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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 8
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
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Das siebente Kapitel.

Es war ein sehr schöner Abend, und die Nacht, die sich auf den Ozean zu stürzen pflegt, überschlich den Dräumling und den Paddenauer Teich in einer Art, die etwas ungemein Behagliches und einschmeichelnd Vertrauliches an sich hatte. Der Maler ging mit seiner Zigarre im Munde in der Dämmerung unter den Apfelbäumen, zwischen den Buchsbaumeinfassungen der engen Wege des Gartens auf und ab.

»O Paddenau! Paddenau! Paddenau!« seufzte er unter Kopfschütteln, Stehenbleiben und Weitergehen, wie ein Mensch, der sich vergeblich abmüht, einer Sache auf den Grund zu kommen, oder ein seltsames Rätsel zu innerstem Genügen zu lösen.

Plötzlich seinen Wandel von neuem unterbrechend, packte er den Freund wie zornig am Oberarm, schüttelte ihn derb und rief:

»Jetzt, Mensch, Göttergünstling, Beneidenswerter, sage du mir, sitzt dieses prächtige Mädchen immer so still? tut sie den Mund nie auf? hat sie niemals etwas zu bemerken, wenn jemand Weisheit und Unsinn auf sie einredet stundenlang?«

»Wulfhildchen Mühlenhoff?«

»Ja, Wulfhilde Mühlenhoff! Seelenloser, fragte ich in einem Tone, der solchen trivialen Widerhall möglich machte?«

»Nein; du legtest freilich Seele genug in deine Fragen; aber das Kind ist seit längerer Zeit meine gute Freundin, und wir stehen auf ganz vertrautem Fuße miteinander. Sie sitzt freilich nicht immer so still, wie am heutigen Abend, und weiß auch recht wohl in eine Unterhaltung einzugreifen, wenn sie es der Mühe wert hält. Es ist ein recht gescheites Mädchen.«

»Und die Tochter –«

»Eines Mannes, der die Hoffnung eines unserer deutschen Vaterländer erzogen hat und mit dem Charakter eines Geheimen Hofrats pensioniert worden ist.«

»Ein solcher Mann lebt in Paddenau?«

»Vielleicht aus dem nämlichen Grunde wie du. Seine bodenlose Eitelkeit gestattet ihm nicht, in Rom der Zweite zu sein. Übrigens ist er ein Paddenauer.«

»Ich werde dem Menschen jedenfalls einen Besuch abstatten.«

»Du malst den Sumpf; er setzte sich in den Sumpf. Er besitzt einen Garten drüben am entgegenliegenden Ufer des Teiches und wohnt im Winter in der Marktstraße. Seine schöne Tochter kommt in der jetzigen Jahreszeit, wie du bemerkt hast, dann und wann in ihrem Kahne zu uns. Im Winter kommt sie zu Fuße durch den Schnee. Man sagt in der Stadt, sie sei mit Knackstert Witwe und Sohn in Hamburg verlobt –«

»Sagt das deine Frau auch?« rief der Maler mit eigentümlicher Eifrigkeit.

»Du fragst sie besser selbst darnach. Da ich Knackstert Witwe und Sohn nicht kenne, so ist es mir bis jetzt ziemlich gleichgültig gewesen, wieviel Wahrheit dem Gerücht zugrunde liegt.«

»Ich werde dem Mann doch einen Besuch abstatten,« sprach der Maler nach einer längern Pause.

»Ich habe mein Teil, ich bin ein verheirateter Mann, bin Vater –«

»In fast übertriebenem Maße.«

»Ich werde dir nicht abraten, die Visite zu machen; allein ich bitte dich, mir zu gestatten, dich zu warnen, zumal nach dem begeisterten Tone deiner gegenwärtigen Fragen: die Firma Knackstert Witwe und Sohn existiert in Hamburg.«

»O, ich habe in Bremen gelebt.«

»Desto besser, obgleich ich eigentlich nicht einsehe, wozu dir das im vorliegenden Fall nützlich sein soll.«

»Ich habe Knackstert Witwe und Sohn auch in Bremen kennen gelernt, und weiß deshalb ganz gut mit ihm fertig zu werden.«

»Da kommt das Kind! Was für Torheit man doch in solch eine schöne Sommernacht hineinschwatzen kann! und noch dazu mitten im österreichisch-italienisch-französischen Kriege!«

»Grade darum,« sagte der Maler, mit Ohr und Auge sich dem Hause zuwendend. –

Von dorther erklangen Abschied nehmend die Stimmen der beiden Damen. Wie gewöhnlich war in der Tür noch das Wichtigste zu bereden; aber endlich riß man sich doch unter den nötigen Grüßen und Wünschen voneinander los, und Wulfhild schritt durch den dunkelnden Garten auf die Herren zu.

»Wollen Sie uns schon verlassen, Liebste?« fragte der Rektor. »Wenn Sie wüßten, was mein Freund Haeseler –«

Der Freund Haeseler gebot dem Freunde Fischarth durch einen Rippenstoß Schweigen, und das Fräulein sagte:

»Der Vater wird gewiß bereits ängstlich um mich geworden sein. Seine Nerven haben ihm in den letzten Tagen leider wieder wenig Ruhe gelassen. Er schläft nicht, und –«

»Beträgt sich unliebenswürdig im höchsten Grade. Nur ein Engel kann es in seiner Nähe aushalten; oder vielleicht ein Mensch, wie hier mein Freund Haeseler. Haeseler, du solltest dem Herrn Hofrat doch morgen schon einen Besuch abstatten. Ich bin überzeugt, ihr werdet einander recht wohl gefallen.«

»Ich bin erbötig, mich heute abend bereits dem Herrn Geheimerat vorzustellen. Wir Nervenleidenden sind die richtigen Leute für Abendbesuche. Ich fühle mich berauscht genug, um jeden Nachbar im Leiden dieser Welt in meinen Rausch mit hineinziehen zu können. Fräulein Mühlenhoff, geben Sie mir einen Platz in Ihrem Kahn!«

»Mit Vergnügen,« sagte Wulfhilde einfach. »Der Vater wird sich sehr freuen, Sie kennen zu lernen. Er hat schon einige Male von Ihnen gesprochen.«

Der Sumpfmaler sprang von der Höhe des Gartens hinab an den Teich, eilfertig den Strick lösend, mit welchem der Kahn unter dem Zaune befestigt lag. Er bot dem jungen Mädchen die Hand und ergriff selber die beiden leichten Ruder.

»Gute Nacht, Fischarth,« rief er.

»Gute Nacht, Wulfhilde,« lachte der Schulmeister. »Dir wünsche ich nichts, Rudolf.«

»Remigeremo lentamente! wir werden langsam rudern,« murmelte der Künstler, und zwei muntere Schläge führten das zierliche Fahrzeug weit hinaus auf die stille Flut des Paddenauer Sees, während der Rektor langsam seiner Wohnung zuschritt und bemerkte: »Er ist wirklich imstande, sehr langsam zu rudern, und ich glaube, an seiner Stelle würde ich mich auch nicht unnötigerweise beeilen. Übrigens muß ich die Geschichte doch meiner Frau erzählen; – Donnerwetter, nein! ich werde sie für mich behalten, ich werde mir dieses grüne romantische Plätzchen für meinen ausschließlichen Gebrauch offen halten. Laß sie ihre Berliner Nase selber gebrauchen! was geht es mich an?«

Es ging ihn in der Tat nichts an, denn zehn Minuten später stand er von neuem an seinem Fenster und deklamierte in die harmlose Dräumlingsnacht hinaus und hinein:

»Es liegen die Knochen
Der Vorwelt geschichtet
In schweigenden Reihen
Platonische Jahre,
Und immerdar quält sich
Und wähnet zu bauen
Für ewige Zeiten, –
Für ewige Zeiten
Sein Denkmal zu türmen
Das Eintagsgeschlecht.«

»Willst du nicht zum Abendessen kommen, lieber Gustav?« fragte die Frau Agnes, den Kopf in die Tür steckend, und freundlich hinzufügend: »Außerdem wartet auch Pieperling draußen mit einem offenen Billett vom Herrn Notarius Appe. Der Mann behauptet, du habest sein Fritzchen heute morgen ganz widerrechtlich und noch dazu nicht als ein Mensch und Christ, sondern als jähzorniger Heide und wütender Barbar halb tot geschlagen. Ähnlich sieht es dir, mein Herz!«

»Na, da hört denn doch alles auf!« rief der Rektor von Paddenau fast wehmütig im grimmigen Gefühl gekränktester Unschuld.

 


 

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