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Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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Unter anderen Fürsten, die sich nach Prag begaben, um dem dort triumphierenden Kaiser aufzuwarten, war auch Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg; denn es lag allerlei vor, weswegen er ihn günstig stimmen wollte, namentlich die Klagen seiner beiden Brüder, daß er auch in den kleinen, ihnen gebliebenen Landesteilen zwangsweise die katholische Religion einführen wollte. Auf dem Wege dorthin besuchte der Pfalzgraf, nunmehriger Herzog von Jülich, das berühmte Karlsbad, wo viele Personen des hohen und höchsten Adels namentlich von Podagra, Magenschwäche und Leberübeln Heilung zu suchen pflegten. Damals hielten sich zwar wegen der vorgerückten Jahreszeit nur noch wenige Kranke dort auf, und als der Herzog des Nachmittags zur Quelle hinunterstieg, um das Wasser zu schmecken, sah er nur ein paar Männer und eine alte, von zwei Mägden gestützte Frau dort, welche ihre Gläser empfingen. Von diesen setzten sich einige auf eine oberhalb der gefaßten Quelle angebrachte Bank, um aus gläsernen Röhren den Trunk auszuschlürfen, während andere dabei die mit Ulmen und Eschen besäumte Straße auf und ab gingen. Wie der Herzog die Stufen hinaufschritt, sah er neben sich ein bekanntes Gesicht, nämlich das des Jesuiten Reihing, der ihn vor mehr als zehn Jahren im katholischen Glauben unterwiesen hatte und für den er aus diesem Grunde Verehrung und Dankbarkeit hegte. Das sei ihm eine besondere Freude, sagte er, dem Ehrwürdigen Vater wieder zu begegnen, der ihm mit seiner Wissenschaft und Beredsamkeit gleichsam die goldene Pforte zu irdischer und himmlischer Glückseligkeit geöffnet habe. Zwar tue es ihm leid, daß der Ehrwürdige Vater seinen Körper pflegen müsse, er sei auch etwas mager und gelblich geworden; aber er zweifle nicht, daß seine Gottseligkeit und der Brunnen ihm bald wieder zu erwünschter Gesundheit verhelfen würden.

Reihing, der sich anstrengen mußte, um mit dem Herzog Schritt zu halten, sagte, zwischendurch tief atmend, ganz andere Gefühle habe des Herzogs Anblick in ihm erregt, ja, wenn er ganz aufrichtig reden dürfe, sei es ihm gewesen, als schlüge die Stunde des Jüngsten Gerichtes, und seine Ankläger fingen an vor Gott aufzuziehen, um gegen ihn zu zeugen. Ob es dem Herzog noch nicht bekannt sei, daß er inzwischen den Weg zur Wahrheit gefunden und Professor der evangelischen Theologie in Tübingen geworden sei?

Das habe er freilich nicht gewußt, sagte der Herzog, die Brauen faltend, und könne es auch fast nicht glauben. Er, Reihing, der ihm die herrlichen Dogmen des katholischen Glaubens so unwiderleglich bewiesen habe, daß seine Zweifel wie Schnee an der Maisonne dahingeschmolzen wären!

Ach, dieser Schnee wäre schon recht weich und flüssig gewesen, sagte Reihing. Sie waren inzwischen oben angelangt, der kühle Wind erfaßte ihre schwarzen Mäntel und blies sie hoch auf, so daß Reihing, der das Glas in der einen Hand hielt, Mühe hatte, den seinigen um sich zusammenzufassen.

Doch entsinne er sich noch wohl, fuhr er fort, mehrerer Sätze, die der Herzog ihm entgegengehalten habe und die er, Reihing, geschwind und lächelnd widerlegt habe, etwa wie eine Magd mit dem Besen Staub beiseite fege. Mit Blindheit sei er geschlagen gewesen, daß er die edlen, lauteren Wahrheitsgoldkörner nicht habe schimmern gesehn, die Gott ihm vor die Füße gerollt habe, um ihn zu sich zu locken.

Das sei eine wunderliche und fast ungebührliche Rede, sagte Wolfgang Wilhelm mit hervorbrechendem Ärger. Er wisse nicht mehr, was er damals ausgekramt habe, es werde die ungegorene Prädikantenweisheit gewesen sein, die man ihm leider in der Jugend eingegeben habe, augenverblendende Scheinwahrheit, mit der die Ketzer ihre Irrtümer herauszuputzen pflegten. Daß er sie beredt genug vorgetragen habe, möge wohl sein; das verbitte er sich aber, daß Reihing deswegen seinen Abfall gleichsam ihm, dem Herzog, zuschiebe.

Ach nein, das tue er gewiß nicht, sagte Reihing; denn er sei so verstockt gewesen, daß die Worte ihm damals wie Erbsen oder Kieselsteine ins Ohr geflogen, nicht wie göttlicher Laut bis in die Seele gedrungen wären, und das möge daran gelegen haben, daß ihm seit seiner Kindheit die katholische Lehre mit Hämmern eingeklopft worden sei, so wie man Ornamente ins Metall schlage, daß sie in seine Natur selbst eingefleischt gewesen wäre. Die Wahrheit habe ihm noch so licht ins Auge strahlen mögen, daß das die Sonne sei, das wäre ihm niemals eingefallen. Erst als er einmal krank gewesen sei und nachdenklich im Bette liegend die Vergangenheit vor sich aufgerollt habe, da sei das Angewöhnte von ihm abgefallen und der unverfälschte Geist in ihm wiedergeboren, und da sei vieles, was er früher gedankenlos gehört habe, bedeutungsvoll in ihm aufgegangen.

Krank möge er wohl sein, sagte der Herzog, das sehe man ja auch, und er verhoffe nur, daß ihm mit der Gesundheit auch der Glauben und der rechte Verstand wiederkomme.

Da die Wandelnden in diesem Augenblick umkehrten, sauste ihnen der Wind mit einem Schwall brauner Blätter entgegen, so daß der Kranke, sein Gesicht mit dem Mantel bedeckend, nicht sofort antworten konnte. »Der Mensch hofft, solange er lebt«, sagte er endlich; »aber unter dem Hoffen ist es mir, als würde ich keinen Frühling hienieden mehr sehen, und ich fürchte sehr, daß diese Todeskrankheit eine Strafe Gottes für meine Sünden ist, die ich, wenn auch ohne Wissen und Wollen, auf mich geladen habe.« Wenn er daran denke, fuhr er fort, wie viele Seelen er mit seiner flinken Zunge und seiner prasselnden Eloquenz von der Wahrheit weg auf den Pfad des Aberglaubens und der Heuchelei verführt habe, so müsse er verzagen. Wenn er nachts schlaflos liege, so kämen sie oft alle und kreisten um sein Bett als elende Schatten, die aus dem Hades ihrer nichtigen Gottlosigkeit stiegen und ihre Seele von ihm forderten.

Er sehe nun wohl, sagte der Herzog, daß er ein echter, rebellischer Ketzer geworden sei, und es nehme ihn nicht wunder, daß Gott ihn strafe.

Strafe leide er gern, sagte Reihing, und könnte er dadurch das vielfache Unglück, das er angerichtet hätte, ungeschehen machen, täte er es noch lieber. Ach, wenn er ja nur einzelne Seelen in den Irrtum gezogen hätte! Aber nein, Fürsten und Herren wären es gewesen, die hernach ihre Untertanen ins Elend verstoßen oder gewaltsam zu Abtrünnigen gemacht hätten. Das sei ja die jesuitische Mode, die Armen wären ihnen zu gering, sie machten sich an die Regenten, damit es besser erklecke. Ach, wenn es ihm nur verliehen wäre, den Sinn des Herzogs zu bewegen! Der Herzog hätte ja damals seinen Verstand und seine Gelehrsamkeit so hoch gerühmt: wenn er ihm doch noch einmal sein Ohr öffnen wollte!

Allerdings, sagte der Herzog scharf, habe er damals Reihings Gelehrsamkeit gerühmt und seine Sätze sich so eingeprägt, daß er sie jetzt noch wiederholen könne. Der Same, den Reihing damals ausgestreut habe, sei bei ihm aufgegangen und habe Blüten und Früchte erzeugt, die er nun Reihing auftischen und die ihm vielleicht zur Wiedererlangung von seiner Seele Gesundheit dienen könnten. Gott habe vielleicht diese Begegnung gefügt, damit er, der Herzog, Reihing die einst von ihm empfangene Guttat wieder erweise. In Erinnerung daran wolle er der Lästerungen, die Reihing ausgestoßen habe, nicht gedenken, doch müsse Reihing auch in sich gehen und seine Ermahnungen annehmen.

Reihing schüttelte traurig den Kopf. Lieber wolle er jede Marter leiden, sagte er, als den Unrat wieder fressen, den er einmal von sich gegeben; es kröche ja auch eine Schlange nicht wieder in die abgestreifte Haut. Sterben müsse er ohnehin, müsse alles lassen, seine Freunde und Schüler, seine Bücher, sein liebes Weib. Er gehe nicht mehr nach irdischem Vorteil oder Schaden, er tue nur noch, was Gott und der Wahrheit zunutze komme.

Ein Weib habe er auch? fragte der Herzog zornig errötend. Nun sehe er, aus welcher Quelle Reihing seine Wahrheit geschöpft habe! Der Aberglaube, den er verfolge, sei die Ehelosigkeit, und die reine Lehre, die er erkannt habe, sei die Fleischeslust!

In das gelbe Gesicht des Kranken stieg ein flüchtiges Rot; das habe er öfters hören müssen, sagte er, und könne keine Beweise dagegen bringen, außer wenn man ihm zuhörte und finde, daß er das Evangelium durch und durch studiert und seinen Geist mehr als sein Fleisch geweidet habe. Er atmete schwer beim Sprechen und blieb einige Schritte hinter dem rüstig und unmutig vorwärtseilenden Herzog zurück. Ob der Herzog die Gnade haben möchte, fragte er, auf einer Bank mit ihm auszuruhen? er könne nicht weiter.

Nein, sagte der Herzog, während er von Reihing weggewendet in die Landschaft hinaussah, das könne er nicht, da er seine Reise morgen in der Frühe fortzusetzen gedenke; auch sehe er nicht, was für Ehre oder Nutzen das Gespräch ihm bringen sollte in Anbetracht von Reihings Verstocktheit.

Die braunen Wälder auf den Bergen und in den Tälern bogen sich mit schwerem Rauschen, als reiße der Wind die Erde unaufhaltsam mit sich; von der späten Sonne riß er die schrägen Strahlen wie gelbe Blätter und jagte sie weit über den durchsichtigen Himmel und die flutenden Hügel.

Es tue ihm leid, sagte Wolfgang Wilhelm, indem er sich gerade aufrichtete und den Arm in die Seite stemmte, daß er Reihing sein Wohlwollen entziehen müsse; indessen wolle er aus fürstlicher Großmut und christlicher Barmherzigkeit für seine Seele beten.

Reihing dankte für des Herzogs guten Willen und sagte, daß er das Gebet von Herzen erwidre. Für sich selbst pflege er zu beten, daß Gott ihm die Tränen und den Untergang der vielen Unschuldigen nicht anrechne, die der Herzog von Haus und Hof getrieben oder des Glaubens ihrer und seiner Väter beraubt habe.

*

Zu der Zeit, als Wolfgang Wilhelm die Regierung im Herzogtum Jülich antrat, rief er die Spanier ins Land, die unter anderen Festungen auch das protestantische Wesel besetzten. Dieser tapferen Bürgerschaft wurde jedoch Religionsfreiheit zugesichert, woran sich der Kommandant, der ein ehrlicher Offizier war, einstweilen auch hielt. Im Jahre 1625 jedoch rückten die Kapuziner ein, denen die Jesuiten und im Jahre 1628 die Prämonstratenser folgten, welche auf Grund gewisser alter Rechte eine Pfarrkirche für sich verlangten. Dem widersetzte sich die Bürgerschaft, der Geistliche weigerte sich, den Schlüssel zum Kirchenportal auszuliefern, und auch die Schmiede, die es gewaltsam öffnen sollten, erklärten einstimmig, zu solchem Schelmenstück ließen sie sich nicht gebrauchen. Vor der Kirche drängten sich katholische Geistliche verschiedener Orden, Bürger und spanische Soldaten, deren Oberster auf einen herbeigeschleppten Schmied einredete, er solle gehorchen, er könne ein schönes Stück Geld dabei verdienen; tue er es nicht, so werde sich ein anderer willig finden lassen. Er solle es nur versuchen, lachte der Schmied, es sei kein Verräter in seiner Zunft. Der Offizier wurde zornig und befahl seinen Leuten, den widersetzlichen Kerl zu zwingen, nötigenfalls ihm den Kopf vom Rumpfe zu schlagen. Als der Schmied die mageren spanischen Soldaten auf sich zukommen sah, reckte er hohnlachend seine breite, stämmige Gestalt, durch die Bürgerschaft ging drohende Bewegung, und ein Auflauf schien sich vorzubereiten, als der pfalzgräfliche Kommissar Johann Heinrich Schall von Bell auf dem Platze erschien und Ruhe gebot. Der spanische Offizier erstattete Bericht, worauf ein Magistratsherr vortrat und sich auf die Kapitulation berief, wonach der Bürgerschaft alle ihre Kirchen unangetastet verbleiben sollten. Ein wenig keuchend, denn er war dickbäuchig, und mit tiefer Stimme begann der Kommissar: »Tempora mutantur, nos et mutamur in illis, das heißt, die Erde dreht sich, und die Verträge ändern sich nach Zeit und Gelegenheit.« Er wurde jedoch durch den Kommandanten unterbrochen, der inzwischen auch benachrichtigt worden war und erklärte, um die Kirchen bekümmere er sich nicht, aber das sei sein fester Wille, daß keine Gewalt gegen die Bürgerschaft gebraucht werde, weil er sein Wort darauf gegeben habe. Schall von Bell nahm noch einmal das Wort, um dem Schmied nachdrücklich und rotunde zu befehlen, er habe das Portal bei Leibes- und Lebensstrafe und mit Hintansetzung seines breitspurigen Trotzens zu öffnen; da aber der Kommandant die Soldaten abrief und ihnen verbot, sich in dieser Sache weiter gebrauchen zu lassen, blieb der Schmied ungekränkt und das Portal einstweilen ungeöffnet. Die Angelegenheit wurde dadurch erledigt, daß sich nach langem Suchen ein katholischer Messerschmied, namens Anton Götz, fand, der, aus Belgien flüchtig, sich in Wesel niedergelassen hatte und der, nicht ohne Furcht vor der Rache seiner Mitbürger, unter dem Mantel der Nacht den gewünschten Dienst leistete.

*

Wie sehr es Wilhelm von Hessen danach verlangt hatte, seine Frau wiederzusehen, wurde sein Herz doch schwerer, je mehr er sich der Heimat näherte. Da harrte seiner die alte, kleinliche Drangsal: seine Stiefmutter verlangte Geld, seines Vaters Dürftigkeit klagte ihn an, ohne daß er helfen konnte, und er selbst stieß mit jedem Wunsch auf die Schranke des Geldmangels. Fast mußte er es sich zur Sünde anrechnen, wenn er ein Buch lesen oder Musik hören oder mit seiner Frau auf die Jagd gehen wollte. Am liebsten hätte er den Besuch bei seinem Vater hinausgeschoben; aber sowohl sein Herz wie sein Gewissen und kindliche Gewöhnung trieben ihn zu dem ohnmächtigen und doch gefürchteten Einsamen.

Moritz saß in Melsungen, wohin er sich zurückgezogen hatte, in einem trotz des draußen blühenden Sommers trüben und frostigen Zimmer neben einem mit Büchern und Schreibereien bedeckten Tische. Auf einem Schemel neben ihm saß sein Sohn Moritz aus zweiter Ehe, zum Andenken an den frühverstorbenen Bruder so benannt. Er hatte als Kind oft gehört, daß er diesem nie gekannten Bruder, der zwölfjährig in den Armen des Vaters gestorben war, ähnlich sehe; denn es schmeichelte Julianen, wenn ihre Kinder mit den Kindern der durch ihre Schönheit berühmten Agnes verglichen wurden; und nichts hatte ihn so beglückt, als wenn der Landgraf liebkosend zu ihm sagte, in ihm sei sein Moritz, der gehorsamste und liebste von seinen Söhnen, ihm wiedergeboren. Er hielt sich jetzt viel bei seinem Vater in Melsungen auf, und wenn er bemerkte, daß die Schwermut ihn überkam und er, wie von einer magischen Kraft gebannt, auf einen Punkt zu starren begann, nahm er seine Laute, griff ein paar Akkorde und sang mit leiser Stimme einen Psalm oder eine von des Landgrafen eigenen Kompositionen aus früherer Zeit; denn er hatte beobachtet, daß Musik den unheilvollen Zauber löste und zuweilen sogar die qualvollen Augen feucht machte.

Bei Wilhelms Eintritt sprang der junge Moritz auf und begrüßte seinen Halbbruder mit zärtlicher Umarmung. Der alte Landgraf erwiderte Wilhelms Gruß kaum, und als er erzählen wollte, was er in Prag ausgerichtet habe, unterbrach er ihn mit der Hand; er wolle zuerst von dem sprechen, was unterdessen zu Hause vorgefallen sei, sagte er, Wilhelm scharf ins Auge fassend. Dieser sagte errötend, er könne sich denken, daß sein Vater auf Wolfgang Günther anspiele: er habe getan, was in seiner Macht gewesen sei, den Prozeß zu verhindern; aber er sei doch kein Sultan, daß er die Justiz aufhalten könne.

Justiz! sagte Moritz höhnisch; eine schöne Justiz, wenn die Raubtiere den treuen Hofhund zerrissen.

Gerechte Richter wären es gewiß nicht, sagte Wilhelm; aber deshalb dürfe er sich doch nicht zum Richter machen. Wenn er den Rittern ihr Opfer entreißen wollte, so könne er gleich abdanken wie sein Vater.

So solle er es in Gottes Namen tun, rief Moritz, ehe daß er ihn zum wortbrüchigen Verräter machte. Die Mordbrenner hätten den redlichen alten Mann auf die Folter gespannt und seine grauen Haare mit Branntwein begossen und angezündet. Er wolle den Greuel nicht auf seiner Seele; das müsse Wilhelm verantworten.

Wilhelm sah entsetzt in seines Vaters abgemagertes, verzerrtes Gesicht. Ach, er habe ja das Regiment nicht gern auf seine Schultern geladen, klagte er. Gott sei sein Zeuge, daß ihm davor gebangt und gegraut habe. Der Adel habe seine Abwesenheit benützt, um seine Rache an Günther zu kühlen, das sei nicht mit seiner Zulassung geschehen. Gott könne es ihm nicht anrechnen, und sein Vater dürfe es ihm nicht vorwerfen.

So wolle er die Schuld auf ihn wälzen? fragte Moritz.

Wilhelm ging die Hände ringend in dem kleinen Zimmer auf und nieder. Er wisse es ja nicht, jammerte er, ein jeder erfülle sein Verhängnis. Er treibe ja selbst dem Abgrunde zu und wisse nicht, warum.

Die Augen des Landgrafen fingen wieder an zu erstarren. »Die Menschen sind Tiere«, sagte er, »und zerreißen einander. Wehe demjenigen, in dessen Kopfe ein Funken Geist brennt und die Tragödie beleuchtet.«

*

Wallenstein war in Gitschin, und sein Landeshauptmann erstattete ihm Bericht über den Fortgang der öffentlichen Angelegenheiten. Der Bau des Jesuitenklosters sei nicht so schnell fortgeschritten, weil zehn bis zwanzig Maurer, die aus dem Friaul zugezogen wären, keine Unterkunft in Gitschin gefunden hätten. Das dürfe nicht vorkommen, sagte Wallenstein; es sollte augenblicklich eine neue Straße angelegt und dort Häuser nach einer gewissen Bauordnung errichtet werden; keines dürfe weniger als zwei Zimmer haben. Es solle aber beachtet werden, daß die Häuser durch Heizen ausgetrocknet würden, bevor man sie beziehe, sonst gebe es Seuchen. Ob das Armenhaus schon eingerichtet sei?

Der Landeshauptmann sagte, daß er schon Beamte im Auge hätte, die dazu tüchtig wären; er wisse aber noch nicht, was des Herzogs Wille in bezug auf das Gehalt und die Beköstigung sei und worauf das Geld angewiesen werden solle.

Der Herzog erteilte seine Befehle und sagte, es sei sein Wille, daß eine gute, gerechte Ordnung gehandhabt und daß jeder Arme, der dort aufgenommen sei, leidlich ernährt werde. Bettler wolle er nicht haben; die, welche wegen Alter oder Krankheit nicht mehr arbeiten könnten, müßten versorgt werden. Es müsse auch immer ein Priester vorhanden sein, den alten Leuten das Abendmahl zu reichen. Evangelische dürften nicht aufgenommen werden, er hoffe auch, es ließen sich auf seinem Gebiete keine mehr betreffen.

Es habe sich einmal ein Prädikant eingeschlichen, sagte der Landeshauptmann, und habe auch einigen Zulauf bei den Bauern gehabt. Er habe ihn aber festnehmen und heimlich bei Nacht über die Grenze schaffen lassen.

Er hätte ihn lieber aufhängen sollen und ein paar Bauern dazu, sagte Wallenstein. Unter den Religionsumtrieben leide Handel und Gewerbe, da müsse vorgebeugt werden.

Nachdem diese Geschäfte abgetan waren, wandte sich Wallenstein zu Briefen von verschiedenen Astrologen, welche die Nativität Gustav Adolfs betrafen. Die Ausführungen stimmten in ihrem Ergebnis ziemlich überein: der Betreffende, hieß es, sei sanguinischer Komplexion, fröhlich, leutselig, zutraulich, doch nicht ohne Verschlagenheit, waghalsig, nach hohen Dingen strebend. Seine Laufbahn gehe steil aufwärts, solange er lebe, werde sein Glanz alles überblenden. Er sei unbesiegbar und könne nur durch sich selbst fallen. Wallenstein verfolgte aufmerksam die sämtlichen Berechnungen und Schlüsse, schob dann die Papiere zurück, trat ans Fenster und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Es schien ihm in diesen Horoskopen angedeutet, daß das Leben des Königs nicht lang sein würde; aber lebte er auch nur noch zehn Jahre, so war die Frist für einen solchen Mann groß genug, um den Erdkreis umzuwenden. Ihm, Wallenstein, schienen danach nur zwei Möglichkeiten zu bleiben: entweder daß er selbst dies Leben, das ihn beschatten wollte, heimlich abriß oder daß er den aussichtslosen Kampf aufgab und den Untergang des jähen Sterns erwartete. Sein Kopf sank im Nachsinnen so tief herab, daß er fast die Platte des Tisches berührte; plötzlich jedoch richtete er sich gerade auf, erhob sich und ging wieder an das Fenster. Kämpfen wollte er, sonst hätte er nicht weiterleben mögen. Wenn er wollte, so fände sich eine Mörderhand, die die Gefahr mit Dolch oder Gift beseitigte; dies Mittel wollte er aber nur wählen, wenn kein anderes verfinge. Zuvor gab es andere, deren er mächtig war, und diese überblickte er nun.

Wenn er sich zum König von Dänemark machte, so war er des Schweden Nachbar und hatte eine Flotte, mit der er den Kyklopen auf seiner Insel überfallen konnte. Es würde zwar nicht ausbleiben, daß Neid, Eifersucht und Widersetzlichkeit wie ein Schwarm stechender Bremsen sich auf ihn würfe, und die Ungelegenheit war das kleine nordische Land am Ende nicht wert. Noch hatte er nicht einmal das Reich in seiner Hand, wie durfte er vorher darüber hinausgreifen? Hatte er einmal das ganze Reich fest, so fiel ihm wohl das kleine Anhängsel von selbst zu; dann würde sein Wort die deutsche Küste von Amsterdam bis Danzig in eine Mauer verwandeln, die kein Pirat des Nordens je übersteigen sollte.

Er schrieb an Arnim, der sich in Pommern einquartiert hatte, er solle unverzüglich alle pommerschen Meerhäfen besetzen und die schwedischen Schiffe verbrennen. Beides sei hochwichtig, und er solle es sich mit aller Kraft angelegen sein lassen. Es liege mehr daran, als sich brieflich sagen lasse; durch nichts solle er sich von diesem Befehl abwenden lassen, er werde mit seiner bekannten Prudenz schon wissen, wie er es anzustellen habe.

Arnim dachte bei sich, es sei leicht, dergleichen von Böhmen aus zu befehlen, aber zustande kommen werde er schon damit, und schritt ohne Zögern zur Ausführung. Er schickte einen Boten an den Rat von Stralsund ab, sie sollten kaiserliche Besatzung aufnehmen und, da der Kaiser Geld benötige, 150 000 Taler auszahlen. Dabei fiel ihm ein, daß die Stralsunder reiche Handelsleute wären und daß er die Gelegenheit benützen könne, um seinen Hofstaat auf ihre Kosten in besseren Stand zu setzen, forderte also außerdem für sich einen großen Posten Gold- und Silberzeug, Stoffe und Bänder; da sie ihm doch als Krämer etwas herunterhandeln und abzwacken würden, dachte er, sei es besser, hoch zu greifen.

Die Stralsunder Ratsherren, die bereits von der Annäherung des kaiserlichen Heeres in Kenntnis gesetzt waren, erwogen bedächtig die Forderungen und waren im allgemeinen der Ansicht, widersetzen könne man sich dem Kaiser nicht geradezu, eine Besatzung aufzunehmen sei aber auch nicht rätlich. Sie wollten dem Kaiser die Hälfte der von Arnim verlangten Summe, dazu ihm selbst noch ein ziemliches Handgeld offerieren und sich wegen der Besatzung unvorgreiflich entschuldigen, so werde er wohl gutwillig wieder abziehen. Diese Herren zielten ja bekanntlich oft nur darauf ab, sich den Beutel zu füllen.

Als von Arnim die Botschaft zurückkam, mit dem Gelde wolle er sich einstweilen begnügen, kaiserliche Besatzung müsse die Stadt aber zum Zeichen des Gehorsams aufnehmen, geriet der Rat in ernstliche Verlegenheit und neigte zu der Ansicht, es sei besser, sich zu fügen, als in das Kriegswesen hineingezogen zu werden.

Dadurch, daß sie Besatzung aufnähmen, sagte der Bürgermeister Steinwieg, entgingen sie dem Kriegswesen nicht, setzten aber die Reichsfreiheit aufs Spiel. Das sei eine ernstliche Sache. Auf der Freiheit beruhe der Stadt Kraft und Glück, er habe die Pflicht, das Kleinod zu wahren.

Was die Reichsfreiheit betreffe, meinten die Räte, sei es immer bedenklich, darüber zu diskurrieren, untersuche man sie erst einmal, so finde man immer brüchige Stellen. Könne man jetzt durch Nachgiebigkeit stillschweigend durchschlüpfen, so fahre man am sichersten.

Steinwieg war anderer Meinung: er wolle die Reichsfreiheit nicht auf Pergament und Briefe stützen, sondern auf Fakta und die eigene Kraft. Das sei gewiß, daß die Stadt niemals eine Besatzung in ihren Mauern gehabt habe, weder des Kaisers noch anderer Potentaten, und so müsse es bleiben.

Während der Rat noch in der Beratung war, meldeten sich Abgesandte des Herzogs von Pommern mit einem freundlichen Gruß ihres Herrn: derselbe sei von dem Ansuchen des Arnim unterrichtet und nehme sich die schwierige Lage der Stadt väterlich zu Herzen. Er könne wohl voraussehen, wie ungern sie die wilde Soldateska bei sich leiden würde, und er stelle ihr deshalb das wohlmeinende Anerbieten, sie solle ein paar Fähnlein herzoglicher Söldner bei sich aufnehmen, die würden dem Kaiser als Sicherheit und Bürgschaft dienen und zugleich die Stadt vor weiteren Anmutungen schützen. »Da stehen wir wie die Lämmer«, sagte einer des Rates seufzend, »zwischen Wolf und Fuchs und wissen nicht, ob die spitzeren Zähne oder der größere Rachen mehr zu fürchten sei.« Ein anderer meinte lachend, der Herzog habe überhaupt keine Zähne mehr, wie auch sein Magen nicht mehr gut verdauen könne; wogegen wieder ein anderer zu bedenken gab, dafür sei der Herzog nah bei der Hand, der Kaiser aber weit ab und also weniger gefährlich. Das beste sei, sagte der Bürgermeister, daß sie keine Lämmer wären, sondern Männer, die sich vorsehn und sich wehren könnten. Man solle dem Kaiser und dem Herzog geben, was ihnen gebühre, nicht mehr, und es sei immerhin möglich, damit durchzukommen.

Eines Morgens um die Mitte des Februar drängte ein Haufe von Schiffern, Bootsleuten, Lastträgern und anderen Hafenarbeitern zum Rathause, und einige stürmten die Treppe hinauf und pochten an das Ratszimmer, wo um diese Zeit nur wenige Herren anwesend waren. Es seien, meldeten die Aufgeregten, auf einem Kahn ein paar Männer vom Dänholm herübergefahren, die hätten erzählt, wie während der Nacht kaiserliche Truppen gelandet wären und die Insel besetzt hätten. Widerstand hätten sie nicht leisten können, da sie zu wenige und ohne Waffen gewesen wären; auch hätten die Soldaten gesagt, sie kämen auf Befehl des Kaisers und mit Einverständnis des Rates. Wer scharfe Augen habe, könne vom Hafen aus die Soldaten auf der Insel manövrieren sehen.

Die Ratsherren schickten die Leute mit guten Worten heim und machten sich dann nach dem Hafen auf, um die Sache selbst in Augenschein zu nehmen. Der Marktplatz war von Menschen erfüllt, aus deren Mitte mancher böse und mißtrauische Blick auf die Herren fiel, die sich stellten, als bemerkten sie es nicht, freundlich nach rechts und links grüßten und den kürzesten Weg zum Hafen einschlugen. Bei Nacht hatte es leicht gefroren, der Morgen war neblig kalt und von grauem Gewölk überhangen. Schwere schwarze Wellen schlugen klatschend an die Mauer, auf der Männer, Frauen und Kinder saßen und schwatzend und mit den Fingern zeigend nach dem Dänholm hinübersahen. Als die Ratsherren erschienen, machte man ihnen Platz, worauf sie die Hände um die Augen rundend und sich über die Mauer biegend gleichfalls nach der Insel blickten.

Bald darauf traf, von lautem Zuruf begrüßt, Bürgermeister Steinwieg ein, hielt Umschau und sagte dann mit vernehmlicher Stimme: es sei allerdings an dem, daß der kaiserliche Feldherr den Dänholm besetzt habe. Dies sei aber ohne Vorwissen der Ratsherren geschehen, die darein niemals gewilligt haben würden; denn der Dänholm sei der Riegel der Stadt, und es dürfe niemand, nicht einmal der Kaiser, darangelassen werden. Man werde Vorsorge treffen, um dem entstandenen Schaden abzuhelfen, inzwischen solle jeder seiner Arbeit nachgehen; ob sie ihm vertrauten, daß er der Stadt Heil mehr als sein eigenes wahren werde? Dies bestätigte freudiges Geschrei, indessen war die Erregung doch zu groß, als daß die Leute still in ihren Häusern hätten bleiben mögen. Den Ratsherren war nicht wohl zumute; Arnims Untreue liege nun klar zutage, sagten sie, weder mit schönen Worten noch mit Geld lasse er sich abspeisen; auf der anderen Seite zeige sich, was für ein rebellischer Geist im Pöbel wohne, vor dem müsse man das Türlein noch fester schließen als vor dem Kaiser.

Noch am selben Tage erschien eine Abordnung der Zünfte auf dem Rathause: es sei ihnen wohlbekannt, daß kürzlich ein Brief des Dänenkönigs eingetroffen sei, der der Stadt mit Geld und Soldaten gegen das Wallensteinische Heer auszuhelfen sich erbiete, damit sie den heiligen evangelischen Glauben schützen könne. Ob der Rat diese Hilfe anzunehmen oder auszuschlagen im Sinne habe? Die Bürgerschaft wolle ihren Glauben, das teuerste Gut, das die Vorfahren ihnen hinterlassen, nicht preisgeben noch sich das teuflische päpstliche Joch aufschnallen lassen.

Um den Glauben gehe es einstweilen nicht, wurde erwidert, den würde der Rat zu konservieren wissen. Was den Dänenkönig betreffe, so sei es hoch bedenklich, sich mit fremden Monarchen zu verstricken, die Stadt würde sich dadurch sowohl dem Kaiser wie dem Herzog von Pommern verdächtig machen.

Auch Steinwieg war der Ansicht, den Dänen dürfe man nicht einschleichen lassen, er schiele ohnehin beständig nach der deutschen Küste, ob nicht ein Loch im Zaune sei. Freilich, ob sie sich allein gegen Wallenstein halten könnten, sei zweifelhaft; am Ende bleibe nichts anderes, als miteinander unterzugehen.

So weit wollten sie es denn doch nicht kommen lassen, riefen die Ratsherren entrüstet, dazu sei auch keine Ursache vorhanden. Sie könnten ja immer noch mit Arnim akkordieren, den trotzigen Bürgern bekomme es ganz wohl, wenn ihnen ein eisernes Gebiß ins Maul gelegt würde.

Im Zunfthause der Schiffsleute, welches am Hafen lag, kamen allabendlich die unzufriedenen und aufgeregten Männer zusammen und schimpften: die Reichen hielten es mit den Papisten und wollten sie allesamt in die katholische Knechtschaft bringen. Sie ließen sich vom Kaiser goldene Ketten und Ehrentitel schenken, sie, die armen Bürger, müßten die Kosten bestreiten. Die Einquartierung würde auch sie treffen, das wisse man wohl, daß die Reichen sich nichts abgehn und sich nichts auflegen ließen. Sie wollten sich aber nicht verkaufen lassen, und ihre unsterbliche Seele noch weniger. Ehe sie die papistischen Soldaten ins Haus ließen, wollten sie kämpfen und ihr Blut Tropfen für Tropfen vergießen.

Sie fuhren auch auf das Meer und beschossen die kaiserliche Besatzung auf dem Dänholm, worüber der Rat dermaßen erschrak, daß er sich bei Arnim entschuldigte, es sei ohne sein Vorwissen geschehen, und, um ihn zu begütigen, auf einen Vertrag einging, nach welchem Arnim den Dänholm behalten und noch 30 000 Taler dazu geliefert bekommen sollte. Obendrein verkaufte der Rat ihm noch einige Kanonen, die der Stadt gehörten und auf der Mauer am Hafen drohend aufgepflanzt waren.

Damit die Bürgerschaft beim Fortschaffen der Kanonen nicht Argwohn schöpfe, beschloß der Rat, sie vor Tagesgrauen auf Karren mit umwickelten Rädern laden und in der Stille aus der Stadt fahren zu lassen; aber die Sache war ruchbar geworden, und so kam es, daß die Straßen in aller Frühe schon von Menschen erfüllt waren. Die Ratsboten wußten nicht recht, ob sie angesichts der drohenden Volksmenge doch zum Werke schreiten sollten, worüber die Zeit verfloß, so daß die Sonne schon in winterlich gelbem Scheine aufging, als die dazu Beauftragten sich anschickten, die Kanonen auf die Wagen zu schaffen. Sie kamen jedoch nicht weit damit; denn ein paar handfeste Männer ergriffen sie bei den Armen und fragten, was mit den Kanonen geschehen solle. Die Leute sagten, das wüßten sie nicht, es gehe sie auch nichts an, soviel sie gehört hätten, wären die Kanonen verkauft. Verkauft? schrie das erboste Volk, ja, sie selber wolle man verkaufen! Die Kanonen gehörten der Bürgerschaft, wären das Wahrzeichen und Heiligtum des Hafens, sie wollten lieber Weib und Kind als die Kanonen verlieren. Unterdessen hatte sich einer der Ratsboten fortgeschlichen und einige Ratsherren von dem Auflauf in Kenntnis gesetzt, die nun, so schnell sie konnten, nach dem Hafen liefen, um die Ordnung herzustellen. Vom Meere blies ihnen der Nordwind entgegen und blähte ihre schwarzen Mäntel hinter ihnen auf, und während sie sich mit Anstrengung dagegenstemmten, schrien sie, um sich in dem Getöse von Wind und Wasser vernehmlich zu machen, wer da Aufruhr und Ungehorsam anzettele, den werde es teuer zu stehen kommen. Gleichzeitig winkten sie den Knechten, die Kanonen vollends aufzuladen; sowie sich diese aber losmachen und zugreifen wollten, wurden sie von vielen Händen aufs neue festgehalten, die Hebebäume, mittels deren sie die Kanonen bewegen wollten, wurden ihnen entrissen, braune Arme reckten sich gewaltig in die Luft, und ein Geschrei erscholl: »Verrat! Verrat! Ins Wasser mit den Kanonen!« Bevor die Ratsherren sich recht besinnen konnten, hörten sie ein donnerndes Plantschen, das Meer, das das eiserne Opfer verschlungen hatte, sprang steil an die Mauer hinauf und überspritzte die jauchzende Menge nebst den Ratsherren mit einem Guß eiskalten Wassers.

Wallenstein empfand es mit Ungeduld, daß die Bewältigung der Stadt so lange Zeit erforderte. Er möge es nicht leiden, schrieb er an Arnim, daß die rebellischen Schelme sich ungestraft widersetzten; eine Besatzung müsse die Stadt aufnehmen, Arnim solle seine ganze Dexterität dazu aufwenden und, wenn es nicht anders möglich sei, die äußersten Mittel gebrauchen. Um so ärgerlicher war es für Arnim, daß er, anstatt dem Ziele näherzukommen, durch Stralsunder Schiffe vom Festland abgeschnitten, den Dänholm in den ersten Apriltagen wieder räumen mußte. In der Stadt war Freude und Frohlocken; von den hohen dunklen Häusern tropfte der schmelzende Schnee auf die bloßen Köpfe der Bürger, die es einer dem andern zuriefen und über welche hin der feuchte Weststurm den Sieg ins Weite trompetete.

Nicht ganz so unverbittert war die Freude des Rates, der erwog, wie Arnims Zorn und Rachsucht durch den Schimpf gereizt sein würde und wie gering im Grunde die eigene Macht gegenüber der seinigen sei. Da es nun aber so sei, stellte Steinwieg vor, müsse das Gemeinwesen wenigstens einig sein, das Mißtrauen zwischen Rat und Volk müsse abgestellt und ein Verbündnis gegenseitiger Treue aufgerichtet werden. Demgemäß schwuren die Ratsherren und die Vertreter der Bürgerschaft auf dem Rathause einen Eid, fest zusammenzuhalten und für Religion und Recht bis auf den letzten Blutstropfen zu streiten. Wie sie aber bisher ein treues Glied des Reichs gewesen wären, so wollten sie auch jetzt dabei verharren, soweit sie es vor Gott, der Nachwelt und den geschworenen Eiden verantworten könnten. Demzufolge wollten sie in ihren Ringmauern keine Besatzung oder Einquartierung aufnehmen, sie werde angemutet, von wem sie wolle, sondern solche mit Vergießung ihres Blutes und tapferer Gegenwehr, unter Hoffnung auf göttlichen Beistand, abwenden.

Einige Wochen waren mit Verhandlungen hingegangen, als ein dänisches Schiff im Hafen einlief, das der Stadt eine Ladung Schießbedarf und einen Brief König Christians brachte: er vernehme, wie das kaiserliche Heer die Stadt mit Belagerung bedrohe, weswegen er ein königliches Erbarmen und allerhand Bedenken verspüre. Sowohl die christevangelische Liebe wie die Kriegsräson erfordere, daß er die Stadt nicht in kaiserliche Hände kommen lasse; sofern sie sich aber seine Hilfe anzunehmen weigere, müsse er argwöhnen, daß sie zu seinem Feinde halten wolle.

Lieber hätte der Rat das dornige Geschenk nicht angerührt; allein da es voraussichtlich zu einer Belagerung kommen würde und sie des Schießbedarfs dabei hoch benötigten, da auch der Untergang gewiß war, wenn zu der Belagerung vom Lande her noch ein dänischer Angriff von der Seeseite käme, so entschlossen sie sich zur Annahme, jedoch nicht ohne dem dänischen Gesandten aufzutragen, er solle seinem Monarchen ausrichten, die Stadt stehe nach wie vor in der Devotion des Kaisers, von welchem sie glaubten, daß er von allen diesen Praktiken nicht unterrichtet sei. Der Gesandte stutzte, als er dies hörte, und sagte, er wundere sich über ihre Anhänglichkeit an den Kaiser, der sie unterjochen und ihre Religion ausrotten wolle; eine solche Gesinnung sei für ihren König, der mit dem Kaiser in Krieg verwickelt sei, mißlich und gefährlich, er müsse Sicherheit haben, daß sie keine kaiserliche Besatzung aufnähmen, und sie sollten ihm ein Brieflein darüber ausstellen. – Das könnten sie nicht, wandte der Rat ein, bevor sie sich mit der Bürgerschaft beredet hätten; worauf der Gesandte erklärte, er werde eher nicht aus der Stadt weichen, und zu ihrem großen Mißvergnügen dablieb.

Ungern dachte Arnim an eine ernstliche Belagerung; der feuchte Frühling im Lager hatte seiner Gesundheit zugesetzt, er litt an rheumatischen Schmerzen und war in übelster Laune. Dennoch, da es ihm nicht gelingen wollte, der Stadt die Besatzung auf gute Manier gleichsam unvermerkt einzunisten, da die Kerle so argwöhnisch und schlau waren, mußte er sie mit Kugeln zur Räson bringen. Nicht ohne Bangigkeit beobachteten die Stralsunder das Näherrücken des gefürchteten Heeres, und die Brust wurde ihnen merklich leichter, als am 26. Mai hansische Abgeordnete eintrafen, die, aus Arnims Lager kommend, nicht unannehmbare Friedensvorschläge überbrachten. Die Hansestädte hatten sich zur Vermittlung erboten, und man konnte ihnen, als alten bewährten Freunden und die einerlei Interesse mit Stralsund hatten, wohl trauen. Weder der General, sagten sie, noch der Feldmarschall, Arnim, meinten es böse mit der Stadt, Arnim habe männlich und aufrichtig mit ihnen gesprochen; er begreife wohl, daß die Stadt sich der Einlagerung seiner Soldaten nur ungern bequemen wolle, Wallenstein habe auch im Sinn, die Regimenter gänzlich zurückzuziehen, wolle die Stadt sich nur einigermaßen billig finden lassen. Wenn sie mit dem Schießen von der Mauer aufhörten, so wolle Arnim desgleichen tun.

Während die Bürgerschaft erleichterten Gemütes sorglos schlief, besonders fest auch die Ratsherren, die bis zu später Stunde mit den hansischen Abgeordneten gezecht hatten, rückte das Belagerungsheer vorsichtig und leise vor und erstürmte mit einem ersten, heftigen Angriff die kaum verwahrten Schanzen. Nun erst schreckte das Lärmen und Stürmen der Glocken die Schlafenden aus den Betten; ohne Besinnen ergriffen sie ihre Waffen, liefen durch die blaue Nacht nach den Schanzen und warfen sich auf die Eindringlinge, die nach kurzem Kampfe wieder abziehen mußten.

*

Gustav Adolf, dessen Flotte vor Danzig lag, beugte sich über den Rand seines Schiffes und sah in das grüne Wasser, das glucksend an den Planken hinaufschlug, als sein Blick auf ein Segel fiel, das vom Westen her mit gutem Winde näherflog. Es schien ein hansisches Schiff zu sein; wie ein weißer Punkt blinkte es dicht über dem blauen Wasser, wuchs schneller und schneller, bis es der Schwinge eines Vogels glich; aber es raste und taumelte nicht wie seetrunkene Möwen, sondern sauste seinen geraden Weg wie ein gefiederter Pfeil. Der König belustigte sich eine Minute damit, zu beachten, wie das unaufhaltsame Geschoß auf die Mitte seines Herzens zu zielen schien; aber es änderte plötzlich seinen Kurs, und er vergaß es über allerlei Geschäften. Am anderen Tage wurde ihm ein Brief seines Admirals Gyldenhielm überbracht: es sei ein Schiff von Stralsund angekommen, um die Stadt Danzig um Pulver zu bitten, da ihr von dem kaiserlichen Heer unter Arnim hart zugesetzt werde. Der Rat von Danzig habe sich entschuldigt, er könne kein Pulver abgeben, weil er selbst in Not sei und außerdem die Verträge mit dem König von Polen im Wege stünden. Er, Gyldenhielm, habe nicht unterlassen wollen, dies dem Könige zu melden, falls er etwa selbst sich der Stralsunder annehmen wolle. Der König blieb, nachdem er den Brief gelesen hatte, einen Augenblick in Gedanken versunken; dann sprang er auf und ging mit großen Schritten auf dem Verdeck auf und ab. Wieviel Mühe hatte er sich mit diesen steifnackigen Stralsundern gegeben: nun war ihre Bedrängnis so groß geworden, daß sie nach Hilfe suchen mußten! Gehobenen Hauptes blickte er über das Meer, das unter einem feinen biegsamen Goldnetz von Sonnenstrahlen lustig schauderte und sich bäumte, dann nach dem Himmel, über den sich flaumige Wolken wie Felder voll weißer Hyazinthen und Lilien hinstreckten.

›Das ist des Herren Finger,‹ dachte er freudig, ›der die Fäden geheimnisvoll sammelt und in meine Hand legt. Jener mürrische, neidische Arnim, der mich verließ und mir zu schaden gedachte, treibt mir das Wild selbst zu, dem ich nachstellte. Gott erweckt seinen Bekennern Gefahren, damit sie ihren Retter erkennen.‹ Er überdachte seinen Lebenslauf, der in allen seinen Verschlingungen auf ein großes, nur undeutlich geahntes Ziel hinzuführen schien. Wie kam es ihm nun zugute, daß er standhaft und vertrauensvoll gewartet hatte, anstatt voreilig etwas Ungereiftes zu erzwingen. Eine Krone verhüllte die Zukunft, deren edle Kleinodien fabelhaft durch das lockere Dunstgewoge funkelten, eine neue nordische Kaiserkrone, weitspannender als die uralten Diademe Alexanders und Konstantins. Die verborgene Stimme, die schon dem Jüngling geflüstert hatte, seinem Haupt sei eine hehrere Krone bestimmt als die seiner Väter, war die Stimme Gottes gewesen. Nun sah er das neue Reich ihm entgegenschwellen, hilfeflehende Arme sich nach ihm ausstrecken, ein ungeheures Schlachtfeld dehnte sich seinen vom Norden herunterstürmenden Völkern entgegen.

Mit einem Lachen verscheuchte er die Träume, ging in seine Kabine, wo eine hölzerne Klappe als Tisch aufgeschlagen werden konnte, und setzte einen Brief an den Rat von Stralsund auf: Er habe mit großem Mitgefühl von der Stadt Bedrängnis vernommen und wundere sich, warum sie sich in der Not nicht an ihre Freunde wende, wie man doch sonst zu tun pflege. Er nehme die Gelegenheit wahr, ihr sein treues Wohlmeinen zu zeigen, indem er ihr ein Faß Pulver als Geschenk anbiete; zu mehrerem sei er als der evangelischen Stadt Glaubensgenosse und guter Freund stets erbötig.

Der Rat von Stralsund empfing das Geschenk des Königs in niedergeschlagener Stimmung. Es sei nicht ohne, meinten sie, daß man die Städte als Frauenzimmer darstelle; denn wie solchen stellten ihnen beutelustige Jäger nach. Sie wären bisher den beiden nordischen Fürsten ausgewichen; ob sie aber bei diesem guten Grundsatz länger bleiben könnten? Das bleibe ihnen immerhin, sagte Steinwieg, daß sie zusamt mit der Bürgerschaft allen, die sich eindrängen wollten, bis auf den Tod widerstünden.

Da jedoch die meisten Ratsherren den Kopf schüttelten und sagten, dies wären wohl rühmliche Sentenzen, mit denen man vor sich selber prunke, aber wenn die Glocke schlüge, pflege die Tat auszubleiben, schwieg auch der Bürgermeister.

Nach Wien an den Kaiser, fuhren die Ratsherren fort, hätten sie ja auch schon Gesandte geschickt; aber da verginge die teure Zeit und das werte Geld mit Antichambrieren, und zuletzt bleibe doch alles beim alten. Man müsse wohl oder übel die Hilfe des Schwedenkönigs annehmen, könne ja aber gleichzeitig mit dem Dänen anbinden und einen gegen den anderen ausspielen. Auch dürfe man nicht versäumen, den Königen schriftlich anheimzugeben, daß die Stadt in der Devotion des Kaisers zu verbleiben steif gesonnen sei und kein Verbündnis ohne Vorbehalt des kaiserlichen Gehorsams eingehe.

Etwa einen Monat später trafen 600 Schweden, gerade so viel, wie erbeten worden waren, in Stralsund ein, unter dem Befehl des Obersten Rosladin, der sogleich auf das Rathaus ging, um sich dem Magistrat vorzustellen und etliche Geschenke des Königs zu überreichen. Die Soldaten sollten dem Rat Gehorsam geloben, sagte er; er habe auch Auftrag, mit aller Strenge dafür zu sorgen, daß Rat und Bürgerschaft nicht über sie zu klagen haben sollten, da sie zum Troste, nicht zur Plage geschickt wären. Der Oberst war ein geradegewachsener Mann mit lachenden blauen Augen, blondem Haar, das ihm eigenwillig in die freie Stirn fiel, und aufrechtem, zutraulichem Wesen. Er besichtigte die Schanzen und Befestigungen, lobte die guten Einrichtungen und den Mut der Bürger und meinte, eine so tapfere und kluge Stadt hätte seiner vielleicht nicht einmal bedurft; er freue sich aber, ihr dienen zu können.

Das war ein anderer Mann als der dänische Oberst Heinrich Holk, der eine Woche vorher der Stadt mehrere Fähnlein zugeführt hatte und dem Rat gegenüber den Herrn spielte, während er sich in den Zünften mit der Bürgerschaft gemein machte und von der Religion schwatzte.

Im Monat Juli traf aus Dänemark Holks Braut ein, mit der er sich in Stralsund vermählte. Als ein Abgeordneter des Rats ihm den Glückwunsch der Stadt überbrachte, griff er, ohne das Ende der Ansprache zu erwarten, hastig nach dem Becher, den der Redner als Geschenk in der Hand hielt, hob den Deckel ab, und erst, als er sah, daß er mit Goldstücken gefüllt war, verzog sich sein Gesicht zu einem bissigen Lächeln. Er wolle seinem Könige melden, sagte er, wie splendid der Rat gegen ihn gewesen sei; der König werde daran ein großes Gefallen tragen. Ohne den Rat um Erlaubnis zu fragen, ließ er an diesem Tage, wie wenn er ein großer Potentat sei, umsonst Wein schenken und Geld austeilen, und man mußte bis in die Nacht das Toben und Jauchzen des betrunkenen Pöbels anhören. Wann es ihm beliebte, erschien dieser junge Mensch mit hoffärtigen Gebärden auf dem Rathause, schalt, er wisse wohl, daß der Rat mit Wallenstein über den Frieden traktiere, das stehe ihm aber ohne Einwilligung des Königs von Dänemark nicht zu, und er werde es nicht dulden; wie wenn sie seine Untergebenen oder Gefangenen wären.

Einige Zeit nach der Ankunft des Obersten Rosladin kam ein schwedischer Gesandter, der mit der Stadt über einen mit dem Könige abzuschließenden Vertrag unterhandeln sollte. Er hatte einen Entwurf mitgebracht, den Gustav Adolf selbst gemacht hatte und in dem es unter anderem hieß, die Stadt Stralsund verbleibe beständig bei dem Könige und der Krone Schweden. Erschreckt wandten die Ratsherren ein, daß das mit den Pflichten eines kaiserlichen Standes nicht vereinbar sei; sie hätten nichts anderes gemeint, als des Königs Bundesgenossen zu sein. Der Gesandte erwiderte, eine Stadt könne doch nicht wohl eines großen Königs Bundesgenosse sein; aber sie könnten ja in einem besonderen Artikel reservieren, wie sie es verstanden haben wollten, der König wolle nicht am Buchstaben feilschen. Ja, was kümmern ihn die Buchstaben, dachte der Bürgermeister traurig, da er die Macht hat; und die können wir ihm nicht wieder nehmen.

Gerade in diesen Tagen war Wallenstein im Lager angekommen und hatte gegen die Abgeordneten der Stadt, die ihn aufsuchten, um ihn zu begrüßen und sich mit ihm ins Vernehmen zu setzen, gräßliche Flüche und Drohungen ausgestoßen; es war also nicht daran zu denken, daß man sich auch noch den Schweden zum Feinde machte.

Der Sturm, den Wallenstein unternahm, wurde abgeschlagen; aber der fröhliche Oberst Rosladin war dabei geblieben, wodurch, wie durch manche andere traurige und ahnungsschwere Gedanken, die Siegeslust einigermaßen gedämpft wurde. Ende Juli zog Wallenstein das Heer gänzlich von Stralsund zurück und begab sich in sein Herzogtum Mecklenburg. Arnim schickte er bald darauf zur Unterstützung gegen den König von Schweden nach Polen, wo es dem Feldherrn als in einem fast wilden, unheimischen Lande nicht gefiel, und da er außerdem seine Rückstände vom Kaiser nicht ausgezahlt erhielt, nahm er seinen Abschied und zog sich einstweilen auf seine Güter zurück.

*

Während Tilly in Minden weilte, erhielt er einen Brief von der Stadt Osnabrück voll herzzerreißender Klagen wegen der Einlagerung der Soldaten, die über der Stadt Kräfte gehe. Seit Wochen müßten nun die Bürger die schweren Kontributionen aufbringen, dazu die Soldaten in ihren Häusern beherbergen; wenn das schon die Reichen bedrücke, so könne die Armut vollends nicht dabei bestehen. Sie müßten ihre Betten hergeben und mit Weib und Kind auf dem Speicher oder im Keller auf dem Stroh schlafen, hätten kaum ein Stück Brot zu essen und suchten oft auf der Straße nach Abfall, während daheim die Soldaten an ihren Tischen säßen. Auch die Wohlhabenden sähen seit Wochen kein Fleisch mehr, und bald werde es überhaupt nur noch Bettler in der Stadt Osnabrück geben.

Der Überbringer des Briefes, den Tilly vor sich kommen ließ, bestätigte alles und fügte noch manches hinzu. Sie wüßten, sagte er, daß Tilly gerecht und gut sei und niemanden über Vermögen beladen wolle. Die Stadt sei ja nicht ungehorsam, sie hätten eingesehen, daß Gott sie verlassen hätte; ihre Kirchen hätten sie hergeben müssen, sie vermöchten nichts gegen Gottes Ratschluß, nur um das nackte Leben bäten sie.

Sie wären keine freie Stadt, sondern Untertanen des Bischofs, entgegnete Tilly, ihm müßten sie gehorchen.

Ja, sagte der Abgeordnete, das wüßten sie wohl. Sie hätten viele Jahre lang, Katholiken und Protestanten, friedlich miteinander gelebt und hätten gemeint, es solle immer so bleiben. Der neue Bischof sei ein strenger Herr, aber sie wüßten wohl, daß ihnen nichts übrigbleibe, als zu gehorchen. Wenn aber Tilly ihnen nicht helfen wolle, so müßten sie ganz und gar verderben.

Es gehe ihm zu Herzen, antwortete Tilly, er wolle gern helfen, soviel in seinem Vermögen sei.

Nach einer Stunde gab Tilly einem kleinen Gefolge Befehl, mit ihm nach Osnabrück aufzubrechen, wo er am folgenden Tage eintraf. Ohne Aufenthalt ritt er durch die stattlichen Straßen nach dem Dome, der seit einigen Monaten dem katholischen Gottesdienst übergeben war und wo er, da es Sonntag war, eine Messe hören wollte. Bevor er indes vom Pferde absteigen konnte, sah er sich von vielen Frauen umringt, die die Hände zu ihm aufhoben, so daß er sein Tier zügeln mußte, um ihnen nicht Schaden zu tun. Sie schrien ihn an, er sei ihre letzte Zuflucht, wenn er nicht helfe, so wollten sie auswandern und sich dem Kaiser zu Füßen werfen; der werde ihr Elend zu Herzen nehmen und ihre unschuldigen Kinder nicht sterben lassen. Zufällig fiel Tillys Blick auf eine Frau, die an die bräunliche Mauer des viereckigen Domturms angelehnt stand, als gehe sie das Treiben und Drängen nichts an. Sie trug ein halbnacktes Kind mit grämlichem Gesicht, das ihr wie ein leerer Sack im Arme hing, und starrte trocken und gleichgültig ins Leere. Tilly griff in die Tasche, um das Geld zu verteilen, das er bei sich trug. Er wolle helfen, sagte er, so laut er konnte, sie sollten ihm vertrauen; nach einigen Tagen sollten sie Linderung spüren. Darauf machte er rasch kehrt, um nach dem bischöflichen Palaste zu reiten; aber unterwegs begegneten ihm schon der Kanzler und einige Räte des Bischofs, die von seiner Ankunft unterrichtet worden waren.

Seine Gnaden der Bischof, sagte der Kanzler, werde es ungemein bedauern, daß der General sich wegen der Stadt ermüde. Sie verdiene es nicht, der Bischof sei unwillig, daß sie sich beschwere.

Diesen Ritt habe er für seine Pflicht erachtet, sagte Tilly; sie sollten ihn jetzt auf eine Anhöhe führen, wo er die Stadt übersehen und sich von ihrer Ausdehnung und Gelegenheit überzeugen könne.

Während der Kanzler und die anderen Herren auf ihn einredeten: es handele sich um das heilige Werk, die Ketzer zum wahren Glauben zurückzuführen, gutwillig bekehrten sie sich nicht, man müsse sie zwingen, sowie es ihnen besser ginge, würden sie wieder trotzen und das Heil verschmähen, starrte Tilly düsteren Blicks auf die Stadt, die mit vielen spitzen und kantigen Dächern und schweren breiten Türmen aus Gärten und Gebüschen lebendig aufstieg. Wie hatten da seit Jahrhunderten rührige Hände gebaut und gefügt, bis die Heiligtümer und die Habe geborgen waren und aus den Kaminen der Rauch in den weiten Himmel stieg. Heide und Hügel, Föhren, Birken und Eichen umringten sie mütterlich, Friede und Frömmigkeit hätten hier wohlbeschützt hausen mögen. Was war schuld daran, daß die geschmückten Häuser zu Gräbern wurden und Hunger und Tod durch die leeren Gassen glitten? Freilich war es der unselige Irrglaube; aber sollte die heilige Kirche gleich einem Attila auf Leichen und Wüsten Triumphe feiern?

Es sei nicht Gottes Wille noch der des Kaisers, sagte er endlich, die Abtrünnigen durch Not und Tod zum wahren Glauben zu zwingen; auch der Bischof meine es gewiß nicht so. Es sei des Jammers zuviel. Man müsse die Stadt dadurch entlasten, daß ein Teil der Regimenter auf das Land verteilt würde, das noch im Wohlstande und von Einquartierung ganz frei sei.

Damit werde der Bischof nicht einverstanden sein, entgegnete der Kanzler; das Land sei von Anfang an gehorsam gewesen, und er sei es den treuen Untertanen schuldig, sie zu verschonen.

Er werde das dem Bischof gegenüber vertreten, sagte Tilly. Die Stadt habe sich unterworfen und gelobe Gehorsam, demgemäß müsse sie gehalten werden.

Während er durch die Heide zurückritt, bedachte Tilly, wie er sich dem Bischof gegenüber verantworten solle. Der neue Bischof, Franz Wilhelm von Wartenberg, war der natürliche Sohn eines Oheims des Herzogs Maximilian von Bayern, und es war eine bedenkliche Sache für Tilly, einem Vetter seines Herrn, einem Reichsfürsten und Bischof, seinen Willen entgegenzusetzen. Auch als von einem Ligafürsten war Tilly von ihm abhängig und verdankte er ihm viel; denn er hatte seinen Beitrag stets pünktlicher entrichtet als die anderen geistlichen Herren, und ohne seine Zahlungen hätte Tilly viele Male den Sold nicht entrichten können. Gelang es nun aber auch, die Stadt zu erleichtern, was sollte dann werden, wenn auch das Land ausgesogen war? Es sah noch nicht so aus, als solle der Friede zustande kommen; ein jeder beteuerte, daß er ihn ersehne, inzwischen wurde die Trommel gerührt und geworben, und die Söldner liefen herzu, daß man glauben konnte, alle waffenfähigen Männer Europas strömten wie in einen tiefen, mahlenden Strudel in das Deutsche Reich hinunter. Er hatte genug davon gesehen; wie anders wäre sein Leben gewesen, wenn er seine Tage im Kloster unter Betenden, bei friedlichen Geschäften, im Dienste Gottes und der Heiligen Jungfrau zugebracht hätte. Vielleicht, dachte er, wäre die Melancholie, die ihn jetzt zuweilen befiel, die Strafe dafür, daß er sich dem ihm bestimmten geistlichen Berufe entzogen habe, und er dürfe nun nicht mehr danach streben. Durfte er auch seinen Herrn verlassen, bevor er den Krieg zu Ende geführt hatte? Und doch wurde ihm verwehrt, das zu tun, was den Frieden herbeigeführt hätte. Wie oft hatte er gesagt, daß es nicht hülfe, ein Heer zu schlagen, wenn die Holländer inzwischen schon ein neues warben; man hatte ihm recht gegeben, aber nicht danach gehandelt. Und was half es, die Verderber aus dem Reiche zu jagen, wenn Wallenstein in Kaisers Namen es noch weit ärger verwüstete?

Als er durch das Lager ritt, begrüßte ihn der Zuruf seiner Bataillone; aber es wollte ihm so scheinen, als sei die Begrüßung weniger herzlich als sonst. Vor einiger Zeit hatten die Listen ergeben, daß alle Regimenter beträchtliche Lücken bekommen hatten, und er wußte auch, wie das zusammenhing: es liefen viele zum Wallenstein über. Der hohe Sold, der ihnen versprochen, und die Freiheit, die ihnen gelassen wurde, lockte sie, und es war am Ende kein Wunder, daß der gemeine Mann, der täglich sein Leben wagte, oft Hunger und Kälte litt, von Seuchen hingerafft wurde, dem Gewinne nachlief; aber daß auch von den Offizieren ihn viele verließen, kränkte ihn. Im Grunde, dachte er, hätten die Fürsten schuld, die Krieg führen wollten, ohne zu zahlen, auf Kosten der Bürger und Bauern, und auch der Kaiser, der es duldete. Wäre es nicht um seines Herrn, des Herzogs von Bayern, willen, so hätte er das Schwert abgelegt; er hätte vor seinem Tode gern noch einmal ein still reifendes Ackerland gesehen, das sich im Sommerwind wiegte, von dem zu seiner Zeit der Schnitter mit der Sense das Korn einheimste, das nicht er mit der Mordwaffe zu zerstören brauchte.

* * *

 

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