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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
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Das dritte Kapitel.

Es sitzt seit einer halben Stunde einer in Ihrer Stube und wartet auf Sie, Herr Rektor,« sagte die Dienstmagd am folgenden Morgen zu dem aus seiner Schule schwitzend heimkehrenden Philologen.

»Es sitzt einer in meiner Stube?« wiederholte Fischarth. »Und zwar seit einer halben Stunde? hat er denn seinen Namen nicht genannt?«

»Nein; aber er hat ihn auf einem Blatt Papier der Frau hineingeschickt, und er hat zwei lange Ohren darauf und sitzt aufrecht und sieht aus wie ein Hase, der drei Eier gelegt hat, wie ein Osterhase. Die Frau hat durch mich heraussagen lassen, es sei ihr angenehm, und sie freue sich, und er solle es sich bequem machen, der Herr Rektor kämen gleich.«

»Der Herr Rektor kämen gleich. Gut!« sagte der lateinische Schulmeister und trat vor allen Dingen erst in das Gemach seiner Gattin; wir aber gewinnen dadurch Zeit, uns dem Unbekannten mit den zwei langen Ohren, der wie ein Osterhase aussah und in des Hausherrn Stube wartend saß, ein wenig eingehender zu widmen.

Der Gast hatte es sich bequem gemacht. Er saß in des Rektors Stuhle vor des Rektors Schreibtische und blätterte unbefangen in des Rektors Papieren; – ein etwas dürrer Mensch mit einem langen Gesicht, gelbrötlichem Haarwuchs und rötlichem Schnauz- und Spitzbart. Er war angetan mit einer braungelblichen Joppe, trug den braunrötlichen breiträndigen Filzhut noch auf dem Kopfe und gähnte augenblicklich sehr, eines der Manuskriptstücke des Rektors Gustav Fischarth in der Hand haltend.

»Nicht ist's das gleiche, ob wir übersommern
In Hinter-Indien oder Hinter-Pommern,«

las er und brummte: »Auch eine Bemerkung, der man den Paddenauer Boden anmerkt. – Alkibiades? Wie kommt denn dieser frivole Grieche in den Dräumling? – Sulamith, ein Epos – das muß ich sagen, an Stoffen scheint es dem Menschen nicht zu mangeln! Die Poesie hat doch in betreff ihrer Verbreitung eine merkwürdige Ähnlichkeit mit der Hundswut. Einer beißt den andern – der Raptus bricht aus nach neun Tagen, neun Wochen, Monaten oder Jahren, und über ein Radikalmittel dagegen zerbricht sich die Menschheit bis heute vergeblich den Kopf.

O Sonne, hohe Göttin, Zauberin,
Du schufst mein Herz, den Löwen und den Pfau,
Du schufst das Gold, das Auge, den Rubin,
Den Haß, die Liebe, so wie meine Frau;
Smaragd und Purpur sinkt dein Mantel hin
Zu Füßen dir – um dich das ewge Blau!
Den König schufest du und Sulamith,
Und Sabas Herrscherin und dieses Hohe Lied.

Kleopatra? Ach du liebster Herr Jesus, noch ein Epos!

Vom Steuer winkte jetzt der braune Mann,
Und klirrend fielen ab die leichten Bande.
Wie dieses Verses Wohllaut schwoll heran
Des Cydnos Flut und hob das Schiff vom Lande;
Ein lindes Wehen füllt das Segel an,
Und helles Jauchzen schallt herab vom Strande:
Die Mädchen kreischen, doch die Königin
Steht hoch und still und sieht zum Ufer hin.

Nun beim Apoll und seinen neun Ambubajen, ich würde dasselbe tun, wenn ich nur Ufer sähe in dieser Flut von Reimen! Der Verstand steht mir auch ohne das still, das ist eine Tatsache. Und alles in Stanzen . . . Don Quixote:

Wie lachten sie, wenn er vorüberzog
Auf magerm Gaul, gewappnet wunderlich
In rostig Eisen; aus dem Fenster bog
In Hütte und Palast der Pöbel spottend sich.
Des Helden Blick weit in die Ferne flog,
Mit dürrer Hand den Knebelbart er strich –«

Der Genießende strich während einer geraumen Zeit seinen eigenen spitzen Bart; dann warf er plötzlich das Blatt hin, sprang auf und zum Fenster und holte sich ein halbes Dutzend Atemzüge der frischesten Luft, welche Paddenau zu bieten hatte. Dann schritt er mit untergeschlagenen Armen auf und ab.

»Es soll mich wundern,« sagte er mit innigstem Mitleid und unbeschreiblichem Nachdruck, »wie ein Mensch, welcher das alles im Manuskripte liegen hat, aussieht! Das muß ja ein wahres Jammerbild sein! . . . Ja, wenn er es noch hätte drucken lassen; aber – so! . . . das ist in der Tat entsetzlich! O ihr Götter, jetzt weiß ich, weshalb ich den armen Teufel mit solcher Verwunderung in den Gassen von Paddenau vermißt habe. Ich bin ihm zwanzigmal begegnet, aber ich habe ihn nicht erkannt. Er muß furchtbar heruntergekommen sein – und noch dazu Gatte – und Vater – dreifacher Vater –«

Er brachte seine Lamentationen nicht zu Ende, denn in diesem Augenblicke wurde die Tür aufgerissen und der Paddenauer Rektor Gustav Fischarth erschien auf der Schwelle, den Hut im Nacken, seine Schulbücher unter dem Arme, glänzend, grinsend, im vollen hellblonden Bart, breitschulterig, ungemein wohlgenährt und sehr gesund mit dem Rufe:

»Haeseler?! Ist es denn möglich? Mensch! Freund! Göttergesendeter! Ungeheuer, wo kommst du denn her?«

»Na, das muß ich sagen!« rief der Gast, auf der Stelle vom tiefsten Mitleid zur höchsten Verwunderung übergehend, und darauf fast betreten an sich selber hinunter und mit neuem Erstaunen an dem Rektor hinaufblickend. »Und ich habe ihn soeben noch bedauert! Guten Morgen, lieber Fischarth; – ich brauche mich wohl nicht zu erkundigen, wie du dich befindest? Ein Trauerspiel hast du sicherlich – wollt' ich sagen, hast du übrigens wohl nicht vorrätig?«

Der Rektor sah nur einen Augenblick lang den Fragenden fragend an, nach dem ersten Blick über die durchwühlten Schriften auf seinem Schreibtische kam ihm sofort das Verständnis. Sein Lächeln wurde womöglich noch sonniger.

»Eines?« rief er verächtlich, legte schnell seinen Schulapparat auf den vor dem Sopha stehenden runden Tisch, schob den Gast von seinem Schreibtische fort, bückte sich, griff in die Tiefe und zog ein Paket Papiere hervor, das durch rote, grüne, blaue Bänder und Bindfaden wie ein Paket Wäsche abgeteilt war.

»Eines?« wiederholte er. »Da!« sagte er stolz.

»Stilicho, fünf Akte – ein Stoff, wie kein zweiter! Gewaltige Szene zwischen dem Helden der Tragödie und dem Gotenkönig Alarich! Große tragische Charakterentwicklung der Thermantia, und dazu ein Ruffian wie der Staatsminister Rufinus! ich sage dir, mir schaudert selber vor dem Gemetzel im fünften Akte.«

»Einen Konradin oder sonstigen Hohenstaufen hast du aber nicht vorrätig?«

»Nein; – einen Konradin hat der Geheimerat Mühlenhoff im Pulte, aber ich der Abwechslung wegen einen Petrus a Vineis.«

»Ist es möglich?!«

»Gewiß! Und hier einen Thomas Münzer. Erlaube mir, dir schleunigst ein weniges daraus vortragen zu dürfen.«

»Mit Vergnügen,« sagte der Gast, ganz den Erwartungen des Lesers entgegen; und, sich behaglich reckend, begann der so sehr unbekannte Dichter mit der Bemerkung:

»Klaus Storch aus Zwickau hat das Wort –

So schleudert wohl die Flut ein Riesenschwert,
Das manch Jahrhundert durch das Meer bedeckte,
Hin an den Strand und läßt es dort zurück,
Versteckt dem Aug' durch Muscheln, Sand und Seetang.
Da findet es des Fischers Kind und bringt's
Des Dorfes Alten, die im Kreis sich sammeln,
Von Hand zu Hand die alte Waffe reichen
Und schüchtern manche Deutung darob wagen.
Aus Heldenzeit der Väter Wehr! so geht's
Von Mund zu Mund, und staunend prüfen alle
Die Wucht der Klinge und die dunkeln Runen,
Die auf ihr schrecken, und die niemand löst,
Bis kommt der rechte Mann –«

»Erlaube mir,« unterbrach hier der Gast, »dieser Zwickauer muß jedenfalls auf seiner Wanderschaft bis an den Strand der lauttönenden Amphitrite gekommen sein. Ein binnenländischer Tuchmacher würde sich eines solchen Bildes sonst wohl nicht bedienen.«

»Versteht sich!« rief der Poet. »Sein Wanderbuch liegt bei meinen und seinen dramatischen Personalakten. Die Visa der Schulzen von Heringsdorf und Misdroy stehen dir zur Einsicht bereit; sonst aber fragt jetzt Martin Kellner den Klaus Storch –

                                          Und dieser Mann,
Meinst du, sei nun gekommen, und die Klinge
Funkle zur Siegesschlacht in seiner Hand?
Der rechte Mann, dem dieses Schwert bestimmt,
Der rechte Mann, für den das Meer es barg
Durch tausend Jahre bis zu diesem Tag?

worauf Pfeifer meint:

So ist's! des Volkes Retter ist vorhanden.
Und alles ist bereit ihn zu empfangen.«

»Äh . . . äh . . . häh . . . häh!« erklang es in diesem Moment hell und schrillstimmig aus einem entferntern Gemache; der Poet warf sein Trauerspiel, seinen Thomas Münzer in den Winkel, packte den Fremden an beiden Schultern, schüttelte ihn derb und schrie:

»Aber Mensch, das alles ist ja lauter dummes Zeug! Meine Frau ist niedergekommen, und wir sind obenauf! Du stehst natürlich dreifach Gevatter, Rudolf; und nun verkündige mir vor allen Dingen: wo kommst du her, und was willst du eigentlich hier in Paddenau?«

»Auf die erste Frage antworte ich: aus München. Was die zweite Frage betrifft, so ist die nicht so leicht zu beantworten. Die Begriffe Sumpfstudium und Freundschaft drücken meine Bedürfnisse und Entschuldigungen in dieser Hinsicht vielleicht am passendsten und umfassendsten aus.«

»Und wann bist du angekommen, Seltsamster der Sterblichen?«

»Nun, vor ungefähr acht Tagen.«

Dem Rektor fielen die Arme am Leibe herunter, mit ungläubigem Staunen und fast verlegenem Lächeln sah er auf den Gast:

»Und du wohnst?«

»In der nächsten Gasse. Im goldenen Kalbe.«

Dem Rektor entging der Atem; er mußte sich setzen, tat es, starrte wie geistig gestört auf den Freund und sprach, nach Luft schnappend:

»Ich glaube, du lügst, Haeseler. Ich hoffe fest, daß du lügst; denn vieles wäre doch offengestanden etwas zu unheimlich.«

»Ich rede die Wahrheit.«

»Paddenau zählt höchstens sechs, bis siebentausend Einwohner.«

»Zu denen du vielleicht nicht gehörst.«

»Im goldenen Kalbe?«

»Im goldenen Kalbe.«

»Seit acht Tagen?«

»Wende dich an den Wirt.«

»Lieber Freund, ich hätte fast Lust, dich dort aus jener Tür, in welche du hereingekommen bist, wieder hinaus zu werfen.«

»Und ich bitte dich, mich vorher deiner Gattin vorzustellen, und um dieses möglich zu machen, werde ich mich noch einige Zelt länger in Paddenau aufhalten.«

 


 

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