Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
Schließen

Navigation:

Die Landung des Königs von Schweden wurde vom Kurfürsten von Sachsen als eine auf ihn gemünzte Beleidigung angesehen, als sei er, das Haupt der Evangelischen im Reich, nicht allein Manns genug, ihren Sachen vorzustehen. Daß er das, und zwar besser als jener, verstehe, beschloß er aller Welt zu zeigen; denn freilich sei es nun nicht anders, als daß dem Kaiser einmal ein Ernst gezeigt werden müsse. Er hatte sein Mißfallen wegen des Restitutionsediktes deutlich ausgedrückt; aber der Kaiser hatte es nicht verstehen oder anderen zuliebe nicht berücksichtigen wollen. Mit trotzigen, ungehorsamen und geringen Ständen, sagte der Kurfürst, möge es der Kaiser immerhin scharf treiben; daß er jedoch mit Beiseitesetzung seines, des Kurfürsten, Sohnes August seinen Sohn Leopold in das Stift Magdeburg setzen wolle, das habe ein bedenkliches Ansehn; und wenn der Kaiser in solcher Willkür nicht gehindert werde, so könne leicht das Reich darüber zugrunde gehen. Es sei etwas anderes mit dem Brandenburger Christian Wilhelm gewesen, den habe das Domkapitel nicht leiden wollen, sein Sohn August hingegen sei ordentlich gewählt worden, wo also da für den Leopold Platz sei? von seinem katholischen Bekenntnis nicht zu reden. Zwei verschiedene Brillen könne man einem nicht auf die Nase setzen, sonst sehe er zuletzt gar nichts mehr. Es sei auch nicht zu leugnen, sagte er zu seinem Hofprediger Hoë, daß er, Hoë, die römische Posaune allzu fleißig geblasen habe, er solle nun einmal in das evangelische Horn stoßen und zeigen, daß es nicht rostig geworden sei.

Diesem Befehl zufolge eröffnete der Hofprediger die nach Leipzig ausgeschriebene Versammlung evangelischer Fürsten durch eine scharfe Predigt über Psalm 83: ›Gott, schweige doch nicht also und sei doch nicht so stille; Gott, halte doch nicht so inne! Denn siehe, deine Feinde toben, und die dich hassen, richten den Kopf auf. Tue ihnen wie den Midianitern, wie Sisera, wie Jabin am Bach Kison, die vertilget wurden bei Endor und wurden zu Kot auf Erden. Mache ihre Fürsten wie Oreb und Seeb, alle ihre Obersten wie Sebah und Zalmuna.‹

Dann sagte er, wie der einäugige Zyklop dem Odysseus versprochen habe, ihn zuletzt zu verspeisen, so denke auch der Papismus die Lutherischen nicht zu verschonen, sondern nur zuletzt zu verschlingen, er habe den Rachen immer offen, die Kalvinischen füllten seinen unersättlichen Bauch nicht, und wenn dieser abgöttische Moloch einem schöne Worte gäbe, so sei das nur ein süßer Schleim, den er einem anstreiche, damit der Bissen sich desto glatter schlucken lasse. »Auf, auf, du Häuflein,« rief er, »rüste dich, gürte dich, daß du nicht wehrlos überfallen werdest! Sei nicht schläfrig, sei nicht wollüstig, laß dich nicht übereilen! Den wackeren Krieger wird der Herr ansehn; aber die Faulen und Lauen sollen ausgerottet werden!«

Diese Predigt erregte große Verwunderung, und manche meinten, Gustav Adolf müsse dem Hofprediger die Räder gut geschmiert haben, daß er so geschwind laufe. Es entstand ein Gemurmel, der Kurfürst werde sich an die Spitze eines neugeworbenen Heeres stellen, geradeswegs auf Wien ziehen und den Kaiser zwingen, entweder das Restitutionsedikt aufzuheben oder vom Throne zu steigen. Dem Kurfürsten schien es, als sei bereits etwas zu weit gegriffen, und vorzüglich wenn er einen Teil seiner Gäste betrachtete, den Landgrafen von Hessen und die Weimaraner, seine Neffen, lauter junge Hähne, die verzweifelt im Sande scharrten und nach einem guten Misthaufen ausschauten, wo man ihre Aufgeblasenheit sähe und bewunderte, hielt er es für nötig, ihr Ungestüm zu dämpfen. Als er den Konvent eröffnete, sagte er, daß er den schwedischen Gesandten, der sich habe einfinden wollen, nicht vorgelassen habe; denn der König von Schweden sei ein Reichsfeind, und gehorsame Reichsfürsten könnten sich füglich nicht mit ihm einlassen. Er wolle auch, bevor geeignete Maßnahmen zum Schutze der Religion und Libertät verabredet würden, noch einmal feststellen, daß er unerschütterlich in der Devotion des Kaisers zu verbleiben gedenke. Von den altheiligen Grundsätzen, in denen sein erlauchtes Haus und seine in Gott ruhenden Vorfahren groß geworden wären, wolle er niemals abweichen. Freilich wären die Zeitläufte so böse, daß er einige Fähnlein habe anwerben müssen, um Hab und Gut seiner armen Untertanen vor räuberischen Söldnern zu schützen; aber er hoffe, weder der Kaiser noch andere Potentaten und Fürsten, ausländische und einheimische, bildeten sich ein, es sei dies als eine feindliche Aktion wider das Reichshaupt anzusehn.

Nach einer Pause nahm Landgraf Wilhelm von Hessen das Wort und sagte, mit einem solchen Grundsatz binde sich der Konvent von vornherein die Hände. Wie man sich gegen die Übergriffe des Kaisers wehren und zugleich in kaiserlicher Devotion bleiben wolle, vermöge er nicht einzusehen.

Er habe den Konvent einberufen, sagte Johann Georg, um die alte Vertraulichkeit zwischen den Reichsständen wieder herzustellen; das könne nicht geschehn, wenn man mit Spieß und Schwert drohe. Mit vehementen Entschlüssen sei überhaupt niemals etwas auszurichten.

Mit halben Entschlüssen noch weniger, sagte Landgraf Wilhelm. Man sei doch übereingekommen, daß die Religion in Gefahr stehe und daß viele Fürsten die Hälfte ihres Landes durch das Restitutionsedikt einbüßen würden.

Er wolle gewiß nicht zusehen, sagte der Kurfürst, daß die Augsburgische Konfession ausgerottet werde. Wenn es dazu komme, dann sei es Zeit, aufzubrechen.

Wenn die Religion ausgerottet sei, sagte Landgraf Wilhelm, nütze das Kriegführen nicht mehr, dann könne man vielmehr einen Spaten nehmen und sie begraben.

Man müsse das eine tun und das andere nicht lassen, sagte der Kurfürst. Man müsse nicht immer ein Wolf oder immer ein Lamm oder ein Hase sein; der feine Diplomat müsse bald dieses, bald jenes Pelzlein überziehen können und dadurch die Politiker irreführen. Es sei genug, dem Kaiser einmal die Wolfszähne zu weisen; aber so gröblich brauche man es nicht zu nehmen.

Bei den Gastmählern ließ sich der Kurfürst zuweilen ein wenig mehr aus und erzählte, wie er den Grafen Trauttmansdorff empfangen habe, den der Kaiser nach Dresden geschickt hatte, um ihn wegen des Restitutionsediktes zu begütigen. Er habe sich nämlich eigens zuvor hingesetzt und auf dem Kamme geblasen, und nachdem er des Trauttmansdorff Begrüßung entgegengenommen, habe er gefragt: »Kann Er, mein lieber Graf, auch auf dem Kamme blasen?« worauf der Graf etwas verlegen geworden sei und angefangen habe, sein Sprüchlein aufzusagen, der Kaiser habe ungern vernommen, daß der Kurfürst einen Argwohn wider ihn gefaßt habe, und so weiter. Er habe ihn eine Weile reden lassen und dann gesagt: »Wenn Er es nicht versteht, mein lieber Graf, so will ich Ihm eins blasen« und habe geblasen: ›Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort‹, deutlich und richtig, welches Liedlein papistischen Ohren bekanntlich vor allen unleidlich sei, bis der Graf sich ganz desperat empfohlen habe.

War aber einmal ein kräftiger Satz zu einem Brief an den Kaiser aufgeschrieben worden, so verlangte er allemal eine gelinde Klausel anzuhängen; denn, sagte er, die Bestie müsse doch ein Schwänzlein haben, an der man sie etwa wieder zurückziehn könne.

»So kommen wir nicht weiter!« rief Herzog Bernhard entrüstet. Wolle der Kurfürst dem Kaiser predigen, so solle er den Hoë nach Wien schicken, wolle er aber kämpfen, so ihn mit dem Schwert.

»Rühme dich auch noch, ein Söldner zu sein!« sagte der Kurfürst. Was ihn betreffe, so sei er kein Schnapphahn, sondern ein vornehmer Reichsfürst und müsse sich danach halten.

»Es ist nicht meine Schuld,« sagte Bernhard höhnisch, »daß ich und meine Brüder ärmer sind, als unsere Väter waren.«

»Sieh dich vor,« sagte der Kurfürst, »daß ich dir nicht einmal derb übers Maul wische; denn das steht mir als deinem Oheim und Vormund zu.« Wenn sie sich durch ihr unbesonnenes Dreinfahren in den Sumpf gebracht hätten, dann müsse er heran und helfen, wie damals, als Wilhelm als kaiserlicher Gefangener in Wien gewesen sei und er ihn habe losbitten müssen, was er dann ihm und kaiserlicher Majestät übel gedankt habe.

In vollem Unmut reisten Landgraf Wilhelm und Herzog Bernhard ab, bevor es zum Schlusse gekommen war, und auch dem Kurfürsten wurde der Aufenthalt sehr verleidet durch den Umstand, daß ein Pomeranzenhändler, der auf der Straße seine Früchte feilgeboten hatte, von der Pest befallen wurde und innerhalb einer Stunde verschieden war. Johann Georg führte beim Magistrat Klage, daß dergleichen fremdes Gesindel in die Stadt eingelassen würde, wodurch ganz Leipzig über sein Stadtgebiet hinaus verseucht werde. Der Magistrat erwiderte, es sei doch niemals und nirgends Sitte gewesen, daß man allen Ausländern die Stadt verschließe, würde sich auch mit der Leipziger Meßfreiheit schlecht vertragen. Da kämen Händler, Musikanten, Künstler und Quacksalber aller Art aus mancherlei Ländern, an denen sich der Kurfürst auch zu belustigen pflege. Das sei keine Entschuldigung, antwortete der Kurfürst, man solle der Sache besser auf den Grund gehen. Wenn noch mehr dergleichen Pomeranzenhändler in der Stadt wären, sollten sie ausgewiesen werden, er könne sein fürstliches Leben nicht aussetzen.

Am 12. April kam der Leipziger Schluß zustande in der Form, daß sich alle seine Mitglieder in wehrhafte Verfassung setzen wollten, um sich vor den Ausschreitungen der kämpfenden Heere zu schützen; daß aber solche Rüstungen nicht gegen den Kaiser gemeint wären, in dessen Devotion sie getreulich verbleiben wollten.

*

Zu Anfang April waren fast alle Außenwerke der Festung Magdeburg von den Kaiserlichen eingenommen. Zwei Ratsherren, deren einer Otto von Gericke war, gingen mit dem Marschall Dietrich von Falkenberg, den Gustav Adolf im November des vergangenen Jahres nach Magdeburg geschickt hatte, um als sein Vertreter die Leitung des Kriegswesens in die Hand zu nehmen, auf den südlichen Wall und versuchten durch den stark und gleichmäßig fallenden Regen nach den Schanzen hinüberzusehen. Die Windmühle werde von den Schanzen aus bestrichen, sagte Gericke, es könne nicht mehr dort gearbeitet werden. »Um Geld finden sich wohl noch ein paar Waghalsige, die das Leben daransetzen,« sagte Falkenberg, »das ist die kleinste Sorge. Brot haben wir noch eine Weile.«

Gericke sagte, er hätte nicht gedacht, daß die Außenwerke so schnell fallen würden; freilich sehe er jetzt, daß sie nur aus Sand gemacht gewesen wären. Wie hätte er sie anders machen sollen, entgegnete Falkenberg, da die Zeit gedrängt hätte und niemand hätte arbeiten wollen? Die Zollschanze würde nun auch nicht mehr zu halten sein.

Die Ratsherren erbleichten: »Dann liegt die Stadt dem Feinde offen«, sagte Gericke. Daß die Stadt im Süden unbefestigt sei, hätten sie ja doch gewußt, sagte Falkenberg. Es sei das beste, die Zollschanze gutwillig zu verlassen, wenn man sie doch nicht halten könne. »Herr Marschall,« sagte Gericke, »so legen wir selbst das Haupt auf den Block.« Ob man ein Werk halten könne, ohne zu schießen? rief Falkenberg heftig. So sei es aber; wenn es zum Sturme komme, würden sie kein Pulver mehr haben.

Nach einem langen Schweigen fragte Gericke, ob Falkenberg keine Botschaft mehr vom Könige gehabt habe? Nein, sagte Falkenberg, seit etwa vierzehn Tagen nicht mehr. Die Verheißungen des Königs seien aber so bestimmt gewesen, daß er immer noch auf Entsatz rechne.

Man möchte das Wort doch noch einmal bekräftigt haben, sagte der andere Ratsherr. Vielleicht wisse der König nicht, wie gefährlich ihre Lage sei. Sie wollten alles aufbieten, um einen Boten zu ihm gelangen zu lassen, der ihm ihre Not vor Augen stellte.

Eine geeignete Person fand sich in dem Advokaten Hermann Cummius, einem leichtsinnigen, prahlerischen und unordentlichen Manne, der das Abenteuerliche dem Alltäglichen vorzog. Da er bei Nacht aufbrechen wollte, um sich in der Dunkelheit durch das feindliche Lager zu schleichen, brachte er den Abend im Gasthause mit guten Freunden zu, unter denen mehrere Geistliche und auch Frauen waren. Er trank viel und sagte, die Hauptsache sei, daß er einen ordentlichen Rausch habe; denn die Berauschten gingen so sicher wie die Nachtwandler. Er erzählte von vielen Gelegenheiten, wo er durch Trunkenheit einem Unfall entgangen sei; einmal, sagte er, sei er sogar im Rausch in das Schlafzimmer eines schönen Frauenzimmers hinein- und vor Tagesanbruch wieder herausgekommen, ohne daß der Ehemann oder sonst jemand ihn erwischt hätte. Es wurde ihm denn auch eifrig zugetrunken, und als er aufbrach, wurde er mit Umarmungen, Tränen und Segenswünschen entlassen. Eine Frau drängte ihm als Amulett ein Fingerknöchlein von einer der elftausend Jungfrauen auf, welches er zuerst nicht nehmen wollte, da er kein Papist sei, endlich aber doch ihr zuliebe behielt und um den Hals hängte.

Nach etwa acht Tagen kam er zurück und berichtete, er habe den König zu Frankfurt an der Oder selbst gesehen und gesprochen. Derselbe habe ihn freundlich aufgenommen und wegen seines Mutes hoch belobt, ihm auch eine stattliche Belohnung versprochen und gesagt, die Stadt Magdeburg solle nicht verzagen, er werde ihr königlichen Entsatz bringen und unfehlbar vor Anfang Mai da sein. So lange solle sie aushalten um jeden Preis. Dem Rat und dem Marschall von Falkenberg berichtete er insgeheim, er habe den König merken lassen, daß der Rat schnellerer Hilfe von ihm gewärtig gewesen sei, worauf er verlegen oder ungeduldig geantwortet habe, er habe sich das Ding auch anders vorgestellt, der Administrator habe alles überstürzt, ehe es reif gewesen, er müsse doch einen Schritt vor den andern setzen, könne nicht fliegen. Es habe ihm, Cummius, so scheinen wollen, als sei der König kein so verliebter Freier, wie die Jungfrau Magdeburg sich einbilde, sondern wolle vorher noch ein oder das andere Schäferstündchen abhalten oder denke, sie könne ihm doch nicht entgehen. Er möchte nur wünschen, daß ihm nicht ein anderer zuvorkomme, der der Braut weniger willkommen sei.

*

Am 4. Mai brachte ein Trompeter aus dem feindlichen Lager Briefe Tillys an den Rat der Stadt Magdeburg, an den Marschall Falkenberg und an Christian Wilhelm, in denen er sie zum Gehorsam gegen den Kaiser ermahnte und gütlichen Akkord anbot. Wenn sie in ihrem Eigensinn und Ungehorsam verharrten, werde er zum Sturm schreiten müssen und wolle dann für die Folgen entschuldigt sein.

Das Ende des Monats sei nun vorüber, sagte der Ratsherr Gericke, und der König nicht gekommen. Sie würden nun, um die Stadt nicht dem Ruin auszusetzen, dennoch daran denken müssen, zu akkordieren. Derselben Ansicht waren die anderen Ratsherren; der Bürgermeister Martin Braun meinte, sie könnten die Vermittelung des Kurfürsten von Sachsen und der Hansestädte nachsuchen, darauf werde Tilly eingehen, und es werde Zeit damit verfließen, so hätten sie eine Frist gewonnen, in der der König doch noch ankommen könne.

Zu später Abendstunde ging Christian Wilhelm zum Kloster der Liebfrauenkirche und suchte den Priester Sylvius auf, der nach der Restitution dort eingezogen war. Dieser empfing den Markgrafen freundlich und herzlich, schon vermutend, was er im Sinne hätte, sagte, daß ihm die Sendung des Trompeters wohlbekannt und daß er in Unruhe sei, ob die Stadt nun endlich zur Pflicht zurückkehre; denn sie müsse doch einsehen, daß sie von dem Schweden betrogen sei und daß es jetzt um Leib und Leben gehe.

Ja, sagte Christian Wilhelm, die Lage sei böse, und er werde zu spät inne, daß er den Menschen zuviel vertraut habe. Da sei der Schneidewind, der abscheuliche Verräter, der sich gestellt habe, als wolle er Kaiserliche und Ligisten miteinander auffressen, und der nun zum Pappenheim übergegangen sei; da sei der Falkenberg, dem er sich immer bescheidentlich nachgestellt habe, als einem erfahrenen Manne, obwohl er doch ein Fürst sei, der halte mit seinen Gedanken zurück, niemand wisse seine wahre Meinung, außer daß er brause und koche wie ein speiender Berg, wenn man von Zweifeln oder Vernünftigkeit oder Akkordieren rede. Er, Christian Wilhelm, sei ein gerader deutscher Mann, der es gut mit jedem meine und immer das Rechte gewollt habe, und sei sich so vielfacher Bosheit und Untreue nicht zu vermuten gewesen. Da habe er Glück und Reputation an die Stadt Magdeburg gewagt, und nun sei er verachtet und verlassen, und die Schuld des Unglücks werde ihm zugeschoben; die feige, wankelmütige Stadt sei eines solchen Opfers nicht wert.

Wenn er reden und raten dürfte, sagte Pater Sylvius, so wolle er nicht verhalten, daß der Markgraf geirrt habe, wenn auch aus großmütiger Gesinnung. Er hätte dem Kaiser, seinem Herrn, nicht ungehorsam werden und sich mit fremden Potentaten nicht einlassen sollen. Des Kaisers Klemenz sei weltbekannt, es sei noch immer nicht zu spät zur Umkehr, den Reuigen werde er mit offenen Armen empfangen, wovon so vielfaches Beispiel sei, als mit dem Fürsten von Anhalt und den Prinzen von Altenburg und Weimar, die die kaiserliche Gnade so schnöde mißbraucht hätten.

Das sei alles wahr, sagte Christian Wilhelm, und er habe den Kaiser auch stets geliebt und geehrt und in allen seinen Widerwärtigkeiten treu zu ihm gehalten. Um so mehr habe es ihn gekränkt, daß der Kaiser ihm sein Erzstift genommen habe, das ihm nach Recht und Billigkeit gehöre. Ob Sylvius glaube, daß der Kaiser ihn dabei belassen werde, wenn er jetzt Frieden mit ihm machte?

Das sei nun freilich eine schwierige Sache, sagte Pater Sylvius. Das Erzstift sei durch das Restitutionsedikt der Kirche wieder eingeräumt und sei dem Erzherzog Leopold verliehen. Es sei ja auch nicht einmal in des Kaisers Macht, etwas dazu zu tun, da dem Kapitel die Wahl zustehe. Aber der Kaiser würde ihn gewiß reichlich entschädigen, es fehle ja leider Gottes nicht an konfiszierten Rebellengütern im Reiche.

Das sei weitaussehend und dunkel, sagte Christian Wilhelm, indem er aufstand; wenn er schließlich doch leer ausginge, könne er ebensowohl bei seinen Glaubensgenossen bleiben. Er wolle es sich noch überlegen.

Auf dem Rückwege von dem Priester ärgerte er sich mehr und mehr, daß er sich so weit herausgelassen hatte. Er hatte erwartet, Pater Sylvius werde voll Rührung und Dankbarkeit sein über die Aussicht, daß er zum Kaiser übertreten wolle, anstatt dessen hatte er ihn, so schien es ihm jetzt, nicht mit der Ehrerbietung behandelt, die einem Reichsfürsten zukomme.

Da er Falkenberg antraf, fragte er diesen, was denn seine Meinung sei, wie Tillys Brief zu beantworten wäre? Was ihn angehe, so wolle er nicht nachgeben; lieber wolle er als evangelischer Christ und Fürst sterben als mit der verfluchten päpstlichen Rotte unterhandeln. Es sei wohl auch noch nicht so weit, daß man verzagen müsse; die Stadt sei ja fest, habe bisher jeder Belagerung widerstanden, und der König könne ja auch jeden Augenblick eintreffen.

Gewiß, sagte Falkenberg; ein Schuft sei, wer seinen Posten verlasse und mit dem Feinde traktiere.

Leider, sagte Christian Wilhelm, dächten nicht alle so. Es gebe viele Verräter in der Stadt. Da wären zum Beispiel die Mönche vom Liebfrauenkloster, die ständen in Verbindung mit den Belagerern, denn sie wüßten alles, was draußen geschehe, und berichteten auch gewiß heraus, wie es drinnen sei.

Dem wolle er sogleich ein Ende machen, sagte Falkenberg, wendete sein Pferd und ritt zum Liebfrauenkloster, trat unangemeldet ein und herrschte Pater Sylvius an, er unterhalte hochverräterische Verbindung mit den Feinden der Stadt.

Wer denn die Feinde der Stadt wären? fragte Pater Sylvius. Die Stadt beteuere ja beständig, daß sie gut kaiserlich sei, und Tilly sei des Kaisers General.

Er wolle nicht um Buchstaben streiten, sagte Falkenberg rauh, die Stadt werde belagert, und wer mit den Belagerern heimlich Brief und Nachricht wechsele, sei ein Hochverräter. Dabei begann er die Kästen, die im Zimmer standen, zu öffnen und die Fächer eines Schreibtisches zu durchwühlen.

Er spiele umsonst den Häscher, sagte Sylvius, werde nichts finden. Er brauche nichts zu finden, um zu wissen, daß die Mönche Verräter wären, sagte Falkenberg mit einem drohenden Blick auf den unerschrockenen Priester; er werde sie alle in den Kerker werfen lassen, wo sie der Stadt keinen Schaden mehr zufügen könnten.

Von wem der Stadt Schaden widerfahre, werde die Zukunft lehren, entgegnete Sylvius.

»Du hast den Tod verdient«, fuhr Falkenberg auf, indem er den Priester am Arm faßte, »und sollst ihn von meiner Hand leiden.«

Sylvius lächelte und sagte, indem er freundlich an der hohen Gestalt Falkenbergs hinaufsah, das wäre freilich keine Kunst für einen großmächtigen Ritter, ein kleines wehrloses Mönchlein umzubringen.

Falkenberg ließ ihn los und lachte ein wenig. Nein, sagte er, Sylvius habe recht, er habe andere Taten zu tun. Die Mönche sollten immerhin ihren Gott und ihren Kaiser behalten; aber er warne sie, mit dem Feinde Korrespondenz zu führen, erfahre er das, werde er Maßregeln treffen müssen, sie zu hindern.

Das Volk, das den Marschall aufrecht, mit ernster Miene geradeaussehend durch die Straßen reiten sah, schöpfte keinen Trost aus seinem blassen Gesicht. Die Kunde von der Ankunft des Tillyschen Trompeters und dem Inhalt seiner Botschaft hatte Schrecken und Angst verbreitet; viele begannen zu ahnen, daß die Stadt in ernstlicher Gefahr schwebe. Im Hinblick auf diese Stimmung der Bürgerschaft sagte der Pfarrer der Ulrichskirche, Gilbert de Spaignart, der am eifrigsten für das schwedische Bündnis gestimmt hatte, eine besondere Predigt an, um die Wankenden aufzurichten. Er habe vernommen, sagte er, daß die Stadt schwachherzig sei, daß sie aus Angst, Habe und Leben einzubüßen, sich der päpstlichen Tyrannei unterwerfen möchten. Es schmerze ihn bitter, zu denken, daß unter diesen Schwachmütigen auch seine Beichtkinder sein könnten. Wären das Gottes Kinder, die bei der ersten Prüfung irre würden? Wenn nun auch das Äußerste geschähe, die Feinde erstürmten die Stadt, die entmenschten päpstlichen Soldaten plünderten; was können sie denn verlieren? Gold und Goldeswert, Fleisch und Blut, nicht mehr als verweslichen Staub. Was aber setzten sie aufs Spiel, wenn sie mit den Päpstlichen unterhandelten? Ihre unverwesliche Seele. Wer könne da zögern? Aber es sei ja nicht an dem! Sie hätten ja Wort und Brief des Königs von Schweden, daß er sie königlich entsetzen wolle; was zweifelten sie? Sie wüßten ja, daß der Held nur ein paar Tagereisen von der Stadt entfernt sei; er werde schon den rechten Augenblick ergreifen, sich auf den Feind zu werfen und sie zu retten. Er, der Gottesstreiter, wage eine Krone, ein Reich, ein treues Volk, Weib und Kind, Glück und Leben um seine bedrängten Glaubensgenossen im Reich, und sie wollten an ihm zweifeln? Schande über ihre Kleinmütigkeit! Ihr Ausharren werde gekrönt werden, der Held werde sein königliches Wort halten und sie herrlich erlösen.

Das glühende Auge, das aus dem gelben, spitzbärtigen Gesicht des Pfarrers herauszückend die Herzen der Gemeinde zu durchbohren suchte, feuerte die Zuhörer an, so daß sie sich ein wenig gehoben und getröstet fühlten; aber sowie sie zu Hause waren, bemächtigte sich ihrer die Unruhe wieder, die Männer gingen in die Schenken oder auf die Wälle, und auch die Frauen liefen hinaus, um etwas Neues zu hören und nicht allein zu sein.

*

In die Wirtschaft ›Zur Eierwiese‹ kam in der Frühe, nachdem die Nachtwache auf dem Walle abgelöst worden war, ein großer schwerer Mann und verlangte etwas Heißes zu essen. Während die Wirtin in das Haus ging, um eine Suppe zu holen, setzte er sich auf eine von den langen Holzbänken, die unter Birnbäumen und Pflaumenbäumen im Garten standen, stützte den Arm auf den Tisch und ließ den Kopf in die Hand fallen; dann aß er hastig und schweigend die Suppe, die ihm vorgesetzt wurde. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, über das Gras kroch feuchter, kühler Dunst, und man hörte das Zirpen der erwachenden Vögel. Allmählich füllte sich der Garten, einer stieß den schlafenden Mann an, der zuerst gekommen war, und hielt ihm einen Krug Bier hin. Der tat einen Zug und sagte, saufen, saufen sollte man jetzt, bald sei doch alles aus, was nütze die Schinderei, das Hungern und Nachtwachen? Es habe sich ihm in der Nacht angezeigt, daß Magdeburg hin sei. Nachdem er noch einen Zug getan hatte, wurde er vollends munter und erzählte, er habe um zehn Uhr abends die Wache am Südtor bezogen, sei eine Stunde auf und ab gegangen, habe sich dann auf einen Stein gesetzt, das Gewehr fest in der Hand, und nach der zerstörten Vorstadt Sudenburg hinübergeblickt, wo er früher gewohnt habe. Über die schwarzen eingerissenen Mauern weg habe er die Lichter des feindlichen Lagers gesehen, allmählich sei es ganz dunkel geworden, fast als sitze er in einem Faß mit kleinen Löchern, das seien die Sterne gewesen, die am Himmel aufgezogen wären. Auf einmal habe er das Trappeln von Pferdehufen gehört, habe sich erschrocken aufgerichtet und um sich gespäht. Da sei zuerst ein schwarzer Hund vom Krökentore hergekommen, dem die Zunge aus dem Rachen gehangen habe, dann ein Reiter auf einem schwarzen Pferde. Er habe ein spanisches Hütlein mit roter Hahnenfeder getragen, sein Gesicht sei bleich gewesen, übrigens habe er eine krumme Nase und ein spitzes Kinn gehabt. ›Das ist der Tilly!‹ habe er gedacht und, ohne sich zu besinnen, laut gerufen: »Wer da?« Eine hohle Stimme habe wie aus weiter Ferne geantwortet: »Runde um Mitternacht!« Da ihm das Wesen seltsam vorgekommen sei, habe er wiederum gerufen: »Im Namen Gottes, wer bist du?« Da habe er ein häßliches Lachen wie von einer Eule gehört, und der Reiter sei vor seinen Augen verschwunden gewesen wie ein Rauch in der Luft.

»Es war der Teufel« riefen einige, andere sagten, es sei Tilly leibhaftig gewesen, er verstehe die Schwarze Kunst, noch andere, er könne auch gestorben sein, und es sei sein Geist gewesen.

Es sei gewiß und wahrhaftig der leidige Teufel gewesen, sagte der Mann. Aber das sei nicht das Ärgste gewesen. Er habe noch bestürzt und am ganzen Leibe zitternd nach der leeren Stelle gestarrt, da habe er plötzlich ein Sausen in der Luft gespürt, habe über sich geblickt und gesehen, daß es Vögel gewesen wären, die hätten sich aus der Stadt hinaus in das Land geschwungen. Erst wären es wenige gewesen, dann wären viele gekommen, Störche, Schwalben und Stare, und es wäre wie ein schwarzer Fluß über ihn hingezogen, daß die Luft kalt davon geworden wäre, bis es sich in der Ferne verloren hätte.

Das sei freilich ein gewisses Vorzeichen, sagte ein alter Schiffer; denn als er ein Kind gewesen sei, sei seinem Vater die Hütte abgebrannt, und da hätten in der Nacht vorher die Schwalben das Nest verlassen, das sie unter dem Dache seit vielen Jahren bewohnt gehabt hätten.

Nun, sagte einer, ob denn das Unglück so groß sei, wenn die Stadt erstürmt werde? Die Soldaten plünderten doch nur da, wo sie reiche Beute zu finden hofften, sie, die Armen, würden nicht davon betroffen, vielleicht fiele noch etwas ab für sie.

Gewiß wäre es eine gerechte Gottesstrafe für die Reichen, sagte der Mann, der das Gesicht gehabt hatte, weil sie die Vorstädte zerstört hätten unter dem Vorwande, daß sich sonst der Feind darin festsetze. Das sei nichts als Mißgunst gewesen, und unchristlicher könne der Feind auch nicht hausen.

Viele meinten, sagte ein Mann halblaut, das arme Volk würde sich sogar besser stehen, wenn durch den Kaiser eine gänzliche Reformation eintrete und das üble Wirtschaften des Rates abgestellt würde. Er wüßte es von solchen, die heimlich draußen im Lager gewesen wären, daß der Kaiser und Tilly es gut mit ihnen meinten.

Es gehe doch aber um die Religion, sagten dagegen andere, und es sei auch nicht an dem, daß nur die Reichen geplündert werden würden, im Gegenteil, die kauften sich los, und die Armen müßten mit ihrer Haut zahlen. Ein Streit drohte auszubrechen, als die junge Wirtin, ein halbjähriges Kind auf dem Arme, unter die Lärmenden trat und zu plaudern anfing. Es verspreche ein gutes Obstjahr zu werden, sagte sie, indem sie zu den blühenden Bäumen aufblickte, eine so gute, anhaltende Witterung sei seit Anno 1619 nicht dagewesen. Lachend hielt sie das Kind hoch, und über ihrem blonden Kopf schwebten die durchsichtigen, von Bienen umsummten Kronen wie ein Baldachin aus leichter weißer Seide. Was sie betreffe, sagte sie, so wären sie zufrieden, das Jahr lasse sich gut an für sie, und Gott werde schon alles zum Guten wenden. In diesem Augenblick trat ein schwedischer Leutnant ein, der einen Trupp Soldaten anführte, ließ sich Branntwein geben und fragte in herrischem Ton, indem er sich umsah, was die Männer hier trieben? ob sie nicht zur Wache zögen?

Einige schwiegen, andere sagten trotzig, sie gingen, wann sie Lust hätten, sie wüßten wohl, daß von den Reichen keiner käme, obwohl es doch alle gleich treffen sollte.

Der Leutnant entgegnete, das wären Ausreden, sie erhielten ihren ausgemachten Lohn dafür, den steckten sie ein und verzechten ihn in den Wirtschaften.

Nun wurden die Leute böse und schrien durcheinander, was das ihn angehe, das sei seine Sache nicht, die Soldaten hätten den Wall zu bewachen, dafür würden sie von der Bürgerschaft ernährt, sie sollten sich dazuhalten, oder sie würden ihnen Beine machen.

Sie sollten sich schämen, rief der Schwede in gebrochenem Deutsch, sie ließen sich von Fremden verteidigen und beschimpften sie noch. Er wisse wohl, daß die Schweden in der Stadt nicht gern gesehen würden, sie müßten hungern und sollten doch ihr Blut für die Stadt vergießen.

Nein, es sei umgekehrt, sagten die Magdeburger dagegen, die Schweden saugten ihnen das Blut aus; und es wäre trotz des gütlichen Zuredens der jungen Wirtin zu einer Rauferei gekommen, wenn der Marschall von Falkenberg nicht vorbeigeritten wäre und den Lärm gehört hätte. Die Soldaten, entschied er, gehörten auf die Wache und sollten sich in den Wirtshäusern nicht aufhalten. Aber ein schwedischer Offizier dürfe auch keine Schmähreden von den Bürgern dulden, sie müßten sich deswegen entschuldigen oder sollten bestraft werden. Endlich sollten auch die Bürger ihre Pflicht tun und rechtzeitig die Posten beziehen. Die Wirtin erzählte entschuldigend, was für ein Gesicht ein Mann diese Nacht auf dem Walle gehabt habe, und daß sie nun meinten, Magdeburg sei doch hin, und es nütze kein Wachehalten mehr. »Das sind Narrheiten«, sagte Falkenberg streng. »Mein Helmbusch soll euch ein Zeichen sein; solange der flattert, steht Magdeburg.«

Am 18. Mai schickte Tilly wieder einen Trompeter in die Stadt wegen der Kapitulation: es sei nun das letzte Mal; wenn die Stadt jetzt noch in ihrer Verblendung verharre, so müsse er das Gnadenpförtlein schließen und stürmen; dann könne er selbst die Stadt nicht mehr vor schwerem Schaden und Ruin retten. Der Rat versammelte sich und war einmütig darin, daß man kapitulieren müsse; verteidigen könne man die Stadt ja nicht, da es an Pulver fehle. Auch die Pfarrer der Hauptkirchen traten zusammen, um einen Beschluß zu fassen. Es werde hoffentlich keiner unter ihnen sein, sagte Gilbert de Spaignart, der für die Übergabe spreche, denn das wäre Verrat an Gottes Wort.

Man müsse doch auch das Heil der Menschen bedenken, wandte der Domprediger ein, über die man zu wachen habe. Ob sie genugsam bedacht hätten, welches Los der Stadt zufiele, wenn sie erstürmt würde und sich dem Kaiser gänzlich unterwerfen müsse? Dann könne sie sich wegen der Religion nichts mehr reservieren, und bei der Plünderung würde nichts geschont, weder Geschlecht noch Alter, die Schwachen müßten am meisten leiden. Dann müßten sie das Geschrei der kleinen Kinder hören, die ihren Eltern entrissen, gespießt und ins Feuer geworfen würden, wie man dergleichen Greueltaten genug in diesem Kriege vernommen habe.

Wenn es sich um die Seelen handle, dürfe man des Leibes nicht achten, sagte Spaignart. Ob die ersten Christen auch so heikel gewesen wären, die man den Löwen vorgeworfen, in Pech gewälzt und angezündet hätte, daß ihre zuckenden Leiber weithin geleuchtet hätten? Das lese und höre man, als seien es Fabeln zur Unterhaltung; es seien aber Beispiele, die Christen zur Nacheiferung zu reizen.

Jene Christen, sagte Bake, hätten ihren Gott abschwören sollen; aber das werde von ihnen nicht verlangt. Tilly hätte deswegen gute Zusicherungen gegeben, und es sei auch noch nicht vorgekommen, daß die Lutherischen in ihren Ländern mit Gewalt von ihrem Glauben gezwungen worden wären.

Ja freilich, rief Spaignart zürnend, man kenne solche Lockmittel und betrüglichen Worte. Es sei doch bekannt, daß der Kaiser das Erzstift seinem Sohne gegeben habe; wie sich damit der evangelische Glaube reime? Versprechungen machten den Papisten nichts aus, da sie doch Ketzern das Wort zu halten sich nicht verpflichtet hielten.

Ja dann, sagte der Domprediger traurig, wenn man einander nicht Glauben schenke, dann müsse Handel und Wandel aufhören. Man solle doch nichts übereilen! Er sei in der Stadt geboren und aufgewachsen, ihr Kind und ihr anhänglich und treu. Er könne ihren Fall nicht ansehn. Sein Herz werde brechen, wenn er ihren Untergang erleben sollte. Gott verlange ein solches Opfer nicht, da er doch der Menschen Vater sei.

So? rief Gilbert de Spaignart mit flammenden Augen, ob Gott niemals schwere Opfer verlangt habe? Bessere Menschen, als sie wären, hätten ihr Leben unter Martern aushauchen müssen; aber jetzt leuchte ihr Leib in der ewigen Glorie. Er glaube nicht, daß es Verräter unter ihnen gebe, aber schwache Seelen, die den eitlen irdischen Zauber allzuhoch anschlügen.

Nachdem Gilbert de Spaignart noch eine Weile so weitergeredet hatte, ohne daß ihm jemand etwas zu entgegnen wagte, verstummte auch der Domprediger. Sie gingen miteinander auf das Rathaus, wo Gilbert de Spaignart das Wort ergriff und den Rat ermahnte, nicht zu akkordieren. Sie wären ihre Beichtkinder und müßten ihre Stimme hören. Sie, die Pfarrer, wären für ihre Seelen verantwortlich. Der König von Schweden werde sicherlich kommen; wie sollten sie dann vor ihm bestehen, wenn sie trotz seiner vielfältigen Verheißungen nicht ausgeharrt hätten?

Am Nachmittage des folgenden Tages hielt Gilbert de Spaignart wieder eine Predigt. Von der Kanzel herunter sah er zu, wie seine Zuhörer in die Kirche kamen, Männer, Frauen und Kinder waren schwarz gekleidet, die Frauen hielten die Gesangbücher auf einem weißen Tüchlein in der Hand, und sie suchten mit feierlichen Schritten ihre Plätze auf. Durch das geöffnete breite Portal und durch die hohen Fenster floß das Licht der Maisonne und rieselte über die vielen holzgeschnitzten und steinernen Figuren, mit denen die Kirche ausgeschmückt war. Da waren Engel mit Flöten und Trompeten, Heilige, die ihre Marterinstrumente trugen und lächelten, und die trauernden Gestalten der Verstorbenen auf den Grabmälern der vornehmen Geschlechter; sie glühten rosig und festlich wie große, seltsame Frühlingsblumen. Des Pfarrers schwarze Augen ruhten eine Weile auf den ernsten, stillen Menschen, die unter ihm auf den Bänken saßen, dann sagte er, es freue ihn, daß sie in Feiertagsgewändern gekommen wären; denn dies sei eine Prüfung, die Gott in Freude verwandeln werde. Es zieme sich, daß sie ernsthafte Gedanken über ihre Sünde und die Nichtigkeit alles Zeitlichen hätten; aber sie sollten nicht an dem König zweifeln, der ihnen Rettung zugesagt habe. Vielleicht sei er nicht mehr weit; vielleicht sähen die Wächter auf den Türmen schon den Staub, den seine fliegenden Rosse aufjagten.

Auf dem Rathause saßen die Ratsherren noch zusammen. Sie waren alle willens zu akkordieren, der Trompeter sollte sogleich an Tilly zurückgeschickt werden und ihre Bereitwilligkeit anzeigen. Da kam Falkenberg von den Wällen zurück und sagte, atemlos vom eiligen Ritt, sie sollten noch eine einzige Nacht warten; wenn der König bis zum Morgen nicht da sei, wolle er nicht länger wider die Kapitulation reden. Der Trompeter sei ja noch in der Stadt, also sei nichts Ernstliches zu besorgen, Tilly werde nicht stürmen, bis der Trompeter mit der Antwort zurück sei. Jetzt komme alles darauf an, Zeit zu gewinnen. Darüber könnten sie den kostbarsten Augenblick verlieren, sagte einer der Ratsherren. Falkenbergs Gesicht zuckte vor verhaltener Erregung: sie wären wie jene Jünger, zu denen Christus gesagt hätte: »Könnet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?«

Die Ratsherren wiesen diesen Vorwurf zurück. Sie müßten für das Wohl der Stadt sorgen, sagten sie, es wären böse Vorzeichen vorgefallen, ein Mann habe kürzlich bei Nacht den Tilly auf einem schwarzen Roß auf dem Wall erscheinen gesehn und dies mit einem Eide bekräftigt, auch wäre vom nördlichen Walle, wo Pappenheim liege und wo die größte Gefahr sei, Bericht gekommen, es würden heimlich Anstalten zum Sturme getroffen. Falkenberg erbot sich, mit einigen Ratsherren dorthin zu gehen und sich darüber zu vergewissern. Die Sonne war untergegangen, bis die Herren oben waren; wie sie sich im Zwielicht zum Unterwall hinunterbeugten, konnten sie Sturmleitern daneben liegen sehen, die augenscheinlich neuerdings von den Belagerern dorthin geschafft waren. Voll Schrecken wies der eine der Ratsherren darauf hin: die Feinde hätten sich's bequem gemacht, sagte er, daran könnten sie hinaufsteigen wie über eine Freitreppe. Die Leitern wären viel zu kurz, sagte Falkenberg, wer Erfahrung im Belagerungswerk hat, könne das sofort erkennen. Sie dienten, den Feind zu täuschen, sonst zu nichts. Übrigens könne er nachts noch einen Ausfall unternehmen, um Pappenheim die Lust zum Sturm zu vertreiben. Er stand still mit gesenktem Kopfe in einer Mauerlücke, während Fledermäuse mit unhörbarem Taumelfluge an ihm vorüberhuschten; sein Gesicht schimmerte matt in der Dämmerung.

Daß es auf einen Sturm in dieser Nacht nicht abgesehen sei, könne man annehmen, berichteten die Zurückkehrenden auf dem Rathause, es sei alles still drüben.

So wolle man denn in Gottes Namen noch einmal zuwarten, wurde beschlossen; sei aber die Nacht vorüber und der König nicht erschienen, wolle man kapitulieren. Um vier Uhr wolle man sich wieder auf dem Rathause versammeln, bis dahin aber sich ein wenig des Schlafes getrösten. So wolle er um vier Uhr sich auch einfinden, sagte Falkenberg, und die Befehle des Rates vernehmen.

*

Spät am Abend hielt Tilly Kriegsrat. Der Trompeter sei noch nicht zurückgekommen, sagte er, er besorge, es sei daraus zu schließen, daß die Magdeburger steif in ihrem Widerstande verharren wollten. Es sei nicht zu leugnen, daß nach allerlei aufgefangenen Nachrichten der Schwedenkönig etliche Stunden von hier, zu Saarmünd, stehe und also demnächst zum Entsatz anrücken könne, insofern dränge die Zeit, wenn man etwas unternehmen wolle. Andererseits werde die Stadt sich gut vorgesehen haben, man laufe Gefahr, mit blutigen Köpfen abziehen zu müssen.

Als Tilly schwieg, fiel Pappenheim rasch ein, er halte es für seine Pflicht, den Sturm zu votieren, und zwar schleunig dazu zu schreiten, denn es sei schon allzuviel Zeit verloren. Die Stadt möge im Osten und Westen gut verwahrt sein, im Norden, wo er stehe, sei der Eingang frei. Auch habe er täglich Briefe aus der Stadt empfangen, die Stimmung sei schlecht, die Bürgerschaft verzagt und des Dienstes auf den Wällen müde. Man sei es dem Kaiser schuldig, mit Warten nicht die Gelegenheit zu verspielen.

Tilly entgegnete mit einem ernsten Blick auf Pappenheim, dieser habe die Belagerung einer starken Festung noch nicht mitgemacht. Das sei ein anderes Werk, als offene, von Bauern verteidigte Plätze einzunehmen, wie er in Unterösterreich getan habe.

Er sei allerdings jung, antwortete Pappenheim, habe nicht soviel Erfahrung wie Tilly, dem er sich deshalb auch stets untergeordnet habe. Aber einmal müsse er doch anfangen, Erfahrung zu erwerben. Er habe den Festungskrieg gründlich studiert, sei auch in den Niederlanden gewesen und wisse, daß die Werke der Stadt Magdeburg nichts taugten. Er wolle stürmen, nicht weil er ein Hitzkopf sei, sondern um seine Pflicht gegen Kaiser und Kurfürsten zu erfüllen.

Daß auch er das zu tun gewillt sei, werde niemand bezweifeln, sagte Tilly. Es sei aber vielerlei zu bedenken. Magdeburg sei eine schöne, große, volkreiche Stadt. Bevor man Hand an sie lege, müsse man ihr Zeit lassen, sich zu bekehren. Der Trompeter, den er abgesandt habe, sei noch nicht zurückgekehrt.

Einige andere Offiziere meinten, dem Trompeter könne auch etwas zugestoßen sein. Die Staatsräson gehe schließlich über alles, es sei hochwichtig für den Kaiser, daß Magdeburg, der Schlüssel zum Elbepaß, nicht in Feindeshand falle.

Wenn Tilly nicht jetzt sogleich stürmen wolle, schlug Erwitte vor, so könne man es ja in der Frühe des folgenden Tages tun, da man doch einmal einen Zeitpunkt festsetzen müsse. Damit erklärte sich Pappenheim einverstanden. In der Frühe sei auch im grauen Altertum Sagunt erobert worden; die Bürgerschaft pflege, nachdem sie die Nacht durchgewacht habe, sorglos zu werden und sei desto leichter zu überwältigen. Tilly willigte ein; doch solle niemand losbrechen, bis er selbst um sieben Uhr das Zeichen durch einen Kanonenschuß gegeben habe. Um drei Uhr erwachte der General nach kurzem, unruhigem Schlummer und erteilte Befehle, wie es gehalten werden solle, wenn der Sturm mißglücke; in dem Falle wollte er von Magdeburg abziehen. Nachdem er dann eine Messe gehört hatte, kniete er lange vor dem Bilde des Gekreuzigten, das in seinem Zelte aufgestellt war, ohne daß das Gebet seinem Herzen Gewißheit gegeben hätte. Er sagte sich, daß Pappenheim im Rechte sei, wenn er es für erforderlich hielt, zu stürmen, aber gleichzeitig beruhigte ihn der Gedanke, daß niemand beginnen dürfe, bis er selbst das Zeichen dazu gegeben hätte.

*

Um vier Uhr kam Falkenberg auf das Rathaus, wo einige Ratsherren eben eingetroffen waren; sein braunes Haar, das an den Spitzen rötlich schimmerte, klebte an seiner blassen Stirn. »Ihr seht aus, als ob Ihr wenig geschlafen hättet«, sagte Bürgermeister Braun zu ihm. Ein Kriegsmann müsse den Schlaf entbehren können, antwortete er. Was die Herren nun zu tun willens wären? Sie wären noch zu wenige, um einen Beschluß zu fassen, hieß es; worauf der Marschall erklärte, er wolle inzwischen die Wachen besichtigen, und fortritt. Als er zurückkam, wurde ihm mitgeteilt, sie wären entschlossen, zu kapitulieren. Gott habe sie diese Nacht noch beschirmt, jetzt sei keine Zeit mehr zu verlieren, längeres Warten hieße Gott versuchen. Der Administrator, der anwesend war, sagte seufzend, er glaube auch, es müsse so sein. Gegen die Notwendigkeit solle der Vernünftige sich nicht stemmen. »Notwendig ist nur der Wille«, sagte Falkenberg. Wo sei hier Notwendigkeit? Hätten die Belagerer stürmen wollen, so hätten sie es diese Nacht getan. Wenn sie jetzt kapitulierten, sei es unwiederbringlich. Eine Stunde, nur eine Stunde noch sollten sie warten. Von den Ratsherren standen mehrere ärgerlich auf, und einer sagte mit einem feindlichen Blick auf Falkenberg, es müsse jetzt ein Ende gemacht werden; sie könnten die Stadt nicht wegen der Hartnäckigkeit eines Fremden dem Untergang preisgeben.

In diesem Augenblick hörte man eilige Schritte auf der Straße, der Bürgermeister öffnete das Fenster und sah hinaus; gleich darauf kam ein Ratsdiener und meldete, der Türmer vom Johannesturm schicke seinen Buben, es sei große Bewegung im feindlichen Lager nach Norden zu, hinter Büschen und Mauerwerk lebe es von Reitern, es gehe etwas vor, er besorge, sie wollten stürmen. »Sie sollen kommen,« sagte Falkenberg, »sie werden gut empfangen werden, die Wälle sind besetzt.« »Aber wir haben ja kein Pulver mehr,« schrie der Bürgermeister Kühlmann außer sich, »wenn sie kommen, so sind wir alle verloren.« Falkenberg sagte, er wolle nach der südlichen Stadt und sein dort liegendes Regiment nach den bedrohten Mauern führen; er lief die Treppe hinunter, und man hörte das scharfe Aufschlagen der Hufe seines Pferdes auf das Pflaster. Christian Wilhelm eilte ihm nach; nun sei ihm wieder wohl, da er kämpfen könne, rief er fröhlich, die verräterischen Schufte sollten sich an der heißen Morgensuppe die Kehle verbrühen. Indessen kamen Leute gerannt und jammerten, der Feind sei schon auf den Wällen, habe die Wachen überrumpelt und dringe in die Stadt; auf der Straße wurde durcheinandergelaufen und -geschrien. Die großen Glocken fingen an Sturm zu läuten; heulend rasten die schweren Töne durch den heiteren Morgen. Die Ratsherren eilten nach ihren Häusern, um für ihre Familie und ihre Habseligkeiten zu sorgen, viele flüchteten zu denen, von welchen man wußte, daß sie mit den kaiserlichen Befehlshabern im Einvernehmen gewesen waren und Schutzwachen wegen der Plünderung von ihnen erhalten würden.

*

Zwischen sechs und sieben Uhr hielt ein Feldprediger auf dem nördlichen Walle die Frühpredigt. Er sagte, daß, wie Gott durch Simson die Philister geschlagen habe, so würde er auch den Antichrist Tilly und seine Horden treffen. Aber es wären nicht alle rechte Bekenner des Worts, die sich Evangelische nennten. Die Wölfe im Schafpelz, die Maulfrommen, die wären noch schlimmer als die Katholischen, und daß solche in der Stadt wären, wisse ein jeder, ohne daß er sie nennte. Während der arme Soldat sich Wurzeln suchte und um ein schmales Süpplein froh wäre, säßen sie an der Tafel voll Spanferkel, Würzwein und Marzipan, schickten geheime Brieflein an den Feind und steckten dafür das Geld in die Tasche, das dem armen Mann als Kontribution abgepreßt wäre. Sie meinten wohl, nur dem Feinde Brieflein verkauft zu haben; aber sie hätten dem bösen Feind Satanas ihre Seele verhandelt, wie sie dessen in der Todesstunde innewerden würden. Da stehe der Teufel an ihrem Kopfkissen und erwarte die ausschlüpfende Seele und fahre mit ihr kopfüber in die Hölle. Bei diesen Worten, die der Prediger mit gellender Stimme schrie, während er mit den Armen in der Luft herumfuchtelte, wurde er durch das laute Geschrei der anstürmenden Pappenheimer unterbrochen. Viele Soldaten waren so bestürzt, daß sie wie gelähmt stehenblieben und sich abstechen ließen, andere mit dem Prediger sprangen blindlings über Stock und Stein und kamen atemlos in die Stadt, das Unglück zu melden. Als Falkenberg an der Spitze seines Regiments angesprengt kam, waren die äußersten Straßen schon vom Feinde erfüllt; nach kurzem, wildem Kampfe fiel er und wurde von einem seiner Pagen sterbend in ein Haus geschleppt.

Während die Soldaten sich noch wehrten, rannten von den Bürgern die meisten nach Hause, um bei ihrer Familie und ihrer Habe zu sein. Hinter ihnen drein stürmten die Sieger, trunken von dem Wein, den ihnen Pappenheim, um sie anzufeuern, hatte reichen lassen, und von gieriger Ungeduld; denn es galt nun in den zwei Stunden, die ihnen zum Plündern zustanden, sich die lohnendste Beute zu verschaffen.

Als Tilly in die Stadt einritt, um zuerst den Pater Sylvius im Liebfrauenkloster aufzusuchen, sah er, daß aus einem Hause in der alten Stadt Flammen schlugen; steil und durchsichtig rein flog der Feuerspringbrunnen in den Frühlingshimmel. Der General spornte sein Pferd und rief den Soldaten, die hierhin und dorthin liefen, zu, mit ihm zu kommen und zu löschen; aber es hörte oder achtete niemand darauf. Als er zur Stelle kam, brannten zwei Häuser lichterloh, und wenn nicht schleunig gewehrt wurde, mußten die benachbarten, ja mußte die ganze Straße ergriffen werden. Voll Schrecken gebot er den Offizieren, die in seiner Begleitung waren, Leute zum Löschen zusammenzubringen; sie sollten drohen und versprechen, damit der Brand nicht um sich greife und unsägliches Verderben verhindert werde. Feuriger Schein fiel auf das bräunliche Gemäuer des Johanneskirchturms, und Schwärme von Funken rieselten, wie Samen von der Hand eines dämonischen Sämanns geworfen, auf das Dach des Langhauses.

In der Nähe der brennenden Straße sah Gilbert de Spaignart, der planlos umherirrte, um zu helfen und zu retten, eine ihm bekannte Kaufmannsfrau mit ihrer zwölfjährigen Tochter im aufgeregten Gespräch oder Streit mit einem auffallend herausgeputzten, bärtigen Offizier. Er hatte, wie sich herausstellte, das kleine Mädchen am Arme gefaßt und suchte es unter dem Vorwande, er wolle es vor dem Feuer und der Roheit der gemeinen Soldaten schützen, mit sich fortzuziehen, das sich angstvoll an das Kleid seiner Mutter klammerte. Die Frau, die die Absicht des begierig blickenden fremden Mannes durchschaute, stürzte sich flehend auf den Pfarrer, der, um ihr beizustehen, auf den Offizier zuging, ihm höflich dankte und ihm erklärte, er kenne die Frau und werde sie beschützen. Ohne das Kind loszulassen, schrie der Offizier den Pfarrer an, was ihm einfalle, sich einzumischen, er sei ein Pfaff und habe den Tod verdient. Flüchtende Bürger, die es hörten, blieben stehen und stimmten ein: ja, das sei der Verfluchte, der sie verführt und ins Verderben gestürzt habe; von allen Seiten geschlagen und gestoßen, wehrte er sich atemlos, die Augen fortwährend auf die Frau und das Kind gerichtet. Bevor er sich freimachen konnte, schlug der Offizier die Frau mit der Klinge seines Säbels vor die Brust und riß das kleine Mädchen mit sich. Spaignart sah das runde rosenrote Gesichtlein unter der schwarzen Haube, das jetzt von verzweifelter Angst zerrissen war, und die weiche Kinderhand, die ohnmächtig nach der Mutter griff; in einem Augenblick erinnerte er sich, wie er das Neugeborene über die Taufe gehalten hatte und wie das Kind ihn während des Unterrichts anzusehen pflegte, ein wenig zögernd und trotzig, als wenn es lieber gespielt und sich draußen getummelt hätte, als seine Sprüche aufzusagen. Wütend riß er sich los, packte die halb ohnmächtige Frau und rannte, sie hinter sich herziehend, dem Entführer nach, den er bereits nicht mehr sah. Plötzlich fiel von einem Hause brennendes Gebälk auf die Straße und traf die Frau; ohne sich nach ihr umzusehen, taumelte er vorwärts, Staub und Qualm in den Augen, von Getöse und Gebrüll betäubt. Vor dem Rathause, wo er sich auf einmal fand, brach er, unfähig weiterzugehen, zusammen. Über den Stufen der Treppe sich windend, das Gesicht auf die Steine gepreßt, schrie er: »Verflucht, wer sich auf Menschen verläßt!« Er wünschte nichts weiter, als daß dies eine Kanzel wäre und daß alles Volk in Magdeburg, nein, alle Menschen auf der Erde ihn hören könnten, wie er schrie: »Verflucht, wer sich auf Menschen verläßt!« und daß sie es verständen, wie er es jetzt verstand und wie Gott es zur Warnung hatte ausgehn lassen: »Verflucht, wer sich auf Menschen verläßt!« Er versuchte es zu schreien und zu heulen, daß es von allen Mauern widerhallte und fürchterlich zum Himmel aufstiege; aber es kam nur als ein trockenes Geflüster von seinen Lippen.

Indessen wälzte sich die Feuersbrunst weiter, obwohl an einzelnen Stellen Soldaten und Bürger unter der Anleitung von Offizieren zu löschen suchten; doch gelang es durch Niederreißung von Häusern, den Dom abzusperren. Als Tilly bei der Kathedrale ankam, die der singende Flammenkreis umgab wie ungeheure, im feierlichen Siegesjubel geschwungene Scharlachfahnen, und die dort versammelten Offiziere, die Hüte lüftend, glückwünschend an ihn heranritten, nahm auch er seinen Hut ab und faltete die Hände. Der Herr habe ihm vergönnt, sagte er, dies Heiligtum der wahren Kirche zurückgeben zu können; sein Herz sei voll des Dankes. Nach einer Pause, während welcher die Herren schweigend die Hüte in der Hand hielten, wendete der General sich ihnen zu und dankte ihnen für den Eifer, mit dem sie ihre Pflicht getan hätten. Pappenheims Valor und Unermüdlichkeit werde er dem Kaiser besonders rühmen; daß er das verabredete Zeichen zum Sturm nicht erwartet habe, schreibe er seinem löblichen Kriegseifer zu. Die Offiziere meldeten ihre geringen Verluste; ein so vollkommener und herrlicher Sieg sei seit Jahrhunderten nicht errungen worden. »Doch besorge ich,« sagte Tilly mit verdüsterter Miene, »daß er sich in unsern Händen in Schimpf verwandelt. Wir werden statt einer Festung einen Aschenhaufen erobert haben, was wir vor dem Kaiser und aller Welt werden verantworten müssen.« Gott möge es demjenigen verzeihen, setzte er langsam hinzu, der dies Verhängnis aus Übermut oder Unbedacht angestiftet habe. Pappenheim, der den vorwurfsvollen Blick des Generals aufgefangen hatte, warf den Kopf zurück und sagte mit lebhafter Empfindlichkeit, er hoffe, Tilly wolle nicht ihn solcher Barbarei und sträflichen Vorwitzes fähig halten. Er wisse, wieviel an der Konservation der Stadt gelegen sei. Der Brand sei wohl ein Strafgericht Gottes; viele meinten auch, und es sei leicht möglich, daß die frevelmütigen Rebellen das Feuer selbst angelegt hätten, um lieber unterzugehen, als in des Kaisers Hand zu fallen. Es sei jetzt nicht der Ort, darüber zu reden, antwortete Tilly, indem er Miene machte, wieder nach der brennenden Stadt umzukehren, jetzt müsse man nach Kräften Schaden zu verhüten suchen. Er bestimme den Dom zu einem Zufluchtsort für alle, jeder solle sorgen, daß seinen Befehlen nachgelebt werde. Der Freiherr von Schönberg ritt ihm nach und flüsterte ihm zu, ob er gestatte, daß er sich als Entgelt für gewisse Forderungen, die er an die Kriegskasse habe, einen Teil des Materials aus den abgebrannten Häusern, etwa das Kupfer, zueigne; jetzt greife jeder zu, am Ende bleibe dem Säumigen nichts übrig. Tilly sagte, er habe nichts dawider, wenn die Gelegenheit dazu da sei; vorerst sei Wichtigeres zu tun, und er hoffe, dabei werde sich niemand säumig finden lassen.

In einer engen Gasse scheute Tillys Pferd vor dem Leichnam einer Frau, der quer über das Pflaster hingestreckt lag; abspringend sah er, daß neben ihr, an ihre volle blütenweiße Brust geklammert, aus der es kurz vorher gesogen haben mochte, ein kleines weinendes Kind kroch. Das Blut stieg ihm heiß ins Gesicht, und er bückte sich und zog mit einer ungeschickten Bewegung das Hemd über den Körper der Toten; dann sah er das Kind an, das einer schönen lebendigen Frucht gleich vor ihm lag und, sein Weinen unterbrechend, seinen stillen großen Blick auf ihn richtete. Mit zitternden Händen nahm er es und wollte es in seinen Mantel einhüllen; aber er wußte es nicht anzustellen und winkte einem seiner Diener. Ob er Kinder habe? fragte er ihn; so solle er das Kind sorgfältig zu sich aufs Pferd nehmen und bis zum Liebfrauenkloster tragen. Es sollten auch alle Kinder, befahl er, die elternlos weinend gefunden würden, nicht beiseite gelassen, sondern mitgenommen werden, denn er wolle ihr Vater sein. Im Weiterreiten gelobte er alle diese Kinder, die ihm verliehen sein würde dem allgemeinen Untergang zu entreißen, Gott und der Heiligen Jungfrau; sie würde mütterlich die hilflose Unschuld schirmen, und einst vielleicht würden ihre reinen Herzen an Gottes Thron für ihn beten.

Um Mittag mußte die brennende Stadt verlassen werden; viele, die die Hoffnung auf Beute noch zurückhielt, kamen mit ihren Opfern in den Flammen oder unter einstürzenden Mauern und Fachwerk um.

*

Einige Tage später kam die Kunde vom Fall Magdeburgs nach Dresden. Es wären Wagen voll Geflüchteter angekommen, berichtete man dem Kurfürsten bei der Mittagstafel, die erzählten haarsträubende Dinge. Es sei seit der Eroberung Jerusalems dergleichen nicht vorgekommen. Man glaube, daß mehr als dreißigtausend Menschen umgekommen wären, nur ein paar hundert möchten das Leben davongebracht haben. Nicht nur die Bürgerhäuser, sondern auch das Rathaus und das Zeughaus und die mächtigen Kirchen bis auf den Dom wären mit Stumpf und Stiel niedergebrannt.

Ganze Kirchen abgebrannt? rief der Kurfürst erschrocken, das gehe freilich zu weit! Niemand könne ihm verargen, wenn er sich das empfindlich zu Herzen nehme! Da müsse einer ein Stein sein, wenn einem da die Augen nicht naß würden.

Wie Stroh wären die Menschen verbrannt, die Keller und Speicher steckten voll Leichen. An der Brust der Mutter habe man die Kinder aufgespießt. Jungfrauen hätten sich von der Brücke ins Wasser gestürzt, um ihre Ehre zu bewahren. Die Elbe sei weithin blutrot und voll von Toten, die reckten die steifen Arme aus dem Wasser, als ob sie den Himmel um Rache für solchen Greuel anschrien.

Ach Gott, ach Gott, rief der Kurfürst, was nur die unschuldigen Kindlein den Mordbrennern zuleide getan hätten! Und die Arme reckten sie aus dem Wasser! Freilich wären es Rebellen und Aufrührer gewesen und hätten ihr Los verdient, aber das sei doch ungerecht, erschlagene Christenmenschen wie Unrat in das Wasser zu schütten.

Ob sich der Kurfürst des von Kürbitz erinnere, der einmal im Auftrage des Administrators in Dresden gewesen wäre? Der sei mit seiner Frau und sieben Kindern, nachdem die Tillyschen sein Gut abgebrannt hätten, nach Magdeburg gezogen und zur Zeit der Erstürmung anwesend gewesen. Während der Mann dem Feind entgegengegangen sei, habe die Frau wegen des Brandes das Haus verlassen müssen, habe zwei Kinder, von denen eins schwerkrank gewesen sei, auf einem Arme getragen und eins an der Hand geführt, die vier andern hätten sich an ihr Kleid hängen müssen. Darüber habe sie eins verloren, und als sie es bemerkt hätte, hätte sie den drei übrigen, die laufen konnten, befohlen, nicht von der Stelle zu gehen, bis sie zurückkäme, und hätte das verlorene Kind zu suchen angefangen. Es wären brennende Scheite und Funken auf sie niedergefallen, denn ihr Kleid wäre hernach voller Brandlöcher gewesen; aber sie wäre, ohne darauf zu achten, weitergelaufen. Gerade sei sie von einem Haufen trunkener Soldaten angefallen worden, da sei plötzlich ein junger Offizier auf sie zugetreten und habe gesagt, er sei der von Pflug, ob sie ihn nicht erkenne? er habe ihr auf ihrer Hochzeit als Page die Fackel vorangetragen. Dieser habe sie, nachdem sie die drei Kinder am selben Flecke wiedergefunden, nach dem Dome geführt, wo eine Zuflucht sein sollte, und unterwegs habe sie nichts anderes gesagt, als sie höre das Kind weinen, sie höre das Kind rufen. Danach habe der von Pflug auch ihren Mann gefunden, und als nach zwei Tagen der Dom geöffnet worden sei, habe er, ihr Mann, zu ihr wollen, aber kaum gewagt, ohne das Kind vor sie zu treten; da habe sie gesessen wie ein Bild auf einem Grabstein, das kranke Kind, das inzwischen gestorben sei, in den Armen, und die Tränen seien ihr immerfort über das Gesicht gelaufen. Der Mann wäre voller Schrecken auf die Knie gefallen und hätte laut gebetet. Am anderen Tage habe Tilly ausrufen lassen, im Liebfrauenkloster wären viele gefundene Kinder beieinander, und diejenigen Mütter, die Kinder vermißten, dürften sich unter soldatischem Schutze dorthin begeben, um etwa die ihrigen auszulesen. Da sei die Frau plötzlich lebendig geworden und sei allen voran mit fliegenden Haaren gelaufen, daß der Mann kaum habe nachkommen können, und habe wirklich das verlorene Kind gefunden. Aber viele andere Mütter hätten vergeblich gesucht, und mehrere wären wegen der wiedererweckten und getäuschten Hoffnung in Wahnsinn verfallen.

»Das, das sind die Folgen,« sagte der Kurfürst, »da sieht man es nun. Da konnte der Brandenburger sich nicht begnügen, obwohl er doch abgesetzt war und kein Recht mehr auf das Stift hatte, und der Kaiser wollte es mit Gewalt an seinen Sohn bringen. Der alte deutsche Biedersinn ist nirgends mehr zu finden, der mit dem Seinigen zufrieden ist und nicht nach fremdem Gute trachtet.«

Christian Wilhelm, erzählte ein Herr von Bünau, solle tapfer gefochten und dreingehauen haben. Auch habe er, nachdem er gefangen worden sei, dem Tilly frei ins Gesicht gesagt, wider das Geschick vermöge er nichts, aber die Rache für den blutigen Untergang der Stadt Magdeburg stelle er Gott anheim.

Das sei recht wie ein großmäuliger Brandenburger gesprochen, sagte der Kurfürst. Wäre er bescheiden und vernünftig gewesen, würde es nicht so weit gekommen sein. Man sähe nun auch, was es denen einbrächte, die zu dem Schweden gehalten hätten. Bei dem sei Überfluß an Worten und Mangel an Taten, wie heutzutage bei so manchem Prahlhans und Sausewind. Er wolle durchaus kein Bündnis mit Fremden machen, weder mit Schweden noch mit Franzosen. Ein deutscher Fürst solle auf sich selbst stehn, es sei genug, wenn er Gott für sich habe. Er wolle es auch Hoë sagen, daß er eine Schrift darüber ausgehen lasse.

Arnim, der kürzlich in sächsischen Dienst getreten war, sagte, vielleicht hätte der König doch etwas für Magdeburg getan, wenn der Kurfürst sich mit ihm verbündet hätte. Die Lauheit der deutschen Fürsten habe ihn verstimmt, und er hätte allerdings nicht wohl zwei mächtige Fürsten, ohne ihrer sicher zu sein, im Rücken lassen können. Flausen, sagte Johann Georg, er hätte wohl gewußt, daß er ihn nicht hinterrücks angefallen hätte, wenn er Magdeburg zu Hilfe gezogen wäre.

Es sei noch nicht zu spät, sagte Arnim; es komme der evangelischen Christenheit immer noch zugute, wenn der Kurfürst sich mit Gustav Adolf verbündete. Jetzt könne er dem Kaiser mit einem Schlage zeigen, was er vermöchte. Hernach, wenn er den Kaiser zur Räson gebracht habe, könne er sich ja wieder mit ihm verständigen und sich von dem Schweden so oder so loswinden.

Johann Georg kraute mit der Hand in den Haaren. Gustav Adolf sei hochmütig, sagte er, und obenhinaus gegen die deutschen Fürsten. Das möchten sich die kleinen gefallen lassen, mit ihm sei das eine andere Sache. Außerdem mache er die Untertanen rebellisch, daheim habe er ein scharfes Regiment, und im Reich predige er den Umsturz wie ein kalvinischer Schelm. Er wolle nichts mehr von ihm hören.

Plötzlich fiel dem Kurfürsten ein, daß ein Bauer namens Werner vor einigen Wochen eine Offenbarung gehabt haben wollte, Gott werde Magdeburg wunderbar erretten, und er sagte, nun sehe man ja, daß der Kerl ein Lügenprophet sei und an den Schandpfahl und Galgen gehöre. Man solle nach ihm fahnden und ihn gehörig abstrafen; was dem aufgeblasenen Narren einfalle, sich bei Hofe mit unrichtigen Visionen gehen zu lassen.

Die Nachforschungen ergaben indessen, daß Werner sich nicht mehr in Sachsen, sondern im schwedischen Lager in der Umgebung des Hofpredigers Fabrizius aufhalte, der ihn um so mehr beschütze, als Werner fortwährend Gesichte von zukünftigen Triumphen und Herrlichkeit des Schwedenkönigs habe. Fabrizius wolle auch ein Buch über Werner ausgehen lassen, zum Beweise, daß es auch in neuer Zeit Offenbarungen gebe, womit er dem lübeckischen Pastor Stolterfoth eins zu versetzen gedenke, der alle Gesichte der neuen Zeit, und auch die Werners, für Anstiftung des Lügenteufels erkläre. Der Streit sei bei der theologischen Fakultät zu Wittenberg anhängig, sagte man dem Kurfürsten, und es sei ratsam, die Entscheidung derselben zu erwarten.

*

Als die Kunde vom Falle Magdeburgs in das Lager von Saarmünd kam, fuhr Gustav Adolf zornig auf und wollte es nicht glauben. Es könne nicht sein, rief er, könne nicht sein! Falkenberg habe ihm in die Hand gelobt, diese Stadt nicht in Feindeshand fallen zu lassen. Falkenberg, so wurde ihm erzählt, habe sich den eindringenden Kaiserlichen entgegengeworfen und sei tödlich verwundet in das nächste Haus gebracht worden; das sei nun abgebrannt und von Falkenberg keine Spur mehr. Der König begann mit großen Schritten auf und ab zu gehen; es müsse Verrat im Spiele sein, sagte er, eine so große, starke Stadt, wohl befestigt und besetzt! Hätte er gewußt, was für ein feiges und lügnerisches Gesindel die Deutschen dieser Zeit wären, so wäre er nie über das Meer gekommen. Nun werde man den Untergang der reichen Stadt ihm aufbürden, ihm, der sein Reich und Volk den armen Deutschen zuliebe verlassen habe. Er habe es den Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen genug gesagt und sie gewarnt, sie hätten nicht hören wollen. Und wie habe sich Magdeburg gerühmt und gebrüstet! Und der Faselhans, Markgraf Christian Wilhelm! Aber wenn es zu Taten käme, so zögen sie alle den Schwanz ein.

Er verbrachte den Tag in gereizter Stimmung, die Luft schien ihm nach Rauch zu schmecken. Verschiedene Offiziere sagten, sie erinnerten sich jetzt, gegen Abend eine dunkle Röte am Horizont gesehen zu haben und wie sie sich gewundert hätten, daß die Sonne so düster untergehe, da der Tag so lieblich und hell gewesen sei. Ein Soldat wollte um die Mittagszeit eine Wehklage gehört haben, langgezogen und durchdringend, so daß es ihn schaurig überlaufen habe, weil sie von keinem Tier oder lebenden Wesen in Erde, Luft oder Wasser hätte hervorgebracht werden können.

Flüchtlinge, die nach Saarmünd kamen, wurden teilnahmsvoll aufgenommen und bewirtet. Der König fragte sie aus und redete ihnen ins Gewissen, sie hätten nicht, wie Christen sollten, alles Gott geopfert, sondern das irdische Behagen vorangestellt, darum wären sie nun so ganz in Elend und Verlassenheit. Viele von ihnen wären Feiglinge und Verräter gewesen, hätten mit den Papisten durchgesteckt, sich nicht tapfer gewehrt, sonst wäre es anders gekommen.

Plötzlich, als er die verstörten Blicke der heimatlosen Leute auf sich gerichtet sah, hielt er ein, gab ihnen die Hand und sagte, er wolle ihr Freund sein und für ihre nächsten Bedürfnisse Sorge tragen. Wenn er reich wäre, würde er sich nichts Lieberes wissen, als ihnen ihre schöne Stadt wieder aufzubauen. Er habe großes Verlangen getragen, die unüberwindliche Jungfrau zu sehen, deren Ruhm die Fama nach Nord und Süd geblasen habe; nun sei sie durch eigene Schuld dahin, und nur Gott könne sie wieder aufrichten.

In den nächsten Tagen entwarf der König eine umständliche Rechtfertigung, warum er Magdeburg nicht entsetzt habe; denn die Spanier im Reich würden das Unglück ihm aufhalsen und ihn dadurch verhaßt zu machen suchen. Er sprach darin von seinen Märschen und der Ermüdung seiner Soldaten, und wie die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg ihn durch ihre Lauigkeit und ihr Zögern hingehalten hätten, denen es doch viel mehr als ihm zugekommen sei, die Stadt zu retten. Schließlich sagte er, daß er für die barbarische, entsetzliche Freveltat eine Rache nehmen werde, von der bis an der Welt Ende geredet werden solle.

* * *

 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.