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Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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In einem Zimmer des Schlosses Kaunitz, das sich Wallenstein nach seinem Geschmack und Bedürfnis hatte einrichten lassen, saß der Herzog im Gespräch mit Seni, der am Fenster stand. Der Schwedenkönig, sagte Seni, habe den Scheitel seiner Bahn noch nicht erreicht, er führe die großen Planeten Mars und Venus wie Hündlein am Bande hinter sich; nicht lange aber, so würden diese heidnischen Geister sich losreißen, und er würde jammervoll zu Tode stürzen. Ob sie dann einem andern dienstbar sein würden? fragte Wallenstein. Seni sah sorgenvoll aus dem Fenster; der Himmel sei allnächtlich voll Sturm und Wolken, sagte er, die Zukunft wolle sich noch nicht enthüllen. So solle Seni ohne Zeitverlust die Nativität des Königs von Ungarn stellen, sagte Wallenstein; er habe damit begonnen, aber die starken Schmerzen am Bein hätten ihn gehindert. Bevor er gehe, solle er den Vorhang dicht über das Fenster ziehen, damit er die kalte Luft nicht spüre. Ob er Licht befehle? fragte Seni. Nein, sagte Wallenstein, er wolle im Dunkeln sitzen; er leide zu starke Schmerzen, um zu arbeiten.

Sein Halbschlummer wurde durch den Eintritt seines Leibarztes unterbrochen, der nach dem Befinden des Herzogs fragte. Die Schmerzen wären so arg noch nie gewesen, sagte Wallenstein, sie gingen bis an den Hals hinauf. Es müsse anders werden. Der Leibarzt zündete eine Kerze an, stellte sie neben sich auf den Boden, wickelte den Verband um des Herzogs Bein auf und untersuchte die Wunde. Der Herzog müßte sich ruhig halten, sagte er, bis die Wunde vollständig geschlossen sei, sonst könne es nicht besser werden. Ob es denn kein Mittel gebe, den Prozeß zu beschleunigen? sagte Wallenstein. Der Leibarzt schüttelte den Kopf; das würde nicht gut sein, meinte er; der schädlichen Materie, die noch vorhanden sei, müsse ein Ausgang offen bleiben, verschließe man diesen gewaltsam, so würde sie nach innen steigen und endlich das Herz vergiften.

Ob er etwa in Gefahr des Lebens stehe? fragte Wallenstein scharf.

»Das tun wir alle zu jeder Stunde«, sagte der Arzt, der das kranke Bein noch auf seinem Schoße hielt.

»Mensch,« sagte Wallenstein nach einigen Augenblicken des Schweigens, »wenn dir dein Leben lieb ist, so sage mir auf dein Gewissen, als wenn du vor Gott ständest, wie lange du mir noch zu leben gibst.«

Der Arzt besann sich eine Weile und sagte dann: »Wenn der Leib von Euer Fürstlichen Gnaden ein Pferd wäre und Euer Fürstliche Gnaden wäre ein adliger Herr, so es kaufen wollte, würde ich ihn warnen, daß er es nicht zu teuer bezahlte, denn länger als drei Jahre würde er es schwerlich mehr reiten können.«

»Ist das gewiß?« fragte Wallenstein, indem er den Atem anzog und sich langsam in seinen Sessel zurücklehnte.

»Nein,« sagte der Arzt, »das ist das Urteil eines gebrechlichen Dieners Eurer Fürstlichen Gnaden. Daneben steht es bei Gott, Wunder zu tun.«

Er hatte inzwischen das Bein des Herzogs wieder umwickelt, stand auf und sagte, das Feuer im Kamin sei erloschen; ob er nicht einen Diener schicken solle, es frisch anzuzünden? Der Abend sei kühl.

Wallenstein schüttelte den Kopf und hob die Hand ein wenig, zum Zeichen, daß der Arzt sich entfernen solle.

Eine Zeitlang blieb er mit geschlossenen Augen sitzen, dann öffnete er sie wieder und sah sich langsam in dem dämmrigen Zimmer um. Durch das hohe, schmale, von schwarzem Tuch umrahmte Fenster fiel trüber, gelber Schein, der den Winkel, wo er saß, nicht erreichte; nur das Messinggestell, das eine Himmelskugel faßte und auf dem Tische stand, entzündete er zu gelbem Glimmen. Die Wände waren, um Geräusche abzuhalten, überall mit schwarzem Tuch verkleidet, nur ein Teil war von einem Gobelinteppich bedeckt, der das Paradies vorstellte. Auf der einen Seite sah man Löwen, Elefanten, Papageien und Meerkatzen, die mit lächelnden Gesichtern bunte Früchte von Palmbäumen pflückten, auf der anderen Seite die Vertreibung Adams und Evas, über deren tiefgebeugten Nacken sich eine Mähne ährengelber Locken ergoß. Die Dunkelheit schien diese Szenen mit einem Zauberstabe berührt und inmitten ihrer Wonne und Trauer entseelt zu haben. Während Wallenstein darauf hinstarrte, ging es ihm durch den Sinn, wie er vor vielen Jahren durch die heiße friaulische Ebene nach Venedig gefahren war und wie er mit dem nun verstorbenen Astronomen Argoli auf der Zinne seines Hauses in Padova, von einem mächtigen Sternenhimmel umflammt, gesessen hatte. Es war ihm, als sei das gestern gewesen; und doch sollte ihm seitdem das ganze Leben entronnen sein?

Und wo war die prophezeite Herrlichkeit?

Von neuem verfiel er in einen unruhigen Schlummer, aus dem ihn plötzlich das Gefühl schreckte, als sei jemand im Zimmer. Wie er sich scheu umblickte, glaubte er in den schweren Falten des Tuchvorhangs etwas stehen und ein fahles Antlitz lächeln zu sehn. War das der Tod, dessen kühlen, weichen Blick voll nachsichtigen Hohnes er fühlte? Er erhob sich, so schnell er vermochte, und setzte die Glocke, die auf dem Tische stand, in heftige Bewegung. Ob jemand eben sein Gemach verlassen habe? fragte er den herbeieilenden Diener. Nachdem der Astrolog und der Leibarzt sich entfernt hätten, sagte der, sei niemand aus- oder eingegangen. Aber gerade jetzt sei der Herr von Bubna angekommen und frage, ob der Herzog ihm eine Audienz gewähren wolle.

Der Herzog befahl, ihn einzulassen; gleichzeitig trug er dem Diener auf, Feuer im Kamin zu machen und ihm einen Mantel zu bringen, damit er sich inzwischen erwärme.

Nun, sagte Wallenstein, indem er Bubna die Hand reichte, sein alter Schulkamerad, nämlich Bubna, sei treuer als dessen vielgeliebter und hochgerühmter König. Der hätte ihm große Promessen gemacht und nichts gehalten. Ein Glück, daß er von vornherein nicht getraut habe.

Bubna entschuldigte Gustav Adolf: wenn Wallenstein den Kriegsverlauf genau kennte, würde er zugeben, daß der König so viel Volk nicht hätte entbehren können.

Der Diener trat ein und wollte Wallenstein den Mantel umhängen, wurde aber zurückgewiesen. Er wolle nicht den schwarzen, sagte der Herzog, sondern den Scharlachmantel, der mit Hermelin gefüttert sei.

Der König habe auch gehofft, fuhr Bubna fort, daß Wallenstein sich einstweilen das sächsische Heer belieben lassen würde. Er wisse ja, daß er an Arnim einen ergebenen Diener habe.

O ja, wenn nur der Arnim einen anderen Herrn hätte, sagte Wallenstein lachend. Das sächsische Heer verhalte sich zu einer rechten Armada wie ein Knüttel zu einem Schwert; das sei seine Sache nicht.

Aber es sei doch wohl nicht möglich, sagte Bubna, daß Wallenstein wieder Kaisers Dienst annähme?

»Warum sollte das nicht möglich sein?« entgegnete Wallenstein. »Ihr habt es nicht besser um mich meritiert, da ihr mich mit eurem Schwatzen in Wien zum Schelmen gemacht habt. Ich hätte mich leicht zwischen zwei Stühle setzen können.«

»So sollen wir unsere teuren Hoffnungen verfließen sehn?« fragte Bubna.

»Wenn ich mich mächtig mache,« sagte der Herzog, »so kann ich euch mehr nützen, als wenn wir auf den Favor und die Kapricen des Königs von Schweden warten müßten. So viel ist sicher, wenn ich vom Kaiser etwas annehme, so muß es die Diktatur sein; denn ich will vorsorgen, daß kein Feind mich besiegen und kein falscher Freund mich stürzen kann.«

*

An der Mittagstafel im bischöflichen Schlosse zu Mainz, wo Gustav Adolf Quartier genommen hatte, war für mehrere fürstliche Gäste gedeckt, nämlich für Friedrich von der Pfalz, der schon vor mehreren Tagen angelangt war, und für den Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt, der es übernommen hatte, zwischen den Kriegführenden Frieden zu stiften, und für diese Sache großen Eifer an den Tag legte. Während des Essens redete er ein langes und breites über den kläglichen Zustand Deutschlands, über das Mitleiden, das er mit der notleidenden Armut trage, und wie er mit Hintansetzung seiner Ruhe und Sicherheit umherreise, um den lieben Frieden zu begründen. Er wisse wohl, sagte er, dem Könige sei von friedhässigen Leuten Widerwärtiges über ihn berichtet, als liebe er den König nicht, halte verräterisch zum Kaiser und befördere wohl gar den papistischen Glauben; das verhalte sich aber anders. Zwar sei er durch festverklausuliertes väterliches Testament gebunden, jederzeit in der Devotion des Kaisers zu bleiben, und da er mächtige katholische Fürsten zu Nachbarn habe, könne der König sich einbilden, daß er gute Freundschaft mit diesen halten müsse, wenn es nicht über sein Land hergehen sollte; übrigens aber meine er es gut mit den Evangelischen und wolle sich nichts mehr angelegen sein lassen, als das Wohl des Königs zu betreiben. Er beanspruche nichts für seine Mühewaltung, als daß sein Land in der erwünschten Neutralität belassen werde; für sich wolle er nichts, denn er handle ja nicht aus Vanigloriosität oder dem leidigen Partikularinteresse, sondern aus amor boni publici, und daß das bonum publicum der liebe Friede sei, werde doch gewiß niemand in Abrede stellen.

Gustav Adolf, der mit steigender Ungeduld zugehört hatte, fiel dem Landgrafen laut ins Wort: Das sei eine wunderliche Rede gegen ihn, der mit dem Schwert in der Hand hierhergekommen sei. Ob er dafürhalte, daß er, Gustav Adolf, aus Partikularinteressen Krieg führe? Was für Interesse er wohl daran habe, das Blut seines Volkes und sein eigenes auf die schwanke Waage des Kriegsglücks zu setzen? Und wo unter dem lieben Frieden wohl der evangelische Glaube hingekommen wäre? Wenn er die Historien kenne, müsse er wissen, daß Saul, weil er den besiegten Amalekiterkönig geschont habe, von Gott wegen seiner Undankbarkeit gestraft und von der Regierung gebracht worden sei. Gott verleihe einem das Kleinod des Sieges nicht, daß man es wie ein schlechtes Almosen wegwerfe. Die Geschichtschreiber aller Zeiten hätten Hannibal stark mißbilligt, daß er seinen schönen Sieg bei Cannae nicht verfolgt und ausgenützt habe und nicht sofort auf Rom gezogen sei. Wer jetzt vorzeitig nach Frieden schreie, den müsse er für einen Papisten und Spanier und für seinen Feind ansehen. Das sage er frei heraus, damit es sich jeder merken könne, bevor er nicht seinen Freund und Vetter, den Landgrafen von Hessen-Kassel, und seinen lieben Vetter, den König von Böhmen, restituiert oder entschädigt hätte, würde er das Schwert nicht niederlegen.

Landgraf Georg war vor Schrecken und Ärger bleich geworden, versuchte sich aber zu fassen und sagte gegen Friedrich von der Pfalz gewendet, der an der Seite des Königs saß, er werde sich aufrichtig freuen, wenn Friedrich nach so vielen Drangsalen sich wieder in seinem Lande erquicken könne. Da er sich bei diesen Worten der Anrede ›Euer Liebden‹ bediente, fuhr ihn Gustav Adolf von neuem an: er solle dem König von Böhmen und Kurfürsten von der Pfalz den Titel geben, der ihm gebühre; er, der Landgraf, habe kaum einen Bart ums Maul und sei noch viel zu jung, um Leuten, die mehr als er wären, ihre Titel zu entziehen.

Der Landgraf schwieg und blickte auf seinen Teller; bei dem Bankett, das Friedrich am folgenden Tage gab und zu dem er geladen war, erschien er nicht.

Als Friedrich nach Tische mit dem Könige in einem Seitenzimmer allein war, dankte er ihm für die Genugtuung, die er ihm verschafft habe. Dem Landgrafen Georg gönne er den Schimpf, dieser lutherische Papstknecht mache ihm übel. Übrigens liege ihm an dem böhmischen Königtum nichts mehr, er habe es der Religion zuliebe angetreten und sei mit Undank von allen Seiten gelohnt worden, könne er dem Könige eine Gefälligkeit damit tun, trete er es gern ab. Ob der König denn mit Wallenstein einig geworden sei? Nein, sagte Gustav Adolf, Wallenstein habe sich zu lange besonnen, er brauche ihn nun nicht mehr. Übrigens werde Wallenstein ihm schon wieder kommen; daß die böhmischen Emigranten ihn zum Könige wollten, leide keinen Zweifel, er ziere sich nur noch ein wenig.

Der sächsische Gesandte, von Einsiedel, der den Auftrag hatte, Gustav Adolf wegen der Friedensbedingungen auszuhorchen, erfuhr, daß die Fürsten bei Tafel aneinandergeraten wären, und war peinlich berührt, als er des Königs erhitztes und drohendes Gesicht sah. Einsiedels Versicherungen von der unwandelbaren Bundestreue des Kurfürsten Johann Georg nahm er ungeduldig entgegen; er zweifle nicht, daß der Kurfürst sein und aller Evangelischen wahres Interesse jetzt erkannt habe, sagte er, und hoffe, daß der Kurfürst seinerseits von seiner, des Königs, Friedensliebe überzeugt sei. Er wünsche den Frieden von Herzen, aber nur einen solchen, der Bestand haben könne, keinen löcherigen oder zusammengeflickten, aus dem zugleich ein neuer Krieg herausschlüpfe.

Der Kurfürst, sagte Einsiedel, habe gegründete Hoffnung, daß der Kaiser sich zur Aufhebung des Restitutionsediktes werde bereit finden lassen; überhaupt habe er es ja gleichsam wider Willen und nur den geistlichen Fürsten und Jesuiten zuliebe erlassen.

Es herrsche eine wunderliche Gewohnheit bei den Fürsten im Reich, sagte Gustav Adolf, die Güte und Milde des Kaisers zu preisen, selbst wenn er ihnen das Brot aus der Hand und den Kopf vom Halse reiße. Die Mecklenburger, denen er, Gustav Adolf, ihr Land wiedergegeben habe, hätten auch kürzlich ein Schreiben ausgehen lassen, wie sie den Kaiser liebten und wohl wüßten, daß er an allem unschuldig sei, was sie betroffen hätte. Dagegen wenn ein schwedischer Soldat aus Hunger einem Bauern ein Huhn aus dem Stalle hole, fingen sie gleich alle an zu zetern.

Einsiedel entschuldigte die Anhänglichkeit des Kurfürsten an den Kaiser mit der altbewährten Politik, die ihm gleichsam von seinen Vätern aufgeerbt sei. Ebenso treu und ehrlich gedenke er nun seinen Bund mit dem Könige zu halten.

Das hoffe er, sagte der König, und kam dann wieder auf den Frieden zu sprechen. Eine Hauptbedingung sei die Restitution des Königs von Böhmen in seine Erblande nebst der Kurwürde und die Restitution der böhmischen Emigranten. Davon könne er keinesfalls abgehn, wenn der Apfel dem Kaiser auch sauer vorkommen werde.

Es werde sich hoffentlich ein Weg dazu finden lassen, meinte Einsiedel. Was dem Kurfürsten hauptsächlich auf dem Herzen liege, betreffe die königliche Würde von Schweden. Der Kurfürst sei sich wohl bewußt, daß die Evangelischen dem König nie genug danken könnten für alles, was der König für sie gewagt und geopfert habe, und doch würde es unleidlich sein, nicht wenigstens einen Teil der Dankesschuld abzutragen. Ob der König ihm nicht mit einem Wink zu Hilfe kommen wolle, wie man sich gegen ihn erkenntlich zeigen dürfe?

Der König betrachtete den Gesandten scharf. Ja, das sei das punctum saliens, nicht wahr? sagte er. Und wie gedenke denn sein Herr ihn abzufinden?

Nach einigen Weiterungen kam Einsiedel damit heraus, Pommern, habe der Kurfürst gemeint, müsse dem Könige wohl gelegen sein; und wenn Brandenburg etwas dawider habe, könne es ja sonst irgendwie abgefunden werden.

So! sagte Gustav Adolf auflachend, Pommern! Ja, allerdings stehe ihm das an. Und was der Kurfürst gemeint habe, das aus dem Herzogtum Franken und dem Erzbistum Mainz werden solle?

Der Kurfürst habe es anständig gefunden, sagte Einsiedel zögernd, daß nicht er, sondern der König in solchen Fragen das erste Wort spreche.

Als der Gesandte abgefertigt war, warf sich Gustav Adolf tief atmend in einen Sessel und ließ Oxenstierna rufen. Er sei der deutschen Fürsten müde, sehr müde, sagte er. Hätte er ihre Feigheit und Falschheit gekannt, wäre er nicht über das Meer gekommen. Kaum habe er sie aus der ärgsten Not befreit, so erschalle von allen Seiten das Geschrei nach Frieden. Sie hätten sich die Gerichte munden lassen, die er ihnen aufgetischt hätte, und nun es dazu komme, die Zeche zu zahlen, wolle keiner dabeigewesen sein.

Dem Kurfürsten von Sachsen mache wohl des Königs Verbündnis mit den Weimaranern Sorgen; denn die hätten alle beide nicht vergessen, daß vor hundert Jahren die Kur noch bei denen von Weimar gewesen sei.

Die Weimaraner dürfe er nicht zu übermütig werden lassen, sagte der König; bei jeder Reverenz, die sie ihm machten, gäben sie acht, daß sie den Buckel ja nicht zu tief krümmten.

Daran lasse es Herzog Georg von Lüneburg nicht fehlen, sagte Oxenstierna, aber zu trauen sei ihm auch nicht. Sie fänden alle das Wörtlein von der schwedischen Oberhoheit unverdaulich für ihren Magen.

Ja, sagte der König, die wolfenbüttelschen Gesandten hätten ihn als einen Moses und Gideon tituliert, wie sie aber im Vertrage dies Wörtlein gefunden hätten, hätten sie lange Gesichter gemacht und ihn wohl plötzlich für einen Herodes angesehen. Und es sei doch nicht seine Schuld, daß sie sich selber nicht helfen könnten! Dem Herzog Georg traue er vollends nicht, dem habe der Dreck von Wien noch an den Stiefeln gehangen, als er in Würzburg bei ihm angekommen sei.

Der König müsse ihm nur die Taschen ordentlich füllen, sagte Oxenstierna behaglich. Er habe bereits ein schiefes Maul gezogen, weil der König das Eichsfeld und Minden, das er ihm versprochen gehabt habe, jetzt dem Landgrafen von Hessen zuwenden wolle.

So, so, sagte Gustav Adolf; nun, es komme nicht so genau darauf an, man müsse nur den knurrenden Bestien einstweilen einen Fetzen Fleisch zeigen. Hessen-Kassel dürfe nicht enttäuscht werden, und da er aus Rücksicht auf Sachsen dem Darmstädter wohl die Landesteile lassen müsse, die er Hessen-Kassel geraubt habe, müsse er Hessen-Kassel einen anderen Ersatz schaffen; es könne ja aber Paderborn und Fulda bekommen, die sagten ihm als Nachbargebiete zu.

Oxenstierna äußerte vorsichtig die Meinung, im großen und ganzen könne der König den Frieden auf Pommern abstellen, wenn etwa noch ein paar Tonnen Gold als Entschädigung dazukämen, es sei ein gar zu ungewisses und beschwerliches Handeln mit den Reichsfürsten; allein der König fuhr heftig auf, Oxenstierna solle nicht reden, als ob er ein Emissär seiner Feinde sei. Er habe den Herd nicht geheizt, um einen Knödel zu sieden. Er wolle nicht ruhn, eh er nicht eine solche Verfassung im Reich hergestellt habe, wie sie zur Konservation des evangelischen Glaubens notwendig sei. Auch könne er seinen treuesten Bundesgenossen, den Landgrafen Wilhelm, nicht im Stiche lassen, der wisse, was er wolle, und ergreife die rechten Mittel dazu, sei ehrlich, klar und wahr. Er rief seinen Sekretär Sattler und ließ ihn das Gutachten der hessischen Räte über die Friedensbedingungen vorlesen, dessen Hauptpunkte etwa folgendermaßen lauteten: Nicht nur die im Besitz protestantischer Fürsten befindlichen geistlichen Güter sollten säkularisiert werden, sondern auch die der katholischen; die Kaiserwahl dürfe nicht mehr von den Kurfürsten abhängen, sondern von den Fürsten insgesamt; die Jesuiten, welche die Brandstifter des Krieges und überhaupt Anrührer und Schürer jedes Zerwürfnisses im Reiche wären, müßten, sowie die Spanier, auf ewige Zeit aus dem Reiche verwiesen werden. Auch nach geschlossenem Frieden müßten die evangelischen Fürsten ein besonderes Korpus mit dem König von Schweden als Haupt oder Direktor bilden, damit die neue Verfassung Bestand hätte.

Was aus der hessischen Kanzlei komme, sagte der Sekretär, das sei alles gründlich durchdacht und verständlich abgefaßt; da sei nicht wie bei den andern mit vielen schweren Wörtern Staub aufgewirbelt, um den Sinn und Inhalt zu umnebeln.

Man spüre den Geist des alten Landgrafen Moritz darin, sagte Oxenstierna; der regiere wohl noch aus seinem abseitigen Winkel.

Als Landgraf Wilhelm nach Mainz kam, erklärte sich Gustav Adolf mit dem von ihm entworfenen Projekt über die Neugestaltung des Reiches einverstanden. Daß er selbst das Haupt des evangelischen Korpus werde, sei nicht unbedingt notwendig, sagte er; die evangelischen Fürsten könnten auch einen aus ihrer Mitte dazu bestellen, der dann mit ihm ein festes Bündnis schließen müsse.

Landgraf Wilhelm lächelte halb traurig, halb spöttisch. An wen der König dabei denke? fragte er. Etwa an Sachsen oder Brandenburg? Was ihn betreffe, abgesehen davon, daß sein Land viel zu gering zu solcher Würde wäre, so sehe der König wohl, daß er die herkulischen Schultern nicht hätte, um solche Last zu tragen.

Der König betrachtete das schmale hübsche Gesicht des Landgrafen und seine schlanke Gestalt, die sich leicht unvermerkt ein wenig vornüber neigte, mit Anteil. Die süße Frucht seiner Gedanken, sagte er, müsse doch auf einem rüstigen, ausdauernden Stamme wachsen, wenn er nach seinem Vater arte.

Landgraf Wilhelm schüttelte den Kopf; dieser erhabene Baum, sagte er, sei nun auch gebrochen und werde bald von der Erde verschwunden sein. Übrigens könne er sich weder mit seinem Vater noch mit seiner Frau vergleichen. Er sei stets als ein schwacher Gaul mit stolzen, ungestümen Rossen zusammengespannt gewesen und müsse alle Kraft gebrauchen, um Schritt zu halten. Vielleicht gehe ihm bald der Atem aus, und er müsse am Wege liegenbleiben; inzwischen denke er mit dem Helden Achilles: ein kurzes heroisches Leben sei besser als ein langwieriges Lottern auf dem Faulbette.

*

Unter den Hexen in Bamberg befand sich eine, die, obwohl sie nicht kräftig, sondern zart gebaut und mager war, doch die Folter bestand, ohne sich schuldig zu bekennen oder zu sterben, was niemand gerade von ihr für möglich gehalten hatte. Sie hatte unter der Qual fortwährend an ihr Heim gedacht, wohin sie so gern zurückkehren wollte: es war eine Wirtschaft mit einem Garten, der an Feiertagen voller Gäste war und womit sie ihr gutes Auskommen hatten. Es freute sie, das Durcheinandersummen der lustigen Stimmen und dazwischen das laute Gelächter ihres Mannes zu hören; abends gab es oft Schlägerei, aber im allgemeinen ging es ehrbar und ordentlich zu, worauf sie stolz war. Ihre beiden Töchter ließ sie nicht bedienen, obwohl die eine Lust gehabt hätte, und der Vater schmunzelte, wenn die hübschen Mädchen gerühmt wurden. Die schönsten Tage waren, wenn die Äpfel, Nüsse und Pflaumen geerntet wurden; mußte sie sich auch dabei anstrengen, so war es doch ein Vergnügen, den Mann und die Töchter, die rotbäckig und rüstig waren, stramm unter den schweren Bäumen hantieren zu sehen. In der Gefangenschaft malte sie sich wieder und wieder aus, wie sie aufschreien und die Hände zusammenschlagen würden, wenn sie plötzlich daherkäme; wie die eine Tochter zum Herde laufen und ihr ein gutes Essen kochen, während die andere das Bett rüsten würde, damit sie nach langem Jammer wieder einmal eine Nacht in einem rechten Bett schliefe.

Es kam jedoch ganz anders; denn zuerst erkannte sie niemand, und hernach graute es ihnen vor ihr, weil sie krumme Glieder, rote Augen und ein gelbes, eingedörrtes Gesicht bekommen hatte. Nachdem sie einen Tag zu Hause war, schien es ihr fast, als habe sie es in dem höllischen Trudenhause dennoch nicht so schlimm wie hier gehabt. Ihr Mann hatte eine Liebschaft mit einer jungen Kellnerin angefangen, die er geheiratet hätte, wenn sie verbrannt worden wäre, und die Töchter trieben sich im Garten zwischen den Gästen umher, hatten sich an ein lustiges Leben gewöhnt und wollten sich nicht mehr hineinreden lassen. Wenn sie nun auch zu allem schwieg und alles gehen ließ, so war doch ihre bloße Anwesenheit lästig; denn weil sie wie eine leibhaftige Hexe aussähe, meinte der Mann, so werde sie die Gäste vertreiben.

Eines Tages kam die jüngste Tochter weinend gelaufen und sagte ihr, die Häscher kämen, sie wieder ins Trudenhaus abzuholen, weil es doch nicht richtig mit ihr sein solle; ihr Vater würde sie schlagen, wenn er erführe, daß sie es ausgeschwatzt habe, aber sie könne nicht anders, die Mutter solle schnell mit ihr kommen und sich im Speicher, wo sie schon einen Winkel wisse, verstecken. Die Frau schüttelte den Kopf und sagte, nein, sie solle es gut sein lassen, sie wolle sich nicht mehr die Mühe machen mit dem Verbergen; bis die Tochter endlich böse wurde und es aufgab. Also wurde sie wieder in das Trudenhaus gebracht und blieb dort, bis die Schweden in Bamberg einzogen.

Als General Horn durch die Stadt ritt, um sich die Gelegenheit wegen der Quartiere anzusehen, fragte er nach dem Trudenhause, was das sei? Man solle es zur Einlagerung frei machen, die Hexen könnten anderswo untergebracht werden. Der Bürgermeister war sogleich damit einverstanden, es wären ohnehin nur noch wenige darin, die wohl in das gemeine Gefängnis gesteckt werden könnten. Beim Aufschließen der Zellen ergab sich, daß noch acht alte Weiber und ein Mann vorhanden waren, die während der Kriegsbeschwerden in Vergessenheit geraten waren und mit blöden Gesichtern, halb verhungert ans Licht kamen. Horn fragte erstaunt, was diese armen Leute getan hätten? Man solle sie ins Spital schicken oder mit einem gereichten Zehrpfennig laufen lassen. Ein Gerichtsassessor gab zu erwägen, man könne sie nicht wohl ziehen lassen, bevor sie den Eid de non vindicando carcere geschworen hätten, nämlich, daß sie sich wegen erlittener Gefangenschaft und Drangsal nicht rächen wollten; hernach wolle man ihnen aus untertäniger Dienstwilligkeit gegen den General den Laufpaß geben. Man sollte doch, sagte Horn, die Justiz mit solchen Weitläufigkeiten nicht beladen. Bis zum Nachmittage wolle er ihnen Zeit lassen, dann aber müsse das Haus geräumt sein.

Die Frau ging, nachdem den Gefangenen die Tür geöffnet worden war, mit ihren verkrüppelten Füßen langsam ein paar Straßen entlang, bis sie an den Fluß kam; da setzte sie sich ins Gras und sah in das hurtig fließende, hochgeschwollene Wasser, bis sie gegen Abend unvermerkt einschlief. Am folgenden Morgen stand sie mühselig auf, ging, da sie von den Wachen nicht aufgehalten wurde, aus dem Tor hinaus und aufs Geratewohl querfeldein in das braune Land.

*

An einem frostigen Märzabend kam der schwedische Gesandte in Dresden, Graf Philipp Reinhard Solms, zu dem schwedischen Residenten Nikolai, der sogleich einen starken Punsch mischte; das sei nicht nur gut gegen die Kälte, sondern auch gegen die Pest, die jetzt so häßlich um sich greife. Er habe neulich von einem Arzt sagen hören, daß die pestilenzialischen Seuchen durch unsichtbare Tierlein oder Lebewesen verbreitet und daß diese durch den Weingeist getötet würden. Sollte dies aber auch nur eine neumodische Hypothese sein, so zähle doch sicher die Feuchtigkeit zu den Ursachen der Pest, welcher nicht besser als durch einen heißen Punsch könne gesteuert werden.

Graf Solms tat einen Zug und gab seiner Freude Ausdruck, Nikolai daheim gefunden zu haben; er habe etwas Seltsames erlebt, wovon er Nikolai zum Zeugen machen wolle, für den Fall, daß er selbst es morgen für ein Traumgesicht halten sollte. Er habe nach der Tafel dem Kurfürsten aufgewartet, der sehr aufgeräumt und vertraulich gegen ihn gewesen sei und ihn zu einem Spaziergang um die Stadt aufgefordert habe. Schnee und Regen hätten ihnen an die Backen geschlagen, und der Schlamm sei ihnen an die Beine gespritzt; dem Kurfürsten habe es aber die Laune nicht gestört, sondern er habe gesagt, Schnee und Sturm tue gut, die Welt müsse einmal ordentlich zerzaust werden, es könne nicht immer alles bleiben, wie es sei. Er sei früher zu gelinde gewesen; aber von nun an wolle er es mit dem Könige halten: scharf drein und vorwärts! Mit den Pfaffen müsse man nicht paktieren, sondern gründlich aufräumen, alles müsse säkularisiert werden. Das Reich müsse in ein anderes Modell gegossen werden, es sei einmal verrottet. Wenn der Kaiser nicht wolle, müsse man ihn zwingen; zum Teufel mit den Spaniern und Jesuiten, jetzt komme etwas Neues auf die Bahn.

»Ja, was ist das, was ist das?« sagte Nikolai, die Hände gegen die Knie stemmend; wenn Gräfliche Gnaden es nicht selbst gehört hätten, würde er nicht glauben, daß der Kurfürst das gesagt habe!

Gewiß und wahrhaftig, das wären seine selbsteigenen Worte gewesen, sagte Solms. Ob er vielleicht besoffen gewesen sei? fragte Nikolai nach einigem Nachdenken. Nein, sagte Solms, im Rausch pflege der Kurfürst stark mit den Händen zu fuchteln und ganz absonderlich zu fluchen; er sei aber diesmal ziemlich resolut fürbaß gegangen und habe auch ganz verständig und schicklich geredet.

Nikolai schüttelte den Kopf und blickte gedankenvoll in seinen Punsch, dessen edles Aroma das kleine, braunvertäfelte Zimmer durchduftete. Ja, so sei er vielleicht gar nüchtern gewesen, sagte er plötzlich, indem er sich aufrichtete. Möglich sei das, antwortete Solms, aber doch nicht recht glaublich, da es gerade nach Tische gewesen sei.

Soviel wisse er, sagte Nikolai, daß die Kurfürstin vor zwei Tagen in Dresden angekommen sei und ein langes Gespräch mit dem Kurfürsten gehabt habe, wobei sie auch geweint haben solle. Sie habe ihm vorgehalten, daß er das Evangelium verrate und sich immer auf die Seite neige, wo sein Wohlleben das beste Gedeihen finde, freilich nur das vermeintliche, denn auf die Dauer richte das Saufen Leib und Seele zugrunde. Der Hoë solle sich auch sehr angegriffen und gesagt haben, der König von Schweden sei von Gott gesandt, und wenn der Kurfürst ihm nicht treu bleibe, so verscherze er seine Seligkeit.

Der habe jetzt eine neue Saite auf sein Lautenspiel gespannt, sagte Solms. Nikolai lachte in sich hinein; ja, dem habe wirklich Gott den König gesandt, und noch dazu auf Silber und Gold geprägt. Man müsse es aber dem Hoë nachsagen, daß er wacker laufe, wenn er einmal angeschirrt sei. Gestern bei einem Bankett habe er, Nikolai, zu ihm gesagt, es sei befremdlich, daß in Dresden in den Kirchen noch immer für den Kaiser gebetet werde, da doch einem aufrichtigen Lutheraner das Wohl und die Siegerlangung des Königs viel mehr am Herzen liegen solle. Da habe er zugestimmt und versichert, es solle bald einen patriotischen Umschwung geben, er wolle lieber abdanken als zusehn, daß noch länger so mißbräuchlich gebetet werde.

Was denn nun eigentlich Nikolai von den heutigen Äußerungen des Kurfürsten halte? fragte Solms. Ob er meine, daß es dem König mitzuteilen, oder ob es nur für ein Geflunker zu halten sei?

Mitteilen müsse man es dem König wohl, sagte Nikolai, aber zu geben sei nichts darauf. Aus dem Bauche kämen nur vapores. Könne man sich nur Arnims versichern, das schiene ihm richtiger. Den halte er für durch und durch falsch und gefährlich, und der König müsse nachdrücklich vor ihm gewarnt werden.

Der Kurfürst sei selbst böse auf Arnim, sagte Solms, denn er beantworte des Kurfürsten Briefe nicht, komme nicht, wenn er ihn rufe, kümmere sich überhaupt nicht um seine Befehle, und darin sei der Kurfürst sehr heikel. Außerdem behaupte Arnim, mit einem so übel ausgerüsteten Heer könne er nichts ausrichten, wogegen der Kurfürst sage, Arnim empfange Geld genug, stecke es aber in die Tasche und lasse das Heer verkommen. Tatsache sei, daß der Soldat einem Bettler oder Räuber gleiche und das arme Volk auffresse, anstatt es zu beschützen.

»Ja, ja, es ist eine üble Ordnung«, sagte Nikolai nachdenklich. Aber wie nun, meinte er, wenn der Kurfürst sich nur so anstellte, als ob er auf Arnim böse sei, aber in Wirklichkeit mit ihm unter einer Decke steckte, und sie plötzlich miteinander zum Kaiser übergingen?

Der böhmische Emigrant, Herr von Hrzan, bei dem er wohne, sagte Solms, habe ihm versichert, wenn Arnim und Wallenstein miteinander traktierten, könne es sich nur darum handeln, daß Wallenstein schwedisch, nicht, daß Arnim kaiserlich würde. Wallenstein sei so ehrgeizig, daß er sich ohne Bedenken dem Teufel verschriebe, um die böhmische Krone zu bekommen. Er sei nur mißtrauisch und unschlüssig, warte auf eine rechte Sicherheit vom König von Schweden.

Nikolai zuckte die Schultern. Es möge so sein, sagte er, daß Wallenstein nicht kaiserlich sei, jedenfalls sei Arnim nicht schwedisch, so wenig wie der Herzog Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg, der bisher dem Kaiser gedient habe und jetzt seinen Dienst beim Kurfürsten oder beim Könige suche.

Solms schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die leeren Gläser klirrten. Er wolle den König bitten, ihn abzurufen, sagte er. Es stehe ihm nicht an, bei krokodilischem Gesindel den Zarten zu spielen, dem er lieber die Faust unter die Nase halten möchte.

Nikolai redete dem Grafen zu, auszuharren, solange er könne, und aufzupassen. Er solle doch auch dem König wegen des Herzogs von Sachsen-Lauenburg schreiben, daß er sich seiner nicht annähme; denn es stecke doch nur Lug und Trug dahinter. Der Lauenburger wechsle nicht nur die Weiber, sondern auch die Herren, vielleicht nicht aus Bosheit, sondern zur Kurzweil; aber man wisse ja, wie es sich dabei unversehens zu einer Tragödie schürze, darum müsse man ein scharfes Auge auf ihn haben.

Einige Wochen später ereignete es sich, daß der schwedische Resident Transehe in Berlin zu der pfälzischen Kurfürstin-Witwe Juliane gerufen wurde und, wie er ihr Gemach betrat, in einem Sessel neben ihr den Herzog Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg erblickte, den er, von Nikolai aufmerksam gemacht, gerade hatte aufheben und verwahren lassen wollen. Die Kurfürstin-Witwe durchschaute Transehes Gedanken und sagte, sie habe ihn mit einem Fürsten bekannt machen wollen, der ein besonderer Verehrer seines Herrn, des Königs von Schweden, sei; worauf Transehe sich zu fassen wußte und antwortete, wenn das der Fall sei, so sei er dieses Fürsten ergebener Diener, denn nichts beglücke ihn mehr, als wenn die Größe seines heldenmütigen Königs auch von denen endlich anerkannt würde, die ihn bisher verkannt oder nicht gekannt hätten.

Der Lauenburger lachte munter wie ein Knabe und sagte freundlich, ein so treuer Diener seines Herrn werde es ihm nicht verargen, daß er lange und vielleicht allzulange dem Kaiser angehangen habe. Das sei ihm von vielen seiner Glaubensgenossen übel ausgelegt worden, und er habe viel deswegen ausgestanden, sich aber mit seinem guten Gewissen und der Gnade seines Kaisers getröstet. Wie er nun aber für seine treuen Dienste auch nicht einen Fußbreit Landes vom Kaiser erhalten habe, während Geringere als er, wovon die Beispiele ja mit den Fingern zu greifen wären, königlich ausgestattet und erhöht worden wären, da sei sein lutherisches Gemüt erwacht und wären ihm die Augen endlich aufgegangen, und er sei nach Dresden gekommen mit dem festen Entschluß, sich einem evangelischen Potentaten anzubieten.

Nun habe er es am eigenen Leibe erfahren, sagte die Kurfürstin-Witwe, was andre längst erraten hätten, daß es des Kaisers Absicht sei, die uralten deutschen Fürstenhäuser abzutun und dienstwillige Kreaturen an die Stelle zu bringen, die nur von ihm abhingen.

Transehe stimmte bei: so sei es den Mecklenburgern ergangen, und beim Herzog von Wolfenbüttel habe auch nicht viel gefehlt, vom König von Böhmen ganz zu schweigen. Sein König sei zur rechten Zeit gekommen, um den Status imperii, wie er vor alters gewesen, wieder aufzurichten. Dann erlaubte er sich die Frage an den Herzog, ob er beim Kurfürsten von Sachsen eine Bestallung angenommen habe.

Nein, nein, sagte der Lauenburger, das habe er zwar beabsichtigt, wie er aber die liederliche und faule Wirtschaft in Dresden mit eigenen Augen gesehen habe, sei er anderen Sinnes geworden. Er habe einen spaßigen Auftritt mit dem Kurfürsten deswegen gehabt und wolle es Transehe genau erzählen, damit er die entstellten Berichte, die über dergleichen Vorfälle herumgetragen zu werden pflegten, korrigieren könne. Der Kurfürst nämlich sei zornig auf Arnim gewesen, nicht wegen seines Intrigierens mit Wallenstein, denn das sei mit kurfürstlicher Bewilligung geschehen, sondern weil Wallenstein Arnim 10 000 Taler ausgezahlt habe als einen Rückstand aus der Zeit, wo er in kaiserlichen Diensten gewesen sei. Das ärgere den Kurfürsten über die Maßen, wenn einer seiner Diener Geld bekomme, das er lieber selbst haben möchte, und richtig sei es, daß Arnim in Prag genug zusammengestohlen habe, um einstweilen zufrieden zu sein. In seinem Zorne nun habe der Kurfürst beschlossen, Arnim zu entlassen, und habe die Stelle ihm, dem Herzog, angetragen. Da habe er rundheraus gesagt, er bedanke sich schön, ein so verwahrlostes Volk übernehme er nicht, mit dem sei doch keine Ehre zu holen. Darüber sei der Kurfürst in schrecklichen Zorn geraten und habe gesagt, er, der Herzog, habe ihm bereits seine Parole gegeben, ob er sein Wort zu brechen gedenke, und habe dabei den Arm ausgereckt, als wolle er ihm eins versetzen. Er habe mit keiner Wimper gezuckt und ganz kavaliermäßig geantwortet, von Parole sei ihm nichts bewußt, übrigens sei es wohl nichts Neues, daß man seine Meinung verändere; worauf der Kurfürst sich angestellt habe, als werfe er etwas auf den Boden und trete mit dem Fuße darauf, laut dazu rufend, da habe er seine Parole. Nach solcher Beschimpfung habe er sich beeilt, Sachsen zu verlassen, und setze nunmehr seine Hoffnung auf den König von Schweden.

Transehe hatte von der Aufrichtigkeit des Lauenburgers den besten Eindruck empfangen und schrieb in diesem Sinne an Nikolai. Der verharrte jedoch bei seiner Meinung, und auch Oxenstierna warnte Gustav Adolf, als der Herzog einen Dienst um die Person des Königs suchte, sich seiner nicht zu bedienen; allein der König wollte nichts davon hören und behielt ihn bei sich, auch weil er dachte, ihn bei etwaigen Unterhandlungen mit Wallenstein gut gebrauchen zu können.

*

Als dem Kaiser die Nachricht gebracht wurde, an dem neu errichteten Jesuitenkollegium in Prag sei der Turm eingestürzt und habe, mitten aufs Dach schlagend, dasselbe eingedrückt, sagte er, nach einem so greulichen Zeichen wolle er nicht länger zögern, sondern alles daransetzen, um Wallenstein wieder an die Spitze des Heeres zu bringen. Eggenberg habe von jeher am meisten über ihn vermocht, der solle ihn überreden.

Eggenbergs persönlichen Bitten nachgebend, ließ sich Wallenstein zu dem Versprechen herbei, dem Kaiser ein neues Heer zu schaffen; nach drei Monaten aber, wenn diese Arbeit vollendet sei, wolle er sich wieder in seinen Privatstand zurückziehen, der seiner Neigung und Gesundheit besser entspreche. Je näher das Ende der drei gewährten Monate rückte, desto dringender wurden die Bitten des Kaisers, des Königs von Ungarn und des Herzogs von Bayern, Wallenstein möge das Heer nicht verlassen; allein dieser schien wiederum nur Eggenbergs mündlichen Vorstellungen nachgeben zu wollen. Es war April, als Eggenberg, nachdem er einen Anfall von Podagra eben überstanden hatte, zum zweiten Male in Znaim eintraf. »Die Luft, die Euer Liebden umgibt,« sagte er, »tut einem Kranken wohl. Um Euer Liebden herrscht Tätigkeit und Ordnung, quillt überflüssiges Leben. Gott hat Euer Liebden etwas von seinem schaffenden Odem eingeblasen.« Da, woher er komme, sei es anders; da sei Verwirrung, fruchtlose Geschäftigkeit und Ohnmacht.

Wallenstein sagte, er tue nichts Sonderliches, hänge seinen Namen aus wie ein Wirtshausschild, da kämen sie gelaufen. Er hänge seinen Namen aus wie der Himmel seine Sonne, entgegnete Eggenberg, da lasse die Erde Korn sprießen und trage der Baum Frucht. Er sei einmal ein Zauberer, und sie dürften Gott danken, daß er nicht die Schwarze Kunst übe, sondern Segen stifte.

Daß er nicht rachsüchtig sei, wie seine Feinde wollten, habe er nun wohl bewiesen, sagte Wallenstein. Er habe dem Kaiser ein Heer geschaffen; nun solle der Kaiser weiter sehen. Er habe ja Kriegsräte und Offiziere, der römische König dürste nach Lorbeeren, er neide sie ihm nicht. Sie sollten sich einrichten und ihn verschonen.

Eggenberg, der zwischen Kissen auf seinem Ruhebett lag, fing an beweglich zu bitten. Es könne Wallensteins Ernst nicht sein, daß er den Kaiser hilflos lassen wolle. Wallenstein müsse wissen, daß das Heer, in seiner Hand eine unfehlbare Waffe, für eine ungeübte Hand zu scharf und schwer sei. Wallensteins edles und heroisches Gemüt werde trotz aller erlittenen Kränkung das Opfer bringen. Von dem römischen König sei heute keine Rede mehr; er vereinige vielmehr seine Bitten mit denen seines Vaters, daß Wallenstein sich bereit finden lasse.

Wallenstein sagte, die Stirne finster zusammenziehend, er wolle kein zweites Regensburg erleben.

Eggenberg errötete und versuchte sich zu verteidigen; er würde nicht nachgegeben haben, sagte er, wenn er nicht vorausgesehen hätte, wie bald man ihn, Wallenstein, zurückverlangen würde. Für ihn, und auch für den Kaiser, sei er niemals abgetreten, habe sich nur auf eine Weile zurückgezogen. Der Kaiser sei zu jeder Bürgschaft bereit, lege alles vertrauend in Wallensteins Hand, Wallenstein solle selbst bestimmen, wie es künftig gehalten werden solle. Mit ihm, Eggenberg, sei es seither bergab gegangen; aber was er noch an Leben habe, gehöre Wallenstein. Der Kaiser sei sein Herr und ihm fast wie ein jüngerer Bruder, aber Wallenstein sei sein Freund. Wenn er in des Kaisers Ungnade fiele, so könne er doch stehen bleiben; aber wenn Wallenstein ihn verließe, so würde das sein, als wenn ein Baum stürzte, an dem er sich gehalten hätte.

Wenn er es tue, sagte Wallenstein, so tue er es auf Eggenbergs Fürwort und Bürgschaft. Er tue es nicht als des Kaisers Diener, sondern als ein Fürst des Reichs, um des Reiches willen. Es komme ihm nicht darauf an, Schlachten zu gewinnen oder die Feinde des Kaisers oder gar die des Herzogs von Bayern zu bestrafen; er wolle eine solche Ordnung schaffen, bei der das Reich in Frieden bleiben könne.

Das eben, sagte Eggenberg, habe er stets so sehr an Wallenstein bewundert, daß sein Geist nicht am einzelnen und nächsten hängen bleibe. Es sei kein Kopf im Reich außer Wallenstein, der solche Gedanken fassen könne. Sie alle wären von Vorurteilen verwirrt und von Eigennutz geblendet; Wallenstein sehe mit dem Blick des Adlers von oben auf die Erde, und was ihnen Berge und Täler scheine, fließe vor ihm wie biegsame Wellen.

Allmählich kam Wallenstein auf seine Forderungen. Vor allem müsse er allein das Kommando über alle Truppen im Reich haben; es dürften keinerlei Truppen im Reich aufziehn, die seinem Kommando nicht unterstellt wären. Er müsse als Ersatz für Mecklenburg ein österreichisches Erbland und das höchste Regal im Reich haben; es solle niemand auf ihn herabzusehen sich unterstehen dürfen. Über seine Offiziere dürfe der Kaiser kein Begnadigungsrecht haben; er kenne des Kaisers Schwäche, alle zu pardonieren, die sich persönlich an die kaiserliche Klemenz wendeten; aber es sei keine Disziplin möglich, wenn das Heer von einem andern außer von ihm abhänge. Nur er müsse Gnade verleihen sowie Strafe austeilen dürfen. Auch müsse er das Recht der Konfiskationen im Reich haben und über dieselben zu verfügen; denn sonst könne er die, welche es verdienten, nicht geziemend belohnen.

Das sei wohl verständlich, sagte Eggenberg, zumal der König von Schweden gegen die Seinigen sich so verschwenderisch zeige. Auf dem Tandelmarkt zu Mainz wären ja jetzt die Fürstentümer fast umsonst feil. Das Zutrauen des Königs zu den evangelischen Fürsten müsse nicht gar groß sein; denn er setze einem jeden allemal ein paar schwedische Offiziere vor die Tür.

Ja, er sei ein großer König, sagte Wallenstein, während er gedankenvoll im Zimmer auf und ab schritt, ein großer König. Plötzlich blieb er stehen und rief, mit dem Fuße hart auftretend: »Er muß fort! Ich kann ihn hier nicht leiden!«, worüber Eggenberg sich aufstützte und mit beifälligem Blick sagte: das sei der Zorn des Achilles; nun zweifle er nicht, daß das neue Troja bald fallen und die entführte Helena, nämlich die abgespannte Reichshälfte, wieder heimgeführt werde. Wallensteins Forderungen betreffend, könne er im voraus sagen, daß der Kaiser in alles willigen werde, denn dazu habe er ihm Vollmacht gegeben. Schwere Krankheiten wollten schwere Mittel; Wallenstein sei der Arzt, dessen der Kaiser bedürfe und von dem er annehmen müsse, was er verordne, weil er wisse, daß es zu seinem Besten sei.

Er zwinge den Kaiser nicht, sagte Wallenstein kühl, sei noch immer bereit, zurückzutreten ohne Empfindlichkeit. »Jedoch versehe ich mich zu Euer Liebden,« setzte er hinzu, »daß Sie meine wohlmeinende Ergebenheit kennen und bei dem Kaiser dafür einstehen werden.«

Ja, das werde er tun, versetzte Eggenberg, er habe kein anderes Geschäft mehr auf Erden, als dies glücklich hinauszuführen. Ihrer aller Rolle, sagte er, laufe ja nun allmählich ab, sie würden bald abtreten und sich vor dem Herrn dieser irdischen Bühne wegen ihrer Aufführung verantworten müssen. Der Kaiser halte sich noch wacker, unterbreche seine Gewohnheiten nicht; »aber wer das Haus gut kennt und aufmerksam hinhorcht,« sagte er, »der hört zuweilen den Mörtel in den Mauern heruntersickern und die Balken leise ächzen und schüttern.« Was ihn betreffe, so nehme er jeden Tag dankbar als eine Dreingabe, es liege ihm nichts mehr an, als seine eigenen Sachen und die seines kaiserlichen Herrn gut zu verwahren und abzuschließen, damit die Nachkommen alles in Ordnung fänden.

Wallenstein betrachtete nicht ohne Widerwillen Eggenbergs verkrümmte Hand, die schwach auf der seidenen Decke lag. Es würde wohl große Veränderungen im Reich geben, sagte er langsam, wenn der Kaiser seinem Sohne Platz machte. Derselbe scheine ein passioniertes Gemüt zu haben, arte wohl seinem Oheim Leopold oder seinem bayrischen Oheim nach.

Eggenberg zuckte die Achseln; er werde die neue Zeit nicht erleben, sagte er, der Kaiser sei um zehn Jahre jünger als er, halte schon noch eine Zeitlang aus. Bis dahin werde Wallenstein längst das Reich gesäubert haben und könne von sicherer Höhe und gewünschter Einsamkeit aus zusehn.

Er habe gehört, sagte Wallenstein, die Ärzte hätten des Königs von Ungarn spanischer Heirat wegen der vielfachen Verwandtschaft widerraten, und es sei auch noch keine Schwangerschaft eingetreten.

Das stehe noch dahin, sagte Eggenberg; der Kaiser habe in mehreren Kirchen Gebete für das ersehnte Ereignis angeordnet, man müsse das allerdings wohl Gott anheimstellen.

*

Den Rhein hinunter fuhren zwei Kähne, in denen die Nonnen des Katharinenklosters Dadenberg vor den Schweden entflohen. Sie blickten nach dem verlassenen Kloster zurück, das im hellen Abendlicht auf einem beschienenen Hügel deutlich zu erkennen war, wie auch, daß sich viele Menschen in der Ebene bewegten. Da einige der jüngeren Nonnen weinten und schrien, sie wären verloren, sogar Miene machten, sich in das Wasser zu werfen, wandte sich der Rheinschiffer, der den Kahn führte, beschwichtigend zu ihnen und sagte, sie hätten nichts mehr zu befürchten, der Strom sei klar, so weit er sehen könne. Wenn nicht noch ein Hinterhalt am Ufer wäre, werde er sie glücklich nach Köln führen können. Vom anderen Kahn herüber gebot die Äbtissin Ruhe: Ob sie vergessen hätten, daß sie Gott gelobte geistliche Frauen wären? Es komme ihnen nicht zu, zu flennen und zu schreien wie Bauernmägde. Sie sollten sich in die von Gott verhängte Prüfung schicken; wenn sie den Tod erleiden müßten, sich darein ergeben und ihre Seele dem Herrn befehlen. Wenn sie sich fürchteten, sollten sie beten oder ein frommes Lied anstimmen.

Die Mädchen waren sogleich getröstet, faßten sich bei den Händen und fingen an, das Laudate Maria zu singen. Der Schiffer hörte wohlgefällig zu und brummte sachte mit; plötzlich aber hielten alle inne, da die Äbtissin mit ausgestrecktem Arme nach dem heimischen Hügel wies, von dem hellrote Flammen hoch in den Abendhimmel flatterten. Die Mädchen schrien laut auf, aus den ernsten braunen Augen der Äbtissin liefen große Tränen über ihr gefurchtes Gesicht. Die neben ihr sitzende Nonne warf die Arme um den Hals der alten Frau und bat sie, es sich nicht allzusehr zu Herzen zu nehmen, Gott habe es so gewollt.

Ob das gewiß sei? sagte die Äbtissin, indem sie traurig den Kopf schüttelte. Sie hätte ganz anders handeln können; sie hätte dem schwedischen Volk, das um Einlaß gebeten habe, gutwillig die Pforte öffnen können; vielleicht wären es nicht gar so böse Leute gewesen, hätten ja menschliches Aussehen gehabt, und hätten sie verschont, wie sie es versprochen hätten. Oder sie hätten am Platze bleiben und das Kloster verteidigen können, so gut sie es vermocht hätten. Anstatt dessen habe sie dem unbesonnenen Schreien und Drängen der Mädchen nachgegeben und sich zu schimpflicher Flucht bereden lassen. Als ein Feigling sei sie davongelaufen und lasse das ihr anvertraute heilige Haus verbrennen. Das könne sie nie wieder gutmachen, noch könne Gott es ihr verzeihen.

Die andere tröstete sie, sie wären doch schwache, hilflose Frauen und Nonnen, Gott könne keine Mannestaten von ihnen erwarten. Es hätte ja, wenn sie geblieben wären, doch wohl keinen anderen Ausgang genommen. Dazu hätte sie noch die Ehre und das Blut vieler Jungfrauen auf sich geladen.

»Ich hätte meine Pflicht getan und den Ausgang Gott anheimgestellt«, sagte die Äbtissin. Es sei nicht christlich, den Tod und die Marter zu fürchten. Sie habe jahrelang das Kloster gut regiert; denn da sie die erste Äbtissin bürgerlicher Abkunft gewesen sei, habe sie ihren Stolz darein gesetzt, daß kein Tadel an ihrem Werk zu finden sei. Nun müsse das Kloster unter ihr zu Asche werden! Nunmehr drehten sich alle Mädchen zu ihr um, streckten die Hände nach ihr aus und sagten, sie dankten ihr das Leben und würden es niemals vergessen. Sie sei ihrer aller Mutter und habe sie wie eine Mutter behütet, ob das nicht mehr wert sei als alte steinerne Mauern? Sie könnten sie nicht weinen sehn, es kämen gewiß bessere Zeiten und werde alles wieder gut werden. Sie hätten ja das Geld und die Urkunden mitgenommen und auch die vornehmsten Reliquien gerettet.

Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen mit lachenden Augen hob einen Knochen empor und rief, den habe sie beim Hinausgehen unter der Tür gefunden. Er müsse einer anderen entfallen sein, und sie habe ihn aufgerafft.

»Du Glückskind!« rief die Beschließerin, welche neben der Äbtissin saß, »du bist mit einer gesegneten Hand geboren!« Das sei ja der Kinnbacken des heiligen Adrian, den der berühmte General Spinola dem Kloster zum Dank für empfangene Bewirtung geschenkt habe! Sie könnten Gott nicht genug danken, daß er nicht in die Hände der Ketzer gefallen sei.

Die Äbtissin streichelte lächelnd dem Kinde die Wangen und sagte, sie wolle das als ein gutes Zeichen betrachten und wieder Hoffnung schöpfen. Die Reliquie wolle sie den Jesuiten in Köln schenken, die sie immer um das Heiligtum beneidet hätten; vielleicht verhülfen sie ihr dann desto mehr dazu, daß das Kloster, wenn sich der Feind verlaufen hätte, wieder auferbaut würde.

Die Mädchen klatschten in die Hände, rückten dicht zusammen und stimmten ihren Gesang wieder an; aber auf ein warnendes Zeichen des Schiffers schwiegen sie, damit bei einbrechender Dunkelheit die Musik nicht einem unsichtbar lauernden Feinde die vorübergleitende Flucht verrate.

*

Im Rathause zu Nürnberg nahmen die Ratsherren den Bericht der beiden Abgeordneten entgegen, die von einer Audienz beim Könige von Schweden zurückkamen. Der König, so erzählten sie, sei zutraulich und freundlich mit ihnen als mit seinesgleichen umgegangen, trotzdem könne man keinen Widerspruch bei ihm anbringen.

Sie wären aber doch nicht von ihrem Auftrage gewichen? fragte einer der Ratsherren.

Nein, das wären sie nicht, antworteten die beiden. Sie hätten gesagt, daß die Stadt beim Leipziger Schluß bleiben und zu dessen Verteidigung Geld und Gut aufwenden wolle; hätten aber merken lassen, daß sie sich die Devotion des Kaisers vorbehalten und auch ihr eigenes Volk unter ihrem eigenen Stadthauptmann behalten wolle.

Was für ein Gesicht der König dazu gemacht hätte?

Er sei nur in etwas ungeduldig geworden und habe gesagt, die deutschen Stände wären alle so, daß sie den Pelz waschen wollten, ohne sich naß zu machen. Wie er vernommen habe, daß Tilly auf Nürnberg ziehe, sei er sofort aufgebrochen und habe alles im Stiche gelassen, um uns zu entsetzen; denn es sei ihm kein Fürst im Reiche so viel wert wie die Stadt Nürnberg. Nun sollten wir uns aber auch nicht so lange besinnen, sondern seine Zuneigung erwidern. Wir müßten mit unserm trefflichen Verstande einsehen, daß sich die Neutralität nicht zu gezogenen Schwertern reime.

Sie hätten sich noch deutlicher fassen sollen, sagten die Ratsherren bedenklich. Der König habe mit Frankfurt ein böses Exempel aufgestellt; Straßburg und Ulm hätten unter der Hand auch schon zur Vorsichtigkeit gemahnt. Man solle sich zehnmal besinnen und verklausulieren, bevor man mit Potentaten traktiere.

Zum Besinnen sei jetzt keine Zeit, meinten die Abgeordneten; gegen Übergriffe müsse man sich zu verwahren suchen, wenn es soweit sei. Der König sei ein großer Held und evangelischer Christ; lasse man diese Gelegenheit vorübergehen, könne man unversehens in die Babylonische Gefangenschaft geraten.

Mitten in dieser Unterredung trat der Senator Behaim ein und sagte, seine Frau habe ihm erzählt, als die Dienstmagd des Morgens mit dem Eimer zum Brunnen gegangen wäre, sei das Wasser, das sie heraufgezogen habe, blutrot gewesen; das Mägdlein sei schreiend zu seiner Frau gelaufen, die habe ihr Stillschweigen anbefohlen, ihm aber habe sie es nicht verhalten wollen. Das Herz sei ihm schwer darüber geworden, und er halte es für seine Pflicht, seine Amtsbrüder an die obschwebende Gefahr zu erinnern. Der König werde es sicherlich auf ihr Geld absehen, nun wären aber die Läufte böse, die Herzöge von Koburg und von Wolfenbüttel hätten letzthin die Zinsen nicht zahlen können, noch mehreres stehe aus, es sei waghalsig, sich in große Unternehmungen einzulassen, wenn die Kasse nicht gefüllt sei.

Das hätten sie dem Könige auch vorgestellt, sagten die Abgeordneten, es würde bald so weit sein, daß sie mit Kupfergeld zahlen müßten. Da sei er sehr lebhaft geworden mit Erwiderung, das treffe sich gut, Schweden produziere Kupfer genug, in Spanien hätten sie auch aus schwedischem Kupfer Münzen schlagen lassen.

Behaim schlug die Hände über dem Kopfe zusammen: da könnten sie bald allesamt den Bettelsack über die Schulter hängen, jammerte er, wenn sie mit ihrem guten Gelde Kupfergeld kaufen sollten.

Geld würde das Bündnis mit dem Schweden freilich kosten, meinte ein anderer Ratsherr; aber wenn sie es dem Könige von Schweden nicht zahlten, würden sie dem Kaiser zahlen müssen. Vielleicht brächte ein Sieg des Königs doch einmal den erwünschten Frieden.

Ach Gott, sagte Senator Behaim, der liebe Friede entferne sich mit jedem Schritt, den der Schwede näher rücke. Sie sollten auch bedenken, daß dem König von Schweden im Kriege etwas Menschliches begegnen könne, da er bekanntermaßen verwegen sei und sich gleich einem gemeinen Soldaten ins Treffen wage, auch selbst in Stockholm im Reichstage gesagt haben solle, der Krug gehe so lange zu Wasser, bis er breche, und es ahne ihm, daß der Tod ihn auf dem Schlachtfelde ereilen werde. Was aber dann das Los derer sein würde, die, ihrer Pflicht gegen den Kaiser ungeachtet, sich mit ihm verbündet hätten?

Die Herren schwiegen eine lange Weile. Endlich sagte einer von denen, die beim Könige gewesen waren, es habe das Ansehen, daß Gott seine Hand über dem Haupte des Schwedenkönigs halte. Ohne den Beistand Gottes hätte er so herrliche Siege in so kurzer Zeit nicht davontragen können. Auch sei es jetzt ein wenig spät, dergleichen Erwägungen anzustellen; der König stehe mit Heeresmacht ein paar Meilen vor der Stadt und könne eine Empfindlichkeit fassen, wenn man jetzt zurückziehe, nachdem man sich so weit eingelassen habe.

Auf einem Tische standen die beiden Globen, die dem Könige als Geschenk der Stadt überreicht werden sollten, eine Erdkugel und eine Himmelskugel, beide aus purem Silber. Sie ließen sich öffnen und waren, innen schwer vergoldet, als Trinkbecher zu benützen. Der Himmel auf dem einen und das Meer auf dem andern Balle waren durch azurblauen Schmelz dargestellt, aus welchem dort die Gestirne, hier die Erdteile silbern hervorschimmerten. Auf die Empfehlung des Lazarus Haller, sagte der Bürgermeister, seien die beiden Globen, die noch auf einen Entwurf des Christoffel Jamnitzer zurückgingen, dem Christoph Ritter zur Fertigstellung übergeben worden. Leider sei ihm nun wieder überbracht worden, daß dieser heimlich mit den Kaiserlichen praktiziere und einen Auftrag des Aldringen wegen eines Zierschildes angenommen habe; dabei solle er demselben ein Brieflein haben zukommen lassen, in dem alles geschrieben stehe, was in der Stadt wegen des schwedischen Bündnisses vor sich gehe.

Man dürfe das dem Ritter nicht so übel auslegen, sagte Behaim. Der Kaiser sei ihm noch dreihundert Gulden schuldig, er müsse sehen, wie er zu dem Seinigen komme; vielleicht habe Aldringen ihm versprochen, er wolle ihm dazu helfen. Man könne ihn einstweilen verwarnen und ihn übrigens im Auge behalten.

Am folgenden Tage zog Gustav Adolf in Nürnberg ein, am Tore empfangen von Bürgermeistern und Rat und dem Obersten der städtischen Truppen, Johann von Leubelfing. In seinem Gefolge befanden sich eine Anzahl adliger Herren aus der Oberpfalz und den österreichischen Erbländern, die wegen der Religion hatten auswandern müssen und sich einstweilen in Nürnberg niedergelassen hatten. Die Brüder Hanns und Paul Khevenhüller hatten Gustav Adolf schon in Frankfurt begrüßt, nahmen schwedische Bestallung an und ließen sich bereit finden, dem Könige 70 000 Reichstaler vorzustrecken.

Im Leubelfingschen Hause wurde das Erscheinen des Helden mit Ungeduld erwartet. Von den elf Kindern, die dem Ritter seine erste Frau geboren hatte, lebten noch fünf, drei Söhne und zwei Töchter, alle zart, fein und hübsch, wie ihre Mutter, die letzte eines alten Geschlechtes, gewesen war. Der Witwer hatte vor vier Jahren eine muntere, stattliche Frau genommen, Kunigunde Katharina von Crailsheim, die eine gutmütige Zuneigung für die Waisen hatte und sich bei der häufigen Abwesenheit ihres viel älteren Mannes mit ihnen die Zeit zu vertreiben suchte. Auf Augustus, den ältesten, würde sie eifersüchtig gewesen sein, wenn er ein Mädchen gewesen wäre; denn es schien ihr, als habe ihr Mann wegen seiner auffallenden Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Mutter eine absonderliche Liebe für ihn; aber als einen sechzehnjährigen Jüngling liebte sie ihn gleichfalls, ohne ihm seine spröde Zurückhaltung übelzunehmen. Den Morgen über hatte sie sich damit belustigt, die Kinder zum Narren zu haben, indem sie von Zeit zu Zeit rief: »Der König kommt!«, worauf sie eilig ans Fenster liefen und sich unter hellem Gelächter betrogen sahen. Einmal ersah sie einen Augenblick, als gerade ein großer, halbgeschorener Pudel in der Mitte der Straße heraufkam, woran August, obwohl er gern mitgelacht hätte, als an einem für die Person des Königs zu grobem Scherze Anstoß nahm.

Als dann Trompeten und Trommeln von ferne die erhabene Erscheinung verkündeten, fragten die Kinder bei jedem Vorreiter, ob er das sei, bis er endlich wirklich kam und es keine Frage mehr sein konnte. Er saß auf einem weißen Pferde, dessen kriegerische Ungeduld die königliche Hand zu bändigen schien; auf dem schnaubenden Tiere saß er groß, schwer, ruhig, allgewaltig und gerade wie eine Säule. Den Federhut in der Hand haltend, grüßte er freundlich; durch das Gewoge des jubelnden Volkes zog er wie ein hochmastiges Schiff stolz und einsam im ruhelosen Meere. Als er am Leubelfingschen Hause vorüberkam, hob er den Kopf, und sein lachender Blick flog wie ein Blitz über die Fenster, aus denen die hellen, staunenden Kindergesichter sahen. Augustus war darüber so beglückt und erschrocken, daß ihm die Tränen aus den Augen sprangen.

Als der Oberst nach Hause kam, eröffnete ihm Augustus seinen Wunsch, als Page in den Dienst des Königs von Schweden zu treten. Die Stiefmutter meinte, er sei noch ein wenig zu zart für die Anstrengungen des Lagerlebens, auch könne man nicht wissen, was für einen Gang es mit dem Schwedenkönig gehe; aber endlich entschied Leubelfing, er wolle ihn dem Könige vorstellen, und dessen Wille solle den Ausschlag geben. Seinem Sohne stellte er vor, er nehme als des Königs Page einen schweren, verantwortungsvollen Dienst auf sich; er dürfe nicht denken, weil er jung sei und keine Anführer und niemanden unter sich habe, könne er sich gehen lassen und warten, bis man ihm etwas auftrage. Er müsse wie jeder Soldat Hitze und Kälte, Hunger und Durst ertragen können, müsse immer um die Person des Königs sein, die ihm anvertraut sei, bei ihm ausharren, wie es auch gehe.

Das wolle er eben, sagte Augustus; er habe den König zu seinem Herrn erkoren und wolle ihm treu dienen, was es auch kosten möge. Sein Vater solle nicht fürchten, daß er ihm Schande mache; er sei nicht zu jung, um Ehre zu haben.

Beim Abschied überreichte ihm der Oberst ein kleines in Leder gebundenes Neues Testament des Doktor Luther, welches seiner Mutter gehört und auf dessen erste Seite sie mit zierlich fester Hand geschrieben hatte: ›Sei getreu bis in den Tod.‹ Dies Büchlein, sagte Leubelfing, solle er immer bei sich tragen und seiner Mutter eingedenk sein, von der er hoffe und glaube, daß sie nach ihrem tugendhaften Leben bei Gott sei und zu seinen Füßen für ihre Kinder bete.

*

In Bamberg, wo Tilly im März, die Schweden vertreibend, einzog, fielen Zeitungen in seine Hände, die von dem Untergang Magdeburgs, der Schlacht bei Leipzig und den ferneren Siegen des Schwedenkönigs handelten. Nunmehr, las er in einer derselben, habe Gott der grausam in ihr Blut gestürzten Jungfrau Magdeburg einen Rächer erweckt. Tilly, der blutdürstige Alte, sei zwar der Schlacht mit dem Leben entronnen, habe aber so schwere Wunden empfangen, daß der Bader, der ihn zu Halle verbunden, an seinem Aufkommen gezweifelt habe. Man wisse ja aber wohl, daß derlei Leuten mit guten christlichen Waffen nicht beizukommen sei, und müsse zuwarten, bis Gott selbst des Tyrannisierens, Mordens und Übelhausens überdrüssig werde und den Satansbuhlen zur Hölle schicke.

Tilly mußte es mehrere Male lesen, bevor er unwiderleglich eingesehen hatte, daß er es sei, gegen den so schimpfliche Anklagen in Druck ausgingen. Die Zeit war vorüber, wo er der unbesiegte Tilly war, dem sich niemand ohne Ehrfurcht näherte; nun er niedergeworfen war, fielen ihn Hunde und Geier an, als wäre er schon ein Aas auf dem Schindanger. Er hatte wohl vorausgesehen, daß man ihm wegen des magdeburgischen Brandes Vorwürfe machen würde; aber er hatte solche vom Kaiser oder vom Herzog von Bayern erwartet und gedacht, es werde damit abgetan sein. In den Gedanken, was er tun könne, um seinen Namen zu reinigen, unterbrachen ihn zwei bambergische Bürgermeister mit der Bitte, die Übergriffe der Soldaten abzustellen, die man als Befreier empfangen habe und die nun mit Plündern und Gewalttat so hausten, daß man fast die Zurückkunft der Schweden ersehnen möchte. Unter dem Vorwande, sie hätten es mit den Schweden gehalten, werde Raub und Diebstahl begangen, da man doch als wehrlose Bürgerschaft der Gewalt habe weichen müssen.

Seufzend über das wohlbekannte Klagelied, versprach Tilly Ordnung zu schaffen; der Magistrat müsse ihm aber behilflich sein, die Übeltäter selbst ergreifen und für ausreichenden Unterhalt der armen, ausgehungerten Soldateska sorgen.

Im Dome wurde ein Dankgottesdienst gefeiert wegen der Befreiung von den Schweden, und ein Mönch predigte, Gott habe seinen Erzengel gesendet und den Drachen der Ketzerei, der sein Heiligtum geschändet habe, vernichtet. Ein schwaches Gefühl des Geborgenseins kam über Tilly, solange er in dem edlen Raume war: er gehörte ja der Kirche an, hatte zeitlebens für sie gekämpft und ihre Gebräuche gehalten, er war, wie gering auch immer, ein von ihr unzertrennliches Glied und konnte, an sie geklammert, dem Abgrunde nicht verfallen. Krampfhaft die Hände über dem Rosenkranze faltend, betete er für seine Seele; denn daß das Glück auf Erden sich noch einmal ihm zuwenden würde, glaubte er nicht mehr.

Nachdem verlautet war, daß Wallenstein den Oberbefehl über ein kaiserliches Heer wieder übernommen habe, beglückwünschte er ihn und schrieb ihm, er hoffe, sie würden ihre vormalige gute Korrespondenz wieder aufnehmen. Das einzige, was ihn noch hätte beglücken können, wäre ein Sieg in offener Feldschlacht über Gustav Adolf gewesen, wodurch er seine Ehre wieder hergestellt hätte; aber da er an den Beistand des Glückes nicht mehr glaubte, widerriet ihm sein Gewissen das Wagnis, und er kämpfte unaufhörlich zwischen Zweifel und Entschluß. Aus dem, was ihm seine Kundschafter zutrugen, schloß er, daß Gustav Adolf sich zunächst nach der Oberpfalz und von dort über Bayern nach Böhmen wenden werde. Kaum hatte er jedoch ein Lager in der Oberpfalz bezogen, als er erfuhr, Gustav Adolf sei unterwegs nach Donauwörth, mit welcher Stadt denn der Donauübergang in seine Macht käme und Bayern ihm offen läge.

Von der drohenden Gefahr benachrichtigt, machte sich Maximilian zu seinem Heere auf und traf Tilly mitten in der Nacht vor Ingolstadt. Das Glück habe sich von ihm gewendet, sagte Tilly, es bleibe nichts übrig, als auf Gott zu hoffen, in dessen Hand alle irdischen Dinge ruhten. Er verzage nicht, solange Tilly wohlauf sei, sagte Maximilian; Tilly solle sich vor allen Dingen schonen und bedenken, daß er noch kaum von schweren Wunden geheilt sei. Tilly schüttelte den Kopf; von ihm hange jetzt das Schicksal Bayerns leider weniger ab als von Wallenstein, sagte er; er allein sei zu schwach, es mit den Schweden aufzunehmen.

Er habe an den Kaiser sowie an Wallenstein selbst geschrieben, sagte der Kurfürst kurz, und Wallenstein habe schleunige Hilfe versprochen.

Um seine Meinung befragt, sagte Aldringen, das Gemüt des Herzogs sei undurchdringlich dunkel; es habe so wenig mit den Worten, die er spreche, zu tun wie der schwarze Grund des Meeres mit dem Gekräusel seiner Oberfläche. Indessen bleibe nun nichts übrig, als die Erfüllung seines Versprechens zu erwarten; er werde ja bei den vereinigten Bitten des Kaisers und des Kurfürsten nicht unempfindlich bleiben können.

Tilly sagte, er sehe voraus, daß Donauwörth fallen werde, und habe dem Kommandanten anheimgegeben, lieber zu kapitulieren, als die Besatzung nutzlos aufzuopfern. Wenn aber Donauwörth gefallen sei, werde Augsburg folgen, das die kaiserlichen Truppen ohnehin nur mit Widerwillen sich habe gefallen lassen. Augsburg aber sei die Schwelle Münchens. Darum müsse alles aufgeboten werden, um Gustav Adolf an der Überschreitung des Lechs zu hindern.

* * *

 

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