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Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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Der französische Gesandte Saint-Étienne hatte den Auftrag, dem Könige von Schweden deutlich zu machen, daß Frankreich sein Sichausbreiten am Rheine sowohl wie seinen bevorstehenden Angriff auf Bayern nicht gern sähe noch dulden würde, und freute sich auf die Niederlage, die er Gustav Adolf zu bereiten gedachte. Er nahm sich vor, den nordischen Löwen zu bändigen, ohne aus seiner Höflichkeit und Gelassenheit herauszutreten, nur durch feines, überlegenes Lächeln und beschämende Ruhe, kurz, durch die unüberwindliche Gegenwart seiner gebildeten Person. Nachdem er die vorschriftsmäßige Reverenz gemacht hatte, ließ er einen nachsichtigen Blick durch das holzvertäfelte Zimmer und über die schweren eichenen Möbel gleiten, denn der König bewohnte ein ansehnliches Bürgerhaus in Donauwörth, und richtete dann seine Augen mit dreister Unterwürfigkeit auf Gustav Adolf, dessen großes, helles Antlitz schon eine leichte Ungeduld gerötet hatte. Wie sehr sein König, sagte Saint-Étienne nach kurzer Einleitung, auch Anteil an den Erfolgen des Königs von Schweden nehme, fühle er sich doch empfindlich gekränkt dadurch, daß Gustav Adolf so wenig Rücksicht auf seine Bundesgenossen nehme und der getroffenen Verabredung so wenig eingedenk sei. Gustav Adolf möge sich erinnern, daß der König von Frankreich als Beschützer der katholischen Religion die hohe Pflicht habe, die schirmende Hand über seinen Glaubensgenossen zu halten.

Die geistlichen Fürsten sowohl wie der Herzog von Bayern, sagte Gustav Adolf, hätten ihr Schicksal durch Treulosigkeit und Verrat selbst verschuldet. Der König von Frankreich wolle ihn hoffentlich nicht abhalten, diejenigen zu bestrafen, die den Waffenstillstand gebrochen und heimlich gegen ihn intrigiert hätten.

Saint-Étienne hörte den grollenden Ton in der Stimme des Königs mit heimlichem Vergnügen und malte sich aus, wie er den Auftritt vor einer auserwählten Gesellschaft am Hofe von Paris schildern wollte. Davon sei seinem Könige nichts bekannt, sagte er. Es sei freundschaftliche Sorge für Gustav Adolf, wenn der König von Frankreich den Wunsch äußere, Gustav Adolf möge doch ohne Zeitverlust seine ruhmreichen Waffen gegen den Kaiser wenden. In diesem Sinne habe ihm der König von Frankreich die Subsidien bewilligt.

Wenn der König so, sagte Gustav Adolf auffahrend, zu seinen Feldmarschällen und anderen Bediensteten spreche, möge das angehen. Ein Verständiger befehle nur denen, die er zu gehorchen zwingen könne. Man solle nicht vergessen, daß er König und daß er siegreich sei.

Saint-Étienne beobachtete aufmerksam die Zornesflamme, die über das königliche Gesicht schlug, und die verhaltene Unruhe in seinem starken, elastischen Körper, wie wenn ein Raubtier sich zum vernichtenden Sprunge anschickte. Er beteuerte die unwandelbare Freundschaft seines Königs und wie sehr derselbe es bedauern würde, wenn Gustav Adolf auf einem Einfall in Bayern bestände und ihn dadurch in die Notwendigkeit versetzte, dem Kurfürsten von Bayern, seinem Bundesgenossen, Beistand zu leisten.

»Sagen Sie Ihrem König,« rief Gustav Adolf, »daß ich, wenn er mich zu sehen wünscht, bereit bin, an der Spitze von 50 000 Mann nach Paris zu marschieren.« Diese Worte donnerte er in ausgelassener Wut hervor und begleitete sie mit einer Gebärde, als wolle er einen Hund aus dem Zimmer jagen, so daß sich Saint-Étienne unwillkürlich zurückzog. Auf der Treppe schon bereute er, daß er einem albernen Erschrecken nachgegeben und sogar den üblichen Handkuß vergessen hatte, auch erwog er, ob er sich nicht doch vielleicht behutsamer hätte ausdrücken sollen; aber für seine Person war er mit der Audienz nicht unzufrieden und versuchte sogleich, die Mienen und Bewegungen des gereizten Königs nachzuahmen.

In Gustav Adolf kochte der Zorn und wogte ein unbestimmtes Unbehagen; er wollte, um sich auszukühlen, an die Donau reiten und sich ein Bild machen, wo der Strom am günstigsten zu überschreiten wäre, als er vor dem Hause auf Camerarius stieß, der nach der Schlacht bei Prag aus pfälzischem in schwedischen Dienst getreten und kürzlich von Holland zurückgekommen war. Auf des Königs Wunsch ging Camerarius neben ihm die Straße hinunter und sprach von dem vortrefflichen Eindruck, den das schwedische Heer, dessen Einzug in Donauwörth er mit angesehen hatte, auf ihn gemacht habe. Von den Mansfeldischen Räuberbanden wolle er nicht reden; aber auch die Tillyschen und Wallensteiner kämen den Schweden an Gleichmäßigkeit und Zucht nicht gleich. Jene wären altmodische Söldner oder Zigeuner, nur die Schweden wären Soldaten, ohne Zweifel werde der König damit etwas Besonderes ausrichten und den anderen obsiegen.

Das sei gut gemeint und möge auch wahr sein, polterte der König heraus, aber es sei verkehrt, zu glauben, die Tüchtigkeit müsse immer etwas ausrichten, oder Kraft und Recht und der gute Wille. Es hange an etwas anderem, nur wisse er es nicht zu nennen. Im Augenblick, wo er eine Höhe erklommen und eine weite Aussicht sich verheißend vor ihm geöffnet hätte, ja fast im selben Augenblick habe es sich dunkel gesammelt und schwer gegen ihn herangewälzt. Am unerträglichsten sei ihm der Übermut des Königs von Frankreich, der sich getraue, ihn wie einen geworbenen Banditen hierhin und dahin zu hetzen und ihm durch Drohungen den Weg nach Bayern zu verlegen hoffe.

Frankreichs Absicht sei nicht schwer zu durchschauen, sagte Camerarius, es wolle sich selbst am Rheine mächtig machen. Richelieu habe sich eingebildet, er könne den König von Schweden für sich arbeiten lassen; nun er den Helden erkenne, beginne er ihn zu fürchten und suche ihn zu verdrängen.

Ja, es wende sich jetzt fast so, sagte der König, daß er mehr vor Frankreich als vor dem Kaiser auf der Hut sein müsse.

Die beiden in ihr Gespräch vertieften Herren befanden sich plötzlich inmitten einer Herde von Gänsen, nach denen, da sie nicht auswichen, Camerarius mit dem Stocke schlug, worauf ein paar Gänseriche zischend mit vorgestrecktem Halse auf sie losfuhren und sie mit Pfützenwasser bespritzten, denn am Vormittage hatte es stark geregnet. Einige ärmlich gekleidete Leute und Kinder blieben stehen und sahen halb neugierig, halb schadenfroh lachend zu. Camerarius sagte, die Gänse von Donauwörth schienen schon katholisch geworden zu sein; aber wenn es nur die Gänse wären, so hätte es nichts auf sich.

Der König zuckte die Achseln; das Volk, sagte er, habe ihn zwar nicht so angefaucht wie diese Tiere, aber es habe ihn keineswegs als Befreier begrüßt, wie man ihn vorher habe glauben machen wollen. Als er in der Hauptkirche evangelischen Gottesdienst habe halten lassen, sei fast niemand dazu gekommen als ein paar alte Bettelweiber.

Es sei nun über zwanzig Jahre her, daß die Bayern eingezogen, sagte Camerarius; die hätten das jesuitische Wesen mit Hammer und Keule eingetrieben.

Der König sah gedankenvoll vor sich nieder. Sie dächten auch vielleicht, sagte er, man könne nicht wissen, wie lange er hierbliebe. Sie müßten ihn erst kennenlernen, entgegnete Camerarius.

Sie blieben vor einem kleinen Garten stehn, wo eine Frau zwischen Küchenkraut hantierte, ein paar Kinder sich unter blühenden Obstbäumen um eine Ziege jagten und eine Alte auf einer Holzbank murmelnd den Rosenkranz durch die zitternden Finger zog. »Das Glück«, sagte der König, »rollt nicht mehr so stetig neben mir her wie im Winter. Woran liegt es, daß der Boden unter mir zu schüttern beginnt? Liegt es an den Menschen oder an Gott?«

Es möge wohl ein Gesetz in allen irdischen Dingen und Begebenheiten sein, antwortete Camerarius, ähnlich wie die Erde alles gleichmäßig an sich heranziehe, daß nichts übermäßig vorragen könne. Warum man aber annehmen solle, daß der König den Gipfel schon erreicht habe? Mißglücke einmal etwas oder falle etwas Widriges vor, könne man ebensowohl schließen, daß es nun wieder besser gehn müsse. Frankreich freilich werde dem Könige desto feindlicher werden, je höher seine Größe steige; aber der König werde es teils durch Entgegenkommen zu begütigen, teils durch Festigkeit zu schrecken wissen.

Wieder erheitert, winkte Gustav Adolf dem Stallmeister, der, sein Pferd am Zügel haltend, in einiger Entfernung wartete. »Das beste ist,« rief er Camerarius scheidend zu, »daß ich Frankreich nicht mehr brauche und daß ich zwei Bundesgenossen habe, die mir stets treu bleiben: diesen Kopf und dieses Herz.«

*

Sämtliche schwedische Offiziere hielten es für unmöglich, den Lech bei Rain, wo das bayrische Heer sich in günstiger Stellung verschanzt hatte, zu überschreiten; denn die ohnehin schwierige Überbrückung des reißenden Stromes hätte unter dem Spiel der feindlichen Batterien vor sich gehen müssen, und selbst wenn diese glückte, schien das Heer sich bei der Erstürmung des bewaldeten Hügels aufreiben zu müssen. Nachdenklich ritt der König am Ufer des in seiner Frühlingskraft schwellenden Stromes entlang und besprach sich wieder und wieder mit seinen Ingenieuren. Dieser schöne Wilde habe es ihm angetan, sagte er; sofern es nur gelinge, ihm einen Sattel aufzuschnallen, werde er ihn gewiß zum Siege tragen. Die Einwände seiner Offiziere, die er angesichts der schwierigen Lage versammelt hatte, hörte er an, um sie zurückzuweisen. Er habe berechnet, sagte er, daß das Wagnis etwa tausend tapfere Schweden kosten werde; das tue ihm weh, sei aber doch kein zu teurer Preis, und er wolle diesen zahlen.

Im Schutze aufgeworfener Erdwälle, auf denen rauchende Feuer, um die Aussicht zu verdunkeln, erhalten wurden, begann die gefährliche Arbeit des Brückenbaus; in schlafloser Nacht hörte Tilly den Schlag der Äxte auf die Pfeiler, die in den Strom getrieben wurden. Das wagte der Schwedenkönig, weil er jung und glücklich war, im Geiste glaubte er Pappenheim zu hören, wie er ihm ungeduldig vorwarf, daß er unschlüssig daliege, anstatt der Gefahr entgegenzugehen, den dreisten Angreifer dreist zurückzuwerfen. Er hatte es für sicherer gehalten, den Feind stürmen zu lassen; aber nun irrte ihn der Zweifel, ob das das Urteil seiner Greisenschwachheit sei, und er befahl den Angriff. Anfangs hielt er mit der Hauptmasse des Heeres im Walde, erst als Aldringen, durch eine Kugel am Kopfe verwundet, aus dem Kampfe getragen werden mußte, verließ er die sichere Stellung, um sofort gleichfalls getroffen zu werden.

Sein erstes Gefühl wäre Erleichterung gewesen, wenn er nicht um das Schicksal Bayerns und seines Herrn, des Herzogs, besorgt gewesen wäre; er ordnete den Rückzug nach Ingolstadt an und hielt fest, daß nun alles darangesetzt werden müsse, diese Festung und Regensburg zu bewahren. Die Schweden hatten nichts von Tillys Fall erfahren; langsam und vorsichtig konnte er in einer Sänfte getragen werden. Seine Gedanken kreisten um das drohende Unglück: wenn nicht bald, sehr bald Hilfe von Wallenstein käme, fiele ganz Bayern in die Hände der Schweden. Dazwischen betete er, während an seinen halbgeschlossenen Augen das moorige Land vorbeiging, auf dem hie und da braune Gebüsche kauerten und über das schwerfälligen Fluges wiederkehrende Störche ruderten. In seinem Kopfe schwankten die Bilder durcheinander: plötzlich wußte er, daß er jenseit der Erde durch die Ewigkeit zu Gott fahre. Vor ihm her bliesen Herolde in goldgestickten Gewändern auf ehernen Posaunen aus, daß der Graf Tilly komme, der Held des Römischen Reichs, der Sieger in fünfzig Schlachten, der Eroberer von hundert Städten, Tilly, der Überwinder der Ketzer und der Laster. Sein Herz klopfte vor Scham und Schrecken: er wollte seinen Dienern verbieten, solche Ruhmredigkeit in Gottes Antlitz zu schmettern; aber er vermochte sich nicht zu rühren und wußte, daß es die Grabesschwere war, die auf ihm lag. Das Licht wurde weißer und strahlender, je näher sie Gott kamen, und auf einmal rissen die Posaunenklänge ab und stürzten wie von Pfeilen getroffene Vögel zu Boden: es wurde totenstill vor der Stimme Gottes, die die Unendlichkeit erfüllend sagte: ›Halt! Fahre hinunter mit deiner Sünde in die ewige Finsternis!‹ Mit Entsetzen sah er, daß er inmitten von Soldaten, Kanonen und Belagerungswerkzeugen kam, als ziehe er zur Erstürmung einer Stadt aus, und gleichzeitig fühlte er sich durch den Raum stürzen, der sich wie ein Schacht verengerte. Das alldurchdringende Licht wich zurück, bis es unendlich hoch über ihm nur noch wie ein winziger, spitzer Stern stand; dann verlor er die Besinnung.

Als er wieder zu sich kam, sah er das Gesicht des Kurfürsten, der sich über ihn beugte und seine Hand gefaßt hielt. Er danke Gott, daß Tilly nur eine Ohnmacht angewandelt habe, sagte er; sie hätten noch eine Stunde bis Ingolstadt, dort würde er sich unter sorgsamer Pflege erholen. Tilly nickte, erkundigte sich nach dem Heer und nach den Schweden und verfiel wieder in Bewußtlosigkeit; doch kam er lebend in Ingolstadt an, wo sein Zustand sich ein wenig besserte, wenn auch der Arzt zu seinem Wiederaufkommen keine Hoffnung gab.

*

Am Tore von Augsburg stieg Gustav Adolf vom Pferde und ging zu Fuß bis zur Kirche Sankt Anna, wo sein Hofprediger Fabrizius den Gottesdienst abhielt; die Predigt ging über den Text des zwölften Psalms: ›Weil denn die Elenden verstöret werden und die Armen seufzen, will ich auf, spricht der Herr; ich will eine Hilfe schaffen, daß man getrost lehren soll.‹

Das Gemüt des Königs war bewegt und erhoben, denn als Sieger und Retter zog er in die Stadt ein, in welcher einst die Anhänger Luthers die Bekenntnisschrift dem Kaiser überreicht hatten und die deshalb den Evangelischen heilig war. Im Hause der Fugger am Fenster stehend, nahm er die Huldigung der Bürgerschaft entgegen; nirgends war sie so willig dazu gewesen wie hier, wo er die Lutherischen vom Drucke der Katholiken befreit hatte. Er bewunderte die südliche Herrlichkeit der Stadt und gab dem alten Stadtbaumeister Elias Holl die Hand, der, da er sich nicht hatte bequemen wollen, von dem katholischen Stadtrat seines Amtes entsetzt worden und in Armut geraten war. Wenn er gleichsam als ein Bettler durch die Straßen gegangen sei, erzählte der Alte, habe er bei sich lachen müssen: er habe keinen überflüssigen Taler im Sack und doch sei fast die ganze Stadt Augsburg sein eigen. Der König klopfte dem gebückten Greis auf die Schulter und sagte scherzend: »So bist du mein Nebenbuhler, denn jetzt ist die Stadt mein, und ich gedenke sie mit niemandem zu teilen.« Elias Holl zwinkerte mit den Augen und machte eine beschwichtigende Gebärde mit der Hand: ein Vater gebe auch seine Tochter in ihres Eheherrn Gewalt, meinte er, obwohl er sie gezeugt habe. Wenn es ihr nur wohl gehe, so sei er zufrieden. Und in seinem Herzen, fügte er hinzu, behalte er sie ja doch als sein Kind.

Unter anderen kamen einige Ratsherren und Prediger, priesen den König als einen Moses, Josua und Gideon und schilderten ihm dann die Leiden, die die Evangelischen unter dem katholischen Regiment ausgestanden hätten: wie ihrer keiner mehr ein Amt hätte erlangen können, wie ihnen unter eitlen Vorwänden das Geld abgepreßt worden wäre, wie sie kein Kind hätten taufen oder zur Schule schicken können, ohne den Drängern den Beutel zu füllen, und mehr dergleichen. Es sei doch nicht billig, daß ihre Peiniger nun so straflos ausgingen. Viele von den Reichen wären sofort bei Ankunft des Königs mit Hab und Gut abgezogen, dadurch litte die Stadt wiederum Schaden, nachdem sie zuvor schon genug geblutet hätte.

Was sie denn von ihm wollten? fragte der König. Er habe ihnen das Regiment zurückgegeben, und die Kirchen und Klöster, die ihnen durch das Restitutionsedikt genommen wären, würden ihnen wieder eingeräumt werden. Was ihnen Ungerechtes widerfahren sei, habe der Kaiser verfügt gehabt, der könne ihnen nun nicht mehr schaden, wenn sie treu an ihm, dem König von Schweden, hingen. Er habe Frieden und Gerechtigkeit wieder hergestellt, damit sollten sie es sich genug sein lassen.

Das sei keine Gerechtigkeit, fiel der eine Prediger, der eifrig aufhorchend auf der Lauer gestanden hatte, ein, wenn die Übeltäter unbestraft blieben. Es sei gewiß des Kaisers Wille nicht gewesen, daß sie sich mit ungerechtem Gut bereichert hätten. Das hätte man ihnen abnehmen und sie ordentlich abbüßen lassen sollen, bevor man sie ziehen ließe.

Wegen geschehenen Unrechts könne ja jeder an die zuständigen Gerichte gelangen, sagte der König; sie sollten ihn aber nicht anhalten, Wiedervergeltung zu üben, denn daran habe Gott kein Wohlgefallen.

Wie? rief der streitbare Prediger, es habe doch der berühmte und gottselige König David den Herrn bitten dürfen, ihn an seinen Feinden zu rächen, wie geschrieben stehe im Psalm 35: ›Herr, hadere mit meinen Haderern, streite wider meine Bestreiter. Es müssen sich schämen und gehöhnet werden, die nach meiner Seele stehen; es müssen zurückkehren und zuschanden werden, die mir übel wollen. Sie müssen werden wie Spreu vor dem Winde, und der Engel des Herrn stoße sie weg. Herr, mein Gott, richte mich nach deiner Gerechtigkeit, daß sie sich nicht über mich freuen. Sie müssen sich schämen und zuschanden werden alle, die sich meines Übels freuen; sie müssen mit Schande und Scham gekleidet werden, die sich wider mich rühmen.‹

Das sei wohl wahr, sagte der König, aber der Erlöser habe gesprochen: ›So ihr liebet, die euch lieben, was Danks habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch ihre Liebhaber. Aber liebet ihr eure Feinde, so werdet ihr Kinder des Allerhöchsten sein.‹

Ach Gott, ach Gott, rief der Prediger, der König werde sie doch nicht heißen wollen, die Gottlosen lieben? Es stehe geschrieben Psalm 9: ›Du schiltst die Heiden und bringest die Gottlosen um, ihren Namen vertilgst du immer und ewiglich. So erkennet man, daß der Herr Recht schaffet.‹ Und Psalm 10: ›Zerbrich den Arm des Gottlosen und suche das Böse, so wird man sein gottloses Wesen nimmer finden.‹ Und Psalm 11: ›Der Herr wird regnen lassen über die Gottlosen Blitz, Feuer und Schwefel und wird ihnen ein Wetter zum Lohn geben.‹ Das werde der König aber doch nicht ableugnen wollen, daß man den Papst für den Antichristen und einen reißenden Werwolf und die Katholiken für die Gottlosen zu halten habe.

Der Apostel Paulus habe aber im Römerbrief gelehrt, sagte der König: ›Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, Ich will vergelten, spricht der Herr.‹

Aber in der Offenbarung Johannis, schrie der Prediger, heiße es: ›Ach daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde!‹ Und der König habe selbst gesagt, er wisse nicht, was die Neutralität für ein Ding sei, man müsse für oder wider ihn sein, wie auch Christus es verlangt habe.

Ja, sagte der König heiter und nachdrücklich, und dabei solle es auch gänzlich sein Verbleiben haben. Sie ständen freilich in einem großen Kriege wider die päpstlich-spanische Gewissenstyrannei, der Feind sei aber noch nicht niedergeworfen, und ohne Einigkeit vermöchten sie seiner nicht Herr zu werden. Er sei ihr Haupt in diesem Kriege, ihm müßten sie vertrauen, daß er ihre Sache recht führe. An Privatnutzen oder Privatrache zu denken, sei jetzt keine Zeit; sie sollten, als die Wächter des Volkes, dasselbe in Ordnung und in der Treue zu ihm erhalten, so täten sie ihre Pflicht und wolle er es ihnen danken und lohnen.

*

Die Schweden hatten auf eine leichte Einnahme der Festung Ingolstadt gehofft, da der Oberst Fahrensbach, früher einmal in schwedischen Diensten, sie auszuliefern versprochen hatte, nachdem ihm auf seine Bitte das Kommando an der gefährlichsten Stelle anvertraut worden war. Eine Warnung Aldringens jedoch, der dem Fahrensbach mißtraute, machte rechtzeitig auf seine Heimlichkeiten aufmerksam und hintertrieb die Ausführung des Planes. Er wisse wohl, sagte Tilly, als der Kurfürst es ihm erzählte, daß Fahrensbach beim Wallenstein nicht in Gnade gestanden sei, daß Wallenstein ihn sogar beim Kopf habe nehmen wollen; er habe ihn aber für einen redlichen Mann gehalten und könne es immer noch nicht glauben, daß er mit solcher Untreue hätte umgehen sollen. Er betrachte diese glückliche Errettung, sagte der Kurfürst, als ein Zeichen, daß Gott Ingolstadt nicht in der Feinde Hand wolle fallen lassen. Am Abend begannen die Schweden den Sturm, während Tilly mit dem Rechtsgelehrten Rath, in dessen Hause er wohnte, sein Testament machte. Er setzte seinen Neffen Werner zum Erben über die Hauptmasse seines Vermögens ein, dessen größter Teil in der noch ausstehenden Summe bestand, die ihm vom Kaiser auf Güter im Braunschweigischen oder Hildesheimischen angewiesen war. Ferner vermachte er 6000 Taler seinen alten wallonischen Kriegern, die ihn in der Leipziger Schlacht, da er verwundet worden war, mit ihrem Leibe gedeckt hatten; ferner einen köstlichen Diamanten, den die Erzherzogin Isabella ihm geschenkt hatte, der Madonna von Altötting. Es war bei seiner zunehmenden Schwäche nicht leicht, damit fertig zu werden; denn zuweilen fielen Tilly plötzlich die Augen zu, und der Rechtsgelehrte mußte warten, bis er wieder zu sich gekommen war. Einige Male hörte er Krachen, Donnern und Lärmen von den Mauern her, und wenn er sich besonnen hatte, was es bedeutete, gab er Verordnungen, wohin Verstärkungen zu schicken wären und wo besonders aufzumerken sei. Sowie er aber die Augen schloß, verschwanden die Gestalten, die an seinem Bett saßen, und er ging durch die leeren lauen Straßen mitten durch die Stadt bis an das Tor und unangefochten durch das Tor hindurch. Der Lärm der Kanonen verstummte, die feindlichen Soldaten, die Offiziere, der König selbst wichen auseinander und fielen auf die Knie. Er wußte, daß das nicht ihm galt, sondern einem Unsichtbaren, der neben ihm ging und in dessen kühler Hand seine müde, erschöpfte, aufgelöste friedlich lag.

Gegen Morgen kam der Kurfürst an sein Bett und berichtete ihm, daß der Sturm abgeschlagen sei und daß die Schweden sich für diesmal zurückzögen. Tilly, der sich ein wenig kräftiger fühlte, schrieb an Wallenstein: Er danke ihm für das Mitleid, das er mit ihm wegen der empfangenen Wunde trage, und für das Versprechen schleuniger Hilfe, deren sie so sehr benötigten. Es gehe ja nicht nur um Bayern, sondern auch um Kaiser und Reich; sein schwaches Heer könne den Ansturm der Schweden nicht aufhalten, er getröste sich Wallensteins, täglich und stündlich spähten sie nach seiner verheißenen Hilfe aus.

Der vergebliche Aufenthalt vor Ingolstadt machte Gustav Adolf ungeduldig, um so mehr, als er bei einem Sturz vom Pferde eine Quetschung erlitten hatte, die ihm Schmerzen verursachte. Nach dem mißglückten Sturme ging er eines Morgens nah an die Schanzen heran, um die Beschaffenheit derselben genauer herauszubekommen; in seiner Gesellschaft befanden sich Friedrich von der Pfalz, der junge Christoph von Baden, Horn und ein paar böhmische Emigranten. Einer von diesen bat den König, nicht weiter vorzugehen, von der Schanze werde geschossen, nicht hundert Schritte vor ihnen seien vorhin Kugeln niedergefallen.

Er tue es nicht aus Mutwillen, entgegnete der König, sondern weil er, wie man wohl wisse, ein kurzes Gesicht habe und aus der Ferne nicht deutlich unterscheiden könne. Es sei ihm bei Mainz von großem Nutzen gewesen, daß er sich nah hinzugeschlichen habe, um die Anlage der Schanze zu untersuchen; denn danach müsse der Angriff eingerichtet werden. Übrigens sollten sie ruhig sein, diese Kugeln wären nicht für ihn gegossen. »Da haben Königliche Würden recht kalvinisch geredet«, sagte Prinz Christoph neckend. Gustav Adolf wandte sich lachend an den von der Pfalz: darin müsse er Bescheid wissen; ob er auch glaube, daß ein König nicht von einer Kugel getroffen werde? Gemeiniglich möchten wohl mehr gemeine Soldaten getroffen werden als hohe Häupter, sagte Friedrich gelassen; aber er wäre doch dafür, daß sie sich ein wenig zurückzögen.

Der König und der Prinz lachten, und der letztere sagte, er zweifle, ob der Tod einen Mann von Distinktion vom Pöbel unterscheiden könne; ihn bedünke aber, man ziehe eben deswegen in den Krieg, weil er voller Überraschungen und Gefahren sei, und solle sie also eher aufsuchen als vermeiden.

»Das ist brav gesprochen«, rief der König aus, indem er dem jungen Manne, dessen hübsches Gesicht errötete, die Hand auf die Schulter legte.

»Ich weiß nicht, was für eine Vortrefflichkeit daran ist, sich ohne Not totschießen zu lassen«, sagte Friedrich und gähnte, denn es war noch früher Morgen. »Wir bekommen nicht leicht einen anderen König und Haupt wie Eure Majestät, und Sie täten deshalb gut, Ihre kostbare Person, von der unser aller Wohl abhängt, in Sicherheit zu bringen.«

Während das Gespräch noch in dieser Weise geführt wurde, hörte man das Pfeifen einer Kugel und sah im selben Augenblick den Prinzen Christoph lautlos zu Boden stürzen; es ergab sich, daß die Kugel ihm den Kopf vom Rumpfe gerissen hatte. Der König, welcher zunächst gestanden hatte, taumelte ein paar Schritte rückwärts und mußte sich an dem Pfalzgrafen halten. Nachdem er sich gefaßt hatte, hielt er eine Ansprache, wie sehr dieser Verlust zu beklagen sei und wie groß die Trauer des Vaters, des Markgrafen von Baden, sein müsse. Indessen, sagte er, sei doch im Grunde kein Anlaß zur Trauer, denn die Menschen wären nicht Kinder dieser Welt, sondern der Ewigkeit, woran Gott sie zuweilen mahne, damit sie sich der Welt nicht allzusehr annähmen. Es hätte wohl jeder in seinen jungen Tagen einmal ein geliebtes Weib umarmt, nach abgetaner Lust aber sei er gern im dunklen Strome des Schlafs versunken; so streife man auch willig das Körperkleid ab, wenn der Abend des Lebens gekommen sei. Was aber ihn betreffe, so glaube er nicht, daß Gott ihn schon rufen wolle. Es solle ihn niemand gegen Gott mißtrauisch machen. Gott habe ihn an seiner Hand über das Meer und mitten in das Deutsche Reich geführt; das sei nicht umsonst, sondern zu etwas Großem geschehen. Des Königs Blick schweifte über das bewegte Lager und die Türme der Festung in der Ferne. Sollte es aber doch Gottes Wille sein, seinem Lauf ein Ende zu machen, fuhr er fort, so sollten sie deshalb nicht verzagen; denn Gott könne einen anderen Kavalier erwecken, der tapferer und geschickter als er sei, Gottes Willen auszuführen. Es hange nicht so viel von seiner Person ab, wie sie meinten; ob es zu glauben sei, daß Gottes große Werke auf einen einzelnen gebrechlichen Menschen gestellt wären? Gott werde schon Mittel finden, sie zum bestimmten Ende zu führen.

Am selben Tage starb Tilly, nachdem er die letzten Stunden, unbehelligt durch weltliche Geschäfte, mit seinem Beichtvater gebetet hatte. Das letzte Wort seiner brechenden Lippe war »Domine«, worauf der Beichtvater, der ihn verstand, das Kruzifix erhebend mit lauter Stimme rief: »Domine in te speravi, non confundar in aeternum« das ist: ›Herr, auf dich habe ich gehofft, verwirf mich nicht ewig.‹ Aus dem Lächeln, das auf dem Gesicht des Toten erschien, schloß der Beichtvater, daß Gott ihm Gnade verliehen habe.

Um seine Soldaten nicht länger nutzlos aufzuopfern, hob der König, der mehrere Angriffe selbst geleitet hatte, die Belagerung auf. Zu Oxenstierna sagte er, ein wenig verstimmt, dies sei das erste Mal, daß er einen Schritt zurückweichen müsse. Ob der jähe Tod des badischen Prinzen etwa doch als ein Warnungszeichen oder böse Vorbedeutung aufzufassen sei?

Man sollte immer auf das Böse gefaßt sein, sagte Oxenstierna gleichmütig, um so mehr erfreue einen das Gute. Er halte es im Hinblick darauf mit dem gelehrten, kürzlich verstorbenen Landgrafen Moritz, der gesagt habe, die Finsternis sei die Wesenheit und das Licht nur ein Akzidens der Finsternis. So meinte er, das Böse regiere die Welt und sei gemein; die Kunst und Weisheit bestehe darin, jedes zufällige Lichtlein, woran immerhin kein Mangel sei, aufzusuchen und zu nützen.

*

Die Bürger der eroberten Stadt Landshut eilten an das Tor, warfen sich dem König zu Füßen und flehten ihn um Gnade für die Stadt an. Er habe keine Ursache, Gnade walten zu lassen, antwortete der König unwillig. Der Herzog von Bayern habe diesen unglücklichen Krieg entzündet, indem er fremdes Gut an sich gerissen habe; um seiner Gewalttaten und Listen willen habe er sich geschworen, die erste bayrische Stadt, die in seine Hand falle, dem Boden gleichzumachen. Und ob denn die herrliche Stadt Magdeburg Gnade gefunden habe? Er wolle zum Andenken ihres Unterganges, der sich jähre, einen Scheiterhaufen anfeuern, der über ganz Bayerland leuchten solle. Das Gesicht des Königs war stark gerötet und drohend; er gab seinem Pferde die Sporen und ritt an den Flehenden, die fortfuhren zu jammern und zu bitten, ohne ein milderndes Wort vorüber nach der Burg Trausnitz, die er als ein Meisterstück der Baukunst hatte rühmen hören. Während er sie besichtigte, wandelte ihn plötzlich eine Ohnmacht an, so daß er sich auf ein Ruhebett legen mußte, um nicht zu fallen. Nach einer Weile konnte er wieder aufstehen und sagte zu Friedrich von der Pfalz, der ihm besorgt ins Gesicht sah, es habe nichts auf sich, es sei die Folge seiner kürzlichen Verletzung, oder der Zorn habe sein Blut zu sehr in Wallung gesetzt. Sie traten miteinander an das Fenster, von dem aus man auf die Stadt Landshut hinuntersehen konnte, und der König sagte, im Anschauen versunken, wohlgefällig: sie liege so funkelnd da, als sei sie eben aus einem Jungbrunnen gestiegen und der Mai habe ihr ein Kränzlein auf ihre erneuerte Schönheit gesetzt.

So habe sein Vetter Maximilian in Heidelberg nicht gedacht, sagte Friedrich; er würde der Schönheit einen Pechkranz aufdrücken, wie auch Gustav Adolf vorher im Sinne gehabt habe.

Er habe sich anders besonnen, sagte Gustav Adolf, vom Fenster zurücktretend. Es nütze ihm nichts, wenn diese Stadt in Asche liege, und es daure ihn, daß die armen Leute für ihres Herrn Übeltaten büßen sollten. Sie sollten sich mit einer gehörigen Summe loskaufen, so wäre beiden besser gedient. Er wolle nicht als ein Mordbrenner durch das Reich ziehen.

Von Landshut ging es nach München, das, vom Herzog und der Herzogin verlassen, dem Könige ohne Widerspruch die Tore öffnete. Er war in heiterster Laune und ermunterte Friedrich zum Bewußtsein des Glückes, daß er nun als Sieger in seines Feindes Residenz käme. Mit besonderer Unterwürfigkeit warteten die Jesuiten Gustav Adolf auf; denn es war bekannt, daß er sie haßte und daß in Schweden jeder, der sich dort treffen ließ, gesetzlich dem Tode verfiel. Er liebe sie nicht, sagte er ihnen, sie mischten sich in weltliche Händel, hätten dadurch viel Brand und Schaden gestiftet; sie sollten den Kapuzinern nacheifern, das wären gute Leute, die Gott dienten und der Armut beistünden, so wären ihm Mönche und Pfaffen recht.

Die Kapuziner waren auf das Wohlwollen des Königs stolz, und einer von ihnen sprach ihn auf dem Markte an mit der Bitte, katholisch zu werden. Es sei gar zu traurig, sagte er, einen so großen, unübertrefflichen Helden gleichsam in einem schlechten Habit oder in löcherichten Schuhen zu sehen, die mit seiner Pracht und Majestät übel reimten. Was er denn sagen würde, wenn er einen schönen, adeligen Kavalier in löcherichten Schuhen daherstapfen sähe, durch die der Schlamm aus den Pfützen einflösse?

Ja, sagten die Männer und Frauen, die sich um den Kapuziner gesammelt hatten, das sei wahr, das sei kein sauberes Laufen mit löcherichten Schuhen, da habe der Kapuziner recht. Und die Schuhe, fuhr derselbe fort, die der König brauchte, mit welchen man den Himmel erwandern könne, seien bei jedem Kaufmann umsonst zu haben, er müsse deswegen nicht weit laufen noch viel zahlen, warum er denn Heil und Seligkeit nicht ergreife? Es müsse einem ja das Herz brechen um einen so schönen, tapfern und freundlichen König, dem nur ein Tüttelchen abgehe, daß er der erste Potentat der Welt sein könne.

Ja, murmelten die Leute wieder, so sei es, an dem König von Schweden fehle sonst nichts, er solle die Schuhe kaufen, die bayrischen Schuhe, die stünden dem größten König auf Erden an.

Ihr guten Leute, sagte der König lachend, denkt, was meine Schweden sagen würden, wenn ich mit bayrischen Schuhen wieder in mein Land käme! Was würdet ihr zu eurem Herrn sagen, wenn er inskünftig wollte schwedisch oder türkisch einhergehen, daß ihr ihn kaum noch kennen möchtet?

Ja, das sei wahr, nickten die Leute, da habe der König es getroffen; aber der Kapuziner warf sich vor dem König auf die Knie, hob die Hände auf und bat, der König möge nur noch einen kleinen Augenblick verzeihen, bis er zu Gott gebetet habe, daß er des Königs Sinn umwende. Ach, warum er es denn durchaus nicht wolle? Gott werde ihn sicherlich um seiner königlichen Tugenden willen erleuchten, wenn er nur noch ein Viertelstündchen verharren wolle!

Der König unterbrach ihn, indem er sagte, der Kapuziner möge immerhin beten, er wolle indessen weitergehen und seine Geschäfte erledigen. »Freund,« sagte er, »auf Erden hältst du mich für einen großen Helden, und ich halte dich für einen gutmütigen Toren; wie es im Himmel mit uns gehalten werden soll, laß uns Gott anheimstellen.«

Auf eine heimliche Meldung, daß im Zeughause viele Geschütze vergraben seien, stellte der König Leute an, sie herauszuschaffen, wozu sich auch in Hoffnung auf guten Lohn mehrere Bauern willig zeigten. Als das erste Stück ans Licht kam, trat der König herzu und las den Namen vom Laufe ab, welcher Schalmei war, und rief aus: »Du bist in eines guten Jägers Hand gekommen und sollst noch zu mancher fröhlichen Jagd blasen.« Er ließ die Kanone aufstellen und setzte sich darauf, um dem Fortgang der Arbeit zuzusehen. Es kamen zunächst die Apostel, wozu der König bemerkte, sie hätten lange geschlafen, sollten nun wieder in alle Welt gehn und predigen und die Heiden bekehren. Als das elfte Stück ausgegraben war, sagte der eine Arbeiter, sich den Schweiß trocknend, der zwölfte sei der Judas, der könne drunten in der Hölle bleiben. Nein, sagte der König, er habe in dieser Zeit nicht Ursache, so heikel zu sein, und mit umwölkter Stirne fuhr er fort: »Ich habe mehr als einen Jünger, der mich verraten möchte.«

Wie heiter Gustav Adolf sich auch zeigte, hatte er doch Stunden, wo er voll Unruhe und Besorgnis war. Oxenstierna drängte ihn, weiter nach den österreichischen Erblanden zu ziehen, dort die unzufriedenen Bauern aufzuwiegeln und endlich des Feindes Zentrum zu treffen. Was sei mit den vielen, teils kleinen und offenen Orten gewonnen, die man erobert habe und doch nicht werde halten können? Was mit den hundert Kanonen und der Handvoll Geld, die man in München gewonnen habe? Ob es richtig sei, eine Stadt in Brand zu setzen, um ein Stücklein Eisen zu schmieden? Er habe dem Kaiser Zeit gelassen, sich zu stärken, Wallenstein stehe schier unüberwindlich im Feld. Immerhin sei es auch jetzt noch besser, ihm schnell entgegenzugehen, als sich von ihm finden und die Schlacht vorschreiben zu lassen.

Was Wallenstein betreffe, sagte der König, so könne er ihn vielleicht noch auf seine Seite ziehen. Es sei dazumal schon nahe daran gewesen, und sicher sei es, daß er ihm, dem Könige, jetzt gedient habe, indem er Tilly hilflos gelassen habe. Es sei die allgemeine Meinung, daß Wallenstein es mit dem Kurfürsten von Bayern nicht redlich meine; wenn dem so sei, so habe er nichts von Wallenstein zu befürchten und wolle ihn nicht reizen. Gerade weil Frankreich ihn durchaus auf den Kaiser hetzen wolle, wolle er nicht. Solle er diese rheinischen Fürsten und Maximilian mit Frankreich hinter sich lassen? Solle der übermütige König von Frankreich die Frucht einheimsen, die er mühevoll gesät habe? Vielleicht hätte er den Kurfürsten von Sachsen nicht nach Böhmen gehen lassen, wenn er seine und Arnims große Falschheit genugsam durchschaut hätte. Arnim traktiere mit Wallenstein den Frieden, ohne ihn, vielleicht auch ohne seinen Fürsten zu fragen; er hasse den Arnim; ein Schelmengesicht möge immerhin lügen, von einem Cato sei es nicht zu leiden.

Oxenstierna zuckte die Achseln. Der deutsche Adel, sagte er, habe die Großmannssucht. Sie glichen den Jungfrauen, die sich in Dreck und Mist badeten, um eine reine Haut zu bekommen. Der König müsse ihnen mißtrauen und zuweilen die Peitsche zeigen, sonst sei nicht mit ihnen auszukommen. Demgemäß schrieb Gustav Adolf dem Kurfürsten, er müsse leider nachdenkliche Zeitungen aus Böhmen vernehmen, als traktiere der Kurfürst ihrem Verbündnis zum Trotze mit dem Kaiser. Es sei aber zwischen ihnen ausgemacht, daß kein anderer Friede könne eingegangen werden, es sei denn ein Universalfriede, in welchem die Krone Schweden mit ihren notwendigen Forderungen inbegriffen sei. Zum Überfluß schickte er den Pfalzgrafen August von Sulzbach nach Dresden, um den Kurfürsten persönlich auszuforschen und über ihn zu berichten. Die Antwort des Kurfürsten lautete, er habe niemals im Sinne gehabt, sich von seinem Bundesgenossen zu wenden, vielmehr sei er durch seine treue Anhänglichkeit in äußerste Sorge und Not geraten; denn Wallenstein ziehe mit Heeresmacht heran, Weißenburg werde hart belagert und werde sich schwerlich halten können, der König solle doch sein Vertrauen nicht täuschen und ihm zu Hilfe kommen, bevor er mitsamt seinen armen Untertanen von der anwälzenden Wetterwolke zunichte gedrückt werde.

Auch von Nürnberg kamen ängstliche Briefe: der Zorn des Kaisers sei gegen sie erregt, Wallenstein habe gedroht, sie fürchterlich zu strafen, der Kurfürst von Bayern hätte es längst gern mit ihnen wie mit Donauwörth gemacht, sie wüßten sich ihrer Feinde und Neider nicht mehr zu erwehren.

Am Ende beschloß Gustav Adolf, nach Nürnberg zu gehen; da könne er, auf eine große, reiche, ihm fest anhängende Stadt gelehnt, Wallenstein ruhig erwarten und werde es seinem Heere nicht an Proviant fehlen.

In tiefem Geheimnis kam der oberennsische Bauer Thomas Ecklehner nach Nürnberg, um mit dem König von Schweden ein Einverständnis herzustellen, so daß dieser in Österreich einfiele, dadurch den Bauern das Zeichen zum Aufstande gäbe und Wien so zweifach erschüttert würde. Der König fragte nach seinem Namen und Wohnsitz und erkundigte sich nach der Anzahl und den Kräften seiner Landsleute, auf die zu rechnen wäre. Es würde kaum einer zurückbleiben, sagte Ecklehner. Sie gingen wohl zur Messe, weil sie müßten; aber sie hätten Gottes Wort im Herzen.

Er fürchte, sagte Gustav Adolf, es möchte gehn wie die anderen Male: der Kaiser würde ihnen in der Not gute Worte geben, dadurch ließe der eine und andere sich locken, und zuletzt bliebe nur noch ein Häuflein, dem leicht der Garaus zu machen wäre.

Nein, sagte der Bauer, sie trauten nicht mehr. Wie gut es der Kaiser auch meine, er sei von den Jesuiten verhext, sie ließen sich nicht mehr fangen.

Ob sie sich auch bewußt wären, fragte Gustav Adolf, daß es Weib und Kind, Blut und Leben kosten könne?

Sie wären alle eines Sinnes und wollten es daranwagen, antwortete Ecklehner. Nur dürfe es sich nicht zu lange hinziehn mit dem Kriegführen, daß über nutzlosem Herumschweifen und Verhandeln Acker und Vieh verdürbe. Sie wollten frisch kämpfen, bis einer unterliege.

Gustav Adolf betrachtete den Bauer gedankenvoll. »Wenn alle wie Ihr wären,« sagte er, »stünde es anders um den Glauben; aber die Menschen trachten im allgemeinen nicht nach göttlichen Dingen, sondern nach irdischen, Geld, Macht und allerhand Lust, und die vielen triumphieren über die wenigen.«

Der Bauer lachte: sie hätten doch auch ihre Beistände, meinte er, den Herrgott, den König von Schweden und etwa noch den Türken. Ihnen fehle nur ein starkes Haupt zur Direktion; wolle der König das sein, brauchten sie nichts zu fürchten.

Was man nicht selbst vollbringen könne, solle man nicht wagen, sagte der König nach einer Pause. Es sei gefährlich, sich auf andere zu verlassen.

Ecklehner zwinkerte schlau mit den Augen: »Du hast ja selbst«, sagte er, »in vielen Manifesten ausgehn lassen, du seist gekommen, um deinen Glaubensgenossen zu helfen. Du willst mich nur versuchen.«

Der König erwiderte, auch Gott helfe nur dem, der sich selbst helfe. Aber es sei ihm gewiß Ernst, den Evangelischen beizustehen, er habe auch besondere Liebe zu den tapferen Bauern in Österreich und er wolle ihnen einstweilen, bis er selbst käme, gute, zuverlässige schwedische Offiziere schicken, die mit dem Kriegswesen Bescheid wüßten. Er selbst habe viel auf dem Halse, müßte jetzt den Wallenstein erwarten, werde aber der Bauern nicht vergessen und wolle mit ihnen in Korrespondenz bleiben.

Auch sie wollten des Königs nicht vergessen, sagte Ecklehner, Gustav Adolfs Hand zum Abschied fassend. Sie wollten nichts als ihr Recht und ihren Glauben, Gott würde ihnen beistehn; sollte es nicht sein, so könnten sie nur vergängliches Gut verlieren, aber den Himmel dafür gewinnen.

Auf Oxenstierna hatte der Bauer einen sehr günstigen Eindruck gemacht. Mit solchen Leuten lasse sich etwas ausrichten, meinte er. Das sei etwas anderes als die deutschen Fürsten und Herren, die sich nur unter des Königs Schutz bereichern wollten.

Ja, wenn er ein Bauernkönig sein wollte, hätte er daheim bleiben können, sagte Gustav Adolf; vielleicht wäre das auch besser gewesen. »Rechnen Eure Majestät uns für nichts?« fragte Oxenstierna schmunzelnd.

Gustav Adolf lachte und kam dann wieder auf den Feldzug zurück. Er habe es sich wieder und wieder überlegt, sagte er, er könne sich nicht mit den Bauern impegnieren, bevor es sich mit Wallenstein entschieden habe. Durch den Herzog Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg habe er vernommen, die Böhmen wollten Wallenstein zu ihrem König machen; wenn das wahr wäre, so sei ja Wallenstein des Kaisers Feind und nicht der seine. Jetzt verlaute zwar, er werde sich mit dem Herzog von Bayern konjungieren; ob das aber glaublich sei? Vielleicht komme es zu einer Schlacht anstatt zu einer Konjunktion.

Ein paar Tage später, es war um die Mitte des Juni, kam die Nachricht nach Nürnberg, es habe bei Eger eine Begegnung und Aussöhnung Wallensteins und des Herzogs von Bayern stattgefunden. Wallenstein habe die Bedingung gestellt, daß er allein den Oberbefehl über die vereinigte kaiserliche und bayrische Armee führen wolle, selbst wenn der Kurfürst beim Heere wäre, und der Kurfürst sei darauf eingegangen. Dann hätten sich die beiden Fürsten im Angesicht ihrer Truppen umarmt und geküßt. Der Kurfürst, so lautete der Bericht, habe bei dieser Szene dem Bildhauer geglichen, der eine Statue habe erwärmen wollen; es sei aber leicht möglich, daß die Umarmung dieses verliebten Pygmalion etwas frostiger gewesen sei, als es den Anschein gehabt habe, wenigstens habe niemand einige Rührung oder Empfänglichkeit an dem friedländischen Standbilde wahrnehmen können.

Er würde an Wallensteins Stelle einen solchen Schimpf niemals verziehen haben, sagte Gustav Adolf gereizt. Das habe Wallenstein wohl auch nicht getan, meinte Oxenstierna.

So müsse es sich denn entscheiden, sagte der König, und sei es ihm je eher desto lieber. Wenn er alle seine im Reich verstreuten Truppen an sich gezogen hätte, glaube er der kaiserlichen Armada gewachsen zu sein.

*

Allmählich sammelten sich die Abteilungen des schwedischen Heeres, die in verschiedenen Teilen des Reiches lagen, auf des Königs Gebot in Nürnberg an; nur Bernhard von Weimar, der in Tirol stand, zögerte, weil es ihm nicht anstand, seine Eroberungen zu unterbrechen. Hierüber kam es zu einem heftigen Auftritt, indem der König ihn zur Rede stellte, Bernhard aber mit trotziger Miene entgegnete, er sei ein freier deutscher Reichsfürst, kein Dienstbote oder Bauer, und lasse sich von niemandem, wer es auch sei, an die Ehre greifen. »In Sachen des Kriegswesens«, sagte Gustav Adolf zornig, »sind Euer Liebden kein Fürst, sondern mein Oberst.« Er habe zu gehorchen wie jeder andere; wie er sonst ein Propositum ausführen könne, wenn jeder tue, was ihm beliebe? Der junge Herzog schwieg, aber keineswegs aus Unterwürfigkeit, sondern, wie es schien, um sich Widerspruch und Widerstand für gelegene Zeit zu bewahren; er kam dem König vor wie eine wilde Dogge, die verstohlen die Zähne fletscht, wenn sie den Herrn die Peitsche erheben sieht. Gustav Adolf erinnerte sich, denselben Ausdruck heimlicher Ungebärdigkeit an Bernhard wahrgenommen zu haben, als dieser ihm das erstemal aufwartete und Bewunderung und Eifer an den Tag legte, und wie er bei sich gedacht hatte, er sei fast noch ein Knabe und müsse gezogen werden; aber blieb ihm jetzt Zeit und Kraft übrig, den Zuchtmeister der deutschen Prinzen zu spielen? Und wie sollte er dieser stillen, geduckten Widersetzlichkeit begegnen?

Vom Kurfürsten von Sachsen erhielt der König einen Brief, wie er, Gustav Adolf, sich durch seine viktoriösische Tapferkeit ein monumentum immortalitatis gesetzt habe, wie der Kurfürst wohl wisse, daß der König nicht wegen des privatum, sondern zur Rettung des heiligen evangelischen Glaubens sein Leben wage, und wie er, der Kurfürst, dies zeitlebens in höchster Konsideration halten werde. Daß aber aus vielen leicht anzuziehenden Bibelstellen genugsam hervorgehe, wie der liebe Frieden ein gottseliges und höchsterwünschtes Gut sei und wie deshalb die Friedenstraktate nicht auf die lange Bank geschoben werden dürften, und so weiter.

Gleichzeitig schrieb der Resident aus Dresden, es sei offenkundig, daß die Verhandlungen Arnims mit Wallenstein unter Mitwissen des Kurfürsten stattgehabt hätten und noch fortgesetzt würden. Der Arnim rühre sich nicht, lasse das Land so verderben, daß sämtliche Räte und selbst Offiziere in den Kurfürsten gedrungen wären, er solle die Bauern bewaffnen, damit sie sich verteidigen könnten. Der Kurfürst habe aber im vollen Zorne gesagt, lieber als daß er die Bauern bewaffnete, möchte das Land zugrunde gehen; denn wenn die Bauern Waffen hätten, würden sie das Wild erlegen, das ihre Äcker verderbte, und könnte er keine Jagden mehr halten. Es glaube niemand, daß Arnim gegen Wallenstein das Schwert entblößen werde, oder es werde nur eine Spiegelfechterei geben. Der König müsse schleunigst kommen und mit Arnim aufräumen, auch die Offiziere selbst in Eid nehmen, um Unglück vorzubeugen.

Unmut und Sorge häuften sich zum Ersticken auf des Königs Brust. Hätte er geradeswegs in eine Schlacht reiten können! Das Stilliegen in der schwülen Ebene drückte jede Verstimmung tiefer ins Herz zurück.

Es war der Peter-und-Pauls-Tag, die dunklen Blätter hingen matt herunter, als ob die schwere Luft sie erstickte, und die stechende Hitze kroch wie Fiebergift durch den Körper der Erde. Als der König, die Stirn zusammengezogen, durch das Lager ging, näherten sich ihm ein paar Bauern, um sich wegen gestohlenen Viehes zu beklagen. Nachdem der König strenge Bestrafung nach dem Gesetze versprochen hatte, kam ein Hauptmann und bat, den Schuldigen, unter denen sich auch ein Rittmeister befand, die Strafe für diesmal zu erlassen. Das könne er nicht, sagte der König, er strafe nicht aus Haß, sondern um der Gerechtigkeit willen und damit die Unschuldigen nicht mehr, als ohnehin unvermeidlich sei, durch den Krieg litten; die Diebe sollten ohne Verzug den Tod erleiden.

Eine Reihe von Fürsten und Offizieren umgaben den König: Friedrich von der Pfalz, die Herzöge Wilhelm und Bernhard von Weimar, Graf Solms, die Schweden Banér und Horn und viele andere; sie bemerkten die außergewöhnliche Gereiztheit Gustav Adolfs und ein drohendes Blitzen in dem Blicke, den er über sie hinjagen ließ. Plötzlich ergriff er das Wort zu einer Ansprache etwa mit diesen Worten: Ich habe hören und lesen müssen, daß im Deutschen Reiche geklagt wird, der Schwede hause mit Mord und Brand, der Schwede verwüste das Land, der Schwede richte das Reich zugrunde, während ich doch auf Eure Klagerufe Euch zu Hilfe gekommen bin. Bin ich es, der das Reich verwüstet? Und wenn ich es wäre, so möchte es mir als einem Fremdling, den der Kaiser beleidigt und verfolgt hat, wohl hingehn. Aber ich bin es nicht, sondern ihr seid es, ihr seid die Diebe und Räuber, vom Geringsten bis zum Höchsten. Ja, ihr deutschen Herren und Fürsten seid es, die wie Wölfe das eigene Vaterland in Stücke reißen. Das Blut verwandelt sich mir zu Galle, wenn ich euch ansehe und euren Eigennutz, Habgier, Verrat und Untreue bedenke! Bin ich um meinetwillen auf einen Beutezug nach Deutschland gekommen? Ich habe Frankenland und Bayerland erobert und alles euch ausgeteilt, für mich habe ich nicht so viel behalten, wie ein Paar alte Stiefel wert sind!

An dieser Stelle hielt er inne und sah, wie seine Zuhörer die Köpfe hängen ließen; den Ausdruck ihrer Gesichter konnte er nicht erkennen. Er hatte sich so erregt, daß der Schweiß an seinen Schläfen hinunterlief, sein Herz schlug in starken, schnellen Schlägen, und er mußte ein leises Schwindelgefühl unterdrücken.

»Redlich gefochten habt ihr,« fuhr er nach einer Pause fort, »in der Schlacht seid ihr tapfere Kavaliere, und in diesem Punkte bin ich euch Dank schuldig.«

Am selben Tage benützte Friedrich von der Pfalz eine Gelegenheit, um zu Gustav Adolf zu sagen, seine Rede habe ihn sehr bestürzt gemacht, und wenn er seine Vorwürfe auf ihn gemünzt habe, so wisse er nicht, womit er sie verdient habe. Er wolle nichts, als daß ihm sein Land mit der Kurwürde zurückgegeben werde, darum werde ja der Krieg geführt, und es sei sein gutes Recht. Er sei schon mehrfach gewarnt worden, als habe der König andere Pläne mit der Pfalz; trotzdem habe er ihn, Gustav Adolf, nie gedrängt, um ihm nicht lästig zu fallen und weil er ohnehin wisse, Gustav Adolf werde ihm zur rechten Zeit schon geben, was ihm gehöre, und halten, was er ihm versprochen habe.

Er habe Friedrich nichts vorzuwerfen, antwortete der König, auch mit Wissen ihn nie beleidigt. Übrigens werde er niemandem vorenthalten, was ihm gehöre, solange aber der Krieg währe, müsse er alle von ihm eroberten Länder brauchen, wie wenn er ihr Herr wäre, sonst müsse er hier wie ein Räuber in den Wäldern irren, der in Höhlen lebe und sein Haupt auf nackte Steine lege.

Friedrich konnte sich nicht sofort darüber klarwerden, wie diese Worte des Königs auszulegen wären, und mochte doch nicht um eine deutlichere Bestimmung bitten. Je mehr er darüber nachdachte, desto bänger wurde ihm zumute. Er hatte niemals ein förmliches, ausdrückliches Versprechen von Gustav Adolf erhalten noch verlangt und sich auch etwas auf seine Zurückhaltung zugute getan; wie, wenn der König es nun nicht redlich mit ihm meinte? Aber wozu, dachte er, wäre er denn hier? Und warum wäre er Gustav Adolf überall wie ein Hündlein nachgezogen? Er war ihm heute erschienen wie ein Löwe oder Tiger, der einen plötzlich, wenn ihn der Hunger oder Zorn überfiele, mit einem Tatzenschlage niederwerfen und zerfleischen könnte. Mit wachsender Sehnsucht dachte er an die Zeit, wenn der leidige Krieg vorüber wäre und er in Heidelberg ausruhen könnte. Freilich brachte er seinen ältesten Sohn, seinen Liebling, nicht wieder, mit dem er vor dreizehn Jahren ausgezogen war; was lag im Grunde daran?

Unterdessen legte sich die Masse des Wallensteinischen Heeres vor Nürnberg. Wie ein stetig fallender Schnee sich allgemach höher aufbaut, bis er die Fenster einer Hütte überwächst, dann das Dach, und sie erstickt, so breiteten sich die Regimenter etwa zwei Stunden vor der Stadt aus. Der König von Schweden beobachtete in guter Laune, wenn auch ein wenig enttäuscht, wie fest und sorglich, als solle es für Jahre sein, der Feind sich verschanzte. Wallenstein habe keine Lust, sich zu schlagen, sagte er, und baue ihnen ein zweites Nürnberg vor die Nase. Man müsse geduldig warten, bis die Affenstadt des Spiels überdrüssig werde.

Bald jedoch zeigte es sich, daß das Land die angeschwollene Menschenmenge nicht ernähren konnte; etwa 60 000 Mann zählte das kaiserliche Heer, das schwedische etwa 70 000. Auf anfängliche Hitze folgten Gewitter, Regen und Kälte, das Obst reifte nicht und wurde, als Brot und Fleisch zu mangeln anfing, grün, wie es war, von den hungrigen Soldaten gegessen. Krankheiten verbreiteten sich im schwedischen Lager, und viele starben an der Ruhr. In der Stadt nahm Mißtrauen und Niedergeschlagenheit zu, wie die Kranken auf den Wunsch des Königs zu besserer Pflege hineingebracht wurden und zu der schon herrschenden Teuerung noch die Seuche eingeschleppt zu werden drohte. Einmal traf es sich, daß zwei kranken Soldaten das Quartier bei einem Barbier angewiesen war, der in einem kleinen baufälligen Hause nicht weit von der Stadtmauer wohnte; derselbe schloß die Tür vor ihnen zu und rief aus dem Fenster, er habe mit Frau und sieben Kindern nur zwei Zimmer, könne niemand mehr unterbringen, sie sollten weitergehen zu Leuten, die es vermöchten. Von den beiden Soldaten war der eine zu entkräftet, um weitergehen zu können, und kauerte sich in die Tür, wo er vor dem kalten Regen einigermaßen geschützt war. Der andere schimpfte und bat, man möge ihnen wenigstens ein paar Löffel Suppe oder Brot reichen, während der Barbier zeterte, der Kranke solle von seiner Schwelle, er bringe ihm die Pest ins Haus. Die Nachbarn hielten sich still, um nicht zur Hilfeleistung herangezogen zu werden; erst nach einer Stunde kamen ein Ratsbote und der Pfarrer des Viertels und redeten auf den Barbier ein, er solle seine Pflicht tun. Dieser öffnete die Tür nicht, sondern steckte nur sein spitzes Gesicht aus dem Fenster und schrie, er sei nicht verpflichtet, den Tod ins Haus zu lassen, und niemand könne ihn dazu zwingen, der Pfarrer solle es selbst tun, wenn er so mildherzig wäre. Er müsse sein Brot verdienen, es würde aber niemand sich bei ihm scheren oder sonst kurieren lassen, wenn er pestkranke Leute bei sich hätte. Die Kerle gehörten ins Spital, oder die Ratsherren und Pfarrer und andere reiche Hansen, die große Häuser und zu essen im Überfluß hätten, sollten sie zu sich nehmen. Als die Pfarrersfrau mit einem Topf Suppe kam, war der Soldat, der auf der Türschwelle lag, eben gestorben; seine Augen starrten nach oben, seine Hände waren krampfhaft geballt, und der Regen floß an ihm herunter. Eine alte Witwe erklärte sich nun auf Zureden des Pfarrers bereit, den anderen Soldaten aufzunehmen unter der Bedingung, daß er und andere gutherzige Leute ihr mit Speise und Trank ein wenig beiständen.

Am folgenden Sonntage strafte der Pfarrer den Barbier von der Kanzel herunter, indem er den Text vom barmherzigen Samariter anzog und augenscheinlich auf ihn blickte und deutete; allein der Barbier, der zierlich gekleidet und frisiert war, lächelte dreist und ließ seine Augen herausfordernd durch die ganze Kirche spielen. Auch in anderen Gemeinden ermahnten die Geistlichen ihre Pfarrkinder mit strengen Worten zur Barmherzigkeit gegen die schwedischen Soldaten, die ihr Vaterland, Weib und Kind verlassen hätten, um ihnen brüderlich beizustehn, da sie in Gefahr gewesen wären, Leib und Seele an die päpstliche Tyrannei zu verlieren; so sei es billig, daß sie wiederum den Unglücklichen in der Not mit allem, was sie vermöchten, zu Hilfe kämen.

Einige Tage später wurden mehrere Pfarrer auf das Rathaus beschieden und befragt, ob es an dem sei, wie verlaute, daß sie vom König von Schweden silberne Pokale zum Geschenk empfangen hätten, damit sie ihre Gemeinde zur Mildherzigkeit gegen die schwedischen Soldaten anhielten?

Pfarrer Leibnitz nahm das Wort und sagte, es verhalte sich allerdings so, daß die königliche Majestät einigen unter ihnen silberne Becher habe überweisen lassen, allein nicht unter Bedingungen oder als Belohnung, sondern aus angeborener königlicher Freigebigkeit und Gnade. Sie glaubten mit Annahme derselben nichts Unrechtes getan zu haben.

Ob sie denn nicht wüßten, sagte der Bürgermeister, daß es den Stadt-Angestellten verboten sei, von fremden Potentaten Geschenke anzunehmen?

Die Becher, sagte Leibnitz, wären Geschenke, wie sie ein reicher Mann einem armen wohl machen könne, und wären nicht mit Pensionen oder goldenen Gnadenketten zu vergleichen. Zwar sei es allbekannt, daß es viele Fürsten, Herren und Obrigkeiten im Reich gäbe, die dergleichen von fremden Potentaten und auch von der schwedischen Majestät angenommen hätten und annähmen. Auch die Stadt Nürnberg habe sich ja von dem König das Deutschordenhaus und die kaiserlichen und bambergischen Güter schenken lassen; um so weniger hätten sie die silbernen Becherlein anzunehmen Bedenken getragen, wodurch sie zu nichts verpflichtet wären und dem Dienste der Stadt keinerlei Abbruch getan werde.

Dergleichen Anzüglichkeiten und Subtilitäten vernehme man dieserorts nicht gern, sagte der Bürgermeister, sie sollten sich einfältig und ohne Ausschweifungen an ihre Bestallung halten. Man habe auch ungern vernommen, daß verschiedene Pfarrer bis in die Nacht hinein mit den schwedischen Offizieren pokulierten und in augenscheinlichem Rausch, ungestüm und mit lallender Zunge heimkämen. Das stehe christlichen Hirten nicht an, die ihrer Gemeinde das Vorbild eines tugendhaften Wandels aufstellen sollten.

Er für seine Person, sagte Pfarrer Leibnitz, nehme nicht mehr als einen Schlaftrunk vor dem Zubettgehn zu Hause zu sich.

Ja, das sei bekannt, sagte der Bürgermeister, daß er fleißig und fast übermäßig den Büchern obliege, man habe damit auch nicht auf ihn zielen wollen. Dagegen habe er wie verschiedene andere sonntags auf der Kanzel für den König von Schweden gebetet, dagegen das herkömmliche Gebet für die kaiserliche Majestät ausgelassen, was der Kaiser als einen Schimpf auslegen und was daher nicht geduldet werden könne.

Die Stadt stehe ja im Bündnis mit dem König von Schweden, sagte Leibnitz, und führe Krieg mit dem Kaiser; wie er denn mit Fug für den Kaiser beten könne?

Sie führten keineswegs Krieg mit dem Kaiser, sondern allein der König von Schweden, sagte der Bürgermeister. Sie wären eine kaiserliche Reichsstadt, wenn sie sich auch erlaubte Verteidigung gegen die Übergriffe kaiserlicher Soldaten vorbehielten. Auch sollten die Pfarrer, als Geistliche, sich politischer Distinktionen enthalten, deren sie weder befugt noch mächtig wären.

Nun brachten auch die übrigen Pfarrer vor, sie hätten geglaubt, der Stadt mit ihrem Gebet für den König von Schweden einen Dienst zu tun. Was denn aus der Stadt werden würde, wenn Gott dem Könige nicht den Sieg verliehe? Gott habe das wegen der erprobten und offenkundigen Frömmigkeit des Königs bisher getan; das Blatt könne sich aber wenden, und dann werde der Kaiser mit der Rache nicht sparen. Solches Unglück wollten sie mit Gebet abwenden.

Gebet in der Kammer und Gebet in der Kirche sei zweierlei, sagte der Bürgermeister. Man müsse dem Pöbel viele Dinge bescheidentlich sagen, die man unter verständigen Männern laut aussprechen dürfe. Auch sei bekannt, was für ein Schandieren und Lästern in dieser bösen Zeit im Schwange sei und wie auch das Unschuldige übel ausgedeutet werde. Sie könnten ja für den Sieg der evangelischen Sache oder für die Erhaltung des evangelischen Glaubens beten, mit unverfänglichen Worten, aus denen niemand der Stadt einen Strick drehen könne. Was die Becher anbelange, so müsse der Rat darauf bestehn, daß sie dem König zurückgegeben würden, damit den Rechten der Stadt kein Präjudiz geschehe und offensichtlich festgestellt werde, daß sie in des Rats und nicht in des Königs von Schweden Sold ständen.

Wie Woche auf Woche verging, ohne daß Wallenstein sich rührte, vermehrte sich des Königs Ungeduld und Unmut und die Niedergeschlagenheit der Stadt. Zuweilen brachten Überläufer oder Spione die Nachricht, es gehe etwas vor im feindlichen Lager, die Nahrung gehe aus, man rüste zum Aufbruch; aber es blieb unverändert und unbewegt.

Gegen das Ende des August beschloß Gustav Adolf einen Angriff, obwohl ihm seine Offiziere, namentlich Bernhard von Weimar, mit Hinweis auf die Unmöglichkeit, den verschanzten Berg zu erstürmen, abrieten. Der Erfolg gab ihnen recht, denn trotz aufgewandter Tapferkeit prallten alle Angriffe an dem Festungslager ab, einzig Herzog Bernhard gelang es, sich auf einer Anhöhe festzusetzen. Da es aber bereits gegen den Abend ging und der König die Vergeblichkeit des Kampfes eingesehen hatte, schickte er ihm die erbetene Verstärkung nicht, sondern befahl den allgemeinen Rückzug, ohne irgendeinen Gewinn aus dem verlustreichen Sturm gezogen zu haben. Er habe einen Fehler begangen, sagte der König am folgenden Tage, das sehe er ein; aber er wolle sich dadurch nicht entmutigen lassen, sondern sich bestreben, es durch glücklichere Taten wieder einzubringen. Wallenstein tat sich auf den Mißerfolg des Königs viel zugute; aber er suchte ihm persönliche Aufmerksamkeiten zu erweisen, wie er ihm denn einen gelegentlich eines Ausfalls gefangenen Offizier ohne Lösegeld zurückschickte. Derselbe erzählte, wenn man den Friedländer von ferne sehe, habe er zwar ein düsteres und gefährliches Aussehn; aber wenn er anfange zu konversieren, stelle er sich als ein höflicher Kavalier dar, mache auch Späße, nur an galanten trage er kein sonderliches Gefallen, lache aber nie laut. Er sei vorzüglich bewirtet worden, und Wallenstein habe ihm besondere Huld erwiesen, auch einmal etwas spöttisch gefragt, wie der König über seine Kriegführung denke. Der Kurfürst von Bayern habe sie anfänglich nicht approbieren wollen.

Durch den kaiserlichen Oberst Sparre, der in seine Gefangenschaft geraten war, ließ der König Wallenstein Friedensvorschläge machen; allein Wallenstein schob es von sich, indem er erwiderte, er müsse damit zuvor an den Kaiser gelangen. Es verlautete, der Kaiser wolle in der Sache den ehemaligen Administrator von Magdeburg, Markgrafen Christian Wilhelm, an Gustav Adolf schicken, mit dem er von früher bekannt war. Christian Wilhelm nämlich war in der kaiserlichen Gefangenschaft schnell unter vielen Tränenvergießungen katholisch geworden, beteuerte häufig, daß er nicht begreife, wie er sich zu so schweren Irrtümern und Abfall von Gott und dem Kaiser habe verführen lassen können, und suchte mit feuchten Augen eine Gelegenheit, diesen schwer beleidigten Majestäten durch willig geleistete Dienste seine Reue und Devotion zu erweisen. Indessen wurde die obenhin angebahnte Traktation von keiner Seite fortgesetzt.

*

Friedrich von der Pfalz lag krank an der Ruhr, die in Nürnberg umging. Er las ein französisches Buch über die Tugend der Frau; aber es unterhielt ihn nicht sonderlich und konnte seine vielfachen Sorgen nicht zerstreuen. Er hatte kürzlich wieder an seinen Schwager von England geschrieben und erwartete ungeduldig die Antwort, obwohl er im Grunde überzeugt war, sie werde nichts anderes als alle früheren Briefe, nämlich leere Vertröstungen enthalten. Das kränkte ihn nicht so sehr, wie daß Gustav Adolf jetzt so viel Gewicht auf die englische Hilfe legte; er erinnerte sich bestimmt, daß er anfänglich seinen Beistand niemals davon abhängig gemacht hatte. Wenn das ein Vorwand wäre, den Gustav Adolf brauchte, um die Pfalz für sich zu behalten? Nachdem er seine fiebernden Gedanken in diese Möglichkeit hineingebohrt hatte, verwarf er es alles wieder: ein so treuloses Verhalten des Schwedenkönigs war doch unmöglich, auch würde die Entrüstung der ganzen ehrliebenden Welt ihn zur Erfüllung seines Versprechens nötigen. Er, Friedrich, hatte so viel für den Glauben getan und gelitten; endlich einmal, dachte er, müsse er durchaus den Preis für seine Beharrlichkeit ernten. Er malte sich aus, wie es sein würde, wenn er mit den Seinen nach vielen Leiden, Fahrten und Kämpfen wieder in die Heimat einziehn würde. Die Frankenthaler würden ihre schmucken Häuser mit jungen Reisern bestecken und ihm und seiner Frau köstliche Schmucksachen darbringen, wie nur sie sie herstellen könnten, hübsche Mädchen würden vor ihnen aufziehn, würden sich und die ganze Pfalz seligpreisen, daß sie ihn wiederhätten, und ihm Glück wünschen. Dann, wenn das Heidelberger Schloß in Sicht käme, würde er es den Kindern zeigen und ihnen erklären: ›Seht, das ist das Fenster, aus dem die Großmutter uns weinend nachsah, als wir Abschied nahmen, und dort ist das Zimmer, wo Heinrich geboren wurde.‹ Seine Gedanken verdunkelten sich, und es kam ihm zum Bewußtsein, daß ihm eigentlich alles ganz, ganz gleichgültig sei. Vergebens versuchte er den Faden wieder aufzunehmen, der vorher so bunt geschimmert hatte. Wenn ihm wenigstens der alte Vater Solms entgegengekommen wäre! Es fiel ihm ein, daß ihm obliege, den Sohn des Grafen wieder in den Besitz seiner Güter zu bringen oder ihn dafür zu entschädigen. Was für Klagen und Bitten würden auf ihn eindringen! Er drehte sich seufzend in seinen Kissen nach der Wand.

Als er wieder wohler war, vertrieb er sich die Zeit damit, in die Läden der Goldschmiede zu gehen und sich zeigen zu lassen, was sie Neues verfertigt oder erhandelt hätten. Bei Christoph Ritter sah er ein Gehänge von Perlen, Smaragden und Rubinen, dessen goldgefaßtes Hauptstück auf der Rückseite das eingeätzte Bild eines geharnischten Ritters aufwies. Friedrich fragte nach dem Preis und fand ihn zu hoch; er habe es teuer bezahlt, sagte der Goldschmied, es sei ein seltenes Stück aus Augsburg. Die Witwe des österreichischen Ritters Hanns Khevenhüller, der kürzlich vor Freistadt in der Jungen Pfalz gefallen sei, habe es ihm angeboten, und er habe es aus billigem Mitleiden mit den armen Exulanten, die trotz ihres vornehmen Standes oft das liebe Brot nicht hätten, teuer bezahlt.

Um was der eine ärmer würde, sagte Friedrich, würde der andere reicher. Die Goldschmiede hätten das beste Leben, die Offiziere mit ihren Frauen wollten es doch alle den Fürsten gleichtun.

Der Goldschmied verschwur sich, daß er nicht viel mehr als ein Bettler sei, klagte über den Argwohn und die Strenge der Stadt und daß er einen Verweis erhalten habe wegen einer Lieferung goldenen Tafelgeschirrs an den Grafen Ossa, der doch ein alter Kunde von ihm sei. In diesen schlechten Zeiten dürfe ein armer Mann nicht so heikel sein, er würde auch dem Teufel einen eingelegten Bratspieß machen, wenn er zahlte. Ein jeder entschuldigte sich, wenn's ans Zahlen ginge; so hätte jetzt der oberpfälzische Marschall Hans Friedrich Fuchs von Winklarn, der wegen der Religion habe auswandern müssen und sich in Nürnberg niedergelassen habe, zu seiner Hochzeit mit der Sabina von Jagenreuth, einer Exulantin aus dem Österreichischen, vielerlei bestellt, Geschirr, Ketten, Schmuck und Tafelaufsatz, rede aber viel von seinen Einkünften, die von Bayern aus noch zurückbehalten würden, und von seinen Gütern, die er verkaufen müsse. Wer könne wissen, wie das auslaufe? Er traue nicht recht und habe doch nicht den Mut, die Lieferung zurückzubehalten. – Er dürfe schon trauen, sagte Friedrich lachend, Ritter Fuchs sei einer der reichsten unter seinen Vasallen; ohnehin werde die bayrische Okkupation nicht lange mehr dauern. Dabei betrachtete er die Gegenstände, unter denen ihm eine wie ein Pfau geformte mit Diamanten und Rubinen besetzte Agraffe besonders gefiel. Die möchte er wohl für sich haben, sagte er; er könne jetzt zwar auch nicht bar zahlen, aber es sei dem Christoph Ritter wohl bekannt, daß er nun bald wieder in Heidelberg einziehen werde. Der Kurfürst von der Pfalz werde ja wohl Kredit bei ihm haben.

Der Goldschmied wand und drehte sich, rang die Hände und schwur, daß er in den jetzigen Zeiten niemandem mehr Kredit geben könne, und wenn es der Herrgott wäre. Die Zeiten wären allzu böse, Gesetz und Glauben gölten nichts mehr, jetzt herrsche die Fortuna. Er holte aus einem verschlossenen Schranke eine in ein seidenes Tuch gewickelte kleine Figur hervor und stellte sie vor Friedrich auf den Tisch; auf einer Kristallkugel stand, die Spitze des einen Fußes aufsetzend, eine weibliche Figur aus vergoldeter Bronze, die in einer Hand einen Kranz, in der anderen einen Dolch hielt. Der Kranz war aus buntem Schmelz gearbeitet, der winzige Griff des Dolches, ebenso ein Diadem, das die Frau trug, mit kleinen Edelsteinen verziert. Er habe einmal gelesen, erzählte der Goldschmied, daß der römische Dichter Horaz die Fortuna mit einem Weibsbild verglichen habe, das seinen Liebling hinterrücks ersteche, nachdem es ihn bekränzt und geküßt habe; danach habe er in seinen Mußestunden das Kleinod verfertigt. Es brauche es wohl einmal ein Fürst oder reicher Herr in seine Kunstkammer.

Friedrich schob das kleine Kunstwerk zurück und drehte die Agraffe liebkosend in der Hand; er nahm sich vor, sie zu seinem Einzuge in Heidelberg bestimmt zu kaufen, wenn sie dann noch vorhanden wäre.

*

Pappenheim lag vor Hildesheim, um es den Schweden abzunehmen, als ein Brief aus Köln ihm die Nachricht von den Erfolgen der Schweden und Franzosen am Rheine brachte, daß Koblenz bereits erobert und das Kölnische bedroht sei. Eilig mahnte er in einem Schreiben die Stadt Köln, es nicht am altdeutschen Heldenmute ermangeln zu lassen und die seit uralter Zeit in ihr heimische katholische Religion zu stützen, entschloß sich dann aber doch, in Anbetracht der Wichtigkeit des gefährdeten Gebietes selbst zu seiner Rettung aufzubrechen. Es war ihm dies insofern lieber, als er dadurch einen Vorwand bekam, dem Kurfürsten von Bayern nicht zu gehorchen, der ihn schon mehrmals zum Schutze vor Gustav Adolf dringend zu sich berufen hatte; denn seitdem er nach seiner Trennung von Tilly unabhängig Krieg führte, hätte er sich auch keinem Oberfeldherrn, nicht dem Kurfürsten und nicht einmal Wallenstein mehr unterziehen mögen. Er wollte für sich allein irgend etwas Großes vollbringen, wodurch seine Stellung ein- für allemal gesichert würde, und dann, schwebte ihm vor, sollte Gustav Adolf irgendwie in seinen Umkreis verschlagen werden oder gar ihn aufsuchen, worauf er, um seine Taten zu krönen, ihn überwältigen würde. Die Besorgnis, gestört zu werden, hetzte ihn hierhin und dorthin, damit ihm ja nichts entginge; aber die kleinen Erfolge, die er errang, waren nicht das, was er brauchte, und er gestand sich, daß sie die Lage im ganzen nicht im mindesten zugunsten seiner Partei veränderten. Mehr und mehr schien es ihm, als sei Geldmangel die hauptsächliche Ursache, daß es nicht vorwärts wollte, und er sann und bohrte, wie er sich einmal ausgiebig davon verschaffen könne; denn die Kontributionen und Brandschatzungen, die ohnehin immer schmächtiger flossen, waren sogleich wieder zerronnen. Hätte er wie Wallenstein das Recht gehabt, Konfiskationen vorzunehmen! Oder wäre der Kurfürst, der ja genug hatte, weniger zurückhaltend gewesen! Er schrieb demselben Briefe über Briefe, wenn er ihm nur ein einziges Mal 100 000 Taler überwiese, so würde er, Pappenheim, die Welt in Erstaunen setzen und dem Kriege ein anderes Ansehn geben können. Maximilian gab zwar endlich nach, aber inzwischen, sagte Pappenheim, wären so viel Rückstände aufgelaufen, daß der Schnee, kaum er den Boden berührt hätte, wieder geschmolzen wäre. Da eröffnete sich ihm eine neue Aussicht, indem ihn die Infantin Isabella bat, die von den Staaten belagerte Festung Maastricht zu entsetzen, so sei sie erbötig, ihm nicht nur das Goldene Vlies zu verschaffen, sondern ihm auch 24 000 Taler monatlich auszuzahlen. Auf dem Wege nach Köln kam Pappenheim zu dem Schluß, daß er diese Gelegenheit, etwas Großes zu vollführen und Geld in die Hand zu bekommen, ergreifen müsse. Allerdings war es ein Wagnis und zugleich ein Unrecht, denn im Grunde war es seine nächste Pflicht, Bayern zu schützen, und ferner, da zwischen den Staaten und der Liga Neutralität bestand, konnte er seine Herren, die Ligafürsten, durch seine willkürliche Einmischung in große Verlegenheit bringen; aber das erste betreffend, so berief er sich auf gewisse Gerüchte, als sei Gustav Adolf in Bayern besiegt worden und also seine Hilfe nicht mehr notwendig, und übrigens würde ein großer Erfolg seine Eigenmächtigkeit rechtfertigen. Er schlug also den Weg nach den Niederlanden ein, der ihn durch das Herzogtum Jülich führte, und bat Wolfgang Wilhelm, als er nahe bei der Grenze war, ihm den Durchgang zu verstatten.

Dieser war ohnehin voll Mißvergnügen und Entrüstung. Die zweibrückensche Heirat hatte ihm von Seiten Gustav Adolfs durchaus nicht die verwandtschaftliche Berücksichtigung eingetragen, auf die er gerechnet hatte, vielmehr hatte der Schwedenkönig seine Bitte um Neutralität kühl beantwortet. Das Wort Neutralität, schrieb ihm Gustav Adolf, sei ein weiter Mantel, unter dem sich allerlei verstecke; es sei ja weltbekannt, daß seine Festungen Rheinberg und Orsau von den Spaniern besetzt seien, wie daß er sein Stammland Neuburg und die Erblande seiner Brüder, Sulzbach und Hildburghausen, wider die alten Verträge mittels Gewalt und List den Jesuiten ausgeliefert hätte. Wolfgang Wilhelm sagte sich, daß er diese Feindseligkeit der Anwesenheit seines Bruders August im Lager des Schwedenkönigs zuzuschreiben habe; der würde ihm genug Klagelieder über seine, des Ältesten, Ungerechtigkeit vorwinseln. Unter dem Neide dieser Brüder, sagte er sich, habe er nun einmal zu leiden, das hänge ihm von Haus aus nach; aber der große Trug und Undank, den er vom Kaiser und von Bayern erfahren mußte, erbitterte ihn weit mehr. Er antwortete Pappenheim mit gereizten Worten, er habe sich eines Angriffs oder Durchmarsches von den Kaiserlichen nicht versehen, da er mit dem Kaiser und der Liga in tiefem Frieden lebe und wegen vieler geleisteter Dienste eher auf Beförderung und Unterstützung als auf so unleidliche Perturbationen gerechnet habe. Hierauf teilte ihm Pappenheim das Anliegen der Infantin Isabella mit, das er als ein ehrliebender Kavalier nicht habe abschlagen können. Er sei sich wohl bewußt, schrieb er, was er dem Herzog schulde; denn der Herzog habe ihn seinerzeit durch sein beredtes Disputieren der alleinseligmachenden, wahren Religion zugeführt, wovon seine glückselige und ruhmreiche Laufbahn ihren Ursprung genommen habe. Wie er sich damals von ihm, dem Herzoge, habe überreden lassen, so solle dieser jetzt auf ihn hören und den gefährlichen und schwierigen Grundsatz der Verschonung oder Neutralität aufgeben, der der guten Sache des katholischen Glaubens und dem Kaiser überaus hinderlich sei.

Diesen Brief fand Wolfgang Wilhelm ziemlich trotzig und ungebührlich; denn was verstand Pappenheim von der Lage eines freien Reichsfürsten? Pappenheim machte sich leicht mit etlichen Narben, aufgegriffener Beute und aufgeblasenem Kriegsruhm bezahlt; was aber war sein Lohn, wenn er sich mit dem Kaiser einließ? Wenn er es je vergessen könnte, daß der Kaiser die pfälzische Kur, auf die er dem Grade der Verwandtschaft nach den meisten Anspruch besaß, an Bayern gegeben hatte, so häuften jene stets neue Unbill auf, indem der Kaiser die geheime Rebellion seiner Stände fomentierte und indem der Kaiser und Bayern nicht einmal seinen billigen Anspruch unterstützten, Jülich-Kleve allein, mit Ausschließung Brandenburgs, besitzen zu wollen.

Er wäre wohl bereit, schrieb er Pappenheim, offen auf des Kaisers Seite zu treten, doch müsse er sich dann die oberste Leitung des Kriegswesens vorbehalten, da er als ein Reichsfürst sich nicht wohl einem Geringeren unterstellen könnte. Diese Einbildung fand Pappenheim nicht wenig lächerlich, und ohne sich auf weiteren Schriftenwechsel einzulassen, überschritt er die Grenze, ließ auch seinen Soldaten bei ihrem Durchmarsche ein leidliches Plündern und Verwüsten ungestraft hingehen.

Voll Sorge, daß die Staaten diesen Durchzug als Bruch der Neutralität auffassen möchten, zog Wolfgang Wilhelm hinter Pappenheim her, um sich beim Prinzen von Oranien, der Maastricht verteidigte, zu entschuldigen; überhaupt unterbrach er den eintönigen Aufenthalt in Düsseldorf gern durch Reisen, zu denen bei den verwickelten Geschäften nie ein Anlaß fehlte.

Außer diesem vorwurfsvollen Fürsten folgten Pappenheim noch die Klagen des geängsteten Kurfürsten von Köln. Er würde es auszubaden haben, schrieb ihm dieser, an ihm würden die Holländer ihre Rache kühlen, und gerade von Pappenheim habe er sich solcher Untreue und Eigenmacht nicht versehen, dem er stets bei seinem Bruder von Bayern das Wort geredet, dem er erst kürzlich die 100 000 Reichstaler verschafft und ausgezahlt habe. Dem Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien gegenüber, der ein höfliches Erstaunen über Pappenheims Ankunft aussprach, verantwortete derselbe sich damit, daß Maastricht ein Reichsglied sei, welches er dem Reich nicht könne entfremdet werden lassen, obwohl er übrigens die Neutralität streng zu wahren im Sinne habe. Am allermeisten waren über Pappenheims unvermuteten Heranzug die beiden spanischen Feldherren, die vor Maastricht lagen, erbittert; was dem deutschen Tölpel in den Sinn komme, sich ihrer Angelegenheiten anzumaßen? Er solle nur, wenn er Lust habe, sich den Kopf an den holländischen Schanzen einrennen, sie wollten sich das Schauspiel gefallen lassen.

Pappenheim sank das Herz, als er inne wurde, daß die Spanier nicht daran dachten, ihm beizustehen. Indem er seine Lage überblickte, wurde ihm klar, daß er, da er allein nichts gegen die Holländer ausrichten konnte, sich aussichtslos in einen Knoten von Schwierigkeiten und Verlegenheiten verwickelt hatte. Vernunft und Vorsicht hätten erfordert, daß er sogleich wieder abziehe, ohne noch sein Heer durch einen ergebnislosen Sturm zu schmälern; aber es kam ihm unerträglich vor, gleichsam als ein Hund mit eingezogenem Schwanze davonzukriechen. Er wollte wenigstens die Tapferkeit und Wohldiszipliniertheit seiner Truppen ausweisen und den Spaniern vor Augen führen, wie schändlich es von ihnen sei, ihn aufzuopfern und seine guten Soldaten abschlachten zu lassen, ohne ihm beizuspringen. Im stillen hoffte er, sie würden ihren Sinn vielleicht doch noch ändern oder sich durch den einen oder andern kampflustigen Offizier fortreißen lassen, wenn er mit dem Angriff begänne.

Unterdessen war Wolfgang Wilhelm im Schlosse Geul, wo Friedrich Heinrich von Oranien sich aufhielt, höflich aufgenommen worden. Er werde die Neutralität des Herzogtums Jülich gern anerkennen, sagte der Prinz, sowie Wolfgang Wilhelm es gleichermaßen damit halte; wenn die spanischen Truppen Rheinberg und Orsau evakuierten, sollten auch seine Truppen aus Wesel abziehn. Vorab, das müsse Wolfgang Wilhelm einsehn, würde er gegen die Kriegsräson handeln, wenn er den Spaniern bei ihm freie Hand ließe. Es sei ihm, klagte Wolfgang Wilhelm, die Evakuation längst von der Infantin versprochen, aber immer noch verzögert worden; er sei jetzt auf dem Wege nach Brüssel, um sie zu mahnen. Über Pappenheim lachte der Prinz von Oranien; der sei den faulen Krieg im Reiche gewöhnt und halte sich für unüberwindlich. Dem König von Schweden habe er doch nicht standhalten können. Und was für ein seltsames Wesen und Abenteuern dieser Zug sei! Wenn einer seiner Untergebenen sich dergleichen unterfinge, ließe er ihm den Kopf vor die Füße legen. Übrigens würde er nichts als Schimpf und Schaden davon haben. Ob Wolfgang Wilhelm ihn nicht ins Lager begleiten wolle, um den Angriff besser beobachten zu können? Der Herzog hatte keine Lust, mit dem Kriege in nähere Berührung zu kommen, und die hochmütige Gelassenheit Oraniens ärgerte ihn, obgleich er Pappenheim die Niederlage gönnte; aber er mochte nicht nein sagen, stieg zu Pferde und begleitete den Prinzen bis zu einer Anhöhe, wo sie nach seiner Angabe nicht ausgesetzt wären. Die braven Pappenheimer marschierten ganz munter in den Tod, sagte Oranien, indem er Wolfgang Wilhelm sein Perspektiv reichte, damit er besser sehen könne; vielleicht habe Pappenheim ihnen vorher Wein gereicht, damit pflegten viele deutsche Feldherren ihren Völkern Mut zu machen. Der König von Spanien, sagte Wolfgang Wilhelm, werde nicht wenig ungehalten sein, daß seine Obersten sich nicht mit Pappenheim konjungiert hätten. Darüber lachte Oranien; der König von Spanien, sagte er, sähe es gern, wenn dem Kurfürsten von Bayern ein Tort geschehe; wüßten das die beiden Herren nicht, hätten sie sich wohl anders verhalten.

Pappenheim fieberte vor Zorn, besonders als ihm erzählt wurde, der eine von den spanischen Feldherren habe zum andern gesagt, Pappenheim sei ein vorzüglicher Seiltänzer, und er wolle dem König berichten, für die desperaten Kapriolen, die er vor ihnen aufgeführt habe, sei er wert, das Goldene Vlies zu erhalten. Da nach drei Tagen Maastricht an die Staaten kapitulierte, blieb ihm nichts übrig, als seinem absonderlichen Seitensprung nebst nachfolgender Katastrophe ein ehrenvolles Ansehn zu geben und etwaige üble Folgen zu verhüten. Deswegen bat er den Prinzen von Oranien, er solle doch, was er für Kaiser und Reich zur Rettung Maastrichts unternommen, den Kurfürsten von Köln nicht entgelten lassen, der die Neutralität eifrig und treulich zu halten gesonnen sei. Dann schilderte er dem Kurfürsten von Bayern das neidische und treulose Benehmen der Spanier, wie sich überhaupt niemand außer ihm der katholischen Religion so recht annehme, was für einen staunenswürdigen, geschwinden Zug er ausgeführt und wie der Geldmangel ihn zu diesem Unternehmen genötigt habe. Der Kurfürst, dem mittlerweile Gerüchte über Pappenheims tollen Zug zu Ohren gekommen waren, dachte daran, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen, sowie er ein wenig vor dem Feinde aufatmen könnte, und noch mehr entrüstet war Wallenstein.

Wolfgang Wilhelm setzte seine Reise nach Brüssel fort, wo er sich von den unangenehmen Eindrücken der letzten Zeit wieder erholte. Die Infantin versprach ihm, seinen Wunsch, die Evakuation der Festungen betreffend, bald zu erfüllen, und auch die hohen Geistlichen und vornehmen Damen, die er aufsuchte, überhäuften ihn mit Liebenswürdigkeit. Täglich erhielt er Einladungen und wurde als ein schöner, kunstverständiger und hochgebildeter Fürst gefeiert, entfaltete sein schönes Reden und machte den Damen nicht ohne Herablassung den Hof. Im Kreise der nach neuester Mode und mit großer Pracht gekleideten Schönheiten fiel ihm zuweilen seine kleine nonnenhafte Frau zu Düsseldorf ein und daß sie lernen müsse, so lieb ihm auch ihr unscheinbares Wesen im allgemeinen war, sich zuweilen fürstlich herzurichten. Indem er mit Hochachtung von ihrem Verstande und ihrer Tugend sprach, erkundigte er sich bei seinen Freundinnen nach den Näherinnen, die ihre Roben verfertigten, und woher sie ihre Spitzen, Handschuhe und dergleichen bezögen.

Unterdessen lebte Katharina Charlotte ein einsam eintöniges Leben in dem großen Düsseldorfer Schlosse. Sie bangte sich zuweilen nach ihrem Manne, obwohl sie sich allein in mancher Hinsicht wohler fühlte; denn wenn er da war, bedrückte sie seine Unzufriedenheit über dieses und jenes, zum Beispiel über ihren Verkehr mit dem reformierten Pfarrer, den sie mitgebracht hatte, oder über die reformierte Kinderfrau, die er stets für irgend etwas verantwortlich machte, womit sie gar nichts zu tun hatte, und diese Tadelsucht ließ sie nie zur Ruhe kommen. Nun saß sie abends am Kamin, in dem sie sich, obwohl es Sommer war, der Kälte wegen ein Feuer anzünden ließ, und spielte mit ihrem kleinen Kinde, bis es für die Nacht schlafen gelegt wurde. An den Wänden des hohen dunklen Zimmers hingen die Bilder der alten Herzöge von Kleve: Herzog Wilhelms des Reichen, der in Geistesschwachheit gestorben war, und seiner schwermütigen habsburgischen Gemahlin, Wolfgang Wilhelms Großmutter, im starren dunkelroten Kleide und mit weißem, angstvollem Gesicht, die so dastand, als ob sie sich vor dem Blick des Beschauers in die Mauer verkriechen möchte; ferner des letzten Herzogs Jan Willem, der in Melancholie und gefährlichem Blödsinn gelebt hatte, und seiner ersten Gemahlin, der badischen Jakobe, mit rotbraunen Haaren, die aussahen, als ob das Feuer der untergehenden Sonne darauf schiene, und von der man sagte, daß sie ihren Mann verzaubert hätte und daß sie geheimnisvoll ermordet worden sei. Diese gemalten Figuren wären ihr eine traurige und furchtbare Gesellschaft gewesen, wenn sie das Kind nicht gehabt hätte, das mit seinem kleinen, unschuldigen Leben wie ein Bild und Zeugnis von Gottes Gegenwärtigkeit war. Sie legte seinen zarten runden Körper gern auf den dunkelroten Teppich oder sah seine tiefdunkelblauen Augen in die hüpfende Flamme staunen, wie wenn es sie kennte und sie ihm vor namenlosen Zeiten einmal vertraut gewesen wäre; nur daß es so still lag und fast niemals lachte oder strampelte, ängstigte sie zuweilen so, daß sie die Kinderfrau rief, um ihre Meinung darüber zu vernehmen. Diese pflegte sie zu trösten und zu sagen, daß die schwächlichen Kinder oft zäh wären; freilich sei sie selbst, Katharina Charlotte, noch ein gar junges und gebrechliches Fräulein zur Ehe gewesen; man müsse es aber Gott anheimstellen.

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