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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 31
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
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Das dreißigste Kapitel.

Südlich von Paddenau und von dem Dräumling liegt Ägypten, das Land der Geheimnisse; und wo könnten wir uns jetzt, gegen den Schluß unseres Buches, mit größerem Nutzen hinverfügen als in dieses geheimnisvolle Land?!

Daß die Geographen den Erdstrich immer noch in Ober-, Mittel- und Unter-Ägypten einteilen, braucht uns weiter nicht aufzuregen; wohl aber muß es uns im höchsten Grade erfreulich sein, daß der Nil das Land noch immer der Länge nach durchfließt, jetzt wie vor ungezählten Jahrtausenden gegen Ende Juni anfängt zu steigen, im Dezember bis auf eine Höhe von zweiundzwanzig Ellen anwächst und die heilige, mysterienreiche Umgegend, zur Rechten und zur Linken seines Bettes, in den schönsten Sumpf verwandelt, den die Phantasie sich vorstellen kann.

Ein Sumpf von Nubien bis zum Delta! das gefällt den Störchen, wenn sie im September dem deutschen Vaterlande fröstelnd die Schwänze zeigen wollen!

Dann und wann bringt wohl eine Dame, wie es auch in andern Sphären zu geschehen pflegt, aus Veränderungstrieb, Neuerungslust oder Widerspruchsgeist Spanien für die »diesjährige Saison« in Vorschlag, allein die verständigen Hausväter gehen mit ihren Familien stets nach Ägypten und beziehen auf den heiligen Ruinen der Vorzeit als nachdenkliche, weise und ebenfalls etwas geheimnisvolle Vögel die altgewohnten Quartiere.

Es gibt noch wirkliche – echte Ruinen in Ägypten, so sehr auch das gebildete Europäertum seit der römischen Kaiserzeit es sich angelegen sein ließ, dieselben abzutragen, auf Schiffe zu verladen und über das Mittelländische Meer zu exportieren. An die Pyramiden hat sich noch kein mit genügender Staatsunterstützung ausgerüsteter Professor der Ägyptologie gewagt; auch die meisten Tempel, Sphinxe, Memnonssäulen und so weiter sind den Forschern und Liebhabern bis jetzt zu schwer gewesen. Eine Mumie kann freilich jeder stehlen und für ein gefälschtes Götterfigürchen, einen gefälschten Skarabäus, eine gefälschte Münze ein jeder den Geldbeutel ziehen.

Von Theben existieren noch gewichtige Rudera; ebenso haben sich bei Denderah mancherlei Kuriositäten erhalten; den Tempeln von Philae ist man, bis jetzt wenigstens, auch nur vermittelst des Zeichenstifts und des photographischen Apparates beigekommen, und Karnak – Karnak mag wohl schon einige Male von irgendeinem römischen Prätor, byzantinischen Exarchen, arabischen Emir oder türkischen Pascha auf den Abbruch verkauft worden sein, jedoch abgeholt ist es noch nicht worden.

Karnak! . . . Herodot kam nach Karnak und schrieb darüber, was dann Legionen anderer Leute angespornt hat, gleichfalls dahin zu gehen und darüber zu schreiben. Man soll dadurch allmählich es ziemlich weit in der Entzifferung oder vielmehr Enträtselung der Hieroglyphen gebracht haben, was für die wahren Herren Poeten aller Länder und Nationen ein unermeßlicher Gewinn sein würde, da sie ja ihre Werke natürlich ebenfalls nicht auf Buchstaben, Laute und Silbenbildung gegründet haben, sondern auf die sinnliche Darstellung des Geistes durch das Bild. Lassen wir es dahingestellt sein. –

Wenig mehr als eine Stunde gebraucht man, um auf einem Esel von Luxor nach Karnak zu reiten. Die Allee von Sphinxen, welche früher den Weg einfaßte, existiert nicht mehr, bis auf einige unbedeutende Trümmer der riesenhaften Herde; aber das Tor des Königs Ptolemäus Euergetes und der Königin Berenice steht noch. Es ist ein recht schäbiges Tor, und nur deshalb zu bemerken, weil man auf seinem Esel unter ihm durchreiten muß, um durch eine zweite Sphinxenallee zum Pylon und zu den Palästen des vierten Ramses, die freilich auch noch jung gegen das Haus des Osirtasen sind, zu gelangen.

Das Haus des Osirtasen mit seinem Pylon, der von hundertundachtunddreißig Säulen gebildet wird, das ist's, was uns reizt. Wir stehen und überlegen, wie manchem Doktor Schmidt, wie manchem Mr. Legrand, wie manchem Mr. Robinson, und wie mancher Miß Miller hier in der Betrachtung der Atem entgangen ist, und fast noch mehr imponiert uns die Vorstellung, daß einst Seine Exzellenz der Reichsfinanzminister, Baron Joseph Jakobsohn, mit seinem Steuerprojekte im Portefeuille an dem gigantischen Torweg vorfuhr, ohne sich durch denselben imponieren zu lassen.

Karnak! da liegt es am zwölften November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig mitten im Nilsumpfe – geheimnisvoll, herzerschütternd in seiner hülflosen Größe, und wirkt zu gleicher Zeit in alle Tiefen des Gemütes anheimelnd; denn auf der Höhe der Palastpforte des Osirtasen steht jener Storch, welcher sich im Sommer des Jahres vor unsern Augen erhob und durch seinen Flug nach Paddenau unsere Historie ebenso anmutig wie tiefsinnig eröffnete.

Ja, da steht er und wirkt bewältigender auf uns als alles übrige rund umher: denn wo bliebe alles – unser Buch nicht ausgeschlossen – wenn er nicht dastände?

Er legt den Kopf auf die Seite und blinzelt; er weiß ganz genau, was er bedeutet, und er macht sich ein wenig lustig über die Tempel und Paläste der Pharaonen. Letzteres ganz mit Recht. Wo wären ohne seinen schönen, langen Schnabel die Tempel der Pharaonen, die ewige Roma, vor welcher der Maler Rudolf Haeseler Reißaus nahm? wo wäre der Maler Rudolf Haeseler, wo wären die Drillinge der Frau Agnes Fischarth, wo des Rektors Fischarth ungedruckte Manuskripte? wo wäre die süße Tochter des Geheimen Hofrats Mühlenhoff und der Herr Hofrat? wo wäre das Schillerfest und wo unser Buch?

Ei freilich! auch dieses, unser Buch! Es rauschen noch andere Schwingen in der dunkelblauen heißen Luft. Ein Schatten fällt auf den glühenden Granit-Architraven, und dem Schatten folgt blitzschnell der Körper, der ihn wirft. Ein zweiter Storch steht plötzlich neben dem Paddenauer, begrüßt ihn klappernd, wird klappernd begrüßt und betrachtet sich nun gleichfalls vom Pylon des Osirtasen aus den Nilsumpf. Auch dieser zweite Storch besitzt ein Nest in Deutschland und zwar auf einer Villa am Starnberger See, welche augenblicklich noch das Eigentum eines reichen Nürnberger Kinderspielzeugfabrikanten ist, welche jedoch bereits mehrere Male in den Münchener Blättern zum Verkauf ausgeboten wurde, und deren Lage und Gebäulichkeiten dem Maler Rudolf Haeseler bei seinem letzten Aufenthalte in Leoni ausnehmend wohl gefielen.

Sie sahen hin aus Ägypten, der aus dem Dräumling und der vom Würmsee. Sie stellten sich ein jeglicher auf ein Bein und klapperten abermals, und der Ton reichte weiter in die Jahrtausende zurück, als irgendeine Ruine der Menschen auf dem ruinenbedeckten Erbball. Sie sahen sich an, klug und bedeutsam und trotz allem Ernste mit einem gewissen komischen Augenzwinkern. Das aber, was sie einander zu sagen hatten, reichte entsetzlich weit in die Zukunft hinein, und da die wunderlichste Krone der Schöpfung, der Mensch, mit allen seinen zukünftigen Bauwerken, Götter- und Dichterfesten sehr dabei beteiligt war, so bezog sich die Unterhaltung auch ein wenig auf den Maler Herrn Rudolf Haeseler und Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff, die Tochter des Geheimen Hofrates und voreinstigen Prinzenerziehers Doktor Mühlenhoff zu Paddenau.

Rasch zugreifen war die Hauptsache. Wenn der Sumpfmaler umgehend an seinen guten Bekannten, den königlichen Notarius Xaver Hopfenleitner in der Kaufinger Straße zu München, schrieb und ihn mit den nötigen Instruktionen und Mandaten versah, so konnte die Villa Noahkasten binnen vierzehn Tagen sein Eigentum sein, und der Schwiegerpapa nahm seinen Sommeraufenthalt vielleicht ebenso gern am Starnberger See, als in Blankenese.

»Rasch zugreifen ist die Hauptsache!« rief der aus dem Dräumlinge, entfaltete sein Flügelpaar und stürzte sich eiligst hinunter vom Pylon des Osirtasen und hinab in ein Papyrusdickicht. Sofort erhob sich in diesem Dickicht eine heftige Bewegung, ein lautes Platschen und ein Aufspritzen von Schlamm und gelbem Wasser. Was der kluge Jäger sah, ergriff und zu sich nahm, wollen wir nicht untersuchen; der vom Würmsee, welcher augenblicklich satt war, bemühte sich nicht weiter; aber er sah dem Genossen billigend nach, ehe er den Kopf unter den Flügel schob, um noch ein wenig tiefer als gewöhnlich über der Welt Lauf und Zustände nachzudenken.

Um die nämliche Stunde saßen der Maler Haeseler und der Schulmeister Fischarth auf der Stube des letztern auch zusammen, und Fischarth sagte eben:

»Meine Frau sitzt bei deiner Braut und ist vom Hause mit einer Miene fortgegangen, als ob etwas außergewöhnlich Sonderbares in den letzten Tagen durchaus nicht vorgefallen sei. Ihr Gesicht hat mir zu großem Troste gereicht, denn es war mir ein deutliches Zeichen, daß in der Welt alles wieder in das gewohnte Geleise zurückfällt: man muß nur die Zeit erwarten können.«

»Du bleibst doch immer der befremdliche Mensch, Gustav, der fort und fort sein Vergnügen daran findet, seinen Nachbar stutzig zu machen!«

»Ich?«

»Ja du! Überzeuge mich, daß in den letzten Tagen dir – mir, unsern – Damen etwas außergewöhnlich Sonderbares zu Paddenau im Dräumling widerfahren ist, und ich nehme auf der Stelle Vorwurf, Erstaunen, Spott und alles, was du sonst in meinem letzten Ausruf finden magst, zurück und leiste Abbitte.«

Laut atmend sprang der Pädagoge in die Höhe und rief mit einem fast verzweiflungsvollen Blicke nach der grauen Stubendecke:

»Rudolf, ich bitte dich, ich beschwöre dich, bringe mir meine Anschauungen und Begriffe nicht von neuem in Verwirrung. Du kannst es, weiß Gott, nicht verantworten! Wer hat denn etwas erlebt, wenn uns nichts passiert ist?«

»Jetzt bin ich fest überzeugt, im nächsten Moment hält er mir meinen Schwiegervater in der Rechten und meinen trefflichen Freund Herrn George Knackstert aus Hamburg in der Linken unter die Nase.«

»Ja, ja und dreimal ja! Haben die beiden armen Teufel in der letzten Zelt nicht mehrmals Grund gehabt, sich zu verwundern?«

»Ganz und gar nicht.«

»Nun,« sagte der Rektor von Paddenau, den Kampf aufgebend und mit einem tiefen Seufzer sich wieder niedersetzend, »dann gratuliere ich deiner Braut. Ihr werdet sicherlich eine behagliche Ehe zusammen führen.«

»Ganz gewiß! Ich habe sie lieb, und wir werden uns im Dräumling zurechtzufinden wissen.«

Auf dieses Wort hin sah der Freund den Freund groß an – lange an, reichte ihm dann die Hand über den Tisch, und damit – damit schließt eben das Buch vom Dräumling, das heißt, es schließt für uns; denn wir sind wahrlich nicht so dreist, zu verlangen, daß ein jeglicher unsern Standpunkt dem großen Sumpfe gegenüber einnehme.

Gegenüber dem Sumpfe? Stehen wir wirklich schon dem Sumpfe gegenüber?

Ach nein, wir sitzen sehr tief darin, und bemühen uns nur, wie der Maler Rudolf Haeseler, uns in dem Dräumling zurechtzufinden, halten das für ein nicht geringes Verdienst, aber werden uns nicht überheben und sicherlich niemals aus dem Dräumling heraus einem, der dem Dräumling gegenüberzustehen behauptet, das, was man einen guten Rat nennt, geben.

 

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