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Der Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel

Ricarda Huch: Der Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Dreißigjährige Krieg. Erster Teil: Das Vorspiel
publisher1962
yearInsel-Verlag
printrun39. bis 41. Tausend
firstpub1912 - 1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181107
projectid9f80e2ac
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Von den zurückbleibenden böhmischen Herren gingen einige dem Herzog von Bayern, als er in Prag einzog, entgegen, um durch ihn den Kaiser zu bitten, er möge sie bei ihren Rechten und ihrem Glauben schützen. Wilhelm von Lobkowitz, der an ihrer Spitze ging, den Kopf hängen ließ und ein betrübtes Gesicht machte, nahm das Wort und sagte, der Herzog möge doch bei dem Kaiser und Könige Fürbitte für sie einlegen; er möge ihm schildern, daß ihr ungestümes und verwegenes Betragen ihnen leid sei. Sie hatten ja einen gnädigen König an ihm gehabt, und er solle doch geruhen, ihnen wiederum ein solcher zu sein. Der Teufel hätte sie leider verführt, künftig wollten sie sich als getreue und gehorsame Vasallen erzeigen. Bei diesen Worten fing Lobkowitz an zu weinen, zog ein seidenes Tüchlein heraus, hielt es vor die Augen und schluchzte, worin mehrere einstimmten.

Er wolle dem Kaiser von ihrer Reue Meldung tun, sagte der Herzog. Inzwischen sollten sie sich ruhig halten und das Ihre dazu tun, daß Frieden und Ordnung im Lande wieder hergestellt werde.

Kaiser Ferdinand war in fröhlicher Stimmung, daß der Feldzug so schnell zu einem glücklichen Ende geführt war. Die böhmischen Herrlein würden sich ein zweites Mal keines solchen Streiches getrauen, sagte er, sie seien genug gestraft. Es ärgere ihn nur, daß Thurn, Ruppa und Schlick entronnen wären, das wären die hartnäckigsten Übeltäter, denen hätte er gern den Kopf vom Rumpfe springen lassen, und man solle alles aufwenden, um sie einzufangen. Übrigens wolle er jetzt das kaiserliche Gnadenbächlein fließen lassen, nur müsse die Ketzerei von Grund ausgerottet werden; nach einem Jahr dürfe es keine irrgläubige Seele in ganz Böhmen mehr geben, oder er wolle nicht der Sohn seiner Mutter sein.

Dieser Standpunkt des Kaisers erregte in den Hofkreisen große Enttäuschung, welche in einem Schreiben, das ein Herr von Nachod an den Kaiser richtete, Ausdruck fand. Er habe sich immer der Hoffnung getröstet, schrieb Nachod, in der Gnade des Kaisers zu stehen, habe nun aber mit Bestürzung wahrnehmen müssen, daß es nicht an dem sei und daß vielmehr die friedhässigsten Leute und Erzbösewichte die Gnade des Kaisers mehr als er genössen. Diejenigen, die nach des Kaisers Leben und Untergange getrachtet und sich solcher entsetzlichen Frevel dreist gerühmt hätten, säßen vergnügt in ihrem sündlichen Überfluß und verlachten auch wohl die Frommen, die mit unbeschreiblichem Schaden und Verlust unentwegt ihrem Kaiser angehangen hätten. Der Kaiser möge es ihm nicht verargen, wenn er sein Herz von dieser unverhofften Ungnade durchbohrt fühle und die demütige Frage anbringe, ob er seine von der blitzenden Majestät niedergeschlagene Person ihrer Unzufriedenheit gänzlich und für immer entziehen solle.

Eggenberg, mit dem der Kaiser sich darüber unterhielt, meinte, der Brief des Nachod sei nicht hoch anzuschlagen, wenn des armen Sünders Haus geschleift werde, kämen die Nachbarn mit Karren, um die Steine fortzutragen; aber, stellte er dem Kaiser vor, es wäre von Anfang an auf die Güter der Rebellen gerechnet worden, und Geld brauche der Kaiser durchaus, er dürfe den Schatz, der eben blühe, nicht ungehoben lassen. Er stehe gewiß mit seinem ganzen Vermögen dem Kaiser zur Verfügung und rede nicht von dem, was er schon vorgeschossen habe; aber es sei des Kaisers Schaden, wenn die Schulden immer höher anschwöllen. Mit einer gänzlichen und gründlichen Konfiskation sei es aber gut, die Todesstrafe zu verbinden, und in Anbetracht, daß hoher und niederer Adel in allen Erbländern in offener und heimlicher Rebellion stehe, sei es nützlich, ein Exempel zu geben, wonach ihnen der Hals jucke. Es würde sich empfehlen, auch den einen oder anderen Katholiken daranzugeben, damit es nicht böses Blut setze und die Evangelischen sagten, es geschehe aus Haß wegen der Religion.

Derselben Ansicht waren alle Räte und die sonstige Umgebung des Kaisers. Es müsse durchaus einmal Geld in die Kasse fließen, hieß es, und Klemenz sei gut an ihrem Ort, aber mit Unterschied, damit die Guten ermuntert würden. Es sei leicht, sich einzubilden, wie hoch der Herzog von Bayern die Kosten des Feldzuges berechnen würde, man brauche nur an Donauwörth zu denken, und seitdem hätte er das Addieren gewiß noch besser gelernt. Dann sei der Buquoy da und so viele andere, die eine Belohnung erwarteten und auch verdient hätten; dadurch unterscheide sich der Adel von den Bauern, daß diese ihre Dienste umsonst leisten müßten, ein Fürst müsse seine Diener gut traktieren, wenn er auf Treue wollte rechnen können. Nach einer ungefähren Berechnung, die in der Finanzkammer angestellt worden sei, könne dem Kaiser durch eine ordentliche Konfiskation die Summe von 30 bis 40 Millionen Gulden zufließen; die Flut sei lange ausgeblieben, nun sie komme, dürfe man keinen Damm davorsetzen.

Der Kaiser rief, die Hände zusammenschlagend: »Heilige Schutzpatronin, so reiche Diener habe ich und selbst kein Hellerlein in der Tasche! Das ist freilich unbillig und fast eine Monstrosität zu nennen. Die böhmischen Herren haben an Blutwallungen gelitten, und es ist Zeit, daß ich sie zur Ader lasse.«

Nachdem der Beichtvater dem Kaiser erklärt hatte, er sei, wenn auch nicht verpflichtet, so doch befugt, das Blut der Rebellen zu vergießen, gab Ferdinand seine Einwilligung, und es wurden dreiundvierzig Herren des Hochverrats angeklagt und, soweit sie Böhmen nicht verlassen hatten, verhaftet. Den Vorsitz des zu dem Zweck bestellten Gerichtes führte der neue Statthalter Fürst Liechtenstein mit Strenge und Unerbittlichkeit. Die Angeklagten beriefen sich darauf, daß Böhmen ein Wahlkönigreich sei und daß sie deshalb die Freiheit gehabt hätten, Ferdinand abzusetzen und einen anderen Fürsten zu wählen; aber das wollte Liechtenstein durchaus nicht gelten lassen. Er brachte einige Daten und Historien vor, welche das Gegenteil beweisen sollten, und außerdem, sagte er, würden dann ja die Untertanen die Herren sein, und die Könige müßten die Throne hinauf- und hinabhüpfen, wie es jenen beliebe; das aber könne unmöglich Gottes Wille sein. Das sei eine neue Lehre, die sie aufgebracht hätten, um ihrer Rebellion ein vornehmes Mäntelein umzuhängen.

Dem Kaiser wurde von den Frauen und Verwandten der Verurteilten, siebenundzwanzig an Zahl, mit Bittschriften nicht wenig zugesetzt, denen er immer noch eine gewisse Neigung hatte nachzugeben, da er das Verfahren ein wenig grob gegen so große Herren fand. Auch war er verdrießlich, daß Matthias Thum entronnen war, der der Rädelsführer und Hauptmalefikant sei und um den er alle übrigen freilassen möchte; aber er sah wohl, daß er der Sache ihren Lauf lassen mußte, und begnügte sich, den alten Wilhelm Popel von Lobkowitz zu lebenslänglicher Haft zu begnadigen, welcher mit vielen Tränen eine so aufrichtige Reue hatte spüren lassen.

Des Morgens um fünf Uhr am 21. Juni verkündete Kanonenrollen den Beginn der Exekution, zu welcher eine große schwarz verhangene Holzbühne vor dem Altstädter Rathause errichtet worden war. Für den Fürsten Liechtenstein und seine Beisitzer waren Plätze auf der Altane des Rathauses hergerichtet. Von den drei Henkern, die besorgt waren, um die Arbeit auszuführen, war der eine ein kleines, sehniges, behendes Männlein, hitzig und empfindlich, da man ihm auf den ersten Blick oft nicht viel zutraute. Er pflegte zu sagen, daß es nicht auf Kraft, die er zwar auch besitze, sondern auf Geschicklichkeit ankomme, und brüstete sich mit seinen Erfolgen und mit dem Dank, den ihm mancher Delinquent noch durch den letzten Blick zu verstehen gegeben habe. Ein Herr von Mitrowitz, der zu dem Gerichtshof gehörte und den die Veranstaltung etwas nervös machte, trat zu ihm und fragte ihn, ob er die Arbeit auch auf sich nehmen könne, es kämen neun auf jeden von ihnen, und es liege dem Fürsten daran, daß es ohne Hindernisse abliefe. Der kleine Mann geriet sofort in Zorn, erklärte, daß er Kraft genug habe, daß es aber nur auf Geschicklichkeit ankomme, daß er leicht mit der doppelten Zahl fertig werden könne, und forderte Herrn von Mitrowitz laut auf, ihm für jeden Schweißtropfen, den er auf seiner Stirn finden würde, einen Batzen zu geben. Herr von Mitrowitz entschuldigte sich und sagte, sie würden ohnehin für jeden Kopf, der schlank auf den ersten Streich fiele, eine Extravergütung erhalten, er hätte es nicht anzüglich gemeint, sie sollten bedenken, daß die Delinquenten hohe Herren wären.

Durch die öden Morgenschauer kamen die Wagen angerasselt, die die Verurteilten aus ihren Gefängnissen herbeiführten; sie sahen fahl und übernächtig aus, und einige von ihnen mußten geführt werden. Den Vorzug, als der erste gerichtet zu werden, hatte Graf Joachim Andreas Schlick, der auf sächsisches Gebiet geflüchtet, aber vom Kurfürsten ausgeliefert worden war; denn nachdem der Kaiser ihm die Lausitz als Preis für seinen Beistand versprochen hatte, war Johann Georg nachdrücklich auf seine Seite getreten und sagte, die Empörer verdienten Strafe, und er wolle der Gerechtigkeit nicht vorgreifen. Obwohl es dem Grafen sehr übel und traurig zumute war, benahm er sich doch gefaßt und würdig und betete voll Inbrunst lutherische Gesänge, worüber ihm fast unversehens der Kopf abgeschlagen wurde. Erhobenen Hauptes und festen Schrittes trat Wenzel von Budowa auf, und als die Jesuiten, die sich die Bekehrung der Todgeweihten angelegen sein ließen, im letzten Augenblick noch einmal auf ihn einreden wollten, schob er sie so unwirsch zur Seite, daß sie taumelten, und sagte: »Fort mit euch, ihr Basilisken! Heute ist mein Feiertag, wo ich das Angesicht Gottes schauen werde!«, sah auch wirklich, solange er vermochte, mit festem, großem Blick um sich, als spüre er schon das Licht der ewigen Geheimnisse.

Jedesmal, wenn der kleine Henker einen abgefertigt hatte, lehnte er sich nachlässig auf ein Bein, als ob er den Schlag nur so nebenher getan hätte, und warf einen herausfordernden Blick auf Herrn von Mitrowitz, dem diese Aufmerksamkeit so peinlich war, daß ihn schon vorher ein nervöses Zucken befiel.

Während die adligen Herren alle durch das Schwert gerichtet wurden, mußten die Bürgerlichen sich verschärften Prozeduren unterziehen, wie denn dem berühmten Gelehrten Jessenius, der Rektor der Universität gewesen war, vor der Enthauptung die Zunge ausgerissen und er nach derselben gevierteilt wurde. Als er daran kam, fing gerade ein kühler Wind an zu blasen, Licht rieselte über die Dächer, und die Sonnenscheibe rückte groß und blendend in den silbernen Himmel. Der Scharfrichter flüsterte ihm zu, er habe einen gewürzten Wein mitgebracht, der gut zu nehmen sei und ein wenig betäube, er sei ein Christenmensch und wolle niemandem zuviel tun, man sehe es ihm, Jessenius, an, daß er schwächlich sei, er solle einen Schluck trinken, dann gehe es leidlicher. Nach einem Augenblick Bedenkens reichte Jessenius dem Manne die Hand und dankte; lange bevor die Sonne dort drüben hinuntergegangen sei, habe er ausgelitten. Er wolle das Kreuz auf sich nehmen; Gott sei gnädig und werde ihn durch die Finsternis des bitteren Todes in das Paradies einführen.

Nachdem die Exekution vorüber war und die Henker ihren Doppellohn erhalten hatten, nahmen die Herren vom Gerichtshof beim Fürsten Liechtenstein ein Frühstück ein. Einer der Appellationsräte erzählte, er hätte in seinen jüngeren Jahren einen guten Freund gehabt, der sei so stark gewesen, daß er seinesgleichen nicht gehabt, und den seine Kraft beständig geplagt hätte, etwas damit zu vollbringen, so daß man sich vor ihm hätte fürchten müssen, wenn er nicht ein so guter Kerl gewesen wäre. Sein größter Wunsch sei immer gewesen, einmal den Henker zu machen, um sich ordentlich genugzutun, was er, der Appellationsrat, aber für Spaß gehalten hätte. Der andere aber hätte wirklich, als einmal eine große Hinrichtung von aufständischen Ungarn gewesen sei, einen Henker bestochen, daß er ihn an seiner Statt zugelassen hätte, und er hätte, gehörig vermummt, seine Sache gut gemacht und allgemeines Lob geerntet. »Als er mir davon erzählte,« sagte der Appellationsrat, »tadelte ich ihn, weil er sich durch diese Verrichtung unehrlich gemacht hätte. Dagegen sagte er, es sei ja nicht sein Geschäft, sondern er hätte es zu seiner Belustigung getan, darum sei es eine andere Sache. Ein Wort gab das andere, und schließlich forderte er mich zu einem Duell heraus, was ich ablehnte, weil ich mich mit einem Henker nicht schlüge; denn ich wollte mich von dem unbesieglichen Kolossus nicht abschlachten lassen.« Glücklicherweise sei damals gerade ein Türkenkrieg ausgebrochen, da sei er hingezogen, um Köpfe abzuschlagen, und wohl auch dort geblieben.

Pfui, sagte Herr von Mitrowitz, solche Neigungen könne er nicht begreifen; ihm sei heute schon das Zusehen auf den Magen gefallen, so daß er kaum imstande sei, etwas zu sich zu nehmen.

Der Appellationsrat lachte und sagte, nach dem fünften oder sechsten Hiebe habe er auch genug gehabt. Das Zusehen, sagte Fürst Liechtenstein kühl, sei natürlich unangenehmer, als selbst zu hantieren; aber so schändliche Rebellen verdienten Tod leiden zu sehen müsse doch jedem Liebhaber der Justiz eine Genugtuung bereiten.

Es wurde nun eine Kommission eingesetzt, um die Konfiskationen ins Werk zu setzen, was eine knifflige und langwierige Arbeit war; denn die Schuldigen wurden je nach dem Grad ihres Vergehens in solche eingeteilt, die ihr ganzes Vermögen, die Hälfte oder den dritten Teil desselben einzubüßen hatten, wozu noch allerhand Ausnahmen und besondere Fälle kamen. In den Stuben der Kommissionäre ging es zu wie auf einem Markt, indem einerseits die Betroffenen feilschten und bettelten, um sich möglichst viel zu retten, und andererseits der böhmische und österreichische Adel, der auf kaiserlicher Seite gestanden und schon seit langem ein Auge auf die Rebellengüter geworfen hatte, dieselben nun um ein Billiges in seinen Besitz zu bringen suchte. Den größten Gewinn trug Albrecht von Wallenstein davon, der, weil er eine geringe Meinung von den evangelischen Herren und ihren Aussichten hatte, dem Kaiser treu geblieben war.

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