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Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers - Kapitel 14
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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Nachdem Wallenstein das Lager vor Nürnberg abgebrochen hatte, wandte sich Gustav Adolf wieder zur Donau. Er war in Donauwörth, als Oxenstierna seine Bitte erneuerte, der König solle der Einladung der oberennsischen Bauern folgen, ihnen ein Zeichen geben und, wenn das Land in Aufruhr sei, auf Wien ziehen. Der König hörte schweigend zu; der Plan sei wohl gut, sagte er, und er meine ihn auszuführen, indessen in der Frühe des folgenden Tages hatte er sich anders besonnen. Er finde es besser, sagte er, an den Bodensee zu gehen; nach den letzten Briefen der evangelischen Eidgenossen würden sie zu ihm stehn, wenn er sie in Person anspräche. In Biberach traf ihn eine Botschaft, daß Wallenstein sich gegen Bamberg gewendet habe und daß Pappenheim wieder in Westfalen sei und augenscheinlich in Hessen einzufallen gedenke. Es lasse keinen Zweifel, meinte Gustav Adolf, daß Wallenstein den Kurfürsten von Sachsen angreifen wolle; er werde nun wohl nicht umhin können, demselben zu Hilfe zu eilen. Oxenstierna entgegnete, wenn der König seinen Plan auf den Bodensee aufgebe, so sei er es sehr zufrieden; aber er solle doch Wallenstein nicht folgen. Damit werde er Zeit und Kraft verlieren; er, der König, habe seinerzeit in Mecklenburg Tilly so herumziehen wollen, der habe den Speck aber bald gewittert und sich nicht lange mitschleppen lassen. So wolle er zunächst den Marsch auf Neuburg befehlen, sagte Gustav Adolf, und sich dort entscheiden.

Als der König in Neuburg in die Kirche trat, fand er sie schwarz ausgeschlagen und von weinenden Menschen erfüllt; denn es wurde ein Trauergottesdienst für den auf der Rückreise von Dresden gestorbenen Pfalzgrafen August gefeiert. Mehrere Stadtälteste und Beamte, die den König bei einem früheren Besuche gesehen hatten, erkannten ihn, gingen auf ihn zu und fielen, die Hände erhebend, vor ihm auf die Knie. Der König trat mit zürnender Gebärde einen Schritt zurück und rief: »Dies ist Gottes Haus, wie mögt ihr hier vor Menschen knien!« Indem fiel sein Blick auf den neben ihm stehenden jungen Leubelfing, der ihn mit großen, ehrfürchtigen Augen erschrocken ansah, und er nickte ihm zu und lächelte. »Ich bin Staub wie ihr,« fuhr er sanfter fort, »wiewohl ich König bin. Gott braucht nur die Hand zu recken, und mein Sieg und Leben ist am Ende.« Die Leute standen zögernd auf und klagten, wie sie nun gänzlich verwaist wären, da der gute Pfalzgraf August dahin und der junge Prinz nicht so vernünftigen und gesetzten Charakters sei wie sein Bruder, und wie sie nun alle ihre Hoffnung auf den König von Schweden setzten, sonst müßten sie ihr liebes Vaterland oder ihren Herrgott verlassen. Was an ihm sei, so wolle er ihnen helfen, sagte Gustav Adolf. Er habe den Pfalzgrafen August wie einen Bruder liebgehabt, und sein unzeitiges Sterben sei ihm zu Herzen gegangen. Sie möchten für ihn beten, daß Gott ihm beistehe, so wolle er ihrer auch nicht vergessen und ihre Religion schützen.

Der König war schlecht gestimmt wegen der bevorstehenden Hinrichtung des Obersten Mitschefall, der die zum Lechübergang wichtige Festung Rain ohne Not, aus Furcht oder Kopflosigkeit, den Kaiserlichen übergeben hatte. Marie Eleonore, die Königin, von den Freunden des Verurteilten gewonnen, hing sich an seine Brust, drückte das Gesicht an seinen Hals und bat um das Leben des Unglücklichen; als er es ihr abschlug, klagte sie, es werde heißen, ihr Gemahl liebe sie nicht, da er ihr niemals eine Bitte gewähre.

Gustav Adolf küßte sie auf die Stirn und sagte, es sei ihr Fehler, daß sie sich allzuleicht von Bittstellern ausnützen lasse. Das sei keine Gelegenheit für ihn, seine Liebe zu beweisen, sondern die Ordnung im Kriegsdienst zu erhalten. Wenn die Offiziere nicht wüßten, daß sie den Kopf wagten, würden sie das Interesse des Herrn in den Wind schlagen.

Marie Eleonore lächelte und sagte, dies eine Mal werde es doch gewiß nichts schaden, wenn er ihr das Leben des Obersten schenke, worauf er ihr verbot, weiter von der Sache zu reden.

Als er am Nachmittage von einem Ritt in die Umgegend zur Stadt zurückkehrte, sah er Leute mit dem Abtragen des Gerüstes beschäftigt, auf dem die Exekution vollzogen worden war. Der Delinquent habe sich anfänglich etwas sträuben wollen, dann aber, da er es für vergeblich erkannt, sich der Strafe fromm und verständig unterzogen, wurde ihm berichtet.

Bis zum früh einfallenden Abend las und schrieb der König in einem großen Wohngemache des Neuburger Schlosses. Ihm gegenüber hingen ein paar goldumrahmte, dunkle Bilder, die den alten Pfalzgrafen und seine Gemahlin darstellten; durch die Fenster fiel das blasse Zwielicht auf ihre ernsten, runzeligen Gesichter, ihre schwarzen fürstlichen Gewänder und die steifen Hände, in denen sie das Gesangbuch hielten. Auf einem anderen Bilde waren die drei Prinzen im jugendlichen Alter dargestellt: Wolfgang Wilhelm, einen Fuß zierlich vorangestellt, mit hoheitsvoll gelassenem Lächeln, der nun verstorbene August, ehrlich, treuherzig und ein wenig traurig, und der jüngste, Johann Friedrich, als ein Kind mit weichem Gesicht, ein hölzernes Steckenpferd an sich drückend. Der König betrachtete die Bilder eine Weile, dann stand er auf und setzte sich an eines der hohen Fenster, unter dem die Donau vorüberfloß. Unter ihm wogten die schweren Häupter alter Birken und Ulmen, durch die Luft zog der leidenschaftliche Geruch welker Blätter, denn es war Anfang Oktober. Vom Strom her hörte er durch die Stille leises Plätschern und das verhaltene Lachen und Flüstern junger Stimmen; es könne wohl ein Liebespaar sein, dachte er, das sich dort ein Stelldichein gäbe.

Er stützte den Arm auf und malte sich aus, wie sie in den hohen hellen Himmel sähen, während sie sich Brust an Brust drückten, und unwillkürlich summte er das kleine Liebeslied, an das er lange nicht gedacht hatte, vor sich hin: »Reizend, liebes Mädchen, ist es, mit dir zu plaudern, reizend, dich zu küssen, ach, aber süßer, süßer als alles ist es, um dich zu weinen.« Ein Kahn löste sich vom Ufer und glitt mit dem Strome; vielleicht säßen sie darin, dachte der König, und das Glück und die Hoffnung bei ihnen.

Während er noch auf den dunklen Zug des Wassers hinuntersah, öffnete sich die Tür und Oxenstierna trat ein, blieb stehen und sagte mit einem Lächeln, die Majestät sei wohl am Phantasieren; er würde nicht zu stören gewagt haben, wenn es ihm nicht nötig schiene, die Beschlüsse des Königs für den folgenden Tag kennenzulernen. Er habe noch nichts beschlossen, sagte der König lachend, indem er den Grafen mit einer Handbewegung zum Sitzen einlud; den nächsten Tag wolle er dem Heere noch zum Ausruhn gönnen, hernach ständen ihm lange und eilige Märsche bevor. Da er Oxenstiernas Blick auf sich ruhen fühlte, sagte er: »Du tadelst mich in Gedanken, daß ich nicht mit mir einig werden kann. Was tut es aber? Es ist schnell ausgeführt, was ich mit Überzeugung befehle.« Er wisse wohl, sagte Oxenstierna, daß es unmöglich sei, den König von einem gefaßten Entschluß abzubringen; da aber der König noch schwanke, wolle er einen Versuch machen, seinen Willen zu beeinflussen. Er, Oxenstierna, habe von Anfang an geurteilt, der König müsse gerade auf Wien losgehn; Wien sei schlecht verteidigt, könne leicht genommen werden, nur an des Königs Willen habe es gefehlt.

Was für eine wunderliche Weise habe dem König beliebt, sein Heer in viele Teile aufzulösen und über das Reich zu verstreuen, einzig Wien, den Sitz des Kaisers, frei zu lassen. Das komme ihm so vor, wie wenn der Tod einen Menschen erlegen wolle und, anstatt ihn ins Herz zu treffen, allen seinen Gliedmaßen nacheinander etwas anhänge; davon würde der Mensch wohl siech, faul oder schwärig, aber da sein Herz weiterschlüge, bliebe er doch, wenn auch jämmerlich kränkelnd, am Leben. Jetzt könne der König seinen Fehler, oder was er, Oxenstierna, dafür ansehe, wieder gutmachen; die Gelegenheit biete sich zum zweiten Male.

Es sei wider alle Regeln der Kriegskunst, entgegnete der König, ein starkes Heer unter einem großen Feldherrn im Rücken zu lassen, noch dazu einem zweideutigen Bundesgenossen wie dem Kurfürsten von Sachsen gegenüber.

Indem er nach Wien ginge, sagte Oxenstierna, zöge er den Friedländer notwendig nach sich. Vor Nürnberg habe er gezeigt, daß er trotz allem beim Kaiser bleiben wolle, also müsse er notwendig den Kaiser schützen. Dann komme es zur offenen Feldschlacht, wo der König wolle.

Und wenn er diese nun verlöre? sagte der König. Da Oxenstierna ihn voll Staunen schweigend ansah, fuhr er fort, man müsse jede Möglichkeit bedenken. Dann sei er abgetrennt vom Meere und von der Heimat. Er werde schmählich erdrückt werden, sein Untergang sei gewiß.

Daß er geschlagen werden könne, hätte er nicht in Betracht gezogen, als er Schweden verlassen hätte, sagte Oxenstierna.

Damals habe er die Deutschen noch nicht gekannt, sagte Gustav Adolf; jetzt sehe er, wie feige, treulos und unaufrichtig diese Fürsten wären. Sie wollten ihn benützen wie einen Söldnerführer oder gedungenen Banditen, den man, wenn er dem Feinde den Hals gebrochen hätte, gleichfalls aus dem Wege räumte. Jetzt würfen sich die rheinischen Fürsten Frankreich in die Arme, das ihn vorher zum Kriege gehetzt habe. Seit er siegreich und furchtbar geworden sei, wolle es ihn entfernen, und gerade Frankreich dränge ihn nach Osten, um seine Eroberungen an sich zu ziehn, wenn er den Rücken wende. Je weiter er nach Süden gehe, desto dreister werde Dänemark werden; und ob Oxenstierna etwa glaube, die Holländer würden für ihn eintreten? Er habe jetzt ganz Europa wider sich.

Einen zuverlässigen Freund habe er doch, sagte Oxenstierna, das wären die oberösterreichischen Bauern. Thomas Ecklehner sei zum zweiten Male dagewesen. Wenn er den Kaiser jetzt überrasche, könne er ihm den Frieden diktieren. Er könne Sicherheit in bezug auf Polen erhalten, ebenso für die Evangelischen im Reich, ferner ein paar Häfen an der Ostsee und eine angemessene Entschädigung in Geld. Dann könne er glorreich nach Schweden zurückkehren. Tue er das nicht, so sei zu fürchten, es werde mit jedem Jahre schwerer werden, alle Ansprüche zu befriedigen, und der Krieg werde sich wie ein unheilbarer Aussatz weiter und weiter verbreiten.

Der König wiederholte seine Gegengründe, die Oxenstierna noch einmal bekämpfte. Endlich stand Gustav Adolf auf und sagte, indem er seinen Arm um seines Kanzlers Nacken legte: »Es mag sein, mein Freund, daß deine Gründe besser sind als meine; aber mein Herz ist stärker, und das zieht mich nach Norden zum Friedländer. Ob ich ihn treffe oder den Kaiser, gilt gleich; er ist mehr Kaiser als der fromme Ferdinand in Wien.«

Oxenstierna verzog das Gesicht und sagte, er habe des Königs schlummernden Willen geweckt; künftig würden alle Worte umsonst sein.

Ein guter Feldherr müsse sein Schlachtfeld riechen, sagte der König fröhlich, und er wittere das seine in Sachsen. Nun wolle er noch ein paar Stunden schlafen; denn sein Gehirn sei satt und sein Gemüt ruhig.

*

Um zu verhindern, daß der Kurfürst von Trier den Franzosen Koblenz überliefere, die Gustav Adolf sich nicht am Rheine festsetzen lassen wollte, rückte Horn gegen diese Festung vor. Eine kleine Abteilung seines Heeres erhielt den Befehl, sich der Kartause zum heiligen Kreuz zu bemächtigen, die sich wie eine Burg auf einem steilen Felsen auftürmte und von merodischen Musketieren verteidigt wurde. Peter Junclas, der sie kommandierte, wies die Aufforderung der Schweden, das Kloster zu übergeben, lachend zurück. Sie möchten nur vollends heraufkommen, ließ er ihnen antworten, sie würden schneller wieder hinunterfliegen. Dann befahl er den beiden Klosterbrüdern, die nicht mit den übrigen geflohen waren, vom besten Wein aus dem Keller zu holen und mit ihm und ein paar Kameraden Karten zu spielen. Während sie den Wein heraufschafften, verteilte er die Besatzung an den Fenstern und blickte in das Tal hinunter, wo er den Feind wie in einem Puppenspiel durcheinanderwimmeln sah. Die Sonne war eben untergegangen, und der Himmel bog sich wie eine schimmernde Muschel über Wald und Fluß. »Brennt ihnen tüchtig auf den Pelz, wenn sie nah genug sind, daß ihr treffen könnt«, sagte Peter Junclas zu den Soldaten und setzte sich an einen schweren eichenen Tisch, auf dem bereits die gefüllten Becher standen. »Die gottlosen Ketzer werden unsere liebe Flötenbläserin vertreiben«, sagte der eine der Mönche, auf die Nachtigall anspielend, die zu schlagen begonnen hatte. »Sie werden vielmehr mit ihr um die Wette pfeifen«, antwortete Peter Junclas lustig. Als nach einer Weile ein Kanonenschuß fiel, rief er: »Da ist die erste, aber sie hat eine grobe Stimme!« Die Mönche fuhren vor Schrecken zusammen und vergaßen auszuspielen, worauf Peter Junclas auf den Tisch schlug und sie Schandbuben und Schlotterbeine schimpfte. Während des heftigen Feuers, das sich entspann, spielte er ungestört weiter, außer daß er dann und wann den Soldaten, ohne aufzusehen, ein Kommando zuschrie. Plötzlich jedoch, als die Kanonade stärker wurde, warf er die Karten auf den Tisch, rief, bei dem Lärm könne man nicht spielen, er müsse den Nachtigallen das Maul stopfen, und sprang auf, um das größte Geschütz, das er besaß, aufziehen zu lassen. Wie er sich aus dem Fenster bog, um einen Blick auf die feindliche Aufstellung zu werfen, riß ihm eine Kugel den Kopf ab, so daß sein Rumpf wie ein ausgestopfter Balg glatt auf die Fliesen des Saales schlug. Über diesem Unfall verloren die Soldaten die Besinnung, warfen die Waffen von sich und wollten kapitulieren; aber bevor sie noch ein weißes Tuch ausgehängt hatten, drangen die Schweden ein und stachen über den Haufen, was ihnen in den Weg kam, darunter einen der Mönche; der andere hatte sich im Keller hinter einem Weinfaß versteckt. Als das Kloster geräumt war, rüsteten die Schweden in Eile einen vollen Tisch, um sich nach der Anstrengung zu erquicken, schleppten in Krügen und Eimern Wein herbei und was sie sonst an Schinken, Eiern, Brot und gedörrtem Fisch auftreiben konnten. Sie waren mitten im Zechen, als sie ein leises Rauschen und Knarren vernahmen, und wie es ihnen einfiel, daß sie die Zugänge nicht verwahrt hätten, stürmte unter Geschrei eine Horde bewaffneter Männer herein. Der schwedische Hauptmann sprang auf und fragte, wer sie wären; sie sähen nicht wie ehrliche Soldaten aus. Der Anführer der Bande, ein großer Mann mit Schlapphut und abenteuerlich umgeschlagenem braunem Mantel, sagte hochmütig, er sei wohl mehr als jener, da er ein selbstgeworbenes Heer kommandiere und keinen über sich habe. Ob er noch nicht vom Steinernen Johannes gehört habe? Der sei er. Er habe das Kloster erobert so gut wie die Schweden; sie sollten ihn mithalten lassen und ihm die Hälfte der Beute herausgeben, sonst würden sie es bereuen.

»Ihr seid Schnapphähne«, sagte der Schwede; er unterhandle nicht mit Räubern, sie sollten sich schnell davonmachen.

Sie wollten nicht umsonst da heraufgestiegen sein, sagte der Anführer, ergriff einen Becher, der auf dem Tische stand, und trank ihn aus. Ein Jude aus der Gegend, den die Schweden als Führer mitgenommen hatten, flüsterte den Soldaten zu, sie sollten doch mit dem Manne nicht anbinden, es sei der Werwolf von Gondramstein; er grübe die Leichen junger Weiber aus und fräße sie, sei mit dem Teufel im Bunde und gefroren, niemand könne ihm beikommen. Indessen hatte der schwedische Hauptmann schon das Zeichen zum Kampfe gegeben, der sich aber schlecht für die Soldaten anließ; denn die Schnapphähne fielen sie wie wilde Tiere an, packten und würgten sie, bevor sie ihre Waffen recht benützen konnten. An den Steinernen Johannes, der, die Arme im Mantel verschlungen an die Wand gelehnt stand und lächelte, daß man seine langen gelben Zähne flimmern sah, traute sich keiner; die Kugeln fielen an ihm herunter, sagten die Soldaten, es sei doch alles umsonst, und sie sähen Blut aus seinen Mundwinkeln sickern. »Habt ihr noch niemals einen Wolf gejagt?« rief der schwedische Hauptmann und ging, seine Muskete schwingend, gerade auf den Räuber los. Nun folgten ihm die Soldaten, und es gelang ihnen, obwohl der Mann mit einem Messer nach ihnen stach, ihn zu Boden zu werfen und zu binden. Sie könnten ihm doch nichts antun, höhnte der, er sei schon durch und durch gestoßen und geschossen und lebe doch noch; er verstehe die Schwarze Kunst und sei gefroren. »Stürzt ihn den Felsen hinunter!« befahl der Schwede seinen Leuten, worauf ihn diese zum Fenster schleiften. Er erbleichte und fing an, ihnen Versprechungen zu machen, wenn sie ihn losließen: er habe eine Höhle im Felsen, die sei voll Gold und Kleinodien, auch schöne Weiber habe er, das solle alles ihnen gehören. Der schwedische Hauptmann riß das Fenster auf, das gerade über dem Felsenabhang war: die Dunkelheit füllte den Abgrund aus, daß er bodenlos schien, und von der anderen Seite her, wo der Mond stand, quoll ein weicher, bläulicher Schein über den Himmel. Als der Räuber sich von der lauen Nacht angehaucht fühlte, schrie und flehte er laut, sie sollten ihn leben lassen, er wolle sich bekehren; aber die Soldaten hatten ihn schon losgelassen, und er stürzte mit einem gellenden Schrei in die Tiefe. Nun wurden die Schnapphähne rasch überwältigt, einige entflohen. Die Schweden verrammelten und besetzten die Türen; die Leichname und Verwundeten, die den Boden bedeckten, ließen sie einstweilen liegen und fuhren fort zu zechen.

*

Als Gustav Adolf am 12. Oktober um zehn Uhr morgens von Nürnberg ausritt, drängte sich das Volk auf den Straßen, um ihn noch einmal zu sehen. Der König winkte heiteren Angesichts mit Hut und Hand und rief: »Auf Wiedersehen!« und: »Habt Dank, meine Freunde!«, worauf ihm lautes Schluchzen antwortete. Aus dem Leubelfingschen Hause sahen traurige Kindergesichtlein dem abziehenden Bruder nach; aber sie wagten nicht zu weinen, weil der Vater es untersagt hatte.

In eiligen Märschen wurde der Thüringer Wald erreicht, der scharlachfarben wie eine Feuersbrunst auf einem Gemälde, still und prächtig, leuchtete. Der König ließ die Nacht durch reiten; er war gesprächig und richtete oft das Wort an Banér oder Leubelfing, die neben ihm waren. Sie befanden sich am Rande eines Waldes, als sie plötzlich ein Rascheln in den Zweigen vernahmen, worauf ein kleiner, augenscheinlich von einer Eule oder einem Bussard gescheuchter Vogel gerade gegen die Brust des Königs stieß. »Suchst du auch Schutz bei mir?« sagte dieser freundlich, ihn mit der Hand ergreifend, »schlüpfe nur unter, du sollst dich nicht betrogen haben.« »Wie mag er nur den Weg zu Eurer Majestät Herzen gefunden haben?« fragte der junge Leubelfing. Die Tiere hätten schärfere Sinne als die Menschen, meinte Banér, vielleicht habe das Vöglein es in der stillen Nacht schlagen hören. »Meine Hand ist ihm zum Sarge geworden,« sagte der König, »denn es regt sich nicht mehr und ist tot.« Er hielt den kleinen Körper an Gesicht und Mund und ließ ihn dann zu Boden fallen. »Im nächsten Frühjahr«, sagte er, »wird der Wald wieder voll Zwitschern und dies erloschene Stimmlein vergessen sein.«

Gegen den Morgen wurde gerastet und ein Imbiß genommen. Leubelfing rüstete dem König ein Lager zum Schlafen und fragte nach seinen Befehlen. Ein kühler Wind hatte sich aufgemacht und trieb dürre Blätter am Zelte vorüber. »Sieh,« sagte der König, »sie sind wie gottverlassene Herzen ohne Liebe, die nichts mehr nutz sind.« Er möchte wohl ein wenig Musik hören, ob Leubelfing singen könne? Der Page schüttelte den Kopf; er erinnere sich wohl, daß seine selige Mutter an seinem Bett gesungen habe, als er Kind gewesen sei; aber er könne nicht singen als mit seinen Geschwistern zusammen. Ob er denn eins von seinen Liedern aufsagen könne? fragte der König. Ja, das könne er, antwortete Leubelfing und sprach einen Vers:

Tu ab des Teufels Livrei,
Untreu, Verrat, Lug und List;
Dein Rüstung Treu und Wahrheit sei,
So kämpft ein Ritter und Christ.
Der Welt Hurerei,
Geh mitten durch, hab's nicht acht.
Wohlauf, o Held, so reitst du frei,
Löst Gott dich ab, aus der Schlacht.

Ob er auch zärtliche Lieder wisse? fragte der König. Nein, er habe nur geistliche Lieder gelernt, antwortete Leubelfing. Ob er denn kein Bräutlein daheimgelassen habe? Der Page errötete; er sei erst siebzehn Jahre alt, sagte er, indem er den König ernsthaft ansah. Dieser legte die Hand auf seinen Kopf und sagte, er solle nun schlafen, der nächtliche Marsch sei fast zu schwer für ein Kind gewesen.

*

Vor einigen Wochen hatte Herzog Bernhard von Weimar Briefe von seinem Oheim, dem Kurfürsten von Sachsen, erhalten mit der Bitte um eilige Hilfe, da Wallenstein herannahe. Das Herz schlug ihm hoch: jetzt, dachte er, sei der Augenblick da, wo er seinen Heldenruhm begründen könne. Ihm sei es vielleicht vorbehalten, den furchtbaren Friedländer zu besiegen, an dem sich Gustav Adolfs Kraft gebrochen habe; denn da dieser noch entfernt sei, so könne er sich endlich einmal unverdunkelt von dem königlichen Schatten entfalten und der Welt zeigen, was an ihm sei. In solchen Plänen traf ihn der Befehl Gustav Adolfs, nichts zu unternehmen, bevor er selbst angelangt sei, so hart, daß es ihm im ersten Augenblick unmöglich schien, zu gehorchen. Sollte er die Gelegenheit, den gefährlichen Feind niederzuwerfen, Deutschland zu retten, sich auf ewig berühmt zu machen, dem Neide des Schweden opfern? Wenn es demselben ernst damit war, daß er nur Deutschlands Wohl im Auge habe, warum vergönnte er ihm denn nicht, zu kämpfen und zu siegen? Allmählich begann er jedoch einzusehen, daß er werde gehorchen müssen; wenn er den König ernstlich erzürnte, so konnte es zu seinem Verderben und gänzlichen Untergang ausschlagen. Es würde, dachte er, nicht immer so weitergehen, es würden andere Gelegenheiten für ihn kommen, sich hervorzutun, einstweilen heiße es die Fäuste ballen und warten.

Als sie in Arnstadt zusammentrafen, der König ihm die Hand reichte, herzlich seine Freude aussprechend, daß sie nun zusammenarbeiten würden, und ihm einfiel, wie er Gustav Adolf das erstemal gesehen und, hingerissen von Bewunderung, ihm seine Ergebenheit beteuert hatte, empfand er solche Reue, daß er vor ihm hätte niederfallen und seine Hände küssen mögen. Dankbar empfing er den Auftrag, sich der Stadt Naumburg zu bemächtigen, und führte ihn glücklich, den Kaiserlichen zuvorkommend, aus. Dorthin begab sich Gustav Adolf, nachdem er in Erfurt von seiner Gemahlin Abschied genommen hatte.

Am 10. November um die Mittagszeit wurden die hohen Türme des Domes sichtbar; die Sonne hatte den Nebel aufgesogen, von welken Blättern umwirbelt, standen die braunen Bäume wie kupferne Säulen und Pyramiden in der stürmischen Luft. Am Othmarstore wartete vor der erregten Volksmenge ein Pfarrer in Ornat und weißem Kragen, breitete, als der König erschien, die Arme aus und rief laut: »Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe. Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der Herr stark und mächtig, der Herr mächtig im Streit.«

Kaum hatte der Pfarrer geendet, so brach die Menge in lautes Jubelgeschrei aus, die Buben warfen ihre Mützen in die Luft und schossen Purzelbäume, wo Platz war. Der König zügelte sein Pferd, grüßte und schickte sich an zu reden; obwohl er nicht sehr laut sprach, durchdrang seine helle, weiche und etwas singende Stimme das Getümmel. »Gott ist über uns allen,« sagte er, »seine Gnade sei über euch und mir. Denn ich bin, so wie von David geschrieben steht, Gottes Pilgrim und Bürger, wie alle meine Väter.« Unter erneuertem Jubel trat ein etwa vierzehnjähriges Mädchen vor mit gekräuselten Locken und in reicher Tracht und überreichte dem König einen Krug Naumburger Bieres; er nahm ihn, ließ sie kredenzen, schwenkte ihn gegen das Volk und leerte ihn in einem Zuge. Wie er weiterritt, fielen die Leute zu beiden Seiten der Straße auf die Knie, ohne sich durch die abwehrenden Zeichen des Königs zum Aufstehen bewegen zu lassen. »Es gefällt mir nicht,« sagte er zu Bernhard von Weimar, »daß sie mich anbeten, als wäre ich Gott; es könnte mir bedeuten, daß ich meinem Ende nah bin.« Es gebe doch sicherlich auf Erden nichts Herrlicheres, als mit seiner Erscheinung solche Wonne hervorzurufen, sagte der Herzog; ihm wäre es jede Anstrengung, jede Entbehrung, ja den Tod wert. Gustav Adolf, in seine Gedanken verloren, antwortete nicht, und auch Herzog Bernhard folgte seinen Träumen. Ob ihm auch jemals solche Ehren zuteil werden würden? dachte er. Er sei tapfer und traue sich zu, Schlachten ebenso glücklich zu lenken wie der König, wenn er nur handeln könnte, wie er wollte. Auch er würde gottesfürchtig und nicht hochmütig sein, auch er würde vielleicht Herzen gewinnen können. Seine Augen hingen an dem neben ihm Reitenden: mit neidvoller, fast quälender Bewunderung betrachtete er seinen schönen, fleischigen Körper, seine mächtige, freie Haltung, sein blondes Haar, das blitzende Blau seiner Augen, sein anmutiges, gelassenes Lächeln. Dieser Held, dachte er, sei doch immerhin ein Fremdling, er dagegen aus alteinheimischem Fürstengeschlecht; gebe ihm das nicht ein größeres Anrecht auf Anhänglichkeit und Unterordnung der Deutschen, Herren und Völker?

Vor Naumburg bezog das Heer ein Lager, um dort Wallensteins Vorhaben und weitere Bewegungen abzuwarten, möglicherweise dort zu überwintern; nach einigen Tagen jedoch brachte ein Kundschafter die Nachricht, daß Wallenstein in der Meinung, Gustav Adolf wolle nicht schlagen, Pappenheim nach Halle habe gehen lassen, welchen günstigen Umstand der König sofort zu einer entscheidenden Schlacht zu benützen beschloß.

*

Wallenstein hatte kaum die Nachricht vom Aufbruch des schwedischen Heeres erhalten, als er einen reitenden Boten an Pappenheim abschickte mit dem Befehl, unverzüglich umzukehren und sich mit ihm zu vereinigen. Dann versammelte er seine Offiziere, besprach die Schlacht mit ihnen und sagte, sie sollten den Beginn womöglich so lange hinzögern, bis Pappenheim eingetroffen sei. Das werde sich schon machen lassen, sagte Piccolomini, übrigens sei wahrscheinlich, daß sich der König bei dem nebligen Wetter überhaupt nicht einlassen werde. Tue er es aber doch, so habe er, Piccolomini, ein bestimmtes Gefühl, daß alles gut gehn werde.

Nach dem Kriegsrat sagte Colloredo, es sei sonderbar, was für eine Angst der Herzog vor einer offenen Schlacht mit der schwedischen Majestät habe. Er mache ein Gesicht, als solle er morgen bei Sonnenaufgang, mit Erlaubnis zu sagen, gehängt werden.

Piccolomini sagte, er habe das Podagra und müsse die Schmerzen verbeißen. Daß er den Pappenheim erwarten wolle, sei vernünftig, geschehe wohl aber auch dem Pappenheim zuliebe, der auf ein Treffen mit dem Schwedenkönig erpicht sei. Denn es sei bekannt, wie hoch der Schwede den Pappenheim gerühmt habe, nun wolle er sich einmal recht vor ihm pfauen und ihn womöglich besiegen.

Colloredo zuckte die Achseln; es habe doch das Aussehen, als wolle sich der Herzog auf Pappenheim verlassen. So habe er es vor sieben Jahren an der Elbe mit Aldringen gemacht, der habe eigentlich den Mansfelder besiegt. Wallenstein wisse recht gut, daß er kein Schlachtenmeister sei, eigentlich habe er noch nie eine Schlacht gewonnen.

Während Holk mit einem feindseligen Blick auf den Italiener sagte, das komme ihnen, den Obersten, zu, die Schlachten zu gewinnen, es solle nur jeder seine Pflicht tun, dann werde es nicht fehlen, zupfte Piccolomini den Colloredo am Ärmel, worauf dieser den Kopf zurückwarf und murrte, unter Kameraden müsse man frei heraus reden dürfen.

Wenn der Herzog ein Treffen mit dem Schweden vermeiden wolle, sagte Oberst Preuner, so habe das eine besondere Bewandtnis, indem geweissagt sein solle, derselbe werde nie in offener Schlacht besiegt werden.

Octavio Piccolomini lachte. Ihm sei an der Wiege prophezeit worden, sagte er, daß er einmal ins Grab werde steigen müssen, und das sei gewiß eine richtige Prophezeiung; aber er habe sich doch niemals darum gekümmert.

Kurz vor Mitternacht stand Wallenstein auf, warf sich seinen Mantel über und trat, mühsam auf einen Krückstock gestützt, ins Freie. Der Wind, der tagsüber geweht hatte, war verstummt; an dem stumpfen, schwarzen Gemäuer des Himmels hing, trüben Laternen ähnlich, das feuchtverschleierte Licht der Sterne.

Wallenstein horchte; es war so still, daß er den Tritt von Pferden aus weiter Ferne hätte vernehmen müssen. Er habe dem Pappenheim zuviel nachgesehn, dachte er, darum nehme sein Trotz und Eigenwille zu. Er hätte ihm den Zug nach Maastricht nicht verzeihen, nach einer solchen Insubordination ihm nicht mehr soviel trauen sollen. Wenn er diesmal nicht gehorchte, so solle er keine Gnade mehr finden.

Plötzlich fiel ihm ein, daß Pappenheim unmöglich schon in der Nähe sein konnte, und dann, daß er aus eigenem Antriebe sich so viel wie möglich beeilen würde; Wallenstein war es bekannt, daß Pappenheim, in demselben Jahre wie Gustav Adolf geboren, sich einbildete, zu seinem Besieger bestimmt zu sein, wenn er es auch nicht gelten lassen wollte.

Da sein Bein ihn beim Gehen zu sehr schmerzte, ließ der Herzog seine Sänfte bringen und sich durch das Lager tragen; er wollte sich überzeugen, ob alle schliefen und nicht gezecht werde; denn in der einer Schlacht vorangehenden Nacht litt er das nicht.

Nahe der Leipziger Straße kam ihm Holk entgegengeritten, der die Schlachtordnung herzustellen hatte, hielt vor der Sänfte und erstattete Bericht. Die Battaglia sei in der Ordnung nach des Generals Befehl, sagte er, und er habe soeben ein unverhofftes Renkontre mit einem Leutnant gehabt. Diesen habe er auf einen der Hügel neben den Windmühlen gleich oberhalb der Straße postiert, wo sich voraussichtlich ein hitziges Fechten anspinnen werde. Eben sei nun der Leutnant gelaufen gekommen, als galoppiere der Feind hinter ihm her, und habe erklärt, er bleibe da oben nicht, lieber wolle er sich gleich eine Kugel in den Leib jagen lassen, es sei da oben nicht richtig. Er hätte sich gerade schlafen legen wollen, da hätte er unter der Windmühle um einen Baumstumpf zwei sitzen und würfeln sehen, der eine hätte einen schwarzen, der andre einen feuerroten Mantel getragen. Er sei auf sie zugegangen, habe den im schwarzen Mantel auf die Schulter geschlagen und gesagt: ›Laßt mich mithalten!‹ Da hätte der sich umgedreht, und ein entfleischtes Gesicht mit leeren Augen hätte ihn angegrinst, so daß er sinnlos davongelaufen sei. Er, Holk, habe den Kerl aufs Maul geschlagen und ihm gesagt, er sei ein Hundsfott und solle sich augenblicklich wieder auf seinen Posten begeben; da habe er kehrtgemacht und sei quer über das Feld davongerannt. Er habe hinter ihm dreinschießen wollen, als er Wallensteins Sänfte gesehn habe.

Wallenstein fragte, ob Holk selbst noch einmal oben gewesen sei? Nein, wozu? fragte der. Es sei gut, sagte Wallenstein, er solle jetzt einen andern hinkommandieren lassen.

Nachdem Holk sich entfernt hatte, besann sich Wallenstein eine Weile und hieß dann seine Träger den Hügel hinaufgehn. Oben angekommen, stieg er aus: er sah die Windmühle, lauernd wie eine riesige Falle für schweifende Nachtgeschöpfe, darunter den Weidenstumpf; aber die beiden Gespenster waren verschwunden. Wie er sich wendete, sah er jenseit der Leipziger Straße in weiter Entfernung die Feuer des schwedischen Lagers als kleine glühende Punkte. Plötzlich empfand er die Kälte und eine drückende Müdigkeit und hinkte zu seiner Sänfte; im Einsteigen glaubte er auf dem Gesicht des Dieners, der am Schlage stand, ein schadenfrohes Lächeln zu sehen. Es war ein Böhme und ein unterwürfiger Mensch, der ihm schon seit sieben Jahren diente; aber er fand jetzt, er habe ein widerliches Gesicht, und er wolle ihn bei nächster Gelegenheit hängen lassen. Am liebsten hätte er es auf der Stelle getan, damit er das Gesicht nicht noch einmal sehn müsse.

*

Um neun Uhr am Morgen des 16. November lag der Nebel noch dicht auf der Ebene von Lützen. Gustav Adolf ritt hin und wieder durch die aufgestellten Truppen und wechselte freundliche Worte mit den Soldaten. Der Nebel werde steigen, meinte er, die Luft sei zu frisch für einen Regentag; in einer oder zwei Stunden werde die Sonne durchdringen. Bei einer Scheune saßen mehrere Offiziere und tranken Wein: es waren Banér, Knyphausen und der Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg. Als er an ihnen vorbeikam, zog der König die Brauen zusammen und sagte: »Es steht in der Heiligen Schrift: ›Ein jeglicher, der da kämpft, enthält sich aller Dinge.‹« Banér antwortete fröhlich, das möge für die Kavaliere unter asiatischem Himmel recht gewesen sein; im frostigen Norden müsse eingeheizt werden, wo es Feuer geben solle. Der König lachte. Der von Sachsen-Lauenburg fügte etwas empfindlich hinzu, der König werde sich über ihre Tapferkeit nicht zu beklagen haben; ob sie sich nicht stets wohl gehalten hätten? Ja, sie wären in dieser Beziehung zu loben, sagte der König; es stehe aber ferner in der Heiligen Schrift: ›Und so jemand kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht.‹

Banér sagte, der König solle die Güte haben, ihnen den Spruch auszulegen, daß sie es verständen.

»Du bist wohl so gelehrt wie ich,« versetzte der König, »auch bedarf man dazu keiner Gelehrsamkeit, sondern das Herz weiß es.« Er kam dann auf den Herzog Georg von Lüneburg zu sprechen, auf den er gewartet habe und der schon vor acht Tagen bei ihm hätte sein können, wenn er nach seinem Befehl marschiert wäre. Er wisse nicht, was dahinterstecke, aber solche Fahrlässigkeit und Unbotmäßigkeit eines evangelischen Fürsten erbittere sein Gemüt. Der Herzog von Lüneburg habe früher unter dem König von Dänemark gedient, der habe große Stücke auf ihn gehalten und habe es nicht glauben wollen, daß er einen Dienst beim Kaiser annähme. Damals habe ihn der zweizüngige Landgraf von Hessen-Darmstadt umgestimmt, der sein Schwiegervater gewesen sei. Er sei dann freiwillig zu ihm gekommen, habe sich dies und jenes schenken und versprechen lassen, wo er sich aber für das gemeine Wesen angreifen solle, lasse er sich säumig und träge finden. Das sei nicht recht gekämpft. Glaubten die Deutschen, es werde immer ein Erlöser für sie kommen und sie mit seinem Blut erkaufen? Könnten sie nur in der Trunkenheit raufen oder wenn es der Beute gelte? Das sei heidnisch gekämpft. Aber der christliche Held kämpfe wider den Drachen der Sünde und Tyrannei, und die Kraft, deren er bedürfe, gebe der Herr ihm im Gebet.

Ja, sagte Knyphausen seufzend, der Hilfe des Herrn bedürften sie heute freilich.

Der Nebel habe seinen Plan verrückt, sagte der König, indem er früher anzufangen gedacht hätte. Sie müßten nun alle die Ungunst der Umstände durch Fleiß und Tapferkeit ersetzen.

Ob der König nicht einen Harnisch anlegen wolle? sagte der Herzog von Sachsen-Lauenburg; mit seiner hirschledernen Weste sei er allzu wenig geschützt, besonders da er sich so weit ins Treffen zu wagen pflege.

»Der Herr ist mein Harnisch«, sagte Gustav Adolf; ohnedies, fügte er hinzu, halte er nichts von den schweren Rüstungen, habe genug an seinem Fett zu tragen.

In diesem Augenblick kam eine Estafette und berichtete, die Vorhut sei in ein Gefecht mit Isolanis Kroaten verwickelt worden, was den König bewog, nach jener Richtung zu reiten; die Offiziere schlossen sich ihm an. Unterwegs kamen ihnen einige Soldaten unter einem Hauptmann mit einer Fahne entgegen, die sie den Kroaten abgenommen hatten; sie war hochrot und wies auf der einen Seite einen Adler, auf der anderen in goldgestickten Lettern das Wort Viktoria. Er habe nicht unterlassen wollen, sagte der Hauptmann, dem König dieses Kornett zu überreichen, welches ihm und seinen Untergebenen als ein Sinnbild des davonzutragenden Sieges habe erscheinen wollen. Während der König ihn und seine Leute lobte und ihnen eine Belohnung versprach, kam Bernhard von Weimar angesprengt und sagte, der Nebel lichte sich, ob der König die Schlacht beginnen wolle. Wirklich begann der Dunst leise zu schwanken und durchsichtig zu werden, und man sah die Bäume, die die Straße begrenzten, tropfend aus der schwindenden Hülle auftauchen. Ja, es sei jetzt Zeit, sagte der König, er wolle noch eine Ansprache halten und einen Psalm absingen lassen, die Herren sollten sich inzwischen auf ihre Posten begeben. Nachdem er die schwedischen und deutschen Regimenter zur Tapferkeit ermahnt hatte, zog er das Schwert und rief: »Jesus! Jesus! Jesus, hilf mir heute streiten!«, worauf der Angriff begann.

In der Klarheit des Tageslichtes zeigten sich die Verschanzungen, die die Kaiserlichen während der Nacht am Straßengraben aufgeworfen hatten und die den Schweden den Übergang sehr erschwerten. Als der König im Mitteltreffen ein Zögern und Zurückweichen vor dem Hindernis bemerkte, ritt er hinüber, sprang vom Pferde und rief, einem Offizier die Partisane entreißend, wenn sie Bedenken hätten, ihr Blut zu vergießen, wolle er selbst sie führen. Sogleich drängten ihm die Soldaten nach und beschworen ihn, seine Person nicht auszusetzen, worauf er wieder zum rechten Flügel, den er kommandierte, hinüberritt.

Die Straße war bereits in ihrer ganzen Länge von den Schweden überschritten und die Höhe bei den Windmühlen genommen, als die zurückgeworfenen Kroaten und Piccolominischen schwarzen Reiter, von ihren Anführern wieder gesammelt, sich mit starkem Anprall gegen die siegreichen Schweden warfen, die sich nun ihrerseits zurückzogen. Der König, der es sah, führte sie wieder vorwärts; er konnte jetzt die gewaltige Front des feindlichen Zentrums überblicken und sagte, ein wenig betroffen, zum Herzog von Sachsen-Lauenburg, wenn Wallenstein alle seine Reihen gut bedienen könne, so müsse er 30- bis 40 000 Mann zur Verfügung haben. Er ritt dabei so schnell vorwärts, daß sein Gefolge Mühe hatte, in seiner Nähe zu bleiben. Plötzlich senkte sich der Nebel wieder und fiel wie ein Vorhang vor die feindliche Aufstellung. »Wir sehen nichts mehr,« rief der von Lauenburg, »gehen Eure Majestät nicht weiter!« »Es wird wieder hell!« antwortete der König und wurde gleichzeitig von einer Kugel im Oberarm getroffen. Er empfand keinen Schmerz und achtete nicht darauf; aber Leubelfing, der Blut am Ärmel heruntertropfen sah, rief ihm zu, er sei verwundet und solle sich doch um Gottes Barmherzigkeit willen aus dem Gedränge zurückziehen. »Weißt du es besser als ich, Närrchen?« wollte er sagen; aber er hörte seine eigene Stimme kaum, und gleichzeitig bemerkte er, daß es ihm in den Ohren sauste und hämmerte. Mit den Worten: »Führe mich fort, Vetter, ich bin schwer verwundet«, wendete er sich zum Herzog von Lauenburg um; da traf ihn eine Kugel am Kopf, und er fühlte laues Blut über sein Gesicht fließen. Aus dem Nebel brachen Reiter hervor, es wurde auf beiden Seiten gefeuert, und der, welcher auf den König geschossen hatte, fiel. Eine Kugel traf auch des Königs Pferd, das sich bäumte und seinen Reiter zur Erde warf, dann galoppierte es in die Ebene zurück.

Als der junge Leubelfing den König fallen sah, sprang er vom Pferde, umfaßte ihn und richtete ihn auf, um ihm auf sein eigenes Tier zu helfen; aber er sah wohl, daß das unmöglich wäre, da der König nicht mehr imstande war, sich zu bewegen. Nicht einmal aus dem Gewühl schleppen konnte er den schweren Körper, und es war niemand in der Nähe, ihm beizustehn. Den Herzog von Sachsen-Lauenburg sah er nicht mehr, ein Stallmeister war eben verwundet oder tot vom Pferde gestürzt. Wie der Nebel sich wieder hob, sah er schwarze Reiter herankommen und preßte den König fester an sich; sie hielten an und fragten, wer der Offizier sei, in der Hoffnung auf Beute oder Lösegeld. Da Leubelfing nicht antwortete, feuerten sie ihre Pistolen auf ihn ab und ritten weiter. Der König öffnete mit Anstrengung die Augen und sagte mit einem Blick in Leubelfings über ihn gebeugtes Gesicht, er solle sich retten und ihn liegenlassen, er sei verloren. Entsetzt starrte der Page ihn an: das teure Antlitz sah grau und alt, fast unkenntlich aus, die helle Stimme klang fremd und wie aus einer bodenlosen Tiefe herauf. Er machte noch einmal einen Versuch, den König mit sich fortzuziehn, vermochte sich aber weniger als vorher zu bewegen und bemerkte nun auch, daß er mehrfach verwundet war. Durch den Körper des Königs ging jetzt eine zuckende Bewegung, als wolle er sich aufrichten; er stöhnte und sagte: »Gott sei mir gnädig!«, worauf er schwer auf die Schulter des Knaben zurückfiel. Dieser mußte alle Kraft aufwenden, um nicht zusammenzusinken. Er sah Reiter, hörte Schreien, Krachen, Knallen und Schnauben, und zugleich schien ihm das alles weit fort und ohne Bedeutung für ihn zu sein. Furcht oder Schmerzen fühlte er nicht, nur war es ihm, als fließe sein Leben von ihm fort. Auf einmal mußte er an seine kleinen Brüder und Schwestern denken, die in Nürnberg am Fenster standen und auf ihn warteten; zwischen ihnen blickten die ernsten Augen seines Vaters hervor und waren gerade auf ihn gerichtet. Wie er sich wunderte, daß er sie so nah vor sich sehen konnte, kam von weit her eine breite, immer lauter rauschende Welle und überschwemmte das liebe Bild, und bevor er es wieder sammeln konnte, kam eine andere und noch eine. Sie kamen näher und näher, und er begriff, daß sie es auf den König, den er in seinen Armen hielt, abgesehen hatten. Auffahrend sah er, daß es nicht Wellen, sondern Männer waren, die den heiligen, ihm anvertrauten Leichnam ihm entrissen hatten und sich anschickten, ihn zu entkleiden. Sein Bewußtsein wurde sofort ganz hell, und er warf sich mit ganzem Leibe über die Brust des Toten; da empfand er einen feinen Stich in der Seite und brach ohnmächtig zusammen.

Kurz nachdem Gustav Adolf gefallen war, erschien Pappenheim in der Ebene von Lützen. Er überblickte, atemlos vom schnellen Ritt, das Schlachtfeld und erkundigte sich, auf welcher Seite der König von Schweden kämpfe, worauf er dorthin eilte, um sich sofort in das dichteste Getümmel zu werfen. Von einer Kugel in der Hüfte getroffen, versuchte er vergebens, sich zu halten, und mußte sich von einem Trompeter, der in der Nähe war, aus der Schlacht tragen lassen. Während man ihn in einer Sänfte fortschaffte, fluchte er, daß niemand da sei, um ihm das Blut zu stillen; als er dann das Ende des Schwedenkönigs vernahm, sagte er, nun wisse er, daß er sterben müsse, da es so verhängt sei; aber er sterbe gern, denn sein Feind sei hin und die Kirche gerettet. Er wurde auf die Pleißenburg bei Leipzig gebracht, wo er nach ein paar Tagen starb. Der Page Leubelfing starb in Naumburg im Hause der Witwe Koch, die ihn mütterlich pflegte, und wurde in der Wenzelskirche beigesetzt, wo sein Grabstein durch die Inschrift bezeichnet ist: ›Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.‹

Indessen war auf der schwedischen Seite das herrenlos dahinjagende weiße Pferd des Königs aufgefallen, und auch die Aussage derer, die ihn im Gedränge hatten fallen sehn, verbreitete sich. Als Herzog Bernhard es hörte, empfand er neben dem Schrecken ein Schwellen des Herzens, als ob plötzlich eine erfüllte Erwartung hineingerauscht wäre. Ohne sich zu besinnen, suchte er Knyphausen auf und teilte ihm das Ereignis mit, der es anfänglich nicht glauben wollte; wenn es aber so sei, sagte er, müsse man es verborgen halten und einen vorsichtigen Rückzug bewerkstelligen; ohnehin sei der Tag verloren, nachdem drüben soeben die Pappenheimer angekommen wären. Das war nicht Herzog Bernhards Meinung: im Gegenteil wolle er den Tod des Königs laut verkünden, sagte er, namentlich die Schweden würden dadurch aufgereizt werden. Ließe man jetzt Unsicherheit oder Verzagen merken, so wäre ihr Untergang gewiß, der Sieg sei ihre einzige Rettung, er nehme alles auf sich. Während Knyphausen es übernahm, für die Bergung des königlichen Leichnams zu sorgen, verkündete Herzog Bernhard Gustav Adolfs Tod, indem er zugleich zur Rache aufforderte. Infolgedessen erneuerte sich die Schlacht mit großer Heftigkeit und währte bis zum Einbruch der Dunkelheit mit dem Erfolge, daß die Kaiserlichen, wenn auch nicht in die Flucht geschlagen, so doch aus ihren Stellungen verdrängt wurden.

Wallenstein stand im Zwielicht auf einen Stock gestützt neben seinem Tragstuhl, als Piccolomini zu ihm geritten kam, vom Pferde sprang und ihm den Koller des gefallenen Königs zeigte. Nur mit dieser Elenshaut habe sich der Schwede geschützt, sagte Piccolomini, seltsame Leute wären doch diese Barbaren. Er habe das Ding von Holk bekommen und wolle dem Kaiser eine Aufmerksamkeit damit machen, man könne sehen, wo die Kugeln eingedrungen wären, und es sei voll Blut. Ob denn etwa Holk den König getötet habe? fragte Wallenstein. O nein, sagte Piccolomini, seine Reiter wären es gewesen, obwohl es Isolani den Kroaten zuschreiben wolle. Welche Wunde ihm eigentlich den Rest gegeben habe, wisse man nicht, überhaupt sei seine Person zu spät erkannt worden. Da nur ein kleiner Page bei ihm gewesen sei, habe man sich nicht einbilden können, daß es etwas Vornehmes sei.

Der König von Schweden, sagte Wallenstein trocken, habe stets gegen die erste Regel der Feldherrnkunst verstoßen, daß, wer die Schlacht lenke, außerhalb derselben bleiben müsse; dieser unklugen Eitelkeit sei er nun zum Opfer gefallen. Er könne sich aber nicht genug verwundern, daß das Gegenteil trotz dieses Unfalls so große Avantage erlangt hätte; er werde über die Schuldigen ein schreckliches Strafgericht halten; es sei schimpflich und ohne Vergleich in den Kriegsannalen, daß ein so wohlversorgtes Heer sich die sichere Viktoria abstreiten ließe.

Die Schweden hätten wie Verzweifelte gefochten, um ihres Königs Tod zu rächen, sagte Piccolomini, er könne sich eines so heißen Tages nicht erinnern. Es hatte unterdessen einer seiner Untergebenen Wein geholt, wovon er rasch ein paar Gläser hinunterstürzte. Sein Gesicht war rot, und nachdem er den Helm abgenommen hatte, sah man den Schweiß an seinen rotbraunen Wangen herunterlaufen. Dreimal habe er das Pferd wechseln müssen, sagte er lachend, und bis jetzt habe er zehn Wunden gezählt. »Eine jede soll dem Herrn Bruder tausend Gulden tragen«, sagte Wallenstein, dessen düstere Miene sich ein wenig aufhellte. Piccolomini bedankte sich und sagte: »Als ich mir diese hübschen Vögel fing, dachte ich nicht, daß sie auch goldene Eier legen würden.« Ob er sich denn auch habe verbinden lassen? fragte Wallenstein. Ja, die schlimmsten, sagte Piccolomini, aber es sei nichts Gefährliches dabei; nur die Arme hingen ihm so am Leibe herunter, als wären sie aus dem Scharnier gegangen.

Wenn jeder so seine Pflicht getan hätte, sagte Wallenstein, würde der Ausgang des Tages anders sein. Ein über Erwarten glücklicher Zufall sei nicht ausgenutzt worden; er schmecke die schwarze Galle im Munde vor Zorn.

Wenn der Herzog es wolle, sagte Piccolomini, könne er wieder anfangen, er sei noch im Schwunge. »Es ist Nacht«, sagte Wallenstein. Piccolomini sah sich prüfend um; schließlich könne man ja im Dunkeln fechten, meinte er. Nein, sagte Wallenstein, es sei Zeit, den Tag zu endigen. Er wolle die Ordre zu einem langsamen Rückzug auf Leipzig ausgeben lassen. Das Pappenheimische Fußvolk könne der Ehre wegen auf dem Schlachtfelde bleiben, übrigens liege nichts daran; der König von Schweden habe viel auf solche Kindereien gehalten, er brauche das nicht. Er habe den ganzen Tag große Schmerzen ausgestanden und müsse die Nacht schlafen. Piccolomini sagte, er solle doch unbesorgt der Ruhe pflegen, im ganzen sei es ein überaus glücklicher Tag gewesen, und der Kaiser werde vor Freuden närrisch sein.

Während Wallenstein auf der dunklen Straße nach Leipzig getragen wurde, gingen ihm die Worte des kleinen padovanischen Professors durch den Sinn: ›Aber der Sturz dieses majestätischen Gestirns wird das Firmament so erschüttern, daß auch Euer Stern nach einer Weile unordentlichen Flimmerns taumeln und gänzlich erlöschen wird‹; so etwa, glaubte er, habe Argoli in jener Sommernacht gesprochen. Wenn er auf die Einladungen des Schwedenkönigs gehört hätte, dachte er, wäre vielleicht alles anders gekommen; aber was für ein Verhältnis hätte es zwischen ihnen geben können, da doch keiner sich dem anderen untergeordnet hätte? Er hatte sich diesen Todesfall nicht so nah vorgestellt und dankte es den plumpen Knechten nicht, die den gefürchteten König umgebracht hatten. Nun würden der Kaiser und der Kurfürst von Bayern wieder übermütig werden, er würde sie niederhalten müssen und hatte keinen machtvollen Bundesgenossen mehr im Rückhalt, den er etwa gegen sie ausspielen könnte. Denn würde Oxenstierna den König ersetzen können? Und würde er sich je so weit herablassen, mit einem schwedischen Edelmanne zu traktieren? Alles in allem, dachte er, möchte niemandem im Reiche dieser Tod so schwer und lästig wie ihm fallen.

*

In der Frühe fiel ein kalter Regen, mit Schnee untermischt. Als es Tag wurde, lag auf den Flügeln der Windmühle und auf den Körpern der Toten eine dünne Schicht großer Flocken, die nach einer Stunde schmolzen. Herzog Bernhard hatte Unterredungen mit den Obersten und Hauptleuten der schwedisch-deutschen Armee, die ohne Ausnahme erklärten, ihn als ihren Oberen annehmen zu wollen, wenn er sich seinerseits ihnen verpflichten und sie nicht verlassen wollte. Sie hätten viele Forderungen, sagten sie, und wüßten wohl, daß sie damit das Nachsehn hätten, wenn sie nicht Mann für Mann beieinander ständen; ein Haupt müßten sie haben, und der verstorbene König habe dem Herzog von Weimar viel vertraut, so wollten sie sich mit ihm verbünden. Der Herzog solle versprechen, keinen Frieden oder Vertrag einzugehn, in dem sie nicht mit allen ihren Forderungen begriffen wären, unter dieser Bedingung wollten sie ihm den Treueid leisten und es in allen Stücken mit ihm halten wie mit dem hochseligen König von Schweden. Er werde das Schwert nicht niederlegen, sagte Bernhard, bis er es mit Ehren tun könne und Deutschlands Glauben und Freiheit gerettet sei, auch das tapfere Heer den verdienten Anspruch so oder so erhalten habe. Sie hätten jetzt mehr Feinde als Freunde, und zwar, wo sie es am wenigsten vermuten dürften; denn es sei viel Feigheit und Verrat im Reiche, das hätte auch dem verstorbenen König viel Sorge und Trübsal bereitet; aber mit Gott wollten sie es zusammen durchkämpfen.

Nachdem dies einigermaßen geordnet war, fiel dem Herzog mit großem Verdruß ein, daß ihm des Königs Schwert und Türkis entgangen sei, weil er sich am gestrigen Tage nicht sofort darum hatte bekümmern können. Das Schwert stand in dem Rufe, ein Zauberschwert und unbesiegbar zu sein und daß es einer der Vorfahren des alten Gustav Wasa, des Großvaters von Gustav Adolf, von einer Meerfrau empfangen habe. Derselbe sei ein Bauer gewesen und habe die Meerfrau vor ein paar Pfaffen errettet, die sie mit Zaubersprüchen und geweihten Fischernetzen abgefangen hätten. Zum Dank habe sie ihm den Genuß ihrer Liebe oder ein Schwert angeboten, und er habe das letztere gewählt, das sie triefend aus dem Meer heraufgezogen habe, worauf er ein Kriegsmann und bald ein Edelmann geworden sei. Was es mit dem Türkise für eine Bewandtnis habe, wußte Herzog Bernhard nicht genau, außer daß er uralt und schon im Besitz der ältesten schwedischen Könige gewesen sein solle und daß der König ihn sehr hochhielt und nie von sich ließ; er war sehr groß, voll schwarzer und grünlicher Flecken, in Gold gefaßt und hing an einer goldenen Kette. Herzog Bernhard hätte viel darum gegeben, wenn er diese Dinge hätte an sich bringen können, die ihm auch, wie er meinte, als dem Kriegserben des Königs zuständen; es hätte vor Offizieren und Soldaten sein Ansehn bedeutend vermehrt, selbst wenn sonst nichts daran wäre. Daß Knyphausen sie heimlich an sich gebracht hätte und ihm vorenthielte, glaubte er nicht; sollten die Sachen an Piccolomini gekommen sein, so, dachte er, möchte er sie noch gewinnen können; denn Piccolomini tat sich etwas auf Generosität und feines Benehmen auch dem Feinde gegenüber zugute, und den Wert hätte er ihm gern doppelt ersetzt.

Knyphausen, mit dem er darüber reden wollte, fand er im Lager und im Begriff, nach dem nächsten Dorfe Churspitz sich zu begeben, wohin des Königs Leiche zunächst gebracht worden war. Herzog Bernhard schloß sich ihm an, und sie kamen unterwegs an dem Wagen vorbei, in welchem sie mit Gustav Adolf die letzte Nacht zugebracht hatten. Knyphausen blieb stehn und starrte auf die verlassene Kutsche, die noch an derselben Stelle stand, wo sie vor Morgengrauen ausgestiegen waren; unwillkürlich öffnete er den Schlag und griff nach des Königs Mantel, den er selbst wegen der Kälte über den König ausgebreitet hatte und der, wie eben abgeworfen, halb auf dem Sitze, halb auf dem Boden des Wagens lag. Er wolle ihn mitnehmen und die Leiche damit bedecken, sagte er, worauf sie wieder zu Pferde stiegen und bis zu der kleinen Kirche von Churspitz ritten.

In der Sakristei, wo der Leichnam lag, waren der Hofprediger Fabrizius und ein Wundarzt, der die Wunden des Königs untersucht hatte. Im Laufe des Gesprächs, das sich darüber entspann, ereiferte sich Herzog Bernhard: der erste Schuß sei von hinten in den Oberarm des Königs eingedrungen, sagte er, den könne ihm der Feind nicht beigebracht haben.

Unter den Schweden sei gestern schon von Verrat gemunkelt worden, sagte Fabrizius.

Ja, diese Wunde habe ein häßliches Ansehn, sagte Herzog Bernhard; wer denn eigentlich um die Person des Königs gewesen sei, und wo die wären, die ihn zuletzt gesehen hätten? Soviel er wisse, sagte Knyphausen, seien zwei tote Pagen bei seinem Leichnam gefunden worden; die englischen Adjutanten hätten sich, wie der König vom Pferde gestürzt sei, davongemacht und wüßten nichts weiter.

Herzog Bernhard zuckte verächtlich die Achseln wegen der Engländer. Und der Herzog von Sachsen-Lauenburg, sagte er, der stets beim König gewesen sei und den niemand mehr gesehen habe? Vielleicht sei er geradeswegs zum Wallenstein gelaufen, um sich seinen Lohn auszahlen zu lassen.

Während diese Unterredung im Gange war, kam der, von dem sie sprachen, herein, grüßte die Anwesenden kurz und warf einen erschrockenen und bekümmerten Blick auf den Leichnam des Königs.

Nach einer langen Pause fragte Herzog Bernhard in kaltem und strengem Tone, wo Herzog Franz denn gewesen sei, während sie gekämpft und gesiegt hätten? Als er den König habe fallen sehn, sagte Herzog Franz, habe er die Lage für ganz extrem und verzweifelt gehalten und sich nach Weißenfels begeben, in der Meinung, das Heer werde dahin seinen Rückzug nehmen. Übrigens habe sein Dienst ja nur der Person des Königs gegolten.

»Den haben Euer Liebden rühmlich verrichtet«, sagte Knyphausen spöttisch.

Er habe also den König fallen sehn, fiel Herzog Bernhard ein, so könne er sagen, wie es dabei zugegangen sei; denn da die Pagen sich über der Leiche hätten totstechen lassen, könne niemand Bericht erstatten.

Nun, sagte jener, ein Haufen schwarzer Reiter sei auf ihn losgesprengt, und aus ihrer Mitte sei auf ihn geschossen worden.

So könne es nicht gewesen sein, rief Bernhard heftig, auf den von Lauenburg losgehend, der König habe eine Wunde von hinten empfangen.

Was dieser herrische Ton bedeuten solle? fragte der Lauenburger drohend. Das möge ja wohl sein, der König habe guten Rat nicht annehmen wollen und sich mitten ins Gedränge geworfen. Übrigens sei gerade der Nebel gefallen, und er habe den Vorfall nicht deutlich verfolgen können.

So müsse man wohl andere Zeugen aufrufen, rief Herzog Bernhard außer sich, indem er den Mantel, der über des Königs nackten Leib geworfen war, aufdeckte; die Wunden des Erschlagenen pflegten zu bluten, wenn der Mörder nahe sei. Herzog Franz erbleichte und griff ans Schwert; diese Worte verstehe er nicht, sie müßten mit Blut ausgelegt werden.

Knyphausen und Fabrizius warfen sich zwischen die Streitenden; ach, sagte der Prediger, die Fürsten möchten doch bedenken, daß dieser Ort zwiefach heilig sei, da sie an dem armen nackten Leichnam des Königs ständen, der ihnen nicht mehr wehren könne.

Unwillkürlich schwiegen alle und blickten nach der erhabenen Gestalt, die sich nicht rührte. Herzog Bernhard hätte ihn allzusehr gereizt, sagte endlich Herzog Franz, sonst würde er den Degen in Gegenwart des toten Königs nicht gezogen haben. Sie wollten diese Angelegenheit an einem schicklicheren Ort austragen.

Nachdem er gegangen war, sagte Knyphausen, man müsse doch auch überlegen, was der Grund zu einer solchen Tat sein sollte. Ob der König ihn jemals beleidigt habe? Denn man könne doch den Herzog nicht wohl für einen gedungenen Meuchelmörder halten? Freilich sei es ja an dem, daß er den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel vor etwa zehn Jahren im Einverständnis mit der Herzogin habe umbringen wollen, die ihren Gemahl als einen Trottel nicht habe ausstehn können.

So viel wisse er, sagte Fabrizius, der Kanzler Oxenstierna habe die Majestät in Nürnberg vielmals vor dem Herzog Franz gewarnt, weil seine Miene ihm nicht zugesagt und weil er mit Wallenstein und dem Kurfürsten von Sachsen durchgesteckt habe. Aber der gute Herr habe keinen Menschen für schlecht ansehn wollen und vorzüglich gemeint, mit Güte könne man auch den Schlechten überwinden.

Dabei liefen dem Hofprediger von neuem die Tränen aus den Augen, und Herzog Bernhard sagte, zunächst müsse der Leichnam nach Weißenfels geschafft und für eine königliche Aufbahrung, auch für die Einbalsamierung Sorge getroffen werden.

Ach Gott, schluchzte Fabrizius, ob denn das durchaus notwendig sei? Der Verstorbene habe sich oft dahin geäußert, er wolle nicht, daß sein Leib geöffnet und ausgenommen werde. Er, Fabrizius, habe sich einmal den Mut genommen, dem König vorzuhalten, daß das ein Aberglauben sei; denn der Apostel Paulus, dem man über diese Materie Glauben schenken müsse, weil er sich am ausführlichsten darüber ausgelassen habe, dieser also lehre, daß das verwesliche Fleisch, das uns auf Erden bekleide, schwinden müsse; auferstehen werde ein unverweslicher Leib, der aus dem Samen der Verwesung erblühen werde. Darauf habe der König geantwortet, das möge wohl so sein; aber er könne die Vorstellung nicht leiden, daß man seinen toten Leib betaste und zerstöre; man solle ihn, so wie er sei, in Gottes Hände legen, der solle nach seiner Allmacht mit ihm schalten. Es müßten sich auch beim Kanzler Oxenstierna königliche Briefe darüber finden.

Bis die da wären, sagte Herzog Bernhard, würde der Körper schon in Fäulnis übergehn. Es könne ihm bei Mit- und Nachwelt üble Nachrede daraus erwachsen, wenn er den Leichnam eines so großen Königs nicht einbalsamieren ließe. Und wenn der Sarg nach Wochen oder Monaten in Stockholm ankäme, würden die Schweden doch sehen wollen, ob ihr König wirklich darin liege.

Der Herzog möge wohl recht haben, sagte Fabrizius; aber es gehe ihm zu Herzen, daß des Königs Wille nicht erfüllt werde.

* * *

 

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