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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 5
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
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Das vierte Kapitel.

Einige Wochen sind vergangen; es ist eigentlich ein Wunder, wie ein so junges Weib, als die Frau Agnes Fischarth, schon eine so stattliche Familie haben kann. Ein kleiner Hof trennt die Hinterseite des Hauses des Paddenauer Rektors von einem ebenfalls nicht großen Garten. Dieser ist durch einen Lattenzaun von dem See oder Sumpfe geschieden.

Der Zaun ist überwuchert von Schlinggewächsen, und auf einer winzigen Erhöhung dicht daran ist eine Laube von kurzstämmigen Hainbuchen und einigen Holunderbüschen angepflanzt. Die Sommerabendsonne scheint in die Laube, auf den Tisch und auf die beiden Wiegen mit den drei jungen Fischarths. Die junge Mutter sitzt zwischen den beiden Wiegen und hat zur Rechten das Söhnlein und zur Linken die zwei Töchterchen. Herr Rudolf Haeseler sitzt am Tische, und der Rektor lehnt mit seiner Pfeife an seinem Gartenzaune, sieht über Schilf und Wasserpflanzen ins Weite und bläst blaue Rauchwolken seinen auch grade nicht grauen ober gar schwarzen Gedanken nach.

Der Gastfreund ist als Freund des Gatten der Frau Rektorin Agnes längst vorgestellt worden; letztere behauptet jedoch, bis jetzt dadurch wenig klüger geworden zu sein. Sie behauptete vor einer Stunde noch, aus diesem Menschen niemals klug werden zu können, und der Rektor hat ihr geantwortet:

»Dies ist auch ein schwer Ding, Diotima. Du bist übrigens nicht die einzige, welche in dieser Hinsicht im Dunkeln tappt; auch andere Leute haben sich in ganz der nämlichen Weise nach jahrelangem Verkehr mit dem Burschen geäußert.«

Der Maler Haeseler schaukelte eine Zigarre im Mundwinkel; aber zugleich mit dem rechten Fuße die Wiege des männlichen Drillings. Seine umfangreiche Skizzenmappe liegt auf dem Tische; er hat den ganzen Nachmittag im Wald und Moor zugebracht und scheint mit den Ergebnissen seiner Künstlerexpedition recht zufrieden zu sein. Die beiden jungen Eheleute haben seine Skizzen bereits betrachtet, sie im stillen einer eingehenden Kritik gewürdigt, und zuletzt, wenn auch laut, so doch schüchtern behauptet: es sei etwas drin, aber wo es eigentlich liege, sei schwer zu sagen. –

»Ich versichere Sie, Frau Agnes,« sagte der Maler, »ich habe die Sümpfe zu meiner Spezialität gemacht und befinde mich wohl dabei. Sie stecken eben drin und begreifen deshalb nicht vollständig, was dran ist; das ist aber durchaus kein Vorwurf; das ganze Wissen, Erkennen, Fühlen und Genießen der Menschheit hängt an demselben Haken und dreht sich um die nämliche Angel. Sie träumen von Alpen, Palmenwäldern, feuerspeienden Bergen, Weltmeeren; von Madonnen, Schlachten, Haupt- und Staatsaktionen und zwischen Ihren Wiegenliedern natürlich dann und wann auch vom Genre. Ich bin für den Sumpf und habe mich, sozusagen, hineingerettet. Meine Bilder werden mir anständig bezahlt und verdienen es. Der Sumpf ist original. Jeder Frosch, den ich auf ein Wasserrosenblatt setze, findet seinen enthusiastischen Liebhaber; die Störche im Ried sind eine Poesie für sich selber, eine Wonne der Kunsthändler und Kunstfreunde und, was das Wichtigste ist, eine Erquickung für meinen Geldbeutel. Wer im Rohre sitzt, schneidet sich Pfeifen, wie er will, und deshalb habe ich mich in das Rohr gesetzt. Im Schilfe lebe ich, und im Schilfe will ich sterben, und bis jetzt suchten nur der Neid und die Mißgunst mich daraus hervorzulocken.«

»Ach, Sie wollen nur über uns hier im Dräumling lachen!«

»So?« sagte der Maler mit wirklich unheimlicher Ernsthaftigkeit. »In München wagt man mir nur ins Gesicht zu lachen; hinter meinem Rücken lacht man sicherlich nicht, sondern ärgert sich nur. Man spricht viel zu leichtfertig vom Lachen in der Welt; ich halte es für eine der ernsthaftesten Angelegenheiten der Menschheit. Was ist deine Ansicht, Fischarth?«

»Ich denke bereits tief darüber nach, würde aber die Hauptpunkte, glaub' ich, besser in gebundener als in ungebundener Rede zusammenfassen können.«

»Gott behüte uns!« rief die Frau Agnes, und der Maler hielt es für seine Pflicht, selber dafür zu sorgen, daß der Kahn nicht auf Klippen oder Sandbänke stoße.

»Ich kenne sowohl die Alpen wie das Meer ziemlich genau,« sagte er. »Die einen sind längst platt getreten, das andere ist, der lustigen Kinderfabel zum Trotze, mit Fingerhüten ausgeschöpft worden. Da lobe ich mir den Sumpf. Die Mondscheinnacht, in welcher er mir zum erstenmal in seiner vollen Glorie aufging – es war in der Gegend von Rosenheim – war eine große Nacht sowohl für die Kunst, wie auch für den ratlosen, rand- und bandlosen, von allen Zweifeln zerfressenen Künstler, den spätern, das heißt sofortigen Sumpfmaler Rudolf Haeseler.«

»Und es gefällt Ihnen in hiesiger Gegend?«

»Gefallen? Der Dräumling ist das Paradies, und Paddenau ist der Baum der Erkenntnis, der in demselben wächst.«

»Das sage ich auch!« rief der lateinische Schulmeister und deutsche Poet, sich halb nach der Laube und ganz nach seiner Frau umdrehend; ach, aber Eva seufzte leider nur allzu beklommen.

»Du wolltest ja deine blauen Hefte jetzt korrigieren,« sagte sie, und lächelnd meinte der Philologe:

»Das heißt, du wünschest, mich augenblicklich los zu sein, um mir mein Paddenau ungestraft schlecht machen zu können. Ich will dir den Gefallen tun, da ich muß. Benutze die Zeit, Agnes, und mache deinem Herzen einmal wieder nach Bedürfnis Luft. Hilf ihr dabei, Rudolf. Viel Vergnügen!«

Langsamen Schrittes entfernte er sich durch die Stachelbeerbüsche seiner Gartenbeete und verschwand im Hause. Die Frau Agnes schlug die Augen zum Himmel empor, sah über den großen Teich hin, sah halb lachend und halb ärgerlich auf den Gastfreund und sprach:

»Es ist unerträglich. Ist er fort? Ja. Nun, so sagen Sie mir offen, haben Sie ihn wirklich so gefunden, wie Sie ihn zu finden wünschten?«

»Besser! viel besser! das ist ein Glücklicher. Wahrlich, das ist ein glücklicher Mensch!«

»Das ist er freilich,« seufzte die Frau Agnes leise und mit einem Blicke auf die beiden Wiegen. »Freilich ist er das! Aber Paddenau? Wissen Sie, ich bin aus Berlin und sitze in Paddenau – das ist doch auch zu bedenken. Er bedenkt es aber nicht; ich glaube, er weiß es nicht einmal, und wenn er es gewußt hat, so hat er's längst vergessen, und das ist noch schlimmer.«

»Das ist scheußlich.«

»Nein; denn es kommt noch schlimmer: er ist nämlich der festen Überzeugung, daß ich es bei ihm und in Paddenau gut habe, und damit begnügt er sich.«

»Das ist freilich noch viel scheußlicher.«

»Ach, Herr Haeseler, im Grunde glaube ich selbst, daß wir beide es nur zu gut haben; aber Paddenau ist entsetzlich.«

Der Maler strich nachdenklich seinen Bart und wiegte sinnend das Haupt, oder einfacher, den Kopf. Er kannte bereits die Gegend vielleicht besser, als die Frau Agnese Fischarth aus Berlin. Erst nach einer geraumen Zeit tat er eine ganz sonderbare Frage. Er fragte nämlich:

»Sagen Sie einmal, liebste Freundin, wissen Sie wohl, daß momentan da draußen Krieg ist?«

»Krieg? . . . Wie kommen Sie . . . ja die Österreicher, die Franzosen und der König von Sardinien zanken sich dort, ich weiß nicht um was; um den Papst, oder um eine viereckige Festungsfasson; aber was geht das uns hier im Dräumling an, und was wollen Sie grade jetzt damit? Na, ich merke schon, was Sie damit sagen wollen! Nicht wahr, wir sollen froh sein, daß wir hier sitzen und nichts von dem Spektakel da draußen wissen oder uns wenigstens nicht darum zu kümmern brauchen? Damit kommen Sie mir nur ja nicht, das wäre für einen Mann wie Sie doch eine zu gewöhnliche Auffassung! Ich sage Ihnen, wenn Juden und Franzosen, Polen, Russen, Österreicher und Italiener zu gleicher Zeit auf mich losrückten, so würde ich nicht mehr auszustehen haben, als was ich Tag ein, Tag aus, hier am Orte, an meinem Mann erlebe. Ich bin aus Berlin und fürchte mich vor niemand, also auch hier vor dem Sumpfe nicht; aber daß das Leiden dadurch nicht erträglicher wird, können Sie sich wohl vorstellen, Herr Haeseler.«

»Hm!« machte der Maler.

»Herr . . . wäre es Ihnen angenehm, zu erfahren, daß auch ich unter Umständen Philosophie studiert haben kann?«

»Das wäre mir gewiß sehr angenehm.«

»Nun denn, so sage ich Ihnen, daß ich im Grunde noch viel poetischer angelegt bin als mein Mann. Bei meinen Eltern in der Stralauerstraße fiel es auch niemand ein, daran zu zweifeln; aber hier in Paddenau, hier im Dräumling – wer fragt danach? hier geht das alles vor die Frösche.«

»Hurra, Frau Agnes, liebe, gute Freundin, sehen Sie, grade so ist es mir ergangen!« rief der Maler, enthusiastisch aufspringend. »Gerade die nämliche Erfahrung habe ich machen müssen, obgleich ich nicht aus Berlin, nicht aus Köln an der Spree, sondern nur aus Köln am Rhein bin. Für poetisch im höchsten Grade galt auch ich in meiner Eltern Hause in der Hochstraße; aber nachher in Paris, in Rom, in Athen, in Wien, in München, und – leider auch in Berlin ist das alles ebenfalls vor die – Frösche gegangen!«

»Darüber möchte ich doch gern etwas Näheres erfahren,« sagte die Frau Rektorin mit einem bedenklichen Blicke auf den Freund ihres Gatten. Der aber hielt den Strahl ruhig aus und ließ ruhig die junge und hübsche Philosophin hinzufügen:

»Mein Mann ist aus Obisfelde; ihn scheint niemand in seiner Jugend für poetisch gehalten zu haben, und jetzt –«

Sie brach leider ab und seufzte so tief, daß der Maler nun doch lachen mußte, er mochte wollen oder nicht.

»Wir verständigen Leute,« sagte er, »müssen eben zeigen, daß wir die verständigen Leute sind. Wir müssen Geduld haben, Frau Agnes. Es ist nur gut, daß wenigstens Paddenau nichts von seiner bedauernswerten Schwäche weiß.«

»Nichts weiß? O lieber Freund, das ist nicht die rechte Art, mich mit dem gräßlichen Orte auszusöhnen. Sie wissen übrigens auch recht wohl, Herr Haeseler, daß die Stadt alles weiß; doch brechen wir ab, nach der Seite hin ist eben kein Trost zu finden. Sie wollten mir von Ihrem eigenen Leben etwas erzählen, ich bitte Sie jetzt darum.«

»Richtig; Sie wollten wissen, wie mir die Poesie des Daseins da draußen verlorengegangen ist. Nun denn, der erste und unterste Grund davon liegt darin, daß ich Geld habe! Sie sehen es mir wohl nicht an, aber es ist so –«

»Gustav hatte dreitausend Taler väterliches Vermögen, aber die hat er längst durchgebracht.«

»Das kann ich bezeugen, denn ich war dabei; aber das hat augenblicklich nichts mit meinen eigenen Verhältnissen zu schaffen – sehen Sie doch den Kahn! . . . er wird hierher gelenkt! . . . o bei allen Farben meiner Palette, wer ist die reizende Schifferin?«

Die Frau Rektorin von Paddenau sah auf den Teich und sagte:

»Die kennen Sie doch schon. Verstellen Sie sich nur nicht. Es ist Wulfhilde Mühlenhoff. Sie wird mir einen Besuch abstatten wollen; lassen Sie sich ja nicht durch sie stören.«

»O durchaus nicht!« rief unser Freund Rudolf Haeseler.

 


 

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