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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
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Das zweite Kapitel.

Das Haus, in welchem der Rektor Fischarth wohnte, lag in der Wassergasse, und die Wassergasse zog sich, durch ihre eine Häuserreihe vom See getrennt, am Ufer hin, soweit Paddenau reichte, von einem Ende bis zu dem andern. Dem Hause des Rektors gegenüber lag die Wirtschaft zum Krebs, welche sich, den beiden vornehmern Gasthäusern der Stadt, dem grünen Esel und dem goldenen Kalbe gegenüber, in einer gewissen altertümlich-verrauchten, ehrbaren Gediegenheit wohl zu behaupten wußte, und allwo im Sommer nicht nur der nahrhafte Bürgerstand, sondern auch die Optimaten bis zum regierenden Bürgermeister hinauf ihr inniges Genügen in dem schattigen Wirtsgarten und an der trefflichen Kegelbahn fanden.

Hierher, und zwar in den Garten, verfügen wir uns, nachdem wir den Rektor Gustav Fischarth mit den Drillingen und der Frau Agnes in seiner Häuslichkeit kennen gelernt haben. –

Von der Kegelbahn herüber erschallte das Rollen der Kugeln, das Gepolter der Kegel und das Rufen des Kegeljungen. In einer dichtbebuschten Laube saß, beleuchtet von einem leise flackernden Lichte, die Gesellschaft, mit welcher wir es augenblicklich zu tun haben, und sechs Schritte weiter ab, in einer andern Laube, saß jemand, der sich heut abend gleichfalls noch ins Spiel mischen wird, und im Fortgange desselben auch sein Vergnügen dabei finden kann.

Das Gespräch in der größern Laube drehte sich im Anfange um ein für die Gegend sehr wichtiges Thema.

»Die Reseda, Linde und Akazie honigen doch recht gut,« sagte eine Stimme, »ich hätte es nicht gedacht; aber die Völker entwickeln sich recht nett. Mit dem Frühjahr war es gar nichts – fleißige Arbeit an einem Tage und um so niederträchtigere Faulheit am andern! Wäre das dermaßen fortgegangen, so hätte es sich wahrlich gelohnt, ein Imker zu sein.«

»Das sage ich auch; aber ich sage auch, auf den Buchweizen kommt's jetzo hauptsächlich an,« sprach ein zweite Stimme. »Na ja, und hat der abgeblüht, und ist die Heide noch nicht aufgeblüht, so werden wir, wie im vorigen Jahre, die großartigsten Räubereien erleben, daß der jetzige Krieg da drunten in Italien gar nichts dagegen ist.«

»Das meine ich ebenfalls!« schrie eine dritte Stimme; »es ist eben der Buchweizenhoniggeruch, der die Völker aufeinander lockt. Zehn Stöcke sind mir im vorigen Jahre rein ausgeraubt, und was das Wachswerk anging, so war das zerschroten, daß ich bei Betrachtung aus Wut meine Frau hätte prügeln können.«

Hier lachte natürlich Paddenau durch alle Tonarten, doch dann meinte jemand: »Ein recht ordentlicher Landregen im August ist die beste Hilfe dagegen, Herr Nachbar.«

»So ist es; aber nachher gucken Sie dann mal nach der Heide! Alle Stöcke, die infolge der Raubzüge starken Volksverlust gehabt haben, suchen sich sofort durch allmächtigen Brutansatz zu decken, und dann geht es wie der Teufel über die Vorräte her, und das Viech lebt grade wie unsereiner in schlimmen Zeiten von der Hand in den Mund. Da wischt sich der Imker ihn denn gefälligst.«

»Das weiß der liebe Gott!« seufzte die erste Stimme aus Paddenau wieder und fügte hinzu: »Ja, mit dem übermächtigen Brutansatz! Drei Drillinge sind für den Stock da drüben auch zu viel; meine Frau war auch ganz außer sich bei der Nachricht, und es ist ein Wunder, daß sie's nicht hat hinüberbestellen lassen.«

»Und noch dazu bei solch einem Kriege, wo doch niemand es schriftlich hat, ob nicht auch für ihn was dabei abfällt!«

»Nun, was die Drillinge anbetrifft, so könnte dieses gewissermaßen unter Umständen noch ein Lob für Paddenau sein, zumal es in der Stadt und Gegend doch häufiger vorkommt; aber ich meine, der Haushalt paßt in anderer Beziehung ganz und gar nicht zu uns. Seit sie diesen Rektor Fischarth hierher gesetzt haben, kommt mir Paddenau manchmal ganz wie ausgewechselt vor. Die Polizei kann da nichts ausrichten; aber die öffentliche Meinung sollte eben das Ihrige tun; doch das ist grade das Leiden: zu zwei Dritteilen ist die öffentliche Meinung für die Leute, Ihrer lieben Frau zum Trotz, Herr Nachbar! Zum Exempel da sind meine Töchter und da ist meine Frau! Die haben gratulieren lassen und sind wie ans Rand und Band, und was soll man tun, wenn man sein ganzes Anwesen und Haus gegen sich hat?! Man dreht sich mit im Kreise, nur um nicht über den Haufen gestoßen zu werden. Es ist eben eine Schande, daß so ein einzelner Mensch daher kommt und Verse macht und ätherische Kränzchen oder wie es heißt, einrichtet und uns alles junge Volk vor der Nase toll macht. Die Polizei sollte doch einschreiten!«

»Das sagen Sie noch einmal, Herr Timpe! Was mich anbetrifft, so habe ich mir schon längst die Frage gestellt, ob ich nicht lieber meinen Fritzen von wegen seiner neumodischen Naseweisheit enterben solle. Sie wissen, der Schlingel geht zu Michaelis auf die Universität und sitzt jetzo bei mir zu Hause. Nun stehe ich neulich ruhig mit der Pfeife vor der Tür. Kommt Ihr Söhnchen, Herr Timpe, das in denselbigen Umständen wie meines ist – macht einen Kratzfuß, greift an die Mütze, sieht mir auf die Pantoffeln und fragt: Entschuldigen Sie, ist der junge Herr Dörre zu Hause? – Da gucke ich ihm aber nicht auf die Füße, sondern grade in die greinende Visage und antworte: De Herre steit hier, de Junge sitt boven, Musche Timpe! – und so gehörte es sich.«

»Freilich gehörte es sich so; aber was hilft's! Mit dem Respekt ist's doch aus und am Ende, Herr Nachbar. Ich glaube, wenn morgen früh mein Junge sagte: Na, jetzt hört die Langweilerei auf, machen wir die Klappe hinter euch zu! morgen mittag schon säßen wir Alten draußen vor der Stadt, und das junge Volk regierte hier inwendig an unserer Stelle. Respekt? Achtung? Das weiß der liebe Himmel! Gehe ich über die Gasse, so habe ich immer die helle Angst, daß jemand hinter mir drein lacht und sagt: da geht der alte Esel. Und selbst hier im Krebse sind wir unseres Daseins nicht mehr sicher. Da, hört nur, ihr Herren.«

Die vergnügliche Unterhaltung schwieg einen Augenblick, und jedermann horchte, auf den Wunsch des letzten Redners hin.

Von dem entferntesten Tische des Gartens drang ein lautes Durcheinander jugendlicher Stimmen, und in eine Pause des fröhlichen Lärms hinein vernahm man das inhaltvolle Wort:

»Zehn lebendige Töchter!«

und sofort, dem kritischen Worte Saxonia non cantat zum Trotz einen vollen Chorus:

»Sie leben hoch! sie leben hoch! sie leben ho–o–o–och!«

Am Tische der Greise schlug einer derselben ebenfalls sofort giftig auf den Tisch und keifte:

»Ich lasse mich hängen, wenn das nicht meine Mädchen sind! das ist doch zum Tollwerden!«

Und ein zweiter Greis bemerkte: »Das ist auch so eine von den Neuerungen und eine von den ärgerlichsten, dieses Singen an den öffentlichen Orten. Ich komme jetzo an die dreißig Jahre im Sommer in den Krebs, aber den möchte ich sehen, der mich hier hat singen hören. Wir sollten doch mit Gröbel reden und ihm ankündigen, daß wir mit unserm Tische um ein Haus weiter rücken würden, wenn er nicht imstande wäre, dem Skandal und der Ungemütlichkeit ein Ende zu machen.«

»Auch das noch! Ja freilich, zuletzt können wir wirklich nichts weiter tun, als weiter zu rücken, immer weiter! Da ist ja der Dräumling, ich erlebe es noch, daß wir eines Tages mitten drin sitzen – ja!«

»Das Allerschlimmste,« sagte der Vernünftigste des Kreises, »das Allerschlimmste ist, daß man immerfort ein Gefühl davon hat, wie unserer immer weniger werden, und wie das junge Volk immerfort in immer größerer Masse heraufkribbelt und krabbelt, daß ein echtes, richtiges Maikäferjahr nichts dagegen ist.«

»Ja, und wir können es nicht einmal ändern!« sagte wieder ein anderer und zwar der Verständigste der Gesellschaft; wir aber könnten uns mit dem letzten Ausspruch vollständig begnügen, wenn nicht seltsamerweise jetzt derjenige das Wort genommen hätte, der von dem ganzen Tische für den größten Dummkopf des Kreises, und zwar mit vollem Recht, geachtet wurde.

»Meine Herren,« sagte dieser ganz unzurechnungsfähige Mensch, »meine Herren, ich meine mit gütiger Erlaubnis doch, einer, der noch in die Zeiten reicht, wo man die ersten Chausseen baute, der kann bemerken, daß damals ein jeglicher darauf schwor, darauf werde niemand weder fahren noch reiten, weil das Ding sowohl Pferde wie Wagen zu kujonsmäßig ruiniere. Hatte sich was! Und dann mit den Eisenbahnen, – da sollten dann wieder die Pferde zu drei Taler das Stück auf den Markt kommen. Hatte sich item was! Ich denke also, meine Herren, wir sehen die Sache mit den jungen Leuten da drüben am andern Tische noch ein Weilchen an. Sie gewöhnen sich auch ein; grade wie wir zu unseren Zeiten. – Da kam im Anfange der zwanziger Jahre auch ein junger Geselle heim und wollte Paddenau auf den Kopf stellen; meine Herren, da sitzt er! Prosit, Herr Revisor, ich meine Ihnen! – Und Herr Inspektor, in Göttingen haben Sie doch gesungen: Gaudeamus und Knaster den gelben und: Wenn ich deinen Kahn besteige, oder was es sonst gibt, womit sich der Bruder Studio Luft macht, und ich entsinne mich noch ganz genau, wie Sie Pieperling, der damals auch jünger war, auf offenem Markte durchprügelten –«

»Ich erinnere mich nicht,« sprach der Inspektor mit tiefem Ernste, und wer kann sagen, welche bittere Wendung das bis jetzt trotz allem so behaglich und breiartig dahinfließende Gespräch genommen haben würde, wenn es nicht in der eigentümlichsten Weise unterbrochen worden wäre?

Der einzelne Gast am Nebentische hatte nämlich mit großem Interesse gehorcht, und es war ein Glück für ihn gewesen, daß er seine befriedigten Mienen zur Seite in die Dunkelheit der Sommernacht hineingeschnitten hatte; denn hätten die braven Spießbürger eine Ahnung von der Befriedigung gehabt, die sie ihm gaben, sie würden ihn sicherlich sofort in ihre Unterhaltung hineingezogen haben, und wahrscheinlicherweise hätte er noch einiges weniger Annehmliche am heutigen Abend im Dräumling erlebt.

So aber setzte der Fremdling den Tisch der Stammgäste des Krebses dadurch in ein großes Erstaunen, daß er sich plötzlich erhob, mit dem Hute in der Hand herantrat, und als ob er stundenlang an ihrer Unterhaltung teilgenommen und seit zehn Jahren ihre Freundschaft und ihr Vertrauen genossen habe, ihnen – einen recht schönen guten Abend und recht wohl zu schlafen wünschte.

»Na nu? . . . Himmeldonnerwetter!« sagte derjenige der Paddenauer, der sich zuerst von der Überraschung, von dem halben Erschrecken über die unvermutete innige teilnahmevolle Begrüßung erholte. – – –

 


 

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