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Der Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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Während im Nordwesten des Reiches die Waffen klirrten, reisten die Kurfürsten von Köln, Mainz und Sachsen nach Prag zu einem Konvent, den der Kaiser zur Beratung der schwebenden Fragen ausgeschrieben hatte, nämlich der Jülicher Sukzession, des Streites um Donauwörth, seines Handels mit Matthias und der Nachfolge im Reich. Wegen der Aussöhnung des Kaiser mit Matthias hatte sich Ernst von Köln während des Winters längere Zeit in Prag aufgehalten, aber keine Audienz beim Kaiser erhalten können, so daß er über die Einladung, die er gleich nach seiner Rückkehr erhielt, füglich erstaunt war; da jedoch die mildere Jahreszeit heranrückte und die Kriegsfrage für ihn als Nachbar von Jülich von hohem Belang war, machte er sich geduldig wieder auf den Weg. Im ganzen sahen die Herren einer fröhlichen Zeit entgegen, da sie in Prag Gäste des Kaisers sein sollten, der zu großer Verlegenheit des Finanzrates die Fürsten üppig zu bewirten liebte.

Nach feierlicher Eröffnung durch den Kaiser leitete der Konvent seine Tätigkeit dadurch ein, daß er von mehreren Universitäten Gutachten über die verwickelte Jülicher Erbfolge einzuholen beschloß, welcher denn von den verschiedenen Erbansprechern, zu denen auch der Kurfürst von Sachsen gehörte, das beste Recht hätte. Sie waren noch in Erwartung der Antworten, als die Nachricht von der Ermordung Heinrichs IV. von Frankreich eintraf, wodurch die Kriegsgefahr sich erheblich verringerte. Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, der wegen seines Streites mit der Stadt Braunschweig sich schon vor mehreren Jahren persönlich mit dem Kaiser in Verbindung gesetzt und ihn ganz auf seine Seite gebracht hatte und der auch jetzt wieder in Prag anwesend und von dem ihm besonders vertrauten Kaiser zum Konvente zugezogen war, gab bei dieser Gelegenheit ein Gastmahl, dessen vornehmste Tafelzierde ein die Judith mit dem Haupte des Holofernes darstellendes Schaustück bildete. Es bestand aus Mandeln, Honig und Mehlteig und war dadurch merkwürdig, daß der Zuckerbäcker auf Anweisung des Herzogs von Braunschweig dem von der Judith am Schopfe gehaltenen Haupte die Züge Heinrichs IV. zu geben versucht hatte. Er sei selbst in der Werkstatt des Meisters gewesen und habe nicht ungeschickt mit zugegriffen, erzählte der Herzog seinen Gästen, die denn auch die Arbeit wohlgelungen und des Königs Nase und Bart wohlgetroffen fanden. Der rüstigen Mörderin, erklärte der Herzog, habe er nur das Gesicht eines beliebigen schönen, gesunden Weibsbildes geben lassen, denn er wisse nicht, wie der Mann beschaffen sei, der den König erstochen habe, auch sei das Ganze mehr als ein Symbolum aufzufassen. Wer er auch sei und ob man auch die Mordtat nicht billigen könne, sagte der Erzbischof von Köln, so sei sie, wenn nicht auf Anstiftung, doch unter Zulassung Gottes geschehen, der das fromme Kaiserhaus augenscheinlich beschütze. Der kecke und unruhige Geist des Königs hätte ein hübsches Kriegsfeuer am Rheine anzünden können, daran sie lange zu löschen gehabt hätten. Ja, sagte Kurfürst Christian von Sachsen, mit Frommsein und Zuwarten übe man meist die feinste Politik aus, indem Gott die Entscheidung in allen Dingen zustehe und er alles zum Besten der Frommen einrichte.

Um nun die Jülicher Frage vollends zum Ende zu bringen, erklärte sich der Kaiser einverstanden, den Kurfürsten von Sachsen mit dem erledigten Herzogtum zu belehnen, welche Handlung gleich während des Konventes feierlich vollzogen werden sollte. Hatte Rudolf es auch bereits seinem Neffen Leopold versprochen, so konnte doch inzwischen der sächsische Kurfürst damit zufriedengestellt werden, den als den mächtigsten evangelischen Fürsten von Zeit zu Zeit durch eine unvorgreifliche Vergünstigung zu verpflichten ein Hauptstück der kaiserlichen Regierungskunst im Reiche war. Mit Eifer nahm sich dieser Sache der Herzog von Wolfenbüttel an, indem er für die richtige Ausführung des Belehnungsaktes nach den Vorschriften der Goldenen Bulle, die er auswendig wußte, Sorge trug. Die Fürsten, welche seine Gelehrsamkeit bewunderten, fügten sich seinen Anordnungen und kamen in dem Gasthof, den er bewohnte, zusammen, um dem Kurfürsten von Sachsen seine Rolle einzustudieren. Christian nämlich war von großer, breiter, muskelstarker Gestalt, hatte sich als Jüngling bei Turnieren ausgezeichnet und pflegte sich von den Bildhauern als Herkules darstellen zu lassen; aber das übermäßige Trinken hatte ihn aufgeschwemmt und zu einer trägen, unförmigen Masse gemacht, so daß es nicht leicht war, ihn seinem alten Ruhme gemäß eindrucksvoll zu verwenden. Vornehmlich schwer wurde ihm das Niederknien vor dem Kaiser, das den wichtigsten Punkt der Darstellung bildete, da er in der engen und schweren Rüstung, die dazu gehörte, noch unbeweglicher als sonst war. Die Erzbischöfe musterten etwas besorgt das rotgedunsene Gesicht mit den schlaff hängenden Backen unter dem Kurhute, an dem der Schweiß hinunterzulaufen begann, während der Herzog ihn unnachsichtig den Kniefall wiederholen ließ, bis es ohne Anstoß gelungen wäre. Es habe nichts auf sich, sagte der Herzog, wenn der Kurfürst sich etwas langsam und unanstellig gebärde, nur dürfe er weder lachen noch greinen oder das Maul hängen lassen, ebensowenig taumeln oder stolpern oder schnaufen, was alles der fürstlichen Majestät Abbruch tue, vor allen Dingen aber beim Niederknien nicht wie ein voller Sack zu Boden plumpsen, sondern sich gelinde und gleichsam aus freien Stücken niederlassen und wieder aufstehen. Schließlich kamen die Fürsten überein, daß es besser wäre, dem Kurfürsten zwei Knappen beizugeben, die ihm beim Niederknien und Wiederaufstehen unter die Arme griffen, da man sonst doch sich eines Unfalls besorgen müsse.

Der Kurfürst, den das häufige Proben etwas verdrossen hatte, gewann bei dem sich daranschließenden Gelage seine gute Laune wieder, übernahm sich aber im Trinken so sehr, daß er am folgenden Morgen, als die Belehnung vorgenommen werden sollte, gänzlich unfähig und seiner nicht mächtig war und dadurch die Fürsten in nicht geringen Schrecken versetzte. Sie sollten ihm einen Humpen voll zu trinken geben, sagte Christian übellaunig zu ihnen, die ihn vorwurfsvoll umstanden, dann werde er alles ordentlich ausrichten, erst müßte er allemal den Schlaf, der ihm wie Blei in den Gliedern liege, mit einem Frühtrunk fortspülen. Dem widersetzte sich anfangs der Herzog von Braunschweig, da es erstens der Güldenen Bulle nicht gemäß sei und zweitens auch gefährlich, indem der Kurfürst sich wieder übernehmen und dadurch alles zum Scheitern bringen könne; allein auf Zureden der anderen, daß Christian in einer mäßigen Trunkenheit besser figurieren könne als nüchtern, ließ ihm der Herzog einen Krug Bier verabreichen, worauf er sich erholte und die Zeremonie unter großem Gepränge und Zulauf vorgenommen wurde und auch leidlich abging. Das Gesicht des Kaisers blickte fahl und traurig aus dem starrenden Ornat, mit dem er behangen war; er hatte sich in der letzten Zeit von den gemeinsamen Zusammenkünften zurückgezogen, da die Fürsten allmählich abreisen und vorher dasjenige Geschäft erledigen wollten, das ihm widerwärtig war, nämlich die Aussöhnung mit Matthias.

Auch dieser wollte anfangs nichts davon hören, aber der Herzog von Braunschweig, der unverdrossen nach Wien reiste, um ihn zu bearbeiten, brachte ihn dahin, daß er die Waffen niederzulegen versprach, wenn der Kaiser das Kriegsvolk entließe, das er im Bistum Passau geworben hatte und das gegen ihn bestimmt sei. Darauf wollte Rudolf jedoch nicht eingehen: das Passauer Kriegsvolk, sagte er, gehöre seinem Neffen Leopold und solle in der Jülicher Fehde verwendet werden; er habe nichts damit gegen Matthias im Sinne, aber er und seine übrigen Brüder und Neffen, mit Ausnahme Leopolds, wären ein vatermörderisches Geschlecht und wollten ihn wehrlos machen, um ihn desto besser ausplündern zu können. Die Fürsten waren über Rudolfs seltsame Geisteskonstellation etwas betreten, ließen aber nicht nach, auf ihn einzureden, bis er einwilligte, die Passauer zu entlassen und die Abbitte der schuldigen Verwandten entgegenzunehmen, nur Matthias wolle er nicht sehen. Es wurde also ausgemacht, daß anstatt seiner die Erzherzöge Maximilian und Ferdinand vor ihm erscheinen sollten; aber eine neue Schwierigkeit entstand dadurch, daß der Kaiser die Bedingung stellte, sie müßten die Abbitte kniend vortragen, wozu sich wohl Ferdinand, aber nicht Maximilian verstehen wollte. Als dem Kaiser endlich mitgeteilt werden konnte, daß sein Bruder in Hinsicht auf den Kniefall nachgegeben habe, fing er an zu weinen und sagte, er wolle nun und nimmermehr einen Habsburger auf den Knien sehen, sondern werde Maximilian aufheben, sobald er die Knie zu beugen begonnen haben werde. Dies führte er auch aus, reichte beiden Erzherzögen die Hand und sprach sie freundlich an, indem er sich nach Ferdinands Frau und Kindern erkundigte.

Nachdem diese Angelegenheit erledigt war, besprach sich der Kaiser mit den Fürsten noch über die Nachfolge im Reich, die er keineswegs Matthias, sondern seinem Neffen Leopold zuwenden wollte. Die Kurfürsten widersprachen ihm nicht, sondern erklärten sich bereit, Leopold die Stimme zu geben; Trier und Köln wollten Matthias wegen seiner Anzettelungen mit den Protestanten nicht wohl und waren es deswegen zufrieden, ihn zu übergehen. Um die Stimmen der protestantischen Kurfürsten zu gewinnen, knüpfte Rudolf eingehende Verhandlungen mit Pfalz an, wobei er sich auf den Majestätsbrief berief und auch im Reiche den Forderungen der Evangelischen Rechnung zu tragen verhieß. Indessen wurde diese Übereinkunft durch den Tod des Pfalzgrafen, der im September desselben Jahres 1610 erfolgte, abgerissen.

Nachdem die Festung Jülich von den Unierten erobert war, kehrte Leopold ruhmlos nach Prag zurück, doppelt auf große Unternehmungen erpicht, durch die er seine Niederlage wettmachen wollte. Er flößte seinem Oheim Mut ein, mit den in Passau geworbenen Truppen Matthias Ungarn und Österreich wieder abzunehmen, was denn auch in geheimer Übereinkunft beschlossen wurde. Als nun Matthias, der inzwischen sein Heer, dem gegebenen Versprechen gemäß, entlassen hatte, auf die Entlassung der Passauer drang und der Herzog von Braunschweig deswegen beim Kaiser vorstellig wurde, entschuldigte sich dieser, er habe kein Geld, den Passauern ihren Sold, nämlich 400 000 Gulden, auszuzahlen, ohne welchen sie nicht auseinandergehen wollten. Der Sold müsse aufgebracht werden, sagte der Herzog eifrig, er mache sich dazu anheischig, wenn es nicht anders sei. Die Sache wurde nämlich dadurch dringender und gefährlicher, daß die Passauer erklärten, das Bistum sei jetzt gänzlich erschöpft und ernähre sie nicht mehr, sie müßten wohl oder übel nach Böhmen ziehen und sich dort erholen. Die Angst vor diesem Heuschreckenschwarm bewog die böhmischen Stände, dem Herzoge, der sie darum anging, 300 000 Gulden zu versprechen, worauf er einige vermögende Prager Bürger überredete, das übrige dazuzusteuern. Froh über das Erreichte, erbot sich der Herzog selbst, nach Passau zu eilen und die Entlohnung des Heeres zu betreiben, das mit dem Einfall in Böhmen drohte; das Geld versprach der Kaiser, sowie es flüssig gemacht wäre, nebst einer Vollmacht dem Herzog durch einen Zahlmeister nachzuschicken.

Es war ein kalter Nachmittag im Dezember, als der Wagen des Herzogs, sich der Bischofsstadt nähernd, plötzlich angehalten wurde. Als der Herzog, um zu sehen, was es gäbe, sich aus dem Kutschenfenster beugte, erblickte er einen Haufen zerlumpter Männer, die Almosen heischten, und er erkannte nun wohl, daß er mitten in das Lager der Passauer geraten war. Viele von den Leuten glichen mehr Bettlern als Soldaten, hatten Weiberröcke und Tücher umgebunden, um sich vor der Kälte zu schützen, und die bloßen Füße, auf denen sie mühsam forthinkten, in alte Flicken gewickelt. Verdutzt und erschreckt über diesen erbärmlichen Anblick, verteilte der Herzog, was er an Münze bei sich hatte, und fragte, ob kein Leutnant oder Hauptmann da sei; denn diesem dachte er zu eröffnen, wer er sei, und ihn mit der baldigen Ankunft des Soldes zu vertrösten. Der Leutnant liege besoffen in seinem Zelte, wurde ihm mitgeteilt, er habe mit drei oder vier Soldaten einen Auszug in die nächsten Dörfer unternommen und ein Fäßlein Wein heimgebracht, jetzt müsse er den Rausch ausschlafen.

Hie und da brannte ein Holzfeuer, von dem feiner, bläulicher Rauch steil in die graue Schneeluft hinaufkletterte. Über einen großen, von Weiden und Erlen umstandenen Sumpf hatte sich eine Frosthaut gezogen, unter der es leise gluckste und polterte. Nachdem er sich aufmerksam umgesehen hatte, gab der Herzog dem Kutscher ein Zeichen, schnell weiterzufahren und sich durchaus nicht von den Heischenden oder Drohenden aufhalten zu lassen. In der bischöflichen Residenz fand er den Erzherzog Leopold mit den anderen hohen Offizieren, nämlich den Grafen Sulz und Althan, den Herren Trauttmansdorff und Ramée, die ihn höflich aufnahmen und bewirteten. Er hätte nicht gedacht, sagte der Herzog, daß es so böse im Lager aussehe; er könne den elenden Anblick nicht aus den Gedanken schlagen und sei froh, daß er das nahe Ende dieses kläglichen Zustandes ankündigen könne. Der Zahlmeister des Kaisers kam jedoch weder am nächsten noch an den folgenden Tagen, worauf der Erzherzog mit Sulz, Althan und Trauttmansdorff nach Prag abreiste, um, wie er sagte, sich nach dem Verbleib des Geldes zu erkundigen. Also blieb Heinrich Julius mit Ramée allein zurück, der ein wortkarger Gesellschafter und dem Herzoge schon durch sein Äußeres unheimlich war. Es ging nämlich durch sein eines Auge eine Narbe und verursachte, daß es von unten her aus einem Hinterhalt zu lauern schien, unabhängig von der Blickrichtung des anderen; infolgedessen war es unmöglich, aus seiner Miene etwas abzulesen, abgesehen davon, daß er auch absichtlich seine Gedanken verbergen zu wollen schien. Um sich das Zusammensein mit ihm zu verkürzen, schlug der Herzog ein Kartenspiel vor, worauf Ramée auch einging und wobei er fortwährend gewann. Er spielte schweigsam, rasch und sicher, strich schweigend das Geld ein und verteilte die Karten unaufhaltsam, wobei er den Herzog mit seinem heilen Auge unverwandt ansah. Obwohl diesen der andauernde Verlust wurmte, hielt er doch an sich und sagte nur einmal wie im Scherze, Ramée verstehe wohl die Kunst, die Karten mit den Fingern zu sehen. Nein, sagte Ramée, während ein diabolisches Lächeln um seinen Mund lauerte, er habe nur die Gewohnheit, vor dem Spiel dreimal auf die Karten zu klopfen und dabei für sich zu sprechen: ›Im Namen der heiligen Jungfrau‹; das helfe zum Gewinnen, der Herzog könne es auch versuchen. Der Herzog spielte und verlor daraufhin weiter, ohne etwas zu sagen, und sehnte den Tag herbei, wo der Zahlmeister aus Prag einträfe.

Endlich sagte Ramée, er müsse die Truppen nun in ein anderes Quartier führen, wenn sie nicht alle Hungers sterben sollten. Der Herzog habe ja nicht einmal eine Vollmacht, man könne nicht wissen, ob er wirklich einen Auftrag vom Kaiser empfangen habe. Wie er es wagen könne, seine fürstliche Ehre anzutasten, schrie der Herzog zornig; wer er sei, sich solcher Sprache gegen einen Reichsfürsten zu unterstehen! Der Herzog solle sich nicht aufregen, sagte Ramée, wenn das Geld komme, sei er bereit, ihn um Verzeihung zu bitten. Unterdessen möge er die Truppen beschwichtigen, die sich zusammengerottet hätten und ihren Sold verlangten. Dazu erklärte sich der Herzog bereit, rüstete sich, stieg zu Pferde und ließ sich von Ramée auf einen Platz führen, wo die Meuterer in einem Haufen zusammenstanden. Bei seinem Anblick erhob sich ein lautes Murren, Pfeifen und Aneinanderschlagen der Waffen, auch an drohenden Gebärden und Zurufen fehlte es nicht. Wütend sprang der Herzog vom Pferde, riß einem eine Trommel aus der Hand, schlug mit dem Griff seines Schwertes darauf und verschaffte sich endlich Gehör, worauf er sagte, die Truppen hätten zwar ein Recht auf ihren Sold, aber ihn auf diese meuterische Art zu verlangen, stehe rechtschaffenen Soldaten nicht zu. In zwei Tagen werde das Geld eintreffen, er stehe mit seinem fürstlichen Wort dafür, so lange sollten sie sich gedulden.

Nach Verlauf dieser Zeit suchte Ramée den Herzog auf und sagte mit seinem teuflischen Lächeln, wenn der Herzog nach Prag zurück wolle, biete er ihm ein Geleit von zuverlässigen Leuten an, die ihn auf verborgenen Wegen aus Passau führen sollten, damit er das Lager vermeide. Er für seinen Teil glaube wohl, daß der Herzog es ehrlich gemeint habe, die wilde Soldateska könne sich aber leicht einbilden, er habe ihnen eine Falle aufgestellt, und ihren Zorn an seiner Person auslassen, zumal er kein Katholik sei.

Trotz seines Mißtrauens und heimlichen Ärgers entschloß sich der Herzog, das Anerbieten des Ramée anzunehmen, und machte sich bei einbrechender Dämmerung nach Prag auf. Die Pistole im Gürtel, folgte er zu Pferd zwei Bewaffneten, die ihn über Hügel und durch Wälder an einem vereisten, krachenden Fluß entlang verwachsene Pfade führten, nicht wenig froh, als er an der Grenze des Bistums wohlbehalten auf der gemeinen Heerstraße anlangte. In Prag warteten seiner neue Enttäuschungen und Widerwärtigkeiten, indem der Kaiser sich nicht sehen ließ und die böhmischen Stände ihn, den Herzog, mit Vorwürfen anfielen und ihr Geld von ihm zurückforderten, das sie auf sein Wort hergegeben hätten, das aber nicht auf den ihnen vorschwebenden Zweck verwandt sei.

*

Johannes Kepler bewohnte auf der Kleinen Seite, nicht weit vom Schlosse, ein Haus, in dessen dunklen Räumen seine Frau sich heimisch zu fühlen niemals gelernt hatte: ihr fehlte die frische, heitere Luft der Steiermark, aus der sie stammte, der harmlose Frohsinn ihrer Landsleute, die Familie und das sorglose Wirtschaften, an das sie in ihrem Elternhause gewöhnt gewesen war. Da ihr Mann das Gehalt, auf das er Anspruch hatte, fast niemals erhielt, fehlte es immer an Geld, und es kam vor, daß sie die Wäsche und die Gewänder, die sie für sich und die Kinder brauchte, nicht anschaffen konnte. In den ersten Jahren hatte sie ihren Mann gedrängt, beim Kaiser auf der richtigen Auszahlung des Gehaltes zu bestehen, obwohl sie sah, daß ihm das schwer wurde, und merkte, daß es nicht nützte; später jedoch tat sie es nicht mehr, hörte überhaupt auf, irgend etwas ändern zu wollen, sondern wurde untätig und starrte oft stundenlang in schwermütigen Gedanken vor sich nieder. Ihr einst liebliches Gesicht fing an abgezehrt und ältlich auszusehen, und ihre schönen Augen hatten oft einen verstörten Ausdruck und wichen dem Blick anderer scheu aus. Gegen die Mitte des Februar erkrankte ein Kind, ein zierliches braunes Mädchen mit geheimnisvollen Augen und wunderlichen, phantastischen Einfällen, das Kepler besonders liebte. Es war Nachmittag und dämmerte schon im Wohnzimmer, als die Frau, die im Schatten saß, plötzlich aufschrie, weil es stark an die Haustür geklopft habe; die Gerüchte von dem Herannahen der Passauer Truppen machten sie reizbar und ängstlich. Kepler, der das kranke Kind im Arme hatte, trat an das Fenster und blickte auf die Gasse; drunten sei alles still, sagte er beruhigend zu seiner Frau, sie müsse sich getäuscht haben. Indessen war es der Leibarzt des Kaisers, Doktor Altmanstetter, der als ein Freund des Hauses sich nach dem Befinden der Kranken umsehen wollte und gleich darauf in das Wohnzimmer trat. Wie es auf der Burg stehe? fragte Kepler; ob sich der Kaiser bequemt habe, die Passauer aufzuhalten?

Es sehe böse oben aus, sagte Altmanstetter. Der Kaiser habe zuletzt wohl oder übel nachgeben und Befehl ausgehen lassen müssen, daß die Passauer aus Böhmen gingen; aber sie rückten gleichwohl an, da sie den Befehl für erzwungen hielten und des Kaisers eigentliche Meinung besser kennten. Selbst der Lobkowitz habe den Kaiser gewarnt, nur der Martinitz und der Slawata hätten ihm beigestanden und bliesen in das Kriegshorn; der spanische Gesandte solle so entrüstet über den Bischof von Passau, nämlich den Erzherzog Leopold, sein, daß er gesagt habe, da er nicht ruhig sitzen könne, solle man ihn laufen oder hängen lassen.

Die Frau jammerte, was aus ihnen werden solle, wenn das Kriegsvolk in Prag einfiele? Die Evangelischen würde es gewiß nicht am Leben lassen. Altmanstetter tröstete sie, es gelte den Ständen, sie sollten gezwungen werden, den Majestätsbrief wieder herauszugeben, und mit den Häuptern, als Thurn, Budowa und Kinsky, hätte man auch vielleicht etwas Blutiges vor. Kepler aber gehöre dem kaiserlichen Hofstaat an und habe nichts zu besorgen. Sie sollten nur für die Nacht das Haus gut verschließen. Das fiebernde Kind, das still zugehört hatte, hob jetzt den Kopf und sagte, es fürchte sich nicht vor den Soldaten, denn wenn sie sie umbrächten, kämen sie in den Himmel, mit Ausnahme des Doktors, der könne nicht mit hinein. Dieser lachte, setzte sich zu dem Kinde, das ihn schalkhaft anlächelte, und wollte wissen, warum er nicht in den Himmel kommen könne. Es stehe geschrieben, sagte es endlich, die Pforte zum Himmel sei eng, da werde der Doktor wohl nicht hindurchkommen. Hierüber lachte er laut und herzlich, daß sein umfangreicher Leib schütterte, und noch während er die Treppe hinunterging, hörte man sein Gelächter. Kepler herzte sein Kind und trug es in sein Bett zu den Geschwistern, worauf er wieder zu seiner Frau zurückkehrte. Er wollte noch in die Dachkammer gehen, um die Sterne zu beobachten, sagte er, weil die Nacht so klar sei; sie solle unterdessen die Magd hereinrufen, damit ihr die Weile nicht lang werde. Ob er denn durchaus hinaufgehen müsse? sagte sie schüchtern. Er möge ihr nur zuvor sagen, ob die Stelle aus der Offenbarung auf die Passauer zu deuten sei: ›Und die Zahl des reisigen Zeuges war vieltausendmal tausend; und ich hörete ihre Zahl. Und also sah ich die Rosse im Gesicht, und die darauf saßen, daß sie hatten feurige und gelbe und schwefelichte Panzer, und die Häupter der Rosse wie die Häupter der Löwen, und aus ihrem Munde ging Feuer und Rauch und Schwefel.‹

Nicht doch, sagte Kepler ungeduldig, das beziehe sich auf längstvergangene Zeiten; aber Rosse mit Löwenköpfen hätte es nach seiner Meinung selbst damals nicht gegeben, das werde wohl ein Symbol oder ein Geflunker sein. Sie solle sich doch mit dem vielen Bibellesen die Gedanken nicht schwer machen.

»Was sollte ich wohl sonst tun?« sagte sie traurig, indem sie ihn aus ihren dunklen Augen ansah. Ein peinliches Gefühl zog sein Herz zusammen; sie solle jetzt ein wenig mit der Magd plaudern, sagte er, er komme bald wieder und bleibe dann bei ihr. Damit ging er schnell aus der Tür und stieg die schmale Treppe zu dem Dachstübchen hinauf, wo er zu arbeiten pflegte und wo ein Schemel an dem niedrigen Fenster stand. Da das Haus hoch lag, konnte er die Alte und die Neue Stadt jenseit der Moldau überblicken: wie eine geängstete, in die Hürde zusammengedrängte Herde schienen die Häuser sich eins am anderen verbergen zu wollen. Dicht über dem Horizonte, der Erde zugehörig, hing der abnehmende Mond, eine trübe Laterne am Stabe eines armen Hirten; aber hoch oben begannen die Sterne aus schwarzen Schluchten an ihre Stelle zu treten. Wie Kepler den Blick hinaufrichtete und die vertrauten Erscheinungen aufsuchte, fielen die Sorgen, die ihn noch eben bedrückt hatten, von ihm ab; er ging denselben Weg und trank dieselbe Luft wie die Dämonen des Himmels, vernahm nichts mehr als die labyrinthische Fuge ihrer diamantenen Bahn. Ja, von allen Sterblichen war er es, der ihre unberührbaren Spuren gefunden, ihre geheimnisvollen Verschlingungen entwirrt hatte. Wie hätte er das vermocht, wenn nicht von dem schaffenden Geist eine Feuerflocke seine Seele entzündet hätte, daß sie, götterhaft beflügelt, sich über die Erde aufschwingen konnte! Er hatte den Todessprung in den Raum gewagt, und anstatt daß er an der Feste zerschmetterte, rissen geschmiedete Ketten und öffneten sich verschlossene Pforten, durch die die Unendlichkeit wie Frühling hereinquoll und ihn trug. Ihn, das dürftige Tier der Erde, hatte die Welt als ihren Bürger empfangen, da er sie durchdacht und entdeckt hatte. Er stand auf, öffnete das Fenster, durch das die kalte Winterluft eindrang, und beugte sich hinaus; eine mächtige Trunkenheit schien ihn in den mit Göttlichkeit erfüllten Abgrund hinabzuschleudern, dem er sich gleich fühlte, er, auch bodenlos und von göttlichen Gedanken überfließend. Wie er sich um Welten schwang, durchströmten ihn Welten; an dem winzigen Fenster eines zerbrechlichen Hauses stand er und lenkte sie an dem unentrinnbaren Bande seines Geistes.

Aus diesem Taumel schreckte ihn plötzlich verworrener Lärm, der, wie er glaubte, aus der Richtung des Südtores herkam. Er horchte einen Augenblick hinaus, schloß das Fenster und lief die Treppe so hastig hinunter, daß er stolperte. Als er in das Wohnzimmer trat, warf sich seine Frau an seinen Hals; die Magd lief betend und jammernd hierhin und dorthin. »Siehst du,« sagte die Frau, »es kommt doch so, wie es von den Reisigen geschrieben steht: ›und von diesen ward ertötet das dritte Teil der Menschen‹.« Kepler sagte beruhigend, so groß sei die Gefahr nicht, die Stände hätten auch Truppen und würden die Stadt wohl verteidigen. Sie könnten auch auf die Burg flüchten, dort wären sie ganz sicher, der Kaiser würde ihnen ein Obdach nicht versagen. Vom Kaiser, rief sie entsetzt, gehe ja das Morden aus, er werde sie so wenig sparen, wie Karl IX. seinen Admiral Coligny geschont hätte. Lieber wolle sie ihre Kinder von den Soldaten aufgespießt sehen, als sie dem alten Satan auf der Burg ausliefern. Indem sie so sprach, öffnete sich leise die Tür, und das kleine Mädchen trippelte auf bloßen Füßen im langen Nachtkittel herein und sagte mit heller Stimme, die Eltern sollten dableiben, damit sie miteinander in den Himmel gingen. »Ist Herr Altmanstetter nicht da?« fragte es, indem es neugierig um sich blickte; »ich möchte ihn gern zur Hölle fahren sehen.« Kepler raffte das kleine Mädchen an sich und wickelte es in ein Tuch; um die anderen Kinder nicht zu wecken und dadurch die Unruhe zu vermehren, trug er es nicht in die Schlafkammer zurück.

Indessen war der Lärm nähergekommen, man hörte Geschrei und das Krachen von Schüssen. Während die Magd betete, flüsterte Keplers Frau, angstvoll in einen Winkel stierend: »Ich höre das Blut durch die Gasse rinnen, ich höre es von den Dächern tropfen, ich höre es über die Stiege hinunterfließen«, und wieder von vorne und weiter. Plötzlich erdröhnten Fußtritte dicht unter den Fenstern, und gleich darauf krachte eine Tür, wie wenn mit Keulen dagegen geschlagen würde. Es sei im Nachbarhause, sagte Kepler, der, das Kind auf dem Arme, am Fenster stand, hatte aber noch nicht ausgesprochen, als gellendes Geschrei ertönte, ausgestoßen von auf der Straße oder im Nebenhause Überfallenen. Im gleichen Augenblick schrie auch die Magd auf, die bis dahin laut gebetet hatte, und wie Kepler sich umdrehte, sah er seine Frau mit den Armen in die Luft greifen und dann in einem Krampfe bewußtlos zu Boden stürzen.

Während Kepler sich um Frau und Kind bemühte, wälzte sich die Schar der Söldner weiter, angeführt vom Erzherzog Leopold und bekämpft von den ständischen Truppen, deren jedoch zu wenige waren, um sie zurückzuwerfen. Einer kleinen Abteilung gelang es, über die Moldaubrücke in die Altstadt zu dringen, dort aber wurden sie bis auf wenige getötet; denn die Bürgerschaft hatte Zeit gehabt, sich zu bewaffnen, und wehrte sich ingrimmig. Nachdem die Eindringlinge überwältigt waren, warf sich die entfesselte Kampflust auf die in der Stadt befindlichen Gegner, Klöster von Jesuiten und Kapuzinern, die, von niemandem verteidigt, greuelvoll ausgemordet wurden. In der Kleinseite quartierten sich die Passauer ein und wirtschafteten gewalttätig; aus Angst vor Marter und Mord verließen viele Bewohner ihre Häuser und irrten auf der Straße umher, bis die Sorge um ihre Habseligkeiten sie wieder zurücktrieb.

Einen wichtigen Fang hatten die Söldner mit den Personen der Grafen Thurn, Wenzel, Kinsky und Fels von Colonna getan, die, zum Teil verwundet, vom Erzherzoge gefangengehalten wurden. Ramée redete ihm zu, sie ohne weiteres zu töten, er selbst erbiete sich zur Exekution; Graf Sulz hingegen beschwor den Unschlüssigen, sich nicht durch Mord zu beflecken. Solange sie lebten, stifteten sie Schaden, sagte Ramée, man brauche nicht soviel Aufheben von ein paar ketzerischen Schuften zu machen. – Der Kaiser könne sie vor ein Gericht stellen, sagte Sulz, vielleicht könne man sich auch mit ihnen vertragen, indem man ihnen Geld oder hohe Ämter anbiete. »Es ist genug,« sagte er zu Leopold, »daß das Volk Euch mitten unter Banditen gesehen hat, die rauben und morden, als ob dies ihr Geschäft sei. Ihr habt die Kirche in Eurer Person bloßgestellt. Hätte ich gewußt, daß es dahin kommen könnte!«

Das hätte er freilich wissen können, sagte Ramée höhnisch. Ob er gedacht hätte, sie sollten bescheiden wie Bettler anklopfen und demütig um den Sieg flehen als um ein Almosen? Wo Sulz bisher Krieg geführt hätte, und ob die Söldner da einen Bettelsack trügen anstatt Schwerter und Lanzen?

Inzwischen war der Kaiser gehobener Stimmung und ließ niemanden von denen vor, die ihn anflehen wollten, durch einen entschiedenen Befehl den Greueln und Leiden Unschuldiger Einhalt zu tun. Anstatt dessen unterhielt er sich mit dem Maler Bloemart, der aus Rom zurückgekehrt war und ihm ein Bild des deutschen Malers Adam Elsheimer beschrieb, das er gesehen hatte und das die Zerstörung Trojas darstellte. Keiner habe zuvor vermocht, erzählte er, auf ein Bild zu malen, was ohne Umriß mit dem Raum selbst zusammenflösse: stürmische Finsternis, glühende Nacht. Auf dieser Tafel habe der wunderbare, in gedankenvolle Schwermut versunkene Mann gleichsam sich selbst zur Erscheinung gebracht: seinen erlöschenden Geist bewundere man in der Flammenpracht der zusammenstürzenden Burg und dem Untergang des herrlichen Volkes. Begierig hörte der Kaiser zu und wünschte das Bild zu besitzen, es koste, was es wolle; wenn Elsheimer nach Prag kommen und in seinen Dienst treten möchte, so solle es ihm an nichts fehlen, kürzlich sei der alte Spranger gestorben, er könne dessen Witwe heiraten und sich gleich in ein gepolstertes Nest setzen.

Am zweiten Abend nach dem Einfall der Passauer gelang es doch Hannewald und dem Grafen Sulz, zum Kaiser vorzudringen, der mit Rhutsky beim Brettspiel saß und die Herren zum Mitspielen einlud. Ach Gott, sagte Graf Sulz, hätte der Kaiser den Jammer gesehen, der unten in der Stadt herrsche, möchte es ihm das Spiel verleiden. Er wäre eben auf dem Wege zur Burg einer Frau begegnet, die hätte den blutüberströmten Leichnam eines kleinen Kindes auf dem Arm getragen und singend hin und her gewiegt; unter den Fenstern der Burg ständen Verzweifelte und heulten zum Kaiser hinauf um Hilfe; ob er es nicht höre? Es sei, als hätte die Hölle einen Spalt aufgetan und ihre Greuel herausgelassen.

Die Leute hätten es nicht anders haben wollen, sagte der Kaiser gleichgültig, die Stadt hätte es mit den Rebellen gehalten, nun dürfe man die Soldaten in ihrem Geschäft nicht stören. Sie sollten sich keine Mühe geben, ihn zu erweichen, er wolle fest bleiben.

Was denn aber werden solle? fragte Sulz, die Hände ringend. Es sei dem Erzherzoge nicht gelungen, die Altstadt zu erobern, auch auf der Kleinen Seite fasse sich die Bürgerschaft jetzt zum Widerstand zusammen. Matthias sei im Anrücken, die Stadt werde sich mit ihm verbünden, dann sei der Kaiser verloren. Ramée denke nur an Raub und wie er seine Beute vor der Ankunft des Matthias in Sicherheit bringen könne. Hätte man sich doch nie mit dem Wüterich eingelassen! Jetzt kam aber auch Leopold und flehte den Kaiser an, sich nicht abwendig machen zu lassen. Würde der Kaiser nur fest zu ihm halten, so sei noch nichts verloren. Er hätte Verbindungen in der Altstadt und könne Feuer anlegen lassen, wenn der Kaiser ihn dazu ermächtige; es sei besser, daß Prag in Flammen aufgehe, als daß es dem Feind in die Hände falle und der Kaiser zugleich. Während die übrigen Leopold wegen eines solchen Vorschlags tadelten, trat der Kaiser an das Fenster und stellte sich vor, wie wohl es ihm täte, wenn er die treulose Stadt in Feuersnot zu seinen Füßen sich winden, den Rauch über die Vernichtung sich hinwälzen sähe. Er ärgerte sich über seinen Neffen, der auf seinen Befehl zu der Brandstiftung wartete; auch er hatte nicht Mut zu handeln, sondern wollte die Verantwortung für die Tat auf ihn wälzen, solcher Diener bedurfte er nicht, sondern kluger und entschlossener, die seinen Willen erkannten und ausführten, bevor er noch selbst es wußte. Dazwischen kam die Furcht vor Matthias, der mit jedem Augenblick an der Spitze eines Heeres näherkam. War es nicht besser, wie Hannewald riet, Leopold und seine Genossen zu verleugnen und Frieden mit den Ständen und der Stadt zu machen, so daß Matthias vor verschlossene Türen käme und wieder abziehen müßte?

Noch bevor er sich für irgend etwas entschieden hatte, war Ramée, in der Einsicht, daß er sich zwischen zwei Feinden nicht würde halten können, mit den Söldnern abgezogen. Mehrere mit Säcken voll geraubter Schätze beladene Wagen hatte er unter Bedeckung vorangeschickt. Über die Kranken und Verwundeten, die zu schwach waren, um mitzugehen, fielen die erbitterten Bürger her, bei denen sie im Quartier lagen, und schlugen, würgten oder marterten sie zu Tode.

Bald nach dem Abzuge der Passauer erschien Matthias vor Prag, von der Bevölkerung, die sich von Rudolf verraten fühlte, freudig als Retter begrüßt. Rudolf blieb nichts übrig, als auf die böhmische Krone zu verzichten; denn alle huldigten dem neuen Herrn und schienen sich kaum seiner Anwesenheit zu erinnern. Er zog sich in dasjenige seiner Gemächer zurück, wohin am wenigsten Geräusch von außen drang, und versuchte sich anzustellen, als gingen die Ereignisse in der Stadt ihn nichts an. Doch erfuhr er, daß zwei Deutsche, die in seinem Auftrage Zauberei gegen Matthias getrieben haben sollten, gefangen und gefoltert wurden, und mußte dies und anderes ohnmächtig geschehen lassen. Was ihn tröstete, war, sich auszudenken, durch was für Machinationen er Matthias den Triumph wieder entreißen könne, und dazu konnten ihm jetzt nur noch die Protestanten im Reiche verhelfen. Daß Anhalt ihm nicht mehr traute, fühlte er und hätte auch den Verwegenen nicht mehr sehen mögen; aber es fehlte nicht an anderen Fürsten und Unterhändlern, die jeden Augenblick bereit waren, mit dem Kaiser anzuknüpfen.

Von Leopold war nichts mehr zu erwarten, denn er war nach dem kläglichen Mißerfolg seines Unternehmens so niedergedrückt und beschämt, wurde von jedermann mit so sichtbarer Kälte und Verachtung behandelt, daß er einstweilen nur darauf bedacht war, sich zurückzuziehen und den Menschen auszuweichen. Auch seinen Hoffnungen auf die Heirat mit der bayrischen Prinzessin mußte er entsagen und sich mit dem so leichtfertig abgeworfenen Bischofskleide wieder begnügen.

Magdalena hatte lange an ihrer Liebe zu Leopold festgehalten, bis es dem weitberühmten Pater Lorenz von Brindisi, den der alte Herzog eigens dazu kommen ließ, gelang, sie zum Verzicht zu bewegen, indem er ihr Leopolds Priesterstand, ihre Pflicht gegen Gott, Vater und Bruder und die Strafen im Jenseits vorstellte, die ertrotzten irdischen Freuden folgen könnten. Es war um so bitterer für sie, als Matthias sich inzwischen mit seiner Nichte Anna, der Tochter seines Bruders Ferdinand von Tirol, verheiratet hatte, und daß noch ein anderer Bewerber sieb einstellen könnte, wie ihr Vater tröstete, wollte sie nicht glauben. Eines Tages begab es sich jedoch, daß Maximilian einen Verwandten als Gast zur Tafel lud, nämlich den jungen Herzog Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, auf welchen er Magdalena bedeutungsvoll als auf einen zukunftsreichen Fürsten aufmerksam machte, der sich in Hinsicht auf den Glauben möglicherweise eines Besseren belehren lassen würde, besonders wenn sie, als eine verständige und vorsichtige Person, sich dies Gott wohlgefällige Werk angelegen sein ließe. Ihrem Vater verhehlte Magdalena nicht, daß sie den Vetter schön und liebenswürdig finde; aber außer einigen Scherzworten, die sie erröten machten, und etwa einem besonders nachdrücklichen Händedruck waren ihm keine Annäherungsversuche nachzuweisen. Immerhin betrachtete es Maximilian als einen Erfolg, daß Wolfgang Wilhelm sich von ihm hatte bereden lassen, einer Messe beizuwohnen, und die Zeremonie mit augenscheinlichem Respekt beobachtet hatte.

*

Um die noch nicht geregelte Frage der Nachfolge im Reiche zu ordnen, beraumten die Kurfürsten auf Michaelis 1611 eine Versammlung in Nürnberg an, auf welche die Stadt sich den Sommer über in fröhlicher und sorglicher Geschäftigkeit vorbereitete. Es erforderte reifliches Bedenken, wo und wie ein jeder nach seiner Würde solle einquartiert werden, und wenn dies auch zum Teil dem Erbmarschall Pappenheim, als dem Quartiermacher, oblag, so ging der Verkehr mit diesem wegen der vielfach sich kreuzenden Befugnisse nicht ohne Vorsicht und Spitzfindigkeit vonstatten. So waren einige Männer auf den Einfall gekommen, während des Kurfürstentages einen Glückstopf zu eröffnen, und hatten sich wegen der Erlaubnis an Pappenheim gewendet, dieselbe auch erhalten. Als sie dann den Rat in zweiter Stelle angingen, erteilte ihnen dieser einen gänzlichen Abschlag und steckte sie zum Beispiel und zur Lehre, obwohl sie zu den ehrbaren Bürgern gehörten, für mehrere Tage ins Loch; denn bei den überall ausschlüpfenden Prätentionen der Fürsten und des Adels galt es von vornherein, den Untertanen die Hoheit zu weisen.

In der sich täglich mehr mit Fremden füllenden Stadt mußte streng auf Ordnung gehalten werden. Da kamen Pastetenbäcker aus Lothringen, Spitzenverkäufer aus Lyon und Perlenhändler aus Marseille, und wenn das neugierige Volk daran Ergötzen hatte, so ereiferte sich das einheimische Gewerbe, dem dadurch Schaden drohte. Die jeweiligen Beschwerden wollten gründlich untersucht werden, wie denn die Klage der Uhrmacher, daß sie auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1582 nicht zugelassen worden wären, richtig befunden und die Augsburger Uhrmacher daraufhin füglich abgewiesen werden konnten. Mißhelligkeiten waren vor allen Dingen infolge des Zusammenströmens verschiedener Bekenntnisse in der Stadt zu befürchten, und es wurde deshalb der Geistlichkeit mehrfach und nachdrücklich eingeschärft, sich während dieser Zeit des überflüssigen Kritisierens und Phantasierens zu enthalten, vielmehr bescheidentlich bei der Auslegung des Textes zu bleiben.

Lustige Tage waren es, als unter heiterem Spätsommerhimmel die hohen Personen nacheinander mit ihrem Gefolge einrückten. Den meisten Beifall fand beim Volke Kurfürst Schweikhard von Mainz, des Reiches Erzkanzler, der, aufrecht und fröhlich im Wagen sitzend, nach allen Seiten grüßte und segnete, während der Kurfürst Ernst von Köln, abgemagert und trübsinnig, sich der Festfreude nur wie einer Mühseligkeit zu unterziehen schien. Am prächtigsten hergerichtet war der von Trier aus dem rheinischen Geschlechte der Metternich, ein schöner, blühender Mann mit krausem braunem Haar, schwungvoller Nase und hellglänzenden Augen, der sich wie ein Kavalier hielt und den Zuruf der Menge mit erhabenem und herablassendem Kopfneigen erwiderte. Von den weltlichen Kurfürsten fehlte der noch unmündige Pfälzer, an dessen Stelle die strittigen Vormünder, Herzog Johann von Pfalz-Zweibrücken und Herzog von Pfalz-Neuburg, ferner Großhofmeister Graf Solms und der Doktor Camerarius erschienen. Für den Kurfürsten Christian von Sachsen, dessen Händen kürzlich der volle Becher auf immer entfallen war, kam sein Bruder und Nachfolger, Johann Georg I., der froh war, bei diesem Anlaß seine Würde zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zeigen zu können.

Sein Aussehen war einnehmend, sein Betragen bieder und umgänglich und sein Verhalten gegen die geistlichen Kurfürsten, die dem mächtigsten unter den evangelischen Fürsten überaus wohlwollend entgegenkamen, bescheiden und friedliebend. Ein unbeliebter Gast war Khlesl, der Bischof von Wien, der als Vertreter des Königs und Kurfürsten von Böhmen in einem an Pracht alle übertreffenden Aufzuge in Nürnberg einfuhr. Es nahm die Stadt nicht wenig wunder, daß der Verfolger der Ketzer, wenn er sich überhaupt in Nürnberg zu zeigen wagte, nicht wenigstens in der Stille und kleinlaut aufzog, anstatt dreist daherprunkend alle Augen auf sich zu ziehen. Wenn er über die Straße ging, hager, knochig und gelb, einen fetten Mönch zur Seite, pflegten ihm die Buben johlend und pfeifend nachzulaufen, so daß der Rat es für nötig hielt, die Lehrer zu besserer Zucht ihrer Schüler anzuweisen. Da aber ein Lehrer den Buben in der Schule ansagte, wenn sie etwa in dieser Zeit einen Teufel sähen, der einen Esel zur Hölle triebe, welche Anspielung auf den Namen des Bischofs von groß und klein verstanden wurde, sollten sie ihre Verwunderung nicht laut äußern, denn es geschehe mit obrigkeitlicher Bewilligung, so wurde das Gespött und Gelächter eher ärger als zuvor. Da dem Rate wohlbekannt war, wie ungern Khlesl auch von den Fürsten gesehen war, schritt er nicht schärfer ein, sondern ließ es bei den fruchtlosen Klagen des Bischofs bewenden.

Nachdem der obschwebende Streit zwischen Zweibrücken und Neuburg vorläufig beigelegt war, nahmen die Verhandlungen in dem großen Saale des Rathauses ihren Anfang, der mit den Bildnissen der Kaiser und mit einigen hochberühmten Kunstwerken, nämlich Dürers Adam und Eva und einer lieblichen Madonna des Lukas Cranach, ausgeziert war. Der Rat trug Sorge, daß auf dem Tische stets eine Schale voll Konfekt und eine Kristallflasche voll Malvasier stand, damit sich die Ratschlagenden unter der Arbeit daran erquicken könnten.

Zwischenhinein gaben die Fürsten Bankette, bei denen der eine den andern durch immer köstlichere Leckerbissen zu übertrumpfen suchte, welcher Wettstreit keine Empfindlichkeit erregte, vielmehr den Witz und die Laune reizte. Den größten Erfolg erzielte der Kurfürst von Köln, der, seit er sich im Trinken mäßig verhalten mußte, desto lieber mit Konfekt umging, durch kunstvolles Zuckerwerk, das er aus Amsterdam bezogen hatte. Es erschien in Gestalt von Wurst, Schinken, Semmeln, Krautköpfen und anderen Eßwaren und ahmte dieselben in frischer, richtiger Färbung so gut nach, daß sich die Unbefangenen über seine Natur täuschten. Namentlich der Kurfürst von Sachsen konnte nicht aufhören, diese neckische Bäckerei zu bewundern, und schmeichelte dem Erzbischof immer wieder ab, ein neues Stück anzuschneiden, damit er sich überzeuge, ob es echt oder wirklich nur Konditorwerk sei. Es wurde nicht ohne verstohlene Späße bemerkt, daß der Erzbischof, welcher als geizig bekannt war, zwischen dem Vergnügen, seine Leckerbissen gewürdigt zu sehen, und dem Unmut, so viel davon zu verlieren, schwankte; auch wurde er gesehen, wie er einem abtragenden Diener, der von den Überbleibseln naschte, eine Maulschelle versetzte und ihm befahl, sie sorgsam zu verpacken und nach Köln in seine Residenz zu schicken.

Bei den Turnieren trug zur Freude der Nürnberger der Pfälzer Obentraut die meisten Siege davon, ein fröhlicher Mann mit kühnen, aufrichtigen Augen, der bei den Katholiken kaum minder beliebt war als bei seinen Glaubensgenossen. Als der Kurfürst von Mainz ihm einen prächtigen Türkisring als Schwertdank zu überreichen hatte, legte er dem vor ihm Knienden die Hand auf den Kopf und sagte: »Bist du, mein Sohn, auch nicht aus demselben Weihbecken in der Kirche getauft, so doch wie ich aus dem Rheine«, was mit Beifall aufgenommen und weitererzählt wurde.

Freilich hatte der Rat im stillen ein mühseliges Steuern und Ausbiegen, um allerlei Anstoß zu vermeiden. So ereignete es sich, daß trierische Knechte ein kleines achtjähriges Mädchen, das still für sich mit Murmeln auf der Straße spielte, in ein Wirtshaus lockten, um es für ihre schändliche Lust zu gebrauchen, und daß ein gutherziger Faßbindermeister, der dazukam und sie hindern wollte, schwer verwundet wurde. Der Rat hätte die Missetäter gern nach Verdienst bestraft gesehen, scheute sich aber doch, den feinen und großartigen Kurfürsten von Trier mit einer so häßlichen Sache zu behelligen, und überredete deshalb den Verwundeten und seine Frau, sich mit einem reichlichen Schmerzensgeld zufriedenzugeben.

Ferner hatte man dem Herzog von Zweibrücken gestattet, seinen Hofprediger Petiscus öffentlich predigen zu lassen, trotz gerechter Besorgnis, er möchte die kalvinische Religion einzuschmuggeln versuchen; aber man hätte den Unrat lieber mit Schweigen zugedeckt als die Aufmerksamkeit darauf hingelenkt, wie es nun der kursächsische Hofprediger Hanisch tat, indem er in seinen Predigten anzüglich darüber stichelte. Auch die eigene Geistlichkeit gab manches zu schaffen, besonders der Pastor Mannich, der sich leider des Samstags zu betrinken pflegte und infolgedessen am Sonntag auf der Kanzel, die er unvorbereitet und noch nicht ganz ernüchtert betrat, allerhand Seltsamkeiten vorbrachte, besonders dem Rat dies und jenes aufmutzte, was dem niederen Volke ein beliebter Ohrenschmaus war. So klagte er jetzt, daß einem ehrliehen nürnbergischen Untertan, der sich während des Kurfürstentages auf dem Seil hatte sehen lassen wollen, dies als eine unnütze und gottlose Gaukelei verboten sei, während hernach ein angeblicher Meister aus Frankreich, der doch nur ein gemeiner Bortenwirker aus Schwaben sei, die Erlaubnis erhalten habe, indem die Ausländer stets begünstigt und die Einheimischen an ihrem Brot verkürzt würden. Mit diesem Mannich war es schwer, etwas auszurichten; denn zuweilen predigte er so herrlich, daß es allen Zuhörern durch Mark und Bein ging und man meinte, der selige Luther selbst sei zum Troste der Gemeinde wieder auferstanden.

Gegen Ende November nahm der Kollegialtag sein Ende, nachdem die Kurfürsten den Beschluß gefaßt hatten, sich im Mai des nächsten Jahres zur Wahl eines römischen Königs von neuem zu versammeln. Noch vor diesem Zeitpunkt indessen klärte sich die Lage, indem Kaiser Rudolf an der Wassersucht erkrankte und aus dem Leben schied.

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Seit Matthias König von Böhmen geworden war, entwarf der Kaiser Pläne, um sich wieder in Besitz der verlorenen Macht zu setzen, wobei sein Vertrauter der Markgraf von Ansbach war, der sich in Prag aufhielt, um die Umstände für seine Glaubenspartei auszunützen. Rudolf zeichnete ihn sichtbar aus, führte ihn in seine Kunstkammer, zeigte ihm seine Bilder und Raritäten, schenkte und versprach ihm auch manches und gewährte ihm lange Unterredungen. Die Aufforderung des Markgrafen, er solle die Prager Burg, wo er wie ein Gefangener lebte, heimlich verlassen und ihm ins Reich folgen, wo er mit Jubel und Ehrfurcht empfangen werden würde, versprach er zu erwägen. Viel lieber aber malte er sich aus, daß er nach Tirol gehen wolle, und vertiefte sich in ein Buch, das der belgische Maler Roelant Savery in seinem Auftrage angefertigt hatte und das die Gebirge dieses von ihm über alles geliebten Landes darstellte. Wenn er es durchblätterte, träumte er von dem Glück, in dieser Einsamkeit zu leben und die wilden Umrisse, an denen die zackigen Wälder hinaufkrochen und die die Wolkengeister umtanzten, als ein verschollener Beschauer in sich aufzunehmen. Ein Reisewagen stand bereit, um ihn jeden Augenblick dahin oder dorthin führen zu können; aber jeden Plan durchkreuzte ein anderer, wie er denn auch damit umging, der Witwe Heinrichs IV., Maria von Medici, seine Hand anzutragen und durch diese vornehme Heirat seinen Bruder Matthias gründlich zu beschämen.

In einer stürmischen Winternacht stand der Kaiser vom Bett auf und verbarg sich jammernd in den dunklen Gängen der Burg; denn der Teufel, dem er sich verschrieben habe, sagte er, klopfe ans Fenster und wolle ihn holen. Wie er bald danach erkrankte und schwächer wurde, hörten diese ängstlichen Anfälle auf. Mit dem Beginn des Jahres 1612 bemerkte Rhutsky, dem die körperliche Pflege des Kaisers hauptsächlich oblag, allerlei Anzeichen, daß das Ende nicht mehr fern sein könne. Der arme Mann wußte wohl, daß er viele Feinde und Neider hatte, die nach dem Tode Rudolfs ihre Wut an ihm auszulassen versuchen würden, und machte Pläne, um mit dem Vermögen, das er zusammengebracht hatte, aus Böhmen zu entweichen; aber wenn er den alten, ins Grab sinkenden Mann ansah, wurde sein Herz weich, und er beschloß, noch einen und noch einen Tag auszuharren. Hatte der Kaiser auch in seinen schlimmen Tagen zuweilen gegen ihn getobt, auch mit Messern und Tellern nach ihm geworfen, so hatte er das doch hernach mit freundlichen Worten und Geschenken gutzumachen gesucht, ja sogar Tränen darüber vergossen. Besonders seit er das Bett hüten mußte, war er sanft und fügsam und sagte wohl, er habe sich als Knabe in Spanien nach Deutschland als nach seiner Heimat gesehnt; aber es sei die rechte Heimat nicht gewesen, und er sei froh, es zu verlassen.

An einem Morgen im Februar erwachte Rudolf mit der Frage, ob sein Löwe noch am Leben sei; es gab nämlich eine Prophezeiung, nach welcher er zugleich mit dem Löwen, den er im Zwinger hielt, sterben sollte, und die Nachricht, daß derselbe krank sei, hatte ihn deswegen beunruhigt. An Rhutskys Verlegenheit erkannte der Kaiser, daß der Löwe wirklich in der Nacht gestorben war; er wurde aber nicht dadurch niedergedrückt, sondern sagte, er wolle die Prophezeiung zuschanden machen, fühle sich wohl und wolle aufstehen. Auch solle sogleich ein Brief an die Witwe des Kurfürsten von der Pfalz, Juliane von Nassau-Oranien, aufgesetzt werden mit Heiratsvorschlägen, weil er sich der kalvinischen Partei, als der tatkräftigsten unter den Evangelischen, verbünden wolle. Diese Wendung seiner Politik setzte seine Umgebung wohl in Verwunderung, fand aber wenig Glauben; auch kam nichts davon zur Ausführung, da der Kaiser noch am selben Vormittage verstarb, noch nicht sechzig Jahre alt, nachdem er sechsunddreißig Jahre lang regiert hatte.

Sogleich nach seinem Tode wurde die Burg besetzt und die Mehrzahl der kaiserlichen Diener ins Gefängnis geworfen, darunter Rhutsky, indem zugleich sein Vermögen eingezogen wurde. Da Khlesl dem vieler Verbrechen Beschuldigten in bösen und höhnischen Worten die Folter androhte und er einsehen mußte, daß er von keiner Seite Hilfe zu erwarten hatte, erhängte er sich, so daß nur noch sein Leichnam gevierteilt werden konnte.

Das überaus prächtige Trauergerüst, das zu Rudolfs Leichenfeier im Dome aufgerichtet war, kaufte der noch immer in Prag anwesende Herzog Heinrich Julius als Andenken für eine große Summe und führte es auf einem Wagen mit nach Wolfenbüttel, konnte sich aber nicht lange mehr daran erfreuen, da er schon im nächsten Jahre dem Kaiser im Tode nachfolgte.

Dem Matthias fiel nun auch die letzte und höchste der Kronen seines Bruders zu, und im Mai begab er sich mit seiner Gemahlin zur Kaiserwahl nach Frankfurt. Unterwegs verweilte er mehrere Tage in Nürnberg, um sich auszuruhen, denn er litt gerade unter einem heftigen Anfall seiner Gicht, wovon er bis zu den Feierlichkeiten frei zu werden hoffte. Beim Einzuge in Nürnberg gab es Mißhelligkeiten: der Markgraf von Ansbach nämlich, mit dem die Stadt ohnehin nicht in gutem Einvernehmen war, behauptete, das Geleitsrecht zu haben, und pflegte beim Besuch hoher Gäste der Stadt zum Trotz gewaltsam davon Gebrauch zu machen. Darüber kam es zwischen den Nürnbergern und Ansbachern zum Streit, bei dem es mehrere Verwundungen absetzte und keiner den Sieg davontrug; wenigstens wichen die Ansbacher nicht vom Platze. Dieses Blutvergießen konnte nur als ein übles Vorzeichen ausgedeutet werden, und überhaupt machte Matthias keinen tröstlichen Eindruck. Er trug das Wams so lose, daß das Hemd am Halse hervorlugte, und seine Füße waren mit wollenen Tüchern umwickelt; so, die Beine auf einen Schemel streckend, empfing er die Abgeordneten der Stadt, die ihm den Wein als üblichen Willkommen überbrachten. Dagegen war die Kaiserin guter Dinge, dick, weiß und rot, mit Haaren von der rötlich-blonden Färbung, wie sie vielen Habsburgerinnen eigen waren. Von ihrer Vorliebe für Leckereien in Kenntnis gesetzt, überreichte der Rat ihr eine große Schale auserlesenen Konfekts, wovon sie beständig naschte, während sie in einem weltlichen Historienbuche las, danach sie verlangt hatte und das im Besitz der Welserischen Familie vorgefunden und ihr ausgeliehen war. Überhaupt suchte sie sich zu belustigen und war erfreut über die Gelegenheit, einer Geschlechterhochzeit zuzusehen, die eben in diesen Tagen stattfand. Ihr zuliebe legten die Frauen und Mädchen altertümliche Trachten an, die sonst bei den Vornehmen nicht mehr üblich waren, und sie sah allem vom Fenster aus mit lautem Vergnügen zu, in die Hände klatschend, wenn ihr etwas besonders gefiel. Die Kränzeljungfern ließ sie zu sich in das Gasthaus bitten, betastete ihre mit Seidenbändern verflochtenen Zöpfe, ob sie echt wären, und ließ sich ihre Heiratsaussichten von ihnen erzählen. Auch benützte sie die Gelegenheit, sich einen Aderlaß praktizieren zu lassen, und der Barbier, der damit betraut wurde, konnte nicht genug von ihrem fetten weißen Arm erzählen und wie zutraulich sie ihn aufgemuntert habe, fest anzugreifen, da sie nicht zimpferlich sei. Es hatte ihr in Nürnberg so wohl gefallen, daß sie die Augen mit dem Tüchlein trocknen mußte, als sie in der breiten Reisekutsche, neben ihrem wohlverpackten Gemahl sitzend, ein Büchslein voll Konfekt auf dem Schoße, zum Tore hinaus- und den Krönungsfeierlichkeiten entgegenfuhr.

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Maximilian von Bayern führte mit Wolfgang Wilhelm von Neuburg viele Gespräche über den Glauben, wobei er alles das wiederholte, was er von den Jesuiten über die Wahrheit des katholischen Bekenntnisses gelernt hatte, während Wolfgang Wilhelm die lutherische Lehre so verteidigte, wie es ihm von Heilbrunner, dem Hofprediger seines Vaters, beigebracht worden war. Dabei gebot ihm der Umstand, daß Maximilian der Ältere war, eine gewisse Bescheidenheit, so daß dieser den Eindruck gewann, sein Schüler werde sachte von der Kraft seiner Beweisführung durchdrungen, und er müsse nur eine Weile zuwarten, um die Früchte seines Eifers zu ernten. Ohne daß etwas Entscheidendes geschehen wäre, reiste Wolfgang Wilhelm wieder ab. Magdalenas bewundernde und fast verliebte Blicke hatten ihm zwar wohlgetan, und obwohl sie blaß und kränklich aussah, hatte sie ihm nicht übel gefallen, da sie klug und kräftig von Charakter zu sein schien; aber er konnte das argwöhnische Gefühl nicht loswerden, als sähen sie im Grunde alle ein wenig auf ihn herab, und das verstimmte ihn, wenn es ihn auch zugleich reizte und anzog. Dachte er an seinen Vater, so wurde ihm sehr unbehaglich zumute, und er verfolgte den Gedanken an die bayrische Heirat und alles, was damit zusammenhing, nicht weiter. Zu Hause jedoch gefiel es ihm gar nicht; stets kam es zu Wortwechseln zwischen ihm und seiner Familie, wie sehr er sich auch nach seiner Meinung bemühte, nicht merken zu lassen, daß sein Gesichtskreis sich inzwischen erweitert hatte. In seiner zweifelnden Stimmung beschloß er, sich am Hofe zu Berlin umzusehen, ob sich etwa dort eine Aussicht böte, die ihm Bayern entbehrlich machte. Der Kurfürst von Brandenburg näherte sich dem Plan einer ehelichen Verbindung seiner Tochter mit dem Neuburger behutsam; denn da er sich mit der Absicht trug, öffentlich zum reformierten Glauben überzutreten, wäre ihm eine kalvinische Heirat lieber gewesen. Immerhin wurde ein festliches Essen veranstaltet, wobei sich eine engere Vertraulichkeit entfalten und die Verlobung eingeleitet werden sollte. Die Prinzessin war ein wenig schnippisch und kicherte, anstatt des Freiers Anreden schicklieh zu beantworten; dazu kam, daß die Überheblichkeit, der er hier begegnete, ihn weit mehr ärgerte als die am Münchner Hofe, wo denn doch weit mehr Anstand, Pracht und fürstliches Wesen herrschte. Er gab also zu verstehen, daß er die brandenburgischen Ansprüche an Jülich-Cleve nicht hoch anschlug und voraussetzte, der Kurfürst werde es wohl zufrieden sein, sie mit der Tochter an ihn, als den eigentlichen Erben, abzutreten. Darüber brauste der Kurfürst seinerseits auf und sagte, daß Wolfgang Wilhelms Mutter sich eigentlich durch einen Verzicht ihres Anteils an der Erbschaft begeben habe, nun wolle er das Ganze und seine Tochter noch dazu, die von polnischer, schwedischer und dänischer Seite her Anträge habe und außerdem gar nicht von Berlin fort wolle. Die Prinzessin, sagte Wolfgang Wilhelm, dürfe es sich bei ihm gefallen lassen; in Düsseldorf sei guter Wein und in Neuburg gutes Bier, während in Berlin nicht einmal das Wasser gut sei. Diese Keckheit erzürnte den Kurfürsten so, daß er, ohnehin vom Trunk erhitzt, dem neuburgischen Prinzen eine Ohrfeige versetzte, womit das Gastmahl und die Werbung ein plötzliches Ende nahmen.

Mit dem Gefühl der Rachsucht verließ Wolfgang Wilhelm Berlin und reiste schnurstracks nach München, entschlossen, sich nunmehr Maximilian in die Arme zu werfen. Der katholischen Glaubenslehre, die ihm namentlich von dem gelehrten Jesuiten Reihing einleuchtend unterbreitet wurde, lauschte er bereitwilliger als früher, und nachdem er den Unterricht eine Zeitlang genossen hatte, erklärte er sich für überzeugt und von dem Wunsche beseelt, in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Seine den Vater betreffenden Bedenken verstand Maximilian und verschmähte es, ihn in dieser Hinsicht zu drängen. Er möchte, schlug er vor, so schnell wie möglich den Übertritt vollziehen, weil in einer so hochwichtigen Heilsangelegenheit auch nicht ein Tag versäumt werden dürfe; aber im geheimen, damit sein Vater es nicht erfahre. Diesen solle er zunächst mit der Heirat zu befreunden suchen, was leichter gelingen werde, wenn der Gedanke an einen etwaigen Religionswechsel seines Sohnes noch gar nicht bei ihm aufgetaucht sei.

Dementsprechend verfuhr Wolfgang Wilhelm und malte dem alten Herzog aus, welche Hilfe er von dem mächtigen bayrischen Vetter haben werde, um seinen Anspruch auf Jülich durchzusetzen, wozu noch die Aussicht komme, Magdalena werde sich zum lutherischen Glauben bekehren lassen. Er schilderte die Prinzessin als verständig und tugendhaft, so daß er, wenn sie erst seine Frau sei, sie gewiß zur Einsicht des Besseren bringen und sie seinem Wunsche sich fügen werde. Hatte Philipp Ludwig geschwankt, ob er in die gefährliche Heirat willigen sollte, so wurde er durch die Aussicht auf diese Möglichkeit zu ihren Gunsten bewegt, und eine väterliche Neigung für das Mädchen, das er und sein treuer Heilbrunner mit der reinen Religion bekannt machen würden, ergriff sein Herz; nun erst fing er auch an den irdischen Vorteilen der Verbindung Geschmack zu gewinnen an. Vor der Hochzeit freilich, sagte Wolfgang Wilhelm, müßten die Bekehrungsversuche anständigerweise zurückgehalten werden, und es wurde festgesetzt, daß die Vermählung sowohl nach katholischem wie nach evangelischem Gebrauch vollzogen werde, damit der Glaube beider Teile zur Geltung komme und keinem von beiden ein Präjudiz geschehe.

Vorher unternahm Magdalena mit ihrem Vater eine Wallfahrt nach Altötting, um Gott zu danken, dessen weise Führung sie nun erst recht bewundern lernte; denn es zeigte sich ja, was er damit bezweckt hatte, daß er das Opfer ihrer Liebe zu Leopold von ihr forderte, weil er ihr ein weit schöneres Glück und dazu eine erhabene Aufgabe vorbereitet hatte. Auch der alte Herzog von Neuburg wiegte sich in Hoffnungen, die nur zuweilen durch aufsteigende Sorgen getrübt wurden. Eine Sicherheit hatte ihm Wolfgang Wilhelm für die künftige Bekehrung seiner Braut nicht gegeben; konnte der junge Mann nicht durch weibliche Künste und die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur sich haben verblenden lassen, daß er eine der Abgötterei verschworene Jesabel für ein frommes, verständiges Mädchen ansah? Wenn sie sich ihm widersetzte, welche Unzuträglichkeiten würden daraus entstehen, namentlich in bezug auf die Kinder, die aus der Ehe erzielt werden würden; es war ja leider nicht anders, als daß die Frauen, und namentlich solche, die mit jesuitischen Kniffen umzugehen gewohnt waren, oft den Mann umgarnten, und er würde nicht immer da sein, um Wolfgang Wilhelm durch sein väterliches Ansehen zu stärken. Indessen suchte er solche Gedanken durch sein Vertrauen auf Gott zu bekämpfen, der die Wahrheit nicht zuschanden werden lassen würde.

Nachdem die Hochzeit in München mit großer Pracht begangen war, richtete Philipp Ludwig eine Nachfeier in Neuburg zu, die Kosten nicht scheuend, um dem bayrischen Gepränge nicht nachzustehen, wie denn weder ein Turnier noch ein Feuerwerk, noch auch eine Sauhatz fehlte. In der ersten Nacht brach aber nicht weit vom Schlosse eine große Feuersbrunst aus, die sich so gefährlich anließ, daß der alte Herzog seinen Sohn, der sich eben mit seiner jungen Frau zu Bette begeben wollte, herausklopfte, damit er sich auch wie die anderen Herren am Lösch- und Rettungswerk beteilige. Hier tat sich namentlich Prinz August, Wolfgang Wilhelms jüngerer Bruder, rühmlich hervor, und man sah mit großer Bewunderung seinen hochgewachsenen Körper und sein blondes Haupt unerschrocken zwischen Rauch und Flammen auf- und untertauchen. Philipp Ludwig und seine zur Schwermut neigende Frau standen unterdessen im Schlosse am Fenster, wo sie durch die kahlen Gebüsche, denn es war November, die schwarzen Donauwellen im düsteren Glutschein aufblinken sehen konnten, und beteten nicht ohne trübe Vorahnungen.

Von Neuburg führte Wolfgang Wilhelm seine Frau nach Düsseldorf und hätte sich der neuen Würde uneingeschränkt freuen können, wenn sein Beichtvater ihn nicht gedrängt hätte, nunmehr seine Zugehörigkeit zur katholischen Kirche offen zu bekennen, weil dies zum Heil seiner Untertanen, die sich ihm anschließen würden und müßten, notwendig sei. Wolfgang Wilhelm wagte keinen Gegengrund zu äußern und ordnete, da es einmal sein mußte, die Zeremonie festlich an, damit das vorauszusehende Murren des Volkes durch einen bedeutenden Eindruck überwältigt werde.

An den Hof von Neuburg waren zuweilen Gerüchte von einer großen Veränderung gedrungen, die in Düsseldorf im Schwange sei; aber Philipp Ludwig hatte es nicht laut werden lassen und sich einzureden gesucht, daß ein solcher Verrat seines Sohnes unmöglich sei. Endlich ließ er den Heilbrunner zu sich rufen und fragte ihn, indem er ihn scharf ansah, ob er glaube, daß Wolfgang Wilhelm seinen Gott und seinen Vater zugleich verraten habe? Heilbrunner schwieg eine Weile mit niedergeschlagenen Augen; dann sagte er: »Weil Euer Gnaden es mir befehlen, so will ich antworten. Ich habe mich lange gesträubt, es zu glauben, und mit Gott deswegen gestritten. Abraham hat Isaak unschuldig geopfert und David Absalom schuldig, und beide waren treue Knechte Gottes. Wir müssen kämpfen und ausharren bis ans Ende: das von Euer Gnaden und meines sind nicht mehr fern.« Hierauf setzte sich Philipp Ludwig an seinen Schreibtisch und forderte von seinem Sohne eine runde, offene Erklärung, die denn auch erfolgte. Wolfgang Wilhelm und Magdalena schrieben zusammen in höflichen, entschiedenen Worten, daß es so sei und nicht anders sein könne und daß sie hofften, der Vater werde es ihm, Wolfgang Wilhelm, nicht verargen, daß er nach seiner Überzeugung gehandelt habe.

Das Blatt zitterte in den Händen des alten Mannes, während er las, und die Tränen begannen ihm langsam über das Gesicht zu laufen. Sein Herz war so hart geschlagen, daß er nicht einmal in der Bibel Trost finden konnte. Nicht nur der Abfall seines Sohnes war es, der ihn bekümmerte, sondern der Gedanke an die bitteren Folgen, die für seine armen Untertanen daraus erwachsen mußten, wenn der Abtrünnige ihnen seinen Irrglauben aufzwingen würde. Viele Stunden verbrachte er in leisem Gespräch mit seiner Frau, lange saß er aber auch allein, von einem drohenden Schwall teuflischer Zweifel geängstigt. Warum ließ Gott es zu, daß die Arbeit seines Lebens zunichte gemacht werde, sein Gärtlein, in dem er das Unkraut des Unglaubens und des Lasters ausgejätet, wo er Frömmigkeit, Ordnung und Tugend gesät und aufgehen gesehen hatte, von seinem eigenen Sohne verwüstet wurde? Er hatte geglaubt, der Segen Gottes ruhe auf seinem Tagewerk, und nun sollte sein brechendes Auge es scheitern sehen. War es eine ihm auferlegte Prüfung, wie konnte Gott den Verlust so vieler Seelen damit verbinden?

Den ernstlichen Vorstellungen Heilbrunners, man müsse sich dem Verhängnis Gottes auch dann unterwerfen, wenn man es nach seinem schwachen menschlichen Verstande nicht begreife, fügte er sich, insofern er nicht laut klagte; anstatt dessen beschäftigte er sich in großer Unruhe damit, das Unheil, soviel an ihm war, von seinem Lande abzuwenden. Nachdem er dem Sohne in ernsten Worten sein Unrecht vorgehalten hatte, forderte er von ihm ein bündiges Versprechen, in seinem väterlichen Erblande die Augsburgische Konfession nicht antasten noch ausländische Beamte dort einführen zu wollen, welches Wolfgang Wilhelm nach langem Zögern auch gab, dabei die Unverbrüchlichkeit eines Fürstenwortes betonend. Dann band er seinem zweiten und seinem dritten Sohne, August und Johann Friedrich, aufs Herz, dem reinen Glauben, in dem sie auferzogen wären, unerschütterlich anzuhangen, sich durch keinen irdischen Vorteil, Bedrohung oder Verlockung abwendig machen zu lassen, auch stets für ihre Untertanen, wenn diese etwa trotz aller Verträge von Wolfgang Wilhelm bedrängt werden sollten, väterlich zu sorgen und einzuspringen, da Gott die Seelen der Untertanen von den Fürsten fordern werde. Augusts aufrichtiger Blick und treues Wort beruhigten ihn über dessen Zukunft, für den schwachen und etwas vergnügungssüchtigen Johann Friedrich dagegen mußte der ältere Bruder die Verantwortung mit übernehmen. Heilbrunner und die übrigen Geistlichen erhielten den Auftrag, an jedem Sonntag die Gemeinde auf die bevorstehende Gefahr aufmerksam zu machen und sie zur Glaubenstreue zu vermahnen. Es herrschte im ganzen Ländchen Betrübnis und Sorge, und aus freien Stücken beteten alle täglich, Gott möge ihren frommen Fürsten erhalten und das Übel von ihnen abwenden.

Nichtsdestoweniger ging das Leben des schon lange gichtleidenden alten Fürsten schnell zur Neige. Er änderte nichts in seiner Lebensführung, stand in der Morgenfrühe auf, aß zur Mittagszeit seinen Brei, obwohl er ihm fast zuwider war, arbeitete mit seinen Räten und las zur bestimmten Stunde in der Bibel; aber seine Angehörigen sahen ihn oft mitten in der Beschäftigung einschlafen oder leer vor sich hin stieren, während ihm Tränen aus den Augen schlichen. In den ersten Tagen des August ließ er die Frömmsten und Redlichsten aus der Bürgerschaft, wie die Prediger sie vorschlugen, zu sich auf das Schloß fordern, um ihnen Maßregeln für ihr Verhalten nach seinem Tode zu geben. Sie würden nun bald, redete er sie an, eine Herde ohne Hirten sein und könnten leicht den Wölfen, die jederzeit umgingen, zur Beute fallen. Zwar würden seine Söhne ihnen fürstlich und getreulich vorstehen, und Heilbrunner würde ihnen nach wie vor Gottes Wort auslegen und sie zum Guten anhalten, aber sie wüßten ja wohl auch, wie böse die Zeitläufte wären, welche Macht der Teufel auf Erden besäße und wie weit der päpstliche Antichrist seine Schlingen würfe. Da müßten sie denn auch selbst mit Beständigkeit gewappnet sein, wenn sie die Prüfung bestehen und dereinst den Himmel gewinnen wollten. Danach fragte er viele von ihnen einzeln, wie sie sich verhalten würden, wenn sie mit Gewalt zur Messe gezwungen werden sollten, ob sie sich fügen oder Hab und Gut preisgeben, auswandern und ihre irdische Zukunft Gott anheimgeben wollten. Einige Männer sagten, sie hofften das Beste, aber landsfremde Bettler würden nirgends gern gesehen, man müsse auch für Weib und Kind Sorge tragen; einige Frauen, sie würden sich nach dem Willen ihrer Männer verhalten; aber ein paar alte Männer und alte Witwen sagten, von Gottes Wort würden sie nicht lassen, sollten sie auch darüber Leib und Gut verlieren müssen, und sie würden dem Herzog gleich die Hand darauf geben.

Er wisse wohl, daß die Prüfung hart sei, sagte Philipp August, aber himmlischer Lohn harre des Überwinders, und er wolle auch hier und dort für sie beten. Dann prägte er ihnen ein, seinen Söhnen Gehorsam zu leisten, wenn er bald nicht mehr sein werde, und sagte ihnen Lebewohl, worauf alle unter herzzerbrechendem Schluchzen auseinandergingen.

Einige Tage später fiel der alte Herzog beim Aufstehen in Ohnmacht, erholte sich aber wieder und ließ sich vollends ankleiden, wennschon die Ärzte Bedenken äußerten und Familie und Dienerschaft sich kopfschüttelnd daran erinnerten, daß man den 12. August schrieb, also gerade drei Monate nach dem Übertritt Wolfgang Wilhelms in Düsseldorf verflossen waren. Wie alltäglich nahm er dann an einer Sitzung der Räte teil und ließ sich von Heilbrunner ein Kapitel aus der Bibel erklären, um doch für alle Fälle auf das Ende vorbereitet zu sein. Beim Mittagessen, das bald nach zehn Uhr stattfand und an dem seine Gemahlin, seine Söhne, Heilbrunner und ein Arzt teilnahmen, legte er plötzlich den Löffel aus der Hand und schlief ein, um nicht mehr zum Leben zu erwachen.

Der Todesfall rief unendlichen Jammer im neuburgischen Lande hervor; nun, hieß es im Volke, würde man das Schicksal des benachbarten Donauwörth erleiden, wo die Schlechten, die ihren Glauben verrieten, Anstellungen und Ämter erhielten und straflos die Besseren quälen und unterdrücken dürften. Es waren in den letzten Jahren viele Donauwörther nach Neuburg gezogen, und diese sahen nun kommen, daß ihres Bleibens auch hier nicht wäre, sondern daß sie weiterwandern müßten, ärmer und hoffnungsloser als zuvor.

Im Februar des folgenden Jahres, nämlich 1615, hielt Wolfgang Wilhelm seinen Einzug in Neuburg und erklärte rundweg, von seinem Erbrecht nichts aufgeben zu wollen, worauf sich August und Johann Friedrich, um nur etwas zu bekommen, zu einem Vertrage bequemten, der jeden von ihnen mit einem kleinen Gebiet abfand, August mit Sulzbach und Johann Friedrich mit Hilpoltsheim, so aber, daß dem Ältesten, Wolfgang Wilhelm, auch über diese Landesteile die Oberhoheit zustand. Traurig verließen die verwitwete Herzogin und ihre Söhne das Neuburger Schloß, denen bald auch Jakob Heilbrunner, von der neuen Regierung verabschiedet, folgte.

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