, und es ging leichter, als er befürchtet hatte. Es war in dem baufälligen Gemäuer auch gar nicht so totenstill, denn bei jedem lebhafteren Windhauch knarrte das ganze ausgetrocknete Gebälk.

Passmore glitt auf seinen dicken Gummisohlen so dicht heran, daß er das Auge an den Spalt zu legen und den ganzen Raum zu überblicken vermochte.

Der behäbige, kleine Mann, der vor ihm gekommen war, saß mit dem Rücken zur Tür, paffte aus einer kurzen Pfeife und schien mit einer Überraschung nicht im mindesten zu rechnen. Sooft er die Pfeife aus dem Mund nahm, räusperte er sich laut und umständlich, und zuweilen blickte er ungeduldig nach seiner Taschenuhr und dann nach dem Kamin, wo das Telefon neben einer Kerze stand. Sein wohlgenährtes Gesicht wurde immer verdrießlicher, und schließlich begann er irgend jemand halblaut zu verwünschen.

Eben im besten Zuge, wurde er durch ein ganz leises Anschlagen der Telefonklingel unterbrochen und lief mit seinen kurzen Beinen beflissen zum Kamin.

»Pyramide«, raunte er in die Muschel, »Nummer eins.«

Die Antwort kam nicht aus dem Apparat, sondern von irgendwo aus dem Zimmer selbst, und einen Augenblick strengte sich Passmore an, den zweiten Mann, der mit hohler Stimme sprach, zu entdecken.

»Bis zum nächstenmal gilt ›Segelschiff‹. – Sagen Sie Zwei und Fünf, daß sie die Ware morgen nach Greenhithe bringen sollen, und um zwölf Uhr nachts kann Nummer zwei sein Geld holen, um halb eins der andere. Schärfen Sie ihnen aber ein, daß sie pünktlich zu sein haben, denn ich will nicht, daß die Leute einander begegnen. – Haben Sie sich alles gemerkt?«

»Jawohl, ›Padischah‹«, versicherte der kleine Dicke mit erhitztem Gesicht, und die seltsame Stimme setzte neuerlich ein.

»Für Nummer Drei müssen Sie sofort einen brauchbaren Ersatz einstellen. ›Tausendundeine Nacht‹ darf nicht unbearbeitet bleiben, denn es ist zu wertvolles Material dort. Besonders die Rote von Nummer Drei. Ich fürchte, daß sie in andere Hände fällt, wenn wir nicht rasch handeln.«

In der Stimme des Unsichtbaren klang deutlich seine lebhafte Besorgnis wider, und jedes Wort vibrierte erregt durch den Raum.

»Ich werde morgen Nummer Vier und Fünf in die Bar schicken«, beeilte sich der Mann am Telefon zu erwidern. »Sie sind unsere geschicktesten Lockvögel, und die Weiber fliegen nur so auf sie.« Er machte eine kleine Pause und räusperte sich.

Dann folgte wieder eine Frage, »in der Bar ist heute der ›verliebte Lord‹ aufgetaucht. – Wissen Sie davon?«

»Natürlich«, erwiderte der Dicke selbstbewußt. »Ich habe ihn ja mit eigenen Augen gesehen. – Er scheint wieder einmal das Verlobungsfieber zu haben, denn er hatte gleich zwei Mädchen bei sich. – Die eine war die Rote von Nummer Drei«, fügte er vielsagend hinzu.

»Glauben Sie nicht, daß er sich diesmal auf etwas anderes verlegt haben könnte, das uns angeht?« kam es bedeutsam zurück, und in den Mienen des Dicken spiegelte sich sekundenlang nachdenkliche Betroffenheit.

»Verdammt«, stieß er dann hervor, »es könnte sein. Er hat das Zeug dazu, und ich habe selbst schon oft an ihn gedacht. – Aber für wen? Unsereiner müßte das doch merken. Bis jetzt hat sich niemand in unser Geschäft gemischt, und ich möchte es auch keinem geraten haben«, zischte er zwischen den Zähnen, und in seinem behäbigen Gesicht stand plötzlich ein tückischer Ausdruck, der im nächsten Augenblick noch schärfer wurde.

»Kennen Sie Ferguson and Bayford?« fragte die Stimme weiter, und Nummer Eins vergaß in seiner Erregung, daß er am Telefon sprach, und ließ einen leisen, gedehnten Pfiff hören.

»Ferguson and Bayford?« wiederholte er überrascht und mit eigenartigem Nachdruck. »Ob ich sie kenne. Die Burschen mögen es noch so gerieben anstellen, etwas sickert doch immer durch. Ich weiß«, fuhr er mit wichtigtuender Vertraulichkeit fort, indem er unwillkürlich seine Stimme dämpfte und sich ganz dicht an die Muschel neigte, »daß sie mit der ›dicken Zigarre‹ zu tun haben, aber ich habe mich bisher nicht weiter darum gekümmert, weil es hieß, daß sie nur im Ausland arbeiten, und das konnte uns schließlich gleich sein.« Er brach lebhaft atmend ab, aber diesmal schwieg die Stimme so lange, daß er schließlich einige Male »Hallo« in den Apparat rief.

»Nummer Eins, kann ich mich wirklich auf Sie verlassen?« bekam er endlich zu hören. »Auch wenn es um eine ernstere Sache gehen sollte? Eine von jenen, die Ihre Spezialität sind – Sie wissen doch . . .

Es war diesmal der dicke, kleine Mann, der eine geraume Weile brauchte, bevor er eine Antwort fand. Er stand geduckt am Kamin, und seine Augen flogen scheu in dem Raum umher, als ob er befürchtete, daß die Worte, die die Stimme eben gesprochen hatte, jemand gehört haben könnte.

»Sie können auf mich rechnen, ›Padischah‹«, stieß er dann hart und heiser hervor. »Ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin, und es kann mir auch nicht gleichgültig sein, wenn uns jemand das Geschäft verdirbt. Sagen Sie mir, was zu geschehen hat, und es wird geschehen. – Deshalb brauchen Sie mich nicht erst an gewisse Dinge zu erinnern«, schloß er mürrisch.

»Gut, wenn es soweit ist, werden wir darüber sprechen«, entschied der Unsichtbare kurz. »Also bis morgen ›Segelschiff‹, und besorgen Sie genauestens alles, was ich Ihnen aufgetragen habe. – Ende.«

Die letzten Worte hallten noch in dem Zimmer nach, als der Mann auch schon den Hörer auflegte, den Hut herunterriß und mit dem Handrücken über die schweißtriefende Stirn fuhr.

Oberst Passmore stand sprungbereit an der Tür, um rechtzeitig das Feld zu räumen, aber vorher wollte er sich Nummer Eins doch erst einmal näher besehen, und der Dicke machte ihm dies nicht sonderlich schwer. Er war von dem vielen Sprechen und der Aufregung so durstig geworden, daß er noch im Kerzenlicht eine umfangreiche Flasche aus der Tasche zog und einen sehr langen Schluck tat. Dann stopfte er seine Pfeife, zündete sie an und ließ den ersten gierigen Zügen neuerlich eine ansehnliche Menge Alkohol folgen.

Passmore stand mit der Hand an der Waffe keine fünf Schritte von ihm, als der Mann aus dem Zimmer trat, aber Nummer Eins fühlte sich in dem alten Bau so sicher, daß er erst an der Stiege seine Taschenlampe anknipste und dann hinabging.

Den über einem kleinen Wandgesims geschickt eingebauten Lautsprecher zu finden, fiel dem Oberst trotz der schlechten Beleuchtung nicht schwer, aber der Leitung nachzugehen, war eine Arbeit für den geschickten Patrick.

Dieser besorgte sie schon am folgenden Morgen sehr gründlich, indem er mit allen möglichen Werkzeugen ausgerüstet ganz öffentlich durch die Gasse eilte. Man hielt ihn für einen Mann von der Speicher-Gesellschaft und schenkte ihm weiter keine Aufmerksamkeit, aber trotzdem ging er, als er in den Höfen die Mauern absuchte, etwas unauffälliger zu Werke.

»Ich habe nur zwei Abzweigdosen finden können«, meldete er dem Oberst, als dieser am Abend auf dem silbergrauen Boot erschien. »Sie sind beide dicht nebeneinander in die Hofmauer eingelassen, und wahrscheinlich wird hier die Verbindung hergestellt.«

Passmore nickte nur flüchtig und nahm sich dann Steve Flack vor, der heute einen rauhen Hals zu haben schien, weil er ununterbrochen würgte und sich räusperte. Aber schließlich mußte er doch einmal mit der Farbe heraus.

»Und wenn Sie mich mit dem Kopf ins Kielwasser hängen, Sir«, gestand er völlig geknickt, »ich habe die Rote wahrhaftig verloren. Alles ging den ganzen Abend wie am Schnürchen, und auch auf dem Heimweg war ich eine ganze Weile flott hinter ihr drein. Aber plötzlich huschte sie um eine Ecke, und als ich hinkam, sah ich gerade noch, wie sie in ein Auto schlüpfte, das im selben Augenblick auch schon davonschoß.« Er machte eine Pause und bog seinen Bart mit einem mißmutigen Ruck nach unten, daß man förmlich die Haare knistern hörte.

»Von heute an, Sir, sage ich nichts mehr gegen das Benzin, selbst wenn man es mir zum Trinken vorsetzt, wie gestern in der Bar, denn es ist etwas an der Sache . . .«

Eine halbe Stunde später war Steve Flack wieder einigermaßen getröstet, weil er nun wußte, wie er es anzustellen hatte, und weil er den Anker lichten und eine kleine Fahrt die Themse hinauf machen durfte.

Sicht gab es natürlich nicht, aber auf einmal streckte der Steuermann den Bart in den Wind und deutete mit dem langen, dürren Zeigefinger voraus.

»Dort drüben, Sir, kommt die Gasse. – Wollen wir hier festmachen oder am anderen Ufer?«

»Hier«, entschied Passmore, und einige Minuten später lag das Boot an einem morschen Landesteg, und während sich Patrick bemühte, das Feuer unter dem Kessel zu dämpfen, kroch Flack in seine Sonntagskluft, um in der Bar wiederum seines Amtes zu walten.

Gegen elf Uhr verließen auch der Oberst und der Heizer das Boot und verloren sich in der Dunkelheit der Ufergassen.

Erst gegen zwei Uhr morgens blinkte auf dem Deck wieder ein winziges Licht auf, und Oberst Passmore lehnte sich an den warmen Kessel, um seine feuchten Sachen zu trocknen. Gleich darauf kam auch Patrick angestapft und stellte sich in Positur.

»Ich habe ihn gesehen, Sir«, meldete er aufgeregt. »Er ist mit einem Kahn von oben gekommen, auf den Stufen des fünften Hauses ausgestiegen und hat dann von den zwei Abzweigdosen Drähte zu einem Schuppen im dritten Hause gezogen. Dort hat er fast zwei Stunden gesessen und hat einige Male gesprochen. Und dann ist er mit dem Kahn wieder stromauf gefahren.«

»Stimmt«, sagte der Oberst, indem er zu Patricks Vergnügen einen alten Kupferkessel auf die glühende Kohle setzte, und eben, als das Aroma des feinen Tees durch den warmen Raum zog, stellte sich auch der Steuermann ein. Er schien noch um einen Kopf gewachsen, und sein Bart starrte geradezu himmelan.

»Park Lane«, meldete er wichtig. »Das Haus gehört Sir Humphrey Norbury . . .«

»Stimmt«, bemerkte Oberst Passmore wiederum höchst lakonisch, indem er einige Schluck Tee nahm und einladend auf eine Flasche deutete. »Wir fahren jetzt wieder hinunter, und um sieben Uhr wecken Sie mich. – Gute Nacht!«

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