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Der Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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War die neuburgische Vermählung unheilvoll für die evangelische Sache gewesen, so wurde in dem älteren Zweige der pfälzischen Familie im selben Jahre eine gefeiert, die den Verlust reicher einbringen zu sollen schien: der junge, eben mündig gewordene Kurfürst Friedrich V. nämlich führte die englische Prinzessin Elisabeth, Tochter Jakobs I., heim, deren Name an die große Beschützerin der protestantischen Freiheit erinnerte. Die pfälzischen Räte rühmten und freuten sich dieses Erfolges ihrer Diplomatie nicht wenig, denn sie glaubten damit die Unterstützung derjenigen Macht gewonnen zu haben, deren herrlicher Triumph über die spanische Tyrannei noch frisch in aller Gedächtnis war. Der junge Friedrich ließ sich gern sagen, wie gut er nunmehr versorgt und für seine hohe Rolle ausgerüstet sei, wie weit er durch die königliche Verwandtschaft andere Fürsten überrage; doch waren ihm die schöne Braut, die vielfachen Annehmlichkeiten des Ehelebens, die Hochzeit und der Empfang zu Hause, der das Übliche an Pracht übertreffen sollte, zunächst wichtiger. Der verwöhnten Engländerin sollte das neue Reich am Rheine nicht armselig erscheinen, vielmehr sollte sie womöglich durch Überfluß überrascht werden. Ein mit farbigen Tüchern ausstaffiertes, von bunten Fahnen umflattertes, wie ein schwimmendes Schlößlein mit Gold- und Silberzeug eingerichtetes Schiff führte sie bis Mainz, wo ihr Gemahl, der ihr vorausgereist war, sie erwartete. Von allen pfälzischen Städten hatte ihr die Festung Frankenthal, welche als eine Kolonie aus Frankreich auswandernder Hugenotten von dem Kurfürsten Friedrich III. war gegründet worden, den schönsten Empfang bereitet. Aus einem rosigen Gewölk blühender Aprikosen- und Apfelbäume stiegen die grauen Mauern kantig hervor, hinter denen das heitere Städtchen voll zierlich gegiebelter Häuser in gepflegten Gärten sich barg. Wie wenn ein in Eisen gerüsteter Ritter das Visier öffnet und ein freundliches Jünglingsgesicht zwischen den dunklen Platten sichtbar wird, so überraschte das Bild der geschmückten Stadt die durch das Tor Einziehenden. Festliche Jugend überreichte der Königstochter ein von Frankenthals berühmten Goldschmieden angefertigtes Kleinod: eine große, von einem aus Saphiren und Smaragden bestehenden Stirnband, welches das Meer versinnbildlichte, herabhängende Perle, mit Anspielung auf Elisabeths Beinamen ›die Perle von England‹. Die Ehrenbogen, die über die Hauptstraße ausgespannt waren, trugen Bilder mit Inschriften, unter denen das wichtigste eine Darstellung des Seesieges der englischen Flotte über die von Philipp II. ausgesandte furchtbare Armada darstellte. Darüber waren die Worte geschrieben: ›Elisabeth rex‹, das heißt: Elisabeth König, und darüber: ›Deus flavit‹, das heißt: Gott blies. An dieser Pforte wurde der nunmehrigen Kurfürstin eine Anrede in deutscher Sprache gehalten, von welcher sie, des Deutschen unkundig, nichts verstand; auch hätte sie ohnehin, von herrlichen Gefühlen allzu ungestüm bewegt, den umständlichen Worten nicht folgen können. Auch ihr Name, das fühlte sie, konnte ein Zauberwort für die evangelischen Völker werden, hatte sie doch Kraft und Begeisterung genug; es sollte nur Feindeswut sich heranwälzen, ihr Herz würde wie ein Fels stehen und wie die Sonne Segen verbreiten, ohne je verdunkelt zu werden. Sie lächelte das Volk, das ihr zujubelte, verheißungsvoll an und wandte sich nach ihrem Gatten um, dessen Blicke verliebt an ihr hingen; nein, sie würde es niemals bereuen, daß sie, auf die Ansprüche ihrer königlichen Geburt verzichtend, eine Kurfürstin im Reiche geworden war. Wie ansehnlich ihres Mannes Stellung war, zeigte sich vollends in Heidelberg, als ihr seine Vasallen entgegenzogen, unter denen einige Fürsten und viele Grafen und Ritter waren. Diese Herren, als die Helden des Trojanischen Krieges ausstaffiert, begrüßten Elisabeth als die schöne Helena und geleiteten sie durch die Stadt den Hügel hinauf nach dem Schlosse, so daß es von weitem aussah, als werde eine riesenhafte Blumengirlande den verschlungenen Weg hinauf gewunden; staunend sah das gedrängte Volk die blanken Rüstungen, das prunkvolle Geschirr der Rosse, die flatternden Helmbüsche und Schärpen durch das frühlingshelle Grün der Gebüsche blitzen.

Einige Jahre später heiratete die Schwester Friedrichs V. den jungen Kurprinzen von Brandenburg, Georg Wilhelm, wodurch diese beiden reformierten Häuser nahe miteinander verbunden wurden und gemeinsame Wirksamkeit desto natürlicher schien. Noch ein Hoffnungsstern ging den unierten Fürsten um diese Zeit im Norden auf, indem nach dem Tode König Karls IX. von Schweden dessen Sohn Gustav Adolf den Thron bestieg, dem das Gerücht trotz seiner Jugend heroische Neigungen und Tätigkeiten zuschrieb.

Nachdem Karl IX. im Jahre 1611 gestorben war, übernahm sein Sohn Gustav Adolf nach Wahl der Stände die Regierung und ernannte alsbald seinen Erzieher und Freund, den um etwa zwölf Jahre älteren Grafen Axel Oxenstierna, zu seinem Minister. Als Knabe hatte er inniger einem anderen Lehrer, dem aus dem Volke stammenden Johann Skytte angehangen, der ihn mit den Sagen aus der Urzeit der nordischen Völker und mit den Geschichten seiner Vorfahren, der Wasa, das Herz so mächtig zu erschüttern wußte. Am liebsten ließ sich der junge Königssohn von seinem unglücklichen Oheim Erich erzählen, der im Wahnsinn, als Gefangener seines Bruders Johann und wahrscheinlich durch denselben ermordet, gestorben war: von der Unbändigkeit seines Wissensdranges und seiner Eroberungssucht; denn nicht nur hätte Schweden seiner unersättlichen Begier keine Genüge getan, sondern, erzählte Skytte, wenn die Erde sein gewesen wäre, würde er sich über die Sterne haben ausbreiten wollen; dann wie zuweilen eine uralte heidnische Wildheit in ihm aufgekocht sei, in der er nach Blut gelechzt habe wie ein Wolf, und wie er einmal in einer solchen Raserei die Sture, die ihm trotzten, mit eigenen Händen erschlagen habe; dann wie er voll Musik gewesen sei und ihrer so mächtig, daß in der Zeit seiner Gefangenschaft und seines Wahnsinns König Johann ihm die Laute habe fortnehmen lassen, damit die Süßigkeit seiner Gesänge nicht die Kerkermeister betöre.

Es machte Skytte schweren Kummer, daß sein Zögling sich in den Jünglingsjahren mehr dem Oxenstierna anschloß, dem er als einem von Adel mißtraute und dessen Einfluß er für gefährlich hielt, weil er glaubte, daß er Gustav Adolf in seiner Neigung zu einer kriegerischen, weit ausgreifenden Politik bestärke. Nach seiner Meinung war es die Aufgabe eines schwedischen Königs, Frieden und Ordnung im Innern des Reiches herzustellen, wo der Adel ebenbürtig und auf die königliche Vorherrschaft eifersüchtig, wo die Städte arm und das Gewerbe unentwickelt sei, nicht aber, das so vielfach bedürftige Reich zu vergrößern. Gustav Adolf ließ es sich angelegen sein, Skyttes Empfindlichkeit zu beschwichtigen, und hatte darüber eine Unterredung mit ihm im Schloß, wo er sich etwa ein Jahr nach seiner Thronbesteigung während der Friedensverhandlungen mit Dänemark aufhielt.

Er habe unrecht, begann er gegen Skytte, Oxenstierna zu mißtrauen, der ihn liebe und es treu mit ihm meine. Ja, sagte Skytte, indem er sich bedächtig seinen schwarzen gegabelten Bart strich, dessen Enden geflochten und von einer roten Schnur durchzogen waren, ja, so treu es ein Adliger mit seinem König meinen könne, dem er sich im Grunde überlegen fühle.

Gustav Adolf zögerte einen Augenblick, dann lachte er und sagte, am letzten Ende sei es doch das Volk, das den König am wenigsten lieben könne; es halte nur zu ihm, solange der Adel es drücke.

Wenn das wahr sei, sagte Skytte, sei es ein schlechtes Zeichen für die Könige. »Was willst du?« sagte Gustav Adolf, »sie sind nun einmal da, so wie Gott da ist. Möchtest du auch aus dem Himmel eine Republik machen? Einer muß die Zügel führen, und das werde ich tun trotz Oxenstierna.«

Er wolle es glauben, erwiderte Skytte; aber der Mensch folge auch unbewußt dem Rat, der ihm beständig ins Ohr falle. Er wisse wohl, was Oxenstierna im Sinne habe: er wolle den König durch Krieg beschäftigen, damit sich der Adel daheim des Steuers wieder bemächtigen könne. Darum wecke er in Gustav Adolf die Erinnerung an das alte skandinavische Dreikönigreich und reize ihn gegen Dänemark, mit dem er es doch nicht aufnehmen könne.

Nein, rief der junge König rasch und heftig aufspringend, wenn er es wissen wolle, so sei es umgekehrt. Er, ja er, hätte sich blind auf den König von Dänemark stürzen und ihn am liebsten mit den Händen erwürgen mögen, den aufgeblasenen Prahler, der sich erdreistet hätte, ihn mit seiner Flotte bis in das Schloß von Stockholm zu beunruhigen! Oxenstierna sei es, der ihm zurede und vorstelle, er müsse jetzt an sich halten, bis er seine Flotte verstärkt und ein tüchtiges Heer formiert und es im Kampfe mit schwächeren Feinden geübt habe. Er sei weder eine Puppe in Oxenstiernas Händen noch ein Schwächling, der sich vor dem König von Dänemark verkrieche, das wolle er seinerzeit beweisen!

Skytte trat einen Schritt zurück und betrachtete nicht ohne Wohlgefallen die hohe und breite Gestalt des blonden Königsknaben, der auf ihn zugesprungen war und mit blitzenden Augen drohend vor ihm stand. »Es scheint zuweilen,« sagte er sinnend, »als hätte ein Geschlecht nur einen einzigen durch die Zeit sich streckenden Riesenleib; denn so, wie du jetzt vor mir stehst, denke ich mir deinen Oheim, den unglückseligen Erich Wasa.«

»Und warum nicht?« sagte Gustav Adolf, »habe ich doch sein Blut in meinen Adern.«

»Das Blut der Wasa«, sagte Skytte, die Stirn zusammenziehend, »fließt nicht wie ein breiter, befahrener Strom, sondern wie die Katarakte des Nordens, die donnern und schäumen und hoch aufspritzen.«

»Das ist rechtes Königsblut!« fiel Gustav Adolf rasch ein, dessen blaue Augen leuchteten.

Skyttes Gesicht verdüsterte sich immer mehr. »Wie könnte ein König wohltätig herrschen,« sagte er, »der sein eigenes Herz nicht bändigen kann!« Nun, sagte Gustav Adolf, es seien jetzt andere Zeiten als die seines Großvaters und seiner Oheime, und er habe wohl ihr Blut, aber einen anderen Geist. Daß er sein Herz bemeistern könne, beweise er jetzt in der dänischen Angelegenheit und werde es ferner tun; aber es bleibe doch wahr, daß eines Königs Brust heißer und begieriger sein müsse als die anderer Menschen; denn in ihm schlage das Herz des ganzen Volkes.

Wenn das wahr wäre, sagte Skytte eigensinnig, würde er, Gustav Adolf, die Scholle lieben, die das Volk pflüge, nicht aber nach dem Meere trachten. Was früge das Volk, das sein Leben auf den Schlachtfeldern verbluten lassen müsse, nach fremden Ländern, deren Schätze den König zum Tyrannen machten?

Von plötzlicher Ungeduld überwältigt, schlug Gustav Adolf mehrmals mit der geballten Faust auf den Tisch und rief, was denn alles dies heißen solle? Er, Skytte, sei es gewesen, der ihm als Knaben, während er ihn an der Hand durch die stillen verschneiten Wälder führte, von den Strömen des Nordens erzählt habe und wie man durch den Donner ihrer Wasserfälle zuweilen die schmelzende Harfe könne singen hören, die der Neck spiele. Er, Skytte, sei es gewesen, der ihm zuerst von seinem Großvater Gustav Wasa und von seinen Oheimen erzählt und seine Brust mit Träumen seines ungeheuren Geschlechts erfüllt habe. Warum er das getan hätte? Warum er seinen Großvater den Hort Schwedens und die Sonne des Nordens genannt hätte? Nun schelte er ihn, weil er Wolfsblut habe und König sei.

Skytte sah den erzürnten Jüngling erstaunt an und bedachte sich eine lange Weile. »Jener war ein Bauernkönig,« sagte er, »darum liebte ich ihn.«

Ob er das etwa nicht sei, sagte Gustav Adolf eifrig. Ob ihm die Bauern nicht zujubelten und anhingen? Aus seinen Bauern wolle er ein unbesiegbares Heer machen und unsterbliche Taten mit ihnen tun. Er verachte die Tugenden der Bauern nicht, ihre Genügsamkeit und Rauheit sei ihm mehr wert als weichliche Bildung. Was er zu tun vorhabe, werde er zum Wohle des schwedischen Volkes tun und zum Heil und Ruhm des reinen Christenglaubens, dessen Bekenner er sei.

Als Skytte ihn verlassen hatte, hing Gustav Adolf noch lange den mächtig durcheinanderflutenden Gedanken nach, die das Gespräch in ihm erregt hatte. Das leicht aus Holz gebaute Schloß, in dem er sich befand, bebte zuweilen von den Stößen des von einem starken Wind an die Küste geschleuderten Meeres, ohne daß es dem Träumenden zum Bewußtsein kam. Er dachte an das, was er dem dänischen König gegenüber bereits durchgesetzt hatte, daß er nämlich wie jener Wappen und Titel der drei skandinavischen Königreiche führen durfte und daß er ihm die große Summe, die er ihm zu zahlen sich verpflichtete, nicht als Schuldigkeit oder Tribut, sondern als freiwilliges Geschenk leistete. Viele Gesandtschaften waren darüber hin und her gegangen und viele Verhandlungen gepflogen, und auf keine der anzüglichen Prahlereien König Christians war er ihm die Antwort schuldig geblieben. Das mochte der Welt wenig scheinen, und es kostete ihn viele Mühe, sich mit so versteckten, einer Niederlage abgerungenen Erfolgen zu begnügen; aber einst würden sie seine Mäßigkeit und Weisheit bewundern und begreifen, um welch heroischer Ziele willen er seine Ansprüche und seinen Mut gezügelt hatte. Die Zeit würde kommen, wo Christian IV., der vermeintliche Riese des Nordens, kleingebeugt vor ihm weichen würde, wo seine Angelegenheiten die des ganzen Erdkreises sein würden. Er fürchtete weder ihn noch die anmaßenden Hansestädte, noch die reichen holländischen Staaten, die Griechen der neuen Zeit, noch England, noch seinen Vetter, den polnischen König Sigismund, der ihm die Krone streitig machte, und am wenigsten den gichtbrüchigen Jesuitenkaiser mitsamt seiner spanischen Verwandtschaft, die jenen offen und heimlich unterstützten; es war eine unaussprechliche Gewißheit in ihm, daß er, wenn er einmal seine ganze Kraft ausströmen ließe, über sie alle hinausginge. Er war nur der arme Schwedenkönig; aber sein war das salzige Meer, das einen Ring um die Erde schloß. Während in grauer Vorzeit die Völker des Festlandes miteinander um die Erde stritten, hatten die Nordmänner das Meer unterjocht, das Urelement, das Länder gebiert und verschlingt. Über das Meer hin rauschten sie auf geflügelten Drachen und gründeten stolze Staaten mitten in der Wonne des Südens. Auch er wollte nun reisen und die Welt sehen. Sowohl Skytte wie Oxenstierna hatten Deutschland bereist und ihm von seinen Wundern viel erzählt; seitdem liebte er es, sich das uralte Reich vorzustellen, schwer von Ruhm und Weisheit, geheimnisvoll starrend und glühend von den Juwelen seiner Städte, die wie köstliche Schreine den heiligen Staub von Jahrhunderten verwahrten. Da waren die handelsmächtigen Hansestädte Bremen, Lübeck, Stralsund, Braunschweig, Magdeburg, mit dem strengen Prunk und der kampfgekrönten Ehre ihrer Rathäuser, mit ihren Domen, die Burgen Gottes glichen, mit der gebieterischen Wucht ihrer Mauern und Türme. Dann öffneten sich die reizenden Gefilde des Südens, durch welche Rhein, Main und Neckar, Donau und viele andere Ströme, traubenumrankt und segentriefend, sich ergossen, widerspiegelnd die himmelhohen Türme des goldenen Mainz, die reichen Märkte Frankfurts, die strotzenden Kaufhäuser Ulms, das bilderprangende Augsburg und das königliche Prag. Es schien ihm unbegreiflich, daß die Kaiser, in deren Hände noch dazu die neuen Reichtümer Spaniens flossen, daß die vielen, von gelehrten Räten umgebenen Fürsten, die Herren aller dieser Macht und Pracht, so ratlos und hilflos nach ausländischem Beistand suchten, unfähig, sich aus der Verwirrung, in die sie sich selbst gebracht hatten, zu lösen oder gewaltsam zu reißen. Waren sie entartet oder verweichlicht, oder war es vielleicht Gottes Ratschluß, der sie verblendete, um eine neue Herrlichkeit zu seiner Ehre über den Trümmern zu errichten? Wollte er sich aus den gestürzten Säulen der alten verrotteten Kaiserherrlichkeit ein Jerusalem bauen, an dessen Altären dem wahren Glauben gedient wurde? Und wies sein allmächtiger Finger auf ihn als den Baumeister, der das himmlische Werk gründen sollte? Er hatte Augenblicke, wo er sich fühlte, als sei er auserwählt, etwas Großes zu vollbringen, und wo er seine Brust von dem Gotteswillen geschwellt glaubte, der in ihm wirkte.

Er nahm seine Laute von der Wand und griff träumend ein paar Akkorde; es ging ihm plötzlich durch den Sinn, daß er alle diese Herrlichkeit, ja die Welt hingeben würde um den Besitz eines Mädchens, das er liebte und auf die er, so sagten Oxenstierna sowohl wie seine Mutter, verzichten müsse, weil sie zwar adligen, aber nicht fürstlichen Standes war. Wenn die Leute erst einmal merkten, sagte Oxenstierna, daß die Gräben zwischen den Ständen sich überspringen ließen, würde keiner mehr Untertan sein wollen. Das Heiraten sei ein Geschäft, und jeder wolle doch ein gutes Geschäft machen, bei dem er sich verbessere. Heirate er eine vom Adel, das würde Einmischungen, Einreden und Übergriffe der Verwandtschaft, Eifersucht der anderen geben; anstatt dessen könne ein fürstlicher Schwiegervater ihm im Notfall Verstärkung geben und sein Ansehen erhöhen. Zu seiner Mutter sagte er, daß die Geliebte klüger und feiner sei als alle Königstöchter der Welt und daß er, indem er sie heirate, sie zur Königin mache; worauf seine Mutter entgegnete: was Herz und Geist eines Menschen tauge, gehe Gott an, die Menschen müßten nun einmal nach Titel und Stand unterscheiden. Wer in der Welt fortkommen wolle, müsse das Weltliche und Göttliche auseinanderhalten, denn das beides vermische sich nicht. Wolle man sich das Gebäude irdischen Wohlergehens errichten, müßte man Stein und Mörtel, Holz und Balken dazu nehmen. Liebe, Großmut, Mitleid und Frömmigkeit, das sei alles gut an seinem Ort, nur dürfe es keine Folgen im Weltlichen haben. Es stehe deshalb auch geschrieben, der Mensch könne nicht Gott dienen und dem Mammon. Ach und die Liebe! Er werde doch ein paar warme Nächte nicht mit seinem Leben bezahlen? Seiner Mutter könne er vertrauen: an die Liebe glaube nur, wer nie ein Geliebtes besessen habe.

Dies alles leuchtete Gustav Adolf nicht ein; denn gab es überhaupt Vorschriften für einen Willen? Machte ein Wille nicht alle Erfahrungen und Gesetze schmelzen wie die Sonne den Schnee? Er, er sollte nicht zugleich in der Welt herrschen und Gott dienen können? Dennoch brachte er die Vorstellung nicht wieder aus dem Sinn, wie die verschwägerte Adelssippe ihn beeinträchtigen und belästigen würde, während verwandte Fürsten, etwa im Reich, sein Ansehen heben und seine Macht verstärken könnten. Gerade eine solche Heirat würde ihn in den Stand setzen, Gott zu dienen, indem er seine Anhänger um sich scharte und, von ihnen unterstützt, seine Widersacher bekämpfte.

*

Nach Rudolfs Tode nahmen die Streitigkeiten in der habsburgischen Familie ihren Fortgang und drehten sich jetzt besonders um die Person Khlesls, den Matthias nach seiner Thronbesteigung sogleich zum Direktor des Geheimen Rates ernannt hatte. Dem rüstigen Manne wollte fast der Mut sinken, als er sich in dem Wust umsah, wo er Ordnung schaffen sollte: da war die nun entlassene Dienerschaft des verstorbenen Kaisers, die, seit Jahren nicht bezahlt, aus bitterem Elend heraus um ihr Recht klagte, da waren die vielen Personen, die sich während der vergangenen Kämpfe um Matthias verdient gemacht hatten und ihren Lohn forderten, und statt Geldes waren da die unter Rudolf zu Millionen angeschwollenen Schulden. Dazu lief der Waffenstillstand mit der Türkei ab, und ein neuer, fürchterlicher Krieg konnte entstehen, während im Reiche die Union und die Liga trotzten und nirgendwo auf redlichen Beistand zu rechnen war. Der Reichstag lief kläglich auseinander, denn die evangelischen Stände wollten sich zu keiner Steuer verstehen, bevor nicht die Stadt Donauwörth dem Herzog von Bayern abgenommen und wiederhergestellt würde, dieser aber wollte den Raub nicht herausgeben und konnte von dem Kaiser nicht dazu gezwungen werden.

Bald bemerkten die Eiferer unter den Katholischen voll Mißvergnügen, daß der ehemalige Vertilger der Ketzer eine versöhnliche Haltung gegen dieselben annahm, ja sie zuweilen geradezu zu begünstigen schien. Auf diesbezügliche Vorwürfe verantwortete sich Khlesl mit solchen Worten: Wer etwas ausrichten wolle, müsse die facta gelten lassen, und er lerne nun als ein factum kennen, daß die Evangelischen im Reiche zu mächtig wären, als daß sie gänzlich könnten ausgerottet oder unterdrückt werden. Also müsse man sich mit ihnen einzurichten suchen. Diejenigen, die in Kirchen und Klöstern steckten und nur Heiligenbilder um sich herum sähen, könnten sich wohl einbilden, der ganze Teig ließe sich in einen himmlischen Model kneten; wer aber in der Welt zu tun hätte, müsse sich aller Art Pasteten gefallen lassen, sonst käme zuletzt gar nichts auf den Tisch. Man müsse die Glaubenssachen von den politicis trennen, es herrschten in der Welt nun einmal nicht die gleichen Grundsätze wie im Reiche Gottes. Der rechte Glauben eröffne dem Menschen den Himmel, auf Erden komme es darauf an, daß einer ein fester und gehorsamer Untertan sei, und es komme vor, daß die Ketzer ihre Pflicht gründlicher täten als rechtgläubige Katholiken.

Dieser Umschwung in Khlesls Politik erzürnte vor allem den Erzherzog Ferdinand, den der Bischof früher in seinem reformatorischen Treiben unterstützt hatte und den er jetzt warnte, er solle die Untertanen nicht zur Verzweiflung und von Haus und Hof treiben, sonst mache er sein Land zur Einöde anstatt zu einem Gottesstaate. Das eigenmächtige Walten des hochfahrenden Bischofs kam Ferdinand überhaupt wie ein Eingriff in seine Rechte vor, da er sich schon als künftiger Herrscher fühlte; denn die oft ausgesprengten Gerüchte von der Schwangerschaft der Kaiserin erwiesen sich stets als Täuschung, und ebenso blieb Erzherzog Albrechts Ehe kinderlos. Erzherzog Maximilian, der Tirol regierte und dem die Evangelischen den Vorzug gegeben hätten, lebte in einem angenehmen Verhältnis mit einer Frau von Rosenberg und wollte seine gesicherte Behaglichkeit nicht um unabsehbare Kämpfe und Widerwärtigkeiten aufgeben, sondern verbündete sich mit Ferdinand, um diesem die Nachfolge seines Bruders zu verschaffen. Während Maximilian seine Abneigung gegen Khlesl weder verbergen konnte noch wollte, behielt Ferdinand einen freundlichen Verkehr mit ihm bei, um sich bei seinem Oheim als ein liebevoller und getreuer Sohn einzunisten. Zunächst kam es ihm darauf an, sich in Besitz der verschiedenen habsburgischen Kronländer zu bringen, und Matthias, der den Tag mit Brett- und Kartenspiel bei seiner Frau verbrachte und sich ungern durch Geschäfte darin stören ließ, versprach denn auch, was er haben wollte. Auf Khlesls Vorwürfe verteidigte sich Matthias, Khlesl hätte lieber den Ferdinand nicht zu ihm lassen sollen, anstatt ihn jetzt zu schelten. Was er denn hätte machen sollen?

Ob er denn nicht einmal nein sagen könnte, sagte Khlesl ungeduldig; das hätte doch selbst der verstorbene Kaiser Rudolf getan, als Matthias ihn um die Nachfolge angesprochen hätte, obwohl er sonst faul und gleichgültig genug in den Geschäften gewesen sei.

»Eben das ist es«, sagte Matthias. »Ferdinand macht es mit mir, wie ich es mit meinem Bruder Rudolf gemacht habe; das muß nun seinen Lauf nehmen.«

»O heilige Melancholie im Lehnstuhl!« rief Khlesl, die Hände zusammenschlagend, aus, »das muß es freilich, wenn Sie ebenso werden, wie Ihr Bruder Rudolf war. Können Sie sich denn nicht wehren? Können Sie nicht vergnügt und tätig sein, wie Ihr verstorbener Herr Vater war?«

»Wenn du mir sagst, was ich tun soll, will ich es tun«, seufzte Matthias. Ferdinand habe ihm versprochen, sich bei seinen Lebzeiten in nichts einzumischen, es sei nur eine Formsache, wenn er ihm die Kronen von Österreich und Böhmen abträte, man brauche es nicht so wichtig aufzufassen.

Ja, sagte Khlesl, mit dem Leim pflege man stets die Ruten zu bestreichen, mit denen man Vögel fangen wolle.

Der Ferdinand habe sich doch bisher als ein frommer, offenherziger junger Mann gezeigt, meinte Matthias.

Ach Gott freilich, sagte Khlesl, dem Ferdinand sitze die Maske trefflich, er habe sie mit auf die Welt gebracht.

Ein unerwartetes Hindernis trat den beiden Erzherzögen von befreundeter Seite entgegen, indem der König von Spanien als ein Nachkomme König Ferdinands I. Ansprüche auf die Erblande erhob. Vergebens stellten sie dem spanischen Gesandten vor, wie unvorsichtig es zur Zeit von der Familie sei, sich in offener und heimlicher Feindschaft vielfach zu zerspalten; er blieb unerschütterlich, wohl wissend, die armen deutschen Habsburger würden die geldmächtige spanische Verwandtschaft nicht aufs Spiel zu setzen wagen. In der Tat bequemten sich Maximilian und Ferdinand dazu, mit Spanien um den Preis seines Verzichts zu handeln, was sich, da auf der einen Seite möglichst viel verlangt wurde, auf der anderen so wenig wie möglich gezahlt werden wollte, durch viele Monate hinzog. Inzwischen begannen die Verhandlungen mit Khlesl, der sich grundsätzlich zwar mit der Nachfolge Ferdinands einverstanden erklärte, aber behauptete, erst müsse das Reich unter einen Hut gebracht werden, bevor man einen neuen Kaiser dazu suche. Bestehe denn überhaupt noch eine Reichsverfassung, wenn kein Tribunal mehr da sei, dessen Entscheid düngen sich alle unterwürfen, und also kein Recht mehr zu erlangen sei? Wenn jeder Stand nach Belieben Bündnisse schlösse und einer wider den anderen praktiziere und rüste? Auch würden nur wenig Fürsten mit Ferdinands Wahl einverstanden sein, bevor ein Vergleich geschaffen sei, und einen solchen herzustellen, müsse also der kaiserlichen Regierung erstes Bemühen sein.

Dagegen eiferte Maximilian, das wären nur Vorwände, durch die Khlesl die Sache hinausschieben wolle; den Ketzern entgegenzukommen, helfe und ändere nichts; man müsse diesen vielmehr den Meister zeigen, wie es auch früher Khlesls Meinung gewesen sei; nun aber gehe er auf gottlose Ränke und Schliche aus, um die Macht in der Hand zu behalten.

Noch in einem anderen Falle hatte Ferdinand die Gegnerschaft Khlesls zu spüren. Es gehörte zu seinem Erblande die sogenannte kroatische Mark, die zum Teil von einer wunderlich gemischten Bevölkerung besiedelt war. Zu Flüchtlingen, die der türkischen Herrschaft entsprungen waren, gesellte sich mancherlei wildes Gesindel von den Küsten und Bergen Istriens, und so entstand um die Stadt Zengg herum ein Seeräubervolk, das man Uskoken nannte und das unter dem Schutze der Erzherzöge von Steiermark ein abenteuerndes, gefährliches Wesen trieb. Häufig kamen nun die Uskoken in Streit mit der benachbarten Republik Venedig, die die Herrschaft im Adriatischen Meere ausübte und beanspruchte und der die Abenteurer zwar nicht ernstlich Trotz bieten, die sie aber durch Überfall, Raub und Mord empfindlich schädigen konnten. Da Ferdinand auf die Klagen Venedigs die Schuldigen nur dem Scheine nach bestrafte, in Wirklichkeit aber beschirmte, kam es zum Kriege zwischen ihm und der Republik, in den sich auch Matthias mit hineinziehen ließ, sehr zum Ärger Khlesls, der Ferdinand vergeblich zum Nachgeben hatte bestimmen wollen. Seiner Ansicht nach war Ferdinand im Unrecht, da er mit Seeräubern gemeine Sache mache; überhaupt aber, sagte er, sei überall so viel entzündlicher Stoff auf Weg und Steg versteckt, daß jedes Feuer, irgendwo aufgegangen, einen allgemeinen, nicht mehr zu löschenden Brand erregen könne, und man müsse deshalb den Frieden zu erhalten suchen und keine Funken fliegen lassen.

Namentlich dem Erzherzog Maximilian wurde es immer unleidlicher, sich überall von der Macht und Pracht Khlesls übertrumpft und ausgestochen zu finden. Da er selbst ein sparsamer Hauswirt war und doch niemals mit seinen Einkünften reichte, wurmte es ihn über alle Maßen, wenn er die mit sechs Pferden bespannte Karosse des Bischofs daherfahren sah, oder den mit Zobel gefütterten Mantel, den er im Winter trug, und die Kragen von feuerroter und violetter Seide, auf denen die gelbe Farbe seines Gesichtes häßlich hervortrat. Nicht nur wußte Khlesl geschickt seine Einkünfte zu vermehren, sondern er bezog auch von vielen Seiten, namentlich von Spanien, reiche Pensionen und half dem notleidenden Kaiser oft mit kleinen Summen aus. Sogar seine Diener konnten als Herren auftreten, denn ohne sie zu bestechen, gelangte niemand zu ihm. Schon seit Jahren sprach man davon, daß der ehrgeizige Bischof nach der Kardinalswürde strebe, und nun hieß es, der Papst könne dem Wunsche des um die Kirche so hochverdienten Mannes nicht länger widerstreben. Voll Ingrimm glaubte Maximilian wahrzunehmen, wie er den Kopf bereits höher aufwerfe und sich in Kleidern und Gebärden pfauenhafter spreize als sonst, und es schien ihm keine Zeit mehr zu krummen Wegen zu sein. Entschlossen legte er Matthias seine und Ferdinands unumstößliche Forderungen vor: Ferdinand müsse durchaus so bald wie möglich in den Erblanden und im Reiche zum Nachfolger gewählt werden. Ein Kurfürstentag müsse ausgeschrieben und die Kurfürsten zur Wahl veranlaßt werden; machten die Evangelischen Einwände oder erschienen sie nicht, so müsse die Wahl ohne sie vorgenommen werden. Damit dem ungewöhnlichen Verfahren Nachdruck gegeben werden könne, müsse Matthias unverzüglich ein Heer rüsten, dann könne es ihm nicht fehlen. Nach einigem Sträuben und Wehklagen gab Matthias nach, so daß Maximilian schon den Sieg davongetragen zu haben glaubte.

Plötzlich jedoch nahm die Sache eine ganz andere Wendung: Das Memorial, in welchem Maximilian seine Forderungen aufgezählt und begründet und welches er der kaiserlichen Kanzlei eingereicht hatte, war auf unerklärliche Weise in die Hände der Evangelischen geraten, die sich nun beizeiten gegen die desperaten Anschläge zur Wehr setzen konnten. Es litt bei Maximilian keinen Zweifel, daß Khlesl der Urheber dieses Verrates sei, und er beschloß die Niederlage mit den äußersten Mitteln zu rächen. Sein Haß nahm zu, als eine päpstliche Abordnung dem Bischof die Ernennung zur Kardinalswürde überbrachte, wodurch der Bäckerssohn zum Range der Erzherzöge erhoben wurde. Khlesl verfehlte nicht, dies seine Feinde auf glimpfliche Art merken zu lassen, wenn er auch übrigens gern beiläufig erwähnte, daß er keinen Wert auf äußerliche Auszeichnungen lege.

Von der Ausführung des scharfen Planes, den Maximilian ausgeheckt hatte, konnte nun keine Rede mehr sein, im Gegenteil galt es am Hofe von Dresden die vertrauliche Stimmung wieder herzustellen, dessen reichstreue Politik durch das argwöhnische Memorial ein wenig erschüttert war. Deshalb wurde ein Besuch des Kaisers Matthias und seines Neffen Ferdinand in Dresden vereinbart, bei welcher Gelegenheit die Grundlagen künftigen Zusammenhaltens besprochen werden sollten.

Dies war aus vielen Gründen eine schwere Angelegenheit für Matthias, den bald Gicht, bald Magenschwäche und Verdauungsbeschwerden plagten und der unzählige Übel für seine Gesundheit aus dem mühseligen Reisegeschäft und dem am sächsischen Hofe üblichen Vollsaufen hervorgehen sah. Ferner wurde er durch Ferdinand drangsaliert, weil der die Reise ohne Khlesl machen wollte, den Matthias gerade bei diesem Anlaß, wo wichtige Dinge verhandelt werden sollten, nicht von sich lassen wollte und der auch selbst gar nicht darauf verzichtet hätte. In seinem erfinderischen Kopf hatte Khlesl sich ausgedacht, wie dieser Besuch zum Besten seiner Politik auszunützen sei. Es hatte nämlich Erzherzog Ferdinand seine kränkliche bayrische Gemahlin inzwischen durch den Tod verloren, und bei einer neuen Verbindung konnte der Ausgleich mit den Evangelischen etwa mit berücksichtigt werden. Wenn Ferdinand die Witwe des verstorbenen Kurfürsten Christian heiratete und also die künftige Kaiserin evangelisch wäre, so, dachte Khlesl, könnte dies als ein schönes Symbol des hergestellten Einverständnisses im neugeeinigten Reiche ausgedeutet werden und recht wohl auf die beiderseitige Haltung Einfluß gewinnen. Freilich war es ungewiß, ob der ausschweifende Gedanke die päpstliche Billigung finden würde; aber vielleicht kam ihm die Anmut der dänischen Fürstin, die bereits eine feurige, wenn auch vergebliche Liebesneigung in dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt entzündet hatte, zu Hilfe, was besonders bei Ferdinands leicht entflammbarem Temperament nicht unmöglich war.

Nachdem zuvor Ferdinands Krönung zum König von Böhmen vollzogen war, wurde die Reise angetreten, und zwar so, daß die letzte Strecke bis Dresden zu Schiff auf der Elbe gemacht wurde. An der Grenze bewillkommnete der Kurfürst die Österreicher in festlicher Weise durch eine Wasserjagd, indem das Wild durch Treiber und Hunde in den Fluß gehetzt und dort von den in ihren Schiffen befindlichen Gästen erlegt wurde.

Ferdinand genoß die dargebotenen Lustbarkeiten, die für den Kaiser meistenteils beschwerlich waren, in vollen Zügen. Er hatte zwar von Khlesls Heiratsplan nichts wissen wollen, freute sich aber doch auf die Bekanntschaft der schönen Witwe und wurde denn auch durch ihr freies Anlächeln und rätselhaftes Blicken sofort bezaubert. Er fand, daß sie viel feiner und klüger zu reden wußte als seine Schwestern oder seine verstorbene Frau, und die anschmiegende Beweglichkeit ihres zierlichen Leibes war selbst durch den steifen Brokat ihres Kleides zu fühlen. Nachdem er mit ihr getanzt und den Druck ihrer Hand sowie die Zärtlichkeit ihrer Nähe überhaupt gefühlt hatte, schlug das Feuer ihm vollends über dem Kopfe zusammen, so daß Erzherzog Maximilian ihn mit Blicken strafte und Eggenberg für nötig hielt, ihm vor dem Schlafengehen vertraulich zuzureden. Er solle um Gottes willen die Zügel nicht so fahren lassen, sagte er, sondern bedenken, wohin das blinde Rößlein ihn zuletzt tragen werde. Was werde der Papst zu einer so verwegenen Heirat sagen, vom Erzherzog Maximilian zu schweigen, der ihm seine väterliche Zuneigung ganz entziehen werde. Ob er der Kirche und der Verwandtschaft, der ganzen katholischen Welt trotzen wolle? Die Kurfürstin meine es gewiß auch nicht redlich mit ihm, denn sie sei fest lutherisch, werde nie davon weichen. Die dänische Familie sei schön von Gesicht, aber üppig und verbuhlt; der Kurfürstin könne man ja nichts nachsagen, aber sie werde auch nicht anders sein als ihr Bruder, der König von Dänemark; solche Frauen hätten keine Beschaffenheit zur Ehe, paßten besonders nicht für das Erzhaus. Gott möge es dem Khlesl verzeihen, daß er das Feuer angelegt und angefacht habe, er habe sicherlich sein Verderben damit stiften wollen, Ferdinand solle sein Heil bedenken und dem Kardinal zum Torte die Flamme im Entstehen zertreten.

Der kurfürstliche Wirt war in bester Laune, unermüdlich vortrinkend und laut schwörend, daß er beim Hause Österreich leben und sterben wolle. Hatte er in seiner Hauptstadt auch nicht viel Kunstwerke und Raritäten vorzuweisen, so entzückte er doch namentlich Ferdinand durch eine Sauhatz, die mitten in der Stadt auf dem Markte abgehalten wurde, wie auch ebenso durch die Musik, die zur Tafel aufspielte. Während der Kurfürst und sein Hof sich bei Tische nicht sonderlich um die Kapelle bekümmerten, horchten die Gäste zuweilen erstaunt und freudig auf, und Ferdinands Freund, Fürst Eggenberg, stand sogar mehrmals auf, brachte dem Kapellmeister ein Glas voll Wein, stieß mit ihm an und beglückwünschte ihn wegen der Kunst, mit der er die Kapelle leitete. Als der Kurfürst dies bemerkte, erzählte er lachend, dieser Kapellmeister, namens Heinrich Schütz, habe einen besonderen Wert für ihn, weil er ihn dem Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel abgejagt habe. Dieser habe den Schütz als einen talentvollen Knaben entdeckt, ihn im Gesang unterrichten lassen und später an seinen Hof gezogen. Als er gehört habe, was für ein großes Wesen der Landgraf aus dem Schütz machte, habe er sich ihn einmal schicken lassen und ihn dann ganz für sich behalten wollen, was der Landgraf Moritz sehr ungern vernommen habe. Da aber der Schütz auf kursächsischem Gebiet geboren sei und da der Landgraf ihm wohl auch nicht dauernd habe zuwider sein mögen, sei der Handel zustande gekommen, was ihn besonders freue, weil Landgraf Moritz sich bekanntlich einbilde, mehr zu wissen und zu können als andere Leute und an seinem Hofe besonders gelehrt und neumodisch eingerichtet zu sein. Er bekomme zuletzt immer, was er wolle, sagte der Kurfürst behaglich, und zwar ohne sich zu rühren. Mit Fechten und Schwitzen könne jeder etwas ausrichten, aber mit Stillsitzen den Sieg davonzutragen, sei die wahre politische Kunst, auf die sich nicht jeder verstehe.

Als vornehmste Ergötzung wurde den Gästen eines Abends eine Komposition Schützens, nämlich ein musikalisches Gespräch zwischen Apollo und den Musen, vorgeführt. In einem Saale des Schlosses war eine kleine Bühne hergerichtet, auf welcher die Sänger auftraten, Apollo mit einem Lorbeerkranz in den blonden Locken, in goldgesticktem Wams und purpurnem Mantel, die Musen in altdeutschen Gewändern mit gepufften Ärmeln. Den Hintergrund bildeten, auf eine Wand gemalt, ein dunkelgrüner Hain und ein weißer Tempel auf sonnenbeschienenem Hügel. Zufrieden lächelnd, beobachtete Johann Georg das Erstaunen und die Bewunderung seiner Gäste während der Darstellung: Matthias und die Kaiserin weinten, Ferdinand wiegte seinen weichen Körper hin und her, und seine blauen Augen funkelten in feuchter Wonne, Fürst Eggenberg schien jeden Ton wie einen aus Wolken tauenden ambrosischen Tropfen aufzufangen und innig zu schlürfen. Am Schlusse des Spiels, das mit einer Huldigung für das Kaiserpaar endete, wurde Schütz vor die Majestäten befohlen, um ihr Lob in Empfang zu nehmen. Ferdinand klopfte ihm auf die Schulter und sagte gemütlich: »Er versteht seine Sache. Ich gebe zehn von meinen großmäuligen Standesherren um ein solches Ketzerle, wie Er ist.« Eggenberg nötigte den Kapellmeister, sich zu ihm in eine Ecke zu setzen, und fragte ihn über seine Komposition aus. Woher er das habe? Das sei etwas Neues und Gewaltsames, aber Wundervolles. Die Musik sei sonst eine überirdische Erscheinung unter den Menschen gewesen, vestalisch verhüllt und unnahbar; nun aber sei es ihm so gewesen, als hätte sie ihre Brust gleich einem Zauberspiegel entschleiert, und ein jeder hätte sich selbst darin erblickt, so wie Gott sich vorbehalten habe, sich zu erkennen, so daß es ihm fast verboten und schaurig vorgekommen sei. Da er nun das genossen habe, glaube er, es werde ihm kein Tonstück von der alten Art mehr schmecken.

Schütz erklärte, daß er derartige Musik in Venedig kennengelernt habe, wo er jahrelang bei dem berühmten Meister Gabrieli studiert habe, und daß er hoffe, mit der Zeit noch größere Vortrefflichkeit darin zu erreichen. Die Musik sei bisher in der babylonischen Gefangenschaft gewesen, und er möchte sie in ihre Heimat zurückführen. Das sei schwer zu erklären und schwer zu begreifen. Er wolle die alte Musik nicht herabsetzen, keineswegs, denn sie sei eine Offenbarung Gottes gewesen; nun aber müsse der Tönebrunnen aus der Menschen Herz ausfließen und künden, was darinnen sei.

»Mein Freund,« sagte Eggenberg, »Ihr seid nur ein bescheidener Kapellmeister, und doch seid Ihr mehr als irgendeiner von uns, wie mir scheint, den Göttern ähnlich. Ihr laßt Licht werden und zaubert tönende Geschöpfe aus dem Abgrund und verbindet die chaotischen Stimmen zu einer geregelten, in Vollkommenheit schwebenden Harmonie.«

Das feine, von heimlicher Träumerei umdunkelte Gesicht Schützens erhellte ein gütiges Lächeln. Sein Geschäft müsse doch um vieles leichter sein als das des Herrgotts, sagte er; denn dessen Kreaturen ständen trotz seiner Allmacht in lauter Hader und Disputieren, die Disharmonien lösten sich niemals auf, und es würde damit immer schlimmer statt besser.

»Ja, das sind Geheimnisse«, nickte Eggenberg ein wenig zurückhaltend. »Wir Menschen machen soviel Lärm auf der Erde, daß wir die Harmonie Gottes nicht vernehmen können.«

Khlesl hatte, auch abgesehen von dem Mißglücken seines Heiratsplanes, manche Bitterkeit zu schlucken. Er hatte kraft seines Kardinalsranges das Recht, bei Tische zwischen den Erzherzögen zu sitzen; da diese aber mit Abreise drohten, wenn sie nicht über ihn gesetzt würden, was wiederum Khlesl sich nicht gefallen lassen wollte, schlug der bedrängte Hofmarschall vor, Khlesl möchte an einer anderen Tafel sitzen, wo er den unbestrittenen Ehrenplatz einnehmen würde. Hierauf ging Khlesl mit saurer Miene ein, obwohl er wußte, daß es ihm zu Despekt und Schimpf gereichen würde, und es entging ihm auch nicht, mit welcher Schadenfreude Maximilian ihn vom kaiserlichen Ehrentische aus beobachtete.

*

Der Krieg zwischen Venedig und dem Kaiser lockte viele berühmte Feldherren und junge Herren von Adel nach Gradisca, der die große grüne friaulische Ebene beherrschenden Festung, um die der Kampf hauptsächlich sich drehte. Während Venedig sich des berühmten Giustiniani rühmte, glänzte auf österreichischer Seite namentlich Trauttmansdorff, der seine Laufbahn in den Kriegszügen des Matthias gegen Rudolf begonnen hatte (den von Ramée hatte Erzherzog Leopold schon vor einigen Jahren geschwind und lautlos prozessieren und köpfen lassen). Neben Trauttmansdorff machten sich der Lothringer Dampierre, Marradas, Melander, besonders aber Albrecht von Waldstein oder Wallenstein bemerkbar, ein etwa dreißig Jahre alter böhmischer Edelmann, der als Vasall des nunmehrigen Königs von Böhmen Ferdinand ins Feld gezogen war. Zog Wallenstein die Scharen der Söldner an, so war er doch bei den Kameraden nicht beliebt, wenn man ihm auch zugestand, daß sein Regiment in auffallend guter Ordnung, tüchtig und leistungsfähig sei; aber er schreckte durch zurückhaltendes und hochfahrendes Wesen ab, nahm an den gemeinsamen Banketten selten teil, betrank sich niemals und schien sich überhaupt mit anderen nicht gemein machen zu wollen. Sein Reichtum ermöglichte ihm, prunkvoll gekleidet zu erscheinen und sich mit einem Troß reich ausstaffierter Diener zu umgeben. Man wußte, daß er dies Vermögen seiner Frau, einer verwitweten böhmischen Edelfrau, verdankte, die kürzlich gestorben war, ohne Kinder geboren zu haben. Sie war mehrere Jahre älter als er und nicht schön, aber leidenschaftlicher Natur und in ihren ernsthaften und tiefsinnigen Mann sehr verliebt gewesen. Das Gerücht war von ihr im Umlauf, um sich sein Herz zuzuwenden, habe sie ihre Zuflucht zu einer alten Frau genommen, die sich auf Arzneien und allerlei verborgene Künste verstanden habe, und ihm einen von derselben zusammengekochten Liebestrank eingeflößt, der aber keine Liebe, sondern eine gefährliche Krankheit in ihm erzeugt habe. Nach seiner Genesung sei er noch kälter als zuvor gegen sie gewesen, worüber jene alte Frau sehr erschrocken gewesen sei und gesagt habe, er könne kein fleischliches Herz haben, wenn es diesem Zauber unzugänglich sei. Selbst Tiere würden durch dies Mittel zur Liebesbrunst angefacht, er müsse außerhalb der Natur und mit feindlichen Geistern im Bunde stehen. Die arme Frau versuchte in frommen Übungen Trost zu finden, vermochte es aber nicht, sich der hoffnungslosen Liebe zu entreißen, und ergab sich traurig in den Tod. Zur zweiten Gemahlin wählte der junge Witwer die österreichische Gräfin Harrach, die nicht reich war, ihn aber durch ihre angesehene Familie in nahe Verbindung mit dem Erzhause brachte.

Trauttmansdorff, der den Oberbefehl hatte, war ein Mann, der sich weniger durch Feldherrngabe als durch Kühnheit und Selbstbewußtsein auszeichnete, auch durch seine heldenhafte Gestalt und seinen stolz getragenen blonden Kopf Eindruck machte. Um einen gelungenen Ausfall zu feiern, lud er eines Tages die Offiziere zu einem Gastmahl ein, das im geräumigen Schloßhof aufgerüstet wurde. Der von Mauern eingeschlossene Platz war schattig kühl; jenseit derselben sah man das blaue Meer und die rötlichen Berge in der schwirrenden Luft kochen.

Gleich beim Beginn des Essens entspann sich ein Streit, indem Trauttmansdorff die Gesundheit des Kaisers ausbrachte und sein Glas darauf leerte, welchem Beispiel alle mit Ausnahme Wallensteins folgten. Von Trauttmansdorff darüber zur Rede gestellt, antwortete Wallenstein kurz, daß er das Weintrinken bei der Hitze nicht vertragen könne, wogegen Trauttmansdorff mit Schärfe einwandte, er habe Wallenstein kürzlich trinken sehen, als das Wohl des Erzherzogs von Steiermark ausgebracht worden sei. Der Erzherzog von Steiermark sei König von Böhmen und sein Herr, entgegnete Wallenstein. Das sei nicht wahr, rief Trauttmansdorff, annoch habe Matthias die Oberherrschaft in Böhmen, wenn er auch Ferdinand schon habe krönen lassen. Und ob Wallenstein Matthias nicht als seinem Kaiser Gehorsam vor allem schulde? Indem er sich drohend von seinem Sitz erhob, fragte Wallenstein, ob Trauttmansdorff ihn der Lüge zeihen wolle und ob er behaupten wolle, er, Wallenstein, sei kein treuer Untertan des Kaisers?

Dieser gefährliche Zwist wurde durch die übrigen glücklich beigelegt, und Trauttmansdorff wie Wallenstein versicherten, daß sie weder dem Kaiser noch dem Könige von Böhmen, noch sich gegenseitig dies zum Schimpf gemeint hätten. Bald jedoch entstand ein neuer Wortwechsel, indem Trauttmansdorff die Hoffnung aussprach, der nächste Krieg werde gegen die ketzerischen Rebellen im Reich gehen; der Umstand nämlich, daß die holländischen Staaten der Republik Venedig ein Hilfsheer unter dem General Grafen Johann Ernst von Nassau gesendet hatten, in dem zahlreiche Protestanten aus dem Reiche dienten, wurde als eine ungebührliche Herausforderung aufgefaßt und hatte eine gereizte Stimmung im österreichischen Heer erzeugt. Dagegen sagte Wallenstein in einer Art, als ob seine Meinung besser begründet sei als die der anderen, es werde zunächst gegen die Türken gehen, erst wenn diese gänzlich niedergeworfen wären, könne die Ordnung im Reich hergestellt werden. Trauttmansdorff war Mitglied einer kürzlich gegründeten hochadeligen Gesellschaft, deren Ziel ausdrücklich die Bekämpfung der Heiden war, von der man aber wußte oder mutmaßte, daß sie gegen die Evangelischen gerichtet und zunächst zur Unterstützung des Königs von Polen gegen Schweden bestimmt sei. Wallenstein scheine gründlich unterrichtet zu sein, sagte Trauttmansdorff spöttisch; er hätte selbst den Türken gegenübergestanden und wisse, daß sie nicht sonderlich mehr zu fürchten wären; einstweilen hätte man mit ihnen aufgeräumt. »Die Türken sind so mächtig wie je,« sagte Wallenstein mit kühler Bestimmtheit, »und solange die Türken in Europa sind, wird niemals ein sicheres Gleichgewicht bei den christlichen Staaten herrschen.« Ob er eine Weltmonarchie gründen wolle? fragte Trauttmansdorff höhnisch. Das komme wohl aus seinem Blute, denn soviel er wisse, sei Attila ein Böhme gewesen.

Noch einmal legten sich die Offiziere zwischen die Streitenden mit dem Vorschlag, die Würfel sollten entscheiden, wer recht habe. Unter lautem Jubel tat Trauttmansdorff den höchsten Wurf, womit es für bewiesen galt, daß der nächste Krieg gegen die Ketzer gehen werde. Als dann der Würfelbecher unter allen umging, und zwar unter der Abmachung, daß der Sieger im Spiel den nächsten großen Sieg davontragen solle, gewann es Trauttmansdorff wieder mit der größten Zahl. Ein paar von den bedienenden Mädchen brachen Zweige von den Lorbeerbäumen, die an der Mauer wuchsen, banden sie zusammen und setzten den Kranz auf seinen blonden Kopf; sein schon erhitztes Gesicht wurde noch dunkler rot, er umfaßte die Mädchen, küßte sie, zog sie auf seine Knie und erwiderte das Zutrinken der übrigen. Wallenstein setzte sein Glas an die Lippen, dann stand er auf und entfernte sich, indem er sich mit der Hitze entschuldigte. Es sei gut, daß er gegangen sei, sagte Dampierre aufatmend; seine Gegenwart lasse keine rechte Fröhlichkeit aufkommen. »Er hat etwas an sich, das mir nicht gefällt«, sagte Trauttmansdorff; »wenn er ein Kavalier ist, so hat er gewiß den Bocksfuß im Wappen.«

Drei Tage später wurde Trauttmansdorff, als er die Wälle besuchte und sich dabei zu sehr aussetzte, von einer Granate getroffen und starb einige Stunden später. Auch der venezianische Feldherr Giustiniani fiel in diesem Kriege, der auf beiden Seiten mit großer Tapferkeit, aber ohne entscheidende Ergebnisse, fast wie ein glänzendes Turnier geführt wurde. Nach wechselndem Kriegsglück kam im Herbst 1617 der Friede dadurch zustande, daß auf Khlesls Betreiben der Kaiser der Republik Venedig günstige Bedingungen zugestand, anstatt Ferdinands Interessen, wie dieser gewünscht hätte, bis zum äußersten zu vertreten.

*

Von Gradisca aus fuhr Wallenstein eines Tages über die friaulische Ebene nach Venedig und Padua, um den alten Professor Argoli zu besuchen, von dem er sich als Jüngling in der Astrologie hatte unterrichten lassen. In einem von außen düster aussehenden Hause bewohnte Argoli hohe, luftige Gemächer, von denen aus man auf einen von Bäumen eingefaßten Platz und jenseit desselben auf die aus Gebüschen anschwellende gekuppelte Masse des Domes von San Antonio sah. Auf dem Platze war stets ein lebhafter Verkehr, sei es, daß an Markttagen die Landleute hier zusammenkamen oder daß, im Winter, die reichen Venezianer, die in Padua Paläste besaßen, in Karossen oder Sänften oder auch zu Pferde hier spazierten. Argoli brachte einen großen Teil des Tages damit zu, den Leuten zuzusehen und sich über sie zu belustigen, indem er sie mit dem Gewimmel von Maden auf einem faulen Käse verglich, die übereingekommen wären, sich und ihren Wohnort für etwas Wichtiges und Dauerhaftes auszugeben.

Aus Wallensteins stattlichem Aufzuge reimte er sich sofort seine veränderten Glücksumstände zusammen, ließ aber davon nichts merken, sondern plauderte von diesem und jenem und führte dem Gaste seinen Hund und seine Katze vor, die zwei bequem ausgefütterte Körbe in seinem Arbeitszimmer bewohnten. Er erzählte, daß die Katze, die ein Junges hatte, mit dem Hunde in einer Art von Ehe lebte, insofern sie ihn als Vater des Kindes angenommen habe und er sich als solcher rücksichtsvoll und fürsorglich betrage; er nenne die drei deshalb die Heilige Familie, den Hund San Giuseppe, die Katze Madonna und das neugeborene Kätzlein sei das Bambino. Wallenstein lächelte über den spaßhaften Einfall; aber an Tieren fand er keinen Geschmack und konnte sich nicht überwinden, ihnen Aufmerksamkeit zu widmen. Dann zeigte Argoli ihm sein Theater, nämlich das große Rondell unter dem Fenster, wo eben ein geräuschvoller Zusammenlauf war, weil eine Karosse vor der anderen den Vortritt verlangte, den jene weigerte. »Diese armen Würmlein,« sagte Argoli, »eine dünne Schicht Schimmel auf einem Knäuel von Verwesung, beißen sich bis aufs Blut, weil einer etwas schneller kriechen kann als der andere oder ein Pfund Kot mehr im Leibe hat als der andere«, und lachte dabei so, daß ihm Tränen in die Augen traten. Wallenstein betrachtete ihn ein wenig befremdet, worauf er abbrach und von der Astrologie zu sprechen anfing und allerlei Erfolgen, die er gehabt habe; wie er erzählte, daß er den Tod des Kaisers Rudolf richtig prophezeit habe und daß es ihm hernach von Neidern abgestritten sei, ereiferte er sich mehr und mehr, und seine kleinen Augen funkelten böse. Er habe Glauben an ihn, sagte Wallenstein, denn seine ihn betreffenden Prophezeiungen seien eingetroffen: er habe sich vermählt und sei reich, auch einigen Kriegsruhm habe er schon erworben. Das sei nur der Anfang, rief Argoli lebhaft aus, er habe ja noch bei weitem das größere Stück Weges zu durchlaufen. Es sei jetzt gerade sieben Jahre her, daß er ihm das Horoskop gestellt habe, jetzt sei der rechte Zeitpunkt, die Sterne wieder zu beobachten. Wallenstein bat ihn, es bald zu tun, da er des Krieges wegen nicht lange von seinem Regiment abwesend sein könne; der Professor könne darauf rechnen, daß er, Wallenstein, sich erkenntlich zeigen werde. Das wisse er, sagte Argoli, daß der Herr großmütig sei. Er wolle noch in dieser Nacht ein Bild des Himmels aufnehmen, die Nächte seien ohnehin jetzt klar und wiesen bedeutende Konstellationen auf. Auch dabei zu sein, erlaubte er Wallenstein auf seinen Wunsch und empfing ihn am Abend auf der Zinne des Hauses, wo er ein feines Essen hatte auftischen lassen. Während desselben plauderten sie über die Politik des Papstes und Venedigs, und Argoli sagte, die päpstliche Herrschaft sei im Augenblick zwar etwas wacklig geworden, werde sich aber wieder befestigen und einen neuen Aufschwung nehmen, bis sie zuletzt den ganzen Erdkreis umspannen werde.

Ob nicht ein Gewitter im Anzuge sei? fragte Wallenstein, nach dem dunstigen Horizont blickend. Nein, sagte Argoli, noch acht Tage, solange Jupiter den Himmel beherrsche, werde die Atmosphäre den entzündlichen Stoff einsaugen und vertilgen; hernach, wenn sie überladen sei, werde es mit furchtbarer Gewalt ausbrechen. Es mochte in entfernten Regionen ein starker Wind lebendig sein; denn während die Wipfel der Platanen um den Platz herum unbeweglich schwebten, eilte dunkles Gewölk unstet durch den blauen Himmel. Etwa um die zehnte Stunde traten die Sterne hervor, und bald darauf zeigte Argoli seinem Schüler die aufblitzende Krone des Jupiter. »Seht,« sagte er, »Wolken und Sterne ducken sich vor dem glücklichen Licht, wie wenn ein König unter sie getreten wäre.« Wallenstein, welcher wußte, daß dieser Planet seine Geburtsstunde beherrscht hatte, betrachtete ihn aufmerksam, der mit dem Feuer des weißen Saphirs, wie eine Ewige Lampe in der marmornen Rotunde eines Domes, den Raum durchglänzte. So blieb es jedoch nur kurze Zeit, dann sammelten sich die Wolken, die die Festung des Lichtes vergeblich berannt und sich zerstreut hatten, in dichteren Haufen und schwollen langsam über den Westen, das Strahlenreich fast ganz mit Finsternis bedeckend. »Das Glück begünstigt nur meinen Anfang«, sagte Wallenstein; »oder ist es der Tod, der meine Laufbahn früh abschneidet?« Argoli antwortete nicht, sondern blickte in tiefen Gedanken auf das stetig sich verändernde Bild des beweglichen Himmels. Sich nach Norden wendend, sah er, daß dicht über dem Horizont eine graue Dunstmauer sich gebildet hatte, in der es wetterleuchtete; es sah aus, als stieße eine Schlange ihre lechzende Zunge über das Ufer eines Meeres. »Ihr werdet hoch steigen, hoch, hoch«, sagte Argoli sinnend; »aber das Ende wird vor der Zeit kommen. Es ist eine jähe Bahn. Die Kraft, die der Seele mitgeteilt wurde, verteilt sich nicht gelassen über das Dasein, sondern verdichtet und staut sich und erwirkt mit hitzigem Regiment hitziges Widerstreben; wie sie das Leben verschlingt, so wird das Leben sie verschlingen.« Er blickte forschend in das schmale, gelblichblasse Gesicht des ihm gegenübersitzenden Mannes, dessen in schön gewölbtem Hohl sich verbergende graue Augen mit vorsichtig zurückgehaltener Gier auf ihm ruhten. »Daß ich sterblich bin, weiß ich«, sagte Wallenstein; »habt keine Scheu, mir mitzuteilen, was Ihr wißt, wenn der Bescheid auch bitter ist.« Noch wisse er gar nichts, entschuldigte sich Argoli eifrig, er müsse nun Messungen und Berechnungen anstellen, aus denen er das Ergebnis ziehen werde; am nächsten oder darauffolgenden Tage sei er bereit, Wallenstein ausführliche Auskunft zu geben.

Als Wallenstein am nächsten Tag um die Mittagszeit sich bei Argoli einfand, zierte die Mitte der Tafel ein ausgestopfter Adler, in dessen offenem Schnabel eine Zitrone befestigt war. Es hätte, sagte Argoli, mit listigem Blick lächelnd, eine Orange sein sollen, doch sei ja, wie Wallenstein wohl wisse, diese Frucht eben nicht zeitig; so habe er denn die längliche Zitrone als ungenügendes Symbol des Erdballs benützen müssen. »Das soll nicht bedeuten,« fuhr er fort, »daß ich Euch als Cäsar grüße; denn des Wortes ›Kaiser‹ will ich mich nicht bedienen, um selbst zwischen uns beiden nichts auszusprechen, was wie ein Angriff auf die heilige Majestät klänge.« Aber wenn auch nicht Kaiser, werde er doch dem Kaiser gleich sein. Triumph blitzte aus Wallensteins dunklem Gesicht, und er wurde immer aufgeräumter, je mitteilsamer Argoli unter dem Essen sich zeigte. Vom Osten komme ihm Ruhm und Ehre, sagte Argoli unter anderm, dort werde der Schauplatz seiner Siege sein. Er werde den Thron des Sultans umstürzen und das alte Reich von Byzanz erneuern. Ob er nicht bemerkt habe, wie der dünne Halbmond gestern nacht beim Aufstieg des Jupiters am östlichen Himmel wie ein fadenscheiniger Leinenfetzen verschwunden sei? Mars sei ihm günstig, nur zuletzt werde etwas kommen, das mächtiger als der Gott der Schlachten sei. Diese Gefahr drohe vom Norden, und vor dem Norden solle er auf der Hut sein; von dorther komme sein Überwinder. Aber das schlummere in ferner Zukunft; noch sei der Kelch seines Glückes nicht erblüht und werde blühend noch lange prangen.

Tags darauf überbrachten reichgekleidete Diener Wallensteins dem Professor Geschenke ihres Herrn: einen silbernen Globus, auf welchem in blauem Schmelz der Sternenhimmel abgebildet war; eine Uhr, welche die in Erz getriebene Gestalt des Riesen Atlas auf der Schulter trug, und eine silberne, mit Halbedelsteinen reich besetzte, kunstreich und geheimnisvoll verschließbare Kassette, in der hundert Golddukaten waren.

Auf der Rückfahrt durch die blaugrüne Luft, die fiebernd über den friaulischen Sümpfen zitterte, saß Wallenstein in seinen Wagen zurückgelehnt und ließ sich, die müden Augen halb schließend, vom mystischen Flimmern der Zukunft umweben. Er atmete das unendliche Schweigen der unbewohnten Ebene wie Weihrauch der Erde ein, die sich unter ihm bückte; jenseit des Umkreises, den die Ehrfurcht seiner Größe einräumte, mochten die zurückgewichenen Völker knien und scheu das sengende Gestirn vorüberrollen sehen.

*

Moritz von Hessen hatte Ursache, stolz auf seine Kinder zu sein; namentlich war er es auf die anmutige und kluge Elisabeth, die so bescheiden zuzuhören wußte, wenn ihr Vater sich mit gelehrten Männern unterhielt, und so überraschend gedankenvoll mitzusprechen, wenn sie dazu aufgefordert wurde. Schöner waren die Söhne, denen die frühverstorbene Mutter ihren vielbewunderten Reiz zum Gedächtnis eingeprägt zu haben schien: Otto, der älteste, mit dem vollen griechischen Munde und dem runden Kinn, und Moritz mit den goldstrahlenden Augen, dem braunen Gelock und der mädchenhaft leicht errötenden zarten Haut. Die junge Stiefmutter sah die wundervolle Blüte der bevorzugten Nachkommen ihres Mannes nicht ohne Eifersucht, doch war sie zu einsichtig, um es merken zu lassen, und das Ansehen des Landgrafen in der Familie zu groß, als daß Streit und Mißhelligkeit sich laut hervorgewagt hätten.

Es war ein Augenblick schöner Genugtuung für Moritz, als sein Erstgeborener im Jahre 1612 den neugewählten Kaiser Matthias in Frankfurt in einer zierlichen lateinischen Ansprache begrüßte und die Augen der Fürsten neidisch oder wohlwollend auf dem Achtzehnjährigen ruhten, nicht wenige von dem Gedanken erfüllt, wie lieblich der Satan seine gefährlichen Werkzeuge auszuzieren wisse.

Bald darauf traf den glücklichen Vater ein jäher Schlag, indem der zwölfjährige Moritz erkrankte und schon nach zwei Tagen, bevor noch jemand die Gefahr des Zustandes erkannt hatte, starb. Da man nichts anderes annahm, als daß es sich um ein leichtes Fieber handle, stellte Moritz, am Bette des Knaben sitzend, ihm allerlei Aufgaben als Unterhaltung und Prüfung. Er disputierte mit ihm über das Abendmahl, in der Weise, daß er abwechselnd die Rolle eines Lutheraners und eines Papisten spielte und der Kleine die Auffassung der Reformierten beiden gegenüber verteidigen und sie mit Bibelstellen erhärten mußte. Dann ließ er ihn Sätze aus dem Deutschen ins Lateinische und Französische übertragen, was alles Moritz zufriedenstellend ausführte, die brennenden Augen eifrig und ein wenig angstvoll auf den Vater gerichtet, dessen Ungeduld beim Unterricht ihm bekannt war. In der Mathematik jedoch, die des Landgrafen Lieblingsfach war, wurden die Antworten des kranken Kindes unsicher und blieben einige Male ganz aus, so daß der Vater es scharf zur Aufmerksamkeit anhielt. »Ich werde es gleich wissen, lieber Vater«, sagte das Kind, erschrocken die Hände faltend, und ließ den Kopf in das Kissen zurückfallen, indem es stammelnd um Wasser bat. Wie der Landgraf das Gesicht seines Sohnes sich verfärben sah, sprang er auf, läutete, rief nach Dienern und Ärzten; eben hatte er noch Zeit, den laut Atmenden in seine Arme zu nehmen und ihm zuzurufen: »Mein Sohn, mein Sohn, denke an Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist!«, als die Augen, die ihn flehend ansahen, brachen, und das geliebte Kindeshaupt leblos auf seine Schulter fiel.

Der Landgraf blieb lange mit dem Leichnam seines Knaben allein und ließ sich während mehrerer Tage nur wenig vor anderen sehen; erschien er aber, so war sein Benehmen sicher und gebietend wie sonst und sprach er ruhig von der Pflicht des Christen, sich dem Schmerz über den Verlust geliebter Personen oder irdischer Güter nicht hinzugeben, sondern die Aufgaben des Tages zu erfüllen. Solche Grundsätze hatte er namentlich seinem ältesten Sohne Otto vorzuhalten, der sich um den Tod des jüngeren Bruders leidenschaftlich grämte und weder durch Arbeit noch durch Betrachtung oder Musik zerstreuen ließ. Plötzlich aber war der Kummer ohne ersichtliche Ursache ganz erloschen; so fing sein Wesen immer verhängnisvoller an, von einer Übertreibung zur andern zu schwanken. Das väterliche Gebot der Mäßigkeit überschreitend, betrank er sich in loser Gesellschaft, knüpfte ein Liebesverhältnis mit einer älteren Frau an und ward einmal, aus einem übelberüchtigten Hause heimkehrend, berauscht auf der Gasse gefunden. Der Zorn und Schmerz seines Vaters schmetterte ihn zu tiefster Zerknirschung nieder, doch hinderte das nicht, daß er sich bald darauf neuen Ausschweifungen ergab, was durch den Ausbruch einer Krankheit an den Tag kam. Dem verzweifelten Landgrafen, der mit dem Gedanken umging, dem entarteten Sohne die Nachfolge zu entziehen, rieten die Erzieher Ottos, er möchte den nunmehr Zwanzigjährigen verheiraten und dadurch dem geordneten Leben wieder zuführen; und so wurde denn die Vermählung mit einer badischen Prinzessin so schnell wie möglich eingeleitet und vollzogen. Hoffnungsvoll beteiligte sich Moritz selbst an den Vorbereitungen zur Hochzeit, deren vornehmste Unterhaltung ein Kampfspiel der Babylonia und der Ekklesia, eigentlich der babylonischen Hure und der evangelischen Kirche war, die einander beschimpften und herausforderten. Moritz selbst dichtete und komponierte ein Hochzeitslied, das mit den Worten begann: ›Venus, du und dein Sohn, der, dem ihr gnädig seid, Über der Sterblichen Häupter schreitet er sorglos, ein Gott‹; und wider seinen Willen wurden seine Augen naß, als die ernsten Töne sich in feierlichem Rhythmus über den jungen Vermählten drehten. Auf seinen Wunsch stellte der Pfarrer, der sie traute, ihnen die Bedeutung und die Pflichten der Ehe eindringlich vor und daß sie für einen Fürsten und Landesbeherrscher besonders bindend seien, was auch Eindruck auf Otto zu machen schien. Als jedoch nach einem Jahre die junge Frau im Wochenbette starb, nahm er die anstößige Lebensführung allen Ermahnungen und Drohungen zum Trotz wieder auf. Zwischen den Fürbitten und Ratschlägen der Familie und der Räte beschloß Moritz schleunige Wiederverheiratung, obwohl Otto selbst ihr widerstrebte. Bald sagte er trotzig, daß er die aufgedrungene Frau nicht werde lieben können, dann hatte er Anwandlungen, wo er stundenlang weinte, sich anklagte und sagte, man solle nichts mehr mit ihm versuchen, es sei aus mit ihm, er müsse doch zugrunde gehen.

Im Innersten schwer niedergebeugt, hielt sich der Landgraf abseits von dem Treiben am Hofe und in der Familie, bemühte sich, im Studium der Wissenschaften oder bei den Verwaltungsgeschäften zu vergessen, als ein Verbrechen seinen Blick auf neue Untiefen in seiner Umgebung lenkte. Spät am Abend beim Verlassen des Schlosses wurde Herr von Hertinghausen, ein älterer Mann, durch Rudolf von Eckardsburg, einen schönen, im Umgang angenehmen und besonders bei den Damen beliebten jungen Ritter, ermordet, und zwar, wie sich herausstellte, weil jener eine tadelnde Bemerkung über verliebte Beziehungen des Eckardsburg zur Landgräfin Juliane gemacht hatte. Die Untersuchung ergab nichts, als daß Juliane mit dem von Eckardsburg häufiger als mit andern getanzt und gern mit ihm geplaudert habe; auch unter der Folter beharrte der Angeklagte dabei, daß nichts Strafbares geschehen und daß er seine Augen nie anders als mit der der Fürstin schuldigen Ehrfurcht auf Juliane gerichtet habe. Diese leugnete gleichfalls jede Schuld sowie auch jede Neigung ab und verlangte, daß Eckardsburg freigelassen werde, da er nur einen Verleumder zur Rettung ihrer Ehre im Zweikampf getötet, nicht gemordet habe. Die Zweifel des Landgrafen wurden nicht beschwichtigt, vielmehr, wie wenig er auch vorher an die Möglichkeit ehebrecherischer Liebe seiner Frau zu einem andern Manne gedacht hatte, so fest stand ihm jetzt, daß beide wenigstens gegenseitiger Zuneigung schuldig seien. Die Erinnerung vergangener Jahre suchte ihn heim, als die junge Frau des alten Landgrafen Ludwig von Hessen eines Liebesverhältnisses mit einem adligen Herrn beschuldigt wurde und er mit richtendem Eifer die strengste Bestrafung der Angeklagten durchzusetzen suchte. Unter Qualen fragte er sich, ob ihn damals noch ein besonderer Haß gegen die Miterbin des dem Tode nahen alten Fürsten bewegt habe? ob er gegen die eigene Frau blind oder nachsichtiger sein dürfe als damals gegen jene? oder ob die Wut seiner Eifersucht ihm einen Vorwand, Strenge zu üben, zuspielen wollte? Bald dachte er diesen schmachvollen Zustand dadurch zu überwinden, daß er den Eckardsburg dem Martertode preisgab, den das Gesetz für solchen Fall vorschrieb; bald wurde er uneins mit sich, wünschte an die Unschuld seiner Frau zu glauben und forderte von seiner Hoheit und Überlegenheit Verzeihen. Erst nachdem die Geistlichkeit ihm versichert hatte, daß Eckardsburg dem Rechte nach nicht anders als mit dem Tode zu bestrafen sei, und nachdem auch die Richter auf Befragen sich dahin ausgesprochen hatten, es liege kein Anlaß, Gnade zu üben, vor, unterzeichnete er das Urteil, nach welchem der Schuldige gerädert werden sollte.

Die Landgräfin hatte bemerkt, was im Herzen ihres Mannes vorging, und aufgehört, zu Eckardsburgs Gunsten zu sprechen; sie war schweigsam und hielt sich in ihren Gemächern. Am Tage vor der Hinrichtung teilte er ihr mit, daß das Urteil unter den Fenstern des Schlosses, als auf dem Schauplatze des Verbrechens, vollzogen werde und daß es sein Wille sei, sie solle der Exekution mit ihm zuschauen zum Zeichen für jedermann, daß sie beide an der Bestrafung eines Missetäters, auch wenn er von hohem Range sei, ein Wohlgefallen hätten. Juliane entschuldigte sich damit, daß ihr nicht wohl sei, weshalb sie schon seit mehreren Tagen das Zimmer gehütet habe; doch da er, den Blick scharf auf sie richtend, sagte, sie habe sich sonst wohl auf seinen Wunsch oder aus eigenem Antrieb zu beherrschen gewußt, entgegnete sie nichts mehr und erschien zur festgesetzten Stunde am Fenster. Sie hörte dünnes Geläut den langsamen Zug verkünden und sah den von zwei Geistlichen geleiteten Verurteilten im langen schwarzen Gewande heranschreiten, das weiche blonde Haar sorgfältig geordnet, hinter ihm rüstige Henker mit Keulen in den muskelstarken Armen. Er zitterte vor Furcht und heimlicher Hoffnung; denn er konnte es doch nicht glauben, daß er, der Schöne und Vielgeliebte, zu einem so greulichen Tode bestimmt sei. Als er das Rad aufgerichtet sah, auf dem er hingeschlachtet werden sollte, schauderte er und blieb gelähmt stehen, indem er unwillkürlich flehend am Schlosse hinaufsah. Sein Auge begegnete dem starren Blick der Landgräfin, in dem nichts von Gnade zu lesen war, und gleichzeitig stießen ihn die Knechte vorwärts. Juliane stand während der ganzen Zeit aufrecht ohne sich zu rühren: ihre großen dunklen Augen sahen leer auf den menschenerfüllten Platz, und auf ihren schmalen Lippen saß ein schwaches Lächeln.

Am Nachmittage begleitete sie den Landgrafen auf die Jagd und gab sich wie sonst ihrer Lust an wagehalsigem Reiten hin, eine Veränderung in ihrem Wesen höchstens insofern zeigend, als sie ihrem Manne gegenüber schweigsam und von verhaltener Reizbarkeit war.

Zur zweiten Frau seines ältesten Sohnes wählte Moritz ein Mädchen aus der Anhaltischen Familie, das sich besonders durch Vernunft und Frömmigkeit empfahl und mehrere Jahre älter als Otto war. Die junge Frau klagte über nichts, sondern äußerte sich dem Landgrafen gegenüber zufrieden. Einige Monate nach der Hochzeit jedoch wurde Otto am Morgen erschossen im Bette aufgefunden, wahrscheinlich durch eigene Hand gefallen, jedenfalls als ein Opfer seiner lasterhaften Verwilderung.

Nun war Wilhelm, der jüngste Sohn der schönen Agnes, Erbe des Landes. Er war, wenn auch hübsch und fein von Gesicht, ernst und fleißig, doch weniger glänzend begabt als die Brüder und war von seinem Vater stets etwas zurückgesetzt gewesen, freilich ohne dessen Wissen und Willen, der in der Behandlung seiner Kinder auf Gerechtigkeit hielt. Wilhelm suchte die Liebe des strengen Vaters, dem er in bescheidener Zurückhaltung ergeben war, durch Arbeitsamkeit und Pflichteifer zu gewinnen. Seinen zarten Körper stählte er durch ritterliche Übungen und wurde mehr infolge dieser Willenskraft als aus natürlicher Anlage ein tüchtiger Jäger und Soldat.

*

Damals erschien ein Buch, das dem Landgrafen Anregung gewährte, es hatte den Titel ›Chymische Hochzeit Christian Rosencreuz‹, geißelte mit Witz und Wärme die Laster der Zeit und berichtete von einer Gesellschaft, die zum Zweck eine Reform der Sitten, der Politik und der Kirche, kurz, des ganzen öffentlichen sowie privaten Lebens habe. Es begann mit einer Erzählung, wie die Weiber eines Fabellandes sich im Rathause versammeln, um den herrschenden Übeln abzuhelfen, wie das Volk in Ehrfurcht wartet, auf welche Weise es gebessert und beglückt werden soll, wie endlich die geheiligte Pforte sich öffnet und den Harrenden das Ergebnis verkündet wird, mit welchem der Wendepunkt einer neuen, schöneren Zeit beginnen soll: eine neue Taxe auf Kraut, Rüben und Petersilie.

Die Empfehlung des Landgrafen verschaffte dem Buche in Hessen viele Leser, aber auch in anderen kalvinischen Gegenden erregte es Beifall oder mindestens Interesse, während es im allgemeinen als frech, aufwieglerisch und voll von Ketzereien getadelt und bekämpft wurde. Der ungenannte Verfasser, nach dem man vergebens fahndete, war ein Schwabe, der aus einer Familie von Theologen stammte, Johann Valentin Andreae, ein rastloser Geist, dessen Verstand ebenso durchdringend und unbestechlich wie seine Phantasie lebhaft war, heiter, stolz, warmherzig und unternehmend. Durch seine Abkunft zur Theologie bestimmt, widmete er sich doch zunächst aus Neigung der Mathematik und Mechanik, der Malerei, Musik und Dichtung, führte ein ungebundenes Reiseleben oder verdiente sich seinen Unterhalt als Erzieher. Etwa im Jahre 1613 war er mit zwei Freunden, dem österreichischen Edelmann Abraham Hoelzel und dem schwäbischen Juristen Besold, seiner Gesundheit wegen im Bade Griesbach, ohne Stellung und willens, sich durch Unterricht die Einnahmen zu verschaffen, deren er bedurfte. Während eines längeren Aufenthaltes in Italien hatte er in Padua Fechten und Voltigieren gelernt und es mit seinem geschmeidigen Körper darin zu großer Fertigkeit gebracht. Als er eines Tages mit Hoelzel an einem Platze vorbeikam, der zur Kurzweil für die anwesenden ritterlichen Gäste bestimmt war, lockte es ihn, sich ein wenig zu tummeln, und belustigte sich in allerlei Spielen und Künsten mit Hoelzel zusammen, der, plumper gebaut und weniger gewandt, Johann Valentins Vorzüge in desto besserem Licht erscheinen ließ. Am nächsten Tage erzählte Hoelzel, es hätten ihn mehrere vornehme junge Leute aufgesucht und ihn nach dem jungen Manne ausgefragt, der sich mit einem so vortrefflichen und ungewöhnlichen Voltigieren habe sehen lassen; er, Hoelzel, habe darauf Andreaes Talente und Fertigkeiten gerühmt, und sie seien begierig, seine Bekanntschaft zu machen. Er solle sich bereit halten, vielleicht blühe ihm hier das Glück. In kurzer Zeit hatte er wirklich mehrere junge Edelleute zu Schülern im Fechten und Voltigieren, die übrigens gute Gesellschafter waren. War er mit Hoelzel und Besold allein, so diente es ihnen zu großer Belustigung, daß Andreae nun endlich das Gebiet gefunden habe, auf welchem er Ehre und Vorteil erringen könne; kärglich sei es ihm ergangen, solange er sich der Weltweisheit, Kunst und Gottesgelehrtheit befleißigt habe, als Fechtmeister werde er zu Ruhm und Ansehen kommen. Übrigens beschloß er sogleich, unvermerkt auf das Innere der jungen Männer zu wirken, die ihn mit der Ausbildung ihres Körpers betraut hatten, und als ein anderer Merkur ihre Seelen zu Gott zu führen. Bei dem häufigen Zusammensein fand er Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Mathematik zu zeigen und sie so für diese Wissenschaft zu interessieren, daß sie sich alle etwas davon anzueignen wünschten und ihn um Unterweisung baten. Kamen sie dann auf theologische Fragen, so lobte Besold wohl die Schriften des Mystikers Valentin Weigel, während ihn weder Luthers noch Kalvins Lehre ganz befriedige. Sie wären, sagte er, offenbar von den Menschen aufsteigend zu Gott gekommen, während man doch, um zu Gott zu kommen, sich so weit wie möglich von den Menschen entfernen müsse. Die Anschauung unseres Lebens müsse man verlassen, wenn man Gott finden wolle; denn Gott wisse nichts von uns, Gott wisse nur von sich, darum müsse, wer zu ihm wolle, die feste Erde von sich stoßend einen Sturz in den bodenlosen Abgrund wagen, der für unsere irdischen Sinne die Nacht und das Nichts sei.

Diese Auffassung bekämpfte Andreae als schwärmerisch und gefährlich. Gott, dessen Wesen Licht sei, sei nur durch das Licht zu erreichen. Es sei viel Wahrheit in dem, was Besold sage, aber das Ganze sei unwahr. Man dürfe nicht vergessen, daß die Welt, welchen Anteil auch das Böse an ihr habe, doch von Gott erschaffen, von seinem Samen und Blut sei. Es komme nicht so sehr darauf an, daß der einzelne im Glauben Befriedigung finde und Gott näherkomme, wie daß die Gesellschaft, die kleinste wie die umfassendste, eine harmonische Ordnung darstelle. Luther sei kein Gott, also nicht unfehlbar, wenn auch göttlichen Geistes voll gewesen; aber welcher andere Mensch sei das? Wohin würde man geraten, wenn ein jeder die Macht haben sollte, den eigenen Träumen über die höchsten Dinge nachzugehen, sich eigene Wege zur Seligkeit zu graben? Sie wüßten wohl alle, daß das Wort Religion von Binden komme, und sie solle in der Tat ein heiliges Band um alle Menschen, ja um alle Welt schlingen. Das möchte ihnen katholisch klingen; aber Luther habe ja auch die katholische Kirche nicht abschaffen, nur reinigen wollen. Einst werde gewiß die Kuppel der allesumfassenden Kirche mit dem Gewölbe des Kosmos sich decken und ein Gotteshaus für alle sein. Das Grübeln, Schwärmen und Disputieren müsse einmal aufhören, jeder solle sich auf dem festen Boden gemeinsamen Glaubens einem tätigen tugendhaften Leben widmen. Was für eine wundervolle Harmonie habe er in den Städten Basel, Zürich und Genf gesehen! Die glichen lichtbringenden Sternen, die sich streng, voll Ruhe und fast gleichgültig auf regelmäßiger Bahn bewegten.

Er erzählte mit Vorliebe von dem Leben in den eidgenössischen Städten, von der Tüchtigkeit und Vernünftigkeit ihrer Bewohner, wie sie ihrer Arbeit fleißig nachgingen, ein jeder tue, was ihm obliege, die Vornehmen stolz auf ihre Pflichten, auch die Geringeren auf die ihrem Stande eigentümliche Würde. Fehle es auch nicht ganz an Flecken und Abweichungen, so würden sie doch ausgeglichen durch die Regelmäßigkeit der Bewegung und die Fülle des Lichtes im Ganzen. Freilich wären die Theologen dort auch anders geartet als die im Reich und leider nicht zum wenigsten in Schwaben; sie lehrten, predigten, walteten in der Gemeinde, täten ihr Tagewerk, anstatt alberne Spitzfindigkeiten auszubohren und sich hernach darüber zu zanken und zu verfluchen.

Damals waren die lutherischen Theologen über zwei Streitfragen gespalten, deren eine die Allenthalbenheit oder Ubiquität Christi genannt wurde. Einige sagten, daß, da Christi Leib beim Abendmahl im Brote sei, und zwar ohne daß, wie die Katholischen fälschlich lehrten, eine Verwandlung vor sich gehe, dies so erklärt werden müsse, daß er eben allenthalben sei; während die andern entgegenhielten, die Welt sei voll Unrat, und es sei unziemlich, anzunehmen, Christus sei im Dreck enthalten. Ferner nahmen die Theologen der Universität Gießen, die zu Hessen-Darmstadt gehörte, als Dogma an, daß Christus während seines Wandels auf Erden im Vollbesitz seiner göttlichen Natur gewesen sei und sich nur scheinbar der Leiblichkeit mit ihren Gebrechen unterworfen habe, um seine Aufgabe vollführen zu können. Dies verwarf das Haupt der württembergischen Theologen, Osiander, gänzlich, da, wenn Christus nicht wirklich ein Mensch gewesen sei, sein Tun und Leiden auf Erden bedeutungslos und gewissermaßen Spiegelfechterei genannt werden müsse. Er habe sich vor der Menschwerdung seiner göttlichen Eigenschaften entäußert, und es bestehe das ganze Geheimnis in seiner Gottmenschheit, wie aus vielen Bibelstellen zu erhärten sei. Ebenso stützten die Gegner ihre unwiderlegliche Beweisführung mit großer Gelehrsamkeit auf Bibelsprüche.

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