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Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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Seit dem Wahltage von Frankfurt hatte sich der Erzbischof von Trier, Lothar von Metternich, nicht mehr erholt, und als am 1. März des folgenden Jahres noch ein Erdbeben dazukam, bemächtigte sich seiner eine solche Niedergeschlagenheit, daß sein Beichtvater ihm schließlich zu seiner Heilung eine durchgreifende Verordnung auferlegte, nämlich sich zwölf Tage lang alles weltlichen Umgangs und aller weltlichen Geschäfte gänzlich zu enthalten und einzig gewissen geistlichen Übungen und Betrachtungen zu widmen. Den Abschluß dieser Zeit der Zurückgezogenheit bildete eine Prozession, bei welcher der Erzbischof selbst das Sanktissimum trug und während welcher ihm so zumute war, als walle er sachten Schrittes auf Gewölk in den Himmel hinein, um das Ergebnis seines Lebens zu Füßen der thronenden Dreieinigkeit niederzulegen. Dieser Zustand glücklicher Gehobenheit mußte indessen bald einem neuen Anfall von Krankheit und Gemütsniedergeschlagenheit weichen. Im Frühling des Jahres 1623 begab er sich, schwer leidend, nach Koblenz, um dort die Kanonisation mehrerer Heiligen feierlich zu begehen, des Isidor Agricola, Filippo Neri, Ignatius von Loyola, Franz Xaver und der Teresa a Jesu. Die Vorbereitungen zu diesem Gepränge beschäftigten ihn aufs angenehmste, griffen ihn aber zugleich so an, daß er am 8. Mai, anstatt die Prozession anzuführen, unter Schmerzen zu Bette liegen mußte. Um ein Viertel vor sieben Uhr in der Frühe begannen die Glocken aller Kirchen von Koblenz eine nach der andern zu läuten, und die anschwellende Brandung der Töne schlug donnernd und jubelnd an die Mauern der Burg, wo er krank lag. Nun wußte er, daß der Zug sich vor dem Jesuitenkolleg sammelte und in Bewegung setzte, voran die Predigermönche, dann die Franziskaner und Jesuiten, umschwärmt von den Jesuitenzöglingen, die Blumenkränze in den Haaren trugen und laubumwundene Brautkerzen in den Händen hielten. Dann folgten zu Pferde die Märtyrer Georg, Mauritius und Makarius, denen eine Schar bekehrter Heiden nachströmte. Diese Wilden, unter denen die Märtyrer gelehrt und gelitten hatten, waren wiederum von Jesuitenzöglingen dargestellt und durch allerhand phantastischen Aufputz, als bunte Federn, Tücher und Felle, bezeichnet. Hiernach kamen zu Pferde die triumphierenden Tugenden, die Gerechtigkeit, die Enthaltsamkeit, die Geduld und viele andere, denen sich wiederum geistliche Körperschaften anschlossen.

Der Erzbischof sprach halblaut die Gebete mit, die er für die Prozession vorgeschrieben hatte, und ließ die Augen sehnsüchtig durch das geöffnete Fenster nach dem hellblauen Himmel schweifen, an dem hier und da eine leichte Wolke wie eine rosenbekränzte Barke mit Gesang und Flötenklang hinschiffte. Warum, dachte er, hatte Gott es ihm nicht vergönnt, diesen Tag zu feiern, auf den er sich so sehr gefreut hatte? War vielleicht doch nur ein weltliches Gelüsten, der Hang, sich auf einer großen Bühne vorzustellen, dabei tätig gewesen? Wie er schon manches Mal getan hatte, ließ er wieder sein Leben an sich vorübergehen und sann, womit er die Strafe Gottes verdient habe, die ihn seit dem Frankfurter Wahltage augenscheinlich heimsuchte. Er hatte freilich dem Putz, den Frauen, der Tafel und dem höfischen Wohlleben mehr gefrönt, als seinem geistlichen Stande geziemt hätte; aber er hatte sich doch stets auf die von seinem Beichtvater vorgeschriebene Art mit Gott versöhnt. Er hatte durch allerlei Verordnungen die Unsittlichkeit, die bei seinen Untertanen im Schwange war, bekämpft, hatte den übermäßigen Genuß gewürzter Weine, das üppige Tanzen, die verführerische Musik verboten. Seinen Verwandten hatte er zwar Güter und Ehren in Menge zugewendet und dadurch die Eifersucht der Domherren gereizt; aber wenn er seine Neffen begünstigte, so hatte er auch für ihre Erziehung gesorgt und hatte Ursache, auf ihren Geist und ihr gewandtes Wesen stolz zu sein. Hätte er diese liebenswürdigen, schönen und klugen jungen Männer im Dunkel lassen sollen, um der lasterhaften Ehre und Habgier seiner Domherren zu schmeicheln? Dennoch, war es die große körperliche Schwäche oder die Wehmut eines kranken Herzens, traten ihm, wenn er die Summe seines Lebens verrechnete, Tränen in die Augen. Wüßten es diejenigen, die ihm Weltlichkeit und Genußsucht vorwarfen, wie wenig Glück er genossen hatte! Jene Tage, die er auf Befehl seines Beichtvaters allein im Dome von Trier oder in einem Gemach seines Schlosses, in Gebet und Betrachtungen versunken, zugebracht hatte, ja, jene Tage waren voll einer reichen, klaren, inbrünstigen Glückseligkeit gewesen, wie er sie niemals vorher oder nachher empfunden hatte. Es war das Feuer des Heiligen Geistes gewesen, das den irdischen Ballast in ihm verzehrt und ihn emporgetragen hatte, als könne er die Erde mit dem Fuße von sich stoßen.

Der Flügelschlag eines lauen Windes wehte Wellen der Musik, die die Prozession begleitete, zu ihm durch das Fenster und an sein bekümmertes Herz, so daß seine Tränen schneller und reichlicher flossen. Warum konnte er das heitere Schweben und grenzenlose Schauen nicht wieder erleben, das ihn damals so sehr beglückt hatte? Sowie er sich eben ein wenig vertieft hatte, störten ihn Geschäfte und Sorgen auf, namentlich wie er seinem Neffen Karl die Nachfolge verschaffen könnte und, wenn es nicht gelänge, welches das Los der Metterniche nach seinem Tode werden würde. Würde der Kaiser der Verdienste eingedenk bleiben, die er um ihn hatte? Es hatte ja alles im Reiche ein so verändertes, verdächtiges Ansehen gewonnen.

Mit was für Hoffnungen hatte er im Jahre 1599 die Kurwürde empfangen, und wie hatte die dahinrauschende Zeit sie kahl gemacht! Es war geradeso, als wäre mit dem Frühling seines Lebens die unschuldige Lust der ganzen Menschheit verblichen. Was für Verträglichkeit und Wohlwollen hatte damals noch zwischen dem Kaiser, den Kur- und anderen Fürsten bestanden!

Bei Jagden und Banketten hatte man die ärgerlichen Glaubensdifferenzen, den Neid und die Eifersucht vergessen. Jetzt grinsten Hader und Haß unversteckt hervor, die Kriegsfurie sauste mörderisch durch das Reich, allenthalben war es Herbst geworden. Er, das könnte er vor Gottes Angesicht beschwören, hatte stets nur den Frieden gesucht, und wenn er die Wahl des Österreichers befördert hatte, so war es nicht aus Eigennutz, sondern deshalb geschehen, weil er glaubte, Ferdinand würde, wie er selbst, die Gelindigkeit der Schärfe vorziehen.

Ein Kammerdiener brachte eine dünne Hafersuppe und erzählte, während er sie dem Erzbischof einlöffelte, wie schön die Prozession ausgefallen sei, wie die Buben in ihren Kränzen zum Abküssen aussähen und wie schade es sei, daß der Erzbischof nicht dabeisein könne.

Ach, sagte der Erzbischof, er sei jetzt zu alt, seinem eingefallenen Gesicht stehe die Pracht nicht mehr an.

Nun, nun, meinte der Diener, Fürstliche Gnaden hätten schon etwas eingepackt seit der letzten Krankheit, seine Frau habe auch gesagt, es sei jammerschade, daß ein so schöner Herr so abkommen müsse; aber wenn er nur erst wieder essen könne, würde er auch wieder besser ansetzen und rote Backen bekommen.

Im Hinblick auf den bevorstehenden Besuch des Arztes, seiner Neffen und einiger Herren, die Bericht von der Prozession erstatten sollten, ließ sich der Erzbischof Puder auflegen und verlangte nach einem Spiegel. Nein, nein, sagte der Diener, das tauge nichts, ein Kranker solle nicht in den Spiegel schauen, er könne leicht etwas anderes darin erblicken, wie sich denn überhaupt der Böse gern mit Spiegeln zu schaffen mache.

Der Erzbischof erholte sich noch einmal so weit, daß er sich nach Trier begeben konnte, wurde aber dort wieder bettlägerig und starb im September desselben Jahres.

*

Als Friedrich von der Pfalz gleich nach seinem Sturze sich um Hilfe an den Oheim seiner Frau, Christian IV. von Dänemark, wandte, schalt ihn dieser aus, er hätte sich mit der böhmischen Rebellion nicht einlassen sollen, er sei von allen Verständigen gewarnt worden; nun das Unglück da sei, schreie er Zeter, ihm geschehe recht, und die Räte, die ihn dahin gebracht, verdienten gehängt zu werden. Indessen, als der Gedanke des Camerarius, es müsse der kaiserlich spanischen Macht ein nordischer Bund entgegengesetzt werden, von Gustav Adolf lebhaft ergriffen, sich ausbreitete und Gesandte von England, Frankreich und Brandenburg ihm vorstellten, er solle doch Friedrich nicht so ganz verstoßen und der habsburgischen Universalmonarchie zeitig entgegentreten, und als nach der letzten Niederlage Christians von Halberstadt, seines Neffen, Tilly ungehindert den niedersächsischen Kreis überzog, fing er an, dem Zureden geneigtes Gehör zu schenken. Er hatte nun zu dem Bistum Bremen auch Anwartschaft auf das Bistum Halberstadt bekommen, und da er sich der Einsicht nicht mehr verschließen konnte, daß der Kaiser ihm so gut wie den übrigen protestantischen Bischöfen die Belehnung versagen würde, schien es geraten, sich auf anderem Wege mit Gewalt in ihrem Besitz zu befestigen. Fuhr er mit seiner Anhänglichkeit an den Kaiser fort, so verdiente er sich vielleicht von diesem doch keinen Lohn und lief Gefahr, daß Schweden seine Angel in das trübe Wasser ließ, sich der ersten Rolle im Norden bemächtigte und die fetten Brocken erschnappte, während er, dem sie zukämen, leer ausginge. Wer kam denn, da die evangelischen Reichsfürsten eine ausländische Vormacht brauchten, in Betracht außer ihm, den Staaten und Schweden? Es wäre aber, so dachte er, nicht nur ein großer Verlust und Schaden, sondern eine unleidliche Unehre für ihn gewesen, wenn er sich von einem so viel geringeren Fürsten, um von der staatischen Republik ganz zu schweigen, den Rang hätte ablaufen lassen.

Nicht mit Unrecht nahm Christian an, daß es Gustav Adolf mächtig lockte, den Krieg in Deutschland zu führen; aber er war doch zugleich von allerhand Zweifeln und Bedenken bewegt. Könnte er zum Beispiel Schweden hinter sich lassen, ohne vor dem Dänen geschützt zu sein, sei es, daß derselbe sich am Kriege mit beteiligte oder daß er durch Verträge gebunden würde? Aber gebe es bindende Verträge? Was nützten Verträge, wenn der Wille dawider sei? Ferner könne er den Krieg nicht beginnen, ohne einen festen Platz an der Küste des nördlichen Deutschlands zu haben, von dem aus er operieren könne und der ihm den Rücken sichere, etwa im Bremischen oder in Pommern oder Preußen. Was für Neid und Mißgunst würde das aber bei Dänemark anfachen, abgesehen von der Schwierigkeit, mit einem guten Schein und leidlichen Vorwand dazu zu gelangen? Es könne nicht wohl angehen ohne das Einverständnis der mächtigsten norddeutschen Reichsfürsten, so daß sie ihn förmlich um Beistand anriefen. Er wollte sich nicht wie ein Tollkopf und Habenichts, der alles aufs Spiel setzt, gleichsam wie in einen ungewissen Abgrund hineinstürzen, sondern er wollte das Haupt einer mächtigen Koalition sein, die ihn mit Geld und Truppen ausgiebig unterstützte und unter seiner Direktion die vielen schwebenden Streitfragen einmal gründlich zur Entscheidung brächte.

Diesen gewaltigen Ansprüchen gegenüber machten namentlich auf England die bescheideneren Vorschläge des Dänenkönigs einen weit günstigeren Eindruck; der wollte nicht so weit ausgreifen und die alten, einmal vorhandenen Spaltungen gänzlich zum Austrag bringen, was eine unabsehbare und phantastische Sache sei, sondern er sah es hauptsächlich auf eine teilweise Restitution des Pfalzgrafen und auf ein paar norddeutsche Bistümer ab und wollte zum Ziele kommen, indem er sich an die Spitze des niedersächsischen Kreises stellte, zu dem er ohnehin gehörte. Gustav Adolf dachte daran, den Krieg von Polen und Schlesien her anzufangen, was weit ablag und wovon man sich keinen Nutzen versprechen konnte, und seine Kostenveranschlagung vollends war exorbitant und konnte ihm durchaus nicht eingeräumt werden. Überhaupt genoß König Christian eine allgemeine und unvergleichliche Hochachtung, und man traute sowohl seiner Weisheit wie seinem Heldenmut jeden Erfolg zu. Er hatte gewaltig in seinem Reiche rumort, große Schlösser und Bauten aufgeführt, Handelsgesellschaften gegründet, das Gewerbe angefeuert und ein stehendes Heer errichtet; es erregte Staunen und Bewunderung an allen Höfen, wie er das moderne Wesen in Dänemark so rüstig in die Höhe trieb und kein Geld dabei scheute. Dazu war er eine majestätische Person von großem Ungestüm, gegen den sich niemand eines kecken Wortes unterfangen hätte. Man erzählte sich, daß seine Mutter, wenn sie ihn als Kind gekämmt hätte, Funken aus seinem Haar hätte springen sehen, und es sollte auch ein Meerweib mit seiner Geburt verflochten gewesen sein, indem es dieselbe einem durch wunderliche Schickung an der Küste weilenden Bauern prophezeit hätte.

Bei dem allgemeinen Zutrauen und der Bewunderung, die Christian entgegengebracht wurden, und in Anbetracht der handlicheren Pläne, auf die er sein Unternehmen begründen wollte, schien es den geldsteuernden Mächten besser, es mit ihm zu versuchen, ohne jedoch deswegen Gustav Adolf ganz von der Hand zu weisen; aber dieser zog sich, da seine Vorschläge nicht unbedingt angenommen wurden, zurück, indem er dem König von Dänemark in herzlichen Worten Glück und Erfolg zu seinem großmütigen Vorhaben wünschte.

Eines Tages erschien Christian IV. beim Abendbier, das er mit einigen vom Adel, die er gerade begünstigte, einzunehmen pflegte, in einer neuen, auf seine besondere Anweisung verfertigten, herrlich geätzten und ornamentierten Rüstung. Den Helm, der mit einem großen Federbusch versehen war, trug er unter dem Arm, damit das schön in Locken gebrannte Haar zu sehen wäre; ein Teil desselben war über dem linken Ohr in einen langen, dünnen Zopf geflochten und an der Spitze mit einer seidenen Schleife zugebunden, von der eine ungewöhnlich große Perle herunterbaumelte. Die Herren umringten ihn staunend und rühmend, und ein Ahlefeld sagte, er habe geglaubt, der Gott Mars ließe sich herab, als der König dahergestiegen sei, und ein jeder müsse billigerweise wünschen, die Göttin Venus sein und eines solchen olympischen Fürsten genießen zu dürfen.

Nein, er habe die Rüstung nicht zu einem Liebesturnier machen lassen, sagte der König lächelnd; sie hätten ja wohl vernommen, mit was für kriegerischen Plänen er umgehe und wie er die verschobene Justiz im Reiche wieder ins Gleichgewicht bringen wolle.

Ob es wirklich beschlossene Sache sei? fragten die Herren jubelnd. Ob es losgehe, und wie bald?

Ja, jetzt heiße es, sagte Christian schlau, aufmerken und sich nicht überlisten lassen. Dieweil er in Deutschland den Glauben und die Libertät beschirme, könne ihm das schwedische Wölflein über seine Schafe kommen, er wisse mehr als eine gute Stadt am Meere, die ihm gern das Pförtlein öffnete. Entweder der Schwede müsse in Polen festsitzen oder mit ihm gemeine Sache machen, sonst ziehe er nicht aus, er sei kein alberner Bauer, der einer verschleppten Gans nachlaufe und unterdessen seinen Stall verbrennen lasse.

Ach, es wäre aber doch schön, wenn es Krieg gäbe, sagte Brockenhuus, sie hätten gar keine Kurzweil, und man müsse sich einmal wieder recht auslüften.

»Wenn ich euch nun gegen Schweden führte?« sagte Christian, mit den Augen zwinkernd. »Es wäre da noch manch ein Hühnlein zu rupfen.«

Damit wäre er wohl einverstanden, sagte Rantzau lebhaft, denn Gustav Adolf solle ja ein unvergleichlicher Kriegsheld sein, es wäre eine Ehre, sich mit einem solchen zu messen; andererseits wäre er noch nie im Reich gewesen, und es müsse auch ein besonderes Vergnügen sein, die Päpstlichen zu bekämpfen.

Diese Meinungsäußerung berichtigte Christian ein wenig, indem er erstens sagte, Gustav Adolf habe freilich wie alle Wasa ein unruhiges Blut und einen unruhigen Magen; aber es gebe schon Leute, die ihm gewachsen wären, Rantzau solle dafür nur ihn, den König, sorgen lassen, er verstehe doch ein wenig mehr vom Kriegswesen als der junge Mann in Schweden. Den Glaubenskrieg betreffend, so sei das Papsttum freilich ein Greuel, aber sein Neffe, der Pfälzer, dem er durchaus helfen solle, sei ein Kalviner, und die Kalviner seien nicht einmal rechte Christen, also stinke es an dem Ort fast noch übler als in der katholischen Kirche.

Der König möge ihm verzeihen, sagte Rantzau schüchtern, soviel er wisse, seien die Kalviner auch Christen, und sogar evangelische, nur daß sie alles für vorausbestimmt hielten; aus dem Grunde fürchteten sie sich weniger als andere, weil sie dächten, es komme doch, wie es komme, sie möchten es anstellen, wie sie wollten.

Jawohl, erwiderte Christian scharf, das heiße eben an die heidnische Fatalität glauben, wie er gesagt habe. Zwischen Papisten und Lutheranern sei der Unterschied, daß jene den Papst zum Haupte hätten, diese den Luther, übrigens seien sie Christen, die Kalviner aber erkennten gar kein Haupt an und hätten auch kein rechtes Abendmahl, eben weil sie glaubten, man richte damit doch nichts aus. Ob er, der junge Rantzau, sich für den rechten Mann halte, seinen König in der Religion zu unterrichten? Er habe Lust, ihn als Propheten ins Reich zu schicken, vielleicht könne er den Kaiser überreden, daß er den Kurfürsten von der Pfalz wieder in Gnaden annehme.

Hierüber erhob sich ein dröhnendes Gelächter, während der junge Rantzau errötete; dann wurde gesagt, es werde dem Könige ein ewiger Ruhm sein, wenn er den Tilly aufs Haupt schlüge, von dem es heiße, er sei unbesiegbar, weil er sich nie berauscht und nie ein Weib angerührt habe.

Der König, welcher das noch nicht gehört hatte, lachte unmäßig: so wäre er kein Mann, sondern ein Weib, und so wäre ein Weib unbesiegbar! Er hätte nie anders gewußt, als daß drei Dinge einem Helden zukämen: ein voller Busen, ein voller Becher und ein triefendes Schwert. Er möchte den neumodischen Helden Tilly wohl ein wenig kitzeln, das dänische Schwert reiche ja über den Sund.

In der dänischen Bürgerschaft war der Krieg nicht so gern gesehen wie bei den Jungen vom Adel; vollends eine Erschwerung war es aber, daß ein Teil der niedersächsischen Stände, die ja den König zu ihrem Feldhauptmann machen sollten, keinen Mut zu offener Feindseligkeit gegen den Kaiser hatten und nicht merken durften, worauf die Rüstung eigentlich abzielte, oder wenigstens in der Lage sein wollten, so zu tun, als ob sie nichts davon merkten.

*

Im Mai des Jahres 1624 saß Kurfürst Friedrich im Haag traurig am Sterbebette des Grafen Solms, der seine letzte Kraft zusammenhielt, um seinem Zögling noch einige Verhaltungsmaßregeln und Warnungen zu hinterlassen. Er solle sich nicht wieder mit Mansfeld einlassen, er solle sich mit dem Kaiser aussöhnen, es werde nichts Gutes aus dem Kriege kommen. Er solle nicht allzu nachsichtig mit seinen Kindern sein, solle sie nicht nur in den Wissenschaften unterrichten, sondern auch im wahren Glauben stärken. »So liebe, schöne, kluge Kinder,« sagte er, »sieh dazu, daß sie auch fromm und gut werden, du bist es Gott schuldig.« Er sank entkräftet auf sein Kissen zurück und ließ seine Augen auf dem blühenden Durcheinander von Flieder, Rotdorn und Goldregen ruhen, das durch das offene Fenster hineinlachte. »Wie mag der Frühling daheim sich anlassen?« flüsterte er. Dann dachte er, daß er sein kleines Erbland als Anhänger Friedrichs verloren hatte, und er empfahl Friedrich seine nun besitzlosen Kinder, namentlich seine Tochter Amalie, die gute, herzliche, gelassene, der sogar die Aussteuer der Schönheit fehle. Friedrich beruhigte ihn, seine Frau werde sie wie eine Tochter halten, sie würden sie verheiraten, wie es ihrem Stande und der Tugend ihres Vaters gemäß sei; Moritz von Oranien sei damit einverstanden, sie seinem Neffen Friedrich Heinrich zur Frau zu geben, und das solle ausgeführt werden. Nachdem der Sterbende sich somit aller irdischen Sorgen entledigt hatte, schloß er die Augen, sein Gesicht verfärbte sich, und er sagte kaum hörbar: »Es ist soweit, rufe den Geistlichen!« Friedrich warf sich laut aufschluchzend über ihn und jammerte: »Ach Herzensvater, ach mein getreuer Johannes, verlaß mich nicht! Verlaß mich armen freundlosen Flüchtling nicht!« Allein der Angerufene regte sich nicht und hatte die Klage wohl nicht mehr vernommen.

So aufrichtig des Kurfürsten Betrübnis war, verzog sie sich doch vor allerlei täglichen Zerstreuungen, namentlich aber vor einer verheißungsvollen Überraschung, indem Gesandte aus Schweden anlangten und Friedrich und Elisabeth Geschenke ihres Königs und seiner Gemahlin überreichten. Es waren wertvolle Sachen, darunter russisches Pelzwerk, Hermelin, Silberfuchs und Schwarzfuchs, dann ein Tisch, der aus einem einzigen Stück Lapislazuli hergestellt und mit einem zierlichen Geländer aus vergoldeter Bronze versehen war. Dazu ließ Gustav Adolf Friedrich sagen, er nehme herzlichen Anteil an ihm als an einem Schwager seiner Gemahlin, und er hoffe es ihm einst durch die Tat erweisen zu können. Sie hätten den gleichen Gott und die gleichen Feinde, also sollten sie billig zusammenhalten. Er hätte bisher in mancher Schlacht gesiegt, und obschon ihm das Wasser zuweilen bis an den Hals gegangen, habe er sich doch immer frisch herausgekämpft; er fühle, daß Gott mit ihm sei.

Elisabeth freute sich über die schönen Sachen, die sie als eine ihr dargebrachte Huldigung betrachtete, und meinte, endlich wäre ihnen der wahre Retter erschienen, der ihnen zu ihrem Rechte helfen würde. Die deutschen Fürsten und auch ihr Vater würden sich noch schämen und es sehr bereuen, sie so schändlich preisgegeben zu haben, wenn sie erst wieder im Glücke wären. Sie hatte eine sehr geringe Meinung von Marie Eleonore, der schwedischen Königin, und dachte, sie hätte besser zu Gustav Adolf gepaßt; sie und er vereinigt, würden den Papismus niederwerfen und alle die trägen und ungebildeten Fürsten ihrer Zeit überstrahlen.

*

Als Wallenstein zum Capo alles kaiserlichen Kriegsvolkes ernannt war, bestimmte er die Stadt Eger zum Musterplatz und begab sich selbst dorthin, um das Heer zu ordnen. Er bewohnte das vor der Stadt gelegene alte Schloß Großlahnstein, wo er die Stille haben konnte, die er liebte; im weiten Umkreise standen, als er ankam, Wachen, um die Neugierigen abzuhalten, die der Auffahrt des nunmehr zum Herzog von Friedland erhobenen Feldherrn zusehen wollten. Durch die im Schloß Angestellten erfuhr man, daß der Herzog gelblich im Gesicht und ungesund ausgesehen habe, daß er beim Aussteigen sich auf einen Diener gestützt und, in seinen Gemächern angelangt, sich sofort auf ein Ruhebett gelegt habe. Nachdem er den Generalquartiermeister Gropello de Medici und den Generalkommissar Aldringen, die ihm Bericht erstatten und Aufträge entgegennehmen mußten, abgefertigt hatte, ließ er seinen Leibarzt rufen, der zugleich mit ihm eingetroffen war, und sagte ihm, er habe unterwegs heftige Schmerzen am Bein bekommen, so daß er nicht auftreten könne, auch übrigens fühle er sich unwohl und nicht wie sonst. Nach einer längeren Untersuchung sagte der Leibarzt, der Fürst habe das Podagra, er würde guttun, ein Bad aufzusuchen, etwa Griesbach oder das Karlsbad, einstweilen solle er purgieren und die hitzigen Getränke und die Gewürze vermeiden, so werde es hoffentlich bald vorübergehen. Es müsse vorübergehen, sagte Wallenstein heftig; der Arzt wisse wohl, daß er nicht hierhergekommen sei, um sich aufs Lotterbett zu legen, sondern um dem Kaiser eine Armee zu schaffen und ungehorsame Fürsten und Friedensstörer zur Räson zu bringen. »Das mag leichter sein, als einen rebellischen Körper im Zaume zu halten,« sagte der Arzt lächelnd, »und am Ende werden wir sehen, wer der bessere Generalissimus ist, Fürstliche Gnaden oder ich.« Der Herzog sagte lachend, er hoffe, sein Körper sei annoch nicht so faul wie das Römische Reich, er wolle übrigens dem Arzt gern den Sieg und Ruhm in diesem Wettstreit überlassen, wenn er ihn nur wieder auf die Beine bringe. Ein Wasser, das der Arzt verschrieb, verjagte die Schmerzen so geschwind, daß Wallenstein schon nach zwei Tagen aufstehen und eine Einladung des Grafen Octavio Piccolomini zu einem Bankett annehmen konnte, das dieser ihm zu Ehren veranstalten wollte. Pflegte er sich auch im allgemeinen an der Geselligkeit der Offiziere nicht zu beteiligen, so hielt er es doch diesmal für gut, eine Ausnahme zu machen, sowohl um Piccolomini eine Aufmerksamkeit zu erzeigen, wie damit jeder sehe, daß er wohlauf sei.

Im Laufe des Tages erhielt er mit der reitenden Post einen Brief seines Schwiegervaters, des Grafen Harrach, aus Wien, der ihm schrieb: er wünsche Wallenstein einen guten Fortgang seiner Angelegenheiten und zweifle nicht, daß er alles wohl hinausführen werde; er bitte ihn aber beweglich, aufzumerken und eingedenk zu sein, daß sein sonderbares Glück ihm am Hofe und im Heere viele Feinde und Neider gemacht habe, die es sich angelegen sein lassen würden, ihm Steine auf den Weg zu rollen. Es sei bei Hofe mancherlei im Schwange; ein gewisser neugeschaffener Kurfürst sei krank vor Ärger, daß der Kaiser ihm, Wallenstein, so viel Macht in die Hände gegeben habe, Trauttmansdorff solle sich haben verlauten lassen, wenn Wallenstein nicht, bevor ein Jahr um sei, entweder von Dänemark aus dem Sattel geworfen oder von einem Jesuiten ermordet sei, wolle er eine Woche lang keine Spielkarte mehr anrühren. Gestern habe er in der Antichambre den bayrischen Gesandten Leuker gesehen, der habe ihn dreist angeblickt, ohne ihm die Begrüßung anzubieten, er habe ihn freilich auch umsonst auf die seinige warten lassen. Ob dem Collalto zu trauen sei, wisse er nicht, er solle geheimen Auftrag vom Kaiser haben, ein wenig zu spionieren; überhaupt solle doch Wallenstein nie vergessen, daß eine Handvoll welscher Treue noch nicht einem Daumbreit deutscher gleich wiege. Es gingen seltsame Dinge vor, nicht einmal die Majestäten seien vor teuflischen Anschlägen sicher, wie ja erst kürzlich wieder in Warschau ein Närrischer, den man leider habe frei herumlaufen lassen, den König von Polen mörderisch angegriffen habe.

Die Menge der Geschäfte drängte Wallenstein zu sehr, als daß er sich mit dem Inhalt des Briefes eingehend hätte beschäftigen können; aber er fand es, liebenswürdig und umgänglich zu sein, schwerer als sonst wohl, wenn es ihm darauf ankam, sich bei Untergebenen beliebt zu machen, und er hätte sich am liebsten entschuldigen lassen.

Schlick und Collalto waren schon eine Weile bei Piccolomini versammelt, als Aldringen kam, hastig und verdrießlich über die Last der Geschäfte klagend, die ihn verhindert hätten, früher zu kommen. Er mache nicht die Miene eines künftigen Krösus, sagte Piccolomini, auf Aldringens einträgliche Stelle als Zahlungs- und Quartierkommissarius anspielend; er hätte ihm, Piccolomini, einen besonders guten Ungarwein für diesen Abend versprochen, aber nicht Wort gehalten, wenn es nun fehle, so trage er die Schuld.

Es sei nicht seine Schuld, sagte Aldringen, er sei bemüht, allen den Herren zu dienen; aber die Quengelei und Schererei nehme kein Ende, er bringe den ganzen Tag mit Laufen, Rechnen und Schreiben zu, und doch sei dem General nie genug geschehen, er schicke sich mehr für das Bett als für ein Gastmahl.

Es wurden anzügliche Scherze gemacht; sie wüßten, daß er verliebt sei, hieß es, jedoch Piccolomini gebot Stillschweigen, Aldringen sei an unglücklicher Liebe erkrankt und müsse geschont werden.

Die Sache war die, daß Aldringen in einem Kloster zu Brünn, wo er im Quartier gelegen hatte, eine junge Novize hatte kennenlernen, namens Anna Maria Schmittin, ein dunkeläugiges, schönes und lustiges Mädchen, in die er sich so sehr verliebte, daß er sich schwur, niemals eine andere als sie zur Frau zu nehmen. Das Mädchen hatte den blonden stattlichen Mann gern und freute sich seiner Zuneigung; aber ihr Vater und ihre Brüder, die voll Schulden waren, drangen in sie, einen reichen alten Mann ihrer Bekanntschaft zu heiraten, der sich um sie bewarb und mit dessen Geld sie sich wieder aufhelfen wollten. Da sie nun keinen Mut hatte, sich ihnen zu widersetzen, andererseits ihr vor dem Alten graute, gab sie der Äbtissin Gehör, die ihr vorstellte, die beste Lösung werde für sie sein, als Nonne im Kloster zu bleiben. Sie erzählte und erhärtete mit vielen Beispielen, wie übel traktiert und drangsaliert die Frauen in der Ehe würden, das Seufzen, Schmeicheln, Schenken und Schwören nehme dann bald ein Ende, und zwar desto schneller, je brünstiger es vorher zugegangen wäre; denn die Liebe der Männer sei nichts anderes als eine Trunkenheit, und je größer der Rausch gewesen, desto heftiger sei hernach der Ekel. Dann sitze sie da mit schreienden Kindern, müsse für Essen und Trinken sorgen, und wenn der Mann voll sei, bekomme sie gar noch Schläge. Das sei aber weltbekannt, daß die Kriegsleute die ärgsten wären, sie zögen mit Huren in der Welt herum, etwa müsse die Frau auch mit, und dann heiße es: heute auf dem Sattel, morgen unterm Rad. Dies bewog das Mädchen, dem Aldringen abzusagen, worauf er sie mit leidenschaftlichen Worten bestürmte, ihn nicht fortzuschicken, da seine irdische und ewige Seligkeit davon abhänge. »Ach,« sagte sie, unter Tränen wehmütig lächelnd, »das ist nicht die wahre himmlische Seligkeit, die von eines armen Mädchens Liebe abhängt«, und fügte auch hinzu, wie weh es ihrem Herzen tun würde, wenn er einmal ebenso kaltherzig und widerwärtig gegen sie sein würde, wie er jetzt innig und ergeben wäre. Wie er daraufhin sich zu verschwören anfing, daß seine Glut nie, nie erlöschen würde, daß er eher sich selbst als sie hassen oder vergessen könne, schwankte sie zuerst, und er nahm eine überfließende Zärtlichkeit in ihren Augen wahr und streckte schon die Arme nach der teuren Beute aus; aber plötzlich schlug sie die Hände vors Gesicht, flehte ihn an, von ihr abzulassen, da sie eine Nonne werden wolle und müsse, und lief endlich davon, weil er sich nicht dazu entschließen konnte, sie zu verlassen. Seitdem hatte er sie nicht mehr gesehen und kein Zeichen von ihr erhalten, außer daß ihm die Äbtissin geschrieben hatte, sie verharre unerschütterlich bei ihrem Entschlusse.

Collalto legte seine Hand auf Aldringens Schulter und sagte freundlich, das könne er nicht glauben, daß ein so hübscher Junge eine unglückliche Liebe haben solle. Wenn er in Italien wäre, würde an jedem dieser blonden Haare ein Mädchenherz hängen. Die Dirne wolle sich nur kostbar machen, man kenne das, er solle sich eine Weile nicht um sie kümmern, so werde sie ihm wie ein Hündlein nachlaufen. Gewiß sei Aldringen zu gut oder kenne sich nicht aus mit den Weibern, er, Collalto, wolle den Freiwerber für ihn machen, er wette, das Mädchen sei zum Zerbersten verliebt in ihn.

Ach, sagte Colloredo, man müsse nur nicht glauben, es liege an einem bestimmten Apfelbaum, wenn ein Apfel gut sei; man könne schütteln, wo immer man wolle, es fielen einem von jeder Sorte mehr vor die Füße, als man brauchen könne.

Inzwischen mißfiel Wallensteins langes Ausbleiben. Graf Heinrich Schlick, der im Böhmischen Kriege zu den Aufständischen gehört, aber nach Friedrichs Flucht sich konvertiert und sein Regiment dem Buquoy zugeführt hatte, sagte, während er sich in einem großen Wandspiegel betrachtete, der Fürst sei der größte Feldherr der Zeit, das leide keinen Zweifel, aber er habe seltsame Manieren, an die man sich gewöhnen müsse. Er sei vorgestern angekommen, habe sich dem Fürsten vorgestellt und zu ihm gesagt, daß er früher sein Feind gewesen sei, jetzt aber sein besserer Freund, Anhänger und Diener sein werde. Die böhmische Rebellion sowie Religion habe ihn zuletzt angewidert, er habe die Irrtümer der letzteren durchschaut und setze seine Ehre und sein Heil darein, die Sache des Kaisers, seines gnädigen und gerechten Herrn, soviel er irgend könne, zu fördern.

Anstatt diese vertrauliche und treuherzige Rede ebenso zu erwidern, habe ihn Wallenstein von oben her angesehen und gesagt: »Tue der Herr nur seine Pflicht«, und diese paar Worte wie ein Scheit Holz vor ihn hinfallen lassen. Dies sei ihm als ein wunderlicher Empfang für einen Kavalier seinesgleichen vorgekommen.

Nun, man sei hier nicht in Wien, sagte Piccolomini, der General sei voll hochwichtiger Geschäfte und könne sich nicht mit jedem einzelnen befassen. Überhaupt sehe er mehr auf Disziplin als auf Kameradschaft, außer wo besondere Beziehungen vorwalteten.

Das sei in der Dienstzeit auch ganz gut, sagte Collalto, aber man müsse doch einen Unterschied machen und dürfe einen Herrn von hoher Geburt und Stellung nicht wie einen Wachtmeister traktieren.

Da sei es mit Buquoy, sagte Schlick, eine andere Beschaffenheit gewesen. Der habe dem Kaiser Siege gewonnen und Fahnen erbeutet wie Sand am Meere, deswegen habe er aber doch die Offiziere mit Courtoisie behandelt und höchstens einmal im Gedränge der Schlacht sich eine Grobheit entfahren lassen, was man ihm aber allgemein hätte hingehen lassen.

Immerhin müsse man bedenken, was Wallenstein für ein großer Fürst und Herr sei, sagte Caraffa; er sei so reich, daß er ganz Wien samt dem Kaiser kaufen könne.

»Er hat sie schon gekauft«, sagte Colloredo und lachte. »Die Majestät sitzt zwar in der Kutsche und der Fürst auf dem Bock, aber die Rosse ziehen, wohin er lenkt, und nicht, wohin der Kaiser befiehlt.«

Das Gespräch verstummte, weil Wallenstein eintrat. »Es ist recht, Herr Bruder,« sagte er zu Piccolomini, »daß Ihr das Holz nicht gespart habt; denn es ist bitterkalt draußen, als ob es Winter statt Frühling wäre.«

Er wisse, sagte Piccolomini, daß der Fürst die Wärme liebe. In den Bergen habe es geschneit, es sei zu befürchten, daß das Obst in der Blüte erfriere und daß das Korn, das schon hoch stehe, nicht werde reifen können.

Seit Menschengedenken habe man ein so seltsames Jahr nicht gesehen, sagte Collalto; es zeige sich früh an als ein auserwähltes, das voll denkwürdiger Heldentaten stecke.

Wallenstein liebte derartige Huldigungen, und seine Stimmung glättete sich noch mehr, als er auf dem Ehrenplatze an der von Silber funkelnden Tafel saß, erwärmt durch das im Kamin knisternde Feuer und durch den heißen Wein, von dem er einige Tropfen zu sich nahm.

Die Unterhaltung, die des Generals Anwesenheit anfangs gedämpft hatte, begann eben lauter zu werden, als Piccolomini bemerkte, daß Wallensteins Gesicht sich verfärbte, und im Begriff, ihm zu Hilfe zu kommen, fragte er, ob ihm nicht wohl sei. Wallenstein winkte ihm mit der Hand, sitzenzubleiben, lehnte sich in den Sessel zurück und sagte: es sei ihm nur etwas Wunderliches aufgefallen, das ihn fast konfus gemacht habe. Er trage seit Jahren einen Ring, den ihm seine erste Frau zum Geschenk gemacht und den nie vom Finger zu lassen sie ihn hoch verpflichtet habe; es sei nämlich ein sogenannter Blutstein, und es würden ihm sonderbare Kräfte zugeschrieben.

Von einem solchen Stein habe er allerdings gehört, fiel Graf Schlick lebhaft ein; denn Peter Wuk von Rosenberg, der reichste Mann in Böhmen und vielleicht der Welt, solle einen solchen besessen haben. Der Stein sei, soviel er gehört habe, ein Karneol, der schwarz aus der Erde komme und die zauberische Kraft habe, den Mord zu spüren und anzuzeigen, indem er seine ursprüngliche Blutfarbe annehme. Es sei in Prag erzählt worden, daß Kaiser Rudolf, der in steter Angst, und nicht ohne Ursache, vor Meuchelmördern geschwebt habe, hundert Tonnen Goldes um den Besitz eines solchen Steines habe geben wollen und dem Peter Wuk von Rosenberg auch angeboten habe; aber der habe es aus Abneigung gegen den Kaiser, und weil er ohnehin reich genug gewesen sei, abgeschlagen.

»Ich trage den Ring,« sagte Wallenstein, »ohne ihn jemals anzusehen, da ich ihn fast vergessen habe und er unscheinbarer Art ist; da bemerkte ich soeben, als ich das Weinglas niedersetzte, daß er blutrot geworden ist, gleichsam als ob in ihm ein Äderlein aufgesprungen wäre und sein Blut ausgelassen hätte.«

Die Herren sprangen auf und drängten sich um Wallensteins Stuhl, das Wunder in Augenschein zu nehmen. »In Wahrheit,« rief Aldringen, der zunächst stand, »der Stein gleicht einer kleinen Blutlache.«

»Bei Gott und der Heiligen Jungfrau,« sagte Piccolomini, »es ist, als ob eine Feuerflamme daraus hervorschlüge.« Indessen, fuhr er mit liebenswürdiger Herzlichkeit fort, dürfe Wallenstein darauf vertrauen, daß er sich im Kreise seiner getreuesten Diener befinde, die jeden Augenblick bereit wären, nicht sein Blut, wohl aber das seiner Feinde zu vergießen. Zunächst wolle er, als sein Wirt, ihm selbst den Wein kredenzen, den er ihm vorgesetzt habe, damit Wallenstein keinen Widerwillen gegen das Getränk fasse.

Damit ergriff er Wallensteins Glas und leerte es in einem Zuge, bevor dieser ihn daran hatte hindern können. Er hoffe, sagte Wallenstein, Piccolomini wisse, daß er keinen schimpflichen Verdacht gegen ihn oder einen seiner Gäste habe. Er wisse, daß er sich unter Edelleuten und unter Freunden befinde und daß das Phänomen nicht mit ihnen in Zusammenhang stehe, vielleicht auch eher physisch als magisch zu erklären sei.

Bei diesen Worten fiel sein Blick wieder auf den Ring, und indem er die Hand flach auf den Tisch legte, sagte er, nun sei der Ring wieder stumpf und schwarz wie zuvor.

Hätte er es nicht mit seinen lebendigen Augen gesehen, sagte Caraffa staunend, so würde er denken, es sei ein Gaukelspiel des bösen Feindes gewesen, um sie zu verwirren.

Piccolomini meinte, es könne auch vielleicht aus dem Feuer im Kamin ein Schein auf den Stein gefallen sein, oder der silberne Kandelaber, der gerade vor dem General stehe, könne sich in ihm gespiegelt haben.

Nein, sagte Aldringen, der Stein sei aus sich selbst durch und durch blutrot gewesen, das habe er zweifellos wahrgenommen.

Dergleichen Dinge kämen vor, sagte Schlick, und hätten auch etliche Male eine sonderliche Bedeutung. So hätte jener Feldmarschall Rußworm, der im Jahre 1605 enthauptet worden sei, als er das letztemal des Abends spät nach Prag gekommen sei, am Tore ein altes Weib sitzen sehen, das Äpfel in einem Korbe vor sich gehabt hätte. Obwohl zu dieser Stunde, da der Mond schon aufgegangen und das Tor geschlossen gewesen sei, für gewöhnlich keine Hökerinnen mehr da zu sitzen und Ware feilzuhalten pflegten, es sei ihm doch nicht aufgefallen, und er habe mit seinen Begleitern gesprochen, während das Tor geöffnet worden sei. Wie er nun habe einreiten wollen, habe die Frau einen Apfel vor ihn hingerollt, worüber sein Roß sich aufgebäumt habe und zurückgeschaudert sei. Dasselbe habe sie noch einmal und noch einmal getan, wie er sich aber nach ihr umgewendet habe, um mit der Peitsche nach ihr zu schlagen, sei sie verschwunden gewesen, und über den leeren Stein, auf dem sie gesessen habe, sei das gelbe Mondlicht hingelaufen. An Stelle der Äpfel hätte man am andern Morgen nichts als gebleichte Knochen gefunden. Er, Schlick, habe die Geschichte vom Obersten Althan, der damals in Rußworms Gesellschaft gewesen und dem es wieder eingefallen sei, als Rußworm durch Henkershand hätte fallen müssen, wie viele sagten, als ein Unschuldiger und Opfer feindlicher Umtriebe.

Hundertmal verdient hätte er das Schafott, rief Collalto heftig; daß er den Belgiojoso erstochen hätte, sei erwiesen, und natürlich sei es auch nicht zugegangen, daß Schwarzenberg und Solms und Mercoeur, seine Vorgesetzten, so plötzlich nacheinander weggestorben wären.

Aldringen wollte gehört haben, der Erzherzog Matthias habe ihn zu Falle gebracht, weil er zum Rudolf gehalten habe. Kaiser Rudolf hätte ihn nachmals gern wieder lebendig gemacht, als es zu spät gewesen sei, und oft des Nachts gejammert, er könne nicht im Bette bleiben, weil der Rußworm komme und sich zu ihm lege.

Wallenstein sagte, wenn Rußworm den Tod nicht wegen Hochverrats, so habe er ihn wegen Torheit und Schwäche verdient; dann verließ er die Gesellschaft, wie er denn nur selten lange bei Zechereien zu bleiben pflegte. Als er, von mehreren Dienern begleitet, zu seiner Kutsche ging, hüllte er sich fest in seinen Pelzmantel; der Himmel war voll weißer, wie gefrorener Schnee glitzernder Sterne. Der Brief seines Schwiegervaters fiel ihm wieder ein, und es ärgerte ihn jetzt fast, daß derselbe ihn mit so nichtsnutzigen Dingen behelligte; wenn er überhaupt etwas zu fürchten hatte, so war es nicht der neidische Schwarm schwatzender Höflinge, hirnloser Kriegsräte und schleichender Beichtväter. Das konnte nur etwas Ungeheures sein, etwas Namenloses, das stärker als er war, etwas Dämonisches; und wenn er es erst kennte und nennen könnte, dachte er, würde er auch das nicht mehr fürchten.

*

Auch in Donauwörth, wo es inzwischen still und öde geworden war, hatten zu jedermanns Erstaunen schon im Februar Primeln, Krokus und Veilchen geblüht, und die Kinder hatten an Sonntagen Kränze gewunden und Ringelreihen getanzt; aber in den ersten Maitagen blies ein Wind aus Norden und tötete die verfrühte Lenzfreude, die dann ein dichter Schneefall begrub. Erregte dies schon Verwunderung und Bekümmernis, so entstand vollends Schrecken, als die Saaten durch Hagelschlag vernichtet und die Erntehoffnungen für dies Jahr zerstört wurden. Von den Betroffenen wurden Zweifel geäußert, ob ein solcher Witterungslauf natürlich sein könne, und ein bestimmter Argwohn, den Schaden durch Zauberei herbeigeführt zu haben, begann sich gegen eine wohlhabende Witwe zu richten, die zurückgezogen lebte und trotz aller Bekehrungsversuche dem Luthertum treu geblieben war. Mehrere Leute, die in der dem Hagelfall voraufgehenden Woche spät aus dem Wirtshause gekommen waren, besannen sich darauf, daß sie im Mondschein einen schwarzen Ziegenbock von verdächtigem Aussehen um das einsame Haus der Frau hatten herumspringen sehen; auch wurde es für gefährliche Anzeichen gehalten, daß sie abseits von den anderen lebte, wenig sprach und daß ihr Acker merklich von dem Hagelwetter verschont geblieben war. Demgegenüber half ihr Leugnen nichts, und sie wurde als Hexe verbrannt, nicht ohne daß die Jesuiten sich Mühe gaben, sie vorher zur katholischen Kirche zu bekehren. Auch behaupteten dann einige, die dem Scheiterhaufen zunächst gestanden hatten, sie habe noch aus dem Rauch herausgeschrien, sie schwöre ihre Ketzerei ab und sterbe im wahren Glauben, wohingegen andere gehört haben wollten, daß sie ihren Herrn, den Satan, um Beistand angerufen habe.

Nach dem Tode dieser Witwe gab es nur noch fünf Evangelische in Donauwörth, nämlich den Schmied Ulrich Hindenach und seine Tochter und drei arme alte Frauen, die in einem Pfrundhause lebten. Diese drei zu bekehren, nahm ein bayrischer Jesuitenpater auf sich, besuchte sie und erzählte ihnen, wie dem Heiland wegen ihres Irrglaubens und ihrer Verstocktheit seine Wunden schmerzten, und lud sie ein, wenn sie sich unterweisen lassen wollten, zu ihm zu kommen; er werde ihnen statt des im Pfrundhause üblichen Haferbreis ein wohlschmeckendes Feigenmüslein vorsetzen. Eine von ihnen folgte der Einladung, kam auch munter und erbaut zurück und rühmte das Feigenmüslein, wie süß und bekömmlich es sei, ganz anders als der steife Haferbrei, den man nicht wohl ohne Widerwillen Tag für Tag fressen könne. Indessen hörte sie allmählich damit auf, da die anderen nichts darauf entgegneten, und wurde überhaupt schweigsam und traurig. An den Sonntagen, wenn die beiden Evangelischen, die keinen Gottesdienst besuchen durften, in einer Postille eine Predigt Doktor Luthers lasen, saß die Alte, die nun keinen Teil mehr daran hatte, allein in einem Winkel, bewegte die Lippen, und aus ihren kleinen matten Augen schlich zuweilen eine Träne.

Der Statthalter Dandorf, der sich vorgenommen hatte, bis zum Jahre 1627 dem Herzoge nach München zu melden, daß kein Evangelischer mehr in Donauwörth sei, geriet in unbezähmbare Wut gegen die paar Ketzer, die ihm das Ziel verrücken wollten. Er hatte für den Fall des Gelingens eine Wallfahrt gelobt, und da er auf Wallfahrten überhaupt erpicht war, konnte er den Gedanken, sie verschieben zu müssen, nicht ertragen. Es könne keine Ordnung bestehen, schnaubte er, wenn sich Untertanen absondern und eine widersetzliche Religion haben wollten, auch sehe man daraus, daß so viele lutherische Weiber als Hexen verbrannt wären, wohin der Irrglauben führe, nämlich zum Teufel. Da nun aber der Herzog befohlen hatte, es solle kein unmittelbarer Zwang zur Bekehrung angewendet werden, und die erlaubten Mittel bei dem Schmied Ulrich Hindenach nicht verfangen hatten, sein Tun und Treiben auch keinen Anlaß bot, ihn ernstlich zu behelligen, so wußte der Statthalter nicht recht, wie er ihm beikommen sollte. Nun traf es sich, daß Hindenach krank wurde und sein Testament machen wollte, um seiner einzigen Tochter, was er besaß, zu verschreiben; denn er sah voraus, daß sein Bruder, der sich bekehrt hatte, seine Verlassenschaft an sich zu ziehen versuchen und dabei die Unterstützung des neuen katholischen Rats finden würde. Wie ihm nun bedeutet wurde, daß ein Evangelischer kein gültiges Testament machen könne, wurde ihm das Herz schwer, indem er sich das künftige Schicksal seiner Tochter, wenn er gestorben sein würde, vorstellte. Sie war ein blühendes Mädchen von fünfundzwanzig Jahren mit schwarzem Haar und schwarzbraunen Augen; das Weiße ihrer Augen hatte einen bläulichen Schimmer, und es waren ein paar dicke schwarze Tupfen darin, und wenn sie lachte, war ihr ganzes dunkles Gesicht in lauter Glanz und Schelmerei getaucht. Wie sollte sie, obwohl sie stark, keusch und fleißig war, als Evangelische in Donauwörth einen Mann bekommen, und wer sollte sie in den Verfolgungen und Drangsalen stützen, denen sie nach seinem Tode mehr als je ausgesetzt sein würde? Diese Sorge quälte ihn dermaßen, daß er den Jesuiten, die ihn während seiner Krankheit besuchten und ihm mit Drohungen und Verheißungen zusetzten, nachgab und sich samt seiner Tochter bekehrte. Sie war zwar anfangs nicht einverstanden gewesen, tröstete sich aber rasch mit dem Gedanken, daß sie nun nicht mehr so abgesondert von der übrigen Jugend sei und bessere Aussicht habe, sich zu verheiraten.

Hindenach dagegen, obwohl er sich von seiner Krankheit wieder erholte, verlor den Schlaf und verfiel bei der Arbeit in so tiefe Gedanken, daß er nichts mehr vor sich brachte. Als er das erstemal dem katholischen Gottesdienst beiwohnte, die geputzten Priester hin und her springen, knicksen und sich bekreuzigen sah, das Klingeln, Psalmodieren und lateinische Singen hörte, kam es ihm vor, als sei er auf einem der Berge, wo die teuflischen Tänze abgehalten werden sollten; er glaubte, wohin er blickte, höhnisches Grinsen und schadenfrohe Fratzen zu sehen und fühlte sich so übel, daß er kaum das Ende abzuwarten vermochte. Als sie wieder zu Hause waren und seine Tochter in die Küche ging, um das Mittagessen zu rüsten, stieg er, um allein zu sein, auf den Speicher und setzte sich müde auf eine alte Kiste. Durch eine halbgeöffnete Dachluke sah er ein Stück des Weges, der sich zwischen Obstbäumen durch Felder aus der Stadt hinaus nach dem Dorfe schlängelte, wohin er sonst, vor ein paar Jahren, noch mit seiner seitdem verstorbenen Frau, gegangen war, um dem innerhalb der Tore verbotenen lutherischen Gottesdienst beizuwohnen. Der Weg lief so eilig und fröhlich seinem Ziele zu wie einst; wie war es gekommen, daß er ihn nicht mehr gehen konnte? Wie auf einen Traum besann er sich auf die Zeit vor der bayrischen Okkupation, wo er ein Mitglied des Rats gewesen war, wo sein Wort in der Stadt viel gegolten und sein Haus in Freuden und Ehren gestanden hatte. Seitdem hatte er viel Unglück gelitten: war aus dem Rat gestoßen, hatte die alte Kundschaft verloren, war um geringfügige Dinge oder unter Vorwänden gerügt und in Geldstrafe oder Haft genommen worden; aber er hatte doch seinen Kopf hoch getragen und sich Gottes getröstet, welcher es wissen mußte, daß er noch der alte Ulrich Hindenach ohne Falsch war. Der Tod seiner Frau, die den vielen Gram nicht verwinden konnte, hatte ihn hart mitgenommen, er fing an zu vereinsamen und einzusehen, daß Gott hienieden sein treues Volk nicht erhalten wollte. Trotzdem war er nicht so elend gewesen wie jetzt, als er noch vor vier Wochen, die Hand seiner Tochter in der seinigen, in der Sonntagmorgenfrühe nach dem Dorfe hinausgewandert war. Er konnte sich nicht besinnen, wie der jämmerliche Wechsel über ihn gekommen war, da er doch früher viel mehr Drangsale um des Glaubens willen ausgestanden hatte als gerade jetzt. Auf einmal hatte er wegen des Testamentes nachgegeben, obschon sich doch vielleicht noch ein anderer Ausweg gefunden hätte, ohne daß er sein einziges Kind dem Antichristen ausgeliefert hätte. Er stützte müde den Kopf in die Hand und schloß die Augen; als er plötzlich das fröhliche Singen seiner Tochter hörte, die unten mit den Tiegeln hantierte, stieg eine schreckliche Angst in ihm auf und schnürte seine Brust zusammen. Er wußte nicht, was er tun sollte, wenn sie ihn rufen würde, zu Tisch zu kommen. Schnell stand er auf, kramte in der Kiste, auf der er gesessen hatte und in der allerlei Hausrat verwahrt wurde, bis er einen starken Strick fand, befestigte ihn mit vor Hast zitternden Händen an einem Balken und erhängte sich.

Nachdem der hartnäckige Schmied sich bekehrt hatte, waren nur noch die beiden steinalten Pfründnerinnen in Donauwörth lutherisch; aber diese zählte der Statthalter nicht und trat also mit großem Aufwand seine Wallfahrt an.

Schwere Folgen hatte die verkehrte Witterung des Jahres 1624 auch in Bamberg und Würzburg, wo die Bischöfe ohnehin mit ungewöhnlicher Schärfe gegen das Hexenwesen vorgingen. Johann Georg II. Fuchs von Dornheim, Bischof von Bamberg, gewöhnte sich so daran, daß das eingezogene Vermögen der justifizierten Hexen und Zauberer in seine Kasse floß, daß es ihm schien, wenn der Strom einmal spärlicher tropfte, als werde der Lauf der Gerechtigkeit aufgehalten und stecke irgendwo eine gröbliche Pflichtverletzung, und er bedrohte die Richter ernstlich, sie sollten sich nicht damit begnügen, hie und da einen faulen Fleck auszuschneiden, sondern dem Übel bis auf den Grund nachgehen, damit sich die Pest nicht weitervererben könne. Demgemäß ließen die Richter allen Verdächtigen durch den Henker peinlich zusetzen, bis sie eine leidliche Anzahl anderer angaben, die auch bei den Hexentänzen gewesen wären, von denen jeder wieder anzeigen mußte, so daß es keine Lücken in den Prozessen gab. So kam es, daß auch mehrere Bürgermeister von Bamberg der Hexerei angeklagt wurden, unter ihnen der Bürgermeister Junius, ein stattlicher, stolzer Mann von fünfundfünfzig Jahren, der bis dahin bei jedermann angesehen und auch beliebt gewesen war. Dieser verstummte vor Schreck und Staunen, als ihm in der Gerichtsstube ein altes Weib vorgestellt wurde, die er nicht kannte und die gleichwohl behauptete, ihn vor einigen Wochen auf dem Kaulberge beim Satansfest gesehen, mit ihm getanzt und gesehen zu haben, wie er dem hinkenden Bockteufel die Reverenz gemacht und zum Zeichen des Gehorsams den Schwanz geküßt habe. Als er seine Sprache wiedergefunden hatte, schrie er das Weib an, er kenne sie ja nicht, wie solle er denn mit ihr getanzt haben? Er müßte ja toll und voll sein, wenn er mit einer solchen Vettel auf den Tanz ginge, noch dazu bei Nacht auf dem Kaulberge. Wenn es auch wahr sein möchte, daß der Teufel mit den Hexen dort Tanz hielte, obwohl es ihm absonderlich vorkäme, so könne er doch schwören, daß er niemals etwas davon gewußt, geschweige denn dabeigewesen wäre. Sie solle die abscheuliche Lüge, die Gott an ihr strafen werde, zurücknehmen.

Das alte Weib kicherte höhnisch, sie könne nichts anderes sagen, als was sie gesagt habe, er solle nur ein Weilchen warten, dann werde er auch wissen, wie es bei den Teufelstänzen zuginge. Ja, sagte der Richter, wenn er nicht flugs bekenne, solle der Henker ihm helfen, sich zu besinnen. Während der Bürgermeister sich voller Entrüstung verwahrte, daß dies kein rechtliches Gericht sei und daß kein Christenmensch mehr seines Lebens sicher sei, wenn man auf das vereinzelte Zeugnis einer bösen alten Hexe verurteilt werden könne, bemächtigte sich der Henker seiner, er wurde entkleidet, aufgereckt, und die Glieder wurden ihm auseinandergerissen. Da er die Schmerzen nicht lange aushielt, bekannte er, was ihm vorgesagt wurde, und bezeichnete auch mehrere angesehene Bürger, darunter seinen eigenen Schwager, als solche, die sich gleichfalls dem Teufel ergeben hätten.

Als er allein unter fürchterlichen Schmerzen sich auf das, was geschehen war, besann, dachte er an seine Frau, die etwa ein halbes Jahr vor ihm als Hexe verbrannt worden war, daß sie sicherlich ebensowenig wie er vom Teufel gewußt habe und daß er dazumal nicht hätte stillschweigen sollen, als sie flehentlich schrie und ihre Unschuld beteuerte. Dann dachte er an seine beiden Töchter, die er kürzlich an einem und demselben Tage vermählt hatte, eine mit einem irdischen, die andere mit dem himmlischen Bräutigam im Kloster zum heiligen Kreuz an der Stadtmauer von Bamberg, und daß sie ihn nun für einen gottlosen, verlorenen Mann halten würden. Es gelang ihm, bevor er sterben mußte, einen langen Brief an sie aufzusetzen, in dem er ihnen Lebewohl sagte und schilderte, wie es zuginge und wie die falschen Zeugnisse ihm ausgepreßt wären.

Da die Zahl der Zauberer und Hexen sich so trefflich vermehrte, schritt der Bischof dazu, eigens zu ihrem Gebrauch ein neues Gefängnis zu bauen, welches Trudenhaus genannt und mit nicht geringen Kosten nahe bei der Mauer am Keßlertürlein errichtet wurde.

*

In einer Schenke in Hamburg saßen einige hohe Offiziere des neugeworbenen dänischen Heeres zusammen und unterhielten sich über die neue, vom König von Dänemark erlassene Verordnung über das Kriegswesen, mit der sie durchaus nicht zufrieden waren. Knyphausen hatte die gedruckten Artikel in der Hand und las langsam und mit lauter Stimme vor: es sei die Auslöhnung der Soldaten nicht länger den Regimentsobersten zu überlassen, sondern solle ihr Sold durch die königlichen Kommissare ausgezahlt werden. Nach einer Pause, während welcher er sich im Kreise umgesehen hatte, fragte er, ob man je dergleichen vernommen habe und ob man glaube, daß ein einziger Offizier Bestallung angenommen haben würde, wenn er das gewußt hätte? Graf Isenburg heftete seine Augen gespannt auf den Vorleser und bat, er möge die Stelle noch einmal lesen, da er es nicht deutlich verstanden habe.

Nach der zweiten Lesung gerieten alle in Bewegung, und Herzog Franz Karl von Sachsen-Lauenburg sagte, das habe nichts anderes zu bedeuten, als daß die Soldaten künftig mehr von den Kommissaren, also vom König, als vom Regimentsobersten abhingen und daß einer überhaupt nicht mehr recht wüßte, warum er Oberster würde und wieso und wozu. Ein Oberster, der den Sold nicht selbst auszahle, das sei ja gar kein Oberster, da wäre es schon fast besser, müßig dazusitzen.

Ja, das Geld sei der nervus rerum, sagte Knyphausen, das sei ein bekanntes Sprichwort.

Die Herren sollten aber bedenken, sagte Wilhelm von Lohausen, genannt Kalchum, was für eine Unordnung dabei mit unterlaufe. Er wolle ja von den anwesenden Fürsten und Herren nicht reden, aber es wisse doch jeder, wie viele Obersten es gebe, die das Geld in die eigene Tasche steckten und die Soldaten verhungern und verlumpen ließen, und was für böse Folgen das hätte.

Wenn sich andere zwischen einen Obersten und sein Heer steckten, das hätte noch schlimmere Folgen, sagte Graf Solms.

Ja, ob etwa ihn jemand in Verdacht hätte, daß er den Sold für die gemeinen Soldaten in die Tasche steckte, fragte der Herzog von Altenburg. Das sei seiner fürstlichen Ehre zu nahe getreten. Das könne er nicht auf sich sitzen lassen.

Aber so sei es ja nicht gemeint, sagte Lohausen. Derartige Verordnungen bezögen sich nicht auf einen einzelnen, es gelte die Ordnung im allgemeinen, und die werde auf diese Art am besten gewahrt.

Als ob die Kommissare das Geld nicht auch in die Tasche stecken könnten, sagte Graf Solms.

Die wären Beamte, sagte Lohausen, und müßten dem König über Heller und Pfennig Rechenschaft ablegen.

Mit dergleichen Forderungen würden sie auch von Zeit zu Zeit geplagt, sagte der böhmische Graf Schlick. Er könne darüber nur lachen. Man könne nicht zugleich das Schwert führen und ein Gelehrter sein, und wenn einer ein guter Rechner und Schreiber sei, so könne er dem von vornherein prophezeien, daß er keine Schlachten gewinnen werde.

Nein, auf seiner fürstlichen Ehre könne er nicht den kleinsten Flecken dulden, fuhr der Altenburger fort, wer das gesagt habe, müsse heute noch den Degen mit ihm kreuzen.

Das werde Kalchum sehen, sagte Graf Isenburg, daß auf diese Weise der König kein Heer zusammenbringe. Keiner werde sich das gefallen lassen. Und dann stehe da noch, daß der König das erste Recht an die Kriegsbeute haben solle! Das sei auch eine Novität! Nach uralten geheiligten Regeln werde die Beute zwischen den Offizieren und gemeinen Soldaten dem Range nach geteilt, der König habe nichts damit zu schaffen gehabt. Ja, warum man denn eigentlich in den Krieg ziehen solle? Ruhm und Ehre komme gewiß an erster Stelle, das sei selbstverständlich, aber man könne auch Unglück haben, die Fortuna sei launisch, und dann gehe es über einen her, denn es müsse allemal ein Sündenbock vorhanden sein. Ferner habe man auch Weib und Kind, und was aus einem werden solle, wenn man alt und invalid geworden sei? Man sei doch kein Bauer, daß man umsonst arbeitete! Die Grundlagen des Kriegswesens dürften nicht angetastet werden, sonst könne niemand heroische Taten verrichten.

Ob etwas Wahres an dem Gerüchte sei, sagte Herzog Franz Karl, den von Lohausen scharf ins Auge fassend, daß er selbst, Lohausen, bei Anfertigung dieser neuen Kriegsgesetze die Hand im Spiele gehabt habe? Er solle sich ja ohnehin auf das Bücherwesen verstehen und mit sogenannten Gelehrten umgehen.

Das leugne er nicht, sagte Lohausen, daß er ein Wörtlein dabei mitgeredet habe; und er habe es nach seinem Verstand und Gewissen getan, zu mehrerem sei ein Ehrenmann nicht verpflichtet.

So solle er auch nur gleich sein Schwert ziehen und sich mit ihm schlagen, rief der Altenburger, er könne nicht eine Viertelstunde länger leben, ohne seine fürstliche Ehre mit Blut zu reinigen. Sie könnten es auch zu Pferde verrichten, wenn das Lohausen lieber sei.

Er wäre Seiner Fürstlichen Gnaden lieber in anderen Sachen zu Dienst gewesen, sagte Lohausen, wolle sich aber auch diesem Befehl nicht entziehen. Wegen der Pferde bedanke er sich, er stehe so fest auf seinem Stelzfuß wie mancher andere nicht auf zwei gesunden Beinen.

Darauf hielt er eine Ansprache an die Versammelten, sie sollten doch wegen der neuen Verordnungen nicht den Dienst verlassen. Leider sei es ja mit Kriegsgesetzen meistens so, daß der Erfolg ganz anders sei als die Absicht und daß es bei den erbaulichen Worten auf dem Papier bleibe, womit man etwaige Nörgler niederschlüge. Einstweilen brauchten sie sich also nicht zu erhitzen. Sie hätten doch alle das Schwert gezogen, um das geliebte Vaterland gegen Spanier und Jesuiten zu verteidigen, davon wollten sie sich nicht abwendig machen lassen. Die Mittel zum Kriege wären schwer aufzubringen, wie schelmisch der König von England verfahre, wisse man ja, die Staaten hätten auch den Erbfeind auf dem Halse, der König von Dänemark sei zwar reich, wolle das Seinige aber auch nicht mutwillig zusetzen. Indessen, des Königs Generosität sei weltbekannt, sei der Krieg erst einmal im Gange und gebe es Sukzeß, so werde der Lohn auch nicht ausbleiben.

*

Am 30. Juli erschien in Hameln, wo Christian IV. sein Hoflager aufgeschlagen hatte, Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel mit der Nachricht, Tilly habe die Weser überschritten und hause jämmerlich in seinem Lande, wenn Christian nicht helfe, sei alles verloren. Der König musterte seinen Neffen, der ein abgerissenes graues Wams trug und sehr erhitzt und verstört aussah, mit einem Lächeln und sagte, man solle meinen, er habe nicht in der Kutsche gesessen, sondern sei davorgespannt gewesen. Friedrich Ulrich trocknete sich den Schweiß ab und sagte, er möchte allerdings lieber ein Pferd als ein deutscher Reichsfürst sein; er hätte alles so treulich, redlich und vorsichtig zu richten gesucht, nun gehe es doch über ihn her. Wenn es sogar dem Unschuldigen und Frommen übel gehe, so bleibe einem ja nur die Desperation übrig.

Er hätte sich ihm eher anschließen sollen, sagte der König, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte; nun komme er in zwölfter Stunde nach erlittenem Schaden; es sei ja aber gottlob noch nicht zu spät zur Remedur.

Während des Mittagsmahls berichtete Friedrich Ulrich, was sich ereignet hatte: wie die Amtmänner von Greene, Wölpe und Wickensen händeringend und hilfeschreiend gelaufen gekommen wären und Briefe über Briefe einträfen mit Beschreibung der Greuel, die die Tillysche Soldateska verübe. In Wölpe hätten sie, nachdem sie schon alles aufgefressen, mehr verlangt, und da die Bauern nichts hätten geben können, hätten sie ihnen Nasen und Ohren abgeschnitten und gesagt, sie wollten sie zu einer Wurst verhacken, da sie nichts anderes hätten.

Der König äußerte sich entrüstet: er habe bisher eine zu gute Meinung von den Papisten gehabt, das sei ganz unchristlich und höchstens bei Türken und Tataren gebräuchlich.

Seine Bauern wären aber auch tapfere Leute, erzählte Friedrich Ulrich kichernd, und hätten sich fleißig zur Wehr gesetzt. In Springe hätten sie sich zuerst demütig angestellt, für einen Rittmeister und einen Haufen Kerle tüchtig aufgetischt und heimlich die Waffen weggebracht, die jene beim Zechen abgelegt hätten. Als sie angetrunken gewesen wären, hätten die Bauern, unter Geschrei hereinstürzend, sie mit Knütteln niedergeschlagen, nackt ausgekleidet und ihnen die Haut abgezogen, auch teils lebendig verscharrt.

»Da siehst du es nun,« sagte der König, »da hast du es!« Ob er denn jetzt endlich soweit sei, daß er sich ihm ganz und gar anschließen und mit der Kraft seines Landes zusteuern wolle?

Ach, wenn es von ihm abhinge, hätte er das ja längst getan, klagte Friedrich Ulrich. Ihm könne ja nichts lieber sein, als alles seinem weisen und siegreichen Oheim anheimzustellen; aber seine steifnackigen Stände drohten ihm mit dem Kaiser, und wenn sie wüßten, daß er hier wäre und was er hier täte, würden sie ihm den Brei versalzen.

Der König lehnte seinen vollen Körper in den Sessel zurück und stützte die Hände auf die Armlehnen. Diese Vasallen, sagte er, möchte er einmal in die Schule nehmen, er verstehe sich darauf, störrische Pferde zuzureiten; er habe einen besonderen Sattel und einen besonderen Zaum, damit zähme er jedes. Ein Fürst müsse aufs Ganze sehen, Bauer und Bürger wären dem Staate nützlich, man könne sie nicht ganz verkommen lassen. Woher man jetzt das Brot nehmen sollte, wenn die Bauern alle davonliefen?

Friedrich Ulrich sah seinen Oheim erschrocken und bewundernd an und seufzte. Die Menschen seien gar zu böse, sagte er, jeder denke nur an seinen Vorteil statt an Gott und den Nächsten. Hätte er das um den Kaiser und Tilly verdient? Und wo es mit der Welt hinaus sollte, wenn man mit Geduld und Gehorsam nichts mehr ausrichtete?

Über diesen Gesprächen trank der König in guter Laune einen Krug Einbecker Bier nach dem anderen und sagte, als er die Tafel aufhob, es sei ihm ein wenig schwer in Kopf und Beinen, er wolle einen Ritt an die Mauer tun, das werde ihn erfrischen. Mit Hilfe eines Stallmeisters schwang er sich auf sein feistes, braunglänzendes Leibroß und trabte nach einer Stelle, wo die Schanzen ausgebessert wurden, um die Arbeit selbst zu besichtigen; denn sonst, sagte er, gehe es doch in die Quere. Es war ein heißer Tag, am blitzenden Himmel ballten sich feste Wolken und standen zum Bersten geschwollen über den laubigen Bergen. Der König knöpfte sich die rotsamtene Weste auf und pustete vor Hitze; es werde vor Nacht noch ein Gewitter geben, sagte er zu den Herren, die ihn begleiteten, er verstehe sich auf die Zeichen.

Als Christian, bei der Mauer angekommen, über eine tiefe, mit Brettern verdeckte Grube ritt, trug es sich zu, daß sein Pferd scheute, ausschlug und zwischen den auseinanderweichenden Brettern hindurch mit ihm in die Tiefe stürzte. Er wurde für tot herausgeholt und in das Schloß getragen, wo er nach einigen Stunden zwar Zeichen des Lebens, aber nicht der Besinnung gab. Am folgenden Tage traf, von dem Unfall in Kenntnis gesetzt, die Herzogin Elisabeth, seine Schwester, ein und fand alles in Verwirrung und Auflösung. Neben dem Schlafzimmer des Königs saß Friedrich Ulrich und wehklagte, nun sei er ganz verloren, Tilly werde erfahren haben, daß er bei Christian gewesen sei, und werde nicht mehr an seine Treue glauben wollen, und Christian könne ihn nicht mehr beschützen.

Elisabeth richtete ihre schönen meerblauen Augen, die in der Erregung schwarz wurden, zürnend auf ihren Sohn. Jetzt sei nicht Zeit zu klagen, sondern zu handeln, insonderheit für einen Fürsten, sagte sie. Er sei alt genug, den Lauf der Welt zu kennen; wer sich zum Schaf mache, den fräßen freilich die Wölfe. Es zeige sich, daß sein Bruder Christian recht gehabt hätte, wenn der noch im Lande wäre, hätte es nicht so weit kommen können. Man hätte unrecht getan, ihn nicht besser zu unterstützen. Nun sei es an ihm, Friedrich Ulrich, seinen armen Untertanen zu helfen, das Elend schreie zum Himmel.

Warum sie denn gegen ihn eifere? sagte Friedrich Ulrich kleinlaut; er habe ja getan, was er könne, sei hergekommen, um seines Oheims Hilfe zu erflehen.

Ja, sagte sie, und nun sei dem etwas Menschliches begegnet. Damit müsse man allezeit rechnen, das Leben laufe nicht wie ein Mühlrad heute wie morgen und morgen wie heute, sondern wie ein Schiff auf dem Meere, bald im Sturm, bald in der Stille, bald müsse man die Segel auftun, bald einziehen und mit Ruder und Steuer sich durchkämpfen. Jetzt solle er sorgen, daß Munition in die festen Plätze komme, und die Kommandanten anweisen, wenn die Ritter aufsässig wären, die Landleute aufrufen, den Untertanen einen festen Willen zeigen, damit sie Hoffnung faßten und Mut, sich um Haus und Hof zu wehren.

Das möge tun, wer wolle, sagte Friedrich Ulrich, er lasse die Hände davon. Laufe es übel aus, so treffe die Schuld ihn, er wolle Tilly gegenüber seine Unschuld wahren.

Elisabeth hätte ihrem Sohn gern eine Maulschelle gegeben, aber sie unterließ es wegen der Herren, die im Nebenzimmer um Christians Bett herumsaßen. Dann setzte sie selbst Briefe an verschiedene Städte, Ämter und Räte auf und befahl auch den Verwaltern ihrer Güter, den am meisten bedrohten Plätzen auf ihre Kosten Pulver zu schicken. Mittlerweile hatten die Ärzte Hoffnung auf des Königs Leben gegeben, ob aber sein Verstand ebenmäßig zu erhalten sei, wollten sie noch dahingestellt sein lassen, da er einstweilen nur unzusammenhängende Laute ausstieß. Infolgedessen, sagten die Räte, müsse schleunig für ein anderes Haupt gesorgt werden, und da komme nur der Administrator Christian Wilhelm in Betracht.

So? Der? sagte die Herzogin; ob sie meinten, daß der seinen Verstand besser beieinander habe als ihr Bruder?

Zu den resoluten Ingenien gehöre der Herr Markgraf zwar nicht, gaben die Räte zu; aber er sei der Würde nach im Kreise der nächste und solle auch im Kriege von absonderlicher Tapferkeit sein.

Das sei Herzog Johann Ernst von Weimar auch, sagte die Herzogin, dazu redlich und wohlmeinend und vor allen Dingen entschlossen und beständig.

Die Räte zogen die Augenbrauen hoch und sagten, die Weimaraner gehörten nicht zum niedersächsischen Kreise, und Christian Wilhelm könne aus einer solchen Wahl Argwohn und Empfindlichkeit schöpfen. Vielleicht sei dies eine Gelegenheit, den Administrator endlich auf des Königs Seite zu ziehen, wozu sich der König schon viel vergebliche Mühe gemacht habe.

Sehr zum Troste des Administrators erholte sich indessen der König wieder von seinem Unfall, so daß er nach einigen Wochen die Leitung der Geschäfte wieder in die Hand nehmen konnte, allerdings mit keiner anderen Absicht für diesen Sommer mehr, als sich in seiner Stellung zu behaupten. Ende September versammelten sich die vornehmsten Kriegshäupter in Nienburg, wohin Christian IV. sich zurückgezogen hatte, um mit ihrem Obersten Rücksprache zu nehmen, nämlich Herzog Christian der Jüngere und Mansfeld, ferner der Administrator Christian Wilhelm und Hans Philipp Fuchs von Bimbach, ein fränkischer Adliger und stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren, der im Rufe des Scharfsinns und der Tüchtigkeit stand.

Auf des Königs Frage, ob er sich denn nun rund für ihn erklären wolle? sagte Christian Wilhelm, ja, er sei jetzt so gut wie entschlossen. Tilly könne ihm nichts nachweisen und verdächtige ihn doch immer, da laufe einem doch zuletzt die Galle über. Seine Domherren spionierten ihm nach, warnten und drohten und täten doch nichts für ihn; da habe er sie nachdrücklich gefragt, wenn er nun zum Kaiser hielte und der Kaiser die Stifter hernach doch einzöge, ob sie ihm das Verlorene ersetzen würden? Darauf seien sie die Antwort schuldig geblieben. Wenn man nur die heimlichen Absichten des Kaisers erraten könnte!

Das Rätsel wolle er sofort lösen, sagte Fuchs von Bimbach lächelnd, er wisse genau, daß der Kaiser alle Stifter und Klöster im ganzen Reich restituieren wolle. Er habe längst seinem Beichtvater das Wort gegeben, halte nur aus Furcht noch ein wenig zurück; der Herzog von Bayern sei nämlich dagegen, und den fürchte er fast noch ein wenig mehr als die Jesuiten. Es sei aber keine Frage, daß Wallenstein auf Halle und Magdeburg ziehe; wenn man nicht rasch zuvorkäme, wären sie verloren.

Christian Wilhelm fuhr sich verzweifelt in die Haare. Wenn er nur gleich ein Regiment beieinander hätte! rief er. Aber die Domherren ließen ihn ja gar nicht herein! Das solle aber das erste sein, daß er die abschaffte, wenn er erst die Gewalt hätte, die Stifter weltlich zu machen.

Nun, nun, sagte der König, dahin wollten sie wohl kommen, nächsten Sommer würden sie Wallenstein und Tilly miteinander zu Paaren treiben.

Fuchs von Bimbach sagte, wenn es der König gestatte, möchte er bemerken, daß man die Armee durch Werbungen vervollständigen müsse; etwa 5000 Mann wären durch Krankheit ausgefallen, und das Kriegstheater erstrecke sich durch die Ankunft Wallensteins immer weiter, man müsse mehr Volk haben, um eine so lange Linie zu besetzen. Wo man aber werben wolle, da der nieder- und obersächsische Kreis schon ausgesogen wären, wisse er auch nicht zu sagen.

Warum er dann überhaupt davon rede? sagte der König scharf. Wenn er General über das Fußvolk sein wolle, müsse er eben sorgen, daß es vollzählig sei.

Er habe doch noch keine Bestallung angenommen, sagte Fuchs von Bimbach erschrocken; der König solle ihn um Gottes willen verschonen, es sei ja bekannt, in was für einer gefährlichen Lage er sich befinde. Er wolle dem König gern wie bisher mit seiner Erfahrung zur Seite stehen, etwa als Kriegsrat, aber wenn er offen in des Königs Dienst trete, werde der Kaiser sicherlich seine Güter konfiszieren.

Was er mit Kriegsrat meine? fragte Christian, sich erhitzend. Er sei sich selbst Kriegsrat genug. Er sei nicht wie der Kaiser, der in seinem eigenen Hause nicht wisse, wo Kochtopf und Besen ständen, er lasse sich nicht von seinen Dienern an der Nase führen. Aber einen tüchtigen General könne er brauchen, denn er könne nicht allerorten zugleich sein, Fuchs solle ihm nicht länger ausweichen.

Fuchs von Bimbach hatte während des Böhmischen Krieges unter Buquoy gedient, da er aber nicht befördert wurde, nahm er seinen Abschied in der Meinung, er werde als Lutheraner zurückgesetzt, und hielt sich seitdem zur antikaiserlichen Partei. Er habe doch gewiß dem König seine Treue bewiesen, sagte er, aber so weit dürfe er nicht gehen, daß er das Schwert für ihn ziehe; dann werde der Kaiser ihn für einen Verräter ansehen.

König Christian legte die geballte Faust auf den Tisch und warf einen zornigen Blick auf Fuchs. Im anderen Falle, sagte er, werde er ihn als Verräter ansehen. Es sei ihm schon zugetragen worden, daß er, Fuchs, kein redlicher Patriot, sondern ein kaiserlicher Spion sei. Was das heißen solle, daß er sich zudränge und, wenn es zur Tat komme, sich bemänteln wolle? Wenn er sich ferner so verdächtig mache, müsse er, der König, nach Mitteln greifen, um sich vor ihm zu schützen.

Wer das von ihm gesagt habe? rief Fuchs, dunkel errötend; er könne seine Ehre nicht so angreifen lassen.

Herzog Christian der Jüngere sprang auf und sagte, Fuchs solle beweisen, daß er es redlich meine; sonst wollten sie es mit dem Schwert ausmachen.

Der König wies beide zur Ruhe; sie sollten nicht vergessen, daß sie in Gegenwart ihres Königs und Kriegsherrn wären. Fuchs müsse nun aber ja oder nein sagen, er sei mit seiner Ehre bei ihm verpfändet.

Nach längerem Hinundwiderreden bequemte sich Fuchs, als General in des Königs Dienst zu treten, ohne daß die versprochene hohe Besoldung und Aussicht auf Entschädigung, falls der Kaiser seine Güter konfiszieren sollte, seine Stimmung gehoben hätten.

An einem Oktobernachmittag gingen Fuchs und Mansfeld, die auf dem östlichen Kriegsschauplatz zusammen operieren sollten, bei Nienburg an der Weser entlang, in deren dunkelgrüne Flut ein gelber Schein von der untergehenden Sonne fiel. Ein matter Wind hob zuweilen die Zweige der Pappeln und Erlen, die am Ufer des Stromes standen, und ließ ein welkes Blatt auf die beiden Männer fallen, von denen jeder in seine Gedanken vertieft war. Mansfeld hustete und spuckte öfters; seine Brust war eingefallen, seit einem Jahre etwa war er so kränklich, daß er halbe Tage lang im Bett bleiben mußte, was er aber zu verbergen suchte. Es nagte beständig der Gedanke an alle die verheißungsvollen Möglichkeiten an ihm, die er ungenützt hatte vorbeigehen lassen; zum Beispiel plagte es ihn jetzt, daß er vor Jahren in Böhmen nicht die Witwe des kalvinischen Slawata geheiratet und dadurch die reiche Smirsitzkische Erbschaft an sich gebracht hatte. Wenn er das damals ausgeführt hätte, so hätte vielleicht der Böhmische Krieg eine andere Wendung genommen, jedenfalls stände dann er so da wie nun jener Wallenstein, der sich betrügerisch in Besitz der herrlichen Güter gesetzt hatte. Er dagegen war immer noch der Habenichts, obwohl er den Titel eines Fürsten von Hagenau führte; das wollte er aber auch im Auge behalten, vielleicht, wenn er ein paar Regimenter beieinander hätte, könnte er irgendwie nach dem Elsaß durchbrechen.

Fuchs von Bimbach warf zuweilen einen geringschätzigen Blick auf den kleinen, verwitterten Mann an seiner Seite; er selbst hatte trotz seiner Jahre eine leichte schwungvolle Haltung und pflegte eine weißseidene Oberjacke zu tragen, die zu seinem braunen Gesicht wohl stand. Er schob im Gehen die feuchten, faulenden Blätter mit dem Fuß beiseite und folgte mit dem Blick dem schweren, breiten Fluß, bis wo die dunstige Ferne ihn verhüllte. Das feiste, gefleckte Rindvieh, das auf diesen Wiesen weidete, gefiel ihm, übrigens aber sagten ihm Land und Leute auf die Dauer nicht zu. Er dachte mit Ärger an die Jesuiten und hohlköpfigen Hofleute, die in Wien regierten; verstände der Kaiser soviel von einer Schlacht wie von einer Prozession und könnte er einen faulen Mönch von einem ehrlichen Kavalier unterscheiden, so, dachte er, möchte er am liebsten wieder kaiserlichen Dienst annehmen. Was sollte bei der Unordnung, die hier herrschte, herauskommen? Und wie sollte er sich mit Mansfeld vertragen, der auf Heldentaten pochte, in denen ihm jeder Räuberhauptmann gleichkam? Freilich wäre er im Grunde nicht schlimmer als die andern und eher gescheiter; sie betrieben ja alle den Krieg wie ein großes Raubgeschäft in Ehren, bei dem es gelte, sich den Beutel zu füllen.

Ob er große Hoffnung auf diesen Feldzug setze? fragte er endlich Mansfeld. Ihm scheine, der König habe zu viel auf sich, könne nicht alles übersehen. Wenn nicht mehr dazu getan werde, so fürchte er, könne man gegen Wallenstein nichts ausrichten.

Aus Wallenstein werde zu viel gemacht, sagte Mansfeld. Insofern sei er zwar im Vorteil, als er reich sei, er habe in Böhmen gerafft und geraubt.

Dann sei er doch auch kein Säufer wie die meisten Fürsten, sagte Fuchs.

Er denke schon mit ihm fertig zu werden, sagte Mansfeld, fürchte ihn so wenig wie den König von Dänemark. Er wahre sich immer seine Unabhängigkeit; ein scharfes Schwert und ein scharfer Verstand müßten zuletzt allen obsiegen.

Fuchs meinte, man sei doch eben nicht allein; da müsse man zum Beispiel den Markgrafen Christian Wilhelm mitschleppen, der tauge fast mehr zu einem Kegelbuben als zu einem Regimentsobersten.

Dreinreden lasse er sich von dem nicht, sagte Mansfeld; übrigens solle er im Treffen tapfer sein; wenn er einmal im Zuge sei, haue er so lange drauf, bis der Arm ihm vom Leibe falle.

Fuchs lachte, und dann schwiegen sie wieder eine Weile. Die Sonne war untergegangen, der Himmel wurde kalt, und durch die dunklen Bäume ging ein langanhaltendes Rauschen.

Am besten wäre es, begann Fuchs wieder, der König machte Frieden. Er habe die Mittel nicht, Krieg zu führen, und es komme ihm fast so vor, als sei sein rühmlicher Verstand durch den erlittenen Unfall etwas in Abgang gekommen.

Mansfeld zuckte die Achseln; Dänemark werde vielleicht kein Glück bei der Sache haben, sagte er; aber was ihn, Mansfeld, betreffe, seinen Frieden mit dem Kaiserhause mache er noch nicht; erst wolle er gründlich restituiert werden.

Fuchs wußte nicht recht, was er sich dabei denken sollte. Er wolle jetzt ein paar Leute im Ort herumschicken, sagte er, um Pferde aufzutreiben, er habe ja kaum zwanzig Pferde bei der Artillerie. Sie stellten sich im Ort so an, als hätten sie keine mehr, schließlich müsse er wohl Zwang brauchen.

Nur nicht lange fragen und feilschen, sagte Mansfeld, im Kriege tue Geschwindigkeit das Beste.

Aber die Geliebte des Königs sei doch ein prächtiges Weib, sagte Fuchs plötzlich, wiewohl ein wenig fett.

Fett sei nie zuviel an Weibern, sagte Mansfeld; aber er habe jetzt genug davon, wenn er nur eine sähe, möchte er gleich pfui sagen.

So! sagte Fuchs erstaunt. Er wollte nur, es käme ihm da durch die Bäume eine liebe Frau entgegen. Das ganze Leben sei doch nur eine nichtswerte Schale um ein paar Liebesnächte.

Mansfeld sah Fuchs mit grimmigem Blick nach, wie seine seidene Jacke perlenschimmernd zwischen den feuchten Stämmen verschwand, hustete und spuckte. Wenn er nicht beim König durchsetzte, dachte er, daß er im Kommando über den aufgeblasenen Franken gestellt würde, schickte er den ganzen Quark zum Teufel und schlüge sich auf eigene Faust nach Ungarn durch.

* * *

 

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