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Der Drudenfuß

Louis Weinert-Wilton: Der Drudenfuß - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Weinert-Wilton
titleDer Drudenfuß
publisherWilhelm Goldmann Verlag
yearo.J.
isbn3-442-00233-8
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20160809
created20160106
projectidafbc9632
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11

Seit Anbruch der Dunkelheit lauschte Mr. Rosary angespannt, um im Flur das Öffnen der Tür gegenüber zu hören, aber seine Ausdauer wurde auf eine harte Probe gestellt. Es war bereits sieben Uhr vorbei, und noch immer war von dem Mädchen nichts zu sehen und zu hören. Dabei hatte er wiederum eine der geheimnisvollen Botschaften in der Tasche, und diese betraf diesmal nicht nur ihn, sondern auch seine Hausgenossin.

Der schmächtige Mann schlürfte in seiner bescheidenen Kammer aufgeregt hin und her, denn um halb zehn sollte er an Ort und Stelle sein, und der Weg dahin war weit.

Endlich – nach einer weiteren halben Stunde – vernahm er zu seiner Erleichterung, wie drüben der Schlüssel im Schloß gedreht wurde, aber taktvoll, wie er war, wartete er noch eine Weile, bevor er leise an die Tür klopfte.

Trotzdem kam er noch zu früh; als er dann eingelassen wurde, traf er seine Nachbarin bereits wieder in dem Turban und dem roten Kleid, wie am Tag vorher. Sie empfing ihn auch genauso freundlich, und das beruhigte Mr. Rosary etwas. Er wußte nicht, ob sie die Bekanntschaft des Herrn bereits gemacht hatte und wie er seinen Auftrag loswerden sollte.

»Entschuldigen Sie, Miss«, begann er zaghaft und vorsichtig, »aber ich habe mir gedacht, daß Sie vielleicht nicht abgeneigt sein würden, einen netten kleinen Verdienst so nebenbei mitzunehmen. Die Zeiten sind nicht gut, und ein paar Pfund mehr in der Tasche können niemand schaden. – Dabei ist es ein anständiges Geschäft«, fuhr er hastig und bereits etwas beredter fort, »und ein sicheres Geschäft. Bar auf die Hand . . .«

Das Mädchen hörte ihm lächelnd zu, aber es schien heute etwas zerstreut und war bei weitem nicht so übermütig wie gestern.

»Richtig, Sie haben mich ja so warm empfohlen, und ich muß Ihnen danken«, sagte sie und reichte ihm ihre schmale Hand, in die er schüchtern die Fingerspitzen legte.

»Haben Sie mit ihm gesprochen?« fragte er lebhaft.

»Jawohl«, bestätigte sie. »Sehr lange sogar. Und Sekt haben wir auch zusammen getrunken.«

»Sekt haben Sie zusammen getrunken . . .! Da haben Sie ihn also sozusagen von Angesicht zu Angesicht gesehen?« Er konnte es nicht fassen und wiegte ununterbrochen den Kopf hin und her.

»Er muß großes Vertrauen zu Ihnen haben, Miss . . .«

»Nur, weil Sie so nett von mir gesprochen haben«, lachte sie auf, und in ihre schillernden Augen kam plötzlich wieder das übermütige Leuchten. »Ich habe ihm auch gesagt, daß Sie mein Freund sind und daß ich mich mit Ihnen beraten werde. Wegen des Honorars oder wie man das nennt . . .«

Der schmächtige, blasse Mann fühlte wieder festen Boden unter den Füßen.

»Man kann sagen Honorar, und man kann Provision sagen, je nachdem«, erklärte er eifrig. »Sie werden ja wahrscheinlich kleine Auslagen haben für eine Fahrt hierhin und dorthin, und Sie werden Ihr schönes, teures Kleid abnützen und die Schuhe . . .«

»Was glauben Sie also, daß ich verlangen soll?« fragte sie begierig.

Mr. Rosary begann mit halbgeschlossenen Lidern und gefurchter Stirn gewissenhaft zu kalkulieren. Aber dann zog er die dünnen Brauen hoch und sah das erwartungsvolle Mädchen wohlwollend an.

»Wenn ich Ihnen raten soll, Miss«, erklärte er bedächtig, »so verlangen Sie gar nichts, sondern sagen einfach: ›Nach Belieben, Sir.‹ Er ist ein gerechter Mann und ein nobler Mann, und Sie werden gewiß zufrieden sein.«

Er zog hastig eine unförmige Taschenuhr unter seinem Überrock hervor, und nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, sagte er nervös: »Es wäre bereits höchste Zeit zu gehen.«

»Gemacht«, sagte sie, stülpte mit einem geschickten Griff einen Hut über den Turban und schlüpfte in einen Mantel.

Mr. Rosary mußte mit seiner Begleiterin heute den Weg auf das Boot allein finden, und er atmete sehr erleichtert auf, als er die Planken unter sich hatte.

Der Mann mit dem roten Bart war aber auch hier nicht zu sehen, sondern es empfing sie ein breitschultriger Bursche, der die eingedrillte Weisung herunterleierte.

»Der Herr kommt zuerst dran. – Die Miss möchte so lange in der andern Kajüte warten.«

Er schubste das Mädchen vorsichtig, aber ohne viel Umstände durch eine niedrige Tür, und wenige Augenblicke später saß Rosary, bescheiden und dienstbereit wie immer, wieder vor dem Gitter.

»Haben Sie das Mädchen mitgebracht?« war die erste Frage, die an sein aufmerksames Ohr schlug, und er warf sich in die Brust. »Natürlich habe ich sie mitgebracht. Wenn Sie etwas zu befehlen haben, Sir –«

»Gut«, schnitt ihm die Stimme hinter der Holzwand das Wort ab. »Dafür erhalten Sie von mir jetzt die Karte, für die Ihnen Mr. Ferguson zwanzig Pfund geboten hat. Wenn es halbwegs möglich ist, händigen Sie ihm diese noch heute ein. Sie können ihn ja von unterwegs anrufen, und wenn er zu Hause ist, wird er gewiß auf Sie warten.«

»Und er wird mir so viel bezahlen?« hauchte Rosary aufgeregt. »Ganze zwanzig Pfund?«

»Wenn Sie es klug anstellen, auch noch mehr«, erklärte der Herr bestimmt, und der fassungslose Mann griff mit zitternder Hand nach dem Leinwandblatt, das nebst dem üblichen Briefumschlag durch das Gitter geschoben wurde.

Weit weniger bescheiden als ihr Begleiter trat einige Minuten später das junge Mädchen in den Raum.

Die Rote sah sich erst neugierig in dem vorderen Verschlag um, dann kam sie dicht an das Gitter und blinzelte in die andere Abteilung, worauf sie sich ziemlich geräuschvoll auf den Stuhl fallen ließ und mit den Füßen zu scharren begann.

»Ein verdammt ungemütliches und muffiges Loch«, äußerte sie laut, indem sie die Nase in die Luft streckte und beleidigt herumschnupperte. »Machen Sie es mit Ihrem Hokuspokus kurz, denn lange halte ich es hier nicht aus.« Sie warf gebieterisch und erwartungsvoll den Kopf zurück, und als es hinter der Wand noch immer still blieb, fing sie an, einen Gassenhauer zu trällern. Aber dann wurde sie plötzlich höchst unwirsch und trommelte mit der geballten Hand an das Holz. »He, Sie – wachen Sie auf! Wenn Sie dösen wollen, bin ich hier überflüssig.«

Sie sprang tatsächlich so energisch auf, daß der Sessel mit lautem Gepolter umkippte und wandte sich zur Tür, aber die ruhige, kalte Stimme, die nun endlich erklang, ließ, sie doch innehalten.

»Sind Sie noch immer bereit, mitzumachen?«

»Was fragen Sie so albern?« stieß sie grob hervor. »Wäre ich sonst gekommen?«

»Auch wenn der bewußte Herr für immer ausbleiben sollte?« kam es wieder hinter der Wand hervor, und sie stutzte einen Augenblick, denn in dem Ton der Frage lag etwas, das sie eigentümlich berührte, aber dann zuckte sie kurz mit den Achseln und ließ ein freches Lachen hören.

»Hat man ihn ins Loch gesteckt?«

»Nein, etwas noch Unangenehmeres: Er hat einen tödlichen Messerstich abbekommen, als er gestern nacht zu Ihnen zurückkehren wollte . . .«

Das Mädchen verharrte sekundenlang wie versteinert, dann machte sie einige fahrige Bewegungen, und ihre Stimme klang plötzlich unsicher und tonlos.

»Wieso . . .? Von wem . . .?«

»Das vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Es ist auch weiter nicht von Belang und nichts Außergewöhnliches. In dieser Gesellschaft muß man auf derartige Dinge gefaßt sein. – Darauf möchte ich Sie nochmals aufmerksam machen«, schloß die Stimme mit besonderem Nachdruck, aber die Rote hatte ihre derbe Gelassenheit bereits wiedergewonnen.

»Das können Sie sich ersparen«, erwiderte sie kurz. »Das weiß ich selbst. Sagen Sie mir lieber, weshalb Sie mich den weiten Weg in diese Rattenkammer herzitiert haben, und was es mit dem da ist.« Sie machte mit Daumen und Zeigefinger der Rechten sehr deutlich die Bewegung des Geldzählens und blickte unverschämt nach dem Gitter. »Schließlich habe ich ja Auslagen . . .«

»Bitte, nennen Sie mir Ihre Ansprüche«, kam es mit geschäftsmäßiger Höflichkeit zurück.

»Geben Sie mir zunächst einmal nach Belieben, Sir. Wenn es zu wenig ist, werde ich mich schon melden.«

Sie griff hastig nach dem Umschlag, der aus dem Gitter kam, wandte sich ab und begann begierig den Inhalt zu zählen.

»Für den Anfang sehr anständig«, meinte sie dann und ließ das Päckchen in ihrer Manteltasche verschwinden. »Wenn Sie so nobel sind, werden wir gute Freunde bleiben. – Also, was soll ich heute tun?«

»Wie immer ins ›Tausendundeine Nacht‹ gehen. Das Weitere wird sich ergeben.«

»Werden Sie auch dort sein?« fragte sie neugierig.

»Das weiß ich noch nicht. Falls Sie mir aber etwas Besonderes mitzuteilen haben sollten, so stecken Sie, wo immer Sie auch sein mögen, eine dieser Nadeln an den Turban oder an Ihren Hut.«

Durch das Gitter kam ein kleiner Karton, der etwa zwei Dutzend Nadeln enthielt, die die Form von glitzernden Pfeilen hatten.

Die Rote betrachtete sie kritisch und rümpfte die Nase.

»Staat kann man mit dem Zeug gerade nicht machen«, meinte sie enttäuscht. »Eine einzige, aber mit einem ordentlichen Stein wäre mir lieber gewesen.«

»Flack«, schärfte Oberst Passmore dem Rotbart einige Minuten später ein, »Sie lassen das Mädchen nicht aus den Augen. Weder in der Bar noch auf dem Heimweg. Daß Sie sie nicht gesehen hat, wird Ihnen Ihre Aufgabe erleichtern, aber machen Sie es nicht zu auffällig, denn sie ist sehr vorsichtig und schlau.«

»Sehr wohl, Sir«, sagte Steve eilig.

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