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Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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1620 bis 1632

 

Es war Ende Januar, als die Reisekutsche des flüchtigen Königs von Böhmen, so schnell wie möglich durch die schlammige Straße stolpernd, in Wolfenbüttel einfuhr. Seit zwei Tagen fiel dünner, gleichmäßiger Regen, der den Schnee weggeschwemmt hatte, nur im Schutze weit übergreifender Dächer lagerte hier und da noch ein übriggebliebener, verschmutzter Haufen. Die leeren Gassen glichen Röhren oder Schläuchen, durch die Wasser lief; nur daß sie je länger, desto schmutziger wurden. Im Schlosse saß die Herzogin Anna Sophie am Fenster und sah ein paar großen alten Schweinen zu, die mit ihren Rüsseln in Dreck und Abfällen wühlten, und ihr unregelmäßiges, kluges Gesicht verzog sich zu einem schadenfrohen Lächeln, als die anfahrenden Pferde vor den grunzenden Bestien, die ihnen zwischen die Beine liefen, scheuten und dadurch den Wagen des Böhmenkönigs beinahe zu Falle brachten. Als die Schwester Georg Wilhelms, des nunmehrigen Kurfürsten von Brandenburg, der eine Schwester Friedrichs von der Pfalz zur Frau hatte, war sie mit diesem verschwägert, während ihr Mann ein Vetter der Elisabeth war, da sie beide von dänischen Prinzessinnen, Schwestern des Königs von Dänemark, abstammten. Auf diese nahen verwandtschaftlichen Beziehungen gründete Friedrich die Hoffnung auf Beistand und war sehr enttäuscht, den Herzog nicht daheim zu finden; denn er wußte, daß Friedrich Ulrich, der etwas schwachsinnig war, sich leicht beeinflussen ließ; zu seiner Schwägerin, der Herzogin, dagegen hatte er kein Zutrauen. Der Herzog komme erst in drei Tagen wieder, sagte sie, indem sie die schmutzigen Fußspuren betrachtete, die ihr Gast beim Eintreten hinterließ; wenn er ihn erwarten wolle, müsse er inzwischen mit ihr vorliebnehmen. Ob die Herzogin-Mutter auch nicht da sei? fragte Friedrich.

Nein, Gott sei Dank, die alte Scharteke traue sich nicht her, wenn sie allein da sei, antwortete Anna Sophie, sie möchte es ihr auch nicht raten. Sie langweile sich zwar toll und voll, das sei aber doch besser, als ein böses Luder um sich zu haben.

Ob sie denn so böse sei? fragte Friedrich neugierig. Das habe er nicht gewußt. Ihre Schwester, die verstorbene Königin von England, sei zwar ein grobes Vieh gewesen, habe ihre Tochter Elisabeth, seine Frau, mißhandelt und sich öffentlich über ihren Mann, den König, lustig gemacht.

Sie werde gewußt haben, warum, sagte die Herzogin, kurz auflachend, der sei auch ein Trottel wie ihrer. Den habe jetzt seine eigene Mutter von der Regierung bringen wollen, um ihren Liebling, den Christian, in den sie vernarrt sei, ins Nest zu setzen. Da wären ihrem Mann endlich die Augen über seine Mutter aufgegangen, jetzt dürfe sie sich eine Zeitlang nicht in Wolfenbüttel blicken lassen.

Er habe in Berlin davon munkeln hören, es aber nicht glauben wollen, sagte Friedrich; ob denn Christian damit einverstanden gewesen sei?

Freilich, sagte die Herzogin, der spiele immer mit seiner Mutter unter einer Decke, solange es gegen seinen Bruder gehe. In Wolfenbüttel wäre er zwar doch nicht geblieben, da sei es ihm viel zu langweilig, ihm sei es nur um das Geld zu tun. Die Domherren von Halberstadt wären scharf, ließen ihn nicht nach Belieben stehlen und rauben, darum habe er immer Händel mit ihnen. Mit den hiesigen Räten habe er geglaubt sich besser zu verstehen, das sei auch eine Diebsbande; aber denen sei ein Trottel wie ihr Mann viel lieber, und Christian habe schimpflich abziehen müssen.

Was denn Christian vorhabe? fragte Friedrich, wozu er so viel Geld brauche? Nun, sagte die Herzogin boshaft, das werde er, Friedrich, wohl am besten wissen. Christian wolle ein Kriegsheld sein, habe sich ja schon vor zwei Jahren von den Böhmen wollen anwerben lassen, es sei aber nichts geworden, sie hätten wohl Wind bekommen, was für ein Käseritter das sei, er verstehe ja nichts vom Kriegswesen. Letzthin habe er Sold von den Generalstaaten genommen, sei auch mit unten in der Pfalz gewesen, aber unverrichteter Sache wiedergekommen. Wenn sie seine Mutter wäre, würde sie ihn gehörig aushauen und dann in die Ecke stellen. Weil er als Knabe von Vater und Mutter nicht ordentlich mit der Rute gestrichen worden sei, hole er sich jetzt seine Schläge draußen, werde wohl einmal genug bekommen.

Sie hatte sich erhitzt, und ihre Augen funkelten feindselig, um so mehr, als sie bemerkte, daß es Friedrich belustigte. Seine Mutter habe doch Geld genug, sagte er; warum sie ihn eigentlich nach Wolfenbüttel habe rufen wollen?

Damit der lieben Justiz aufgeholfen werde, sagte die Herzogin höhnisch, als ob es in Halberstadt anders zugehe als in Wolfenbüttel. Sie gäben eben alle schlechtes Geld aus und leerten hernach den Leuten die vollen Taschen unter dem Vorwande, daß es verbotene Münze sei. Der wahre Grund sei, daß sie in ihn vernarrt sei und gedacht habe, er werde als regierender Herzog vom Kriegswesen lassen. Sie wollte ihn bei sich im Lande behalten und beten lassen, darum rücke sie kein Geld heraus. Er solle nur nicht etwa glauben, wendete sie sich mit schadenfrohem Lachen zu Friedrich, daß er etwas von ihr verlange, sie halte es mit dem Kaiser wie ihr verstorbener Mann.

Gott sei's geklagt, sagte Friedrich, seit er im Unglück sei, wolle alles kaiserlich sein, Unglück und Armut gelte nicht als vornehm. Der Herzog habe sich doch früher so redlich gegen ihn erklärt, habe von der spanischen Tyrannei nichts wissen wollen, er habe ihn für einen guten protestantischen deutschen Fürsten gehalten.

Nun, sagte die Herzogin spitz, wenn er nur diejenigen für rechte deutsche Fürsten halten wolle, die sich zu ihm gegen den Kaiser schlügen, so sehe es windig im Reiche aus. Friedrich solle sich nicht soviel einbilden; der Satan habe ihn geritten, daß er sich mit den lausigen Böhmen eingelassen habe, nun liege er im Dreck. Sollten sich andere dazustellen, daß sie auch noch einen Schmutzkübel über den Kopf bekämen? Der Denkzettel bekomme ihm wohl, er solle sich wieder sauber machen, dann werde man es ihm nicht nachtragen.

Die Herzogin unterhielt ein Liebesverhältnis mit dem Herzog Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg, der damals unter dem Kaiser diente, und vertrat deshalb mit besonderem Nachdruck diese Partei. Ihr Bruder, der Kurfürst von Brandenburg, fuhr sie fort, habe ihn auch weitergeschickt und habe recht gehabt. Ob er etwa geglaubt habe, ihr Mann sei ein Simson oder Herkules? Ihr Mann gehöre zu den Hunden, die jedem nachliefen, der ihnen den Wurstzipfel zeige. Im vorigen Jahre wären die kaiserlichen Gesandten bei ihm gewesen und hätten ihm nicht einmal lange zusprechen müssen. Friedrich werde sehen, wie gut er sein Sprüchlein von der Reichstreue und dem lieben Frieden aufsagen könne. Sie freue sich nur wegen der großmäuligen Pfaffen, die immer dreinreden wollten.

In der Tat begrüßte zwar Friedrich Ulrich seinen flüchtigen Vetter freundlich, fing aber sogleich von der notwendigen Neutralität zu sprechen an und daß Friedrich darauf sehen müsse, seinen Frieden mit dem Kaiser zu machen. Der Kaiser habe eine Gesandtschaft an ihn abgelassen, vornehme und ehrbare Leute, die hätten auf Ehrenwort versichert, daß es in der böhmischen Sache nicht um die Religion gehe, es sei nur Krawall und Rebellion gewesen, wie es dort unten im Schwange sei und woran des Kaisers allzu große Klemenz schuld sei, die die Leute übermütig mache. Nachdem es so sei, hätte sich Friedrich in eine so verfängliche Sache nicht einlassen sollen; warum er es eigentlich auch getan hätte? Er habe oft darüber nachgedacht, könne es aber durchaus nicht begreifen. Die Pfalz ernähre ihn doch fürstlich und reichlich, der Teufel müßte seinen Schwanz darin gehabt haben, anders könne er es sich nicht einbilden, oder er hätte schlechte Räte. Er solle nun förmlich auf Böhmen verzichten und froh sein, daß er so davonkomme, die Hussiten schienen ja gefährlicher zu sein als Spanier und Türken.

Friedrich wurde mit jeder Stunde, die er sich in Wolfenbüttel aufhielt, niedergeschlagener; er hatte nicht für möglich gehalten, daß man ihn so verlassen könne, und wußte sich nicht hineinzufinden. Wohin er kam, sagte man ihm, sein reicher, mächtiger Schwiegervater sei der nächste, etwas für ihn zu tun, wenn der sich weigere, müßte wohl etwas Unrichtiges an der Sache sein. Es war ihm unleidlich, die guten Lehren und klugen Reden anhören zu müssen, wie töricht er gehandelt und daß er sich sein Unglück selbst zuzuschreiben hätte, und er fühlte eine brennende Ungeduld, wieder in eine gebührende Stellung zu kommen, wo er anerkannt und gefeiert würde. Doch hörte er mit gefälliger Miene zu und versprach dem Herzog, daß er auf Böhmen verzichten wolle, woran ihm nichts liege; aber dem Kaiser sei es darum gar nicht zu tun, sondern er reiße seine Erblande an sich, auf die er doch keinerlei Recht habe.

Das könne er sich doch nicht denken, daß der Kaiser sich an der Pfalz vergreifen werde, sagte Friedrich Ulrich; sowie Friedrich sich gehorsam erweise, werde alles ins reine kommen.

Inzwischen habe Spinola schon die ganze Unterpfalz eingenommen, sagte Friedrich, und die Spanier pflegten nicht loszulassen, was sie einmal in den Zähnen hätten.

Ja, die Spanier könne er auch nicht leiden, sagte Friedrich Ulrich; aber das sei gewiß nur provisorisch.

Ob denn die Acht schon verhängt sei? fragte die Herzogin lächelnd.

Es scheine nicht mehr weit davon zu sein, sagte Friedrich; aber das habe ja nichts auf sich. Das sei gar keine rechtmäßige Acht, die könne der Kaiser ohne die Kurfürsten nicht über ihn verhängen.

Es sei aber doch eine kitzlige, sehr kitzlige Sache, sagte Friedrich Ulrich ängstlich; wenn er nur nicht auch noch in so etwas hineinpatsche. Sein Bruder Christian sei gar zu waghalsig, unversehens werde er den Kopf in der Schlinge haben.

Nun, sagte Friedrich beschwichtigend, das gäbe dem Kaiser noch kein Recht gegen ihn, und Christian sei sein jüngerer Bruder, den werde er doch regieren können.

Ach Gott, klagte Friedrich Ulrich, er habe doch auch ein Gewissen und sei lutherisch, und seine Pfaffen hielten ihm vor, der Kaiser wolle ganz Deutschland mitsamt dem niedersächsischen Kreis dem römischen Antichrist in den Rachen jagen, auch alle norddeutschen Stifter an sich ziehen, und wenn das wahr wäre, könne er doch nicht ruhig zusehen. Und was Christian anbelange, so könne er einmal nicht ruhig sitzen, der von Marenholz sei schuld daran; seine Mutter habe es auch gesagt, Christian sei als Kind gut und fromm gewesen, habe ihm immer den schuldigen Respekt bewiesen, aber der von Marenholz reize ihn zu allem Bösen, habe sogar einen Advokaten bei sich und werde Christian gewiß zuletzt noch dem Teufel verpfänden.

Wer ihn dem Teufel verpfändet habe, sagte die Herzogin hämisch, sei seine Mutter, indem sie ihn so gottlos verhätschelt habe. Es mache einem fast Bauchweh, das abgöttische Wesen der beiden mit anzusehen, die Früchte davon schmeckten dann freilich sauer und bitter.

Als Friedrich seine Reise nach den Niederlanden fortgesetzt hatte, erschien am Wolfenbüttler Hofe Christian Wilhelm, der Administrator von Magdeburg, Vetter der Herzogin und Schwager des Herzogs, mit dessen Schwester er verheiratet war, in Sorgen, ob etwa Friedrich Ulrich sich auf die Seite des flüchtigen Böhmenkönigs habe ziehen lassen. Der Pfälzer, sagte er, soll seine Suppe allein ausessen; er, Christian Wilhelm, halte den Kaiser für den wahren Hort des Reiches, und der Teufel solle ihn holen, wenn er je vom Kaiser abfiele. Der Hoë in Dresden habe kürzlich schön gepredigt, daß die Fürsten um den Kaiser stehen sollten wie die Erzengel vor dem Thron Gottes, die Tränen wären ihm darüber aus den Augen gelaufen, und er habe sich daraus abgezogen, daß der Pfälzer dem Luzifer zu vergleichen sei und billigerweise in den Abgrund fahre. Er hoffe nur, Christian von Halberstadt, des Herzogs Bruder, werde sich beizeiten von seinen rebellischen Umtrieben abwenden lassen, daß er den Herzog nicht noch mit ins Verderben reiße.

Friedrich Ulrich war erschrocken und gerührt, als er seines Schwagers Augen in feuchter Begeisterung glänzen sah; aber seine Frau sagte trocken, ihr komme es so vor, als sei Christians Treiben Christian Wilhelm nicht einmal so unlieb, denn er habe ja längst ein Auge auf das Bistum Halberstadt und meine vielleicht, er könne es erschnappen, wenn Christian es verwirke.

Der Administrator errötete und sagte, er hätte nie gedacht, daß verwandte Häuser eine solche Meinung von ihm hegten. Ja, damals, als der Bischofsstuhl erledigt gewesen sei, habe er sich darum beworben, weil es sich so gut zum Bistum Magdeburg geschickt hätte, und er glaube sagen zu dürfen, daß er tauglicher dafür gewesen wäre als der Hansdampf und Strudelkopf Christian. Er sei aber freundvetterlich zurückgetreten, als Christians Mutter das Bistum für ihren Sohn ersteigert hätte; der Schaden sei ja auch für das Bistum größer als für ihn gewesen. Ob sie sich nicht denken könnten, daß das Turnieren mit den präpotenten Domherren und einer geschwollenen Stadt mehr eine Tragödia als eine Komödia für einen Fürsten sei?

Darum sei ihm wohl ein gewisses mächtiges Kurfürstentum lieber, sagte die Herzogin, ihn dreist anlächelnd. In Berlin bei ihrem Bruder gehe die Rede, der Kaiser habe ihm Brandenburg samt dem Kurhut versprochen für den Fall, daß der Kurfürst abtrünnig werde und sich die Acht auf den Hals ziehe.

Nein, das gehe zu weit, rief der Administrator, womit er so etwas von verwandten Häusern verdient habe! Ob er seinem Vetter, dem Kurfürsten, seine Treue und Liebe nicht hundertfach bezeugt habe! Wenn einige von des Kaisers Dienern aus allzu ungestümer Ergebenheit gegen das Reichsoberhaupt ihm solche Anträge gemacht hätten, so sei das nicht seine Schuld, er sei nicht darauf eingegangen, habe sie nicht einmal verstehen wollen. Das sei der Lohn seiner Redlichkeit, schluchzte er, er gehe von Hof zu Hof, um alle zur Treue gegen den Kaiser zu ermuntern; aber die Lästerzungen könnten nicht ruhen, er sehe nun wohl, daß man Falschheit und Hinterlist gebrauchen müsse, um wohl angesehen zu sein.

Ja, sagte Friedrich Ulrich, das sei doch auch ein wunderliches Gerede, er verstehe gar nichts davon, man könne doch Fürstentümer nicht verhandeln und ausbieten wie alte Hüte. Christian Wilhelm solle nur die Augen trocknen, er halte ihn für einen frommen, unschuldigen Fürsten, der es gewiß nicht böse gemeint habe. Er solle doch nun auch seinem Bruder Christian das Gewissen rühren, damit er der kaiserlichen Majestät seine Pflicht erweise.

An den sei schon genug herangeschwatzt, sagte die Herzogin. Besser wäre es, die Generalstaaten ordentlich aufs Maul zu schlagen; denn ein Pfeifen von den Banditen mache ihn besser tanzen als eine Predigt von ehrlichen Leuten.

Mit diesen Worten hatte die Herzogin ein ergiebiges Fach im Bewußtsein ihres Mannes berührt, und er brach in laute Klagen über die Generalstaaten und die Hansestädte aus, die an allem Unglück auf Erden schuld und gottverfluchte Rebellen und Schweizer wären, sich gegen die Fürsten verschworen hätten und sie auch gewiß allesamt umbringen würden, wenn Gott sie nicht beschützte. Das habe sein hochseliger Vater auch gesagt, es habe ihn aber niemand hören wollen, und sie würden es noch bereuen. Es sei jedermann bekannt, was für uralte, unzweifelhafte Rechte er an die Stadt Braunschweig habe, und er würde die Widerspenstige leicht bezwungen haben, wenn die Generalstaaten und die Hansestädte ihr nicht zuhielten. Er müsse sich nur wundern, daß Gott so lange Geduld mit solchen Frevlern habe und sie nicht längst wie Sodom und Gomorrha mit Schwefel begossen und von der Erde vertilgt habe.

Ja, sagte Christian Wilhelm gedankenvoll, sein Schwager habe recht, es gehe je länger, je mehr greulich auf Erden zu, und was für Gründe Gott habe, so lange mit der Strafe zuzuwarten, könne er sich auch nicht einbilden. Er sei jetzt am sächsischen Hofe gewesen, da habe er eine seltsame und fast unglaubliche Geschichte gehört, die sich in Frankreich zugetragen habe. Da sei nämlich ein Mann aufgetreten, der habe sich ungescheut als ein Atheist vorgestellt, indem er öffentlich gelehrt habe, es gebe keinen Gott, die Welt bestehe aus sich selbst, und was man von einem solchen seit Jahrhunderten gepredigt habe, sei nichts als Phantasmagorie und Aberglauben.

Die Herzogin, welche auf eine verliebte oder blutige Hofgeschichte gespannt gewesen war, zuckte die Achseln und sagte, das komme davon her, daß man dem Pöbel zuviel Freiheit lasse, außerdem hätte man den Narren ja leicht aus der Bibel heimschicken können.

Das sei auch geschehen, sagte Christian Wilhelm; bevor er verbrannt worden sei, hätten ihn die gesamte Geistlichkeit und hohe Fakultäten ausgefragt und ihm vorgehalten, die Wahrheit leuchte doch so schön aus jedem Würmlein und Blättlein hervor, auch der Ungelernte müsse ja einsehen, daß die Regelmäßigkeit der wechselnden Jahreszeiten, das richtige Aufziehen der Sterne, die vernünftige Anordnung der Eingeweide im tierischen und gar menschlichen Körper und mehr dergleichen nicht von ungefähr kommen könne; wer denn nach seiner Meinung das alles gemacht habe? Darauf habe der Elende geantwortet: »Regina Natura«, welches aber auch sein letztes Wort gewesen sei, indem man nicht länger gezögert habe, ihm die gottlose Zunge mit einem glühenden Zänglein auszureißen, damit dergleichen ärgerlichen Blasphemien ein- für allemal der Ausgang verstopft werde.

Regina Natura? wiederholte Friedrich Ulrich, indem er den Erzähler erschrocken und ratlos ansah, ob es denn eine Person dieses Namens gebe?

Gott bewahre, sagte Christian Wilhelm, es sei damit schlechtweg die Natur gemeint, der doch nur Heiden oder Gottesleugner einen Platz neben Gott einräumen könnten, welcher allein und unvergleichlich regiere. Da könne man ebensowohl katholisch sein und die Mutter Maria und die Heiligen anbeten, die nach Ansicht der abergläubischen Papisten denselben Rang wie Gott einnähmen.

Friedrich Ulrich schüttelte den Kopf und sagte, er könne es sich durchaus nicht reimen, was für unverständige und böse Leute es gebe; es müsse wohl eine Sündflut im Anzuge sein, wovon man ja auch schon allerlei Anzeichen habe.

»Dabei möchtest du wohl den Noah spielen«, sagte die Herzogin mit einem spöttischen Lachen, in welches die beiden Herren einstimmten. Wenn er aber hernach die Erde wieder bevölkern wolle, müsse er ein wenig besser arbeiten, sagte Christian Wilhelm, auf des Herzogs Kinderlosigkeit anspielend, mit einem halb schadenfrohen, halb lüsternen Seitenblick gegen die Herzogin. Diese schwieg und lächelte rätselhaft, während sie dachte, wie willkommen ihr eine Sündflut sein würde, die ihren Mann, vielmehr den schwachen Dummkopf, der diesen Titel führte, mitsamt seiner Mutter verschlänge und ihr die Freiheit gäbe, sich einmal durch und durch am Leben zu sättigen.

*

Schon im August des Jahres 1620 war der spanische Feldherr Ambrosius Spinola am Rhein erschienen und hatte sich still und eilig der Unterpfalz bemächtigt. Mit ihm zogen Mönche und Jesuiten, die an jedem Ort eine oder mehrere Kirchen in Besitz nahmen, den katholischen Gottesdienst einrichteten und Klöster begründeten. Die Jesuiten pflegten überall die Kirchenbücher durchzulesen und sich bei den Kirchendienern nach allen Umständen zu erkundigen, durch die etwa das kirchliche Wesen zu neuem Aufblühen gebracht werden könnte, und so erfuhren sie in Oberwesel, daß sich dort Reliquien des heiligen Werner befinden müßten, dessen Verehrung im Laufe der Zeit in Abgang gekommen und vergessen sei. Hiervon wurde Spinola in Kenntnis gesetzt, von dem man wußte, daß er sich für Heiligenverehrung interessierte und Reliquien sammelte, und der auch Befehl gab, der Sache nachzuforschen. Mit vieler Mühe wurde von der Geschichte dieses Werner folgendes in Erfahrung gebracht: Vor Jahrhunderten war einmal ein verwahrloster Knabe nach Oberwesel gekommen, welcher entweder seinen Eltern davongelaufen oder von ihnen weggejagt war und der, halb verhungert, von einem Juden und seiner Frau in Dienst genommen wurde. Wie er sich dort aufführte und behandelt wurde, darum bekümmerte sich niemand; indessen geschah es nach einigen Monaten, daß er vermißt und daß später von Schiffern sein Leichnam aus dem Rheine aufgefischt wurde. Die Juden gaben an, daß sie ihn mit einigen Kreuzern zu einem Einkauf ausgeschickt hätten und daß er nicht wiedergekommen sei; ob er nun das Geld verloren oder vergeudet und sich aus Furcht vor Strafe versteckt hätte oder weggelaufen und dabei verunglückt sei, das wollten sie nicht entscheiden, und niemand konnte es feststellen.

Plötzlich aber wurde die Angabe ganz und gar in Zweifel gezogen, und die Juden sollten anstatt dessen den Knaben geschlachtet haben, um mit seinem Blute Zauberei zu treiben, gegen welche Behauptung kein Leugnen und Verteidigen half und wofür sie miteinander verbrannt wurden.

Vom ganzen Rhein her kam der Adel und das Volk, um die Leiche des armen kleinen Märtyrers anzubeten, der nun in der Kirche mit großer Feierlichkeit beigesetzt wurde und Wunder tat.

»Warum war es nicht ein Mädchen?« fragte Spinola kurz, nachdem die Jesuiten ihm diese Geschichte vorgetragen hatten; denn er hatte eine besondere Verehrung für die heilige Jungfrau und weibliche Heilige überhaupt. Sie entschuldigten sich und sagten, nach allem, was sie gehört hätten, scheine es durchaus ein Knabe gewesen zu sein. Freilich gestanden sie zu, daß sich nicht feststellen ließe, ob der Knabe wirklich vom Papste kanonisiert, also heiliggesprochen sei, doch glaubten sie es aus der Tatsache der großen Verehrung genugsam schließen zu dürfen, womit Spinola auch einverstanden war. Er ordnete an, daß mit allen Mitteln und Kosten den Gebeinen gründlich nachgeforscht werde, was sogleich geschah und zu einem glücklichen Ergebnis führte. Indem man die Kirche untersuchte, stieß man beim Klopfen auf einen Stein, der einen hohlen Klang gab, und da man mit freudigem Herzklopfen nachgrub, entdeckte man darunter menschliche Gebeine auf ein Kissen gebettet. Es war Februar und gerade Tauwetter eingefallen, der aufgelöste Schnee rann in kleinen, fröhlich tröpfelnden Bächen aus den Wasserspeiern, die milden, mondhaften Strahlen der durch Wolken scheinenden Sonne drangen durch ein schmales, buntes Fenster und fielen als ein süßes Licht auf die weißen, auferstehenden Knochen. »Seht da, das Zeichen!« rief der Jesuit, der die Arbeiter hereingeführt und beaufsichtigt hatte, fiel auf die Knie, sprach ein Gebet und fing an zu weinen, worauf auch die Arbeiter niederknieten und zum Teil schluchzten. Inzwischen war Spinola benachrichtigt worden, und bald stieg der kleine, schlanke Genuese die steile Steintreppe hinauf, die zwischen der Kirchenmauer und dunklen, hohen Häusern zum Portale führte. Er nahm die Gebeine in Augenschein und fragte die anwesenden Jesuiten, ob es sicherlich die des sogenannten heiligen Werner seien. Ja, antworteten sie, der Ort entspreche der Schilderung in der Chronik, und außerdem hätte Gott ein sichtbares Zeichen gegeben und sie gewissermaßen selbst wunderbar an die richtige Stelle geführt, die sie ohne göttliche Hilfe unmöglich hätten auffinden können.

Spinola nickte und sagte, es sei gut, es solle alles zu Protokoll genommen und dasselbe versiegelt werden. Die Knochen mit Ausnahme des Rückgrats und der Beine, die der Kirche verbleiben sollten, wolle er für sich behalten, teils zum eigenen Gebrauch, teils um davon an verschiedene Personen zu verschenken, zum Beispiel an die Erzherzogin Isabella, die Statthalterin von Belgien, mit der er auf besonders gutem Fuße stehe. Dieser Umstand verdroß die Geistlichen; allein da es unmöglich war, dem siegreichen und berühmten Feldherrn zu widersprechen, gaben sie sich mit den ihnen vergönnten Resten zufrieden.

Mit dem Herannahen des Frühlings rechnete Spinola darauf, sich mit den Unionsfürsten schlagen zu müssen, die sich mit einem kleinen Heer aufgestellt hatten und eine scharfe Erklärung abgaben, sie würden eine Verletzung ihres Gebietes keineswegs dulden, sondern die fürstliche Libertät retten und die armen Untertanen bei ihrem Glauben schützen. Dagegen antwortete Spinola, der Kaiser habe durchaus nichts gegen die deutsche Libertät im Sinne, vielmehr wünsche er den Fürsten ein gnädiger Kaiser zu sein; sie müßten aber mit ihrem hohen Verstande einsehen, daß, nachdem Friedrich V. in die Acht und Aberacht erklärt sei, der Kaiser auch das Recht und die Gelegenheit haben müsse, die Acht zu vollstrecken. Nachdem einige Wochen hin und her verhandelt war, fand eine Zusammenkunft in Aschaffenburg statt, wo die unierten Fürsten versprachen, Spinola nicht anzugreifen, und er seinerseits versprach, ihr Gebiet nicht anzutasten.

Spinola, welcher bessere Mannszucht hielt als üblich war und die Gegenden, die er durchzog, möglichst wenig verwüstete, stand in dem Rufe, der Erbe der diplomatischen Kunst des berühmten Alexander von Parma zu sein, weshalb die deutschen Herren ihn zugleich fürchteten und ihm mißtrauten, wozu auch beitrug, daß er im Essen und Trinken außerordentlich mäßig war, eine gewisse höfliche Geringschätzung gegen sie merken ließ und etwas Unergründliches an sich zu haben schien.

Danach versammelten sich die Unierten noch einmal in Heilbronn, um die Union aufzulösen, als welche nun ihren Zweck erfüllt habe. Es seien ja, sagten sie, schöne und heroische Beschlüsse gefaßt und im Jülichschen Erbfolgekriege auch herrliche Siege erfochten worden; aber keine von den Mächten, die zuerst so große Zusicherungen gemacht hätten, wären dabei geblieben, und überhaupt herrsche leider Kleinmütigkeit bei vielen Ständen. Hätte nur Kursachsen das Seine getan, so hätte man sich auch mehr herauswagen können, aber man wisse ja, wie es da stehe. Wenn einmal der König von England sich auf seine Pflicht besinne, der so schimpflich seines eignen Blutes und seines Glaubens Niederlage zusehe, und wenn der König von Dänemark und der von Schweden sich die weltbekannten Vor- und Unfälle mehr zu Herzen nähmen, so wollten sie es auch an ihrer Hilfe nicht ermangeln lassen.

Noch gehörte dem Kaiser Böhmen nicht ganz; denn außer einigen unbedeutenderen Plätzen hielt Mansfeld die wichtige Festung Pilsen besetzt, die zu erobern für ein langwieriges und fast unmögliches Unterfangen galt. Am kaiserlichen Hofe hielt man es für das beste, wenn man Mansfeld gütlich gewinnen könnte, und man meinte, das würde nicht allzu schwer sein, da er doch Katholik und im Dienste des Erzhauses aufgewachsen und nur wegen eines Zanks mit dem Erzherzog Leopold, der dem Kaiser stets Widerwärtigkeiten einbrocke, zu den Evangelischen übergelaufen sei. Lohn und Ehre habe er von dort nicht mehr zu erwarten, biete man ihm ein Regiment und ein gutes Gehalt an, so werde dies schäbige, verzweifelte Hündlein wohl in den hingehaltenen Wurstzipfel beißen. Das zahle sich wohl aus, er sei geschickt, listig, erfahren und gefährlich, wenn auch in Schlachten nicht eben glücklich; nachdem Buquoy Mitte Juli in Ungarn bei einer zufälligen Gelegenheit als ein Opfer seines Übermutes gefallen sei, habe man keinen bedeutenden Feldherrn mehr aufzuweisen außer Tilly, der aber in bayrischem Dienst stehe und also nicht frei verwendbar sei.

Als infolge dieser Beschlüsse ein kaiserlicher Abgesandter Mansfeld aufsuchte, um ein wenig anzuklopfen, sprach Mansfeld von seinen alten Beziehungen zum Erzhause, von seiner Anhänglichkeit und wie er der Sache des Böhmenkönigs müde sei. Überhaupt sei er ja im Solde des Herzogs von Savoyen gewesen, die Sache sei nun erledigt, wenn man ihm ersetze, was er aufgewendet habe, und ihm eine ansehnliche, einträgliche Stelle im kaiserlichen Heer verschaffe, so sei er nicht abgeneigt. Was Böhmen anbetreffe, so könne er darüber nicht sogleich entscheiden, wolle sich's aber zu Gemüte gehen lassen.

Mit grimmigem Lächeln las er den Brief, den Fürst Liechtenstein in dieser Angelegenheit an ihn richtete. Nach zehn Jahren heimatlosen Umherziehens, Kämpfens, Sollizitierens und Drangsalierens hatte er es dahin gebracht, daß die hochmütigen Österreicher sich herabließen, mit Schmeichelworten und Versprechungen seine Dienste nachzusuchen, daß Liechtenstein, der Bluthund, dem seine schamlose Blut- und Geldgier mit dem Fürstentitel bezahlt war, ihn wie einen mächtigen Gönner umwerben mußte. Seine Augen schlossen sich halb und schweiften unruhig in die schwankende Zukunft; jetzt konnte er es durchsetzen, daß er als rechtmäßiger Sohn und Erbe seines Vaters anerkannt wurde, Besitz, Ehren und Würden lagen erreichbar vor ihm. Er konnte nach Belgien zurückkehren und seine alten Widersacher und Verkleinerer mit dem beneideten Glanze blenden. Was war von dem Pfälzer Friedrich noch zu erwarten? Der wirbelte hin, wo der Wind ihn hintrieb, er erweckte weder Achtung noch Furcht und würde niemals Glück haben.

Mit Ferdinand II. war es eine andere Sache, er würde noch lange Hilfsmittel aufbringen, seine Feinde würden nicht so leicht mit ihm fertig werden, weil er die Legitimität verkörperte. Eine Empfindung von Haß und Widerwillen stieg in ihm auf: war es klug von ihm, sich diesem Geschlechte hinzugeben, das ihn unter dem Titel des Rechtes um sein Erbe gebracht und ihn ins Elend ausgestoßen hatte? Würde es ihm anstehen, beim Kaiser zu antichambrieren und zu scherwenzeln, zur Messe zu gehen und mit jedem Günstling schönzutun, der eben in Flor war? Er spie aus, indem er sich das vorstellte. War er jetzt auch ein Bettler, jedermanns Feind, in Waffen gegen alle Welt, so war er doch frei und tat, was ihm beliebte. Je länger er darüber nachdachte, desto unleidlicher schien ihm der Zwang und die innere Demütigung, die mit dem kaiserlichen Dienst für ihn verbunden war, woraus aber nicht hervorging, daß er durchaus davon abgesehen, und noch weniger, daß er die Unterhandlungen sofort abgebrochen hätte. Während sie noch spielten, erschien er jedoch plötzlich, nicht zur angenehmen Überraschung der Unierten, in Heilbronn, um sie an die alten Verträge und Versprechungen zu mahnen. Doch konnten sie ihn nicht wohl abweisen, empfingen ihn höflich und beglückwünschten ihn, daß er in so stürmischen Drangsalen sich allein ruhmvoll behauptet habe. Allerdings stehe seine Sache wohl, sagte Mansfeld, Pilsen sei nach der trefflichen niederländischen Art befestigt und außerdem von braven Offizieren verteidigt, auf die er sich verlassen könne, dazu habe er noch Tabor, Elbogen und einige andere Plätze. Auch habe er soeben Briefe seines Herrn, des Königs von Böhmen, empfangen, die ihn über die heroischen Absichten des unglücklichen Fürsten auf das beste vertrösteten. Er trug dieselben vor, welche aus dem Haag datiert waren und etwa so lauteten: Er, Friedrich, verlasse sich gänzlich auf die Klugheit, Tapferkeit und Treue seines Feldmarschalls, des Grafen Mansfeld, den er seinerseits niemals im Stiche lassen werde. Er habe im Haag eine herrliche, fürstliche Aufnahme gefunden und gedenke keineswegs, wie die Verleumder und Böswilligen ausbreiteten, sein Reich Böhmen und seine treuen Untertanen aufzugeben und sich dem Kaiser zu unterwerfen. Vielmehr werde er bald zum Schrecken seiner Feinde, aber zum Troste seiner Anhänger gewaltig hervorbrechen und solche Taten verrichten, daß die Nachwelt darüber staunen sollte. Geld hätte er leider keines, aber die Herren Staaten würden ihm nach wenigen Monaten soviel vorstrecken, daß er den Krieg zu einem stattlichen Ende führen könnte; bis dahin verlasse er sich auf Mansfelds guten Verstand und löbliche Geschicklichkeit und trage ihm auf, die Pfalz zu verteidigen und an sich zu bringen mit allen Mitteln, die ihm gut schienen.

Die Herren sähen daraus, sagte Mansfeld, wie es stehe. Wenn sie ihn jetzt mit Geld versähen, daß er sein Heer einigermaßen befriedigen könne, so würde sich das Opfer vielfältig ersetzen; denn die Staaten hätten einen vollen Beutel und wüßten wohl, daß sie ihr Geld nicht besser anlegen könnten, als wenn sie Spaniens Feinde damit wacker hielten. Auch die Republik Venedig habe mehr Gold als Brot und gehöre zu seinen guten Freunden, sie wollten aber alle erst sehen, daß die evangelischen Reichsfürsten, die es ja eigentlich anginge, das Ihre täten.

Die Fürsten antworteten kühl, Mansfeld wisse ja wohl, daß die Städte, die das Geld hätten, sich gänzlich von der Union zurückgezogen hätten und zum Kaiser hielten. Auch wiesen sie auf Christian von Anhalts Los hin, der nun geächtet und landflüchtig sei, während sein Sohn in kaiserlicher Gefangenschaft schmachte, das sei der Lohn für seine Aufopferung und Treue.

Anhalt! sagte Mansfeld wegwerfend, warum sei er davongelaufen! Unter heiterem Himmel trotzen, das könne jeder; wenn es gelte, dem Wetter zu stehen, da zeige sich der Mann. Er sei auch geächtet, aber solche blechernen Blitze schreckten ihn nicht.

Der Markgraf von Ansbach wandte vorsichtig ein, er, Mansfeld, sei ja auch ungebunden, aber sie als Reichsfürsten müßten auf ihre Länder und Untertanen sehen, damit dieselben nicht in Verlust und fremde Botmäßigkeit gerieten.

Aus Mansfelds schmalen grauen Augen flogen gehässige und verachtende Blicke wie kleine, spitze Pfeile auf die fürstlichen Herren. Der Kaiser, sagte er, hätte ihm, dem Ächter, solche Anerbietungen gemacht, daß es ihm an Land und Leuten nicht fehlen würde; aber er verriete seine Fahne nicht. Es dächten doch auch noch andere wie er, in Braunschweig sei der König von Böhmen gut aufgenommen, Landgraf Moritz von Hessen hätte ihn dort besucht und ihm Hilfe zugesagt, der Bischof von Halberstadt sei seinetwegen zu Felde gezogen.

Das wollten sie dahingestellt sein lassen, war die Antwort, es sei doch eine heikele Sache, einen Ächter zu unterstützen, das Gesetz könne man einmal nicht umblasen, Friedrich würde besser tun, sich mit dem Kaiser zu versöhnen und der Acht ledig zu werden, hernach könne man weiter sehen.

Je mehr Mansfeld einsah, daß er nichts ausrichten würde, desto weniger konnte er seine Ungeduld und seine Wut bemeistern. Wenn man ihn stecken ließe, sagte er drohend, so müsse er sich selbst helfen. Wenn man ihm nicht freiwillig gebe, so werde er sich nehmen, was er brauche. Er werde jetzt mißachtet; aber er werde sich furchtbar machen.

Um ihn zu begütigen, gestatteten sie ihm, in ihren Gebieten Werbungen anzustellen; etwas anderes erreichte er nicht und war schon wieder auf dem Wege nach Böhmen, als er die Nachricht erhielt, Pilsen habe sich ohne Schwertstreich Tilly übergeben. Die Offiziere, die er mit dem Kommando betraut hatte, verkehrten schon seit Wochen freundschaftlich mit denen vom ligistischen Heere, bankettierten und handelten miteinander und wurden schließlich einig, Pilsen gegen eine gewisse Summe zu überliefern. Mansfeld schalt und fluchte, seine Ehre sei befleckt, denn man werde glauben, er habe dies gutgeheißen, und er wolle nicht weiterleben, wenn er die Verräter nicht am Galgen sähe. Den Regimentsschultheißen Leiningen, der in Prag die Unterhandlungen geführt hatte und der nun flüchtig durch die Oberpfalz kam, ließ er greifen und ins Gefängnis werfen. Dieser jammerte, er habe nur des Grafen Befehle ausgeführt und mit den Herren von Prag unterhandelt, abgeschlossen habe er nicht und auch nie eine andere Meinung gehabt, als daß alles nur zum Schein sei; aber Mansfeld blieb dabei, Leiningen habe sich vom Feinde bestechen lassen, und ließ ihm trotz allen Flehens und Protestierens den Kopf abschlagen. Den schuldigen Offizieren konnte er nichts anhaben, weil sie nicht in seiner Macht waren, auch behaupteten sie, ohne alle Schuld zu sein; sie hätten Briefe über Briefe an Mansfeld geschickt, daß sie Pilsen nicht halten könnten, wenn die Soldaten nicht endlich Sold erhielten, er hätte ihnen nicht geantwortet, sondern sei umhergereist, als gehe ihn die Sache nichts an; auf irgendeine Weise hätten sie sich doch Geld beschaffen müssen. In Wahrheit hatten sie die Absicht, das Geld für sich zu behalten, wenigstens argwöhnten das die Soldaten, da die Offiziere den Sold erst dann auszahlen wollten, wenn die Regimenter Pilsen verlassen hätten. Sie glaubten, die Offiziere würden sie betrügen und im Stiche lassen, sowie sie draußen wären, und es kam darüber zu einer Meuterei, bei welcher Kapitän Syrach von den Aufrührern erschlagen wurde.

*

Nach Beendigung des Böhmischen Krieges begab sich Buquoy nach Wien, wo er im feierlichen Aufzuge dem Kaiser die dem Feinde abgenommenen Fahnen überreichte. Festlich auf seinem Sessel thronend und von prächtig ausgeputztem Hofstaat umgeben, harrte der Kaiser, als die Tür sich öffnete und zuerst Buquoy eintrat, schön gerüstet und mit gestickter Schärpe umwunden, hinter ihm vierundzwanzig stattliche und gleichfalls reich uniformierte Soldaten, von denen jeder eine der erbeuteten Fahnen trug; sie waren alle aus farbiger Seide mit Bildern und Emblemen bestickt. Auf ein Zeichen Buquoys, der nach tiefer Verbeugung an die Seite des Kaisers getreten war, setzten sich die Soldaten in Bewegung und gingen mehrmals, die Fahnen rhythmisch schwenkend, am Kaiser vorüber, um sie dann, auf ein abermaliges Zeichen des Feldherrn, mit einem langen Rauschen zu Füßen des Kaisers niederzulegen.

Buquoy hätte dies Schauspiel gern als den Schluß seiner Laufbahn in kaiserlichen Diensten betrachtet; denn er hatte noch immer keine rechte Lust weder zu dem Kriege noch zu den böhmischen Gütern, die ihm verliehen worden waren. Er sei nun fünfzig Jahre alt, sagte er zum Kaiser, habe es in seiner Jugend etwas hitzig getrieben, so daß er nun der Ruhe bedürftig sei. Der Kaiser und seine Räte entgegneten ihm, er sehe ja aus wie ein rüstiger Jüngling, würde den Kaiser durch seinen Abgang kränken und fast desperat machen, und der König von Spanien und die Infantin Isabella würden es gewiß nicht billigen, wenn er den Kaiser steckenlasse, bevor er seine Feinde gänzlich niedergeworfen habe. Buquoy seufzte, er laboriere noch an einer Wunde, bringe die Lust zum Kriegswesen nicht mehr so recht auf, sein Sinn stehe nach zu Hause, der Kaiser möchte ihn ziehen lassen. Dieser sprach seinem Feldmarschall zu, im Winter stockten allemal die Säfte, er kenne das auch, da helfe nur die Jagd, und im Frühling werde es besser; er könne durchaus seinen heroischen Arm nicht entbehren, wenn er aber die Ungarn noch zur Räson gebracht habe, wolle er ihn, sofern es nicht anders sein könne, entlassen.

Es blieb Buquoy nichts übrig, als den Feldzug gegen die Ungarn im Frühling zu eröffnen, was er denn auch, da er einmal daran war, mit gewohntem Ungestüm und Bravour tat. Nach einigen Monaten jedoch fiel er vor der Festung Neuhäusel bei Gelegenheit eines Ausfalls, den die Ungarn unternahmen. Der Markgraf von Gonzaga, der vergeblich versuchte, den von allen Seiten Umringten herauszuhauen, schrie ihm zu, er solle sich ergeben, worauf Buquoy unter seinem gestürzten Pferde hervor antwortete, solcher Canaille ergebe er sich nicht, und niedergestochen wurde. Sein Leichnam wurde nach Wien geführt und prächtig in der Franziskanerkirche beigesetzt; auf seinem Sarge lagen das Goldene Vlies, seine Handschuhe, sein mit vielen Edelsteinen besetzter Kommandostab, die vergoldeten Schlüssel der von ihm eroberten Städte und die rotseidene Fahne seines Regiments, auf welcher ein Bildnis des Gekreuzigten gestickt war, mit der Umschrift: ›Exurge Domine et judica causam tuam‹, das heißt: Stehe auf, Herr, und richte deine Sache.

Dieser Todesfall setzte das Kaiserhaus in große Bestürzung, um so mehr, als schon im vorigen Jahre auch Dampierre, gleichfalls in Ungarn, gefallen war, und es wurde immer wünschenswerter, Mansfeld zu gewinnen, der plötzlich, sich von der Unterpfalz wegwendend, das elsässische Hagenau erobert hatte und Ferdinands Bruder Leopold, den Erzherzog und Bischof von Straßburg, in seiner Festung Berg-Zabern bedrohte.

Leopold, der sich ohnehin stets zurückgesetzt fühlte und zum Zorn neigte, war entrüstet, daß ihm weder von spanischer noch von österreichischer Seite Hilfe kam, und sagte bitter, man scheine vergessen zu haben, daß er ein Erzherzog sei. Die Statthalterin von Belgien, Isabella, übernahm es diesmal, mit Mansfeld anzuknüpfen, und das Geschäft wurde geführt durch einen Jugendfreund Mansfelds, namens von Rollingen, dem Mansfeld folgende Antwort gab: er habe im vorigen Jahre die Verhandlungen abgebrochen, weil er zum Herzog Maximilian kein Vertrauen habe fassen können. Seine Anhänglichkeit an das Haus Österreich sei unvermindert, namentlich an die Infantin Isabella, die ihm in seiner Jugend so viele Proben ihrer Huld gegeben habe und der zukünftig zu dienen er sich glücklich schätzen werde. Da die Fürstin mit Freuden darauf einging und ihn aufforderte, Vorschläge zu machen, ließ er sich vernehmen, er wolle vor allen Dingen das von ihm eroberte Hagenau als Fürstentum behalten und dazu mit dem Fürstentitel begabt werden, ferner Amnestie für alle seine Untergebenen, Aufhebung der Acht und außer den schon früher versprochenen 200 000 Reichstalern noch 100 000 Goldkronen. Obwohl diese Ansprüche der Statthalterin hoch gegriffen zu sein schienen, so erklärte sie sich doch zu allem bereit, und es herrschte große Freude an den Höfen von Brüssel, Wien und Prag, daß der verstockte Feind endlich versöhnt sei.

Es war im April, wo ein lauer Frühling begann, das pfälzische Land lieblich anzuhauchen, als Herr von Rollingen einer Einladung Mansfelds folgte, damit der Vertrag durch seine Unterschrift fertiggestellt würde. Er fand den Grafen in besonders gesprächiger und angeregter Laune, die er selbst durch einen bevorstehenden werten Besuch erklärte. Als die Tür aufging, erblickte der staunende Rollingen die freundliche Erscheinung des Kurfürsten oder Böhmenkönigs Friedrich, dessen ganz kürzlich erfolgte Ankunft ihm verborgen geblieben war. Friedrich reichte ihm die Hand und sagte lachend, das sei also derjenige, der ihm seinen treuesten Diener habe abspenstig machen wollen; worauf Rollingen, den Schrecken und Beschämung lähmte, keine passende Antwort einfallen wollte. Bei Tafel herrschte, von Rollingen abgesehen, laute Fröhlichkeit. Friedrich erzählte von seinen Reiseerlebnissen und wie er in Frankreich der Gefahr, erkannt und gefangen zu werden, sehr nahe gewesen sei. »Ich hatte mir geschmeichelt,« sagte er, »daß die Bilder, die von mir im Umlaufe sind, mich nur unvollkommen wiedergäben; allein sie müssen mich doch leidlich getroffen haben, da man mich trotz der Verkleidung erkannte und obwohl ich so gut Französisch spreche wie irgendein Parlamentsrat in Paris.« In Deutschland scheine er weniger gut bekannt zu sein; denn in einem Wirtshause an der Grenze habe er mit Deutschen an einem Tische gesessen, die sich, ohne seine Anwesenheit zu ahnen, sogar über ihn unterhalten und unter anderem Reime vorgetragen hätten, die ihm etwa so im Gedächtnis geblieben wären:

Der Pfälzer Fritze
Stand an der Spitze,
Der bayrische Schütze
Warf ihn vom Sitze,
Ach Gott! in die Pfütze,
Und nahm ihm die Mütze.
Kalvinischer Fritze,
Barhaupt bei der Hitze!

Er lachte vergnügt, indem er sie vortrug, versprach jedem eine Dublone, der einen Vers dazu machte, und während die anderen sich vergeblich besannen, rief er lustig:

Was ist ihm denn nütz
Die pfälzische Mütz
Ohne pfälzischen Witz
Und kalvinische Blitz!

In französischer Sprache, setzte er hinzu, hätte er richtigere und wohlklingendere Verse machen können; aber für sein grobes altes Deutsch schienen sie ihm artig genug zu sein.

Bald nach der Ankunft Friedrichs gelang es Mansfeld, Tilly eine Niederlage beizubringen, und er meldete dem Könige, der dem Gefechte zugesehen hatte, zugleich mit der Siegesnachricht, seine, Friedrichs, Anwesenheit habe das Heer angefeuert und die Feinde geschreckt. Friedrich erklärte sich fröhlich bereit, in dieser Weise sein Land zurückzuerobern, und wirklich schienen die Aussichten sich zu klären; nicht nur näherten sich die Scharen des Bischofs von Halberstadt, sondern auch der Markgraf von Baden rückte nach langem Zögern mit einer vorzüglichen Armee und einer trefflich verbesserten Artillerie ins Feld, so daß man meinte, dem ligistischen Heere eine überwältigende Truppenmacht entgegensetzen zu können. Bevor sich aber die verschiedenen Feldherren geeinigt hatten, schlug Tilly den Markgrafen von Baden bei Pforzheim und bot, nachdem er Mansfeld durch eine geschickte Scheinbewegung nach Mannheim gelockt hatte, dem sich Frankfurt nähernden Christian von Halberstadt eine Schlacht an. Diesem rieten seine Offiziere, sich mit dem weit überlegenen Feinde nicht einzulassen, und er hätte auch Zeit gehabt, seine Truppen über die Mainbrücke zurückzuziehen; aber er verwarf ihre Mahnungen mit Entrüstung: es sei nicht Rittersitte, einem herausfordernden Feinde auszuweichen, er wolle lieber untergehen, als daß jemand das Recht haben sollte, ihn Feigling zu schelten.

Von jenseit des Maines sahen die Fischer und Bauern zu, wie die Scharen Christians sich hitzig gegen die ligistischen Regimenter warfen, die in schweren, in Vierecke geordneten Massen vorrückten, von ihnen wie von ehernen Schilden abprallten, mehrere Male mit verzweifeltem Mute wieder dagegen anstürmten und endlich von den unaufhaltsam sich vorwärtswälzenden Kolonnen zermalmt, aufgelöst und in die Flucht geschlagen wurden. Die ersten, die sich zurückzogen, kamen in leidlicher Ordnung über die Brücke, je mehr Fliehende sich aber zudrängten, desto hastiger schoben sie sich, so daß viele von der Brücke ins Wasser stürzten, während andere, die eine Furt durch den Main suchten, vom Flusse weggerissen wurden. Als die untergehende Sonne rosenrot in den Weidengebüschen verschmolz, zwischen denen der Main sanft hinfloß, kamen nur noch Nachzügler, und auf diese warfen sich die Fischer, die sich bis dahin verborgen gehalten hatten, hieben mit Knütteln auf sie ein und schlugen sie nieder oder stießen sie ins Wasser. Die Erschöpften und Verwirrten wußten sich dieser Männer, die aus den Büschen mit gefletschten Zähnen und rollenden Augen wie Wölfe auf sie sprangen, nicht zu erwehren, zumal es bereits dämmerte, und liefen zum Teil vor Entsetzen selbst in den Fluß; wollten sie sich dann wieder ans Ufer retten, warfen ihnen die Bauern Steine auf die Köpfe und riefen ihnen zu: »Hört auf zu quaken, ihr Frösche!« oder »Sauft nur Wasser statt Blut, ihr Mordbrenner!« Die Nacht hindurch zogen die Fischer mit Stangen die Leichen ans Ufer, leerten ihre Taschen, entkleideten sie oder schnitten die Knöpfe und den Besatz von den Röcken und ließen sie weiterschwimmen; schienen es angesehene Leute zu sein, so behielten sie sie wohl zurück, für den Fall, daß die Angehörigen ein Lösegeld für den entseelten Körper ausbieten sollten.

Mit den Überbleibseln seines geschlagenen Heeres zog Christian dem Kurfürsten und Mansfeld zu, denen unterdessen ein stattlicher Fang geglückt war; sie waren nämlich in Darmstadt eingedrungen und hatten den Landgrafen Ludwig, als er im Begriffe war zu fliehen, gefangengenommen, um ihn für seine kaiserfreundliche Haltung zu bestrafen und ihn bei etwaigen Friedenstraktaten zu verwerten. Landgraf Ludwig, ein schlauer, vorsichtiger, behaglicher Mann, war etwas niedergeschlagen, hielt aber seine fürstliche Würde aufrecht und ließ sich mit leidlich guter Miene die Leckerbissen schmecken, die Friedrich als ein Kavalier seinem Gefangenen vorsetzte. Christian von Braunschweig machte sich bei Tische ein Vergnügen daraus, den Landgrafen durch Erzählungen von seinen Kriegsabenteuern und verübten Gewalttaten zu unterhalten, um so mehr, als der Landgraf, der ihn seit seiner Kindheit kannte, ihn noch vor kurzem väterlich zur Umkehr gemahnt hatte, da er sich sonst selbst das schreckliche Ende der Gottlosen bereiten werde.

Er erzählte von seinen Erfolgen in Westfalen, von seinem Einzuge in Paderborn, wo die Evangelischen ihn mit Halleluja empfangen hatten, als sei er der Heiland und komme auf einem Eselein geritten. Da habe er treffliche Männer kennengelernt, die Söhne des von den Katholiken hingeschlachteten Bürgermeisters Liborius Weichard; die hätten als Kinder zusehen müssen, wie ihrem Vater, auf einen Tisch gebunden, das Herz aus dem lebendigen Leibe gerissen worden sei, weil er rechtmäßigerweise die Freiheit und den Glauben der Stadt gegen den Bischof verteidigt habe. Sie hätten zu ihm gesagt, wo sie auch wären und was sie auch täten, so röchen sie das teure Blut, das damals vergossen worden sei, und sie würden es sich Gut und Leben kosten lassen, wenn sie es rächen könnten. Sie hätten ihm auch gewiesen, wo in Kirchen, Klöstern, jesuitischen Universitäten Geld und Geldeswert zu finden sei, und wenn er sie ermächtigt hätte und es möglich gewesen sei, so hätten sie ganz Paderborn von der Erde weggeschabt, wie die Quacksalber mit dem Rasiermesser die leidigen Warzen von den Füßen schnitten. Er habe sich aber milde bewiesen als ein Gottesmann, der er ja sei, habe niemanden am Leben gestraft, wie die beiden Jesuiten bestätigen könnten, die er mitgenommen habe, damit sie seine wahre, bischöfliche Tugend vor aller Welt bezeugen könnten. Sie müßten zwar dann und wann etwas Ungewohntes mit ansehen, so hätten einmal Soldaten ein Mädchen etwas zu ungestüm gebraucht, so daß es halbtot in einer Scheune gelegen habe; als er dazugekommen sei, da habe er seinen Brandlegern befohlen, die Scheune anzuzünden, damit die Dirne lieber stracks gen Himmel fahre, anstatt als ein Schandfleck und Ärgernis ihr Leben jämmerlich fortzufristen, und die Baracke habe denn auch, bis man drei zählen könne, in Flammen gestanden, so gut verständen diese Leute ihr Handwerk. Dergleichen möge frommen Vätern fremd vorkommen; aber es sei Kriegsbrauch, und er habe ja die Ungerechtigkeit nicht angestiftet, durch die der Krieg entbrannt sei.

Die beiden Jesuiten, die mit an der Tafel sitzen mußten, blickten steif auf die Teller und sagten, sie entsännen sich eines solchen Vorfalls nicht, sie für ihre Personen hätten vom Herzog stets eine rücksichtsvolle Behandlung erfahren, wofür sie ihm dankbar wären.

Nun, sagte der Herzog, diese katholischen Geistlichen ließen ihm Gerechtigkeit widerfahren, wohingegen seine Halberstädter Domherren immer wider ihn bellten. Sie nennten ihn Räuber, Dieb und Rehabeam, machten ihm vor der ganzen ehrbaren Welt eine schändliche Reputation, weil sie, geizig und habgierig, seine Soldaten nicht in Quartier nehmen noch sonst zum Kriegswesen kontribuieren wollten. Da wunderten sie sich denn, wenn er sich das Geld anderswie zu beschaffen suchte. Sie gäben allen Unterschlupf und Vorschub, die von seinen Räten beraubt zu sein vorgäben, während seine Räte, als seine treuen Diener, nur unrichtig gemünztes Geld konfiszierten, wobei sie sich freilich wohl einmal irren und vergreifen könnten. Er habe aber ein gutes Mittel, seinen Justiz liebenden Domherren das Maul zu stopfen, indem er von Zeit zu Zeit verordne, sie sollten ihre Konkubinen und Huren abtun. Dann schwiegen sie wieder still, ihre Weiber schickten sie freilich doch nicht heim, ließen sich lieber vom Pöbel auf der Straße ausspotten und nachschimpfen. Und doch gebe er ihnen als der Bischof ein schönes Beispiel, lebe fast als ein Heiliger, so daß er seinen Durst nur lösche, wenn es die Natur durchaus verlange.

Kurfürst Friedrich belustigte sich sehr an solchen Gesprächen, wenn ihm auch die Verehrung des schönen jungen Herzogs für seine Frau, Christians Base, nur zum Teil angenehm war. Elisabeth hatte unleugbar ein gewisses Wohlgefallen an ihm und seinem exorbitanten Wesen, wie es auch Friedrich anzog; denn es war nicht recht dahinterzukommen, ob er ein ritterlicher Held oder ein gottloser Spötter war, der sich über alle Welt lustig machte, oder ob er nur in Erstaunen setzen und bewundert sein wollte. Gerade diese Undeutlichkeit oder Vieldeutigkeit machte Friedrich Vergnügen, und solange Christian bei ihm im Kriege und nicht bei seiner Frau im Haag war, konnte er sich unbesorgt an ihm erfreuen.

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