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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 9
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
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Das achte Kapitel.

Als der Sultan von Ägypten seinen Kopf aus der Wasserkufe, in welche er ihn auf die demütige Bitte des weisen Magiers hineingesteckt hatte, herauszog, verwunderte er sich nicht wenig, als er sich noch immer im Kreise seines Hofstaats fand. Er war ungemein wütend, denn er war der festen Überzeugung, während siebenzehn langer Jahre ein Weib gewesen zu sein, einen Lastträger von Aleppo geheiratet und sieben Kinder geboren zu haben. Es kostete den Großvezier eine unendliche Mühe, die Majestät zu überzeugen, daß sie nur allergnädigst geruht habe, während des fünfzigsten Teiles einer Sekunde das erlauchte Haupt ins Waschbecken zu tauchen.

Wir verwundern uns nicht, als wir uns plötzlich um einige Monate weiter gerückt finden. Der Paddenauer See ist ein ungefährliches Wasser, und der Maler Rudolf Haeseler, sowie die schöne Wulfhilde sind wohlbehalten am jenseitigen Ufer gelandet. Die Damen, welche es eigentlich taktlos fanden, daß ein junges Fräulein bei hereinbrechender Nacht sich so unbefangen mit einem ihr kaum bekannten Menschen aufs Wasser wagte, dürfen sich beruhigen: Knackstert Witwe und Sohn hatten bis jetzt noch keinen Grund, die Stirn zu runzeln. Ein Glück war es freilich zu nennen, daß Paddenau ganz ausnahmsweise diesmal nicht das mindeste von der verfänglichen Wasserfahrt in Erfahrung gebracht hatte.

Die großen Schlachten in Italien waren sämtlich geschlagen worden, der Friede von Villafranca war geschlossen, der Nationalverein hatte zu Eisenach sein Programm ausgestellt, und leider hatte sich das Kleeblatt im Hause des Rektors Fischarth in Paddenau um ein kahl unschuldig Häuptlein verringert. Eines von den zwei kleinen Mädchen hatte plötzlich, aus dem gesundesten Schlafe erwachend, die Augen groß und klug geöffnet, sich dann gereckt, dann zusammenfahrend die Händchen geballt und die Augen zugemacht, ohne sie wieder zu öffnen. Darüber war heftiger Kummer, viel Weinen und Kopfhängen im Hause des Rektors entstanden; doch auch das war allmählich überstanden – überwunden; gelassenere Tage waren dem jähen Schrecken und der kummervollen Verwirrung gefolgt. Zwei Vöglein hatte ja der grimmige Jäger Tod im Neste übrig gelassen, und das konnte gewissermaßen immer noch als ein großer Reichtum gelten.

Es wurde Herbst im hohen Grade. Aus dem Sumpfe steigen Nebel und Dünste allerart und treiben ein tolles Wesen über dem Dräumling und der Stadt Paddenau. Am Abend und am Morgen, bei Sonnenschein und Mondenschein und nicht weniger, wenn der Himmel grau und dunkel ist, tanzen die Geister über Heide und Moor, durch Wald und Feld; selbst der nüchternste Stadtverordnete von Paddenau konnte es möglich machen, die schöne Fee Wulfhilde über den See und durch die Feldmark reiten zu sehen. Der Maler Rudolf Haeseler würde in und bei diesem atmosphärischen Wunder-Lustspiel der zufriedenste Mensch der Welt sein, wenn er nicht der schönen Fee Wulfhilde begegnet wäre; aber Wulfhilde Mühlenhoff läßt ihm keine Ruhe.

Der Maler hat die große graue Leinewand, die er von Berlin verschrieb, bereits mit allerlei Linien und Farben bedeckt: er malt den Dräumling.

»Wahrhaftig, er malt ihn!« sagen die Bewohner von Paddenau sehr verwundert; doch wenn sie eine Ahnung davon hätten, in welchen Konflikt er mit seinem sonderbaren Motiv geriet, so würden sie wahrscheinlicherweise noch viel mehr die Köpfe schütteln.

Er hat sich ein Quartier und Atelier mit gutem Licht am nördlichen Rande des Stadtmarktes eingerichtet; aber was hilft dem Künstler das beste Nordlicht, wenn ein anderer Schein von allen drei andern Weltgegenden her auf ihn und seine Staffelei einblitzt? Wulfhilde Mühlenhoff stört den Maler Rudolf Haeseler bei seiner Arbeit auf die ärgerlichste Weise, und noch dazu wohnt sie jetzt nicht mehr jenseits des Teiches in dem hübschen Gartenhaus, sondern ihr Papa hat sein Winterquartier in der Marktstraße bezogen, und – die Moral aus dem Ganzen ist für unsern talentvollen Freund:

»Wenn du gekommen bist, den Sumpf zu studieren und ein Bild aus ihm zu machen, so rudere nie ein hübsches Mädchen über ihn hin, die Staffage möchte sonst allzu sehr die Oberhand über die Landschaft gewinnen und ein wenig erdrückend auf die letztere wirken!« –

Übrigens waren zu allem andern große Dinge in Germanien und somit auch in Paddenau im Werke, und der Maler hatte dem Rektor sein Wort (gern) verpfändet, die Stadt nicht eher zu verlassen (wenn er es sonst könnte!), ehe nicht der zehnte November glücklich, oder wenigstens in anständiger Weise hinter dem deutschen Volke liege. Man war nun gar nicht weit von diesem zehnten November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig entfernt, und es war elf Uhr morgens. Der Maler saß, wie gewöhnlich um diese Zeit, vor seinem Sumpfe, und der Sumpf erschien ihm diesmal außergewöhnlich widerlich und fast lächerlich; ihm, der eine Spezialität daraus gemacht hatte und ein europäisches Publikum dafür gewonnen zu haben behauptete.

Eben stieß er, die Palette auf dem linken Daumen, den Malstock nachdrücklich auf die Erde und zog mit dem Pinsel ein großes Ausrufungszeichen in die Luft.

»Da habe ich es denn!« brummte er. »Wer mir das um Ostern dieses Jahres gesagt hätte, den würde ich sicherlich auf eine bedenkliche Lücke in der Tabelle seiner geistigen Kräfte und Fähigkeiten aufmerksam gemacht haben. Heute bin ich ganz still und bleibe gelassen, wenn mich mein Todfeind auf einen ähnlichen Mangel mit heiterer Bosheit hinweist. Ja, vollständig von den Füßen gehoben, – aus allen Verschanzungen herausgeschlagen durch dieses Mädchen! . . . Ich! – – Soll ich denn mein Leben vergeblich gelebt haben? soll ich wirklich ein Narr werden auf meine alten Tage? . . . Ich? – – Himmelherrgottsakrament! wie meine Freunde im Schwabenlande in ihren feierlich erregten Momenten sagen, – bin ich deshalb aus Rom durchgebrannt? Ach du liebster Himmel, ich hatte mich so behaglich im Sumpfe festgesetzt! Brekekekoax, koax, brekekekoax, soll ich wirklich von neuem den Versuch machen, mich zu einem Ochsen aufblasen, um bei dem Versuch zu zerplatzen wie der grüne Freund in der lieblichen Fabel?! O Wulfhild, – Wulfhide Mühlenhoff, weshalb mußte dein Vater ein Paddenauer sein? Es ist doch wahrhaftig etwas klein, einen deutschen Prinzen erzogen und auf den Höhen der Menschheit gewandelt zu haben, und nachher seine Pension in Paddenau zu verzehren! Konnte er nicht nach Berlin ziehen und den Dräumling sich selber und verschüchterten Menschenkindern meinesgleichen überlassen? Konntest du nicht in des Reiches Hauptstadt deine glänzenden Wege gehen und lächelnd deine klugen Gedanken hegen und deine klugen Worte reden vor den gescheiten Berlinern? Mußte der alte Herr absolut sich mit dir hier festsetzen, bloß um dir Gelegenheit zu geben, zwischen Schilf und Wasserrosen nach – mir auszulugen?! Nach mir! Warum denn grade nach mir? – Halb zog sie ihn, halb sank er hin, und bei allen Göttern und Göttinnen der Tiefe, ich sinke, ich sinke, und daß ich nicht an den Beinen, sondern an dem Herzen in den Abgrund herniedergezogen werde, gewährt mir nicht den geringsten Trost. – Hier sitze ich, male den Dräumling und sehne mich nach Venus Urania, ich, der ich erst neulich in Gegenwart der jungen Dame, in Wulfhildens Gegenwart, eine so schöne Rebe für den Sumpf und gegen Madame Urania hielt. O Wulfhild, Wulfhilde, weshalb heiratetest du nicht, ehe ich hierher kam? weshalb fand ich dich nicht als einen Teil von Knackstert Witwe und Sohn und deinen Papa als glücklichen Großvater? Ich darf mir in diesem Augenblicke das Behagen, welches aus solchen Zuständen hervorgegangen wäre, gar nicht ausmalen – – bei allen Teufeln, Herein! wer es auch sein möge: Herein, um mich von mir selber zu erlösen!«

Es wäre durchaus nicht notwendig gewesen, so energisch Herein! zu rufen. Dem Pochen an der Tür war im nämlichen Moment das Aufreißen der Tür gefolgt, und in des Malers Werkstatt stürzte, atemlos, schweißglänzend, als ob noch immer die Hundstagssonne sich den Dräumling betrachte, – den Hut weiter als je auf den Hinterkopf zurückgeschoben, der Rektor Gustav Fischarth. Er trug seine Schulbücher unter dem Arme, warf sie aber sofort auf den nächsten Tisch und rief, den Künstler an beiden Schultern packend und ihn derb abschüttelnd:

»Da bin ich!«

»Das sehe ich nicht nur, sondern ich fühle es auch,« sagte der Maler. »Setze dich.«

»Mich setzen?« rief der Rektor, den Freund zurückschiebend und ein aus der Brusttasche gerissenes Bündel Papiere vor seiner Nase schwingend: »Mich setzen? biete einem tropischen Sturmwind, biete einem Erdbeben einen Stuhl an, aber mir nicht! Hier, Soldaten von Parma – hier französisches Geld – hier vier Galeeren vom Papst! Hier ein Schreiben des Liederkranzes – hier die duftigsten Brieflein der süßesten jungen Damen der Stadt, welche sämtlich ihre Mitwirkung versprechen. Unsere schwachen Kräfte, sagen die guten Kinder; allein was sollten wir ohne diese ihre schwachen Kräfte anfangen?«

»Das würde deine Sache sein, mein Bester.«

»Hier eine Kostenberechnung vom Wirt zum grünen Esel über Saalmiete, Beleuchtung und Heizung. Hier ein Schreiben der löblichen Schützengilde, Pieperlings Trommel- und Pfeifenrechnung angehängt! und zur Krönung des Ganzen – da ein Erlaß des hochlöblichen Magistrats und der Polizei, welcher uns sämtliche Gassen der Stadt, sowie den Marktplatz zu unbeschränkter, jedoch in den Schranken der Sittlichkeit sich haltender Verfügung stellt. Was sagst du nun, Rudolf? Staune und gestehe dein Erstaunen. Ich habe getan, während du nur maltest, Romano!«

Der Maler lachte:

»Aber ich habe doch gemalt, mein Lieber! Du kannst das Faktum nicht leugnen; obgleich du es bei der Aufzählung der Hülfsleistungen zu deiner Feierlichkeit schnöderweise ausgelassen hast.«

»Jawohl, du hast gemalt,« sagte der Rektor achselzuckend und verächtlich. »Aber was? Auf den liebenswürdigsten anonymen Brief mit dem Motto: Wir und unsere Ideale – ein Transparent, lächerliche vier Fuß hohe Buchstaben in allen Farben des Regenbogens und selbst für Paddenau zu bunt:

Ewig umsonst umstrahlt dich in mir Ioniens Sonne,
Den verdüsterten Sinn bindet der nordische Fluch.«

»Sollte das nicht passen?«

»Paddenau nimmt es unbedingt übel! Und dann – was dachtest du dir bei der geflügelten Sonne über dem Distichon? Und die Darstellung ist dir noch dazu vollständig mißlungen. Dein flammender Weltkörper gleicht ganz auffallend einem Wagenrade! Die Eisenbahnbeamten tragen ein solches an der Mütze. War unser herrlicher Dichter etwa im Verkehrswesen angestellt?«

»War er das nicht? ich lasse mich gern belehren! War er es deiner Meinung nach nicht, so laß das Rad dunkel, – schon Gottfried August Bürgers wegen – und erleuchte nur die Buchstaben.«

»Aber Paddenau?«

»So laß die Buchstaben dunkel und erleuchte nur das Rad.«

»Aber ich? Was soll ich den Paddenauern sagen, wenn ich mit meinem Prologe vor und unter diesem Rade stehe?«

»Ja, das ist freilich wahr! Nun, da ist es das beste, du lässest alles dunkel und bittest den Herrn, daß er dich selber erleuchten möge. Einen andern Rat weiß ich augenblicklich nicht für dich, allein die Hauptsache ist doch, daß du dein Programm und deine Anordnungen soweit fertig hast, daß das große Fest auch ohne mein Transparent in Szene gesetzt werden kann.«

»Ein Transparent müssen wir haben; sonst aber habe ich sicherlich mein möglichstes getan, um ohne dich fertig zu werden.«

»Und zum erstenmal erkennt Paddenau, was es an dir besitzt. Beim Zeus, Freund, ich steige jeden Tag mit größerer Verwunderung aus meinem Winkel in eine mir gänzlich fremd gewordene Welt hinein; – du bist doch ein bedeutender Mensch, Gustav! Was hast du den Paddenauern und Paddenauerinnen eingegeben, um sie in eine solche Bewegung zu bringen? Ich staune dich an; die gütige Mutter Natur hat dir zwar ein paar tüchtige Schultern verliehen, allein ich halte es dessenungeachtet für ein Kunststück, diese ganze drollige ästhetisch-literarisch-historisch fiebernde Dräumlingswelt auf dem Nacken zu tragen.«

»Es ist auch keine Kleinigkeit, mein Guter, das versichere ich dich. Wie du übrigens so ruhig hier in deinem Winkel, deiner Ecke bleiben kannst, begreife ich nicht. Selbst von deinem ironischen Standpunkte aus hättest du mit beiden Füßen in die Komödie hineinspringen müssen, und würdest früher es auch getan haben. Haeseler, du machst mir mehr Sorge, als das große Fest mit allen seinen Ängsten und Ärgernissen.«

Der Maler seufzte tief.

»Ich erkenne dich überhaupt nicht mehr, Haeseler. Was hast du? was fehlt dir? wo drückt dich das Erdenleben? Man sieht dich nicht mehr, und wenn man dich sieht, so bist du zerstreut und gibst die verständigsten Antworten auf alle Fragen, welche man an dich stellt, was früher deine Gewohnheit keineswegs war.«

»Herzlichen Dank für die gütige Bemerkung,« rief der Maler, dem Rektor innig die Hand schüttelnd. »Ich danke dir freundlichst für deine Beobachtungen, Vetter Michel, obgleich du dich wie gewöhnlich in denselbigen nicht zurechtzufinden scheinst:

Sie hatten ihn bald, aber –
Der Has lief in den Haber;

ich habe wenig Zeit für Paddenau übrig; ich arbeite angestrengt, – das ist das Ganze.«

Der Rektor warf einen ziemlich sonderbaren Blick auf die große Sumpflandschaft und meinte:

»Das muß eine eigentümliche Arbeit sein! von der Anstrengung sehe ich wahrhaftig kaum etwas. Bitte, erkläre mir doch, deute mir an, nach welcher Richtung hin dieses unbestimmte, unbestimmbare graue Etwas in seiner Vollendung zum Gräulichsten vorrückt!«

»Wie geht es deinem lieben Weibe? was machen deine Kinder?« fragte der Maler grinsend ablenkend.

»Ich danke dir; die Kinder befinden sich wohl, und die Frau ist ebenfalls ganz munter. Übrigens – im strengsten Vertrauen – das anonyme Schreiben mit dem Motto: Wir und unsere Ideale, war in ihrer Handschrift, und Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff diktierte ihr an meinem Schreibtische die bittlichen Worte in die Feder.«

»Wa – was?«

»Jawohl, und wir wußten kaum, ob wir mehr lachen oder uns ärgern sollten, als die regenbogenfarbige Antwort in den vier Fuß hohen Buchstaben uns mit deinen Komplimenten in den grünen Esel geschleppt wurde.«

»O ich mehr als grüner Esel!« rief der Maler.

»Was stand an dem Tempel zu Sais? . . . Während du dich dem unfruchtbaren Genusse hingabest, deinen eigenen Sumpf mit untergeschlagenen Armen anzurauchen, lenkte die reizende Wulfhild, nicht ohne eine gewisse Bosheit, die Feder meiner Agnes an meinem Schreibtische, und du, der du es natürlich mit einer ästhetisch-gebildeten Paddenauerin zu tun zu haben glaubtest, machtest dich dem hübschesten und klügsten Mädchen des Dräumlings gegenüber lächerlich. Ich versichere dich, wir haben gelacht, als wir dein Machwerk im Saale des grünen Esels aufrichteten, und jetzt ist es auch vollkommen gleichgültig, was du zur Verherrlichung der Feier beigetragen hast: Wulfhilde Mühlenhoff deklamiert am Zehnten unter deinem Transparente meine Verse; wir werden es schon einzurichten wissen, daß Paddenau die es betreffende Anzüglichkeit nicht bemerkt, und was dich angeht, alter Junge, so kann ich dir höchstens raten, den Blick verschämt niederzuschlagen oder nach inwendig zu wenden, wenn ein Strahl aus dem Auge der wonnigen Muse auf dich fallen sollte. O, ich sage dir, ganz Paddenau – wir nicht ausgeschlossen – wird zehn Jahre durch an diesem hundertjährigen Jubelfeste zu verdauen haben!«

Jetzt hielt der Maler den Philologen an den Schultern und suchte ihn zu schütteln, was ihm jedoch kaum gelang.

»Mensch, das darf nicht sein, das soll nicht sein, ich leide es nicht. Gustav, ich dulde es nicht, daß dieses hundertjährige Jubiläum auf meine Kosten gefeiert werde. Das Mädchen mag deine Verse sprechen, wovor sie will, nur nicht vor meinen roten, gelben, grünen und blauen Buchstaben. Wage es, aber nimm dann auch die Konsequenzen auf dich. Ich verspreche dir einen Skandal, wie ihn Paddenau noch nie erlebte. Ungeheuer, laß mich rädern, nur nicht durch mein eigenes geflügeltes Rad.«

»Beruhige dich doch! so feinfühlig, wie du dir einbildest, sind wir hier im Dräumling nicht.«

»Nichts bilde ich mir in der Beziehung ein; aber meine eigene Feinfühligkeit wünsche ich geschont zu sehen.«

»Bah!«

»Gustav, Gustav, bei unserer Freundschaft –«

»Bester Freund, wir nehmen eben, was man uns geben will. Du gabst, und wir sind zufrieden. Erkenne das doch an.«

»Der Mensch will mich zur Verzweiflung bringen; – Gustav, ich male dir, was du willst, und liefere es dir zu jedem dir passenden Zeitpunkt.«

»Danke; allein bei besserer Überlegung erscheint mir das Eisenbahnsymbolum so sinnig, daß ich dich nicht von neuem in die Kosten künstlerischen Grübelns stürzen mag.«

»Herrgott, ich habe in München ein Duell mit einem Kritiker ausgefochten, der mich in seinem Journal einen sinnigen Menschen genannt hatte! Jetzt peinige mich nicht länger: was wünschest du für dein Fest zu haben? wohin gehen ihre – des Fräuleins Wünsche?«

»Nun denn; offen gestanden eine Muse, oder eine Germania, oder etwas dem Ähnliches, und vielleicht mit der Umschrift: Seid einig, einig, einig! oder dergleichen wäre uns lieber als deine jetzigen farbigen Lettern. Das Rad kannst du, wenn es dir einmal so sehr am Herzen liegt, dazu anbringen.«

»Ich habe Lust, dir selber die Knochen damit zu zerstoßen, du Scharfrichter! Bis wann verlangst du das Bild?«

»Bis übermorgen nachmittag vier Uhr müßte das Werk im grünen Esel aufgestellt sein.«

»Ah!« seufzte der Maler, wie von einer unendlichen Last und Bedrängnis befreit. »Das muß ich sagen,« fügte er hinzu, »du hast in Paddenau gelernt, wie man jemand die Daumschrauben aufsetzt. Na, alles in allem genommen, danke ich dir für das Billett deiner Frau. Grüße sie freundlichst von mir. Was lachst du? Löse sofort das Problem und fliege! Fliege ab und nimm die Versicherung mit, daß seit Untertertia mich kein zweiter Schulmeister in einen solchen Schweiß hineingeängstigt hat, wie du heute.«

Der Rektor lachte; – er lachte m dem Atelier seines Freundes, er lachte vor der Tür des Ateliers, er lachte auf der Treppe, und er lachte auch noch vor der Haustür. Dann aber flog er wirklich, um noch hundert wichtige Angelegenheiten in Paddenau in Ordnung zu bringen, ohne jedoch zu versäumen, im Vorübereilen auf dem Marktplatze das Piedestal von behobelten und marmorartig angestrichenen Tannenbrettern, auf welchem am zehnten November die Büste des hohen Sängers prangen sollte, liebkosend zu betätscheln.

 


 

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